Iran-Krieg
Kommentar: Europa im Schatten eines US-Präsidenten

Yücel: "US-Präsident Donald Trump führt Krieg – und Europa darf zuschauen. Nicht, weil es das will, sondern weil der Präsident der Vereinigten Staaten es bewusst außen vor lässt."

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Bereits während des Zwölftagekrieg 2025 „Operation Rising Lion“ war ersichtlich, dass für den Westen und Israel internationale Rechtsnormen zwar existieren, aber nicht aktiv angewendet, ignoriert oder nur selektiv bei Bedarf hervorgeholt werden.

Bei den jüngsten israelisch-US-amerikanischen Angriffen auf Iran 2026, bekannt unter den Codenamen „Operation Roaring Lion“, sind sich Völkerrechtler entgegen der europäischen Trotzreaktion erneut einig, dass auch dieser Angriffskrieg seitens der USA und Israel völkerrechtswidrig ist.

Europa im Schatten eines US-Präsidenten, der keine Partner erlaubt

Während US-amerikanische und israelische Kampfjets iranische Städte in Schutt und Asche legen, den religiösen Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, getötet haben, stehen Europas Regierungen wieder einmal wie Statisten am Rand einer Bühne, auf der sie längst keine Rolle mehr spielen.

US-Präsident Donald Trump führt Krieg – und Europa darf zuschauen. Nicht, weil es das will, sondern weil der Präsident der Vereinigten Staaten es bewusst außen vor lässt. Dennoch drängen sich europäische Staatsführer wie der Briten-Premier Keir Starmer, Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf die Weltbühne und erklären sich mit Donald Trump sowie dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu solidarisch, verurteilen den Iran für ihre Verteidigungshandlungen.

Diplomatischer Fauxpas

Berücksichtigt man die Angaben der Vereinten Nationen und dem Verhandlungspartner Oman, so hinterging Donald Trump die bereits fest zugesagte Zusicherung des Oman, dass Iran nie Material für Atombomben besitzen werde. Zudem sicherte laut omanischer Vermittlung zu, dass Teheran bereit sei, der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wieder vollen Zugang zu seinen Atomanlagen zu gewähren.

Es versteht sich von selbst, dass Oman angesichts dieses diplomatischen Fauxpas seitens Donald Trumps perplex reagiert. Die europäischen Reaktionen wirken angesichts dieser Entwicklung wie ein diplomatischer schleimiger Aal: schwer zu greifen, ständig in Bewegung, aber ohne klare Richtung.

Zwischen vorsichtigem Nicken, moralischem Unbehagen und hilflosen Appellen an die Diplomatie, zeigt sich ein Kontinent, der zwar gern von „Werten“ spricht, aber zunehmend Schwierigkeiten hat, sie gegenüber einem Amerika zu verteidigen, das sich von der alten Ordnung verabschiedet hat. Noch gravierender zeigt sich das im Hinblick auf die Haltung gegenüber Israel: hier wird charakterlose Rücksichtslosigkeit an den Tag gelegt und stoisch verteidigt.

Zwei Kontinente zwischen Prinzipien und Ohnmacht

Friedrich Merz gibt sich erstaunlich duldsam und erklärt, Trump sowie Netanyahu würden Aufgaben übernehmen, die Europa nicht stemmen könne. Eine bemerkenswerte Kapitulationserklärung für einen Kanzler, der sonst gern von europäischer Stärke spricht.

Spaniens Premier Sánchez hingegen nennt die Angriffe beim Namen: destabilisierend, gefährlich, falsch. Der französische Präsident Macron versucht, die Aufmerksamkeit auf die Ukraine zu lenken – ein Versuch, der im Getöse israelischer und US-amerikanischer Raketen untergeht.

Seyyed Vali Reza Nasr, ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler, Universitätsdozent, politischer Berater der Demokratischen Partei und Fellow der Brookings Institution, bringt das Dilemma auf den Punkt: Europa verteidigt seit Jahrzehnten die liberale Weltordnung, wirkt aber zunehmend wie ihr schlechtester Anwalt. Wer US-amerikanische Bombardements schweigend hinnimmt, verliert jede Glaubwürdigkeit, wenn er Russland für ähnliche Methoden gegenüber der Ukraine verurteilt.

Die Zeiten, in denen Europa mitbombardierte, sind vorbei

2018 flogen Frankreich und Großbritannien noch an der Seite der USA Angriffe auf Syrien. Heute ist das unvorstellbar. Trumps Sicherheitszirkel ist dagegen härter, sein Ton ausgerechnet gegenüber Europa schneidender, sein Interesse an Verbündeten minimal. Ironischerweise macht genau das den Europäern manches leichter: Hätte Donald Trump um Unterstützung gebeten, hätten sie Nein sagen müssen – und die transatlantische Beziehung wäre endgültig implodiert.

Moralische Entrüstung, strategische Zustimmung

Offiziell betonen die Europäer, nicht beteiligt zu sein. Inoffiziell teilen sie zentrale Ziele Washingtons und Tel Avivs: das iranische Atomprogramm eindämmen, das Raketenarsenal schwächen, die Ayatollahs aus dem Weg räumen.

Dass manche Politiker den Tod des iranischen Oberhaupts sogar begrüßen und damit völkerrechtswidrige Handlungen absegnen, zeigt, wie dünn die moralische Trennlinie geworden ist. Deutschland wurde als einziges europäisches Land vorab informiert – ein fragwürdiges Privileg, das Friedrich Merz dennoch mit stoischer Gelassenheit hinnimmt.

Europa hat Angst – und das merkt man

Der Krieg in der Ukraine bindet weiterhin alle strategischen und waffentechnischen Kapazitäten. Europa wirkt wie ein Kontinent, der zwei Brände gleichzeitig löschen will – und keinen davon unter Kontrolle hat und damit sein Leumund verliert.

Gleichzeitig steigt das Risiko, selbst hineingezogen zu werden, sei es im Hinblick auf eine neuerliche Flüchtlingskrise oder Wiederaufflammen terroristischer Anschläge. Das zeigt sich bereits in der Involvierung seitens Großbritanniens: Premier Starmer erlaubt die Nutzung britischer Stützpunkte für „defensive“ Einsätze gegen den Iran – kurz bevor eine Drohne auf einem RAF-Stützpunkt in Zypern abstürzt.

Trumps Alleingänge – ein Geschenk für andere Mächte

Trump agiert zusammen mit Netanyahu, als bräuchte er weder internationale Zustimmung noch rechtliche Legitimation. Für manche ist das ein Segen: Israels Premier Netanjahu hat Washington erneut zu einer Militärkampagne gegen den Iran bewegt.

Wladimir Putin ist drauf und dran, Trumps Regimewechsel-Rhetorik aufzugreifen, um seine Ukraine-Politik zu rechtfertigen und fortzusetzen. Xi Jinping dürfte genau beobachten, wie weit die USA noch gehen – und wie wenig Europa ihnen entgegensetzt, um seine eigene Haltung über die Taiwan-Frage neu zu überdenken.

Europas Glaubwürdigkeitskrise

Europa steckt zwischen Prinzipien, Staatsräson und Pragmatismus fest. Wer US-amerikanische Bombardements toleriert, verliert jede moralische Autorität, wenn er Russland für ähnliche Aktionen gegen die Ukraine verurteilt.

Und wer Trumps Alleingänge hinnimmt, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages vor vollendeten Tatsachen steht – sei es im Nahen Osten, in der Ukraine, in Taiwan oder, wie ein Experte süffisant anmerkt, sogar in Grönland.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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