Washington – Die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton hat schwere Vorwürfe gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu im Zusammenhang mit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 erhoben. In einem Interview mit Morning Joe sagte Clinton, Netanjahu sei vor dem Angriff gewarnt worden. „Ihm war gesagt worden, was passieren würde“, erklärte sie.
Clinton bezog sich dabei auf einen Bericht der israelischen Zeitung Haaretz. Demnach soll der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan, Netanjahu rund zehn Tage vor dem 7. Oktober persönlich vor einer geplanten größeren Operation der Hamas gewarnt haben.
Clinton stellt mögliches bewusstes Ignorieren in den Raum
Besonders weit ging Clinton bei der Frage, wie Netanjahu mit der Warnung umgegangen sein könnte. Sie stellte ausdrücklich die Möglichkeit in den Raum, dass der israelische Ministerpräsident die Informationen bewusst ignoriert haben könnte.
Es sei „schrecklich, das zu sagen“, erklärte Clinton, aber möglicherweise habe Netanjahu abwarten wollen, was die Hamas plane, damit er anschließend „hart durchgreifen“ könne und dies seine politische Position stärken würde. Zugleich machte Clinton deutlich, dass sie die tatsächlichen Beweggründe Netanjahus nicht kenne.
„Ich weiß nicht, was seine Überlegungen waren“, sagte sie. Unabhängig davon bezeichnete sie den Umgang mit der Situation als „Versagen der Führung“ und als Versagen beim Schutz der israelischen Bevölkerung.
Der Vorwurf ist politisch besonders brisant, weil die Frage, welche Informationen israelische Behörden vor dem 7. Oktober besaßen und wie diese bewertet wurden, seit dem Hamas-Angriff Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen ist.
„Ich liebe Israel, und ich hasse Netanjahus Regierung“
Clinton grenzte ihre Kritik zugleich ausdrücklich von einer grundsätzlichen Ablehnung Israels ab. Im Interview sagte sie: „Ich liebe Israel, und ich hasse Netanjahus Regierung und seine Politik.“
Mit Blick auf die politische Zukunft Israels forderte sie die USA zudem zu einer härteren Haltung auf, sollte die israelische Bevölkerung Netanjahu bei den kommenden Wahlen erneut im Amt bestätigen.
Auch die Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland sprach Clinton an. Eine neue israelische Regierung müsse gegen solche Übergriffe vorgehen. Für Siedlergewalt dürfe es nach ihrer Auffassung keine Straflosigkeit geben.
Bericht über Warnung aus den Emiraten umstritten
Der Bericht behauptet nicht nur, dass Mohammed bin Zayed Netanyahu gewarnt habe. Laut der Haaretz-Recherche soll Netanyahu die Warnung auch nicht an die israelischen Sicherheitschefs weitergegeben haben.
Der Bericht, auf den Clinton Bezug nahm, ist allerdings umstritten. Demnach soll Mohammed bin Zayed Al Nahyan Netanjahu etwa zehn Tage vor dem 7. Oktober in einem persönlichen Gespräch gewarnt haben, dass die Hamas eine größere Operation vorbereite.
Netanjahus Büro weist diese Darstellung zurück. Der israelische Ministerpräsident bestreitet, dass es in dem fraglichen Zeitraum ein entsprechendes Gespräch mit dem Präsidenten der VAE gegeben habe. Sein Büro bezeichnete die Darstellung als falsch und kündigte rechtliche Schritte gegen Haaretz an.
Clintons Äußerungen bringen damit erneut die Frage in den Mittelpunkt, was die israelische Führung vor dem 7. Oktober wusste und wie sie mit entsprechenden Warnungen umging. Während sie selbst von einem Führungsversagen spricht und ein bewusstes Ignorieren der Warnung als Möglichkeit nennt, weist Netanjahu die zugrunde liegende Darstellung zurück.

