Corona-Krise
Reisewarnung Türkei: Deutsche Arbeitsplätze in Gefahr

Politik auf dem Rücken der deutschen Tourismus-Industrie – Türkischer Außenminister in Berlin erwartet

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Ein Gastbeitrag von Yasin Baş

Die Reisefreiheit, die für uns als selbstverständlich gilt und von der wir uns während der Corona-Pandemie größtenteils verabschieden mussten, kehrt endlich schrittweise zurück. Zumindest für die meisten europäischen Staaten gelten die Reisewarnungen ab dem 15. Juni nicht mehr.

Die deutschen Flughäfen bereiten sich schon auf eine Zunahme des Flugverkehrs vor. Die Terminals werden wieder voller. Die Menschen an den Flughäfen müssen Mund- und Nasenbedeckungen tragen sowie Abstandsregeln einhalten. Und: Die ersten Ferienflieger sind bereits auf Mallorca, der Lieblingsinsel der Deutschen, gelandet.

2019 reisten fünf Millionen Deutsche in die Türkei

Allerdings bleibt die Reisewarnung der Bundesregierung für die Türkei nach wie vor bestehen. Für die diesjährige Sommerurlaubssaison in der Türkei, die bei den Deutschen in der Beliebtheit nach Spanien und Italien an dritter Stelle rangiert, wäre eine Aufhebung der Reisewarnung höchst berechtigt. Nachdem 2018 bereits 4,5 Millionen Bundesbürger Urlaub in der Türkei machten, reisten 2019 über fünf Millionen Deutsche dorthin.

Die türkische Reisebranche trumpft vor allem mit ihrem unschlagbaren Preis- und Leistungskonzept sowie den Sicherheitsstandards bei den deutschen Urlaubern auf. Außerdem: Pünktlich zum Beginn der Sommerferien in einigen Bundesländern reisen wieder Hunderttausende von Deutschtürken in die Türkei, sei es um Urlaub zu machen oder Verwandte und Familienangehörige zu besuchen.

Deutsche Arbeitsplätze in Gefahr: Umsatzeinbußen von fast 20 Milliarden Euro

Die Einstufung der Türkei als sogenanntes „Risikogebiet“ und die andauernde Reisewarnung treffen aber nicht nur das Land, sondern bedeuten auch wirtschaftliche Rückschläge für die deutsche Reise-Industrie. Neben der Bundesregierung sollte gerade auch der Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) in der Lage sein, zu erkennen, ob er nicht viel eher auch die deutschen Tourismus-Industrie hemmt, wenn er darauf beharrt, die Reisefreiheit in Staaten außerhalb der EU zu beschneiden.

Denn nicht zuletzt sind auch Tausende von deutschen Arbeitsplätzen in der ohnehin schon durch die Coronakrise arg gebeutelte, deutsche Tourismusbranche von den derzeitigen unverhältnismäßigen Maßnahmen betroffen.

Nach Berechnungen von Norbert Fiebig, Präsident des Reiseverbandes DRV, führen die Beschränkungen infolge der Corona-Pandemie zu Umsatzeinbußen für Reisebüros und Veranstalter von Mitte März bis Ende August von insgesamt fast 20 Milliarden Euro. Allein die Verlängerung der Reisewarnung für außereuropäische Länder, zu denen beliebte Sommerziele wie die Türkei, aber auch Tunesien und Ägypten gehören, bedeute für Juli und August neun Milliarden Euro Umsatzeinbuße, so Fiebig.

In der heutigen, globalisierten Welt hängen Wirtschaftszweige so eng beieinander und sind so stark voneinander abhängig, dass zu kurz gedachte, eindimensionale und einseitige Entscheidungen auch einem persönlich schaden können. Selbst Marcel Klinge, der tourismuspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, hat dies erkannt und bezeichnet die Reisewarnungen als einen „Todesstoß für die deutsche Reisewirtschaft“.

Zeit des Hinhaltens ist vorbei

Am Donnerstag werden neben dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu auch der Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy (beide AKP) für Konsultationen mit Außenminister Maas und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Berlin erwartet. Die bereits seit Wochen andauernden Überzeugungsversuche, allen voran auf diplomatischer und wirtschaftspolitischer Ebene, sollen endlich zum Abschluss gebracht werden.

Zweifellos muss es ein Ergebnis geben, das für Gewissheit und Planungssicherheit sorgt. Ob das Ergebnis positiv oder negativ ausfällt, bleibt abzuwarten. Aber eine Fortführung der jetzigen Situation, welches bei Urlaubern immer mehr für Verunsicherung sorgt, muss überwunden werden. Die Zeit des diplomatischen Hinhaltens ist vorbei.

TÜV Süd prüft türkische Hotels

Es gibt keine nachvollziehbaren medizinischen oder wissenschaftlichen Gründe für den Entschluss, die Reisewarnungen für die Türkei aufrechtzuerhalten. Denn die Türkei gehört zu den wenigen Staaten der Welt, die die Pandemie relativ milde überstand und durch die sehr früh getroffenen Maßnahmen der Regierung vergleichbar wenig Tote zu verzeichnen hatte.

Die Türkei hatte zuletzt (Stand: 29. Juni) 197.239 Corona-Infizierte, davon waren 170.595 wieder genesen. Durch die Pandemie waren 5.097 Tote zu beklagen.

Zum Vergleich: In Deutschland starben zum selben Zeitpunkt 9.029 Menschen an dem Virus. 194.900 Personen wurden infiziert. Das bei Deutschen beliebte Reiseziel Italien musste 240.310 Infizierte und 34.738 Tote verkraften. In Spanien gab es 248.770 Infizierte und 28.343 Tote. Sogar im Nachbarland Frankreich, in dem sich 162.936 Menschen an Covid-19 infizierten, starben 29.778 Personen.

Es wird deutlich, dass die Türkei im Kampf gegen die Corona-Pandemie im internationalen Vergleich sehr gut dasteht. Zudem hat das Land am Bosporus zeitnah vielerlei Sicherheitskonzepte für Kultur- und Reiserouten, Strände und Hotels entworfen. Die Corona-Maßnahmen der türkischen Tourismus-Industrie werden überdies vom deutschen TÜV Süd überprüft.

Die Touristen werden schon an den Flughäfen und Hotels mit Wärmebildkameras empfangen. Viele Hotels haben auf Einweggeschirr umgestellt und halten, sofern die Spa-Bereiche keinen ausreichenden Platz bieten, diese derzeit geschlossen. Sicherheitsabstände gibt es nicht nur an den Hotelpools und am Strand, sondern auch an den Buffets der Herbergen, in Kneipen, Cafés und Restaurants.

Die Betreiber der Tourismusanlagen vermitteln ihren Gästen während ihres Aufenthaltes in der Türkei somit ein Gefühl der Sicherheit. Das Gesundheitssystem der Türkei entwickelte sich in den letzten Jahren zu den besten der Welt. Ein bedeutender Teil ausländischer Gäste in der Türkei sind Gesundheitstouristen. Viele Ausländer kommen in die Türkei, um medizinische aber auch kosmetische Operationen durchführen zu lassen.

Der gute Ruf der Türkei im Medizin- und Gesundheitssektor zeigt sich auch darin, dass das Land seit etwa zehn Jahren über die modernsten und am besten ausgestatteten Krankenhäuser verfügt. Zahlreiche Privatkrankenhäuser haben Filialen im Ausland, so z.B. im Nahen- und Mittleren Osten, auf dem Balkan, in Mittelasien oder im Kaukasus sowie in Afrika. Zudem gehört die Türkei zu den Staaten mit der meisten Anzahl an Intensivbetten.

Keine medizinische-, sondern politische Entscheidung

Die Aufrechterhaltung der Reisewarnung für die Türkei, die, falls die Entscheidung nicht revidiert wird, bis voraussichtlich Ende August andauern soll, ist daher zutiefst emotional und politisch. Denn es gibt mehrere bilaterale Streitpunkte, die schon seit langer Zeit auf eine Lösung warten.

Die meisten dieser Kontroversen, wie zum Beispiel das sogenannte Flüchtslingsabkommen (EU-Türkei-Abkommen), die Sicherheitsoffensiven der Türkei in Nordsyrien und im Nordirak oder die Rolle des Landes in Libyen und nicht zuletzt im Mittelmeer sind politischer Natur. Auch Fragen in Bezug auf das Verhältnis zwischen der in Deutschland als terroristische Vereinigung eingestufte PKK sowie der FETÖ und Deutschland führen nach wie vor zu Unstimmigkeiten beider Staaten.

Keine Frage: Die türkische Wirtschaft ist auf Urlauber aus der EU, allen voran aus Deutschland, angewiesen. Außenminister Maas darf sich jedoch die Frage stellen, ob es ein probates Mittel ist, auf diese sicherheitspolitischen Streitpunkte mit wirtschaftspolitischen Hebeln zu reagieren.

Denn: Wie vernünftig kann eine Politik sein, die eine ökonomisch instabile Türkei in Kauf nimmt und auf der anderen Seite von einem intakten Europa ausgeht? Eine stabile und sichere Türkei bedeutet zugleich auch Sicherheit und Stabilität für uns in Europa. Bei der Rechnung, die uns die Bundesregierung präsentiert, gibt es freilich keine Gewinner.

Würden sich aber beide Seiten auf Augenhöhe begegnen und die Interessen des Partners beachten, sähe es ganz anders aus. Beide Seiten würden davon profitieren. So aber werden die Konflikte emotional und leider auf dem Rücken von Urlaubern ausgetragen, die sich ein ganzes Jahr lang auf den Sommer gefreut haben. Sie müssen jetzt diese Probleme buchstäblich ausbaden.

Überraschende Wendung?

Ob Çavuşoğlu und Ersoy mit einer erfreulichen Nachricht nach Hause kehren werden? Nach der ganzen Berichterstattung zu diesem Thema in den deutschen Medien, die für Irritationen in der Bevölkerung sorgte, sollte die Türkei auf das Schlimmste gefasst sein und sich jetzt schon umso mehr für die kommende Urlaubssaison 2021 vorbereiten.

Die Deutschen werden dieses Jahr primär zu Hause oder höchstens in der Europäischen Union (EU) ihren Sommerurlaub verbringen. Und das nicht zuletzt aus dem Grund, weil die EU derzeit auf jeden Cent angewiesen ist, sondern auch deshalb, weil die Vorbereitungen der Deutschen für den Sommerurlaub bereits zu Ende sind.

Das, was Deutsche und Türken möglicherweise am meisten voneinander unterscheidet, ist die Kalkulation und Planung auf der deutschen Seite. Die türkische Spontanität und Beweglichkeit wird aber vielleicht auch diesmal für eine Überraschung sorgen.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Yasin Baş

Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.


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