Energie
Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen wird weiter steigen

Von Craig Cameron

Nachdem Aktien aus der gesamten Lieferkette für Elektrofahrzeuge in den Jahren 2021 und 2022 stark in der Gunst der Anleger standen, haben sie sich in den letzten Jahren schwer getan, da die zuvor unfehlbare Umstellung auf Elektrofahrzeuge die Erwartungen nicht erfüllt hat.

Rückblickend betrachtet, führte ein günstiges Umfeld für Aktien aus dem gesamten Ökosystem der Elektrofahrzeuge zu hohen Bewertungen, die häufig auf überhöhte Preise in der Lieferkette zurückzuführen waren.

In den letzten zwei Jahren sind die Bewertungen deutlich gesunken. Die Zinssätze sind gestiegen, Margen und Preise sind unter Druck geraten, die Wachstumserwartungen wurden reduziert und die Gewinnschätzungen entsprechend nach unten korrigiert.

Die Nachrichtenlage in den letzten zwei Jahren war für Elektrofahrzeuge eher düster. In den USA wurde gleich am ersten Tag der Amtszeit von Präsident Trump die Streichung von Anreizen für Elektroautos verkündet. In Asien brachte das Jahr 2024 Bilder von riesigen Feldern unverkaufter Elektroautos in den Außenbezirken von Hangzhou und anderen chinesischen Städten.

In Europa gab es unterdessen öffentlichkeitswirksame politische Schritte zur Abschwächung von Anreizen, wie die Entscheidung der britischen Regierung, ihr Ziel, den Verkauf neuer Benzinautos zu verbieten, um fünf Jahre zu verschieben, und die Entscheidung der EU, den Automobilherstellern „Flexibilität“ in Bezug auf ihre Kohlenstoffemissionsziele für 2025 anzubieten.

Vielleicht ist dies keine Überraschung, nachdem Europa im Jahr 2024 die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen überhaupt nicht steigern konnte. Die Realität blieb hinter den Erwartungen zurück, und das weltweite Wachstum der E-Fahrzeuge verlangsamte sich von 33 % auf 24 %.

Durch die Hinwendung zu Hybridfahrzeugen und nicht zu reinen Elektroautos war dieses Wachstum auch weniger wirksam, sowohl im Hinblick auf die Emissionsreduzierung als auch auf die Auswirkungen auf Angebot und Nachfrage in der Wertschöpfungskette.

Die Nachfrage nach Batterien fiel schnell unter das Angebot, und die Lithiumpreise brachen von ihren Höchstständen im Jahr 2022 um mehr als 80 % ein. Die Anpassung der Investitionsausgaben hat einige Zeit in Anspruch genommen, und die laufende Umstellung war für die gesamte Wertschöpfungskette schwierig.

Die Entwicklung der Aktienkurse von Unternehmen, die an der Umstellung auf Elektrofahrzeuge beteiligt sind, ist eine deutliche Erinnerung daran, dass das Wachstum im Allgemeinen die Erwartungen übertreffen oder erfüllen muss, damit eine Investitionsthese funktioniert, insbesondere in eher standardisierten Märkten.

Darüber hinaus kann die Nachfrage in die Höhe schießen, ohne einen großen Shareholder-Value zu schaffen – eine Lektion, die auch die Solarbranche jedem Interessierten gerne erteilt. Selbst bei hohen Wachstumsraten kann ein Nachfragewachstum, das nicht mit dem Angebot Schritt hält, zu starkem Preisdruck und sinkenden Margen führen.

Mit Blick auf die Zukunft sind wir der festen Überzeugung, dass die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen weiter steigen wird.  Bei der Bewertung der damit verbundenen Anlagemöglichkeiten müssen wir uns jedoch darauf konzentrieren, wo die aktuellen Erwartungen liegen und was wir für diese Aktien bezahlen. Wir sind der Meinung, dass die derzeitige Situation attraktiv ist – die Erwartungen wurden zurückgeschraubt, und wir glauben, dass die Bewertungen das begrenzte Wachstum nicht berücksichtigen.

Verlangsamtes Wachstum außerhalb Chinas schafft Chancen für die Lieferkette

Der Automobilsektor entwickelt sich in zwei verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten – China, dem mittlerweile weltweit größten Markt für Elektrofahrzeuge, und der Welt außerhalb Chinas. China ist weiterhin auf dem besten Weg, bis 2030 die 70%-Marke für Elektroautos zu überschreiten, nachdem es im 4. Quartal 2024 bereits 49% erreicht hat.

Der Absatz von Elektroautos, einschließlich voll batteriebetriebener Fahrzeuge und Hybride, stieg 2024 um 39% gegenüber 2023. Dies ist weitgehend auf die Verbraucher zurückzuführen, da der chinesische Markt von einer breiten Palette erschwinglicher Produkte profitiert.

Das Narrativ einer nachlassenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen spiegelt daher eher die Trends in Europa und den Vereinigten Staaten wider. Technologische Anlaufschwierigkeiten, sinkende Subventionen, Inflation und relativ unerschwingliche Preise für E-Fahrzeuge im Vergleich zu herkömmlichen Verbrennungsmotoren haben zu einem düsteren Bild einer schwächelnden Nachfrage nach E-Fahrzeugen außerhalb Chinas geführt.

Auch politische Veränderungen haben die Branche unter Druck gesetzt. Die Entscheidung Deutschlands, sein Förderprogramm für E-Fahrzeuge Ende 2023 zu beenden, war ein wichtiger Grund für die jüngste Verlangsamung, gefolgt von Kürzungen der Förderprogramme in Frankreich und Großbritannien. Damit bleiben Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit die wichtigsten Hebel, um die Einführung von E-Fahrzeugen zu fördern.

Obwohl einige wenige Länder in Asien eindeutig den größten Einfluss auf die Produktion von Elektrofahrzeugen haben, ist die Lieferkette für Elektrofahrzeuge wirklich global. Sie unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor.

E-Fahrzeuge mögen mechanisch einfacher sein und weniger Teile enthalten, aber die Art der Technologie macht die Massenproduktion recht schwierig. Die Batterieproduktion, die teuerste Komponente dieser Fahrzeuge, ist überwiegend in Ostasien angesiedelt.

Die für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien verwendeten Rohstoffe sind jedoch weltweit verstreut. Lithium wird vor allem in Australien und Südamerika abgebaut, Nickel in Indonesien und auf den Philippinen, und Kobalt in Zentralafrika. Nach dem Abbau und der Produktion werden diese Materialien nach China, Südkorea oder Japan geschickt, wo sie veredelt, verarbeitet und zur Herstellung von Kathoden und Zellen verwendet werden, bevor sie an die Hersteller von Elektrofahrzeugen weitergegeben werden.

Leistungshalbleiter werden hauptsächlich in Ostasien und in den Vereinigten Staaten hergestellt. Bei der Herstellung von Elektrofahrzeugen ist China nach wie vor führend, aber auch in Europa und den Vereinigten Staaten gibt es einige führende Hersteller.

Batteriehersteller drängen auf niedrigere Kosten

Innovationen zur Senkung der Batteriekosten sind von entscheidender Bedeutung für die Erschwinglichkeit von E-Fahrzeugen, da die Batterien der Hauptgrund für die Kostendifferenzierung sind. E-Auto-Batterien tragen erheblich zum Gesamtpreis des Fahrzeugs bei, auch wenn die Kosten gesunken sind.

Da viele der führenden Automobilhersteller Pläne zur Einführung neuer, kostengünstiger Modelle verfolgen, erwarten wir, dass die Batteriekosten weiter sinken werden. Dies dürfte sich erheblich auf die Rentabilität und Erschwinglichkeit von E-Fahrzeugen im Allgemeinen auswirken und die Akzeptanz fördern.

Damit E-Fahrzeuge die Kostenparität mit Verbrennungsmotoren erreichen können, ist es wichtig, die Energiedichte der Batterien zu erhöhen und den Herstellungsprozess zu optimieren, und hier sind die Hersteller von Batterien hervorragende Partner für die Automobilhersteller.

Während einige chinesische Batteriehersteller in Bezug auf Größe und Kosten führend sind, glauben wir, dass ein führender südkoreanischer Batteriehersteller erfolgreich Wettbewerbsvorteile in der Batteriechemie, der Großserienfertigung und der Integration der Lieferkette entwickelt hat.

Wir sehen auch vielversprechende erste Anzeichen eines indischen Batterieherstellers, der von der staatlich geförderten Nachfrage nach Elektrofahrzeugen profitiert und sich mit Automobilherstellern zusammengetan hat. Jüngste Ankündigungen von Großstädten, ihre öffentlichen Verkehrsmittel vollständig auf E-Fahrzeuge umzustellen, dürften dazu beitragen, die entstehende Batterieindustrie in einem Land anzukurbeln, das wahrscheinlich nicht auf importierte Produkte angewiesen ist.

Halbleiter entscheidend für die Elektrifizierung

Ein weiterer Faktor, der die Einführung von Elektroautos vorantreiben wird, sind Leistungshalbleiter, die dazu beitragen, Batteriestrom in Motoren im Fahrzeug umzuwandeln.

Ein führender Halbleiterhersteller, der davon möglicherweise profitieren könnte, erwirtschaftet inzwischen mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Leistungshalbleitern und ist damit besonders von der Einführung von Elektrofahrzeugen und industriellen Anwendungen betroffen.

Halbleiter und Sensoren in Elektrofahrzeugen werden eingesetzt, um den Stromverbrauch zu senken und die Effizienz und Sicherheit zu verbessern. Der Halbleiteranteil in Elektrofahrzeugen und Hybridfahrzeugen ist ähnlich, so dass die Nachfrageverschiebungen unserer Meinung nach neutral sein dürften. Die Produkte werden auch in industriellen Anwendungen, in Solar- und Windkraftanlagen sowie in Konsumgütern in großem Umfang eingesetzt.

Rohstoff Lithium

Weiter oben in der Lieferkette sind einige Rohstoffe besonders wichtig für die Energiewende und die Elektrifizierung von Fahrzeugen.

Lithium ist eine der wichtigsten Triebfedern für die Dekarbonisierung der Transportindustrie, da das Metall ein Hauptbestandteil aller EV-Batterien ist, unabhängig von der Kathodenchemie. Mehr als 90 % der Lithiumnachfrage kommt heute aus der Batterieindustrie, und Elektrofahrzeuge bleiben auch in Zukunft die Hauptquelle des Nachfragewachstums.

Die hohen Lagerbestände an E-Auto-Batterien und die nachlassenden Erwartungen in Bezug auf Verkäufe führten zu einer Kursschwäche in den Jahren 2023 und 2024, was eine überzeugende langfristige Wertmöglichkeit im Lithiumsektor darstellen dürfte.

Seit 2023 sind die Spotpreise für Lithiumcarbonat mit einer Konzentration von 99,5 % (Lithiumcarbonat-Äquivalent oder LCE) von über 75 US$/kg auf weniger als 10 US$/kg gefallen.

Auch wenn wir anerkennen, dass die Lithiumpreise kurzfristig weiterhin volatil sein könnten, glauben wir, dass der Markt den aktuell niedrigen Lithiumpreis für die Ewigkeit einpreist, ein Szenario, in dem wir eine erhebliche Angebotsverknappung bei wachsender EV-Nachfrage sehen.

Heute können bedeutende Mengen Lithium zu geringen Kosten aus Solen im „Lithiumdreieck“ von Chile, Argentinien und Bolivien oder durch eine Reihe relativ neuer Technologien, die als direkte Lithiumextraktion (DLE) bekannt sind, gewonnen werden.

Eine marginale Versorgungsquelle ist jedoch nach wie vor der nicht integrierte Hartgesteinabbau eines Produkts, das als Spodumen bekannt ist. Dieser Vorläufer von Lithiumhydroxid und Lithiumkarbonat wird in Elektroautobatterien verwendet, nachdem er an Umwandlungsanlagen zur Herstellung dieser Lithiumprodukte verkauft wurde.

Wir sehen Spodumen als eine wichtige Quelle für zusätzliches Angebot, da der Markt für Elektrofahrzeuge wächst. Unseren Schätzungen zufolge sind die Preise derzeit um etwa 40 % zu niedrig, um Anreize für neue Spodumenlieferungen zu schaffen, und dieser Abschlag ist noch größer, wenn alternative Gesteine wie Lepidolith benötigt werden.

Sogar das größte Spodumenprojekt der Welt, die Greenbushes-Mine in Australien, plant als Reaktion auf die schwachen Preise eine Produktionskürzung. Unserer Meinung nach ist das Wachstum des Angebots jedoch nach wie vor entscheidend für einen Markt, für den bis zum Ende des Jahrzehnts ein Nachfragewachstum von mehr als 10 % erwartet wird.

Wir gehen insbesondere davon aus, dass die Nachfrage aus China und Europa, wo Regulierung und Subventionen weiterhin unterstützend wirken, dieses Wachstum vorantreiben wird.

Da die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen weiter steigt und die hohen Lagerbestände abgebaut werden, erwarten wir, dass sich die Lithiumpreise zumindest auf das Niveau der Anreizpreise erholen werden. Aufgrund der anhaltenden Preisvolatilität halten wir mittelfristige Preisspitzen, ähnlich wie im Jahr 2022, für durchaus möglich. In einem solchen Umfeld erwarten wir, dass sich Lithium-Aktien angesichts der gesenkten Erwartungen gut entwickeln werden.

Rohstoff Aluminium

Mit einem Anteil von etwa 30 % an der Gesamtnachfrage ist der Transportsektor auch der größte Endmarkt für Aluminium weltweit. Das Streben nach leichteren Fahrzeugen hat zu einer erhöhten Nachfrage nach Aluminium geführt, wobei das silbrig-weiße Metall in herkömmlichen Verbrennerfahrzeugen bereits bis zu einem gewissen Grad den Stahl ersetzt.

Der Leichtbauprozess kann die Verkehrsemissionen erheblich reduzieren, da ein leichteres Fahrzeug weniger Energie und damit weniger Kraftstoff benötigt.

Batteriebetriebene Elektrofahrzeuge sind in der Regel 10-15 % schwerer als ihre verbrennungsmotorischen Pendants, was auf das Gewicht des Batteriepakets und die zusätzliche Verstärkung der Hauptstruktur zurückzuführen ist, um die erhöhten Aufpralllasten aufzufangen.

Daher ist der Bedarf an Leichtbau mit dem Übergang zu Elektrofahrzeugen größer. Bernstein Research schätzt, dass Elektrofahrzeuge im Durchschnitt 250 kg Aluminium verbrauchen, verglichen mit 172 kg bei Verbrennungsmotoren, wobei der Anstieg auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, das Gewicht großer Batterien und Batteriegehäuse auszugleichen.

Die Rolle von Aluminium bei der Gewichtsreduzierung des Fahrzeugs kann auch zu Kosteneinsparungen führen, die sich aus der Möglichkeit ergeben, das Batteriepaket und die Komponenten des Antriebsstrangs zu verkleinern, während die Reichweite des Fahrzeugs erhalten bleibt.

Angesichts verschärfter Vorschriften wird der CO2-Fußabdruck eines Fahrzeugs nicht nur während der Nutzungsphase, sondern auch aus der Perspektive einer Gesamtzyklusbewertung verstärkt in den Blick genommen. In diesem Zusammenhang haben sowohl die Regulierungsbehörden als auch die Fahrzeughersteller ihren Blick auf den CO2-Fußabdruck der bei der Fahrzeugherstellung verwendeten Rohstoffe geschärft.

Tatsache ist, dass ein durchschnittliches Kilogramm Aluminium, das heute weltweit hergestellt wird, einen höheren CO2-Fußabdruck aufweist als ein durchschnittliches Kilogramm Stahl. Da Aluminium jedoch dreimal so leicht ist, wird der Vergleich weniger relevant, da die Gewichtseinsparung den Großteil des Unterschieds ausgleicht.

Die Argumente für kohlenstoffarmes Aluminium als überlegener alternativer Rohstoff für BEVs sind sogar noch überzeugender, da es eine Emissionsreduzierung sowohl in der Produktions- als auch in der Nutzungsphase des Fahrzeugs ermöglicht.

Dieser Vorteil beginnt bereits beim ersten Produktionsschritt. Das Automobilforschungsunternehmen fka berichtet von geschätzten durchschnittlichen CO2-Einsparungen von rund 15 % im Vergleich zu Stahl durch die Verwendung von kohlenstoffarmem Aluminium, wo immer dies im Produktionsprozess praktisch möglich ist.

Ausblick

Auch wenn die jüngste Situation für die EV-Lieferkette eindeutig eine Herausforderung war, dürften viele der längerfristigen strukturellen Rückenwinde für das Thema intakt bleiben.

Langsameres Wachstum, politische Veränderungen und überhöhte Lagerbestände haben den anfänglichen Enthusiasmus gedämpft, aber sie haben auch die Bewertungen und Erwartungen auf ein realistischeres Niveau zurückgesetzt.

Anstatt sich auf die Verkaufszahlen von Elektroautos zu konzentrieren, sind wir der Meinung, dass der größte Wert in den Unternehmen liegt, die die Elektrifizierung ermöglichen, wie z. B. Batteriehersteller, Halbleiterproduzenten und Rohstofflieferanten, bei denen technologische Innovation und strategische Positionierung immer noch zu attraktiven Renditen führen können.

 

Craig Cameron, CFA Portfolio Manager/ Research Analyst Templeton Global Equity Group

Berlin
Aserbaidschanisches Modell der religiösen Toleranz stößt in Berlin auf großes Interesse

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Unter dem Titel „Einheit in Vielfalt: Interreligiöse Stimmen aus Aserbaidschan im Gespräch“ fand am 25. Juni 2025 im Aserbaidschanischen Kulturzentrum in Berlin eine bedeutende Veranstaltung statt, die ein starkes Zeichen für religiöse Toleranz, kulturelle Vielfalt und interreligiöses Miteinander setzte. Veranstalter waren die Botschaft der Republik Aserbaidschan in Deutschland und das Staatliche Komitee für religiöse Vereinigungen.

Hochrangige Vertreter des Auswärtigen Amts und anderer Bundesministerien, ausländische Botschafter, Religionsführer, Journalisten sowie Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur waren anwesend – ein breites Spektrum der deutschen Gesellschaft, das die Wichtigkeit und Aktualität des Themas widerspiegelt.

Aserbaidschans Botschafter in Berlin, Nasimi Aghayev, eröffnete die Veranstaltung mit eindringlichen Worten: „Diese Veranstaltung verkörpert genau das, was unsere Zeit so dringend braucht: Dialog, gegenseitiger Respekt und ein echtes Miteinander über Grenzen hinweg.“

Er hob hervor, dass Aserbaidschan ein Land sei, in dem „Vielfalt nicht verwaltet, sondern gelebt wird. Wo Schiiten und Sunniten gemeinsam beten. Wo jüdische Gemeinden geschützt und geachtet sind. Wo Christen Teil des gesellschaftlichen Lebens sind – nicht am Rand, sondern mittendrin.“

Ramin Mammadov, Vorsitzender des Staatlichen Komitees, unterstrich in seiner Rede die aktive Rolle des Staates beim Schutz religiöser Freiheiten und der Förderung eines gelebten Multikulturalismus – ein Ansatz, der durch konkrete politische Maßnahmen und gesellschaftliches Engagement gestützt wird.

Der bekannte Rabbiner Abraham Cooper, stellvertretender Dekan des Simon Wiesenthal Centers (USA), sprach von Aserbaidschan als einem „Modell für religiöse Toleranz“ und betonte die Wichtigkeit, diese Realität auch international bekannter zu machen.

In einem anschließenden Podiumsgespräch berichteten führende Vertreter der muslimischen, jüdischen und christlichen Gemeinschaften aus Aserbaidschan über das friedliche Zusammenleben und das gegenseitige Vertrauen in ihrer Heimat. Sie alle bestätigten: Aserbaidschans Modell religiöser Koexistenz ist kein Ideal – es ist Alltag.

Ein kultureller Höhepunkt war das Konzert des AJAM-Quartetts – ein Ensemble aus muslimischen, jüdischen und christlichen Musikern –, das den Geist der Einheit musikalisch zum Ausdruck brachte.

Auch im politischen Berlin setzte die Delegation starke Impulse: In Gesprächen mit Armin Laschet, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, weiteren Mitgliedern des Bundestages sowie mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, wurde das Thema interreligiöser Dialog auf höchster Ebene diskutiert.

Im Rahmen ihres Besuchs besuchte die Delegation das Haus der Wannsee-Konferenz sowie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Herzen Berlins. Darüber hinaus traf sie mit Daniel Botmann, dem Exekutivdirektor des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Abdassamad El-Yazidi, dem Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, zusammen.

Die Delegation führte auch Gespräche mit Vertretern der Syrisch-Orthodoxen Kirche, besuchte die Şehitlik-Moschee sowie die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Diese Begegnungen unterstrichen das gemeinsame Engagement für religiösen Dialog, gegenseitigen Respekt und ein friedliches Miteinander der Glaubensgemeinschaften.

Die Veranstaltung und der Besuch in Berlin waren ein klares Bekenntnis zur Kraft des Miteinanders in einer Zeit wachsender Spaltung. Aserbaidschan hat gezeigt, dass religiöse und ethnische Vielfalt keine Schwäche, sondern eine Stärke ist – wenn sie auf Vertrauen, Respekt und gemeinsamen Werten beruht. Wie Botschafter Aghayev es ausdrückte:

„Interreligiöse Harmonie ist keine Utopie – sie kann gelebte Realität sein. In Baku, in Berlin und überall dort, wo Menschen sich entscheiden, Brücken zu bauen statt Mauern.“

Ende von USAID
Globale Versorgung mit therapeutischer Nahrung für Kinder vor dem Kollaps

Mit dem offiziellen Ende der US-Entwicklungsagentur USAID droht die weltweite Versorgung mit gebrauchsfertiger therapeutischer Nahrung zu kollabieren. Millionen unterernährter Kinder weltweit könnten bald keine lebensrettende Behandlung mehr erhalten, warnt die Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger. Bereits in 18 Ländern werden drohende Engpässe gemeldet. Gebrauchsfertige therapeutische Nahrung (RUTF) ist seit über 20 Jahren ein zentraler Baustein in der Behandlung schwerer akuter Mangelernährung. Die Therapie erzielt Genesungsraten von über 90 Prozent und kann ein Kind in nur 6 Wochen aus einer lebensbedrohlichen Krise retten. Aktuell sind jedoch rund 18 Länder weltweit von akutem RUTF-Mangel betroffen. Seit USAID die Finanzierung stoppte, wurden rund 90 Prozent aller damit verbundenen Verträge beendet. Produktionsaufträge bleiben aus, Lieferketten stocken. „Wir erleben den Zusammenbruch eines Systems, das über Jahrzehnte Millionen Kinderleben gerettet hat“, sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger.
„Heute steht all dies auf dem Spiel. Unsere Welt hat enorme Fortschritte bei der Reduzierung der Kindersterblichkeit erzielt. Wenn die politischen Akteure jetzt nicht rasch handeln und die Mittelkürzungen rückgängig machen, droht quasi über Nacht ein Rückschritt um 30 Jahre.“
Versorgungsengpässe treffen zuerst die Schwächsten
Länder wie Südsudan, Äthiopien und Nigeria – ohnehin belastet durch Konflikte, Vertreibung und Klimaschocks – zählen zu den ersten, die von ausbleibenden RUTF-Lieferungen betroffen sind. Bereits jetzt sind Vorräte erschöpft oder stehen kurz vor dem Ende. Aufgrund der mehrmonatigen Vorlaufzeit in Produktion und Transport ist eine kurzfristige Erholung kaum möglich. Ohne rechtzeitige Nachschubplanung droht eine massive Versorgungslücke, mit fatalen Folgen für die am stärksten gefährdeten Kinder. Eine am Montag im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Untersuchung warnt vor dramatischen Folgen der US-Kürzungen: Sollte der umfassende Rückzug aus der Entwicklungszusammenarbeit bestehen bleiben, könnten weltweit bis zu 14 Millionen zusätzliche Todesfälle auftreten, darunter etwa 4,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Da Programme wie die Versorgung mit therapeutischer Nahrung (RUTF) direkt von den Streichungen betroffen sind, gerät auch die Behandlung lebensbedrohlicher Mangelernährung massiv unter Druck.
Erfolge in Gefahr: Jahrzehnte des Fortschritts stehen auf dem Spiel
Dabei zeigen bisherige Fortschritte das enorme Potenzial gezielter Interventionen: Seit der Einführung von RUTF in den 1990er Jahren ist die Überlebensrate betroffener Kinder weltweit dramatisch gestiegen. Parallel ging die jährliche Zahl an Todesfällen von Kindern von 12,9 Millionen (1990) auf 4,8 Millionen (2023) zurück – nicht zuletzt durch verstärkte Investitionen in Ernährung, Prävention und Gesundheitssysteme. Die Engpässe treffen auf ohnehin fragile Gesundheitssysteme. Ernährung und medizinische Versorgung sind eng miteinander verknüpft: Ein unterernährtes Kind mit geschwächtem Immunsystem hat ein bis zu elfmal höheres Sterberisiko. Kürzungen im Gesundheitssektor, etwa bei der Behandlung von Malaria, Tuberkulose oder HIV, verstärken die Wirkungslücke zusätzlich. So entsteht ein tödlicher Kreislauf, in dem vermeidbare Krankheiten wieder zu Todesursachen werden.

Gastkommentar
Gaza: Deutschland hat alle roten Linien überschritten

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Antisemitismus“ in Deutschland ist unerträglich geworden und banalisiert zugleich das alltägliche Grauen des Vernichtungskrieges in Gaza. Wo Euphemismen mehr Beachtung geschenkt wird als der andauernden Gewalt selbst, da findet nicht nur Meinungslenkung statt, sondern werden klammheimlich humanitäre, völkerrechtliche Prinzipien über Bord geworfen.

Wer zudem ständig einen gestandenen Staat wie Israel mit einer unter Besatzung stehendem Staat Palästina vergleicht, gibt ein unfreiwillig gutes Bild dafür ab, wie man beim Nahost-Konflikt zunehmend jegliche Aufrichtigkeit im Diskurs erstickt.

Und noch etwas viel mir in den Wochen und Monaten auf: die Kriegsgeilheit, die in Schrift, Bild und Ton (immer noch) etabliert wird, und die vorgegaukelte Faszination darüber, welche Macht und Gewalt der Krieg (noch immer) innehat, um angebliche Sicherheit, Frieden und Demokratie zu schaffen.

Zuletzt konnte man das eindrucksvoll während des Angriffskriegs Israels gegen den Iran beobachten. Deutsche Medien Hand in Hand mit gestandenen Politikern und Politikerinnen sowie Meinungs- und Stimmungsmachern, waren einzig und allein damit beschäftigt, Nebelkerzen zu zünden: eigentlich doch nur Prachtexemplare vom Schlag eines Netanjahus. Von einer Eskalation zwischen Erzfeinden, mangelnder Kooperationsbereitschaft des Iran mit der internationalen Atomenergiebehörde IAEA oder angeblicher Provokation seitens des Irans, davon war ständig die Rede.

Das hatte auch einen ganz bestimmten Grund, zumal die „Begeisterung“ zu Kriegen und Konflikten im Deutschen Lande doch nicht so recht aufkommen wollte, wie man es sich erhofft hatte, um das genozidiale Treiben in Gaza zu decken. Gleich nach dem Angriffskrieg auf den Iran kam z. B. die Bundespressekonferenz zu dem Schluss, dass die kriegerischen Angriffe Israels allen Ernstes als Selbstverteidigung zu bewerten seien. Man stellte einen Zusammenhang zu einer vorherigen Erklärung der IAEA her, in der dem Iran eine mangelhafte Zusammenarbeit mit der Behörde attestiert wurde.

Und jetzt kommst: Selbst wenn der Iran den Atomwaffensperrvertrag komplett aufkündigt hätte, das kann keinen, absolut keinen Einfluss auf die völkerrechtlichen Mechanismen haben, die über Krieg und Frieden entscheiden.

Etwaige Verletzungen des Atomwaffensperrvertrages und den damit verbundenen Verpflichtungen eröffnen in keiner Weise irgendwelchen Drittstaaten das Recht auf unmittelbare kriegerische Intervention. Das Gewaltmonopol liegt einzig und ausschließlich beim UN-Sicherheitsrat – außer im Falle des Rechts auf Selbstverteidigung nach Art. 51 der UN-Charta. Und dieses liegt hier eindeutig auf der Seite des Iran. Israel hatte einen illegalen Angriffskrieg begonnen. Man kann über diese surreale, geradezu absurde Täter-Opfer-Umkehr nur noch den Kopf schütteln.

Weite Teile der Welt sind geprägt von einem historisch gewachsenem Gerechtigkeitsempfinden und Nationalstolz. Erstere hatte doch bis zuletzt Deutschland in die Welt getragen, in dem sie z. B. der Türkei die Prinzipien des humanitären Völkerrechts einhämmerte, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit faselte. Und nun? Jetzt schwingt die Türkei den Finger gen Berlin und ruft die Bundesregierung dazu auf, sich an das Völkerrecht zu halten – und nicht nur sie, sondern der gesamte globale Süden sowie vereinzelte EU-Staaten.

Letzterer, der Nationalstolz, ist ebenfalls historisch begründet. So wie der Iran oder die Türkei, die aus sich heraus gewachsen sind. Anders als hierzulande zu erwarten wäre oder von Meinungsmachern euphorisch prophezeit wurde, wird eine direkte Einmischung in innere Angelegenheiten, ob diplomatisch, aus dem Untergrund oder kriegerisch, von der Bevölkerung vollumfänglich anders interpretiert, als man gemeinhin annimmt. Diese Einmischung trifft sie über Konfessionen, Abstammung und Status hinweg in ihrem Nationalstolz und führt dazu, dass sie sich trotz aller demokratischen oder ökonomischen Defizite reflexartig in den Verteidigungsmodus versetzen.

Der Schah-Sohn Reza Pahlavi, die vielen Exil-Iraner, die während ihrer Independence-Aufmärsche auf New Yorker oder Berliner Straßen die heimischen Iraner in ihrer Erwartungshaltung voller Vorfreude aufforderten, sich doch gegen die Mullahs zu erheben, konnten von mir daher nur ein müdes Lächeln entlocken. Hat man denn von der Geschichte überhaupt nichts gelernt?

Aber kommen wir zum eigentlichen Krieg, dem Vernichtungskrieg in Gaza. Krieg ist manchmal gerechtfertigt, vor allem wenn man sich auf das Recht der Selbstverteidigung beruft. Das heißt aber vereinfacht gesagt nicht, dass ich einem Menschen das Leben aushauchen darf, ihm eine anständige Bestattung verwehre, danach in sein Haus steige, es bis auf die Grundmauern niederbrenne, sein Hab und Gut zerstöre und dabei seine ganze Sippschaft samt Nachbarn und Getier durch die Manage treibe und einzeln töte. Genau das passiert in Gaza, und es soll noch weiter gegangen werden, was die Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr für möglich gehalten hätte. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange…

Im israelischen Fernsehen – genauer beim regierungsnahen Sender „Channel 14“ – forderte der Moderator Elad Barashi wortwörtlich den Einsatz von Gaskammern und rief dazu auf, in Gaza eine „Shoa“, einen „Holocaust“ zu verüben. Und das in einer Zeit, in der der Gaza-Krieg in Israel weiterhin eine überwältigende Zustimmung findet. Es ist beileibe nicht die einzige Stimme in Israel, sondern eines von sehr vielen Stimmen, die Gaza entvölkert sehen, den Iran in die Steinzeit gebombt und als nächstes anvisieren, die Türkei als größte Gefahr für Großirael, ausschalten wollen, weil es so in der Tanach prophezeit werde.  Aber zunächst widmet man sich den Palästinensern, weil die gewaltig stören.

Gegenwärtig werden die ausgehungerten Palästinenser aus einem Gaza-Ghetto über die Trümmerberge in die nächste beordert, damit sie nach stundenlangem Warten in Metallkäfigen dann wieder herausgetrieben und niedergeschossen werden. Diese Gut-Böse Einordnung hat also fatale Ausmaße angenommen, vor allem weil uns die Mainstream-Medien bislang ständig versichert haben, dass unter jedem einzelnen getroffenen Haus, Krankenhaus, Zeltlazarett, Moschee, Kirche, Flüchtlingslager oder Latrine im Gazastreifen ein Hauptquartier der Hamas untergebracht sei.

Was man angesichts der apokalyptischen Zerstörung im Gazastreifen seit langem befürchtet hat – nämlich dass die Todeszahlen deutlich höher sein dürften, als die bislang namentlich erfassten 60.000, scheint uns jedoch eines Besseren zu belehren. Eine via Harvard Dataverse veröffentlichte Studie eines israelischen Professors (Yaakov Garb), die u. a. auf der Analyse von Daten der IDF basiert, kommt auf aktuell 1,85 Millionen Menschen im Gazastreifen – 377.000 weniger, als vor dem „Krieg“. Sprich, eine Bevölkerung in der Größenordnung der Stadt Wuppertal wurde pulverisiert, eingeäschert, in Stücke gerissen oder unter Trümmerbergen lebendig begraben.

Hierzulande schreien die hiesigen Kriegstreiber, die gleichgesinnte Kameraden um sich scharen wollen, um in einer Fankurve den Krieg zwischen Gut und Böse gemeinsam zu bejubeln, immer noch „Hamas… Hamas!“. Da schimmert bei diesem Typhus von Mensch wohl ein bisschen der postrheumatische „saubere Wehrmachtssoldat“ durch, der sich nach Heldentum sehnt.

Die eigentlichen Helden, die werden erschossen, weggebombt oder während einer Cafepause getötet, weil sie über diese vorherrschenden Zustände berichten wollten. Wie jüngst, als das Al-Baqa Café in Gaza bombardiert wurde, in der 24 Palästinenser, darunter Journalisten und Aktivisten, eine Pause eingelegt hatten. Laut Reporter ohne Grenzen (RSF) beklagt man seit dem 7. Oktober 2023 allein in Gaza fast 200 getötete Medienschaffende. Die meisten von ihnen kamen bei Angriffen des israelischen Militärs ums Leben. 45 von ihnen wurden im Zusammenhang mit ihrer Arbeit gezielt getötet. Kein anderes Land seit der Gründung der Vereinten Nationen, kann so viele Strichmännchen aufweisen.

Israel hat alle roten Linien überschritten, Deutschland hat dafür auch ihre eigenen roten Linien geopfert. Sollte sich in Deutschland jemals ein Politiker oder Politiker, ein Experte oder Expertin sich auch nur abfällig über die mutmaßlichen Zustände in der Türkei äußern, sollte jeder Türkischstämmiger entgegnen, dass man sich jegliche demokratisch-rechtstaatlichen und moralischen Belehrungen verbittet, weil man ja der Komplizenschaft und Beihilfe bei einem mutmaßlichen Genozid, ethnischer Säuberung und der Aufrechterhaltung eines Apartheidsregimes schuldig gemacht hat.

 
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

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Imamoğlu-Verhaftung
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Der Istanbuler Generalstaatsanwalt Akin Gürlek lässt sich davon nicht beirren und weitet die Ermittlungen ständig aus, auch aufgrund der knapp 40 Kronzeugen von insgesamt und bislang 130 in Untersuchungshaft genommenen Personen aus dem Umkreis des ehemaligen Istanbuler OB´s. Dabei sind inzwischen auch Personen aus dem unmittelbaren Umfeld von Imanoğlu selbst, die sich aus Delegierten, Beamten aus Gemeinde- wie Stadtämtern und Unternehmern zusammensetzen. Sollten die Vorwürfe in der noch nicht verfassten Anklageschrift vom Strafgericht angenommen werden, drohen den Inhaftierten wegen der Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Bestechung und Drohung im Amt nicht nur mehrjährige Haftstrafen, sondern ihnen wird auch für Jahre das passive Wahlrecht entzogen. Bliebe es dabei, könnte İmamoğlu bei der Präsidentschaftswahl auch wegen seinem aberkannten akademischen Grad nicht antreten. Experten zufolge werden die Ermittlungen noch Monate dauern, die Gerichte noch Jahre damit beschäftigt sein, bis ein unanfechtbares Urteil gefällt ist.

CHP steht vor der Zerreißprobe

Derweil steht die größte Oppositionspartei vor einer weiteren großen Herausforderung: Gegen die Partei selbst läuft seit einigen Monaten ein brisanter Prozess. Am 30. Juni 2025 wird ein zuständiges Verwaltungsgericht in Ankara wahrscheinlich die Entscheidung darüber fällen, ob die Wahl des aktuellen Parteivorstandes unter dem Vorsitz von Özgür Özel vom 38. Parteikongress im November 2023 nichtig zu erklären ist oder nicht. Der Vorwurf, dass die Wahl des Parteivorstands nicht mit rechten Dingen zu tun hatte, Delegierte bei der Stichwahl mit Geldern, Zuwendungen, Reisen und Immobilien bestochen worden sein sollen, wurde aus den eigenen Reihen, vor allem durch den damals abgesetzten Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu in den Raum geworfen. Kurz nach der Wahl des neuen Parteivorstands, sprach Kemal Kılıçdaroğlu von einem Dolchstoß aus unmittelbarer Nähe. Daraufhin stellten mehrere Mitglieder der Partei Strafanzeige gegen die Partei selbst. Gegenwärtig herrscht daher innerhalb der Oppositionspartei Chaos. Nach der Ankündigung Kemal Kılıçdaroğlus, bei Nichtigerklärung des Gerichts den Vorsitz wieder übernehmen zu wollen, um einer bis zur nächsten Wahl des Parteivorstands der treuhänderischen Regelung zuvorzukommen, rief der OB von Ankara Mansur Yavas (CHP) die Partei dazu auf, diesen Schritt zu beherzigen, bis die „Wogen geglättet“ sind. Damit ist das Chaos perfekt: İmamoğlu ließ aus der Untersuchungshaft kurz darauf verlauten, man solle Zusammenhalten und zum gegenwärtigen Vorsitzenden Özgür Özel stehen. Damit zeichnet sich ein Kampf innerhalb der Flügeln in der Partei ab, der in den sozialen Medien bereits voll entbrannt ist. Bis zur Wahl des Parteivorsitzenden Özgür Özel im Gespann mit İmamoğlu unternahm man alles, um sicherzustellen, dass Muharrem İnce und Kemal Kılıçdaroğlu dieses Land von Erdogan übernehmen. Betrachtet man die Lage jetzt, scheint man nun gänzlich einer anderen Meinung zu sein. Das zeigt sich in den sozialen Medien, in der jetzt derart unter die Gürtellinie geschlagen wird, dass man sich schon fremd schämen kann.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

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– Gastkommentar – Israel: Die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

Zwischen Schuldkomplex, Judenfetisch und Feindbildproduktion: Andrea Sawatzki und die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

Israel: Die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

Offshore-Öl
Libyen will Seerechtsabkommen mit Türkei ratifizieren

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Von Nabi Yücel Das libysche Parlament strebt nächste Woche eine einstimmige Ratifizierung des Seeabkommens zwischen Libyen und der Türkei aus dem Jahr 2019 an, erklärte ein libyscher Abgeordneter gegenüber dem „The Libya Observer“. „Das Abkommen könnte diese Woche in einer offiziellen Sitzung darüber abgestimmt und ratifiziert werden“, heißt in dem Kurzbericht der „The Libya Oberserver“ weiter. Libyen und die Türkei unterzeichneten erst am vergangenen Mittwoch eine Absichtserklärung über eine Offshore- Öl- und Gasexploration in libyschen Gewässern. Das Abkommen fällt in eine Zeit, in der nun neben der Türkei auch zwischen Libyen und Griechenland ein Streit um Seerechte entbrannt ist. Libyen ist wie die Türkei kein Unterzeichnerstaat des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (SRÜ). Das bedeutet, dass Libyen oder die Türkei rechtlich nicht an die Bestimmungen des SRÜ gebunden sind, sondern sich lediglich den Genfer Seerechtskonventionen der Vereinten Nationen von 1958 untergeordnet haben. Das Seeabkommen zwischen der Türkei und Libyen aus dem Jahr 2019, dass die Festlegung der Seegrenzen zum Ziel hat, wird in der EU abgestritten. Kritiker, darunter Griechenland und Zypern, argumentieren, dass es gegen das SRÜ verstößt, indem es ihre Seerechte ignoriert, während die Türkei behauptet, ihre Souveränitätsrechte auf Grundlage der Prinzipien des Festlandsockels nach der Genfer Seerechtskonvention zu schützen. Die Rechtsgültigkeit des einen oder anderen Abkommens bleibt daher umstritten, und bis Juni 2025 gab es keine Verhandlungen zu einer einvernehmlichen Lösung. Die diplomatischen Spannungen im östlichen Mittelmeerraum haben daher erneut zugenommen. Libyen und die Türkei stehen auf der einen, die Europäische Union mit Zypern und Griechenland auf der anderen Seite. Im Mittelpunkt des Streits steht vor allem das 2019 zwischen Tripolis und Ankara unterzeichnete Übereinkommen, dass die Souveränität und Rechte zur Rohstoffexploration in den Mittelpunkt rücken. Jüngste Äußerungen und Maßnahmen haben dieses komplexe und sensible Thema auch innerhalb der EU neu entfacht. Das libysche Parlament wie auch die Regierung in Ankara hatten zuletzt die Schlussfolgerungen des Europäischen Rates vom 26. Juni 2025 zum libysch-türkischen Seeabkommen scharf zurückgewiesen. Beide Seiten betonten, dass die Legitimität, der von Libyen und der Türkei unterzeichnete internationale Abkommen ausschließlich in der Zuständigkeit der jeweiligen Verfassungsorgane liege, und verurteilten jegliche Versuche von außen, sich in die inneren Angelegenheiten oder in bilaterale Beziehungen einzumischen. Der Sprecher des Außenministeriums, Öncü Keçeli, sagte in seiner ersten Reaktion auf die am Freitag veröffentlichten Schlussfolgerungen des EU-Rates, dass die Ergebnisse des Gipfeltreffens der EU-Staats- und Regierungschefs zeigten, dass Griechenland und die griechische Insel Zypern weiterhin bestrebt seien, „ihre Maximalansprüche durchzusetzen“. Der Deal sei nach internationalem Recht ein „völlig legitimes Abkommen“, schrieb der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Öncü Keçeli, auf X. „Anstatt rechtlich ungültige Forderungen zu unterstützen, sollte die EU in diesem Zusammenhang alle ihre Mitglieder dazu aufrufen, das Völkerrecht einzuhalten“, sagte er.

Gastkommentar
Bericht: Kirchen-Anschlag in Syrien geht auf das Konto der SDF

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Die kurdische Syrische Demokratische Kräfte (SDF) griff offensichtlich zu einer „False Flag“-Taktik mit IS-Gefangenen zurück, um die Stabilität und Sicherheit in der Region Damaskus zu stören und die neue syrische Übergangsregierung unter Druck zu setzen. Darauf deuten Hinweise aus dem Büro der US-amerikanischen Hilfsorganisation Blumont im syrischen al-Hol.

Viele Tote nach Selbstmordanschlag in Kirche

Am 23. Juni hatte ein mutmaßlicher Anhänger der Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats (IS) in einer Kirche in der syrischen Hauptstadt Damaskus ein Selbstmordanschlag verübt. Nach Angaben des syrischen Gesundheitsministeriums wurden dabei 25 Menschen getötet, die an einer Messe teilgenommen hatten. Weitere 63 Menschen erlitten demnach bei der Explosion in der Mar-Elias-Kirche Verletzungen. Es war der erste Anschlag dieser Art seit Jahren in Syrien. Zunächst bekannte sich keine Gruppe zu der Tat. Danach erklärte das Innenministerium, der Täter habe der Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats (IS) angehört, die früher Teile Syriens und des Iraks kontrolliert hätten. Der Angreifer habe die Kirche mit zwei weiteren Personen aufgesucht, dann allein betreten, auf die Gläubigen geschossen und schließlich seinen Sprengsatz gezündet, teilte das Innenministerium mit.

Täter stammt aus IS-Zelle und dem Lager al-Hol

Am darauffolgenden Tag verbreitete sich über soziale Medien eine Meldung über eine wenig bekannte syrische sunnitische Extremistengruppe – Saraya Ansar al-Sunna, was übersetzt „Schwadronen der Anhänger der Sunna“ bedeutet – die sich zu dem Anschlag bekannt habe. Die Gruppe bestritt demnach jegliche formelle Verbindung zum IS, widerlegte die Behauptung der syrischen Übergangsregierung, der IS sei verantwortlich, und drohte mit weiteren Anschlägen. Kurz darauf veröffentlichte die Gruppe selbst über ihr Social-Media Kanal eine Erklärung und bestritt eine Verbindung zum Terroranschlag. Drei Tage nach der schrecklichen Tat gab das syrische Innenministerium an, einen der flüchtigen Personen im Raum Damaskus festgenommen zu haben. Dabei handle es sich um einen irakischen Staatsbürger, der ebenfalls ein Mitglied einer IS-Zelle sein soll. Der Name des Festgenommenen sei ebenfalls in einer Datenbank der internationalen Hilfsorganisation aufgetaucht. Demnach sei der Mann ab November 2024 im Lager al-Hol als Lieferant von Heizmaterial tätig gewesen, der Täter stamme jedoch aus dem Internierungslager selbst. Das Lager al-Hol liegt im syrischen Gouvernement al-Hasaka im nordöstlichen Syrien, rund 650 km von Damaskus entfernt. Das Lager ist ein Internierungslager am südlichen Stadtrand von al-Hol, die seit 2019 vor allem die Familien dschihadistischer Kämpfer des Islamischen Staats beherbergt. Das Gebiet wird von der syrisch-kurdischen SDF unter dem Dach der Task-Force einer internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat, insbesondere der USA kontrolliert. Obwohl die SDF – eine der mächtigsten bewaffneten Formationen Syriens und langjähriger Feind aller syrischen Oppositionsmilizen – im März ein Abkommen mit Übergangspräsidenten Al-Scharaa unterzeichneten, in der sie sich verpflichteten, sich der Kontrolle von Damaskus zu integrieren, bleiben die Spannungen zwischen beiden Seiten bestehen. Der SDF gelang es nie, das Lager al-Hol vollständig zu sichern, die genaue Namenliste der dort Inhaftierten zu ermitteln oder IS-Kommandeure daran zu hindern, das Lager heimlich zu betreten und zu verlassen oder Schmuggel zu betreiben, veröffentlichten sie dennoch eine Gegenerklärung, in der sie die Behauptungen des Innenministeriums zurückwiesen. Laut dem Innenministerium zeigte man sich dagegen erstaunt darüber, dass der Selbstmordattentäter in Begleitung von zwei Personen die Strecke zwischen al-Hol und Damaskus unbehelligt passieren konnte. Der Sprecher des Innenministeriums stellte zudem fest, dass das unbemerkte Verlassen der Personen aus dem Lager al-Hol sehr verdächtig sei.

Verhaftungen und Drohungen gegen Hilfsorganisation

Am vergangenen Freitag sickerte dann die Nachricht durch, dass die syrisch-kurdische SDF das Büro der Blumont in al-Hol durchsucht, 34 Mitarbeiter mitsamt einem Medienvertreter festgenommen und die Arbeit der Hilfsorganisation für beendet erklärt habe. Die Nah-Ost-Zentrale der Blumont in Jordanien sei zudem unter Druck gesetzt worden, die Echtheit des Daten-Leaks zu leugnen, mit der eine Verbindung zwischen dem Selbstmordattentäter und dem Lager al-Hol bewiesen wird. Die syrisch-kurdische SDF gilt als syrischer Arm der Terrororganisation PKK in Syrien. Laut Experten sieht sich die SDF zunehmend existenziell bedroht, vor allem wegen der Drohung des US-Präsidenten Donald Trump, das US-Kontingent aus Syrien abzuziehen. Zudem wird der Druck der syrischen Übergangsregierung, sich in die syrische Armee einzugliedern und aufzulösen, immer höher. Laut dem schwedischen Analysten Michael Arizante, scheint die SDF immer verzweifelter zu werden, was sie deshalb außerordentlich gefährlich macht. Arizante fordert deshalb die USA auf, die SDF dazu zu zwingen, sich in der nationalen Struktur Syriens einzugliedern oder mit der gewaltsamen Entwaffnung zu beginnen.

Gastkommentar
Israel: Die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi Die deutsche Schauspielerin Andrea Sawatzki hat sich auf Facebook öffentlich zu Israel, Palästina und zur Hamas geäußert – und mit ihrer Erklärung ein Paradebeispiel dafür geliefert, wie sich der deutsche Schuldkomplex, verkleidet als Moral, in rassistische Täter-Opfer-Umkehr verwandelt. In einem Beitrag, der sich als persönliche Meinungsäußerung tarnt, betreibt sie politische Stimmungsmache gegen jede Form palästinensischer Selbstbehauptung – und verwechselt gezielte Ausblendung mit Humanismus.
Dass Sawatzki die Hamas ablehnt, ist legitim. Aber dass sie aus dieser Ablehnung ein pauschales Urteil über jede Form palästinensischen Widerstands ableitet, ist ideologisch durchtränkt. Wer heute auf Pro-Palästina-Demos geht – und dabei ausdrücklich gegen Kollektivbestrafung, ethnische Säuberungen und militärisch exekutierte Apartheid protestiert – wird von ihr in einen Topf mit Islamisten, Terroristen und Massenmördern geworfen. Sie schreibt von „Hamas-Dreiecken“, „blutigen Händen“, „Fahnen“ und moralisiert sich gleichzeitig in die Rolle der bedrohten Unschuld: Sie wolle doch nur ihre Meinung äußern. Was dabei entsteht, ist kein demokratischer Diskurs, sondern eine durch Schuldreflexe aufgeheizte Dämonisierung jeglicher israel-kritischer Position. Was sie formuliert, hat SS-Propaganda-Qualitäten. Die antisemitische Gleichsetzung von einst – „alle Juden sind Kommunisten“ – wird heute umgedreht in „alle Palästina-Demonstranten sind Hamas“. Dieser entmenschlichende Kollektivverdacht ist nicht zufällig, sondern politisch gewollt. Auch CDU-Chef Friedrich Merz bediente sich kürzlich exakt dieser Logik, als er öffentlich sagte: „Israel macht die Drecksarbeit für uns.“ Wer solche Sätze sagt, verabschiedet sich nicht nur von Menschenrechten, sondern auch von jeglicher zivilisatorischen Erinnerung an das, was deutsche „Drecksarbeit“ im 20. Jahrhundert bedeutete. Sawatzki reiht sich nahtlos ein in dieses Bündnis aus Schuldabwehr und rassistischer Entlastungsprojektion. Denn die deutsche Debattenkultur ist längst verformt: Kritik an Israel = Antisemitismus. Diese Gleichsetzung ist nicht nur analytisch falsch, sondern politisch verheerend. Sie relativiert den Holocaust, indem sie ihn zur moralischen Deckungskarte für koloniale Gewalt umdeutet. Wenn Israel Kinder bombardiert, Krankenhäuser zerstört, UN-Schulen attackiert, Zivilisten in Gaza gezielt abschlachtet – dann darf das in Deutschland nicht als das benannt werden, was es ist: Staatsterror. Stattdessen wird es als legitime Selbstverteidigung beschönigt. Sawatzki geht noch weiter: Wer das kritisiert, steht für sie moralisch bereits auf der Seite der Täter. Dabei ist genau diese Haltung der Grund für das moralische Versagen Deutschlands im Nahostdiskurs. Der eurozentrische weiße Mensch spricht wieder. Er liebt Israel – nicht aus Solidarität, sondern weil es ihn erlöst. Er hasst die Palästinenser – nicht weil sie bedrohlich wären, sondern weil sie erinnern: an Kolonialismus, an Apartheid, an das eigene historische Schweigen. Sawatzki schreibt, sie habe Freunde „in Israel, Gaza, Iran“ – ein pseudohumanistisches Accessoire, mit dem sie ihre selektive Empathie rhetorisch verbrämt. Dass sie in ihrem gesamten Text kein einziges Mal die Besatzung, die Blockade, die täglichen Verbrechen an der palästinensischen Bevölkerung benennt – das spricht Bände. Sie spricht von „Frieden“, schweigt aber zu Israels rechtsradikaler Regierung. Sie spricht von „Leid“, blendet aber systematisch aus, dass dieses Leid durch eine rassistisch motivierte Militärpolitik erzeugt wird. Stattdessen erklärt sie – mit der Selbstgewissheit des deutschen Schuldgestus – die Kritik an dieser Realität zur moralischen Bedrohung. Dass sie dafür auf ihrer Facebook-Seite die Kommentarfunktion deaktiviert hat, ist bezeichnend: Kritik wird nicht ertragen, sondern blockiert. Genau wie Israels Kritik an der Besatzung nicht erträgt, sondern bombardiert. Und was ist das Ziel all dessen? Die deutsche Seele sucht Erlösung. Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen – aber aus ihm wurde im kollektiven Gedächtnis kein echter Antifaschismus, sondern eine Schulderbsenzählerei. Man liebt das jüdische Opfer, solange es tot ist – und man liebt Israel, solange es die Palästinenser bombardiert. Sawatzkis Pathos ist nicht etwa Humanität, sondern ein Symptom: Sie steht exemplarisch für jene Generation deutscher Kulturschaffender, die ihre Bedeutungslosigkeit über die israelische Gewaltverklärung kompensieren will. Wer „Nie wieder“ ernst meint, muss jede Form von Faschismus ablehnen – auch den zionistischen. Wer Humanität beansprucht, muss jeder Form von Terror entgegentreten – auch dem staatlich sanktionierten. Und wer sich auf die Seite der Gerechtigkeit stellt, darf nicht den Kolonisator bejubeln und das Kolonisierte entmenschlichen. Alles andere ist keine Meinung – sondern Mittäterschaft!

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
 

Zum Autor

Gazmend Gashi ist Kind der ersten Migrantengeneration, Hadith-Wissenschaftler, Diplom-Wirtschaftler, leidenschaftlicher Handwerker, R’n’B/Soul-Sänger und politischer Analyst. Unabhängig von seiner islamischen Gelehrsamkeit widmet er sich soziologischen Analysen kollektiven Verhaltens – mit Schwerpunkt auf Antirassismus, Antimuslimismus und Antisemitismus.

Gastkommentar
Rassismus in der muslimischen Community – Verdrängtes Erbe

Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi Während sich muslimische Communities in Europa – und vor allem in Deutschland – zu Recht gegen antimuslimischen Rassismus, staatliche Repression und medialen Generalverdacht zur Wehr setzen, bleibt eine unbequeme Wahrheit weitgehend verdrängt: Der Rassismus im eigenen Inneren. Ob gegenüber Schwarzen oder gegenüber Sinti und Roma – die Realität ist, dass auch innerhalb der Umma rassistische Denkmuster, koloniale Überlegenheitsfantasien und ethnische Abwertung tief verwurzelt sind. Und je tiefer dieses Problem reicht, desto lauter wird es tabuisiert. Ein Beispiel dafür ist die Figur des TikTok-Predigers Abdel Hamid – ein religiöser Influencer, der sich mit kindlich-traurigem Gesichtsausdruck, emotionalisierter Rhetorik und einer Mischung aus Ghettoästhetik und wahhabitischem Sendungsbewusstsein eine digitale Gefolgschaft aufgebaut hat. Er redet viel über “den wahren Islam”, beschwört mit “Vallahi”-Pathos moralische Prinzipien und warnt vor Betrügern – während er selbst wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt gerät: Vorwürfe der Steuerhinterziehung, des Spendenbetrugs und mehrfacher Täuschung stehen im Raum. Und es ist nicht das erste Mal. Doch anstatt diese Verfehlungen kritisch zu reflektieren, klammern sich viele seiner Anhänger an einen Verteidigungsreflex, der mehr an die Logik von Verschwörungsgläubigen erinnert als an islamische Selbstverantwortung. Abdel Hamid sei ein Opfer des Staates, ein „korrekter Bruder“, der von den „Kufar“ zum Schweigen gebracht werde. Solche Narrative ähneln frappierend dem Opferdiskurs rechter Deutscher, die „das System“ für ihre eigene Verantwortungslosigkeit verantwortlich machen. Es ist die islamisierte Variante des deutschen “Stockholm-Syndroms”: Der Täter wird idealisiert, das System dämonisiert, und die Wahrheit bleibt auf der Strecke. Als bekannt wird, dass Abdel Hamid zur Minderheit der Sinti und Roma gehört, kippt die Verteidigung in ein anderes Muster – und zwar in einen offenen Rassismus. In Kommentaren heißt es plötzlich: „Ach, er ist Roma? Das erklärt alles.“ Der strukturelle Rassismus, den viele Muslime selbst täglich erleben, wird in diesem Moment ungefiltert reproduziert – nur eben gegen jene, die innerhalb der marginalisierten Gruppen noch einmal ganz unten stehen: Schwarze und Roma. Es ist ein bekanntes Muster: Wenn ein arabischer Prediger durch Korruption auffällt, heißt es, er sei vom Weg abgekommen. Wenn ein türkischer Hodscha die Community betrügt, wird von einer „Fitna“ gesprochen, einem teuflischen Test. Doch wenn ein Schwarzer Muslim oder ein Angehöriger der Roma-Community kriminell wird, dann wird seine Ethnie zum Erklärungsmodell. Plötzlich ist es „in ihrer Natur“, plötzlich „nicht verwunderlich“. Dieses Denken ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines tief verinnerlichten Rassismus, den man in der muslimischen Umma weder benennen noch aufarbeiten will. Die Diskriminierung von Schwarzen und Roma-Muslim*innen ist nicht neu. In vielen Moscheen gilt der dunkelhäutige Bruder als „der andere“, selbst wenn er mehr Qur’an kennt als der Imām. Roma-Familien wird unterstellt, sie seien „unorganisiert“ oder „illoyal“. Schwarze Schwestern werden bei Heiratsvorschlägen systematisch übergangen oder exotisiert. Und wenn Kritik an diesem Zustand laut wird, verteidigt man sich mit dem verlogenen Satz: „Bilal war schwarz – also gibt es keinen Rassismus im Islam.“ Diese Instrumentalisierung Bilals ist der Gipfel der Ignoranz. Denn Bilal wird nicht als realer Mensch gesehen, sondern als moralisches Alibi. Seine Hautfarbe soll die eigene Blindheit verdecken. In Wahrheit handelt es sich um eine islamisierte Variante des „Onkel-Tom“-Mechanismus: Bilal als Strohmann. Als Ausrede. Als bequeme Erinnerung daran, dass wir uns mit dem Rassismus in unseren Reihen nicht auseinandersetzen müssen. Besonders perfide ist es, wenn privilegierte muslimische Frauen – meist weiß, türkisch oder arabisch – diese Argumentation übernehmen, um sich ihrer eigenen rassistischen Reflexe nicht stellen zu müssen. Dass der Fall Abdel Hamid gerade innerhalb einer unterschichtgeprägten, bildungsfernen TikTok-Community so viel Zuspruch erfährt, liegt auch an seiner Inszenierung als „einer von uns“. Er kommt „von der Straße“, spricht ihre Sprache, erzählt emotionale Geschichten, reduziert Frauen auf Anekdoten über Aisha – stets als die „demütige, dienende Frau“, die sich dem Propheten vollkommen unterordnet. Dass Aisha in Wirklichkeit eine politische Akteurin, eine Gelehrte und eine streitbare Persönlichkeit war, wird ausgeblendet. Abdel Hamid benutzt sie als religiöse Vorlage zur Reproduktion patriarchaler Unterwerfung. Seine männliche Zuhörerschaft soll lernen: Eine gute Frau schweigt, folgt und gehorcht. Männliche Verantwortung? Theologische Tiefe? Fehlanzeige. Dass er kaum Qur’an zitiert, keine Hadith-Kompetenz hat und stattdessen mit emotionaler Manipulation arbeitet, stört seine Gefolgschaft nicht. Denn Bildung ist in diesem Milieu kein Kriterium. TikTok ersetzt die Moschee. Emotion ersetzt Erkenntnis. Zugehörigkeit ersetzt Wahrheit. Seine Zielgruppe – oft intellektuell marginalisierte Jugendliche aus der Unterschicht – gleicht in ihrer Emotionalisierung dem Milieu rechter AfD-Wähler: Beide fühlen sich „von oben“ verraten, beide sehnen sich nach klaren Feindbildern, beide idealisieren charismatische Anführer, die ihnen Erlösung versprechen. Der eine mit Kalifat, der andere mit Vaterland. Noch drastischer zeigt sich der sexistische und patriarchale Bodensatz salafistisch geprägter Szenen im Fall des Predigers Ibrahim A. Gegen ihn wurde wegen sexualisierter Gewalt gegen seine Ehefrau ermittelt. Die Anzeige wurde schließlich zurückgezogen – nicht aus Mangel an Beweisen, sondern infolge massiven Drucks aus seinem eigenen religiösen Umfeld. Das Opfer lebt heute im Verborgenen. Es ist ein Beispiel für die strukturelle Frauenverachtung innerhalb der Wahhabiyya: Frauen, die sprechen, werden gebrochen. Männer, die Gewalt ausüben, werden gedeckt. Man schützt den Täter, nicht das Opfer. Eine Praxis, die mehr mit mafiöser Loyalität als mit islamischer Ethik zu tun hat. Auch Prediger wie Pierre Vogel oder Abul Baraa sind Teil dieser Verblendungsindustrie. Vogel, dessen Lies-Projekte als Nährboden jihadistischer Radikalisierung dienten, flüchtete sich in eine Medienstrategie, die jede Kritik als antimuslimische Hetze diffamierte. Abul Baraa betätigte sich während der Pandemie als esoterischer Händler von überteuertem Honig und verbreitete medizinisch gefährliche Falschinformationen – ohne dass daraus innerhalb der Community nennenswerter Protest entstanden wäre. Warum? Weil sie entweder weiß, arabisch oder türkisch sind – und damit Teil der ethno-religiösen Mehrheitsidentität innerhalb der Umma. Doch sobald ein Schwarzer oder Roma-Muslim ähnlich handelt, wird nicht mehr verziehen. Dann wird nicht diskutiert, dann wird verurteilt. Ethnische Herkunft wird zur Ursache erklärt, kulturelle Minderwertigkeit unterstellt. Es ist ein rassistischer Doppelstandard, der sich in Predigten, in Ehen, in der Moscheepolitik und in der Jugendarbeit zeigt. Die Mechanismen gleichen denen der weißen Mehrheitsgesellschaft – mit dem Unterschied, dass man sie hier in Gottes Namen betreibt. Wer den Islam als ethische Offenbarung versteht, muss endlich aufhören, diese Heuchelei zu dulden. Kriminalität ist nicht ethnisch. Dummheit auch nicht. Aber Rassismus ist strukturell – und er ist in unseren Reihen angekommen. Wenn wir nicht den Mut aufbringen, den Finger in die eigene Wunde zu legen, dann wird die Umma nicht durch äußere Feinde zerstört – sondern durch das, was wir in ihr dulden: Ungerechtigkeit, Arroganz, Heuchelei. Schwarze und Roma-Muslime sind keine Nebenfiguren, keine Testfälle, keine Fußnoten unserer Gemeinschaft – sie sind ein Teil von ihr. Und wer sie rassistisch ausgrenzt, hat den Islam nicht verstanden.
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Gastkommentar
Gesellschaft ohne Kinder? Ein lebensgefährlicher Irrtum

Ein Gastkommentar von Henriette Wild Es war ein Satz, der einschlug wie ein Paukenschlag: „Ein Gast mit Hund ist mir lieber als ein Gast mit Kind“, sagte Mario Pulker, Obmann der Gastronomie-Sparte in der österreichischen Wirtschaftskammer. Seither tobt im Netz ein regelrechter Sturm. Eltern, Familienverbände und Medien reagieren empört, viele Menschen sind sprachlos. Was auf den ersten Blick wie eine unbedachte Äußerung eines Gastronomen klingt, offenbart bei näherem Hinsehen ein gesellschaftliches Problem, das weit über die Grenzen der österreichischen Gaststuben hinausreicht. Auch in Deutschland wird der Ruf nach „kinderfreien Zonen“ lauter. Sei es in Cafés, Restaurants, Hotels. Doch was steckt dahinter? Ist das wirklich nur eine Frage der Ruhe oder Bequemlichkeit? Oder zeigt sich hier eine tiefere Schieflage im gesellschaftlichen Denken?
Zwischen Ruhebedürfnis und Zukunftsblindheit
Befürworter von Pulkers Aussage argumentieren recht pragmatisch: Gäste mit Hunden seien ruhiger, besser kontrollierbar, hygienischer, Kinder hingegen sind laut, wild, fordernd. Einige Gastronomen berichten sogar, dass sich andere Gäste über lärmende Kinder beschwerten. Laut Umfragen sympathisieren über die Hälfte der Befragten mit der Idee von kinderfreien Zonen in Lokalen. Doch dieser Wunsch nach Ruhe birgt eine gefährliche Tendenz. Kinder, die verletzlichsten und gleichzeitig wertvollsten Mitglieder unserer Gesellschaft, werden zunehmend als Störfaktor wahrgenommen. Eine Familie mit Kleinkind ist nicht mehr willkommen, sondern oft nur noch geduldet. Eltern berichten von abschätzigen Blicken, genervtem Personal oder sogar expliziten Hinweisen, dass Kinder „nicht erwünscht“ seien. Gleichzeitig ist der Hund als Sozialpartner längst etabliert. Viele Lokale werben aktiv mit „Hunde willkommen!“, stellen Wasser- und Fressnäpfe bereit. Dass Tiere dabei besser behandelt werden als Kinder, ist eine symbolträchtige Verschiebung, die nicht nur in der Gastronomie zu beobachten ist. Sie wirft die grundlegende Frage auf: Welche Werte trägt unsere Gesellschaft?
Gesellschaft ohne Kinder? Ein lebensgefährlicher Irrtum
Dass Kinder mal laut sind, kleckern oder ungeduldig werden, ist keine Überraschung. Es ist schlicht Teil ihres Wachsens, Lernens und Menschwerdens. Wer Kindern keinen Raum gibt, nimmt ihnen nicht nur die Möglichkeit zur Teilhabe, sondern verdrängt damit auch ihre Existenz aus dem öffentlichen Bewusstsein. Dabei sind Kinder nicht das Problem, sie sind die Lösung. Sie sind unsere Zukunft in einer Welt, die dringend nach Zukunft sucht. Während Europa unter sinkenden Geburtenraten und demografischem Wandel leidet, diskutieren wir darüber, ob Kinder in Cafés stören. Eine absurde Debatte, wenn man bedenkt, dass ohne Kinder weder Gesellschaft noch Wirtschaft noch Rente überlebensfähig wären. Wer Kinder aus Lokalen oder Hotels verdrängt, verdrängt in Wahrheit den Gedanken an Gemeinschaft, Vielfalt, Entwicklung. Und gleichzeitig wird jungen Eltern das Gefühl vermittelt, dass sie mit ihrer Familie nicht dazugehören. Eine fatale Botschaft, gerade in Zeiten, in denen wir eigentlich familienfreundlich sein müssten wie nie zuvor.
Wenn Familien auch in Deutschland zur Ausnahme werden
Auch in Deutschland ist die kinderfeindliche Tendenz längst spürbar. Immer mehr Hotels und Gastronomiebetriebe werben offen mit „Adults Only“-Konzepten, diese Angebote gelten ausschließlich für Erwachsene. Besonders im Wellness- oder Luxussegment finden sich Hotels, die Kinder bewusst ausschließen, häufig mit Altersgrenzen ab 14 oder 16 Jahren. Auch in der Gastronomie gibt es vereinzelte Lokale, die entweder durch explizite Hinweise oder durch fehlende kindgerechte Angebote signalisieren, Familien sind hier nicht erwünscht. Hochstühle? Fehlanzeige. Kindermenüs? Nicht vorgesehen. In einigen Fällen finden sich sogar Hausordnungen mit Zutrittsverboten für Kinder unter einem bestimmten Alter. Die Begründung ist dabei oft ähnlich wie in Österreich. Man wolle „Ruhe“ und „ein exklusives Ambiente“ bewahren. Doch während solche Regelungen rechtlich meist zulässig sind, da Kinder nicht als geschützte Diskriminierungsgruppe gelten, werfen sie gesellschaftlich gewichtige Fragen auf. Denn wo Familien systematisch ausgeklammert werden, entsteht nicht nur ein Markttrend, sondern eine gesellschaftliche Kluft. Kritiker wie der Deutsche Kinderschutzbund warnen: Eine Gesellschaft, die Kinder aus dem öffentlichen Leben verdrängt, verspielt ihre Menschlichkeit und auch ihre Zukunft.
Gastfreundschaft beginnt bei den Kleinsten
Kinder gehören in die Mitte der Gesellschaft, nicht an ihren Rand. Sie sind keine Last, sondern ein Geschenk. Ja, sie sind laut, neugierig, ungeduldig. Aber genau das macht sie lebendig. Und wer als Gastronomie meint, auf Kinder verzichten zu können, sollte sich fragen, auf wessen Zukunft er da eigentlich verzichtet. Denn Eltern von heute sind Gäste von morgen und Kinder von heute die Gastgeber der Zukunft. Eine familienfreundliche Atmosphäre ist kein betriebswirtschaftliches Risiko, sondern eine Investition in die Menschlichkeit. Wer heute Kinder willkommen heißt, baut Vertrauen auf. Und Gäste, die sich mit ihrer Familie wohlfühlen, kommen wieder. Sie bringen Leben, Gespräche, Bindung und Wärme mit. Natürlich darf es Orte der Ruhe geben, zum Beispiel feine Restaurants, ruhige Hotelzonen, stille Cafés. Doch die Haltung dahinter sollte nie ablehnend, nie ausgrenzend sein. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht willkommen heißt, sagt auch zu sich selbst Nein. Die Debatte um Mario Pulkers Hund-statt-Kind-Aussage ist daher mehr als ein Shitstorm, sie ist ein Spiegel. Ein Spiegel, in dem wir sehen, wie sehr unsere Gesellschaft an einem Scheideweg steht. Wollen wir Bequemlichkeit oder Beziehung? Wollen wir Stille oder Zukunft? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wir brauchen keine kinderfreien Zonen. Wir brauchen kinderfreundliche Herzen. Denn Kinder sind keine Störung. Niemals. Sie sind der Sinn.