Rom – Der israelische Dokumentarfilm „NAZA“ über die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen hat in Italien einen überraschenden Kinoerfolg erzielt. Die preisgekrönte Produktion spielte in den ersten beiden Tagen rund 1,1 Millionen Euro ein und lag damit deutlich vor der Wiederaufführung von „Avengers: Endgame“ mit neuen Szenen. Der Marvel-Film kam im selben Zeitraum auf rund 356.000 Euro.
„NAZA“ wurde von den israelischen Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor gedreht, die bereits für den Dokumentarfilm „No Other Land“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurden. Der 80-minütige Film basiert unter anderem auf Interviews mit 24 anonymisierten israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern. Sie schildern darin den Einsatz von Überwachungs- und KI-Systemen bei der Auswahl militärischer Ziele im Gazastreifen. Die Identitäten der Gesprächspartner wurden technisch verfremdet.
25 Minuten stehende Ovation in Venedig
Seine Weltpremiere feierte „NAZA“ beim Filmfestival von Venedig. Dort erhielt der Film den Spezialpreis der Jury. Bei der Vorführung reagierte das Publikum mit einer 25-minütigen stehenden Ovation – laut mehreren Berichten ein Rekord für das Festival.
In Italien war der Film zunächst lediglich für drei Tage angekündigt. Wegen ausverkaufter Vorstellungen wurde die Laufzeit jedoch verlängert. Nach Angaben des italienischen Verleihs sollen zudem mehr als 150 weitere Kinos den Film ins Programm aufnehmen oder ihre Laufzeit verlängern.
Scharfe Kritik aus Israel
Der Erfolg steht im Gegensatz zu den Reaktionen führender israelischer Politiker. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisierte den Film scharf und warf den Regisseuren vor, die israelischen Streitkräfte als Kriegsverbrecher darzustellen. Kulturminister Miki Zohar forderte bereits nach der Auszeichnung in Venedig, Abraham und Szor die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen, und sprach von „Verrat am Staat“.
Netanjahu kündigte anschließend an, gesetzliche Änderungen voranzutreiben, die den Entzug der Staatsbürgerschaft von Personen ermöglichen sollen, die israelische Soldaten im Ausland diffamieren. Die angekündigten Gesetzesvorhaben sind bislang nicht geltendes Recht.
Die Regisseure waren zudem Todesdrohungen und weiteren Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Nach Angaben des „Guardian“ riefen Demonstranten unter anderem vor dem Haus von Szors Eltern zur Todesstrafe für die Filmemacher auf. Rechtsextreme Aktivisten organisierten demnach Proteste an mit den Regisseuren verbundenen Adressen.
Das Committee to Protect Journalists (CPJ) verurteilte die Drohungen und warnte vor einer Einschüchterung der beiden Filmemacher.
Weltweiter Kinostart
„NAZA“ soll in den kommenden Wochen in mehr als 50 Ländern in die Kinos kommen. Im November soll der Dokumentarfilm zudem kostenlos auf der Website des „Guardian“ verfügbar werden.
Die Filmemacher erklärten, sie hätten den Film aus der Überzeugung heraus produziert, ihre Position als Israelis nutzen zu müssen, um die Strukturen hinter den Militäroperationen im Gazastreifen zu untersuchen.
Die israelischen Streitkräfte haben zentrale Darstellungen des Films zurückgewiesen und den Machern unter anderem erhebliche sachliche Fehler vorgeworfen. Die Regisseure weisen diese Kritik zurück und verweisen auf ihre Quellen und die journalistische Recherche, auf der der Film basiert.
„Erschütternd und schwer erträglich“
Inhaltlich setzt sich „NAZA“ mit der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen auseinander. Der Film basiert unter anderem auf den Aussagen von 24 anonymisierten israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern und zeigt, wie Ziele ausgewählt und Angriffe vorbereitet wurden.
Thematisiert werden dabei unter anderem KI-gestützte Systeme zur Zielerfassung, erwartete zivile Opferzahlen, Angriffe auf Wohnhäuser und die Zerstörung ganzer Stadtviertel. Die geschilderten Vorgänge sind teilweise äußerst drastisch: Menschen, die den Film gesehen haben, beschrieben die Bilder und Aussagen als erschütternd und schwer erträglich. Im Mittelpunkt stehen auch Vorgänge, die als mögliche Kriegsverbrechen eingeordnet werden.
Yuval Abraham and Rachel Szor’s NAZA has beaten a re-release of Avengers Endgame to top the box office in Italy, debuting at number onehttps://t.co/hWxGlVj8xz
— Middle East Eye (@MiddleEastEye) October 1, 2026
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