Gastkommentar
Das Märchen von einer „terrorfreien Türkei“ und die nationale Realität

Özgür Çelik; "Die zwischen Damaskus und der SDF diskutierten Integrations- und Waffenstillstandsmodelle stärken nicht die Sicherheit der Türkei."

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Verstand, Wille, Zivilisation – drei Begriffe, die gut klingen. Doch die Geschichte zeigt unmissverständlich: Diese Begriffe existieren niemals im luftleeren Raum. Verstand gewinnt seine Bedeutung nicht außerhalb materieller Bedingungen, Machtverhältnisse und Interessenkonflikte.

Wille ist mehr als eine Absichtserklärung nur dann, wenn er die realen Bedingungen lesen und gestalten kann. Zivilisation entsteht nicht durch gute Wünsche, sondern durch konkreten Kampf und realistische Strategie.

Gesellschaftlichen Niedergang allein mit der „Hingabe an Instinkte“ zu erklären, ist bequem – aber falsch. In den meisten Fällen sind äußere Eingriffe, aufgezwungene Ordnungen und systematische Schwächungsprozesse entscheidend. Wer diese Realität ignoriert, schiebt die gesamte Verantwortung der Gesellschaft selbst zu. Doch Geschichte wird nicht moralisch geschrieben, sondern machtpolitisch.

Auch Atatürks Verstand und Wille waren keine romantischen Abstraktionen. Sein berühmter Satz: „Die Unabhängigkeit der Nation wird durch den Entschluss und die Entschlossenheit der Nation selbst gerettet werden“ war kein Pathos, sondern eine nüchterne Analyse – formuliert mitten in Besatzung, Mangel und äußerem Druck.

Der Befreiungskrieg war nicht das Ergebnis bloßer Emotionen, sondern das Resultat einer präzisen Einschätzung internationaler Kräfteverhältnisse, strategischer Geduld und klarer Zielsetzung.

Dieser Ansatz ist universell. Keine aufsteigende Gesellschaft hat Verstand und Willen als abstrakte Ideale behandelt. Von der Meiji-Restauration in Japan über den Wiederaufbau Deutschlands bis hin zur Transformation Chinas in den letzten vierzig Jahren gilt dasselbe Prinzip: Äußeren Druck erkennen, Realität akzeptieren, Strategie entwickeln. Verstand bedeutet nicht, die Welt zu leugnen, sondern sie so zu sehen, wie sie ist. Wille bedeutet nicht Trotz, sondern Gestaltung.

Auch Nationalismus lässt sich außerhalb dieser Realität nicht definieren. Echter Nationalismus umfasst ausnahmslos das gesamte Volk. Jede Ideologie, die spaltet, ausgrenzt oder hierarchisiert, widerspricht seinem Wesen.

Nationalismen, die sich in staatlichen Hüllen verkriechen, von Pathos leben und den Kontakt zur Gesellschaft verlieren, werden zwangsläufig zu Werkzeugen kleiner Interessengruppen, ungezügelten Kapitalismus oder gar imperialer Projekte. Türkischer Nationalismus ist gesellschaftlich und volksnah – oder er ist keiner.

Heute jedoch wird der Öffentlichkeit ein neues Narrativ präsentiert: die „terrorfreie Türkei“. Doch für wen? Unter welchen Bedingungen? Innerhalb welcher Sicherheitsarchitektur? Die Vereinigten Staaten kennen nur ein Prinzip: das eigene Interesse. Wo dieses Interesse liegt, dorthin folgt die Politik. Staaten sind Mittel zum Zweck, Akteure auf dem Feld sind austauschbare Figuren auf dem geopolitischen Schachbrett.

Die zwischen Damaskus und der SDF diskutierten Integrations- und Waffenstillstandsmodelle stärken nicht die Sicherheit der Türkei. Im Gegenteil: Sie binden die Türkei schrittweise in eine von den USA und Israel dominierte Sicherheitsarchitektur ein. Wer das nicht sieht, leidet entweder an mangelnder politischer Lesekompetenz – oder akzeptiert stillschweigend, dass der Wille der Republik Türkei von außen legitimiert wird.

Hier stellt sich eine grundlegende Frage: Ist Syrien heute ein souveräner Staat oder lediglich eine geduldete Verwaltung? Kann von Souveränität gesprochen werden, wenn offen über von den USA ausgebildete bewaffnete Strukturen gesprochen wird?

Die faktische Übergabe der Golanhöhen, die Suspendierung der Verfassung und das Verschieben nationaler Einheitsfragen liefern die Antwort bereits. Wer Politik nur aus der Perspektive des „Jetzt“ betrachtet, verpfändet die Zukunft des Staates.

An diesem Punkt muss das historische Gedächtnis des türkischen Volkes in Erinnerung gerufen werden. Dieses Volk hat Freiheit, Unabhängigkeit und Würde niemals als Geschenk angenommen. Sie wurden erkämpft – durch eigenen Willen, eigene Arbeit und hohe Opfer.

Das Problem sind nicht die Völker selbst. Das Problem sind Projekte, die Identitäten instrumentalisieren und zu Werkzeugen externer Mächte machen. Das sogenannte „Kurdenproblem“ ist kein Problem der Kurden, sondern eines der Kräfte, die es anheizen und steuern.

Bemerkenswert ist, dass diese Realität selbst aus dem Westen offen benannt wird. Jeffrey Sachs etwa beschreibt den Krieg in Syrien nicht als spontane Entwicklung, sondern als geplante Regime-Change-Operation.

Eine Strategie, die in Washington entworfen wurde und sich mit den langfristigen Interessen Tel Avivs deckt – auf Kosten von Millionen Menschenleben, staatlicher Souveränität und der Zukunft der Region. Das Hindernis für Frieden sind nicht die Gesellschaften, sondern aufgezwungene Sicherheitsarchitekturen.

Eine echte nationale Politik entsteht nicht aus Märchen, sondern aus der gleichzeitigen Analyse von Verstand, Wille und Machtbalance. Eine terrorfreie Türkei ist nur dann möglich, wenn sie ihre eigene Sicherheits- und Souveränitätsstrategie entwickelt – nicht innerhalb fremd gezeichneter Karten. Andernfalls wird Verstand zur bloßen Hoffnung und Wille zu einer Fußnote in den Plänen anderer.

Dieses Volk hat es stets abgelehnt, eine Fußnote der Geschichte zu sein. Auch heute muss es das tun.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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