Dieselkrise
Tarek Al-Wazir fordert Bundesregierung auf, sich mit Autoindustrie anzulegen

Düsseldorf – Der Grünen-Spitzenkandidat und Wirtschaftsminister in Hessen, Tarek Al-Wazir, hat die Bundesregierung im Diesel-Streit zu einem härteren Kurs gegenüber der Autoindustrie aufgerufen. „Die Bundesregierung wäre gut beraten, sich an dieser Stelle mal mit der Autoindustrie anzulegen und die Konzerne in die Verantwortung zu nehmen“, sagte Al-Wazir dem Bonner „General-Anzeiger“ und der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Einer der Gründe, warum die große Koalition in Berlin so schlecht dastehe, liege auch darin, dass die Verbraucher auch hier die Zeche zahlen sollen, während die Autoindustrie geschont werde. Dies würden die Menschen nicht verstehen. „Und ich verstehe nicht, warum die Bundesregierung da nicht mehr Druck macht – aus falsch verstandener Rücksichtnahme“, sagte der hessische Wirtschaftsminister. Er forderte, Katalysatoren zur Abgasreinigung „auf Kosten der Autoindustrie“ einzubauen. Nach Einschätzung von Al-Wazir sind die aktuellen Umfragewerte der Volksparteien CDU und SPD „unter anderen dem unfassbar schlechten Auftreten der großen Koalition in Berlin“ geschuldet. Die große Koalition habe mit Formelkompromissen „wie etwa der unsäglichen Personalie um Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen“ viel Vertrauen verspielt. „Erst ein halbes Jahr Jamaika-Gewürge, dann ein halbes Jahr Groko-Gewürge, das wollen die Menschen doch nicht sehen!“, so Al-Wazir. Das Geheimnis der funktionierenden schwarz-grünen Koalition in Hessen liege auch darin, „dass wir uns – anders als die Groko in Berlin – nicht beschimpfen (…).“ Ministerpräsident Volker Bouffier und er seien unterschiedlich, wie CDU und Grüne auch. „Aber uns genügen zwei SMS, um die meisten Probleme schnell zu klären.“

Ex-Minister Thomas de Maizière: „Wir haben nur noch fortissimo

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht die politische Kultur in Deutschland durch überhitzte Auseinandersetzungen beschädigt. „Es gibt in der politischen Debatte kaum noch einen Unterschied zwischen piano und fortissimo. Wir haben nur noch fortissimo“, sagte der CDU-Politiker der „Rheinischen Post“. Der 54-Jährige, der heute Mitglied im Finanzausschuss des Bundestags ist, beklagte: „Heute wird schnell von Staatsversagen gesprochen, auch wenn staatliche Stellen eine kritische Entwicklung nur begrenzt beeinflussen können oder nur eine einzelne Behörde Fehler gemacht hat. Unser Staat versagt nicht, er funktioniert“, sagte er. Während der Flüchtlingskrise hatten auch Unionsmitglieder von Staatsversagen gesprochen. De Maizière, der sein Amt als Innenminister im Februar abgeben musste, weil CSU-Chef Horst Seehofer das Ministerium übernahm, sagte zu seinem Leben jetzt in der zweiten Reihe: „Es ist eine Last, die weicht.“ Und: „Ich genieße es, neue Sachen zu machen.“  

Star Refinery
Türkei: Erdogan eröffnet 6-Milliarden-Dollar-Raffinerie in Izmir

Izmir (nex) – Im Beisein seines aserbaidschanischen Amtskollegen Ilham Alijew eröffnete heute der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der westtürkischen Stadt Izmir die erste neue Ölraffinerie in der Türkei seit 30 Jahren. Die 6,3 Milliarden Dollar teure Star-Raffinerie werde dazu beitragen, die Abhängigkeit der Türkei von importierten raffinierten Ölprodukten zu verringern, so Erdogan.  Außerdem werde die türkische Raffineriekapazität um 30 Prozent erhöht. „Mit der Eröffnung der Star Refinery werden die Türkei und Aserbaidschan ihre brüderlichen strategischen Bindungen auf die nächste Ebene bringen“, sagte Erdogan in seiner Rede und fügte hinzu, dass diese Raffinerie „die größte Greenfield-Investition in der Türkei der letzten 30 Jahre“ sei. „Diese Raffinerie wird es der Türkei ermöglichen, jährlich 1,5 Milliarden Dollar an Einsparungen zu erzielen“, betonte Erdogan und fügte hinzu, dass mehr als 1.100 Arbeitsplätze in der Raffinerie geschaffen würden. Die bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und Aserbaidschan hätten ein sehr hohes Niveau und das sei auch selbstverständlich für Menschen die seit Jahrhunderten zusammen lebten, so Alijew in seiner Eröffnungsrede. Deutlicher Anstieg der Raffineriekapazitäten der Türkei Die gesamte Raffineriekapazität der Türkei wird nach der vollständigen Inbetriebnahme der Star Refinery um 33 Prozent auf 40 Millionen Tonnen pro Jahr steigen, so die offiziellen Angaben. Die Anlage an der türkischen Ägäisküste habe die Kapazität, etwa 10 Millionen Tonnen pro Jahr (200.000 Barrel pro Tag) Rohöl zu verarbeiten. Die Anlage soll 1,6 Millionen Tonnen Naphtha und 420.000 Tonnen Xylene produzieren. Neben Flugkraftstoff, Petrolkoks, Reformat, Schwefel und Flüssiggas (LPG) werden rund 4,8 Millionen Tonnen Diesel produziert. Die Türkei produziert einen Überschuss an Benzin, ist aber auf Dieselimporte angewiesen, wobei der Verbrauch des Kraftstoffs um etwa sieben Prozent pro Jahr steigt und 2019 voraussichtlich 25 Millionen Tonnen erreichen wird. Tüpraş, das einzige Raffinerieunternehmen der Türkei, verfügt über vier Werke im ganzen Land mit einer Gesamtverarbeitungskapazität von 28 Millionen Tonnen (560.000 bpd).

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– Lirakrise – Über 22 Prozent Anstieg: Türkische Lira erreicht gegenüber Dollar 2-Monats-Hoch

Die türkische Lira setzt ihren Aufwärtskurs der letzten Wochen gegenüber dem US-Dollar unvermindert fort.

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Bayern-Wahl
Kommentar: Die CSU hat nicht mehr die Persönlichkeiten für einen Neuanfang

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther Ich hatte mich in einem Beitrag zur Wahl in Bayern geäußert. Dort hatte ich gesagt, die bayerischen Wähler hätten der CSU eine klare Nachricht gegeben, was sie von ihr erwarten, und die CSU werde gut daran tun, darauf zu hören. Leider muss ich feststellen, die CSU hat anscheinend nicht mehr die Persönlichkeiten, die dazu in der Lage sind. Als die CSU zum ersten Mal die absolute Mehrheit in Bayern verlor, sind Parteivorsitzender und Ministerpräsident zurückgetreten. Das war anständig, konsequent, und das Interesse der Partei stand vor persönlicher Eitelkeit. So kam Herr Seehofer an die Macht. Weder er noch Herr Söder bringen heute diesen Anstand auf. Man redet sich heraus, tut so, als ob alles gar nicht so schlimm sei, gratuliert sich gegenseitig zum famosen Wahlkampf und spricht von der Verantwortung, dem Wählerauftrag gerecht zu werden. Der Wählerauftrag hieß aber: CSU ja, Söder und vor allem Seehofer nein! Aber ein Mann wie Seehofer, dessen Rücktritt längst überfällig ist – auch ohne Bayernwahl – wird wohl am Amt kleben, bis jemand ihn gewaltsam hinausbefördert. Nur: wer soll das sein? Es scheint, die CSU hat niemanden, auf den man zurückgreifen kann. Was hat man sonst aus der Partei gehört? Herr Dobrindt rechnet die AfD ins bürgerliche Lager, jedenfalls ihre Wähler; die muss man zurückgewinnen. Wie? Das hat Herr Friedrich gesagt – indirekt natürlich: indem man das Programm der AfD übernimmt. Er meint Merkel sei schuld. Nun, da muss ich mal Alice Weidel recht geben: wer bei der Bayernwahl AfD gewählt hat, sagte: Merkel muss weg. Das waren gerade mal ca. 10% der bayerischen Wähler. Der Rest hat gesagt: Seehofer? Nein danke. Denn der hatte bereits das Programm der AfD, bevor Dobrindt und Friedrich das noch einmal subtil bekräftigt haben. Der Rest hat gesagt: bürgerliche Mehrheit im Stil der alten – jetzt muss man sagen toten – CSU ja; Faschismus, leeres Gerede, Konzeptlosigkeit à la AfD nein! Eine CSU, die das verwirklichen kann, gibt es nicht mehr. Ich find’s schade. Mal sehen, was die Hessenwahl der CDU bringt. Da geht’s um Merkel. In Bayern ging’s um Seehofer und Söder!

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– Bayern-Wahl – Kommentar: Die bayerischen Bürger haben bei dieser Wahl ihre Intelligenz bewiesen

Die Geschichte der CSU in Bayern ist insgesamt eine glänzende Erfolgsstory. Nach der – recht pittoresken – Beseitigung der Bayernpartei, die dieselbe Wählerschaft bediente, dominierte die CSU Bayern von 1962 -2008 mit absoluter Mehrheit.

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Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen. Ausgebildet in Freiburg und Oxford. Stipendiat der DFG und der Alexander von Humboldt -Stiftung. Gerhard Hess Preis der DFG. Zahlreiche Publikationen (ca. 40 Bücher, u.a. Brill’s Companion to Propertius, Brill’s Companion to Horace) im Bereich der antiken Philosophie und Literatur, der Byzantinistik, Neogräzistik, modernen Literatur und Philosophie, Ethik und Politik. Zahlreiche Versübersetzungen aus dem Lateinischen, Italienischen, Neugriechischen, Georgischen, Japanischen und Chinesischen. Lehrt regelmäßig in Italien, zahlreiche Gastaufenthalte in der Schweiz, Polen, Georgien, Indonesien, Iran, Seoul, Tokyo und vielen chinesischen Universitäten. Herausgeber mehrerer Buchreihen, im wissenschaftlichen Beirat zahlreicher wissenschaftlichen Zeitschriften.

Fall Khashoggi
Ex-MI6-Chef lobt türkische Ermittlungsbehörden

London (nex) – In einem Gespräch mit dem britischen Nachrichtensender BBC lobte der ehemalige Chef des britischen Geheimdienstes MI6, Sir John Sawers, die Ermittlungsbehörden der Türkei anlässlich des Falles des mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordeten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi. Sawers sagte dem BBC, er respektiere die Gründlichkeit und Professionalität der türkischen Geheimdienste: „Die Genauigkeit der Details, die von türkischen Sicherheitsquellen kommen, sind so eindeutig, dass eine Aufnahme existieren muss.“ Er wies darauf hin, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und Saudi-Arabien in den letzten zehn Jahren nicht immer die besten waren und man aus diesem Grund davon ausgehen könne, dass die türkischen Behörden die Gebäude der saudischen Regierung sehr genau beobachtet haben. „Sie hatten vielleicht das Konsulat abgehört oder das Killer-Kommando hatte irgendwelche elektronischen Geräte dabei die abgehört werden konnten“, so der Geheimdienstler. „Der Details sind sehr belastend für das Killer-Kommando, und[ihre gemeldeten Identitäten] zeigen, wie nah sie dem Kronprinzen sind“. Kronprinz Salman hinter Mord Sawers betonte, dass alle Beweise darauf hindeuteten, dass Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hinter dem Tod des Journalisten Jamal Khashoggi stecke, und dass die Theorie, dass Abtrünnige aus dem saudischen Militär auf eigene Faust handelten und für den Mord verantwortlich seien, eine „abwegige Fiktion“ sei. Sawers, der bis 2014 Leiter des britischen Geheimdienstes war, behauptete in dem Gespräch mit BBC auch, dass der Kronprinz nur so handeln würde, wenn er sicher wäre die Zustimmung des Weißen Hauses hinter sich zu haben, sich so zu verhalten, wie er es sich wünscht. Der Journalist ist seit seinem Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul am 2. Oktober vermisst. Medienberichten zufolge seien mittlerweile Aufnahmen aufgetaucht aus denen hervorgehe, dass Khashoggi noch im Konsulat ermordet dann zerstückelt wurde.

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– Fall Khashoggi – Saudi-Arabien: Mutmaßlicher „Khashoggi-Killer“ stirbt bei Autounfall

Einer der 15 Saudis, die am selben Tag in der Türkei ankamen, an dem der Kolumnist der US-Tageszeitung Washington Post, Jamal Khashoggi, verschwand, starb bei einem „verdächtigen Verkehrsunfall“, und der saudische Konsul in Istanbul könnte das nächste Ziel „einer Hinrichtung sein“, berichten türkische Medien.

Saudi-Arabien: Mutmaßlicher „Khashoggi-Killer“ stirbt bei Autounfall
         

Türkei
Muslimische Gemeinde betete 37 Jahre lang in die falsche Richtung

Istanbul (nex) – Muslime in einem Dorf in der Westtürkei haben entdeckt, dass sie seit 37 Jahren in die falsche Richtung gebetet haben. Der Islam schreibt vor, dass die täglichen rituellen Pflichtgebete in Richtung Mekka – Saudi-Arabien, zu verrichten sind. Die Moscheen werden dementsprechend ausgerichtet. Beim Bau der Moschee in Sugören in der Provinz Yalova hat man es im Jahr 1981 mit den Himmelsrichtungen wohl nicht so ernst genommen. Nach einem Antrag bei der Religionsbehörde durch den im letzten Jahr ernannten Vorbeter, habe das zugehörige Amt bestätigt, dass die sogenannte Mihrab, eine halbkreisförmige Nische in der Wand einer Moschee, die die Gebetsrichtung anzeigt, bei der Errichtung des Gebäudes am falschen Platz gebaut wurde. Wie die türkische Zeitung „Hürriyet“ unter Berufung auf eine Meldung der Demirören Nachrichtenagentur berichtet, habe man sich letztendlich zu einer improvisierten Lösung und nicht für einen Abriss der Moschee entschieden. Die Gemeindemitglieder haben auf den Teppich des Gebetsraumes nun einfach weiße Linien, die Richtung Mekka, zeigen geklebt.

 

Lirakrise
Türkei: Lira steigt in einer Woche erneut über 5 Prozent

Istanbul (nex) – Nach einem Rekordanstieg in den letzten zwei Monaten, hat die türkische Lira in der letzten Woche gegenüber der amerikanischen Währung erneut erheblich zugelegt. Die türkische Währung gewann gegenüber dem US-Dollar über 5 Prozent an Wert, zum Schlusskurs der vergangenen Woche. Bereits Anfang dieser Woche erreichte die Lira mit 5,48 (12.00 Uhr Ortszeit) ein 2-Monats-Hoch, während sie vergangene Woche bei 5,93 abschloss. Der Wechselkurs des US-Dollars zur türkischen Lira begann die Woche bei 5,8420 und erreichte Mitte Donnerstag den Tiefststand von rund 5,50. Wie die türkische Zentralbank berichtet, betrug der durchschnittliche Wechselkurs des US-Dollars zur türkischen Lira in den ersten beiden Oktoberwochen 6,04 und im vergangenen Monat 6,38. Auch der Euro-Lira-Kurs war rückläufig, von 6,85 in der vergangenen Woche fiel der Euro gegenüber der Lira um 5,7 Prozent. Entspannung nach Brunson-Freilassung Politische Spannungen zwischen der Türkei und den USA lösten an den Finanzmärkten Sorgen aus, nachdem Trump damit drohte, den wirtschaftlichen Druck zu nutzen, um Brunsons Freilassung zu sichern. Trump genehmigte im August in Folge der Inhaftierung eine Verdoppelung der Zölle auf türkisches Stahl und Aluminium. Die Türkei reagierte darauf mit einer Erhöhung der Zölle auf US-Autos, Alkohol und Tabakimporte. Die türkische Währung Lira fiel darauf hin im August auf ein Rekord-Tief. Nach der Freilassung Brunsons erholte sich die Währung wieder und erreichte am heutigen Montag den höchsten Stand gegenüber dem US-Dollar seit Monaten. Die Lira war in den letzten Monaten in einen Abwärtstrend geraten, welcher durch die diplomatische Krise mit den USA nochmal verstärkt wurde. US-Pastor Andrew Brunson saß wegen Terrorismus-Vorwürfen seit dem 7. Oktober 2016 in türkischer Haft und wurde am 23. Juli 2018 in den Hausarrest entlassen. Ein türkisches Gericht verurteilte den Pastor am vergangenen Freitag zu drei Jahren und 45 Tagen Gefängnis, er wird aber keine Haftstrafe absitzen. Das Gericht hat seine Haftzeit angerechnet und seinen Hausarrest und sein Reiseverbot beendet. Während Brunson ursprünglich aus dem Bundesstaat North Carolina stammt, verbrachte er mehr als zwei Jahrzehnte in der Türkei, und im Weißen Haus erwähnte er seine Zuneigung zum Volk des Landes. Bei einem Treffen mit Brunson im Weißen Haus, begrüßte US-Präsident Donald Trump die Entscheidung der türkischen Gerichte Brunson ausreisen zu lassen. Nun könne man in den türkisch-amerikanischen Beziehungen ein neues Kapitel eröffnen. „Dies ist ein gewaltiger Schritt in Richtung einer Beziehung, die eine großartige Beziehung sein kann“, sagte Trump im Weißen Haus und begrüßte Pastor Andrew Brunson, der von einem türkischen Richter am 12. Oktober freigelassen wurde. „Wir denkens über die Türkei heute ganz anders als gestern. Und ich denke, wir haben die Chance, der Türkei wirklich viel näher zu kommen und vielleicht ein sehr, sehr gutes Verhältnis zu haben“, fügte er hinzu. In diesem Zusammenhang dankte Trump seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan für die Freilassung des Pastors. „Ich möchte Präsident Erdogan für seine Hilfe danken!“ twitterte Trump am 13. Oktober. Trump widersprach zudem Medienberichten, wonach es für die Freilassung des Pastors einen Deal zwischen der Türkei und den USA gab. „Es gab keinen Deal mit der Türkei für die Freilassung und Rückkehr von Pastor Andrew Brunson“, so Trump „Es gab jedoch eine große Anerkennung im Namen der Vereinigten Staaten, was zu guten, vielleicht sogar großartigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei führen wird“, fügte er hinzu. Unparteiisches Gerichtswesen Als Antwort auf Trump sagte Erdogan, dass die Entscheidung der türkischen Justiz, Brunson freizulassen, unparteiisch war. „Sehr geehrter Herr Präsident, wie ich immer wieder betone, hat die türkische Justiz eine unparteiische Entscheidung getroffen“, schrieb Erdoğan am 13. Oktober auf Twitter.
Erdogan hoffe zudem, dass die Türkei und die USA die Zusammenarbeit, insbesondere die „gemeinsamen Anstrengungen gegen terroristische Gruppen wie PKK, der DAESH (arabisches Akronym für den IS) und FETÖ“, fortführen würden.
Bereits vor der Freilassung Brunsons sagte Erdogan in einem Gespräch mit Reportern, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei und Gerichtsentscheidungen für alle bindend seien. „Ich bin nicht in der Lage, bei der Justiz zu intervenieren, da die Türkei ein Rechtsstaat ist“, sagte Erdogan am 10. Oktober gegenüber türkischen Journalisten an Bord der Regierungsmaschine, mit der er nach einer zweitägigen Reise nach Ungarn in die Türkei zurückkehrte. Vertreter westlicher Medien und politischer Parteien hatten den türkischen Staatschef bereits mehrfach aufgefordert, den in der Türkei inhaftierten US-Bürger frei zu lassen. US-Außenminister Mike Pompeo sagte am Mittwoch, Brunsons Freilassung sei für die türkisch-amerikanischen Beziehungen sehr wichtig. Auch US-Präsident Trump und sein Vize Pence hatten sich wiederholt für die Auslieferung des evangelikalen Pastors eingesetzt.    

Religion und Toleranz
Prof. Dr. Günther: „In Gott erfährt der Mensch eine ungeteilte Zuwendung“

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther Religion und Toleranz Religion und Toleranz scheint ein genauso altes wie aktuelles Thema zu sein. Das ist so, weil man sich daran gewöhnt, hat Toleranz und Religion in einem antagonistischen Verhältnis zu sehen. Religion scheint ein ungeheures Konfliktpotential zu bergen, das sich nur mühsam durch einen Appell zur Toleranz unter Kontrolle halten lässt, d.h. eigentlich fordert man religiöse Menschen dazu auf, tolerant zu sein, obwohl sie religiös sind. Toleranz scheint etwas von außen an die Religion Herangetragenes zu sein; Toleranz gehört zu einer jenseits der Religion stehenden Ordnung, die garantieren muss, dass Leute verschiedener Überzeugungen friedlich zusammenleben. Eine dieser Überzeugungen, und noch dazu eine besonders hartnäckige, ist eben die Religion, und die tut es sich mit der Toleranz schwer. Für Toleranz scheint eine religionsneutrale Ordnung, d.h. ein säkularer Staat, zuständig; Religion muss sich in diese Ordnung fügen. Für den Religiösen stellt sich die Frage, wie tolerant er sein kann, um religiös bleiben zu können, d.h. wie er die Forderungen seiner Religion mit denen der religionsneutralen Gesellschaft versöhnen kann. Ganz so einfach ist es freilich nicht einmal in der aktuellen gesellschaftlichen Realität des hier umrissenen ›westlichen‹, säkularen Staatsmodells: das Verhältnis von Menschen verschiedener Überzeugungen untereinander und mit der staatlichen Ordnung ist mehrdimensional. Es gibt da Religiöse und Nicht-Religiöse, doch auch in immer relevanterem Umfang Verschieden-Religiöse, nicht nur Angehörige verschiedener Religionen oder verschiedener Ausprägungen einer Religion, es gibt auch verschieden stark von ihrer Religion Überzeugte bis zu an einer Religion als einer kulturellen oder nationalen Tradition Festhaltende; ja, in einer multiethnischen und sich im Zuge der sog. Globalisierung immer mehr dekulturalisierenden Gesellschaft spielt oft die Verquickung von Religion und kultureller Identität eine große Rolle. In diesem Kontext befinden sich der Nicht-Religiöse und der Religiöse in derselben Situation. Der Nicht-Religiöse gesteht dem Religiösen zu, religiös zu sein, solange Letzterer das friedliche Zusammenleben nicht stört. Ebenso der Religiöse; er mag zunächst den Anders-Religiösen als einen minderwertig Religiösen ansehen, den er duldet, solange er seine religiösen Überzeugungen nicht stört; unter Umständen drängen ihn freilich seine Überzeugungen doch zur Vereinnahmung des anderen oder zwingen ihn im Falle des völlig Unreligiösen vielleicht gar dazu. Eben dieser vereinnahmenden Haltung entgeht jedoch auch der tolerante, nicht-religiöse ›Liberale‹ nicht, der die Werte des religionsneutralen Staates vertritt. Religion ist eine minderwertige Überzeugung, die zu tolerieren ist, solange sie nicht stört. So stößt in einer Gesellschaft, wo der Wertekonsens so extrem brüchig ist wie heute, Toleranz immer mehr an ihre Grenze: Toleranz kann ganz offenkundig den anderen nie im vollen Sinne den anderen sein lassen. Auch Toleranz vereinnahmt den anderen, indem sie sich absolut setzt. Die hier beschriebene gesellschaftliche Realität scheint sehr partikulär; sie ist die der modernen ›westlichen‹ Zivilisation; freilich ist diese ›Zivilisation‹ seit Jahrhunderten global bestimmend, denn sie hat durch ihre (waffen)technische Überlegenheit die Welt dazu gezwungen, diese Weltsicht nolens volens zu adaptieren. Und inzwischen hat die Software dieser ›Zivilisation‹ es noch unmöglicher gemacht, sich ›global‹ westlicher Denkungsart zu verschließen. D.h. die Beschreibung, die ich im Vorigen gegeben habe, trifft unsere heutige Situation ›global‹. Aber um damit umzugehen, muss man sich klar machen, dass das oben kurz umrissene Verhältnis von Religion und Toleranz auf bestimmten Konzepten von Religion und Toleranz beruht, die nicht selbstverständlich sind. Konflikte, die mit etwas im Zusammenhang stehen, das wir Religion nennen, gibt und gab es natürlich auch außerhalb des im Vorigen abgesteckten Raumes; ebenso gibt und gab es überall Verhaltensweisen zwischen Konfliktparteien verschiedenster Art, die wir als Toleranz bezeichnen können. Doch inwieweit dabei ›Religion‹ bzw. ›Toleranz‹ einem Phänomen (oder einem Wort) aus einem anderen Kulturbereich entsprechen, bleibt offen und in jedem Falle zumindest unscharf. ›Religion‹ und ›Toleranz‹ sind Bezeichnungen der europäischen Kultur und ihrer Sprachen, aber schon innerhalb dieser Kultur bedürfen die Begriffe der Präzisierung: nur weil der Begriff ›Religion‹ bereits innerhalb der europäischen Kultur so unscharf ist, kann er überhaupt auf andere Kulturen übertragen werden. Das ist gefährlich, und es scheint mir geboten, diese Begriffe zunächst in ihrem europäischen Umfeld zu klären. Wenn dies im vollen Bewusstsein der Beschränktheit dieser Vorgehensweise geschieht, leistet es mehr als eine oberflächliche Einbeziehung anderer Kulturen und Denkweisen. Ich will somit hier Religion und Toleranz nur im Bezug auf die Situation in der westlichen Gesellschaft präzisieren. Dies könnte ein erster Schritt sein, anderen Kulturen eine Chance zu geben, dort beheimatete vergleichbare Konzepte vor dem Hintergrund ihrer eigenen Denk- und Sprachstrukturen zu überdenken und gegebenenfalls zu dem, was Europa Toleranz und Religion nennt, in Bezug zu setzen. Die eingangs skizzierte gesellschaftliche Realität hat klar gemacht: was Religion und Toleranz auch immer bedeuten, sie sind korrelierende Begriffe, und in der Tat findet Toleranz sozusagen im terminologischen Sinne seine schärfste Ausprägung in der europäischen Aufklärung zusammen mit der Entwicklung des Konzeptes einer säkularen, religionsneutralen Staatsform. Wenden wir uns nun den Begriffen im Einzelnen zu und bestimmen wir zunächst genauer, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir das Wort ›Religion‹ benutzen! Religion ist bekanntlich ein lateinisches Lehnwort, das in seiner ursprünglichen Verwendung im antiken Latein in die Sphäre der paganen römischen ›Religiosität‹ gehört. Die Bedeutung, die ›Religion‹ ihm Vulgärverständnis des modernen Europäers hat, ist erst aus der Übertragung dieses Wortes in eine andere ›Religion‹ möglich geworden, die ein der paganen Religiosität fast diametral entgegengesetztes Gottesverständnis aufweist. Wie im Grunde genommen für alle werteprägenden Begriffe gibt es auch für das lateinische Wort religio bzw. für das moderne, ›europäische‹ Wort Religion in anderen Sprachen, Kulturen, ›Religionen‹ keine völlig adäquate Übersetzung eins zu eins. Dass wir in europäischen Sprachen recht unterschiedliche Erscheinungen in anderen Kulturen mit dem Wort ›Religion‹ belegen können, liegt letztendlich daran, dass das Wort bereits in seiner Übertragung von der paganen Religiosität in die christliche einen derartige krassen Bedeutungswandel durchgemacht hat, dass es ein so sinnentleertes Wort geworden ist, dass man es tatsächlich auf so gut wie alles anwenden kann, was irgendwie mit etwas Transzendentem, Göttlichen, Heiligen zu tun hat. Andererseits verbinden wir unwillkürlich mit dem Wort ›Religion‹ alltagssprachliche Konnotationen, die den Phänomenen, die wir dann als Religion bezeichnen, nicht gerecht werden. Wir sagen etwa: er macht aus etwas eine Religion, etwas ist für jemand eine Religion. Damit meinen wir: jemand ist von etwas völlig überzeugt, ohne dass es dafür vernünftige Gründe gibt. Wir sagen auch: er glaubt an seine Religion. Religion bedeutet: man glaubt fest an etwas, das man eigentlich nicht so sicher wissen kann. ›Glauben an‹ hat die Konnotation ›irrational‹. Unser Verständnis von Religion, bzw. Glauben im religiösen Sinne setzt eine implizite Antinomie ›Religion‹ vs. ›Vernunft/ Verstand‹ voraus. Die Religion, die an etwas glaubt, impliziert dazu noch: feste Überzeugung, eine Art von Vertrauen auf etwas Unverbrüchliches, das Richtmaß der eigenen Lebenshaltung wird. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieses Religionsverständnis demjenigen einer ganz bestimmten religiösen Tradition entspricht: der jüdisch-christlich-islamischen. Das Vertrauen, Sich-Verlassen-auf, unser deutsches ›glauben an‹ hat seinen semantischen Ursprung in einem griechischen Wort, welches das christliche Gottesverständnis in Absetzung vom paganen bezeichnete, pístis »Glaube«, eigentlich »Vetrauen«, bzw. pisteúo »vertrauen auf«, und der lateinischen Entsprechung: fides »Treue, Vertrauen, Zuverlässigkeit«. Romanische Sprachen besitzen für unser deutsches ›Glauben‹ im christlichen Sinne auch einen schärferen Terminus in Ablegern von lat. fides (frz. ›foit‹, ital. ›fede‹), bzw. besitzt das Englische ein romanisches Lehnwort ›faith‹. Diese ganz spezifische Form des Religiösen setzen wir bei Religion stillschweigend voraus; wir verwenden ›Glaube‹ und ›Religion‹ praktisch synonym, Entsprechendes gilt für andere Sprachen. Das als pístis/fides bezeichnete Verhältnis zum Göttlichen ist freilich dem paganen antiken Religionsverständnis diametral entgegengesetzt, dem römischen zumal. Der Grieche benennt sein Verhältnis zu den Göttern am allgemeinsten mit nomízein, d.h. eigentlich »etwas benützen, wie es gewöhnlich ist, sozusagen wie eine Währung«. Man geht mit den Göttern um, wie man es gewohnt ist zu tun. Es gibt Regeln: besonders in der römischen Religion ist das quasi juristische Verhältnis zu den Göttern besonders ausgeprägt. Man hält sich an ein vertraglich vereinbartes göttliches Recht, das ein friedliches Miteinander gewährleistet. An diesen Pakt ist man gebunden: das ist ›religio‹. Es ist ein Pakt zwischen zwei ungleichen Parteien. Das Göttliche, mit dem man so umgeht, ist das Übermächtige. Das Wesen dieser Macht ist das Unberechenbare, Unkontrollierbare. Der Umgang ist geprägt von Misstrauen. Heilige Handlungen sind zunächst Vorkehrungen gegen möglichen Schaden. Die Haltung ist Vorsicht. Dieses Göttliche ist vor allem das Unbekannte. Mit ihm vorsichtig umzugehen, gebietet eine Skepsis, die besagt, Unterlassung könnte zu Schaden führen. Das Verhältnis des Religiösen zu Gott ist ein negatives. Dieses Göttliche hat keine andere Bestimmtheit als die des möglicherweise Bedrohlichen. Es ist das Gegenstück zu allem Vertrauten, Vertrauenswürdigen. Man könnte dieses Verhältnis zum Göttlichen als im Wesentlichen aporetisch und apotropäisch bezeichnen. Das jüdisch-christlich-islamische Gottesverständnis steht dem diametral entgegen. Gott hat in seinem Verhältnis zum religiösen Menschen zunächst schon ganz unmittelbar eine Bestimmtheit: er ist derjenige, der Verlässlichkeit verspricht und Vertrauen einfordert, derjenige, auf den der Religiöse sein Leben ausrichten kann und muss. Er ist ein Gott, der sich dem Menschen nicht nur im Entzug, im Bedrohlichen offenbart, sondern von Anfang an auch derjenige, der sich dem Menschen oder einer bestimmten Gruppe, ›seinem Volk‹ zuwendet und ihm in seiner Offenbarung ein Unterpfand des Vertrauens schenkt: sein Wort, seine heilige Schrift, die das äußere Zeichen seiner Zuwendung ist und an welcher der Religiöse sein Leben ausrichten kann. Das hier skizzierte Muster des Verhältnisses Mensch – Gott ist selbstverständlich nicht auf die jüdisch-christlich-islamische Tradition beschränkt. Umgang mit dem Übermächtigen versucht das Bedrohliche zu bändigen; so strebt es immer auch nach einem vertrauteren Verhältnis zu diesem Bedrohlichen: dieses vertrautere Verhältnis wird erstrebt im Versuch, Letzteres zu verstehen oder es – durch religiöse Handlungen – nicht nur zu besänftigen, sondern u.U. sogar seine Zuneigung zu gewinnen. Diesem Bedürfnis kommen in der paganen Antike besonders esoterische Religionsgemeinschaften entgegen: hier entwickelt sich das auf göttlicher Offenbarung beruhende Vertrauensverhältnis zwischen einer Gruppe und dem Göttlichen. So hat auch das jüdisch-christlich-islamische Religionsverständnis seinen Ursprung in einer Religion, eben der jüdischen, die sich zunächst als diejenige einer besonderen Gruppe im Verhältnis zu ihrem sich ihr zuwendenden und offenbarenden Gott definiert. Wie diametral verschieden dieses auf Vertrautheit und wechselseitigem Vertrauen beruhende Gottesverhältnis von demjenigen ist, das oben als in seiner Grundlage aporetisch/apotropäisch bezeichnet wurde, lässt sich am besten an einem prägnanten Textzeugnis der griechischen Antike festmachen, das präzise mit christlichen Vorstellungen vergleichbar ist, die so geläufig sind, dass sie die Erwartungshaltung eines in dieser Tradition stehenden Europäers gegenüber dem, was man mit Gott bezeichnen könnte, prägen, unabhängig davon, ob er religiös ist oder nicht. Eine der wirkungsmächtigsten Tragödien des attischen Dramatikers Euripides stellt in seiner Hauptfigur Hippolytos einen Menschen dar, der sich unter Verzicht auf alles andere, speziell sexuellem Verzicht, in seinem gesamten Lebensvollzug der Gemeinschaft mit einer (jungfräulichen) Göttin (Artemis) weiht. Er lebt mutatis mutandis ein christliches Mönchsideal. Diese Haltung erscheint der Frömmigkeit des Durchschnittsmenschen, vertreten durch einen älteren und sozial niederer stehenden Erzieher, falsch: religiöse Observanz (gr. sébomai, semnós, durchaus vergleichbar lat. pietas) bedeutet: Wahrung des gebührenden Abstandes zu nicht eindeutig, nicht auf eine bestimmte göttliche Wesenheit festlegbaren Mächten. Sie verbietet absolute Hingabe an einen bestimmten Gott, da dies zur Verletzung von Pflichten gegenüber anderen Göttern führen muss. Observanz in diesem Sinne wird in der Tat von Vorne herein von einer Göttin (Aphrodite) eingefordert und so autorisiert. Aphrodite sagt, es beleidige sie nicht, dass eine andere Göttin geehrt werde, nur müsse auch ihr die schuldige Ehrerbietung zuteil werden. Um Missachtung zu ahnden, bringt sie rücksichtslos nicht nur Hippolytos, sondern auch ›unschuldige‹ Nebenfiguren zu Fall. Artemis kann ihrem Schützling nicht helfen. Als Hippolytos im Sterben liegt, offenbart sie einer unschuldig verstrickten Nebenperson (dem Vater Theseus) schonungslos, geradezu sadistisch die ihn zutiefst erschütternde Wahrheit; Hippolytos selbst gesteht sie nur ihr Bedauern, ihm nicht helfen zu können, und verlässt ihn, bevor er zu Tode kommt, um als Göttin nicht der Begegnung mit dem Tode ausgesetzt zu sein. Sie ermöglicht aber die Aussöhnung mit dem unwissentlich für Hippolytos’ Tod verantwortlichen Vater: angesichts des Todes bleibt nur die Gemeinschaft sterblicher Menschen. Der antike Gott, der keine Exklusivität für sich reklamiert, wie der Gott der zehn Gebote, der nur eifersüchtig ist, dass ihm nicht dieselbe Ehre wie einem anderen zuteil wird, hat weder die Macht, den Menschen vor Leid zu bewahren, noch kann der Mensch hoffen, dass er ihn in seiner letzten Stunde beisteht. Hippolytos nimmt es zwar mit einem Ausdruck des Bedauerns, aber doch als etwas Selbstverständliches hin, dass seine Göttin ihm im Augenblick des Todes die Gemeinschaft aufkündigt, dass es ihr ›leicht‹ fällt, ihn zu verlassen, wie den Göttern, die Leid und Sterblichkeit nicht kennen, alles leicht fällt. Artemis hatte Hippolytos für seine Hingabe nie etwas versprochen, Hippolytos nie von ihr erwartet, dass sie ihn in seiner letzten Stunde ›aus seiner Angst und Pein‹ reißt. Der jüdisch-christlich-islamische Gott macht dem Menschen ein verlockendes, aber zugleich bis ins Letzte radikales Angebot: er verspricht ihm absolute Geborgenheit bis in den Tod und fordert dafür absolute, exklusive Hingabe von Seiten des Menschen. Der Gott der paganen griechisch-römischen Antike hat dem Menschen nie etwas versprochen; der Mensch kann von ihm nichts einfordern, er kann letztlich nur mit seinem Diesem-Gott-Ausgeliefertsein umgehen, indem er Schadensbegrenzung betreibt. Und die ist immer nur beschränkt wirksam. Allerdings führt das Gefühl des Ausgeliefertseins im Angesicht der Übermacht des Göttlichen den Menschen zum Menschen, öffnet ihn für ein Miteinander, das Differenzen aufhebt, führt zum Ertragen des anderen in seiner Schwäche, in gewisser Weise zur Toleranz: Euripides spricht von syngnómen échein »ein Einsehen (mit der Fehlbarkeit des anderen) haben«. Eine solche Religion erhebt per se keinen theoretischen ›Wahrheitsanspruch. Ihre skeptische Vorsicht kann grundsätzlich nicht nur mit anderen Religionen koexistieren, sie tritt unweigerlich anderen Religionen vorsichtig gegenüber, sie verweigert sich ja gerade der Exklusivität. Diese Religiosität ›toleriert‹ Handlungen oder Überzeugungen nur dann nicht, wenn sie ihre religiöse Praxis gefährden, da sie darin möglichen Schaden vermuten muss. Gegenstück dieser aporetischen Religiosität ist die Philosophie. Sie sucht, die Gewissheit zu vermitteln, die das Gefühl des Vertrautseins ermöglicht. Philosophie ist die ›Religion‹ der klassischen Antike im modernen gemeinsprachlichen Sinne von Heilslehre. Einen Wahrheitsanspruch erhebt in der Antike nur die philosophische pagane Religion. Die jüdisch-christlich-islamische Religiosität impliziert unmittelbar einen Wahrheitsanspruch: Gott ist unmittelbar als der verlässlich Anwesende und somit Vertrauenswerte schlechthin gegeben. Dieser Wahrheitsanspruch muss unvermeidlicherweise zur Auseinandersetzung mit anderen Wahrheitsansprüchen führen. Das Richtmaß der Wahrheitsansprüche im historischen Umfeld, die philosophische Vernunft, ist freilich von dem der monotheistischen Offenbarungsreligion verschieden; in der Auseinandersetzung treffen die beiden Richtmaße aufeinander: es kommt zu der Opposition ratio vs. fides, wobei die ratio zur Magd der fides instrumentalisiert wird. Dieser Gegensatz ist nur auf der Grundlage der spezifischen Bedingungen denkbar, unter denen sich zunächst die jüdisch-christliche, dann die islamische Religion im Umfeld antiker Religiosität gebildet hat. Somit ist auch das moderne säkulare Staatsverständnis letztlich nur in einer von solcher Religiosität geprägten Kultur im strengen Sinne erklärbar. Die Intoleranz, die der gemeine Verstand der westlichen Zivilisation heute mit Religion verbindet und die es im Kontext der Lage der Religion bzw. der Religionen in dieser Zivilisation bzw. der von dieser Zivilisation global vereinnahmten Welt gibt, geht letztlich auf diese Antinomie zurück. Sie geht darauf zurück, dass ein zunächst in der Religion einer Gruppe entwickeltes Konzept von Exklusivität einen universalen Wahrheitsanspruch erhebt und diesen mit einem von außen herangetragenen Maßstab, etwa einer sog. Vernunft, zu begründen versucht. Intoleranz erscheint somit zunächst überhaupt nicht als ein Problem der Religion schlechthin, sie erscheint als Problem einer bestimmten Art von Religion, noch dazu einer Art von Religion, in der gerade ein nicht genuin religiöses, sondern von außen in diese Form eingegangenes Element für diese Intoleranz wesentlich mitverantwortlich ist: Toleranz und Intoleranz sind Haltungen, die sich aus einem im Letzten antagonistischen Verhältnis von religiöser Überzeugung und Vernunft ableiten. Somit wäre durch diese Reflexion auf die Fragwürdigkeit des Begriffes Religion in Europa auch der Begriff Toleranz stricto sensu definiert; Toleranz bedeutet: das Ertragen einer anderen quasi-religiösen Überzeugung, die man gegenüber der eigenen für minderwertig hält. Dies ist ein sozusagen minimalistisches Konzept von Toleranz, das sich rein negativ als Nicht-Einmischung definiert. An diesem Toleranzmodell orientiert sich ein in Religionsangelegenheiten neutraler Staat, der nur seine eigene Neutralität als unantastbar und somit absolut setzt. Aus dieser Sicht sind Religionen wie Christentum oder Islam, grundsätzlich als problematische Überzeugungen zu werten, die man allenfalls tolerieren kann. Es ist zugleich folgerichtig und paradox, dass der moderne säkulare Staat eben diese Religiosität zu einer minderwertigen, zu tolerierenden Überzeugung degradiert: er tut dies, indem er selbst durch die Hintertür die Position der Religion mit ihrem allgemeinverbindlichen Geltungsanspruch einnimmt. Dieser Geltungsanspruch scheint als Neutralität gefasst fast inhaltsleer, gerade so wird jedoch verdeckt, dass er dadurch umso despotischer ist, denn dadurch, dass er einen Minimalkonsens darstellt, setzt er sich in besonders drastischer Weise absolut. Zumindest dieses Minimum muss ausnahmslos gelten, da sonst kein Zusammenleben möglich ist. Dieser Staat verlangt von seinen Bürgern unbedingte Hingabe an die Neutralität des Staates, auch auf Kosten der eigenen religiösen Überzeugung. Wer diese Loyalität verweigert, wird nicht toleriert. Es gibt einen Punkt, an dem dieser Staat radikal intolerant sein muss. Es ist hier nicht die Stelle auszuführen, wo die Gefahren dieses Staatsmodells liegen. Sie sind in der gegenwärtigen Entwicklung der westlichen Gesellschaft unübersehbar. Ich möchte viel eher die Frage nach einem anderen positiven Toleranzbegriff aufwerfen. Dabei gehe ich wieder von der Befindlichkeit unserer modernen westlichen Gesellschaft aus. Neben jener bislang beschriebenen ›missmutigen‹ Toleranz, die das andere erträgt, bis die Toleranzgrenze überschritten ist, gibt es da nicht in unserer Befindlichkeit auch eine Toleranz, bzw. etwas, das wir durchaus mit diesem Wort benennen, das uns, jenseits einer bloßen Hilfe zur Problemlösung in Konfliktfällen, an sich selbst ein positives befreiendes Gefühl des Freiseins bei uns selbst vermittelt? Sind Menschen einer toleranten Gesellschaft nicht auch einfach stolz darauf, tolerant und offen zu sein? Fühlen wir uns nicht gerade dabei wohl, anderen mit Offenheit zu begegnen und den anderen als offen auch uns gegenüber zu erleben? Wenn wir auch diese Offenheit Toleranz nennen, dann ist diese Toleranz nicht mehr ein ›Ertragen‹, auch kein Verhältnis von Höher- zu Minderwertigem: in dieser Offenheit sind wir frei dazu, ganz wir selbst zu sein, indem wir den anderen den anderen sein lassen. Aber woher kommt es, dass wir gerade im Anerkennen des anderen das befreiende Gefühl des Man-selbst-sein-dürfens erfahren? Und wenn wir so stolz auf diese sog. Toleranz und Offenheit sind, warum gelingt sie uns oft nicht, so dass wir immer wieder Toleranz von uns einfordern müssen und in die Toleranz des missmutigen Ertragens zurückfallen? Ganz offenbar können wir den anderen nicht unbeschränkt gelten lassen, ohne uns selbst zu verlieren. Als diejenigen, die wir sind, beharren wir unweigerlich auch immer wieder auf uns selbst und verschließen uns dem anderen. Wir haben zu Beginn von dem absoluten Geltungsanspruch der monotheistischen Offenbarungsreligion gesprochen, die das Ertragen des anderen so schwer macht. Aber war dieser Geltungsanspruch, der die ungeteilte Zuwendung des ganzen Menschen fordert, nicht gerade durch die ungeteilte Zuwendung Gottes zum Menschen in dieser seiner Offenbarung bedingt? Was könnte den Menschen zur Abwendung von seinem Verhaftetsein im Fassbaren seines Lebenszusammenhanges, zu ungeteilter Zuwendung zu etwas Unfassbaren bewegen, wenn nicht das verlockende Angebot, dort jene absolute Zuwendung zu finden, die dem Menschen kein anderer Mensch je schenken kann, der ebenso endlich, zerbrechlich und unvollkommen ist wie man selbst? In dem sich dem Gläubigen offenbarenden Gott erfährt der Mensch eine ungeteilte Zuwendung, die nichts, kein Eigenes in sich zurückbehält, eine Zuwendung, in der das sich Zuwendende eben in der Zuwendung ganz es selbst ist, und in dieser Zuwendung erfährt der Mensch sich diesem Anderen immer schon ganz zugewendet und gerade in seinem Zugewendetsein als ganz er selbst. Das heißt das volle Anerkennen des anderen als anderes gelingt nur im Angesicht eines so von allem anderen Anderen, dass es gerade im Sich-Aufgeben-an-das-andere es selbst ist. Das Wesen der Offenbarungsreligion liegt somit nicht in einem sich in Geltung beanspruchenden Aussagen behauptenden ›faktischen‹ Wahrheitsanspruch. Dieser Wahrheitsanspruch ist nur der Reflex menschlichen Beschränktseins, das uns in unserem Einzelsein die bedingungslose Selbstaufgabe an das unbekannte Andere verwehrt und versucht, Letzteres durch eine Vernunft- oder Verstandeswahrheit fassbar und so zum Träger von Eigenschaften zu machen, die uns Zuwendung ermöglichen. Jeder solche Wahrheitsanspruch kann immer nur ein vorläufiger, zur Zuwendung führender und in der Erfahrung des eigenen Zugewendetseins aufgehobener sein. Eine Offenbarungsreligion kommt erst dort in ihr Wesen, wo sie ihren eigenen Geltungsanspruch als etwas Vorläufiges immer wieder aufhebt und überschreitet. Dieser Akt des Überschreitens öffnet radikal für das andere, er ermöglicht jene bedingungslose Offenheit für das andere, die wir niemals besitzen, sondern immer neu von uns einfordern müssen. In dem ihr wesenhaften Element der Selbstüberschreitung legt somit gerade die Offenbarungsreligion den Grund für Toleranz im Sinne nicht mehr des Ertragens, sondern der – viel berufenen goetheschen – ›Anerkennung‹ des anderen. Weiterführende Literatur des Autors Günther, Hans-Christian: Religiöse Wahrheit und der interreligiöse Dialog heute, Idee 62/63 2006 (51-74). –: Religion und Ethik in der (post)säkularen Gesellschaft, in: Psycho-logik. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, 6. Heft 2011 (229-48).
Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen. Ausgebildet in Freiburg und Oxford. Stipendiat der DFG und der Alexander von Humboldt -Stiftung. Gerhard Hess Preis der DFG. Zahlreiche Publikationen (ca. 40 Bücher, u.a. Brill’s Companion to Propertius, Brill’s Companion to Horace) im Bereich der antiken Philosophie und Literatur, der Byzantinistik, Neogräzistik, modernen Literatur und Philosophie, Ethik und Politik. Zahlreiche Versübersetzungen aus dem Lateinischen, Italienischen, Neugriechischen, Georgischen, Japanischen und Chinesischen. Lehrt regelmäßig in Italien, zahlreiche Gastaufenthalte in der Schweiz, Polen, Georgien, Indonesien, Iran, Seoul, Tokyo und vielen chinesischen Universitäten. Herausgeber mehrerer Buchreihen, im wissenschaftlichen Beirat zahlreicher wissenschaftlichen Zeitschriften.

Fall Khashoggi
Saudi-Arabien: Mutmaßlicher „Khashoggi-Killer“ stirbt bei Autounfall

Istanbul (nex) – Einer der 15 Saudis, die am selben Tag in der Türkei ankamen, an dem der Kolumnist der US-Tageszeitung Washington Post, Jamal Khashoggi, verschwand, starb bei einem „verdächtigen Verkehrsunfall“, und der saudische Konsul in Istanbul könnte das nächste Ziel „einer Hinrichtung sein“, berichten türkische Medien. Mashal Saad al-Bostani, 31, Leutnant der saudischen Royal Air Forces, gehörte Berichten zufolge zu dem 15-köpfigen „Killerteam“, das am 2. Oktober mit zwei Privatjets aus Riad in Istanbul landete und zum saudischen Konsulat ging. Er starb der türkischen Tageszeitung Yeni Safak zufolge bei einem Autounfall in Riad, es seien allerdings nur wenige Details bekannt. Die Zeitung fügte hinzu, dass seine Rolle im „Mord“ nicht klar sei. Der saudische Konsul Mohammad al-Otaibi, der nach Medienberichten auf einer Video- oder Tonaufzeichnung in der Khashoggi im Konsulat getötet und zerstückelt worden sei, zu hören ist, könnte das „nächste Hinrichtungsopfer“ sein, da der saudische Kronprinz Mohammad bin Salman „alles tun würde, um alle Beweise verschwinden zu lassen“, so das englischsprachige türkische Newsportal Hurriyet Daily News Donnerstag. In den Aufnahmen bitte al-Otaibi darum das Verhör nicht im Konsulat durchzuführen, da er sonst „Ärger bekomme“. Berichten zufolge seien dem Journalisten Khashoggi beim Verhör die Finger abgeschnitten und der Körper anschließend zerstückelt worden. Bevor die türkische Polizei seine Wohnung durchsuchte, kehrte der saudische Konsul  am Dienstag nach Saudi-Arabien zurück.  

Menschenrechte
Österreichische Grüne fordern Reisewarnung für die Türkei

Wien (nex) – Die österreichischen Grünen haben das Außenministerium aufgefordert,  „sofort eine Reisewarnung für die Türkei“ auszusprechen. „Das Land ist nicht mehr sicher“, sagt Grünen-Bundesrat David Stögmüller. Die Regierung und insbesondere die Außenministerin, müsse den Inhaftierten sofort helfen, fordert Stögmüller. „Es kann nicht sein, dass Österreicher zu Opfern des Erdogan-Regimes werden.“ Neben dem Journalisten Max Zirngast sitzten momentan eine Welser Kindergärtnerin und ein Linzer Unternehmer wegen „terroristischer Aktivitäten“ in Haft. Die Grünen fordern zudem die Regierung auf, den Zugang der sogenannten „EGM“-App in Österreich zu sperren. EGM steht für Emniyet Genel Müdürlügü, die Zentralbehörde der türkischen Polizei. Bei der App handelt es sich um eine App der türkischen Polizei zur Meldung von Internetkriminalität die es seit 2016 gibt. Vergleichbar mit dem Hinweistelefon des deutschen Verfassungsschutzes zur Meldung „islamistischen Terrors“.

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Der deutsch-türkische Comedian und Erdogan-Kritiker Serdar Somuncu wirft in Deutschland lebenden Anhänger des türkischen Präsidenten Ahnungslosigkeit vor. Sie würden niemals freiwillig selbst in der Türkei leben wollen oder es dort auch nur für eine Woche aushalten. Einige Leser widersprechen dieser Einschätzung.

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Tourismus
Der „Tag der Toten“ in Mexiko: Ein ganzes Land bereitet sich vor

Mexiko-Stadt – Millionen Besucher, die anlässlich der Feierlichkeiten zu dieser tausendjährigen Tradition erwartet werden, dürfen sich auf zahlreiche bunte Erlebnisse und Ereignisse freuen. Das Fest zum Tag der Toten in Mexiko-Stadt wird am 27. Oktober zum dritten Mal in Folge mit einer spektakulären Parade eingeleitet. Mexiko bereitet sich auf den Tag der Toten vor – und lädt Besucher aus der ganzen Welt ein, diesen außergewöhnlichen Feiertag vor Ort mitzuerleben. Das ganze Land, von der Insel Janitzio in Michoacán über die Städte Chiapas bis hin zum großen Zócalo in Mexiko-Stadt, wird mit Symbolen des Todes, Blumen und Zeichen der Vergänglichkeit geschmückt sein und erwartet Millionen von Besuchern, die an einem der spektakulärsten Feste überhaupt teilnehmen wollen. Der Tag der Toten, seit 2008 von der UNESCO als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit ausgewiesen, ist ein unvergessliches Erlebnis für Besucher und Einheimische gleichermaßen. Der Brauch wird von Ende Oktober bis in die erste Novemberwoche hinein gefeiert und dreht sich um das Erbe verschiedener prähispanischer Kulturen in Kombination mit der Feier des katholischen Allerheiligentages. Dem Volksglauben nach kehren die Verstorbenen jedes Jahr zum Ende der Erntezeit aus dem Jenseits zurück, um ihren Verwandten einen Besuch abzustatten und ihr Wiedersehen bei Lieblingsspeisen und Getränken zu feiern. „Diese Tradition hat sich mittlerweile mit der heutigen Populärkultur vermischt und ist zu einem Fest für jedermann geworden. Nirgendwo sonst können Besucher ein so buntes, magisches und surreales Fest erleben“, so Hector Flores Santana, CEO des Mexico Tourism Board (MTB). „Unser kulturelles Angebot ist einer der Gründe, warum Mexiko heute Platz 6 der meistbesuchten Länder der Welt belegt. Die Feierlichkeiten zum Tag des Todes ehren unsere Vergangenheit, unsere Ahnen und ist eine dauerhafte Einladung für jeden, uns zu besuchen und zu entdecken, warum Mexiko eine ganz eigene Welt ist.“ Die Feierlichkeiten zum Tag der Toten in Mexiko zählen zu den wichtigsten weltweit und ziehen jedes Jahr mehr als 7,5 Millionen internationale Reisende an, die die kulturellen und kulinarischen Traditionen des Landes erleben möchten. Die unterschiedlichen Bräuche und Traditionen können während der Feiertage sowohl in größeren Städten als auch auf dem Land erlebt werden, konzentrieren sich aber vor allem auf die Regionen Aguascalientes, Guanajuato, Michoacán, Oaxaca, Puebla, San Luis Potosi und Mexiko-Stadt. Mit einer Länge von mehr als einem Kilometer und den Staaten Aguascalientes, Oaxaca und San Luis Potosi als besondere Gäste wird der traditionsreiche Tag der Totenparade am Samstag, den 27. Oktober 2018 zum dritten Mal in Folge in Mexiko-Stadt stattfinden. Überlebensgroße Schädel, Wagen und Katrinen werden durch den Paseo de la Reforma vom Denkmal der Estela de Luz bis zum Zócalo in der Hauptstadt ziehen, auf dem riesige Opfergaben für die Verstorbenen dargeboten werden. Außerdem werden kostenlose Konzerte mit Rock, Jazz, Blues und traditioneller mexikanischer Musik veranstaltet. Im vergangenen Jahr haben mehr als eine Millionen Menschen die Parade besucht, die von über 1.500 Freiwilligen möglich gemacht wurde. Viele der Helfer waren für die Festivitäten aus den entfernteren Regionen des Landes oder sogar aus dem Ausland angereist. Und auch in diesem Jahr soll der Andrang groß sein; fast 2.000 Organisatoren und Freiwillige werden erwartet. Der Tag der Toten jenseits von Mexiko Im Rahmen der gemeinsamen Promo-Aktionen von MTB und SECTUR wurde unter dem Motto „Heart of Mexico“ auch außerhalb von Mexikos Grenzen in verschiedenen Städten Nordamerikas und Europas über das tausendjährige Fest informiert. Bekannte Persönlichkeiten wie El Charro, Frida und Diego besuchten im Zuge dessen verschiedene Wahrzeichen, darunter der/den Central Park in New York City, der/den CN Tower in Toronto, die Siegessäule in Berlin sowie der Eiffelturm in Paris. Die Kampagne „Heart of Mexico“ versteht sich als Einladung an die Bewohner dieser Städte, Mexiko in seiner Vielfalt zu erleben und vor Ort zu erfahren, was es bedeutet, an den vielfältigen Bräuchen dieser einzigartigen Tradition zum Tag der Toten selbst teilzunehmen. Am 2. und 3. November werden auch Einwohner und Besucher New Yorks im American Museum of Natural History die Chance haben, sich einen Eindruck der lokalen Feierlichkeiten zu verschaffen. Zusammen mit dem Staat Oaxaca und dem MTB wird das Museum verschiedene Altäre ausstellen, die ausgestorbenen Tierarten gewidmet wurden, sowie einen von traditioneller Musik begleiteten Kunsthandwerksmarkt mit Tänzen und handwerklichen Vorführungen veranstalten. Mehr über den Tag der Toten In Mexiko gilt der Tod als Teil des Lebenszyklus und wird seit der präkolumbianischen Zeit gefeiert. In der aztekischen Mythologie unternahm der Verstorbene beispielsweise eine lange Reise, bevor er Mictlán, das Land der Toten, erreichte. Die verschiedenen Bräuche und Rituale, die mit der Feier verbunden sind, machen den Tag der Toten so einzigartig wie keinen anderen Feiertag auf der Welt. Familien bauen in ihren Häusern Altäre auf und bieten den Seelen ihrer Lieben Lebensmittel und Gegenstände an, die für sie einen besonderen Erinnerungswert besitzen. Zu den typischen Objekten eines solchen Altars gehören die charakteristische Cempasuchil-Blume und der köstliche Pan de Muertos. Die Traditionen können dabei je nach Region variieren. Einige davon nur werden nur noch in bestimmten mexikanischen Bundesstaaten und Städten ausgelebt:

– Jahr für Jahr veranstaltet Aguascalientes das Calaveras Festival, das dem Künstler José Guadalupe Posada, dem Schöpfer der berühmten „Catrina“ gewidmet ist – einem Symbol für den Tag des Todes.

– Guanajuato veranstaltet die berühmte Catrinas Parade, die immer am 1. November stattfindet. Zu den Feierlichkeiten wählen die Menschen ein bestimmtes Thema, das von Jahr zu Jahr wechselt und verkleiden sich entsprechend.

– Eines der größten Feste in Veracruz ist das Mictlán-Festival, das Besucher mit Musikaufführungen und Künstlern willkommen heißt. – In Oaxaca errichten die Bewohner einen „Plaza de la Muerte“, auf dem Touristen durch die handgemachte, regionale Produktauswahl stöbern können, die von Handwerkern speziell zu diesem Anlass angefertigt werden. Dazu musizieren traditionelle Comparsas (Sängergruppen) mehr als 20 Stunden lang zur Feier der traditionellen „Muerteadas“.

– In San Luis Potosí ist der Xantolo das wichtigste Fest der Region. Am 1. November findet eine Mahnwache mit Gebeten statt, am 2. November ist es in den indigenen Gemeinden üblich, den Göttern Opfergaben zu überreichen und die Gräber mit Blumen für die Seelen zu schmücken, die dem regionalen Glauben nach, einen ganzen Monat lang auf der Erde verweilen.

– Die Insel Janitzo in Michoacan ehrt die „Angelitos“

– verstorbene Kinder – in einer nächtlichen Prozession am 1. November. Dabei sollen Kanus, die bei musikalischer Begleitung mit unzähligen Kerzen geschmückt sind und köstliche Gerichte und Getränke tragen, diejenigen begrüßen, die aus dem Reich der Toten zurückkehren.

– In Mexiko-Stadt treffen sich Millionen von Besuchern im Pantheon von San Andrés Mixquic, um die Seelen der Toten bei Sonnenuntergang zu empfangen. Ebenfalls beliebt ist Xochimilco, eine Inszenierung von Llorona, der weinenden Frau; eine Legende, die Jahr für Jahr Einheimische und Touristen anlockt.

Mexiko auf Platz 6 der meistbereisten Länder weltweit Feste wie der Tag der Toten haben Mexiko zu einem der beliebtesten Ziele des internationalen Tourismus gemacht. Im Jahr 2017 verzeichnete das Land 39,3 Millionen internationale Besucher und belegt damit laut World Tourism Organizaton (UNWTO) Platz 6 der weltweit am häufigsten besuchten Länder. 637.700 nationale und internationale Flüge landeten im vergangenen Jahr in Mexiko und brachten 68 Millionen Menschen in das Land. Die Zahl der verzeichneten Flüge ist damit gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Prozent gestiegen, die der Passagiere um 9,3 Prozent.