Bonn – Der Bonner Kommunalpolitiker Amin Sharaf (Die Linke) hat auf der Plattform X ausführlich Stellung zu dem vieldiskutierten Dokumentarfilm „NAZA“ bezogen. In seinem Beitrag schildert er seine Eindrücke nach dem Kinobesuch und zieht tiefgreifende Vergleiche zum historischen Nationalsozialismus sowie zum Vorgehen der israelischen Armee (IDF) im Gazastreifen.
Sharaf leitete seinen Social-Media-Beitrag mit einer Beschreibung der Atmosphäre im Kinosaal ein. Er habe noch nie erlebt, dass das Publikum während des gesamten Abspanns vor Betroffenheit absolut still geblieben sei. Da über den Film bereits viel berichtet worden sei, wolle er diese Inhalte nicht wiederholen, betonte jedoch, dass ihn einige Aspekte überrascht und tief getroffen hätten.
Der Politiker schrieb daraufhin wörtlich: „Wir haben ein Monster erschaffen. #Israel ist ein Monster.“ Er führte weiter aus, er hätte nicht gedacht, wie ähnlich sich Nazi-Deutschland und Israel in ihrer „Perfektion der Vernichtung“ seien. Während die Nationalsozialisten Nummern auf die Menschen tätowierten, die sie töten wollten, nummeriere Israel heute die Häuser, die es zerstören will.
Laut Sharafs Darstellung sei diese gesamte Infrastruktur nicht erst als Reaktion auf die Ereignisse des 7. Oktobers entstanden, sondern sei bereits lange vorher vorbereitet gewesen. Er bezog sich dabei auf technische Details aus der Dokumentation und erklärte, dass jedes Mobiltelefon im Gazastreifen exakt zugeordnet, lokalisiert und abgehört werden konnte und jeder Sensor einsatzbereit gewesen sei. Vor diesem Hintergrund warf der Politiker in seinem Post die Frage auf, wie es sein könne, dass die israelische Armee (IDF) nichts von den Angriffsplanungen des 7. Oktobers gewusst habe.
Im selben Kontext äußerte er Unverständnis darüber, dass das Militär nun präzise um die Identität von Hamas-Mitgliedern wisse, weil diese beispielsweise Kontakte unter bestimmten Namen im Telefon abgespeichert hätten. In seinem X-Post hieß es dazu im O-Ton:
„Wie kann es sein, dass sie auf einmal genau wissen, wer ein Hamas-Offizier ist, weil er seine Kumpels mit ‚Hamas Ahmed‘ im Handy gespeichert hat – was Ahmed zum nächsten Ziel macht – aber vorher nichts mitbekommen haben?“
Weiter warf Sharaf den israelischen Streitkräften vor, gezielt das private Umfeld der Zielpersonen ins Visier zu nehmen. Die IDF habe sich Familienfotos angesehen, um den strategisch effektivsten Weg für die Zerstörung eines Wohnhauses zu ermitteln, und die Opfer während des Angriffs live abgehört.
Zudem behauptete er, dass das Militär bewusst gewartet habe, bis die Väter nach Hause zurückkehrten, um die gesamte Familie auszulöschen, da dies einfacher gewesen sei. Dieses System habe laut dem Film den Namen „Where‘s Daddy“ getragen.
Der Linken-Politiker verwies zudem auf Aussagen eines im Film interviewten IDF-Soldaten. Dieser habe berichtet, wie er ein früheres Konzentrationslager in Polen besuchte und damals nicht verstanden habe, wie die deutsche Bevölkerung mit dieser historischen Schuld leben konnte. Sharaf gab die Worte des Soldaten indirekt so wieder, dass dieser das heute verstehe und es ganz gut funktioniere. Auf die Frage, ob es sich um einen Genozid handele, habe der Befragte ohne Zögern mit „Ja!“ geantwortet.
Die psychologischen Mechanismen hinter den Handlungen der Beteiligten verglich Sharaf ebenfalls mit der Vergangenheit. Er hielt fest: „Jeder Interviewte sagte 2 Dinge: er hätte nur Befehle ausgeführt, das wäre seine Rolle gewesen, hinterfragen wäre nicht angebracht gewesen und er wäre ja nur ein kleines Rädchen gewesen.“
Auf diese Weise bringe man Menschen dazu, bei den furchtbarsten Verbrechen mitzuwirken, zog er eine Parallele zwischen den Jahren 1940 und 2024. Dass einige der Beteiligten unverhohlen zugegeben hätten, Spaß am Töten gehabt zu haben, gehe dabei fast unter.
Abschließend erklärte der Kommunalpolitiker, dass er eine seiner bisherigen Annahmen revidieren müsse. Er sei nach den offiziellen Erklärungen israelischer Politiker und Militärs nach dem 7. Oktober zunächst davon ausgegangen, dass die militärische Reaktion eine irrationale Handlung im Affekt, getrieben von Wut und Rache, gewesen sei. Dies treffe jedoch nicht zu.
Sharaf beendete seinen Beitrag mit den Worten: „Israel wusste von Tag Eins was es tat, tötete gezielt und gewollt. Zerstörte gezielt und geplant, Mensch um Mensch, Haus um Haus. Israel wusste von Tag Eins um die zivilen Opfer. Es nahm sie in Kauf. Sie waren #NAZA – Kollateralschäden.“
Was der Film über den Krieg in Gaza zeigt
„NAZA“ wurde von den israelischen Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor inszeniert und vom britischen Guardian produziert. Der Dokumentarfilm stützt sich auf Aussagen von 24 anonymisierten Angehörigen des israelischen Militärs und der Geheimdienste. Die Interviewten schildern nach Darstellung des Films, wie Überwachungstechnologie und KI-gestützte Systeme bei der Identifizierung mutmaßlicher Hamas-Mitglieder und der Vorbereitung von Luftangriffen eingesetzt wurden.
Zu den zentralen Vorwürfen gehört, dass bei der Auswahl von Angriffszielen hohe Zahlen möglicher ziviler Todesopfer teilweise als hinnehmbarer Begleitschaden behandelt worden seien. Der Film thematisiert zudem den Einsatz umfangreicher Überwachung und digitaler Auswertung, um mutmaßliche Mitglieder bewaffneter Gruppen aufzuspüren.
Der Titel „NAZA“ verweist auf einen militärischen Begriff, der laut Berichten im Zusammenhang mit der erwarteten Zahl ziviler Opfer bei Angriffen verwendet wird. Die Regisseure wollen damit die Systeme und Entscheidungsprozesse hinter den Tötungen von Zivilisten im Gazastreifen untersuchen. Die israelische Armee hat die Darstellung zurückgewiesen und die Glaubwürdigkeit der anonymen Aussagen infrage gestellt.
Auszeichnung in Venedig und politische Reaktionen
International erhielt der Film große Aufmerksamkeit. Bei seiner Premiere im September 2026 auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wurde er mit einer rund 25-minütigen Standing Ovation bedacht und erhielt den Spezialpreis der Jury.
In Israel löste die Veröffentlichung dagegen heftige Reaktionen aus. Netanjahu und weitere Regierungsvertreter griffen den Film und seine Macher an. Bereits im September hatte Netanjahu angekündigt, gesetzliche Schritte prüfen zu wollen, die unter anderem einen Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft bei vermeintlicher Verleumdung der Streitkräfte ermöglichen sollten.
Eine solche Maßnahme wäre von einer gesetzlichen Grundlage abhängig; die Ankündigung allein bedeutet nicht, dass den Regisseuren die Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Auch Morddrohungen und Einschüchterungsversuche aus dem rechten Spektrum wurden im Zusammenhang mit dem Film berichtet.
Abraham und Szor haben erklärt, dass sie sich von den Drohungen nicht von ihrer Arbeit abbringen lassen wollen. Sie begründen den Film mit der Verantwortung, als israelische Filmemacher die militärischen und politischen Strukturen hinter dem Tod palästinensischer Zivilisten zu untersuchen.
„NAZA“ soll weltweit kostenlos online zu sehen sein
Der politische Konflikt fällt mit einer internationalen Veröffentlichung des Films zusammen. Der Guardian und der Verleiher mk2 Films hatten im September angekündigt, „NAZA“ in insgesamt 56 Territorien in die Kinos zu bringen. Nach der Kinoauswertung soll der Film ab Ende November weltweit kostenlos auf der Website des Guardian abrufbar sein.
Die Regisseure und Produzenten begründen die frei zugängliche Veröffentlichung mit dem öffentlichen Interesse an den im Film behandelten Vorgängen. Die Online-Veröffentlichung soll es einem internationalen Publikum ermöglichen, die Aussagen der anonymen Militärangehörigen selbst zu sehen und sich mit den darin erhobenen Vorwürfen auseinanderzusetzen.
Damit steht „NAZA“ nicht nur für eine Auseinandersetzung über die israelische Kriegsführung im Gazastreifen. Der Fall wirft auch Fragen zum Umgang einer Regierung mit kritischen Dokumentarfilmen, zum Schutz journalistischer Quellen und zu den Grenzen staatlicher Reaktionen auf Veröffentlichungen auf, die das Handeln des Militärs infrage stellen.
Ich hab mir gestern #NAZA angesehen.
Ich habe noch nie erlebt, dass der komplette Kinosaal während des Abspanns bis zum Ende vor Betroffenheit mucksmäuschenstill war.
Es wurde bereits viel über den Film berichtet, ich will das nicht wiederholen.
Ein paar Dinge haben mich aber doch überrascht und getroffen.
Wir haben ein Monster erschaffen. #Israel ist ein Monster
Ich hätte nicht gedacht wie ähnlich sich Nazi-Deutschland und Israel in Ihrer Perfektion der Vernichtung sind.
Nazis tätowiertenNummern auf Menschen die sie töten wollten, Israel nummeriert Häuser, die es zerstören will.
Diese ganze Tötungsmaschinerie entstand nicht mit dem 7. Oktober. Sie war lange vorher bereits vorbereitet. Der Film berichtet, dass jedes Handy in Gaza genau zugeordnet, lokalisiert, abgehört werden konnte. Dass jeder Sensor verwendet werden konnte.
Wie kann es dann sein, dass die IDF nichts vom 7. Oktober wusste? Wie kann es sein, dass sie auf einmal genau wissen, wer ein Hamas-Offizier ist, weil er seine Kumpels mit „Hamas Ahmed“ im Handy gespeichert hat – was Ahmed zum nächsten Ziel macht – aber vorher nichts mitbekommen haben?
Die IDF sah sich Familienfotos an um herauszufinden, von welcher Seite man ein Wohnhaus am einfachsten vernichten konnte, sie hörten live ihre Opfer ab, während ihre Raketen sie töteten.
Sie warteten gezielt, bis Daddy zu Hause ist, um die ganze Familie auszulöschen – es war einfacher. Das System hieß „Where‘s Daddy“. Wer meine Timeline liest, findet den Bericht dazu schon 2024.
Im Film berichtet ein IDF Soldat, wie er in Polen ein Konzentrationslager besucht hat und nicht verstehen konnte, wie Deutsche mit dieser Schuld leben können. Jetzt versteht er es und es geht ganz gut, sagt er. Auf die Frage, ob es ein Genozid sei, zögert er keine Sekunde: „Ja!“
Jeder Interviewte sagte 2 Dinge: er hätte nur Befehle ausgeführt, das wäre seine Rolle gewesen, hinterfragen wäre nicht angebracht gewesen und er wäre ja nur ein kleines Rädchen gewesen.
So bringt man Menschen dazu, bei den furchtbarsten Verbrechen mitzumachen. 1940 wie 2024.
Dass sie unverhohlen zugeben, Spaß am töten gehabt zu haben, geht dabei fast unter.
Eine meiner Sichtweisen muss ich revidieren. Ich hatte bisher angenommen – auch nach den Aussagen der israelischen Politiker und Militärs nach dem 7. Oktober – die Reaktion wäre irrational im Affekt gewesen. Vernichten aus Wut und Rachegelüsten.
Das stimmt nicht. Israel wusste von Tag Eins was es tat, tötete gezielt und gewollt. Zerstörte gezielt und geplant, Mensch um Mensch, Haus um Haus.
Israel wusste von Tag Eins um die zivilen Opfer. Es nahm sie in Kauf.
Sie waren #NAZA – Kollateralschäden.
— Amin Sharaf 🌍 (@AminSharaf) October 18, 2026

