Geschichte
Als Europäer im Nahen Osten Zuflucht fanden — ein vergessenes Kapitel des Zweiten Weltkriegs

Griechen in Syrien, Polen im Iran, Juden auf Rhodos — wie der Nahe Osten im Zweiten Weltkrieg Europäern das Leben rettete. Ein vergessenes Kapitel der Geschichte.

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Europa brennt. Deutsche Truppen marschieren in Polen ein, besetzen Griechenland, deportieren Juden in die Vernichtungslager. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Was in den Geschichtsbüchern kaum Platz findet: Es war der Nahe Osten, der Europa in seinen dunkelsten Stunden auffing — mit offenen Armen, Gastfreundschaft und in manchen Fällen mit persönlichem Mut, der das Leben kostete.

Griechen in Syrien: Flucht über das Meer

Als deutsche Truppen 1941 Thessaloniki einnahmen und 1943/44 gemeinsam mit italienischen und bulgarischen Einheiten ganz Griechenland besetzten, sahen Tausende Griechen keine andere Wahl als die Flucht.

Wer nicht mit den Besatzern kollaborieren wollte, wurde brutal verfolgt — viele wurden getötet. Die geografische Nähe der ägäischen Inseln zur türkischen Küste erwies sich als rettend. Mit Kuttern machten sich die Flüchtlinge auf den Weg zur türkischen Küstenstadt Çeşme, von dort nach İzmir und schließlich per Bahn ins syrische Aleppo. Dort kamen monatlich etwa 1.000 Menschen an.

Berichte von Lagerinsassen und Mitarbeitern der UN-Hilfsorganisation UNRRA schildern das Leben als human: Dreimal täglich gab es kostenloses Essen, die Möglichkeit zu arbeiten und eine Ausbildung zu beginnen. Die syrische Bevölkerung zeigte sich dabei ausgesprochen gastfreundlich.

Wie die Zeitung „Hune el Kudüs“ vom 11. Januar 1942 berichtet, spendeten die Einwohner von Aleppo den Flüchtlingen Kleidung und Nahrungsmittel. Von Aleppo aus gelangten die Griechen weiter nach Palästina und Ägypten. Über 40.000 europäische Flüchtlinge konnten durch diese Schutzmaßnahmen dem Tod entrinnen.

(Screenshot/BBC)

Polen im Iran: Die Stadt der polnischen Kinder

Wenige hundert Kilometer weiter östlich spielte sich zur gleichen Zeit ein ähnliches Drama ab — in noch größerem Ausmaß. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurden rund 1,25 Millionen Polen in die Sowjetunion deportiert, eine halbe Million davon in Arbeitslager nach Kasachstan und Sibirien.

Als Deutschland 1941 die Sowjetunion angriff und beide Länder gezwungenermaßen zu Verbündeten wurden, öffneten sich die Lagertore. Den Gefangenen wurde gesagt, sie seien frei — und könnten einer neuen polnischen Armee im Iran beitreten.
Was folgte, war ein Exodus.

Über 116.000 Polen überquerten das Kaspische Meer in überfüllten Booten und erreichten die iranische Hafenstadt Pahlevi. Viele waren dem Tod nahe — Malaria, Typhus und jahrelanger Hunger hatten sie gezeichnet. Viele starben kurz nach der Ankunft und wurden auf iranischem Boden begraben.

Doch der Iran empfing die Überlebenden mit einer Herzlichkeit, die viele nie vergessen haben. Die iranische Regierung stellte Gebäude zur Verfügung, richtete polnische Schulen, Bäckereien und Kulturzentren ein — damit sich die Flüchtlinge ein Stück weit zuhause fühlen konnten.

„Die freundlichen Perser drängten sich um die Busse und riefen uns lautstark Begrüßungsworte zu. Durch die Fenster reichten sie uns Datteln, Nüsse, gebratene Erbsen mit Rosinen und saftige Granatäpfel“, erinnerte sich die polnische Flüchtlingsfrau Krystyna Skwarko.

Dass der Iran zu dieser Zeit selbst unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stand — sowjetische Sanktionen, alliierte Besatzung der Infrastruktur — machte diese Gastfreundschaft umso bemerkenswerter.

Besonders bewegend war das Schicksal der Kinder. Tausende Waisenkinder, deren Eltern in sowjetischen Lagern gestorben waren, fanden in der iranischen Stadt Isfahan eine neue Heimat auf Zeit. Zwischen 1942 und 1945 durchquerten rund 2.000 Kinder die Stadt — so viele, dass Isfahan zeitweise „Stadt der polnischen Kinder“ genannt wurde.

Schulen wurden gegründet, in denen neben Polnisch und Mathematik auch Persisch und iranische Geschichte gelehrt wurden. Fast 3.000 polnische Flüchtlinge starben kurz nach ihrer Ankunft und wurden auf iranischen Friedhöfen begraben. Viele dieser Gräber werden bis heute von Iranern gepflegt.

(Foto: Screenshot)

Rhodos 1944: Ein türkischer Diplomat rettet Juden vor Auschwitz

Während Griechen in Syrien und Polen im Iran Zuflucht fanden, spielte sich auf der griechischen Insel Rhodos eine Geschichte ab, die von persönlichem Mut und diplomatischer Kühnheit handelt.

Als die deutsche Wehrmacht 1944 begann, die rund 1.800 Juden der Insel zu deportieren, trat ein junger türkischer Diplomat auf den Plan: Selahattin Ülkümen, Generalkonsul der Türkei auf Rhodos.

Ülkümen suchte das Gespräch mit dem deutschen Kommandanten Generalleutnant Ulrich von Kleemann. Er verwies auf die Neutralität der Türkei und erklärte, das türkische Recht mache keine Unterschiede bei ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Als der General auf deutsches Recht bestand, setzte Ülkümen nach: Er drohte, die Angelegenheit seiner Regierung zu melden — was zu einer diplomatischen Krise führen und Kleemann persönlich verantwortlich machen würde. Die Drohung zeigte Wirkung.

Doch Ülkümen wusste, dass die meisten Juden auf Rhodos keine türkischen Staatsbürger waren. Statt sich damit abzufinden, tat er etwas, das er offiziell nicht durfte: Er stellte rund 200 Juden gefälschte türkische Reisedokumente aus. Mit dieser kühnen Aktion bewahrte er mindestens 42 Menschen vor der Deportation in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau.

Parallel dazu rettete der Mufti von Rhodos, Scheich Süleyman Kaşlıoğlu, eine 800 Jahre alte handschriftliche Tora sowie weitere jüdische Heilige Schriften aus den von den Deutschen zerstörten Synagogen — er versteckte sie unter der Kanzel der Murat-Reis-Moschee.

Der Preis für Ülkümens Mut war hoch. Die Deutschen zerstörten sein Konsulat. Bei dem Angriff wurde seine hochschwangere Frau schwer verletzt — sie erlag kurze Zeit später ihren Verletzungen. Zwei Mitarbeiter des Konsulats kamen ebenfalls ums Leben. Ülkümen selbst wurde aus Rhodos ausgewiesen und bis 1945 im Gefängnis von Piräus festgehalten.

Israel hat diesen Mann nicht vergessen. 1990 wurde Selahattin Ülkümen als einziger türkischer Staatsbürger mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt — der höchsten israelischen Auszeichnung für Nichtjuden, die Juden während des Holocaust retteten.

Ein Baum wurde zu seinen Ehren in der Gedenkstätte Yad Vashem gepflanzt. Manche nennen ihn den „türkischen Schindler“ — doch Ülkümen selbst wies diesen Titel in einem Interview zurück: „Ich habe keinen dieser Juden gekannt. Ich wollte nur Menschenleben retten. Ich würde es jederzeit wieder tun.“ Er starb 2003 im Alter von 89 Jahren in Istanbul.

Die Geschichte Ülkümenss war kein Einzelfall. Nach Einschätzung des US-Historikers Stanford Shaw hat die Türkei während des Zweiten Weltkriegs durch die Erteilung von Einreise- und Transitvisa sowie die Duldung nicht genehmigter Durchreisen mindestens 100.000 Juden aus Europa das Leben gerettet.

Ein vergessenes Kapitel — und eine universelle Botschaft

Griechen in Syrien, Polen im Iran, Juden auf Rhodos — drei Geschichten, ein gemeinsames Thema. In den dunkelsten Jahren des 20. Jahrhunderts fanden Europäer im Nahen Osten das, was ihnen Europa verweigerte: Schutz, Würde und Menschlichkeit. Völker, die selbst unter Druck standen, öffneten ihre Grenzen, ihre Häuser und manchmal sogar ihre Moscheen.

Es sind Geschichten, die in keinem Schulbuch stehen — und die vielleicht genau deshalb erzählt werden müssen.

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