Türkisch-Afrikanisches-Handesforum
Erdogan an Afrika: Lasst uns in eigenen Währungen Handel betreiben

Istanbul (nex) – Die Türkei misst der Zusammenarbeit mit dem afrikanischen Kontinent große Bedeutung bei, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei seiner Eröffnungsrede auf dem zweiten türkisch-afrikanischen Wirtschafts- und Handelsforum, das am Mittwoch in Istanbul begann. „Ich rufe alle meine afrikanischen Freunde auf: Lasst uns in unseren eigenen Währungen Handel betreiben. Lasst uns unsere Länder vor dem Druck des Wechselkurses bewahren“, sagte Erdoğan. Das Handelsvolumen sei seit 2005 kontinuierlich gestiegen und die Türkei plane in jedem afrikanischen Staat eine diplomatische Vertretung zu eröffnen, so Erdogan weiter. Seit 2005 gibt es ein verstärktes Engagement zwischen der Türkei und dem afrikanischen Kontinent. Die Türkei ist zu einem wichtigen Partner für Entwicklung, Handel und Investitionen in Afrika geworden.
Turkey-Africa Forum 2017
Besonderer Platz in der Geschichte Afrikas Melaku Ezezew, Leiter der Panafrikanischen Industrie- und Handelskammern, sagte, das Forum werde beiden Seiten helfen, die bilateralen Beziehungen zu stärken. „Afrika verändert sich, Afrika befindet sich in einem historischen Wandel“, sagte er. Die Türkei nehme einen besonderen Platz in der Geschichte Afrikas ein, so Ezezew gegenüber der Nachrichtenagentur Anadolu. Die afrikanische Geschäftswelt zeige großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Türkei. Victor Harrison, Wirtschaftskommissar der Kommission der Afrikanischen Union (AUC), betonte, dass das Forum eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen afrikanischen und türkischen Wirtschaftsführern spielt.

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Renaissance der politischen Linken
Lafontaine setzt auf Versöhnung von SPD und Linken

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Düsseldorf – Der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine hält trotz seines Zerwürfnisses mit Gerhard Schröder eine Versöhnung und Zusammenarbeit der Linken mit den Sozialdemokraten für möglich. „Man soll die Erinnerungen an das Ende der Weimarer Republik nicht überstrapazieren“, sagte Lafontaine der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. „Aber man muss sich immer daran erinnern, wie sich KPD und SPD damals bekriegt haben. Als viele von ihnen später vor den Nazis ins Exil flohen, bereuten sie, dass sie sich nicht zusammengerauft hatten.“ Die SPD habe den „historischen Fehler“ gemacht und 2005 keine rot-rot-grüne Regierung gebildet. Er setze auf eine Renaissance der politischen Linken, um das weitere Erstarken der AfD zu verhindern. Dafür stehe die von ihm mitbegründete überparteiliche Bewegung „Aufstehen“. Mit einer SPD, die für eine gerechte Rentenformel, eine bessere Arbeitslosenversicherung und höhere Löhne einträte, könne man problemlos zusammenarbeiten. „Das wäre Wandel durch Annäherung.“ Der SPD, in der er fast 40 Jahre Mitglied war, fühle er sich auch heute noch verbunden. Sein persönlicher Groll sei verflogen. Und er selbst strebe kein hohes Amt mehr an. „Ich bin gerade 75 Jahre alt geworden und stand fast 50 Jahre auf der politischen Bühne. Mein Bedürfnis im Scheinwerferlicht zu stehen oder in der ersten Reihe zu sitzen, ist gestillt.“

Putins Geburtstag
Kommentar: Wladimir Putin gab Russland seine nationale Würde wieder

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther Am 7. Oktober feierte der russische Präsident Vladimir Putin seinen 66. Geburtstag. Putin ist der neben Erdogan in westlichen Medien meistgeschmähte und dämonisierte Politiker, und er steht noch dazu an der Spitze einer Supermacht. Vielleicht ist sein Geburtstag ein Anlass, einmal vorurteilsfrei eine Bilanz seiner bisherigen Leistung zu versuchen. Putin, ein ehemaliger KGB-Offizier, trat zunächst in die Administration Boris Jelzins ein und folgte diesem im Jahr 2000 ins Präsidentenamt. Seitdem dominiert er die Politik Russlands entweder als Premierminister oder Präsident bis heute. Erst im März diesen Jahres wurde er mit 76% der Stimmen wiedergewählt. Seine Amtsperiode wird bis 2024 dauern. Wie hat nun dieser Mann, der seit fast 18 Jahren an der Spitze einer Supermacht steht, sein Amt verwaltet? Nach der Katastrophe des Zusammenbruchs der Sowjetunion (SU) und seiner Satellitenstaaten 1989 war überall zunächst einmal ein politisches Chaos und eine völlig in den Grund gefahrene Wirtschaft zu bewältigen. Die Bewältigung der wirtschaftlichen Probleme ist den meisten Ländern bis heute nicht völlig, ja oft überhaupt nicht geglückt. Russland wurde von diesen Ereignissen mehr als jedes andere Land gebeutelt. Der Zusammenbruch der SU war im Grunde genommen der Zusammenbruch des letzten Kolonialreiches; die SU war ein kolonialer Flächenstaat. Solch ein Ereignis ist traumatisch. Man denke nur daran, wie schwer sich Frankreich von Algerien getrennt hat, das man als Teil Frankreichs zu sehen gewohnt war. Ich glaube, das russische Trauma versteht und würdigt die Welt bis heute nicht. Jedenfalls habe ich damals befürchtet, die Auflösung der SU würde zu noch weit mehr Blutvergießen führen, als das der Fall war. Dass das nicht geschah, ist das Verdienst Gorbatschows. Freilich Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin führte das Land in die wirtschaftliche Katastrophe: er folgte dem stupiden Rat des Westens, der glaubte, man müsse nur den Monetarismus und Neoliberalismus einführen, dann heile der Markt alles. Der Säufer Jelzin verscherbelte das Land an den Westen und neureiche Primitivlinge. Das Land versank unter Jelzin in wirtschaftliches Chaos, freien Fall des BSP, Hyperinflation, Verarmung und politisch-militärischer Auflösung einer Supermacht in einen Schrottstaat der dritten Welt. Dem politischen Zerfall des russischen Einflussbereiches suchte Jelzin mit Gewalt zu begegnen. Mit Georgien, das die GUS verlassen wollte, kam es zum Konflikt. Nun muss man wissen, Georgien war immer ein Vielvölkerstaat. Seit 1989 versuchte der georgische Nationalismus, Minderheiten die georgische Sprache aufzuzwingen (lingua franca war bislang Russisch). Das und georgische Umsiedlungspläne brachte Konflikte in Abchasien und Süddossetien.  Abchasien wurde von Russland besetzt und de facto zum unabhängigen Staat gemacht; in Südossetien fand man nach langen kämpfen einen Kompromiss. Separatisten in Tschetschenien versuchte Jelzin durch brutale Militärschläge, die das Land weitgehend verwüsteten, zu bekämpfen: angesichts seiner schrottreifen Armee und der Konzeptlosigkeit seiner Politik kam außer sinnlosem Blutvergießen nichts dabei heraus. Ich war zur Zeit des zweiten Tschetschenienkrieges Jelzins in Georgien: damals sagte man dort: „Stalin war uns lieber, der hat uns wenigstens nur umgesiedelt, Jelzin bringt uns alle um!“ Als Putin Russland übernahm, stand er vor einem Scherbenhaufen. Er erreichte es, dass sich schon in seiner ersten Amtszeit das BSP um 76% erhöhte. Es stieg kontinuierlich, bis durch westliche Sanktionen wegen der Ukrainekrise 2015 die russische Wirtschaft in die Rezession gezwungen wurde. Doch schon 2016 war letztere durch ein leichtes Wachstum überwunden. Putin ging in Tschetschenien nicht weniger brutal vor als Jelzin, aber er hatte ein Konzept und hat den Terror im wesentlichen beendet und Tschetschenien in Russland behalten. Die seit ihrer Einverleibung in das Zarenreich rebellischen muslimischen Tschetschenen und Dagestaner, mit ihrem großen legendären Führer aller Muslime des Kaukasus, dem Sufi Sheik Shamil, waren nicht mit bloßer Gewalt zu besiegen. Putin fand den einzig gangbaren Weg: er fand unter den Rebellen einen Führer, der bereit war, um den Preis innerer Autonomie sich Putin unterzuordnen. Man mag nun diesen Mann, Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, mögen oder nicht: eine andere Lösung gab es und gibt es für Tschetschenien nicht. Die Situation im muslimischen Kaukasus, auch in den Republiken Inguschetien und Dagestan, ist immer noch sehr fragil. Gerade neulich kam es auch zu Problemen zwischen Inguschetien und Tschetschenien. Die Verhältnisse sind zu komplex und zu wenig bekannt, um hier mehr zu sagen, aber insgesamt hat Putin eine Situation geschaffen, mit der Russland leben kann. Das ist nicht leicht. Putin arbeitete auch zäh daran, der russischen Armee ihre Schlagkraft wiederzugeben. Er baute Russland nicht nur wirtschaftlich wieder auf, er gab dem Land den Status einer Supermacht zurück. Putin musste im Jugoslawienkonflikt noch darauf verzichten, Russlands Einfluss geltend zu machen. Auch in Afghanistan und Libyen hat er die USA und die NATO mit ihrer zugleich dummen wie verbrecherischen Politik gewähren lassen. Zähne gezeigt hat er zum ersten Mal, als Georgien unter Michael Saakashvili so weit ging, amerikanische Truppen ins Land zu holen und NATO- und EU-Beitritt anzustreben – da hat Putin zum ersten Mal seine Zähne gezeigt, zugleich aber auch Besonnenheit: er hat zunächst den Status von Südossetien, wo 99% der Osseten nicht zu Georgien gehören wollen, vom Status des Kosovo abhängig gemacht. Erst als Georgien offen den Status quo verletzte und Saakashvili glaubte, die Teilrepublik Südossetien militärisch annektieren zu können, griff Russland 2008 massiv ein. Südossetien ist seitdem de facto unabhängig. Die von der EU eingesetzte Beobachterkommission (IIFFMCG) befand, Georgien habe durch seine Aggression den Konflikt ausgelöst, Russlands Verteidigung Südossetiens sei völkerrechtskonform, nur das Vordringen in georgisches Gebiet sei unverhältnismäßig gewesen. Diese Aktion Putins hätte dem Westen allerdings eine Lehre sein können, dass Russland mit Putin nicht mehr ein maroder Staat war, dessen nationale Interessen man schlichtweg ignorieren konnte. Russland war wieder ein mächtiges Land, das beanspruchen und durchsetzen konnte, auf der internationalen Bühne neben den USA seinen gleichberechtigten Platz zu haben. Diese Lektion hat man bis heute nicht gelernt. Putin hatte schon kurz nach Amtsantritt bei einem Staatsbesuch im September 2001 (kurz nach 9/11) eine visionäre Rede in fließendem Deutsch im deutschen Bundestag gehalten und dem Westen eine Sicherheitspartnerschaft angeboten. 2010 hat er in Lissabon der EU eine eurasische Freihandelszone angeboten. Und all dies, obwohl der Westen seit 1999 mit der NATO-Osterweiterung begonnen hatte, das Gorbatschow anlässlich der deutschen Wiedervereinigung gegebene Wort zu brechen, keine NATO-Truppen in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes zu stationieren. 2004 hatte man zudem begonnen, osteuropäische Staaten in die EU aufzunehmen – sehr zum Schaden der europäischen Integration. Putin hat somit alles versucht, mit dem Westen – trotz seines Wortbruchs, seiner offenen Aggression, besonders in seinem widerwärtigen und völkerrechtswidrigen Krieg in Jugoslawien – friedlich zu kooperieren. Er wurde von westlicher Überheblichkeit und Kurzsichtigkeit zurückgestoßen. Die USA dachten noch immer, sie könnten, die Welt alleine dominieren. Kurz danach begann der Westen dann auch zunächst, den sogenannten ,Arabischen Frühling‘ 2011 zu nutzen, den einzigen, recht gut funktionierenden und deshalb missliebigen Staat Afrikas, das Libyen Gaddafis, in Schutt und Asche zu legen. Russland legte kein Veto ein: freilich die NATO-Aktionen gingen weit über das Mandat des Sicherheitsrates hinaus und waren insofern völkerrechtswidrig. Als ob dies nicht genug wäre, begann man kurz danach auch noch ohne jedes Mandat sich in Syrien, ebenfalls ein missliebiges System, weil es Ansprüche an Israel hatte, das völkerrechtswidrig Gebiete Syriens – meist mir reichen Ölquellen – besetzt hielt, in einen inneren Konflikt einzumischen. Dass Syrien ein traditioneller Verbündeter zuerst der SU, jetzt Russlands war, scherte keinen. Eine Begründung hatte man natürlich in beiden Fällen: Gaddafi und Assad sind ,Tyrannen‘, die Aufstände des eigenen Volkes niederschlagen. Anderswo war das bislang egal: das Suharto-regime etwa mit seinem Genozid hat im Westen nie jemanden gestört, in Lateinamerika hat man gar grausamste Militärregime eingesetzt, die nichts Besseres zu tun hatten, als das eigene Volk zu foltern, aber Assad und Gaddafi sind Tyrannen. Sicherlich waren beides repressive Systeme: nur war Libyen eben auch das best funktionierende Land Afrikas, Assads Syrien ein Staat mit guten Gesundheits- und Bildungssystem, unverächtlichen sozialen Bedingungen. Und als ob das nicht genug wäre, 2014 provoziert man vor Russlands Nase einen Putsch in der Ukraine, verspricht Aufnahme in die EU samt Sicherheitspartnerschaft. Dass das nicht funktioniert, hätte man nach Georgien wissen müssen. Und Russland hat reagiert. Die mehrheitlich von Russen bewohnte Krim wurde nach einer Volksabstimmung über eine Sezession ohne einen Schuss annektiert. Im ebenfalls russischsprachigen Donbas hat man russische Rebellen unterstützt und destabilisiert das Land, ohne offen direkt einzugreifen. Die Ukraine mit ihrem korrupten Regime ist inzwischen schrottreif. Das alles war lange überfällig: in der Ukraine hat Putin dem jedes Maß an Unverfrorenheit überschreitenden Westen endlich die Tür ins Gesicht geschlagen und deutlich gemacht, wo die rote Linie liegt. 2015 hat er sich auch auf Einladung der Regierung Assad, d.h. in Einklang mit dem Völkerrecht, direkt in Syrien engagiert. Er hat auf Provokationen, wie den Abschuss einer russischen Maschine durch die Türkei nicht mit Gegengewalt reagiert und dadurch Eskalation provoziert, er hat die Türkei ohne militärische Gewalt zum Einlenken gezwungen und kooperiert heute mit der Türkei. Auf die israelischen Luftschläge reagiert weder er noch der Iran. Warum auch? Warum sollte man alles, was man gewonnen hat, in einem direkten Konflikt mit einer Nuklearmacht riskieren? Russland hat seinen Fuß in Syrien, es hat darüber direkten Zugang zum Mittelmeer, Russlands lang ersehntes geopolitisches Ziel. Iran hat seinen Fuß auch in Syriern. Allzu viel Militär dort zu binden, ist weder für Iran noch für Russland sinnvoll. Also was jucken ein paar Luftangriffe? Selbst jetzt, wo wieder eine russische Maschine abgeschossen wurde, reagierte Putin besonnen: keine Gewalt, keine Eskalation. Er wird Israel anders dazu bringen, sein Vorgehen zu bereuen. Russland hätte in Ildib zuschlagen können und militärisch sicher gewonnen – zu einem hohen politischen Preis. Putin hat den türkischen Vermittlungsvorschlag akzeptiert. Die USA gebärden sich als Supermacht, die jeden zur Botmäßigkeit zwingen, wenn nötig mit ihren Bomben, Putin geht mit anderen Staaten mit Respekt vor ihren legitimen Interessen um. Lässt sich auf vernünftige Kompromisse ein. Das ist Machtpolitik mit Augenmaß! Es ist eine Machtpolitik, die Früchte trägt, die den Interessen des eigenen Landes wirklich dauerhaft dient, es ist eine Politik des langfristigen Stabilität und des Friedens, nicht der Zerstörung. Putin hat seine Vision einer multipolaren Weltordnung, aufgebaut auf Interessenausgleich und Kompromiss mehrfach überzeugend dargelegt. Eine solche Politik ist die einzige, auf deren Basis Frieden und Stabilität möglich sind. Selbstverständlich beruht diese Politik nicht auf Sentimentalität, sondern auf kühlem Kalkül: sie orientiert sich – wie Charles de Gaulle es immer wieder gesagt hat – daran, dass man Politik nicht auf der Basis dessen macht, was man sich wünscht, sondern auf der Basis der Realität. Putin ist nicht nur ein Staatsmann, der Russland seine nationale Würde, seinen gebührenden Platz in der Weltpolitik zurückgegeben hat, er ist, als der Staatschef einer Supermacht ein Segen für die Welt, eine Hoffnung auf den Sieg der Vernunft. Und dieses Russland hat der Westen durch seine Verbohrtheit und Arroganz weggestoßen und in die Arme Chinas getrieben. Sicherheitspolitisch und wirtschaftlich kann man dümmer nicht sein. Es ist die Politik des Kindergartens, die Europa beherrscht. Und ich möchte noch einmal hervorheben: während der Westen sich schamlos über internationales Recht hinwegsetzt, hat Putin sich in Georgien und Syrien nur in Einklang mit internationalem Recht betätigt. Die Aktionen in der Ukraine sind ebenfalls anders zu bewerten, als der Westen das uns weismachen will. Zu Beginn stand ein Coup d’état gegen die gewählte Regierung. Die Reaktion auf die Ungeheuerlichkeit, die Ukraine westlich zu besetzen und zur Ausbeutung durch die EU freizugeben und zum Hebel der Aggression gegen Russland umzufunktionieren, hat Putin meisterhaft gekontert. Es gab keine Besetzung der Krim, die überwiegend russische Bevölkerung hat die Sezession gewählt: sie wurde ohne eine Gewehrkugel vollzogen. Hier stand Selbstbestimmungsrecht der Völker gegen das der territorialen Integrität. Das gilt auch für die Ostukraine: die Bevölkerung dort wünscht in ihrer Mehrheit den Schulterschluss mit Russland. Putin hat dafür gesorgt, dass die Ukraine den Volkswillen im Donbas nie mehr wird ignorieren können. Aber natürlich versucht man Putin analog zu Erdogan auch wegen seiner Innenpolitik zu dämonisieren. Er ist kein Demokrat. Er regiert autoritär und tötet und foltert seine Kritiker, lässt Oligarchen gewähren. Nun: Oligarchen ist so ein Wort, damit bezeichnet man reiche Leute mit politischem Einfluss in Osteuropa. Wieso eigentlich nur dort? Der Senat und Kongress der USA besteht ausschließlich aus solchen Leuten: Oligarchen. Und wer hat in Deutschland das Sagen? Frau Merkel? Wohl eher Burda, Bertelsmann und insbesondere Leute, deren Namen niemand kennt. Unter Jelzin regierten in Russland die Oligarchen, die ihr Land an den Westen verscherbelten. Die hat Putin beseitigt, die sind heute die vom Westen umjubelten Kritiker. Dass es natürlich auch heute in Russland reiche Leute gibt, die nah an den Quellen der Macht sitzen, und dass Putin nicht wie der heilige Franz von Assisi lebt, muss man wirklich sagen, dass das selbstverständlich ist? Zum Schluss: ich gratuliere Vladimir Putin zu seinem Geburtstag und seiner bisherigen Lebensleistung aus ganzem Herzen. Ich hoffe, er wird noch lange zum Segen Russlands und der Welt an der Spitze seines großen und stolzen Landes stehen.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Lebenslauf Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen.

"Symbole türkischer Nationalisten"
Der türkische „Wolfsgruß“ soll verboten werden

Berlin (nex) — „Jede Form des Faschismus ist menschenverachtend“, sagte der CDU-Innenpolitiker Christoph de Vries in einem Gespräch mit der Tageszeitung Bild.  Vries wolle „Symbole und Gesten türkischer Nationalisten in Deutschland unterbinden“. Auch in Österreich gibt es bereits derartige Pläne, nun fordern deutsche Politiker ebenso ein Verbot des türkischen „Wolfsgrußes“. Dazu de Vries in der Bild: „Jede Form des Faschismus ist menschenverachtend und eine Bedrohung für unsere freiheitliche Gesellschaft.“ Auch die Linkenpolitikerin Sevim Dagdelen fordert ein Verbot:

„Der Gruß der Grauen Wölfe, einer der größten rechtsextremistischen und verfassungsfeindlichen Organisationen in Deutschland, ist mit dem Hitler-Gruß durchaus vergleichbar und sollte daher verboten werden“, sagte sie gegenüber der Bild.

Bei den Grauen Wölfen handelt es sich um Anhänger der türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP).

Türken zufolge habe der Gruß keinen faschistischen Hintergrund, sondern sei ein uraltes Zeichen aus dem sechsten Jahrhundert, welches Frieden und Zusammengehörigkeit aller Turkvölker symbolisiere.  

Naher Osten
Kommentar: Türkei könnte Frieden zwischen muslimischen Staaten schaffen

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther In den deutschen Medien, wo man fast den Eindruck hat, die Probleme der Türkei seien wichtiger als die Deutschlands, stehen seit langem der Wertverfall der türkischen Lira und die damit verbundenen wirtschaftlichen Probleme der Türkei im Mittelpunkt der Berichterstattung. Ebenso die angeblichen Versuche des – zum Glück – jetzt pleite gegangenen „Diktators“ Erdogan, sich wieder dem Westen, besonders Deutschland anzunähern, und um „Geld zu betteln“. Mit dieser von US-Sanktionen provozierten Krise weist die Situation in der Türkei starke Parallelen mit der Situation des Iran nach dem Bruch des Atomabkommens durch die USA auf. Nur ist die Situation im Iran gewiss weit dramatischer. Verlor die türkische Lira in diesem Jahr ungefähr die Hälfte ihres Wertes gegenüber dem Dollar, so verlor der Rial ungefähr 2/3. Vor allem aber war die Wirtschaft des Iran durch den kontinuierlichen Terror der USA gegen das Land dringend auf die Aufhebung der Sanktionen angewiesen, um diese marode Wirtschaft überhaupt zu sanieren. Eine verheerende Dürre über den Sommer kam dazu, die so gravierend war, dass die Wasserversorgung in einigen Landesteilen nicht mehr ausreichend war. Es kommt auch hinzu, dass – im Gegensatz zur Türkei – in der iranischen Bevölkerung der Unmut wächst, und diese starke Tendenz natürlich durch von den Feinden des Iran bezahlten Provokateuren angeheizt wird. Der Unmut ist leicht zu verstehen: im Iran ist die wirtschaftliche Misere so groß geworden, dass es für viele Iraner schwer geworden ist, den Alltag zu bewältigen, manche gar ins soziale Abseits abdriften, für die armen Bevölkerungsschichten werden bereits Essensrationen vom Staat bereitgestellt. Dass dies zu starker Unzufriedenheit führen muss, ist offenkundig. Man muss sich auch daran erinnern, dass die iranische Revolution auch mehr soziale Gerechtigkeit und ein besseres Leben für die niederen Bevölkerungsschichten versprochen hatte. Wenn man freilich erst mit Krieg und dann mit Sanktionen überzogen wird, kann keine Regierung dieses Versprechen einlösen. Der Iran ist im Grunde genommen von 1979 bis heute im Ausnahmezustand, und heute mehr denn je. Inzwischen hat sogar der ehemalige Regierungschef des Iran, Khatami, vor einer Revolution oder Militärregierung gewarnt und dazu aufgerufen, aus dem Engpass der das Land lähmenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Machtträgern herauszufinden; es stünden dem Iran durchaus Wege zur Lösung seiner Probleme offen. Das Ziel der USA, einen Regimechange zu erzwingen, ist bezüglich des Iran klar, im Falle der Türkei kann man zwar so etwas nicht offen aussprechen, doch macht der gescheiterte Putschversuch, ja im Grunde genommen schon die systematische Dämonisierung Erdogans im Westen es überdeutlich: auch er steht auf der Abschussliste und mit ihm die Türkei. Erdogan hatte seit dem Anfang seiner Amtszeit eine Aussöhnung mit dem historischen Feind Iran gesucht, er sprang selbst einem Ahmadineschād bei. Die Syrienkrise hatte den Iran und die Türkei in zwei verschiedene Lager gedrängt, doch inzwischen ist Moskau und damit auch der Iran der Ansprechpartner Ankaras. Die Türkei hat auch unmissverständlich klargemacht, dass sie sich nicht an die Sanktionen der USA gegen den Iran halten werde. Auch in dem Versuch, die Wirtschaftskrise zu stoppen, sind die Grundlinien der Politik Ankaras und Teherans durchaus ähnlich: Kompromiss und Dialog mit jedem, der dazu bereit ist, ja, Ausverkauf und Aufgabe der nationalen Souveränität nein. Inzwischen sucht der Iran sogar offen die Allianz mit dem Erzfeind und Konkurrenten um die Vormachtstellung in der Region, Saudi Arabien. Anlass zu der jüngsten Charmoffensive war eine Rede Trumps, die gewiss zu den absurdesten Entgleisungen amerikanischen Staatspräsidenten gehört: er verlangte von Saudi Arabien Bezahlung von Militärausgaben (eines seiner Lieblingsthemen) mit der Begründung, Saudi Arabien könne ohne US-Unterstützung keine 2 Tage überleben, und er richtete diese Forderung direkt an den saudischen König Salman, indem er ihn mit ,,Hey, king“ apostrophierte. Der iranische Außenminister Zarif nahm das zum Anlass, Saudi Arabien daran zu mahnen, dass Einmischung von fremden Mächten in der Region keine Stabilität bringen könne auf der Basis von Respekt für den anderen, und er hat eine Zusammenarbeit in der Region angeboten, in der das Land nicht mehr unverschämten Beleidigungen arroganter Mächte außerhalb der Region ausgesetzt wäre. An sich ist das nichts ganz Neues. Zarif hatte schon in der ersten Jahreshälfte geäußert, es sei unrealistisch, dass der Iran oder Saudi Arabien alleine die Region dominieren, man müsse sich auf einen Kompromiss einigen. Er hat Saudi Arabian sogar eine Sicherheitspartnerschaft angeboten, in der der Iran Saudi Arabien im Falle fremder Aggression zu Hilfe kommen würde. Auch Vermittlung etwa Omans im Streit mit den USA werde man durchaus akzeptieren, falls es zu ernsthaften Verhandlungen und nicht bloß zu Betrug und Zeitverschwendung führe. Der Iran zeigt sich und hat sich in der Vergangenheit immer kompromissbereit gezeigt und für Frieden und Stabilität eingesetzt. Ein Reapprochement aller mächtigen muslimischen Staaten der Region wäre in der Tat ein Durchbruch, ein Schlüsselereignis für die muslimische Welt: Kooperation statt Spaltung und gegenseitiges Morden auf Befehl der gemeinsamen Feinde. Dass die Interessen und Animositäten unter den muslimischen Akteuren der Region so unübersichtlich sind, könnte, sofern man nüchtern und kühl die eigenen Interessen betrachtet, sogar hilfreich sein. Klare Fronten gibt es nicht: der schiitische Iran – Irak (schon da gibt es Reibereien) – Syrien – Hisbollah. Die sunnitische Achse ist gespalten in Saudi Arabien, UAE, Ägypten und die Muslimbruderschaft, die Saudi Arabien wie der Teufel das Weihwasser fürchten. Die Türkei hat wie Qatar Sympathie für letztere, hat sich jedoch mit Iran und Russland weitgehend geeinigt. Im Streit Qatars mit den Saudis und den UAE ist sie Qatar beigesprungen, doch der Versuch, der Saudis Qatar unter ihre Knute zu zwingen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. In Syrien standen zunächst die Türkei und die Saudis auf derselben Seite. Die Überlappungen der nationalen Interessen sind, recht betrachtet, weit größer als die Divergenzen. Niemand will einen Kurdenstaat: am wenigsten der Iran oder Assad, und das ist das vordringliche Interesse der Türkei. Die Türkei und der Iran brauchen Stabilität und Sicherheit, um sich wirtschaftlich zu entwickeln, die Türkei noch dazu, um ein kostspieliges, blutiges und ihre innere Sicherheit bedrohendes Separatistenproblem zu lösen. Syrien braucht den friedlichen Wiederaufbau. Saudi Arabien muss sich auf lange Frist wirtschaftlich umorientieren, um seine Macht zu behalten. Das saudische Militär hat zwar eine hochmoderne Ausrüstung, aber keine Soldaten und Offiziere, die sie bedienen können: ohne westliche Hilfe wären die Saudis noch nicht einmal in der Lage, den Jemen zu beschießen. Die Rebellen zu besiegen, sind sie auch mit dieser Hilfe nicht imstande. Zudem müssen sie die das Land destabilisierende Macht der Muslimbrüder fürchten. Die „wild cards“ sind natürlich Israel und der unübersichtliche interne Streit im saudischen Königshaus. Trotzdem oder gerade deswegen ist es so wichtig, jetzt auf Vernunft und Nüchternheit zu setzen. Die Türkei ist unter all diesen Parteien das Land, das zu allen Parteien einen direkten Draht hat. Die Türkei kann, wenn sie will, hier eine Schlüsselrolle einnehmen, den Kompromiss und ein friedliches Miteinander aller muslimischer Staaten der Region zu fördern. Der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt. Hat dieses Projekt Erfolg, dann wäre die jetzige Krise, in der alle Parteien stecken, letzten Endes für alle in einen Stimulus zu der Einsicht verwandelt: die muslimischen Staaten müssen sich zusammentun und nicht von fremdem Interessen spalten lassen. Dies würde den Frieden und die Stabilität in der Region fördern, und das ist nicht nur im Interesse der Muslime, es ist im Interesse aller Verständigen, weltweit, gerade auch Russlands. Erdogan hat mit Ildib sein Verhandlungsgeschick bewiesen. Wenn er auch im Interesse einer größeren Vision für die Region seine Autorität und sein Geschick einbringt, könnte er einen Erfolg einfahren, der größer ist als alles, was er bisher geleistet hat.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Lebenslauf Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen.

Emsland
Moorbrand-Messungen: Grenzwerte wurden überschritten

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Osnabrück – Bei dem von der Bundeswehr mit Munitionstests verursachten Moorbrand im Landkreis Emsland sind in angrenzenden Ortschaften einschlägige Kohlenmonoxidgrenzwerte überschritten worden. Das berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung“ unter Berufung auf Messprotokolle, die ihr vorliegen und deren Authentizität geprüft wurde. In dem Dorf Stavern östlich des Testgeländes für Waffen und Munition der Bundeswehr (WTD) stellte der ABC-Messzug der Feuerwehr Leer in der Nacht vom 18. auf den 19. September mehrere Überschreitungen von Grenzwerten fest, teilweise um mehr als 100 Prozent. Der höchste gemessene Wert betrug 20 ppm (parts per million). Das Technische Hilfswerk (THW) hatte in Stavern ein Zeltlager mit rund 400 Plätzen für seine Helfer aufgeschlagen. In direkter Nähe sowie im Bereich der dörflichen Wohnbebauung überstiegen die Messungen den relevanten Schwellenwert von 9 ppm ebenfalls teilweise sehr deutlich. Die Messungen führten nur deshalb nicht zur Evakuierung, weil die Werte nicht über einen dafür relevanten Zeitraum von vier beziehungsweise acht Stunden ermittelt wurden. Erst in der Kombination von Konzentration und Dauer wird von einer spürbaren Beeinträchtigung der Gesundheit ausgegangen. Feuerwehr erhebt Vorwürfe Um die Gefahr bewerten zu können, hatte die Feuerwehr ihren Angaben zufolge der Bundeswehr nach den ersten Ergebnissen dringend eine fortlaufende Kontrolle der Messpunkte mit Überschreitungen empfohlen. Die Einsatzleitung der Bundeswehr lehnte Anschlussmessungen an den identischen Stellen allerdings ab, wie es in Feuerwehrkreisen verständnislos heißt. Folge: Die Messwerte blieben auf einzelne kurze Zeitpunkte begrenzt, weder das Dorf noch das THW-Lager mussten formal evakuiert werden. Als „gar nicht witzig“ bezeichneten Einsatzkräfte gegenüber der NOZ die pauschale Aussage von Bundeswehr und Landkreis, dass die Messwerte der Nacht nicht auf eine akute Gesundheitsgefährdung für Anwohner und Helfer hätten schließen lassen. Mindestens für Alte, Schwangere, Kinder und Kranke gelte das trotz der ermittelten, in Relation niedrigen und auch in Privaträumen zuweilen erreichten Schadstoffwerte nicht. Bei anderen Menschen hänge es von der Dauer der Belastung ab. Sehr wahrscheinlich sei zudem, dass auf dem Höhepunkt der Verrauchung im Vorfeld der ersten Messungen ebenfalls kritische Werte in Stavern ermittelt worden wären. Spätestens dann hätte sich die Frage nach der einschlägigen Dauer der Belastung und einer fälligen Evakuierung von selbst beantwortet. Das aber bleibt Spekulation, weil weder Bundeswehr noch Landkreis entsprechende Messungen an den Tagen zuvor veranlasst hatten.

Christen in China
Kommentar: Warum schweigt man über die Christenverfolgung in China?

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther In den letzten Monaten hat die Berichterstattung über die systematische Verfolgung der Uiguren in China zugenommen. Was dagegen kaum je erwähnt wird, ist die Tatsache, dass in China heute eine Politik betrieben wird, die auf die Auslöschung aller Religionen und letztlich aller Minderheiten und ihrer Identität abzielt. Zunächst einmal wächst die Zahl und Größe der Lager für Uiguren ständig. Inzwischen werden auch manche in Gegenden außerhalb der autonomen Region Xinjiangs interniert. Hui-Muslime erleben ebenfalls eine schleichende Entrechtung: Durchsetzung des Verbots religiöser Erziehung, Abriss oder Umbau von Moscheen, Eliminierung arabischer Schrift etc. Aber das ist bei weitem nicht alles. Auch für Christen wird das Leben in China immer schwieriger. Ja selbst Buddhisten – auch außerhalb Tibets – fühlen inzwischen die eiserne Faust des Staates. Die Situation der Christen war und ist in China sehr komplex. Um zu verstehen, was vorgeht, muss der Leser zunächst die Vorgaben der chinesischen Verfassung und ihre Umsetzung kennen. Es ist ein großes Verdienst Mao Zedongs, dass er schon in der Phase des Kampfes gegen die japanische Besetzung erkannte, das China die Rechte seiner Minderheiten auf Sprache, Kultur und Religion anerkennen muss, um seine Einheit zu wahren. So schrieb bereits die erste Verfassung fest, dass China fünf Religionen anerkenne: Islam, Katholizismus, Protestantismus, Daoismus, Buddhismus (Konfuzianismus wird nicht als Religion betrachtet). Was eine Religion ausmacht, definiert das chinesische Recht im Detail. Dies gilt auch in der heute gültigen Form der chinesischen Verfassung. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit nicht die freie Religionsausübung garantiert. Der Text der Verfassung sagt, jeder habe das Recht an eine Religion zu glauben. Das ist nicht ohne Konsequenzen. Der Staat behält sich das Recht vor, die Ausübung dieses Glaubens zu regulieren. In der Praxis gibt es dazu eine Religionsbehörde. Ein wesentlicher Grundsatz der Verfassung ist es nun, dass ausländischer Einfluss auf chinesische Angelegenheiten, somit auch die Religion verboten ist. D.h. wiederum der chinesische Staat überwacht die Religionen und stellt damit sicher, dass ausschließlich der chinesische Staat entscheidet, wer religiöse Gemeinschaften leitet und in welcher Form Religionsausübung gestattet ist. Alle Geistliche aller Religionen sind chinesische Staatsbeamte, nur sie sind befugt, religiöse Zeremonien durchzuführen, der Besuch von religiösen Begegnungsstätten, wo nicht vom Staat bestimmte Geistliche tätig sind, ist verboten. Es kommt freilich dazu, dass sich die Parteidoktrin der Kommunistischen Partei explizit als atheistisch definiert. Mitglieder der kommunistischen Partei dürfen keiner Religion angehören. Ebenso ist Religionsunterricht verboten. In der Praxis wurde freilich einfach ein Auge zugedrückt. D.h. jedoch: man kann religiöse Erziehung jederzeit verbieten. Das geschah schon lange in Xinjiang, jetzt betrifft es auch Hui-Muslime. Dieses Modell insgesamt funktionierte eine lange Zeit durchaus nicht schlecht. Natürlich war damit jedoch der Konflikt mit den christlichen Kirchen vorprogrammiert, zumal der katholischen. Die katholische Kirche besteht auf dem Recht des Vatikan, Priester und Bischöfe alleine zu bestimmen; für China ist dies undenkbar: der Vatikan ist eine ausländische Macht. Das führte dazu, dass es z.B. zwei katholische Kirchen in China gab: eine, deren Priester und Bischöfe vom chinesischen Staat eingesetzt wurden, eine, wo das von Rom bestimmt wurde. Letztere zu besuchen, war illegal. Erstere war legal; ich kenne sogar persönlich einen Kollegen an der wichtigsten Universität Pekings, der ein staatskonformer Katholik ist und der über mittelalterliche europäische Philosophie forscht. Soweit so gut! Diese Politik Chinas gegenüber der Religion funktionierte gar nicht so schlecht, solange sie im Geist der von Deng Xiaoping nach Beendigung der Kulturrevolution ausgegebenen Parole von der ,gegenseitigen Annäherung‘ betrieben wurde. Freilich gab es neben den beiden Parallelenkirchen im katholisch/ protestantischen Bereich eine schwer greifbare Grauzone von im Untergrund arbeitenden freikirchlichen Gemeinden. Seit ich China aus eigener Anschauung kenne begann nun diese Grauzone mit großer Geschwindigkeit zu wachsen. Es entstand eine Bewegung sogenannter ,Hauskirchen‘, d.h. christlichen Gemeinschaften, die sich in privaten Verbänden jenseits der offiziellen Religion entwickelten. Diese Bewegung verdankt ihren Erfolg der Tatsache, dass sie dem Bedürfnis vieler Menschen nach echter Gemeinschaft, gegenseitiger Hilfe und spirituellen Werten entgegenkam, gerade auch einfachen Menschen diese Bedürfnisse erfüllte, die man in der kalten, nur von dem Streben nach materiellen Gütern oder auch einfach dem bloßem Kampf ums Überleben in einem Riesenland bestimmten Gesellschaft nicht fand. Zudem in einer Gesellschaft, wo der einzige Anker, emotional und auch im Überlebenskampf, die Familie war, die traditionelle Familie freilich aufgrund vieler Faktoren immer mehr zerbrach. Ich habe in meiner Zeit in China erfahren, wie viele Chinesen ein unendliches Gefühl der Sinnleere und Einsamkeit in sich tragen. Das Wachstum dieser Grauzone empfand die kommunistische Partei immer als Bedrohung, weil sie sich nicht in ihr Konzept der staatlichen Überwachung der Religion einfügte. Das Bedürfnis nach sinnerfüllter Spiritualität und Gemeinschaft fördert auch das Entstehen von christlichen Sekten wie ,The Church of the Almighty God‘. Solche auf totale Unterordnung ihrer Mitglieder unter eine Art von Geheimverband abzielende Sekten sind natürlich Anathema für den Anspruch des Staates auf Letztkontrolle und exklusive Normsetzung. Jede solche Bewegung wird inzwischen rücksichtslos verfolgt und total zu vernichten gesucht ähnlich der seit langem agierenden und mit Tod und Folter bekämpften Falun-Gong-Bewegung. Im letzterem und dem Fall der ,Church of the Allmighty God‘ besteht tatsächlich der begründete Verdacht, dass es sich um Sekten handelt, die denjenigen, der in ihre Fänge gerät, mit kriminellen Methoden zu absoluter Botmäßigkeit zwingen. Solche Bewegungen zu bekämpfen, ist berechtigt, sofern die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt wird. Es gibt freilich ausreichende Evidenz, dass Mitglieder der ,Church of the Allmighty God‘ Folter und willkürlicher Ermordung ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund ist es ein ungeheuerlicher Skandal, dass Deutschland, das angeblich aus Versehen einen Uiguren an China ausgeliefert hatte, der auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, am 31.8. ein Mitglied der ,Church of the Allmighty God‘ nach China abgeschoben hat, trotz aller Proteste des DRR und mehrerer NGOs. Die Person ist seitdem spurlos verschwunden (https://bitterwinter.org/germany-has-deported-sister-zhao-back-to-china/). Ich frage mich, ob die Abschiebung des Uighuren wirklich ein Versehen war. Was aber die chinesische Politik gegenüber Christen angeht, so ist das entscheidende Neue des Vorgehens in der letzten Zeit unter Xi Jinping, dass gegen Christen aller Kirchen, einschließlich der legalen mit Willkür, Restriktion, Einschüchterung und Diskriminierung vorgegangen wird. Legale Kirchen werden abgerissen; neulich wurden tatsächlich renovierungsbedürftige Kirchen unter der Vorspiegelung, sie würden neu gebaut, abgerissen, der Neubau wurde verboten. Das Internetjournal ,Bitter Winter‘, das sich der Verfolgung der Religion in China widmet, hat in jeder Ausgabe so viele Berichte über Abrisse von Kirchen, Verhaftungen und Einschüchterung von Christen, dass es gar keinen Sinn hätte, hier einen Fall herauszupicken. Der Abriss von legalen Kirchen (genauso wie illegalen) ist gang und gäbe. Ebenso werden Christen gezwungen, ihren Glauben anzugeben: das kann zu Jobverlust, sogar zu Problemen im Studium führen. Auch können Verwandte in Sippenhaft genommen werden. Von nur einem bekennenden Christen abzustammen, kann zu Repressalien führen. Man schüchtert systematisch Christen ein und verlangt von ihnen, ihrem Glauben abzuschwören oder mit unangenehmen Konsequenzen rechnen zu müssen. Was man mit den Muslimen in Xinjiang in großen Stil betreibt, wird bei Hui-Muslimen und Christen scheibchenweise angewendet und die Daumenschrauben werden immer fester gezogen. Das ist eine übliche Methode der kommunistischen Partei. Flächendeckende Maßnahmen sind in einem so großen Land wie China nicht durchsetzbar. So werden je nach Bedarf vor Ort nach Belieben die Regeln jeweils entsprechend der Situation festgelegt. Gesetzliche Bestimmungen sind irrelevant; der Wille der Partei hat immer Vorrang. Die Rede von der schrittweisen Verwirklichung einer ,rule of law‘ ist Augenwischerei. ,Rule of law‘ kann es in China unter der Partei nie geben. Die Partei steht grundsätzlich über allen Gesetzen. Aber zurück zu den Methoden der Salamitaktik. Sie hat System. Chinesische Politik plant nicht in Fünf-Jahres-Plänen oder Wahlperioden, chinesische Politik plant über Zeiträume vom zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren. Genau deshalb ist sie auch wirtschaftlich so erfolgreich. Was in China hinsichtlich der Erodierung religiöser Freiheit geschieht, ist Teil einer Langzeitstrategie, jede Religion in China auszulöschen. Ziel ist, alle Chinesen in perfekt funktionierende Untertanen zu verwandeln. Xinjiang ist zugleich das Experiment, wie man den totalen Überwachungsstaat optimiert, wie man Religion, Kultur, Sprache auslöscht und Menschen entweder total assimiliert oder eliminiert. Dass man dabei keine Brutalität scheut, zeigt das jetzt in vollem Gange befindliche Experiment Xinjiang. Es wird nicht lange mehr dauern, und es ist beendet. Dann wird die Identität der Hui-Muslime ausgelöscht, dann die Christen, etc. Und bei der Auslöschung der Christen hat China ganz unerwartet gerade neulich eine wesentliche Unterstützung erhalten. Der Vatikan hat am 22.9. diesen Jahres nach langen Verhandlungen seine Differenzen mit der chinesischen Regierung in einem provisorischen Abkommen beigelegt. Peking schlägt dem Vatikan die Bischöfe vor, der Vatikan hat ein Vetorecht. Die ersten von Peking vorgeschlagenen Bischöfe sind bereits bestätigt. Der emeritierte Bischof von Hongkong, Kardinal Josef Zen Ze-Kiun, hat das Abkommen bis zuletzt zu verhindern versucht und es jetzt scharf kritisiert und als Verrat an der Untergrundkirche bezeichnet. Aber man muss sich nur daran erinnern: der Vatikan hat sich mit Mussolini und auch mit Hitler geeinigt. Warum nicht mit China? Und so hört man von Papst Franziskus auch kein Wort über die Verfolgung von Christen, kein Wort über die Vorgänge in Xinjiang. Ich gehöre nicht zu denen, die Papst Pius XII und seine Berater als Nazis diffamieren; das ist von heute aus billig. Niemand konnte damals wissen, was die Nazis tun würden. Und nachdem man sich einmal auf den Pakt eingelassen hatte, konnte man wenig tun. Heute könnte man klüger sein, aber Papst Franziskus weiß über Geschichte so wenig, dass er nicht nur den angeblichen Völkermord an den Armeniern wie selbstverständlich anerkennt, sondern ihn auch noch zum ersten des 20. Jhs. erklärt. Und er hat ja auch mit der argentinischen Militärdiktatur gute Erfahrungen gemacht. Solch ein Abkommen wäre in den 1980er Jahren gar nicht so schlecht gewesen, es kommt aber jetzt, wo Xi Jinping die totale Gleichschaltung einführt. Das Abkommen legitimiert jetzt einen Staat, der die Religion abschaffen will. Es ermöglicht ihm, die Untergrundkirche und die Grauzone der Freikirchen mit autoritativer Unterstützung zu delegitimieren und so noch leichter zu beseitigen. Die Staatskatholiken hat er in der Hand, er kann sie jederzeit gleichschalten und bei Gehorsamsverweigerung eliminieren. Dass der Vatikan jetzt eine solche Eselei begeht, liegt natürlich auch daran, dass niemand hier im Westen der Listanwendung oder, auf gut Deutsch, Hinterfotzigkeit der chinesischen Regierung gewachsen ist. Das offizielle China verkündet in seinen Medien, Religion sei durchaus in Ordnung und tolerabel, nur ,falsche‘ Ansichten und religiöser Fanatismus seien eine Gefahr. Die müsse man bekämpfen. In der Praxis fährt man dann zunächst zweigleisig: man setzt zunächst staatstreue Geistliche ein, die die Stabilität gewähren, während man ,falsche‘ Ansichten ausrottet. Was ,falsche‘ Ansichten sind, wird dann schrittweise immer weiter gefasst, bis Religion insgesamt als ,falsche‘ Ansicht gefasst und ausgerottet wird. Die Welt muss lernen, Chinas Tradition und die Ideologie der kommunistischen Partei zu verstehen, um China erfolgreich begegnen zu können. Wenn man das geschlossen und mit aller Härte und Besonnenheit tut, dann ist der chinesische Albtraum von der Auslöschung alles Menschlichen besiegbar. Fazit: der, jedenfalls offiziell, so sehr um das Wohlergehen von Christen besorgte Westen hat allen Grund, China entgegenzutreten, schon alleine wegen seiner ausufernden Christenverfolgung. Jedenfalls dann, wenn es dem Westen wirklich um das Christentum geht. Man könnte sogar, wenn man seinen Kopf weiter betätigt, Folgendes feststellen: wo immer es weder einen mehrheitlich christlichen oder muslimischen Staat gibt, sitzen Muslime in demselben Boot. Wo man Muslime verfolgt, verfolgt man auch Christen. Das gilt für Staaten, wo die Mehrheitsgesellschaft von religiösen Fanatikern durchsetzt ist, wie in Indien; auch dort werden nicht nur Muslime, sondern auch Christen von radikalen Hindus drangsaliert. Es gilt für das atheistische Verbrecherregime der VR Chinas, wie es für die SU und ihre Vasallen galt. Es gilt im übrigen auch für Israel, wo christliche Palästinenser genauso gequält und ermordet werden wie muslimische und auch andere christliche Gemeinden in Jerusalem immer mehr unter Druck geraten. All das ist eigentlich auch selbstverständlich: der Islam und das Christentum sind Schwesterreligionen. Es gibt viel mehr, was sie verbindet als was sie trennt. Aber statt dort zu protestieren, wo Christen wirklich gequält werden, redet man im Westen lieber von Unterdrückung von Christen in der Türkei. Man hat leider den Eindruck unseren Politikern geht es nicht darum, Christen zu schützen, sondern Muslime zu verunglimpfen. In Staaten, die nach islamischen Regeln regiert werden (das ist leider nicht bei allen Staaten des islamischen Kulturkreises so), gibt es keine Verfolgung von Christen: Christen genießen Religionsfreiheit in der Türkei oder auch im Iran. Die Türkei bedarf keiner Belehrungen von Herrn Kauder! China verdiente ein offenes Wort des christlich-jüdischen Abendlandes – und Konsequenzen! Ein anderer Staat, den ich ungern allzu oft nenne, auch.

Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Menschenrechtsverletzungen in China – Bericht: China verstärkt Repressalien gegen muslimische Uiguren

Eine Untersuchung des Wall Street Journal enthüllt, was in Chinas wachsendem Netzwerk von Internierungslagern, wo Hunderttausende von ethnischen Uiguren festgehalten werden, vorgeht. Wie WSJ berichtet, habe China sein Internierungsprogramm, das ursprünglich auf ethnische uigurische Extremisten zielte, scharf erweitert.


Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Lebenslauf Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen.

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Istanbul: Wurde der saudische Journalist Khashoggi ermordet?

Istanbul (nex) – Die Vereinigten Staaten haben die mutmaßliche Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in einem saudischen Konsulatsgebäude in Istanbul verurteilt. Der Journalist und regelmäßige Kolumnist der Washington Post ist seit seinem Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul am 2. Oktober vermisst. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf namentlich nicht genannte türkische Quellen am Samstag berichtete, sei der saudische Journalist, nachdem er mehrere Tage im Gebäude festgehalten wurde, umgebracht worden. US-Journalisten und -Behörden haben Saudi-Arabien bereits verurteilt. Khashoggi ist bekannt für seine Kritik der saudischen Innen- und Außenpolitik. Fred Hiatt, Redakteur der Washington Post und Kollege von Khashoggi, sagte, wenn er tatsächlich ermordet wurde, sei dies eine „monströse und unvorstellbare Tat“. Chris Murphy, Mitglied des U.S. Senats und des Ausschusses für Außenbeziehungen, teilte über Twitter mit, dass der Mord, wenn er tatsächlich geschehen sei, einen „grundlegenden Bruch“ in den Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien darstellen würde. Murphy hatte zuvor von der saudischen Regierung „eine Antwort“ auf den Verbleib von Khashoggi gefordert. Wie die türkische Polizei am gestrigen Samstag mitteilte, seien 15 Saudis, darunter mehrere Beamte, mit zwei Flugzeugen in Istanbul gelandet und hätten das Konsulat besucht, während sich Khashoggi ebenfalls im Gebäude befand. Die Saudis hätten die Türkei inzwischen wieder verlassen. Die türkische Polizei in Istanbul untersucht derzeit die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras, um zu sehen wer seit Khashoggis Betreten des Konsulates ein und ausgegangen ist, so die Verlobte des Journalisten gegenüber türkischen Medien. Die Generalstaatsanwaltschaft in Istanbul leitete am Tag des Vorfalls eine Untersuchung ein. Das Konsulat teilte auf Twitter mit, dass es in Abstimmung mit den türkischen Behörden arbeite.

Tiermedizin
Umweltstiftung: Einsatz von Antibiotika in Tierhaltung reduzieren

Osnabrück – Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat sich für ein Umdenken beim Arzneimitteleinsatz in der Tierhaltung ausgesprochen. Generalsekretär Alexander Bonde sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ mit Blick auf Antibiotika in Ställen: „Eine weitere Reduktion ist notwendig und möglich.“ Bonde verwies aber auch darauf, dass die Umwelteffekte weiterer Tierarzneien in den Blick genommen werden müssten. „Umweltwirkungen sind nicht nur bei der Anwendung von Antibiotika, sondern auch durch viele andere Wirkstoffgruppen zu verzeichnen.“ Dies werde bislang aber kaum thematisiert. Das Bewusstsein der Nebenwirkungen müsse bei Tierärzten und Landwirten geschärft werden, so Bonde. Er rief dazu auf, über die Art der Verabreichung der Wirkstoffe nachzudenken: „Es bestehen berechtigte Zweifel, dass die derzeitige Verabreichung von Tierarzneimitteln über Futtermittel und Tränkewasser eine sichere Medikation gewährleistet.“ Auch bei der Anwendungshäufigkeit und der Entsorgung der Restmengen herrsche Weiterbildungsbedarf. Nach Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit geht die abgegebene Antibiotika-Menge an Tierärzte seit Jahren kontinuierlich zurück. Die amtliche Statistik weist seit 2011 einen Rückgang von 57 Prozent auf zuletzt 733 Tonnen im Jahr 2017 auf. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in Human- und Tiermedizin wird kritisch gesehen, da Erreger Resistenzen ausbilden können. Einem solchen Supervirus stünde die Menschheit weitgehend schutzlos gegenüber. Die DBU veranstaltet am 16. Oktober ein Forum zur Umweltbelastung durch Tierarzneimittel. Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutieren zum Thema „Sanfte Medizin für gesunde Tiere“.

Beobachtung durch den Verfassungsschutz
Ein Rechtsaußen in der AfD

Halle – Rechtsextreme Verbindungen einzelner AfD-Mitglieder spalten die AfD und heizen zugleich die Debatte über eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz an. Im Saalekreis wurde 2017 offenbar ein Ex-Mitglied der rechtsextremen NPD unter abgewandeltem Namen in die AfD eingeschleust. Das berichtet die Mitteldeutsche Zeitung. Mit den gefälschten Dokumenten sollte offenbar die extremistische Vergangenheit des Mannes verschleiert werden, etwa bei Internetsuchen. In der AfD herrscht ein Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NPD und ihrer Jugendorganisation JN. Die Affäre zieht Kreise. Laut AfD-Mitgliedern ist der Bundesvorstand in Berlin informiert. Brisant: Die Partei müht sich aktuell, eine befürchtete Beobachtung durch den Verfassungsschutz abzuwehren, hat dafür ein gesondertes Gremium gegründet. AfD-Kreischef Hans-Thomas Tillschneider bestätigte nun der MZ, dass das Ex-NPD-Mitglied Oliver H. im Saalekreis aufgenommen wurde. Tillschneider beteuert aber zugleich, er selbst sei damals weder Kreischef, noch am Aufnahmeprozedere beteiligt gewesen. „Erst danach ist mir bekannt geworden, dass die betreffende Person NPD-Mitglied war.“ Im Januar 2018 sei H. aus der AfD ausgetreten.