Siedler-Gewalt
Israel: Radikale Siedler verletzen US-Journalistin Heidi Levine

Washington-Post-Fotografin Heidi Levine berichtet, etwa 50-mal getreten worden zu sein. Trotz ihrer deutlich sichtbaren Pressekennzeichnung wurde sie zu Boden gestoßen, beraubt und schwer misshandelt.

Teilen

Tel Aviv – Washington-Post-Fotografin Heidi Levine berichtet, etwa 50-mal getreten worden zu sein. Trotz ihrer deutlich sichtbaren Pressekennzeichnung wurde sie zu Boden gestoßen, beraubt und schwer misshandelt.

Während des Angriffs auf palästinensische Olivenernter setzten israelische Soldaten Tränengas ein; nach Zeugenaussagen wurde ein Palästinenser von Soldaten ins Bein geschossen. Die Gewalt im Westjordanland nimmt seit Wochen zu.

Angriff trotz „PRESS“-Weste

Die US-amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine ist am Freitag bei einem Angriff israelischer Siedler auf palästinensische Olivenernter im besetzten Westjordanland verletzt worden. Die 64-jährige Fotografin arbeitet für die US-Zeitung The Washington Post. Sie trug eine Schutzweste mit der gut sichtbaren Aufschrift „PRESS“ auf Vorder- und Rückseite sowie einen Helm. Dennoch wurde sie nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien von maskierten Angreifern zu Boden gebracht, getreten und beraubt.

Der Angriff ereignete sich nahe dem Dorf Abu Falah nordöstlich von Ramallah. Nach Angaben von Reuters waren rund 80 Siedler an dem Übergriff beteiligt. Sie kamen demnach von einem Hügel zu einem terrassenförmig angelegten Olivenhain, auf dem palästinensische Dorfbewohner die jährliche Ernte einbringen wollten. Die Angreifer warfen Steine, setzten Schleudern ein und steckten Olivenbäume in Brand.

„Sie traten immer weiter auf mich ein“

Levine schilderte nach dem Angriff im Krankenhaus, wie sie zu Boden gestoßen und misshandelt wurde. Gegenüber Journalisten sagte sie laut Al Jazeera, ihre Angreifer hätten sie „wahrscheinlich 50-mal“ getreten. Die Fotografin erklärte außerdem, dass sie ohne ihre Schutzweste und ihren Helm möglicherweise nicht überlebt hätte.

„Ich wurde angegriffen und zu Boden gestoßen. Zum Glück hatte ich meine Schutzweste und meinen Helm, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht mehr hier, denn sie traten immer weiter auf mich ein“, sagte Levine nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters.

Ein unabhängiger Journalist, Jasper Nathaniel, beobachtete den Angriff und schilderte Al Jazeera, wie die Fotografin am Boden lag und von mehreren Personen umringt wurde. Die Angreifer hätten sie geschlagen, mit Gegenständen traktiert, beraubt, wieder hochgezogen und erneut getreten. Levine habe sich in einem sehr schlechten Zustand befunden und zunächst kaum aufstehen können.

Während des Übergriffs wurden ihr nach Angaben der Washington Post Kameras und Mobiltelefon abgenommen. Damit verlor die Journalistin nicht nur ihre Ausrüstung, sondern auch ihr Handy. Andere Journalisten und Helfer konnten schließlich zu ihr gelangen und sie in Richtung der Rettungskräfte bringen. Nach Angaben der Berichte griffen die Siedler erneut an, als die Helfer Levine wegbringen wollten. Anschließend wurde sie in ein Krankenhaus in Ramallah gebracht.

Washington Post fordert gründliche Untersuchung

Die Washington Post verurteilte den Angriff scharf. Chefredakteur Matt Murray erklärte, die Zeitung sei empört darüber, dass ihre Fotografin während der Berichterstattung angegriffen worden sei.

„Heute Morgen wurde eine Fotografin der Washington Post, Heidi Levine, bei ihrer Arbeit im Westjordanland von israelischen Siedlern angegriffen“, erklärte Murray. Er betonte, Levine habe sichtbare Kennzeichnungen getragen, die sie eindeutig als Journalistin ausgewiesen hätten.

Die Zeitung sei erleichtert, dass Levine medizinisch versorgt worden sei und sich in Sicherheit befinde. Zugleich forderte Murray eine gründliche Untersuchung des Angriffs und Konsequenzen seitens der zuständigen Behörden.

Der Fall wirft erneut die Frage nach dem Schutz von Journalisten in Konfliktgebieten auf. Levine war nicht als Teilnehmerin einer Auseinandersetzung vor Ort, sondern als Fotografin, die über die Olivenernte und die Angriffe auf palästinensische Bauern berichtete. Ihre Pressekennzeichnung war nach Angaben der Zeitung klar sichtbar.

Israelische Soldaten setzten Tränengas ein

Der Angriff auf Levine fand im Beisein israelischer Streitkräfte statt. Die Berichte über das Verhalten der Soldaten unterscheiden zwischen dem Vorgehen gegen die Siedler und ihrem Einsatz gegen Palästinenser.

Nach Angaben von Reuters fuhren mindestens zwei israelische Militärjeeps während des Angriffs durch das Gebiet. Die Soldaten setzten Tränengas in Richtung der Palästinenser ein, die den Fahrzeugen ausgewichen waren. In der Umgebung waren zudem Schüsse zu hören. Ein Reuters-Fotograf beobachtete mindestens einen bewaffneten Siedler, der eine Schusswaffe abfeuerte.

Al Jazeera und die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa berichteten unter Berufung auf einen Zeugen, israelische Soldaten hätten einen Palästinenser ins Bein geschossen. Der unabhängige Journalist Jasper Nathaniel sagte Al Jazeera, die Soldaten hätten nach dem Angriff der Siedler das Feuer eröffnet und Tränengas eingesetzt. Der verletzte Mann sei schließlich mit einem Krankenwagen abtransportiert worden.

Nathaniel kritisierte, dass die Soldaten die Siedler nicht gestoppt hätten, sondern stattdessen gegen Palästinenser vorgegangen seien. Er berichtete außerdem, Soldaten hätten ihre Waffen auf Sanitäter gerichtet, die dem verletzten Mann halfen, und Journalisten weggestoßen. Diese Schilderungen stammen von dem Augenzeugen; die einzelnen Vorgänge sind entsprechend den jeweiligen Berichten zuzuordnen.

Weitere Angriffe auf Olivenernter und ihre Bäume

Die Attacke auf Levine war Teil einer Reihe von Übergriffen auf Palästinenser, die während der jährlichen Olivenernte ihre Felder bewirtschaften wollten. Auch in anderen Orten im Gouvernement Ramallah und al-Bireh wurden Bauern angegriffen.

In Burqa östlich von Ramallah wurden nach Angaben palästinensischer Quellen mehrere Menschen verletzt. In Turmus Aya sollen Siedler Bauern angegriffen und Fahrzeuge sowie Olivenbäume in Brand gesetzt haben. Auch ein Helfer des Zivilschutzes wurde nach diesen Berichten verletzt.

Die Olivenernte ist für zahlreiche palästinensische Familien eine wichtige Einkommensquelle. Angriffe auf Bauern, die Zerstörung von Bäumen, die Beschädigung landwirtschaftlicher Ausrüstung und der Diebstahl von Erntegut bedrohen ihre wirtschaftliche Grundlage. Hinzu kommen Einschränkungen beim Zugang zu den eigenen Feldern.

Die palästinensische Kommission gegen Kolonisierung und die Trennungsmauer erklärte in dieser Woche, seit Beginn der Erntesaison Anfang Oktober mindestens 136 Angriffe im Zusammenhang mit der Olivenernte dokumentiert zu haben. Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din registrierte laut Reuters seit dem 27. September mindestens 170 gewaltsame Übergriffe im Zusammenhang mit der Ernte.

Gewalt nimmt seit Wochen zu

Die Vorfälle ereignen sich vor dem Hintergrund einer seit Monaten angespannten und sich zuletzt weiter verschärfenden Lage im besetzten Westjordanland. Al Jazeera berichtete, dass die Angriffe auf palästinensische Gemeinden in den vergangenen Wochen zugenommen hätten. Betroffen seien nicht nur landwirtschaftliche Flächen, sondern auch Wohnhäuser und Fahrzeuge.

Die Gewalt gegen palästinensische Bauern und ihre Ernten geht zudem über körperliche Angriffe hinaus. Werden Bäume zerstört, Felder unzugänglich gemacht oder Ernten gestohlen, verlieren Familien Einkünfte und einen Teil ihrer wirtschaftlichen Existenz. Die jährliche Olivenernte ist deshalb längst auch zu einem Brennpunkt der Auseinandersetzungen um Land und Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen geworden.

Die Angriffe auf palästinensische Erntehelfer und auf Journalisten, die darüber berichten, stehen damit in einem größeren Zusammenhang. Heidi Levine wurde trotz ihrer sichtbaren Kennzeichnung als Pressevertreterin schwer verletzt. Die Forderung der Washington Post nach einer gründlichen Untersuchung richtet sich an die zuständigen Behörden, die den Angriff aufklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen sollen.

 


AUCH INTERESSANT

Mattner: „Auch israelische Siedler können Terroristen sein“

Auch interessant

Kommentar: „Die AKP steckt in ihrer schwersten Krise“

Ein Gastkommentar von Kemal Bölge İsmail Saymaz und Murat Ağırel sind investigative Journalisten in der Türkei. Beide schreiben über aktuelle Themen, über die Sorgen der...

Deutsch-türkische Rüstungszusammenarbeit – auf Augenhöhe

Ankara - Die Rüstungszusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei bewegte sich lange auf einem niedrigen Niveau. Auf der 4. Deutsch-Türkischen Wirtschaftskonferenz in Ankara versuchten...

Studie: Deutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Berlin - Die Deutschen sehen der Zukunft einer aktuellen Umfrage zufolge mit großer Skepsis entgegen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, hat das...

Netanjahu fordert Ermittlungen gegen Soldaten aus Gaza-Dokumentarfilm „NAZA“

Tel Aviv - Der preisgekrönte Dokumentarfilm „NAZA“ wirft Fragen zur israelischen Kriegsführung im Gazastreifen auf. Anhand von Aussagen von 24 anonymisierten Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern...

Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen für Deutschen Engagementpreis nominiert

Herne – Die Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen e. V. ist für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Die Gemeinde wurde vom Land Nordrhein-Westfalen als „Europaaktive Zivilgesellschaft“...

Headlines

Baku: Delegationen verlassen Saal während Rede von Israels Präsident Herzog

Baku - Beim 7. Gipfel der Konferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) in der aserbaidschanischen Hauptstadt...

Albert Einstein lehnte einen jüdischen Staat ab

Tel Aviv - Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein wird oft mit der Gründung Israels in Verbindung gebracht...

Friedensnobelpreisträgerin Navi Pillay: Netanjahu soll vor Gericht

Genf - Die südafrikanische Juristin Navi Pillay, die 2026 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, fordert, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu...

Israel: Opposition attackiert Netanyahu als „zu pro-palästinensisch“

Tel Aviv - Wenige Wochen vor den schicksalhaften Parlamentswahlen in Israel am 27. Oktober offenbart der Wahlkampf eine bemerkenswerte...

Meinung

UID stellt neuen Zentralvorstand vor

Köln - Die Union Internationaler Demokraten (UID) hat nach seiner neunten Ordentlichen Generalversammlung am 10. Oktober 2026 seinen neuen Zentralvorstand für die kommende Amtszeit...

Baku: Delegationen verlassen Saal während Rede von Israels Präsident Herzog

Baku - Beim 7. Gipfel der Konferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ist es am heutigen...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...