Israel
Die Nirim-Affäre: Israels frühestes Staatsgeheimnis

Im August 1949 vergewaltigten und ermordeten israelische Soldaten ein beduinisches Mädchen im Negev — und der Staat verschwieg es jahrzehntelang als Staatsgeheimnis.

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Es war ein einzelner Tagebucheintrag von Israels erstem Premierminister David Ben-Gurion, der den Fall für Jahrzehnte festhielt — ohne dass die Öffentlichkeit je davon erfuhr. „Es wurde beschlossen und ausgeführt: Sie wuschen sie, schnitten ihr die Haare, vergewaltigten sie und töteten sie”, notierte Ben-Gurion. Mehr als ein halbes Jahrhundert blieb diese Notiz das einzige schriftliche Zeugnis außerhalb streng klassifizierter Militärakten.

Erst im Jahr 2003 enthüllte die israelische Zeitung Haaretz auf Grundlage zuvor geheimgehaltener Armeedokumente die vollständige Geschichte dessen, was Ben-Gurion selbst als „schreckliche Gräueltat” bezeichnet hatte.

August 1949 im Negev

Im August 1949 — ein Jahr nach Gründung des Staates Israel — patrouillierte eine Armeeeinheit in der Nähe des Militärstützpunkts Nirim im Negev. Die Soldaten erschossen einen arabischen Mann und nahmen ein beduinisches Mädchen gefangen, das sich bei ihm befand. Ihr Name ist bis heute unbekannt. Ihr Alter ebenfalls — sie war vermutlich Mitte der Teenagerjahre.

In den folgenden Stunden wurde das Mädchen aus der Hütte gebracht und gezwungen, sich nackt vor den Soldaten zu waschen. Drei der Männer vergewaltigten sie daraufhin.

Die Abstimmung

Nach dem Sabbatmahl schlug der Zugskommandant — Haaretz identifizierte ihn als einen Mann namens Moshe, der zuvor in der britischen Armee gedient hatte — eine Abstimmung vor: Was sollte mit dem Mädchen geschehen? Eine der Optionen war, sie in der Küche des Außenpostens arbeiten zu lassen.

Die Mehrheit der rund 20 anwesenden Soldaten votierte für die andere Variante — mit dem Ruf: „Wir wollen ficken.” Der Kommandant organisierte daraufhin einen Turnus, nach dem Gruppen seiner Männer das Mädchen über drei Tage hinweg abwechselnd vergewaltigen sollten. Moshe und einer seiner Unteroffiziere begannen — und ließen das Mädchen bewusstlos zurück.

Am nächsten Morgen erschwerte das Mädchen die Situation, indem es gegen seine Behandlung protestierte. Moshe befahl einem seiner Unteroffiziere, es zu töten.

Die Erschießung

Das Mädchen wurde in ein Patrouillenfahrzeug gezwungen. Mehrere Soldaten stiegen ein, zwei von ihnen mit Schaufeln. Sie fuhren in die Dünen. Als das Mädchen bemerkte, was bevorstand, versuchte es zu fliehen — doch es schaffte nur wenige Schritte, bevor ein Unteroffizier namens Michael es erschoss. Der Körper wurde in einer kaum dreißig Zentimeter tiefen Grube verscharrt.

Tage später fragte der Bataillonskommandeur Yehuda Drexler seinen Untergebenen Moshe, ob er den Befehl ausgeführt habe, das Mädchen in ihr Dorf zurückzubringen. „Sie haben es getötet”, antwortete Moshe. „Es wäre Benzinverschwendung gewesen.”

Er wurde angewiesen, einen Bericht zu verfassen. Haaretz veröffentlichte eine Kopie davon. Darin steht: „Auf meiner Patrouille am 12.8.49 traf ich auf Araber im Gebiet unter meinem Kommando, einer davon bewaffnet. Ich tötete den bewaffneten Araber auf der Stelle und nahm seine Waffe. Ich nahm die arabische Frau als Gefangene. In der ersten Nacht missbrauchten die Soldaten sie, und am nächsten Tag hielt ich es für angebracht, sie aus der Welt zu entfernen.”

Der Geheimprozess

Moshe und die meisten Soldaten des Außenpostens wurden in einem geheimen Prozess vor ein Militärgericht gestellt. Einige erklärten, sie hätten Befehle ausgeführt. Die Richter lehnten diese Verteidigung ab. Moshe bestritt die Vergewaltigung. „Moralisch gesehen war es unmöglich, mit einem so schmutzigen Mädchen zu schlafen”, erklärte er vor Gericht.

Er wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, jedoch wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die Richter verglichen seine erklärte Bereitschaft, „sogar Frauen und Kinder kaltblütig zu ermorden”, mit „Hitlers Methoden in Frankreich”.

Neunzehn weitere Soldaten erhielten leichte Strafen von einem bis drei Jahren — überwiegend wegen „Fahrlässigkeit bei der Verhinderung eines Verbrechens”.

Das Berufungsgericht reduzierte die Strafen und begründete dies mit den Worten: „Zu jener Zeit herrschte eine allgemeine Verachtung für das Leben der Araber … und manchmal ereigneten sich in diesem Bereich willkürliche Vorfälle. All dies trug dazu bei, eine Atmosphäre des ‚Anything goes’ zu schaffen. Wir sind überzeugt, dass diese Atmosphäre auch am Außenposten Nirim herrschte.”

Jahrzehnte des Schweigens — und eine Kinderhand im Sand

Regierung und Armee erkannten die Schande, die die Streitkräfte treffen würde, wenn das Schicksal des Mädchens der israelischen Gesellschaft bekannt würde. Der Mord und der Prozess wurden als Staatsgeheimnis klassifiziert.

Der Fall tauchte kurz wieder auf beim Prozess gegen israelische Soldaten und Polizisten, die 1956 in Kafr Qassem 43 arabische Zivilisten massakrierten — um den Präzedenzfall zu festigen, dass der Befehlsnotstand keine Rechtfertigung für illegale Befehle darstellt. Danach verschwand er erneut.

Jahre später bemerkten Mitglieder eines Kibbuz nahe dem Nirim-Stützpunkt, dass der Wind im Sand etwas freigelegt hatte: eine kleine Kinderhand.

 


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