Meinungsartikel
Kommentar: Zentralbanken bestimmen seit Jahrzehnten den Lauf der Welt

"Nach dem Beinahe-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems 2008 und seiner Rettung durch zahlreiche Regierungen sprangen die Zentralbanken ein und schufen gewaltige Geldmengen, um die in den Staatshaushalten entstandenen Löcher zu stopfen. Dieses aus dem Nichts geschöpfte Geld kam aber nicht etwa den Millionen von Menschen zugute, die im Zuge der Krise ihre Häuser und Jobs verloren hatten, sondern wurde ausschließlich dazu verwendet, bankrotte Geschäftsbanken am Leben zu erhalten," Ein Kommentar.

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Ein Kommentar von Ernst Wolff

„Nicht das, was du nicht weißt, bringt dich in Schwierigkeiten, sondern das, was du sicher zu wissen glaubst, obwohl es gar nicht wahr ist.“ So lautet eines der berühmtesten Zitate des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain.

Betrachtet man das Bild, das sich die Mehrheit der Menschen von den Zentralbanken macht, und vergleicht es mit deren tatsächlicher Rolle im globalen Finanzsystem, kann man Mark Twain nur zustimmen: Die Zentralbanken, so glauben die meisten, seien konservative und seriöse Einrichtungen, die die Geschäftsbanken mit Geld versorgen und sie dabei im Auftrag des Staates überwachen.

Das aber ist schlicht nicht wahr und die Tatsache, dass die meisten Menschen es so sehen, bringt uns alle gegenwärtig in immer größere Schwierigkeiten. Die Zentralbanken sind nämlich weder seriös noch konservativ, sondern betreiben seit zehn Jahren eine Politik, die man nur als abenteuerlich, halsbrecherisch und brandgefährlich beschreiben kann.

Nach dem Beinahe-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems 2008 und seiner Rettung durch zahlreiche Regierungen, sprangen die Zentralbanken ein und schufen gewaltige Geldmengen, um die in den Staatshaushalten entstandenen Löcher zu stopfen. Dieses aus dem Nichts geschöpfte Geld kam aber nicht etwa den Millionen von Menschen zugute, die im Zuge der Krise ihre Häuser und Jobs verloren hatten, sondern wurde ausschließlich dazu verwendet, bankrotte Geschäftsbanken am Leben zu erhalten, und zwar auf folgende Weise: Die Zentralbanken kauften den Geschäftsbanken faule Wertpapiere zu absurd überhöhten Preisen ab und halfen ihnen so, die eigenen Bilanzen zu schönen.

Dennoch reichten die Summen nicht aus, um zur Normalität zurückzukehren. Die meisten Banken weigerten sich aus Sorge vor Verlusten auch weiterhin, einander oder der Industrie zur Ankurbelung der Wirtschaft Geld zu leihen. Das wiederum nutzten die Zentralbanken als Vorwand, um die Zinsen in einer bis dahin nie gekannten Weise zu senken.

Diese Zinssenkungen wurden von den Geschäftsbanken aber nicht, wie offiziell behauptet, zu erhöhter Kreditvergabe, sondern zu erneuter Spekulation an den Finanzmärkten benutzt. Da das zu immer größeren Blasen und immer gefährlicheren Schwankungen an den Märkten führte, gingen die Zentralbanken anschließend noch einen Schritt weiter: Um die Schwankungen auszugleichen und ein Platzen der Blasen zu verhindern, begannen sie selbst in die Märkte einzugreifen.

Gekauft wurden zunächst Staatsanleihen, später Unternehmensanleihen, Aktien und sogar hochriskante Verbriefungen (genau die Produkte, die in die Krise von 2007/2008 geführt hatten). Heute zählen Zentralbanken international zu den Großinvestoren und sind in der Lage, die Märkte im (vermutlich abgekarteten) internationalen Zusammenspiel fast nach Belieben zu manipulieren.

Wie genau sie es dabei mit geltendem Recht nehmen, zeigt das Beispiel der EZB: Sie umgeht das ihr auferlegte Verbot der Finanzierung von Staaten, indem sie die Staatsanleihen nicht von den Staaten selbst erwirbt, sondern sie von Geschäftsbanken kaufen lässt, denen sie sie anschließend – gegen eine stattliche Gebühr – abkauft.

Die größte Gefahr, die die Zentralbanken durch ihre Politik heraufbeschworen haben, liegt im Derivate-Sektor, in dem man sich mit sogenannten Swaps gegen fallende Kurse oder steigende Zinsen versichern kann. Da die Kurse an den internationalen Börsen inzwischen mehr als 110 Monate lang kontinuierlich gestiegen sind und die größten Finanzinstitute seit der Krise als „too big to fail“ den Status der Unantastbarkeit genießen, verlassen sich die Derivate-Aussteller darauf, dass es keine größeren Korrekturen an den Märkten mehr gibt und versichern in Billionenhöhe so gut wie alles und jeden. Auf diese Weise zwingen sie die Zentralbanken förmlich dazu, ihrerseits alles zu tun, um jegliche größere Kurskorrektur zu verhindern.

Sollte es trotzdem einmal zu starken Kurseinbrüchen kommen, wird es kritisch, denn dann droht der vielbeschworene Domino-Effekt: Gerät ein Teil der Marktteilnehmer ins Taumeln, könnte er die übrigen auf Grund der engen Vernetzung im Finanzsektor mit in den Abgrund reißen und das gesamte System, das im Grunde nur noch die Stabilität eines Kartenhauses besitzt, zum Einsturz bringen.

Mit ihrer Politik haben sich die Zentralbanken in den vergangenen zehn Jahren in staatlich und teilweise privat betriebene Hedgefonds verwandelt, die nur ein Ziel verfolgen: Ein totes System am Leben zu erhalten, damit die, die von ihm profitieren, sich bis zum letzten Atemzug an ihm bereichern können.

Betrachtet man den historischen Werdegang der Zentralbanken, verwundert das wenig: Entgegen der weit verbreiteten Meinung, sie seien von Anfang an staatliche Einrichtungen gewesen, befindet sich die größte und wichtigste Zentralbank, die FED, bis heute im Besitz ultrareicher Familien. Auch die Bank of England war vor ihrer Verstaatlichung 1946 zweieinhalb Jahrhunderte in Privatbesitz – sie wurde übrigens 1694 von den damals wohlhabendsten Bankern in London gegründet, um dem Königshaus einen Kredit zur Kriegsführung zu gewähren.

Aber ganz gleichgültig, ob staatlich oder privat: Zentralbanken dienen keinesfalls der Kontrolle oder der Aufsicht des Bankensektors. Auch dort, wo sie sich zu einhundert Prozent in den Händen des Staates befinden, erfüllen sie die Rolle des Statthalters und des ausführenden Organs der Privatbanken. Schließlich finanzieren sich Staaten über Staatsanleihen, die ihnen der Bankensektor über die Zentralbanken abkauft. Allein dieser Mechanismus zeigt, dass sich die Politik dem Finanzsektor selbst bei bestem Willen gar nicht wirkungsvoll entgegenstellen könnte – schließlich hängen sie und ihre höchsten Repräsentanten direkt an dessen Tropf…

Also: Egal ob Zentralbanken von den größten Geschäftsbanken oder aber vom Staat ins Leben gerufen wurden, ihr Ziel war und ist es, die Interessen des Finanzsektors zu verfolgen und um jeden Preis durchzusetzen. Auf Grund ihrer über die Jahrhunderte erworbenen Macht sind es diese als Biedermänner auftretenden Brandstifter, die seit Jahrzehnten den Lauf der Welt bestimmen – und nicht etwa, wie die überwiegende Mehrheit der Menschen im Sinne von Mark Twains Zitat zu wissen glaubt, die Politiker.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Ernst Wolff

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Wolff, geboren 1950, aufgewachsen in Südostasien, Schulzeit in Deutschland, Studium in den USA. Der Journalist und Spiegel-Bestseller-Autor (»Weltmacht IWF«) beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Wechselbeziehung von Politik und Wirtschaft. Sein Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen die internationale Finanzelite die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen hat: »Nur wer diese Mechanismen versteht und durchschaut, kann sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen.«

 

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