Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır
Die Geschichte der Türken beginnt nicht erst mit ihrer Ankunft in Anatolien im Mittelalter. Ihre Wurzeln reichen tief in die eurasische Welt zurück. Zu diesem historischen Erbe gehören vor allem die Skythen und Saken, deren Kultur sich von Zentralasien und dem Altai über die großen Steppen bis zum Schwarzen Meer, zum Kaukasus und nach Anatolien erstreckte.
Eine Kultur von Anatolien bis zum Altai
Die Skythen waren Reiter der eurasischen Welt. Pferdezucht, Bogen, bewegliche Lebensweise, Kurgane, Tierstil, Teppichkunst und eine enge Beziehung zur Natur prägten ihre Kultur. Viele dieser Elemente begegnen später auch in den Kulturen türkischer Völker.
Besonders eindrucksvoll zeigt dies der Altai. Die Funde aus den Kurganen von Pazyryk haben Textilien, Pferdegeschirr, Kleidung und Kunstwerke einer alten Steppenkultur bewahrt. Der berühmte Pazyryk-Teppich steht dabei geradezu sinnbildlich für die hohe Kultur dieser Welt. Wer die späteren türkischen Kulturen Zentralasiens und Anatoliens betrachtet, erkennt einen Kulturraum, der nicht an heutigen Staatsgrenzen endet. Die Türken sind Erben dieser Welt.
Die Skythen in Anatolien
Dabei gehört auch Anatolien selbst zur alten Geschichte der eurasischen Reitervölker. Skythische Gruppen überschritten den Kaukasus und gelangten im 7. Jahrhundert v. Chr. nach Vorderasien und Anatolien. Sie standen mit den dortigen Reichen und Völkern in Krieg, Bündnis und kulturellem Austausch. Damit reicht die Verbindung zwischen der eurasischen Steppe und Anatolien weit vor die Seldschuken zurück.
Anatolien war niemals eine von Zentralasien abgeschlossene Welt. Über Kaukasus, Schwarzes Meer und Iran bestanden seit frühester Zeit Verbindungen zu den großen eurasischen Wanderungs- und Kulturräumen.
Skythen, Griechen und Amazonen
Auch die griechischen Überlieferungen bewahrten die Erinnerung an diese Welt. Besonders deutlich wird dies bei den Amazonen, die in den griechischen Erzählungen mit dem Schwarzmeerraum und Anatolien verbunden werden.
Herodot erzählt von der Begegnung der Amazonen mit den Skythen. Die kriegerischen Frauen verbanden sich nach seiner Darstellung mit skythischen Männern und führten ihre Reiter- und Kriegstradition weiter.
Bemerkenswert ist, dass die Archäologie tatsächlich bewaffnete Frauen in Gräbern skythischer und verwandter Steppenkulturen nachgewiesen hat. Hinter dem griechischen Bild der Amazonen stand somit eine reale eurasische Welt, in der Frauen reiten, jagen und Waffen tragen konnten.
Skythen und Griechen waren keine Bewohner zweier vollkommen getrennter Welten. Sie begegneten einander am Schwarzen Meer und in Anatolien. Gerade hier verbanden sich Steppe, Kaukasus, Anatolien und Mittelmeer.

Die türkische Fortsetzung
Jahrhunderte später tragen die Türken viele Grundzüge dieser eurasischen Kultur weiter.
Das Pferd bleibt Mittelpunkt des Lebens. Reiter und Bogenschütze werden zu bestimmenden Gestalten. Tierdarstellungen und geometrische Ornamente ziehen sich durch die Kunst. Teppich- und Textiltraditionen erreichen bei türkischen Völkern eine neue Blüte. Die politische Kultur bleibt über weite Räume beweglich und verbindet unterschiedliche Stämme und Völker unter großen Herrschaftsverbänden.
Mit den Göktürken erhält diese Welt schließlich einen Namen, der bis heute fortlebt: Türk.
Die alttürkischen Inschriften der Mongolei und Sibiriens zeigen eine hochentwickelte politische und geistige Kultur. Himmel, Erde, Mensch, Volk und Herrschaft werden dort als Teile einer großen Ordnung verstanden. Auch darin lebt die eurasische Welt fort, die schon lange vor den Göktürken bestanden hatte.
Die Erben der Skythen
Die Verbindung zwischen Skythen und Türken liegt deshalb nicht in einem einzelnen Gegenstand und nicht in einer einzelnen Quelle. Sie liegt in einem ganzen Kulturraum.
Vom Altai über Zentralasien und das Schwarze Meer bis nach Anatolien begegnen über Jahrhunderte hinweg verwandte Formen eurasischen Lebens. Völker verändern ihre Namen, Reiche entstehen und verschwinden, Bevölkerungen verbinden sich miteinander. Der Kulturraum aber lebt weiter.
Die Türken haben dieses Erbe nicht nur übernommen. Sie haben es weiterentwickelt und über einen noch größeren Raum getragen.
Deshalb gehört Anatolien nicht erst seit dem Mittelalter zur eurasischen Geschichte der Türken. Schon Jahrhunderte zuvor hatten die Skythen als Vertreter jener älteren eurasischen Kultur Anatolien erreicht und dort mit den Völkern der Region gelebt, gekämpft und Spuren hinterlassen.
Skythen und Türken stehen damit in einer langen eurasischen Traditionslinie. Die Türken sind die großen Erben dieser alten Steppenwelt – einer Welt, die vom Altai bis nach Anatolien reichte.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“
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