Gastkommentar
Proteste im Iran: Krise, Doppelstandards und die systematische Verzerrung der Wirklichkeit

Çelik: Warum die westliche Sicht auf den Iran von politischer Heuchelei und geopolitischen Interessen geprägt ist. Ein Plädoyer für Souveränität.

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

In westlichen Medien wird derzeit ein vertrautes Bild gezeichnet: Der Iran stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Millionen seien auf den Straßen, das Regime habe jede Legitimität verloren, der „Gottesstaat“ wanke.

Wer diese Erzählung hört, steht – so scheint es – vor einer freien Wahl: Entweder man glaubt den eigenen Beobachtungen und historischen Erfahrungen oder man übernimmt die Deutung jener politischen und medialen Akteure, die den Iran seit Jahrzehnten als Feindbild kultivieren.

Doch diese Wahl ist weniger frei, als sie erscheint. Denn dieselben Kräfte, die heute Demokratie, Frauenrechte und internationales Recht im Iran beschwören, erklären offen, dass sie sich an eben dieses Recht nicht gebunden fühlen. Donald Trump formulierte es unverblümt: Internationales Recht gelte nur im Rahmen seiner persönlichen Moral.

Die moralische Integrität dieses Maßstabs kann jeder selbst beurteilen – die Epstein-Akten liefern dafür reichlich Material. Dass ausgerechnet solche Figuren als moralische Instanz für den Iran auftreten, ist Teil eines größeren Problems: der systematischen politischen Heuchelei.

Sanktionen als Mittel der gezielten Destabilisierung

Niemand bestreitet, dass es im Iran massive Proteste gibt. Auch niemand bestreitet, dass viele Menschen keine Perspektive mehr sehen. Doch die zentrale Frage lautet: Warum ist das so? Und wer profitiert von der Zuspitzung? Seit der Revolution von 1979 lebt der Iran unter einem nahezu totalen Sanktionsregime.

Investitionen sind verboten, Finanzströme blockiert, Öl- und Gasexporte kriminalisiert. Ein rohstoffreiches Land wird bewusst vom Weltmarkt abgeschnitten. Die daraus resultierende Verarmung ist kein internes Versagen allein, sondern Teil einer gezielten Strategie: wirtschaftlicher Druck als Mittel politischer Destabilisierung.

Wer diese Tatsache ausblendet und Armut lediglich als Beweis für das Scheitern des Systems präsentiert, betreibt bewusste Verkürzung. Hinzu kommt: Auch im Iran gibt es Wahlen. Sie sind eingeschränkt, sie sind problematisch – aber sie existieren. Reformkräfte wie Khatami oder Rohani haben trotz des Widerstands religiöser Machtzentren gewonnen.

Das allein widerlegt die pauschale Behauptung, Iran sei ein völlig wahl- und rechtloser Raum. Gleichzeitig existieren in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar weder freie Wahlen noch Parlamente, unabhängige Medien oder Zivilgesellschaft – ohne dass dort jemand zu „Volksaufständen“ aufruft.

Geopolitische Doppelmoral: Radikalismus und Frauenrechte

Ein zentrales Narrativ lautet: Der Iran werde von „Mullahs“ regiert, deshalb sei der Aufstand legitim. Doch dieselben Akteure akzeptieren und fördern offen radikal-islamistische Kräfte, wenn diese geopolitisch nützlich sind. In Syrien wurde mit westlicher und regionaler Unterstützung ein ehemaliger Al-Qaida-Führer, Abu Mohammed al-Dscholani (heute Ahmad al-Scharaa), politisch rehabilitiert.

Radikaler Islamismus wird dort nicht bekämpft, sondern umarmt – während der schiitische Iran als Bedrohung dämonisiert wird. Dabei ist der Iran innerhalb der islamischen Welt eine Ausnahme: ein überwiegend schiitischer Staat in einem Umfeld von mehr als fünfzig sunnitisch geprägten Ländern, umgeben von US-Militärbasen. Die Vorstellung, ausgerechnet Teheran sei die aggressive Destabilisierungsmacht, während Pakistan (Atommacht), Israel (Atommacht) oder die US-Stützpunkte in der Region als „defensiv“ gelten, entbehrt jeder Logik.

Besonders zynisch ist die Instrumentalisierung der Frauenfrage. Ja, es gibt Zwangsverschleierung, Repression, Gewalt – und das ist zu kritisieren. Doch warum galt diese Empörung nicht für Libyen unter Gaddafi, wo Frauenrechte real existierten? Warum nicht für Syrien unter Assad, wo Frauen sich frei kleiden konnten? Warum nicht für den Irak unter Saddam Hussein? Gaddafi unterhielt eine ausschließlich weibliche Leibgarde, förderte Frauenbildung und öffentliche Teilhabe.

Assad garantierte weitreichende persönliche Freiheiten. Saddam regierte einen säkularen Staat. Alle drei wurden gestürzt – nicht trotz, sondern ungeachtet dieser Fakten. Frauenrechte dienten nie als echtes Kriterium, sondern als rhetorisches Werkzeug zur Legitimation von Regimewechseln.

Die historische Dimension: Von Mossadegh bis heute

Ohne Geschichte ist der Iran nicht zu verstehen. 1953 wurde der demokratisch gewählte Premierminister Mohammed Mossadegh gestürzt, weil er die Ölindustrie verstaatlichte. CIA und MI6 setzten den Schah wieder ein. Dieser wurde anschließend zum engsten Verbündeten der USA, Großbritanniens und Israels – inklusive Unterstützung beim Aufbau eines Nuklearprogramms.

Niemand sprach damals von der „Gefahr eines schiitischen Regimes“. Nach 1979 änderte sich der Ton schlagartig. Nicht weil der Iran plötzlich nuklear wurde, sondern weil er sich der westlichen Kontrolle entzog. Ayatollah Khomeini schloss die israelische Botschaft und eröffnete eine palästinensische Vertretung. Dieser Akt prägt bis heute die Feindschaft Israels und der US-Lobby gegenüber dem Iran. Die nukleare Frage ist seither weniger Sicherheitsproblem als politisches Druckmittel.

Die aktuellen Proteste zeigen zunehmend gewalttätige Züge. Barrikadenkämpfe, brennende Moscheen, direkte Konfrontationen mit Sicherheitskräften. Das ist nicht Ausdruck von Stärke, sondern ein gefährliches Spiel. Ein Regime, das sich im Überlebenskampf wähnt, mobilisiert Märtyrerlogik und maximale Repression.

Die Islamische Republik ist genau in solchen Situationen am stärksten. Zudem existiert weiterhin eine loyale Basis: Millionen Wähler, paramilitärische Basidsch-Strukturen, ideologisch gebundene Eliten.

Das Risiko des Staatszerfalls: Ein Libyen-Szenario?

Ein Sturz von außen oder durch offene Gewalt würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zur Freiheit führen, sondern zu Staatszerfall, ethnischen Konflikten und regionaler Eskalation – ein Libyen-Szenario in einem 90-Millionen-Staat.

Was wir erleben, folgt einer bekannten Logik. Joseph Goebbels formulierte sie offen: Wiederhole eine Lüge oft genug, schaffe die passende soziale und ökonomische Grundlage – Armut, Angst, Unwissen –, dann wird aus einer Behauptung eine Wahrnehmung und schließlich eine Überzeugung. Soziale Medien, Trolle, Algorithmen und „Expertenmeinungen“ erledigen heute, wofür früher Ministerien nötig waren.

Die Proteste im Iran sind real. Doch ihre mediale Verarbeitung ist hochgradig politisiert. Sie dient nicht primär den Iranern, sondern geopolitischen Interessen.

Der Iran braucht Reformen. Mehr Freiheit, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Rechte für Frauen, Jugendliche und Minderheiten. Das gilt ebenso für die Türkei, für die arabische Welt, für den gesamten globalen Süden. Doch kein Volk hat die Pflicht, sich unter dem Vorwand der Demokratie imperialen Projekten zu unterwerfen.

Wer den Iran kritisiert, muss auch die USA kritisieren, wenn sie Wahlen nicht anerkennen, Parlamente stürmen lassen und das Militär gegen Demonstranten einsetzen. Alles andere ist Doppelmoral. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob sich der Iran verändert, sondern wer diese Veränderung kontrolliert – und zu welchem Preis. Freiheit entsteht nicht durch Bomben, Sanktionen und Stellvertreterkriege. Sie entsteht durch innere Kämpfe, ohne äußere Ketten.

Atatürks Erbe: Souveränität als innere Befreiung

Vielleicht liegt das eigentliche Problem darin, dass im Nahen Osten Freiheit fast immer von außen definiert wird. Als Exportprodukt, als moralische Belehrung, als Vorwand für Interventionen. Kaum je jedoch als etwas, das aus innerer Souveränität, gesellschaftlicher Vernunft und historischer Erfahrung erwächst.

Genau hier lohnt ein Blick auf eine Figur, die in diesen Debatten auffallend selten ernsthaft diskutiert wird: Mustafa Kemal Atatürk. Nicht als nationales Symbol der Türkei, sondern als politischer Denker mit erstaunlicher Weitsicht.

Atatürk verstand Freiheit nicht als Parole, sondern als Zustand. Einen Zustand, der nur möglich ist, wenn kein fremdes Imperium, keine religiöse Autorität und keine ideologische Last der Vergangenheit den Menschen auf den Schultern sitzt.

Sein entscheidender Beitrag war nicht der Bruch mit dem Osten oder die Unterwerfung unter den Westen, sondern die konsequente Trennung von Staat und Religion. Nicht aus Feindschaft gegenüber dem Glauben, sondern um ihn – ebenso wie den Staat – vor Missbrauch zu schützen.

Atatürk erkannte, was viele Gesellschaften bis heute schmerzhaft erfahren: Wenn Religion zur Staatsdoktrin wird, verliert sie ihre moralische Kraft – und der Staat seine Vernunft.

In einer Region, die bis heute zwischen imperialen Interessen, religiösem Dogmatismus und autoritären Machtstrukturen zerrieben wird, bleibt diese Einsicht radikal aktuell. Freiheit bedeutet, aufrecht zu stehen. Wer aufrecht steht, sieht weiter. Wer gebückt geht – unter der Last fremder Interessen oder heiliger Unfehlbarkeit – sieht nur den Boden vor sich.

Der Iran, wie jedes andere Land dieser Region, hat das Recht auf Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit. Aber er hat auch das Recht, diesen Weg selbst zu gehen – ohne Bomben, ohne Sanktionen, ohne moralische Belehrungen aus Hauptstädten, die selbst ihre demokratischen Versprechen verraten. Vielleicht liegt die eigentliche Lehre nicht in der Frage, welches Regime fällt oder bleibt, sondern darin, ob Gesellschaften den Mut finden, sich von jeder Form der Bevormundung zu befreien.

Atatürks größtes Vermächtnis war genau dieser Gedanke: Souveränität beginnt im Geist. Und ohne geistige Freiheit gibt es keine politische Freiheit – weder im Iran noch anderswo.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


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