Gaza-Krieg
Islam-Kritiker Samed Abdel-Samad verurteilt Israel

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Während die Grünen beim Kleinen Parteitag interne Konflikte austragen und nebenbei wieder mal die türkische Regierung kritisieren, verurteilt Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad Israel und wirft ihm einen Genozid in Gaza vor. Über 50.000 Todesopfer und nach dem jüngsten bekannt gewordenen Massenmord an 14 palästinensischen Rettungskräften, findet der Grünen-Bundesvorsitzende Felix Banaszak am Sonntag während des Kleinen Parteitages weiterhin keine Worte zum Massenmord an Palästinensern in Gaza? Dafür findet Felix Banaszak wie selbstverständlich ergreifende Worte zu der Inhaftierung des ehemaligen OB von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, und hält gegenüber der türkischen Regierung eine Standpauke über Demokratie und Menschenrechte! Der lautere Einsatz für Menschenrechte, wie Banaszak in seiner Rede noch betonte, ist aber nur auf die Türkei beschränkt, bei der gegen einen ehemaligen OB wegen Korruption und Bestechlichkeit ermittelt wird. Nicht der Rede wert sind jedoch über 50.000 Massengetötete und 14 Sanitäter, die von der israelischen Armee (IDF) geradezu exekutiert wurden. Die New York Times (NYT) hatte über dieses Kriegsverbrechen an Sanitätern berichtet. Ihr wurde von einem hochrangigen UN-Diplomaten ein Handy-Video zugespielt, dass die bislang von Israel getätigten Lügen nun widerlegt. Nicht nur das: die Journalisten der NYT hatten recherchiert und herausgefunden, dass die IDF mit schwerem Räumgerät Leichen und Fahrzeuge vergraben, drumherum Erdwälle aufgeschüttet hatten, um die Tat zu vertuschen. Es war also nicht nur ein willkürlicher singulärer Exzess von eigenmächtig handelnden einzelnen Psychopathen vor Ort, für die Durchführung und Vertuschung dieses Kriegsverbrechens stand Infrastruktur und Logistik der Armee bereit. Dafür ging der [ehemalige] Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad mit Israel hart in Gericht. Im Social-Media-Kanal X warf der gebürtige Ägypter und bislang in Medien sowie Politik hochgeschätzte „Islam-Kritiker“ Israel direkt Genozid vor, verurteilte alle Unterstützer und Relativierer. Ob Hamed Abdel-Samad damit die Grünen meinte? Jedenfalls blieb die Standpauke seitens Hamed Abdel-Samad gegenüber Israel nicht folgenlos. Von nun an ist er höchstens noch ein „Israel-Kritiker“ und damit in deutschen Landen Persona non grata. Es gibt nur ein Wort, dass das, was gerade in Gaza passiert, genau beschreibt: Genozid. Schande über alle, die das unterstützen oder relativieren! Am Tag nach diesem Beitrag auf X postete Hamed Abdel-Samad diesmal, dass sein Vortrag in Seligenstadt von der Organisatorin unmittelbar abgesagt wurde. Hamed Abdel-Samad zufolge habe er damit gerechnet, stehe aber für die Meinungsfreiheit, auch wenn die Folgen drastisch werden. „Gestern habe ich einen Beitrag geschrieben, in dem ich das Vorgehen Israels in Gaza kritisiert habe. Heute hat mir die Organisatorin meines Vortrags in Seligenstadt, der nächste Woche stattfinden sollte, geschrieben und die Veranstaltung abgesagt, mit der Begründung, dass ich Israel kritisiere“. schrieb er in einem Beitrag auf facebook. Und weiter:
Ich habe gestern geschrieben, dass ich bereit bin, alle Konsequenzen zu tragen, und ich bleibe dabei, und ich weiß, dass mich meine Haltung viel kosten wird, aber ich bin nicht käuflich und nicht einschüchterbar. Nicht einmal die Morddrohungen der Terroristen haben mich beeindruckt oder zum Einlenken gebracht! Und an alle Veranstalter, die mich in Zukunft einladen möchten: Wenn ihr mich nur einladet, um zu hören, was ihr wollt, und nicht, was ich denke, dann ladet mich bitte nicht ein!
Es lebe mein Kopf, frei und unabhängig!
Viele seiner einstigen Weggefährten verurteilten Abdel-Samad.  „Hamed ist verloren“, schrieb etwa Islamkritiker Ali Utlu auf X. Auch in Israel blieb dieser Wutausbruch nicht unbemerkt. In „The Times of Israel“ erklärte man Abdel-Samad, der „einst als einsame Stimme des Mutes inmitten des Sturms angesehen, ein Mann, der es wagte, dem Dschihadismus entgegenzutreten, der trotz Fatwas und Morddrohungen für Freiheit und Wahrheit eintrat“, kurzerhand „Vom Verbündeten zum Ankläger“ und damit zum „politischen Verräter“.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
 

Wirtschaft
Türkei: Inflation fällt auf Dreijahrestief

Istanbul – Seit er im Juni 2023 das Amt des türkischen Finanzministers übernommen hat, führt Mehmet Şimşek die Wirtschaft des Landes zu einer bemerkenswerten Erholung und wurde für seine pragmatischen und effektiven Strategien zur Bekämpfung der Inflation und zur Stabilisierung der türkischen Lira gelobt. In den fast zwei Jahren seiner Amtszeit hat Şimşek mit seiner Politik das Vertrauen der Investoren wiederhergestellt, die Währung gestärkt und eine solide Grundlage für ein nachhaltiges Wachstum geschaffen, was eine deutliche Abkehr von den wirtschaftlichen Turbulenzen der vergangenen Jahre darstellt.
Inflation sinkt im März auf niedrigsten Wert seit 2021
Die Inflation in der Türkei fiel im März auf 38,1 Prozent und erreichte damit den niedrigsten Stand seit 2021. Die Rate ist in diesem Monat zum zehnten Monat in Folge gesunken. Der Rückgang folgt auf einen Höchststand von über 75 Prozent im Mai 2024.
Rückkehr zur rationalen Wirtschaft
Als Şimşek am 4. Juni 2023 nach der Wiederwahl von Präsident Recep Tayyip Erdoğan ernannt wurde, verschwendete er keine Zeit, um eine Abkehr von einer unorthodoxen Wirtschaftspolitik zu signalisieren. Bei seiner Amtsübergabe erklärte er, die Türkei habe „keine andere Wahl, als auf den Boden der Vernunft zurückzukehren“, und betonte Transparenz, Konsequenz und die Einhaltung internationaler Normen. Dieses kühne Bekenntnis gab den Ton an für eine Reihe entscheidender Maßnahmen, die darauf abzielten, die Inflation – die im Oktober 2022 bei 85,5 % lag – einzudämmen und die steile Abwertung der Lira zu stoppen. Einer der ersten Erfolge von Şimşek war die Ermächtigung der türkischen Zentralbank, einen aggressiven geldpolitischen Straffungszyklus zu verfolgen. Unter seiner Führung erhöhte die Bank die Zinssätze von 8,5 % im Juni 2023 auf einen Höchststand von 50 % Anfang 2024. Diese drastische Veränderung bedeutete eine Abkehr von der jahrelangen Niedrigzinspolitik und vermittelte den Märkten die klare Botschaft, dass die Türkei es mit der Preisstabilität ernst meinte. Bis März 2025 war die Inflation auf erträglichere 40 % gesunken, und Şimşek prognostizierte zuversichtlich einstellige Zahlen bis 2026 – ein Ziel, das dank seiner ruhigen Hand nun in Reichweite ist.
Stabilisierung der Lira mit strategischer Vision
Auch die türkische Lira, die in den zwei Jahren vor Şimşeks Ernennung über 150 % ihres Wertes verloren hatte, hat eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Seine Strategie basierte auf dem Wiederaufbau der Währungsreserven und der Abschaffung kostspieliger Währungsschutzprogramme wie dem KKM (währungsgeschützte Lira-Einlagenkonten). Der 2021 eingeführte KKM hatte sich auf 125 Milliarden Dollar aufgebläht und verschlang staatliche Mittel. Şimşeks schrittweiser Ausstiegsplan – der ohne Störung der Märkte durchgeführt wurde – ließ den Umfang des Programms stetig schrumpfen, wobei sich die Abflüsse bis Ende 2024 auf reguläre Lira-Einlagen verlagerten. „Das Programm verliert an Attraktivität“, stellte er letztes Jahr fest, eine Vorhersage, die sich durch die erfolgreiche Abwicklung des Programms bestätigt hat.

Zum Thema

– Türkei – Türkischer Finanzminister Mehmet Şimşek fordert Rationalität

Er trat 2018 zurück, als Erdoğan seinen Schwiegersohn zum Finanzminister ernannte. Er galt bei Investoren als Garant für eine gute wirtschaftliche Entwicklung.

Türkischer Finanzminister Mehmet Şimşek fordert Rationalität

Israel
Yahav Erez: Eine israelische Anti-Zionistin

Jerusalem – Yahav Erez, eine israelische Aktivistin und Podcasterin, hat sich mit ihrem nachdenklich stimmenden Podcast Disillusioned zu einer überzeugenden Stimme entwickelt, die den Status quo in Israel infrage stellt. Als Gastgeberin interviewt Erez Israelis, die wie sie selbst, von einer zionistischen Erziehung zur Unterstützung des palästinensischen Kampfes übergegangen sind, und bietet so eine Plattform für persönliche Geschichten, die den gängigen Erzählungen widersprechen. Ihre Arbeit hat sowohl in Israel als auch international Aufmerksamkeit erregt und wirft ein Licht auf eine wachsende Bewegung von Israelis, die ihre Überzeugungen über den Zionismus und die Besetzung Palästinas neu bewerten.
Eine Plattform für den Wandel 
Disillusioned wurde 2022 ins Leben gerufen und hat sich zu einem einzigartigen Ort entwickelt, an dem Erez den Weg von Israelis erforscht, die die Rechte der Palästinenser unterstützen. Im Podcast kommen die unterschiedlichsten Gäste zu Wort – ehemalige Siedler, Verweigerer aus Gewissensgründen, Künstler und Aktivisten – die erzählen, wie sie dazu kamen, die zionistische Ideologie, mit der sie aufgewachsen sind, infrage zu stellen. Die Episoden, die auf Plattformen wie Spotify und Apple Podcasts verfügbar sind, befassen sich mit zutiefst persönlichen Erfahrungen, vom Verlernen der Indoktrination bis hin zur Konfrontation mit systemischer Gewalt. Erez‘ warmer und neugieriger Moderationsstil wird von den Hörern als „beruhigend“ und „mutig“ bezeichnet. „Ich spreche mit Menschen, deren Geschichten der lebende Beweis dafür sind, dass man sich ändern kann“, sagte Erez kürzlich dem Magazin +972. „Zionismus ist nicht etwas, mit dem man einfach geboren wird und das man dann für den Rest seines Lebens ist.“ Ihr Podcast, den sie unabhängig finanziert, spiegelt diese Überzeugung wider, indem er den Schwerpunkt auf Veränderung statt Verurteilung legt. Zu den jüngsten Folgen gehörten eine Musiksession mit Antikriegsliedern und ein Gespräch mit einem ehemaligen Siedler aus Hebron, was die Bandbreite der Perspektiven zeigt, die sie zu vermitteln sucht.
Vom Zionismus zur Solidarität
Erez‘ eigener Weg zum Antizionismus ist eine Geschichte des allmählichen Erwachens. Sie wuchs in einem zionistischen Umfeld in Israel auf und akzeptierte die Erzählungen, die in Schule und Gesellschaft über die Gründung Israels und seine Konflikte vermittelt wurden. Ihre Sichtweise begann sich jedoch zu ändern, als sie alternative Sichtweisen kennenlernte und die Realitäten der Besatzung aus erster Hand erfuhr. Erez hat zwar nicht öffentlich einen einzelnen prägenden Moment genannt, aber in Interviews und in den sozialen Medien hat sie die kumulativen Auswirkungen dieser Erfahrungen angedeutet. In einem Beitrag vom Dezember 2024 auf X antwortete sie auf eine häufig gestellte Frage ihrer Anhänger:
„Wie hast du dein ganzes Denken verändert, vom Aufwachsen in einem zionistischen Umfeld zur Solidarität mit dem palästinensischen Kampf?“
Sie verwies auf ihren Podcast als Teil der Antwort und deutete an, dass die Moderation von Disillusioned sowohl eine persönliche Erkundung als auch eine öffentliche Verpflichtung zum Verständnis dieses Wandels war. „Abgesehen von den Interviews in meinem Podcast“, schrieb sie, „war es ein Prozess des Zuhörens, Lernens und der Konfrontation mit harten Wahrheiten.“ Ihre Entwicklung spiegelt die vieler ihrer Gäste wider, die Begegnungen mit Palästinensern, die Beschäftigung mit historischen Berichten jenseits der offiziellen israelischen Narrative oder die moralische Auseinandersetzung mit dem Militärdienst als Katalysatoren für Veränderungen anführen. Für Erez wurde diese Reise auch durch ihre breiteren Interessen geprägt, einschließlich der Kritik an der israelischen Politik während der COVID-19-Jahre und der Reflexion über systemische Ungerechtigkeit, wie sie in einem Interview über Eastern Oak aus dem Jahr 2023 feststellte.
Eine Stimme in einer geteilten Landschaft
Erez‘ Arbeit fällt in eine Zeit erhöhter Spannungen in Israel, in der Widerspruch gegen die Politik der Regierung – insbesondere seit dem Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Krieg in Gaza – zunehmend unterdrückt wird. Als israelische Linke bewegt sie sich in einer polarisierten Gesellschaft, in der „fast jeder um dich herum keinerlei Empathie für jemanden hat, der nicht zu ‚ihrem‘ Volk gehört.“ Dennoch ist sie nach wie vor entschlossen, sich mit denjenigen auseinanderzusetzen, denen sie einst ähnelte, und fragt: „Wie kann man ihnen Legitimität verleihen? Ihr Aktivismus und ihr Podcast sind nicht unbemerkt geblieben. Im November 2024 trat Erez im Bad Hasbara-Podcast auf, um über Gewalt durch israelische Fußballfans in Amsterdam zu diskutieren, was ihre Kritik an nationalistischer Inbrunst noch verstärkte. Im Internet wird sie von ihren Anhängern dafür gelobt, dass sie „das Schweigen bricht“ und Gespräche anregt, die die Auswirkungen des militarisierten israelischen Staates auf Palästinenser und Israelis in Frage stellen. Ausblick Während sich Disillusioned seinem dritten Jahr nähert, zeigt Erez keine Anzeichen für eine Verlangsamung. Mit einem wachsenden Publikum und einem Patreon zur Unterstützung von Bonusinhalten baut sie weiterhin eine Gemeinschaft um die Idee auf, dass Veränderung möglich ist – selbst in einer so gespaltenen Gesellschaft wie der israelischen. Ihre Arbeit mit Yesh Din und ihre öffentlichen Auftritte als Rednerin lassen auf einen vielschichtigen Ansatz der Lobbyarbeit schließen, der das Erzählen von Geschichten mit konkretem Handeln verbindet. Für Erez ist die Mission klar: Sie will den Grundstein für eine Zukunft legen, in der sich Gleichheit und Freiheit „vom Fluss bis zum Meer und darüber hinaus“ erstrecken, wie sie auf ihrem YouTube-Kanal sagt. In einer Welt, in der solche Sätze heftige Debatten auslösen, hebt sich Yahav Erez als eine Stimme der Selbstreflexion und der Hoffnung hervor und beweist, dass selbst die hartnäckigsten Überzeugungen in Frage gestellt und verändert werden können.

Kryptowährungen
Haben Kryptowährungen eine Zukunft?

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Von Justin Thomson

  • Digitale Währungen, insbesondere Bitcoin, wurden im Laufe der Jahre mehrmals „beinahe zu Grabe getragen“, sind aber jedes Mal stärker zurückgekehrt.
  • Trotz ihrer Beständigkeit weisen digitale Währungen weiterhin eine Preisvolatilität auf, die deutlich höher ist als die von traditionellen Vermögenswerten.
  • Wenn diese Volatilität nachlässt und digitale Vermögenswerte nicht mehr mit anderen Vermögenswerten korrelieren, könnten sie als „Risk-Off“-Handel angesehen werden.

Ich war viele Jahre lang ein skeptischer, konventioneller Aktienanleger, als ich anfing, mich näher mit Kryptowährungen zu beschäftigen. Daher fand ich es bemerkenswert, dass trotz mehrerer kurzzeitiger Zusammenbrüche (allein Bitcoin hat vier Rückgänge von über 70 % erlebt) weder die Anlageklasse noch das Konzept der digitalen Währungen Anzeichen für ein Verschwinden zeigten.

Ich war fasziniert. Wenn es sich um eine aufstrebende Anlageklasse handelte, die im Gegensatz zu allen anderen nicht durch die Brille eines traditionellen Investors betrachtet werden konnte, musste ich meinen Ansatz unvoreingenommen betrachten und mehr erfahren.

Wie Blue Macellari, unser hauseigener Krypto-Spezialist, sagt:

„Wenn man nicht als Krypto-Skeptiker anfängt, stimmt etwas nicht mit einem.“

Die zunehmende Glaubwürdigkeit von Kryptowährungen als Wertanlage hat einige dazu veranlasst, sie als „digitales Gold“ zu bezeichnen, und während die Krypto-Elite bei dieser Analogie zusammenzuckt, finde ich sie nützlich.

Weder Kryptowährungen noch Gold generieren Einkommen (es gibt gewisse Ausnahmen bei Kryptowährungen), und daher sind beide mit Haltekosten verbunden. Für Traditionalisten ist jeder Vermögenswert die Summe seiner zukünftigen abgezinsten Zahlungsströme wert. Beide sind endlich (im Fall von Gold gibt es eine physische Grenze, im Fall von Kryptowährungen ist die Grenze algorithmisch). Daher haben beide einen Knappheitswert. Das ist das Besondere an Bitcoin.

Die Anzahl der Bitcoin-Token, die „abgebaut“ werden können, halbiert sich alle vier Jahre. Dieser „Halbierungs“-Algorithmus bedeutet, dass im Jahr 2140 keine neuen Token mehr erstellt werden.

Die Summe aller Bitcoin-Token in diesem Jahr wird 21 Millionen betragen, endlich und quantifizierbar. Dies unterscheidet es von herkömmlichem Geld, das von Zentralbanken ohne theoretische Begrenzung gedruckt wird, aber keinen inneren Wert hat, außer dem Vertrauen und der Glaubwürdigkeit der emittierenden Regierung in Bezug auf die Inflation.

Der mögliche Weg von „risikoaffin“ zu „risikoavers“

Logischerweise sollte Bitcoin immun gegen die Auswirkungen anhaltender Haushaltsdefizite der Regierung, steigender Verschuldung und höherer Inflation sein, die den Wert von Staatswährungen untergraben.

Für Bitcoin-Miner nimmt die Komplexität des Rätsels, das gelöst werden muss, um den Token zu erstellen, mit der Zeit zu, wenn auch auf nichtlineare Weise. Da hierfür eine enorme und immer größere Rechenleistung erforderlich ist, handelt es sich um eine äußerst energieintensive Aufgabe.

Der intrinsische Wert jeder Münze könnte daher mit den Grenzkosten für Energie (mit Gaspreisen als Proxy) gleichgesetzt werden. Die Preisvolatilität bei Kryptowährungen ist nach wie vor dramatisch höher als bei traditionellen Anlageklassen, wobei Preisschwankungen von 5–10 % an einem einzigen Tag keine Seltenheit sind. Sie korrelierte zeitweise mit wachstumsstarken Aktien, obwohl es keinen grundlegenden Grund dafür gibt.

Das bedeutet, dass Kryptowährungen aus gutem Grund in die Kategorie „risikoaffin“ fallen. Eine positive Entwicklung wäre eine Dämpfung dieser Volatilität und eine Entkopplung von anderen Risikoanlagen. Ein Übergang von „risikofreudig“ zu „risikoscheu“ wäre ein wesentlicher Bestandteil des Legitimierungsprozesses: Spielzeuge werden zu einer ernstzunehmenden Anlageklasse.

Wenn ich über das Ausmaß meiner eigenen Unwissenheit nachdenke, finde ich dieses Zitat des Software-Ingenieurs Jameson Lopp hilfreich:

„Erster Schritt zum Verständnis von Kryptowährungen: zugeben, dass man Kryptowährungen nicht versteht. Letzter Schritt: erkennen, dass ‚Verständnis‘ ein bewegliches Ziel ist.“


Justin Thomson, Head of the T. Rowe Price Investment Institute

Wirtschaft
Taiwan dominiert den weltweiten Halbleitermarkt mit über 66 Prozent

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Von Marcus Weyerer

Anleger setzen vermehrt auf Taiwan. Die kumulierten Nettozuflüsse ausländischer Fonds, ein wichtiger Gradmesser für die Marktstimmung, erreichten 2025 ein neues Allzeithoch, wobei in neun der letzten 12 Monate positive Nettozuflüsse gemeldet wurden. 

Von den 91 Milliarden Dollar, die ausländische Anleger in den letzten zehn Jahren in taiwanesische Aktien investiert haben, sind seit Tiefpunkt des Aktienmarktes im September 2022 fast 80 Milliarden Dollar geflossen sind. Die Aktienkurse sind parallel dazu gestiegen, wobei der FTSE Taiwan 30/18 Capped Net Index im Jahr 2023 um 31 % und im Jahr 2024 um 25 % zulegte.

Seit dem Markttief im Herbst 2022 haben sich die Aktien um 81 % erholt (Stand: 24.März 2025). Im Jahr 2025 liegt der Index bisher 5 % im Minus und 10 % unter seinem Allzeithoch vom letzten Sommer – also im Korrekturbereich. Dies spiegelt wahrscheinlich eher die globale Unsicherheit im Zusammenhang mit Handelsspannungen und Trumps Zolldrohungen wider als die Fundamentaldaten der taiwanesischen Wirtschaft von heute.

Der Nationale Entwicklungsrat Taiwans erwartet ein BIP-Wachstum von 3,3 % in diesem Jahr, angetrieben von der anhaltenden Nachfrage nach KI und anderen aufstrebenden Technologien. Die moderatere IWF-Prognose von 2,7 % scheint die Unsicherheiten, die das globale Wachstum in diesem Jahr behindern könnten, besser widerzuspiegeln, aber sie würde Taiwans Wirtschaft immer noch weit vor den meisten Industrieländern oder den schwachen 1,7 % der G7 sehen.

TSMC diversifiziert Produktionsstätten ins Ausland

Die Dominanz der taiwanesischen Halbleiterfertigung dürfte das Wachstumspotenzial der Wirtschaft für die kommenden Jahre sichern. Taiwan hält derzeit einen Anteil von zwei Dritteln am weltweiten Foundry-Markt und übertrifft damit die 10 % des zweitplatzierten Korea.

Bei der Produktion der fortschrittlichsten Chips, einschließlich derjenigen, die für das Training von LLMs und anderen KI-Anwendungen verwendet werden, halten taiwanesische Firmen mit einem Marktanteil von über 90 % das weltweite Angebot fast vollständig in Schach. 

Gleichzeitig diversifizieren Firmen wie TSMC ihre Produktionsstätten ins Ausland, nicht zuletzt aus geopolitischen Gründen. In einer viel beachteten Pressekonferenz mit Präsident Trump Anfang März kündigte das Unternehmen Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Dollar in den USA über mehrere Jahre an.

Die Technologie hat den Optimismus in Taiwan beflügelt, und wir glauben, dass sich dieses Thema fortsetzen wird. Der zyklische Charakter der Halbleiterbranche sowie politische und sicherheitspolitische Erwägungen bedeuten, dass die Anleger auf Volatilität vorbereitet sein müssen.

Taiwanische Aktien sind im Vergleich zu ihrer eigenen Geschichte nicht billig, aber sie werden im Vergleich zu globalen Aktien immer noch mit einem Abschlag von 11 % beim Termingewinn und 23 % beim Kurs-Buchwert-Verhältnis gehandelt.

 Auch wenn das Potenzial für eine signifikante Ausweitung der Multiplikatoren derzeit begrenzt sein mag, machen Taiwans vielversprechender Wachstumspfad und seine technologischen Fähigkeiten das Land zu einem unverzichtbaren Akteur in der Weltwirtschaft. Zoll- und Handelsunsicherheiten belasten die meisten Märkte, und Taiwan bildet da keine Ausnahme. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass seine einzigartige Position und seine Bedeutung in der globalen Lieferkette diese Risiken aufwiegen.

Anleger können über börsengehandelte Fonds (ETFs) auf verschiedene Weise effizient und bequem Zugang zu diesem Markt erhalten. Als Teil einer breiteren Schwellenländerallokation machen taiwanesische Unternehmen etwa 18 % des Gewichts im FTSE Emerging Index aus.

Wenn man sich auf das aufstrebende Asien – ohne die Schwergewichte Japan und China – konzentriert, z. B. mit dem FTSE Asia ex Japan ex China Index, steigt das Gewicht Taiwans auf rund 27 %. Der FTSE Taiwan 30/18 Capped Index schließlich bietet mit einer Gewichtung von fast 70 % im IT-Sektor das reinste Engagement.

Diese drei kosteneffizienten Methoden bieten eine einfache Möglichkeit, die Allokation in Taiwan zu erhöhen, dessen Benchmark-Exposure in den globalen Indizes nur 1,8 % beträgt – und das, obwohl die Wirtschaft und die Unternehmen des Landes eindeutig überdurchschnittlich stark sind.


Marcus Weyerer, Director of ETF Investment Strategy EMEA bei Franklin Templeton    

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Währungspolitik
Schwedens Rückkehr zum Bargeld: Eine Lehre für die Zukunft

Schweden wurde lange als Vorbild für den Übergang zu einer Gesellschaft ohne Bargeld gesehen. Aber seit kurzer Zeit gibt es eine deutliche Änderung. Die Regierung sowie die Riksbank bitten die Bevölkerung nun, wieder mehr Bargeld zu verwenden. Als Grund dafür gelten wachsende Sorgen bezüglich der Anfälligkeit digitaler Zahlungssysteme – etwa bei Cyberangriffen, Stromausfällen oder anderen Problemen. Bargeld kommt als Garantie für Sicherheit und Unabhängigkeit zurück.

Der Weg zur bargeldlosen Gesellschaft

In Schweden hat man früh angefangen, Bargeld im Alltag weniger zu nutzen. Bereits in den frühen 2010er Jahren bauten Banken ihre Bargeldservices gezielt ab. Viele Geschäftsstellen gaben kein Bargeld mehr aus, während Terminals zur Selbstbedienung für Überweisungen sowie Kartenzahlungen wichtiger wurden. Als die Swedbank 2013 in einigen Filialen komplett auf Bargeldservices verzichtete, sorgte dies für besonders viel Kritik – es traf vor allem ältere Menschen, die stark auf Bargeld angewiesen waren. Auch von der Politik kamen Anstöße. Die Regierung sorgte dafür, dass sich digitale Bezahlsysteme wie Swish schnell verbreiteten – die App fürs Handy wird mittlerweile von den meisten Menschen in Schweden genutzt. Zugleich lockerte man die Pflicht, Bargeld anzunehmen, in vielen Bereichen, sodass viele Läden wie Restaurants gar kein Bargeld mehr annahmen. Zwar wurde das Bezahlsystem dadurch schneller, allerdings gab es auch Protest. Menschen kritisierten, dass bestimmte Gruppen systematisch ausgeschlossen würden und die finanzielle Unabhängigkeit verloren ginge.

Schwedens E-Krona-Projekt

Neben der Reduktion von Bargeld arbeitete die schwedische Zentralbank an der E-Krona, einer digitalen Währung. Sie sollte das Bargeld ergänzen oder gar ablösen. Das Ziel war, eine staatlich garantierte, sichere Alternative zu privaten Zahlungssystemen anzubieten. Mit der E-Krona sollte der Zugang zu Zahlungsmitteln gesichert sein, besonders in einer Gesellschaft, in der immer weniger Bargeld genutzt wird. Das Projekt begann 2017 und befindet sich seitdem in der Pilotphase. An zwei Designs für die E-Krona wird gearbeitet: Zum einen gibt es eine kontobasierte Variante, bei der Guthaben direkt bei der Riksbank verwaltet wird, zum anderen eine wertbasierte Version, die offline auf Geräten oder Karten gespeichert sein kann. Beide Ansätze sollen ein widerstandsfähiges, effizientes Zahlungsmittel schaffen, das auch bei Cyberangriffen oder technischen Störungen funktioniert. Die Einführung der E-Krona ist ein schwieriger Prozess. Zu rechtlichen Hindernissen kommen technische Aufgaben, beispielsweise die Integration in bestehende Zahlungssysteme und die Sicherstellung von Datenschutz. Trotz dieser Probleme bleibt das Projekt ein wichtiger Teil von Schwedens Strategie zur Digitalisierung des Zahlungsverkehrs.

Wendepunkt: Warum Schweden zurück zum Bargeld findet

Der Krieg in der Ukraine sowie Russlands Verhalten haben in Schweden Zweifel an digitalen Zahlungssystemen geweckt. Besonders die Gefahr durch Cyberangriffe bereitet Sorge. Denn digitale Systeme sind angreifbar – zum Beispiel Stromnetze oder IT-Strukturen. Russland hat früher schon gezeigt, wie gut Cyberangriffe funktionieren, etwa 2022, als diese Angriffe im Ukraine-Krieg zunahmen. Zur Aufklärung über diese Gefahren gibt die Regierung Schwedens Broschüren mit Tipps heraus, wie Bargeld als Reserve helfen mag. Für eine Woche sollen Haushalte Bargeld besitzen – eine einfache Idee, nur schwierig in einer Gesellschaft ohne Bargeld. In einem Land wie Schweden, das früher fast ohne Bargeld auskommen wollte, ist diese Umkehr ein deutliches Signal. Zwar sind digitale Systeme nützlich, doch die Abhängigkeit bedeutet in Notzeiten große Risiken.

Kritik an der ausschließlichen Digitalisierung

Die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs scheint zwar fortschrittlich, bringt aber Probleme mit sich. Besonders ältere Menschen, Leute mit wenig Geld oder ohne Zugang zu digitalen Angeboten haben Nachteile. Fast die Hälfte der Befragten sagte in einer Umfrage, sie bräuchten Bargeld für ihren Alltag. Für diese Menschen ist Bargeld wichtig, um finanziell unabhängig zu sein. Ohne Bargeld gibt es soziale Ungleichheit. In ländlichen Gegenden oder abgelegenen Orten ohne stabiles Internet gibt es oft keine Möglichkeit, nur digital zu bezahlen. Auch Senioren, die sich mit Kartenzahlungen nicht auskennen, und Geflüchtete ohne schwedisches Bankkonto haben Schwierigkeiten. Viele fühlen sich abgehängt, da sie sich an digitale Zahlungssysteme anpassen sollen. In der Gesellschaft erschwert das die Integration. Alle Gruppen der Bevölkerung brauchen Zugang zu Finanzsystemen – das geht kaum ohne Bargeld. Eine Rückkehr zum Bargeld könnte ein Beispiel für die ganze Welt sein: Ein Schritt zurück, um alle einzubeziehen. In verschiedenen Industrien spielt echtes Geld eine zentrale Rolle. Das passiert zum Beispiel im Fall von Online Casinos mit echtem Geld. Diese Option ist besonders attraktiv für Nutzer, die keine digitalen Bezahldienste verwenden oder ihre persönlichen Finanzdaten nicht im Internet preisgeben möchten. Während digitale Transaktionen wie E-Wallets oder Kreditkarten weit verbreitet sind, gewinnt auch Bargeld durch hybride Systeme zunehmend an Bedeutung.

Gesetzliche und politische Maßnahmen zur Förderung von Bargeld

Die schwedische Regierung hat eine wichtige Regelung eingeführt. Händler müssen Bargeld als Zahlung akzeptieren. Besonders betroffen sind Läden mit wichtigen Waren, etwa Supermärkte oder Apotheken. Das Ziel: Alle Bürger sollen am Wirtschaftsleben teilnehmen dürfen, selbst ohne digitale Zahlungsmittel. Weshalb das wichtig ist? Nicht jeder will oder kann digital bezahlen – ältere Menschen, Menschen mit wenig Geld oder Leute aus ländlichen Gebieten könnten sonst nicht mitmachen. Indem Händler Geld annehmen müssen, wird sichergestellt, dass niemand im Alltag Probleme hat. Zusätzlich macht diese Pflicht den Zahlungsverkehr stärker, sollte es zu Krisen kommen, zum Beispiel Stromausfälle oder Angriffe aus dem Netz. Mit dieser Regelung zeigt Schweden, wie es einen Mittelweg zwischen Fortschritt und der Berücksichtigung der Menschen sucht. Es geht darum digitale Bezahlmethoden voranzubringen – Bargeld aber nicht ganz verschwinden zu lassen.

Bargeld-Depots für Notfallszenarien

Händler sind verpflichtet, Bargeld anzunehmen. Zusätzlich errichtet Schweden ein Netz mit Bargelddepots. Diese Lager dienen als Notfallversorgung, falls digitale Systeme versagen, ebenso als Vorrat für Firmen sowie Kommunen. Die Idee dahinter: Bei großem Infrastrukturausfall, etwa durch Cyberattacken oder Unwetter, bleibt Bargeld als Option verfügbar. Die Riksbank macht die Stabilität des Finanzsystems zu einer Hauptaufgabe. Die Bargelddepots gehören zu der Strategie. Besonders Firmen in entlegenen Gebieten haben Vorteile dadurch – sie können ihre Arbeit ohne digitale Technik fortsetzen. Die Schritte zeigen, wie ernst Schweden Gefahren nimmt, ebenso warum Bargeld als Basis eines stabilen Zahlungssystems gilt. In einer unsicherer werdenden Welt sind Bargelddepots eine finanzielle Lebensversicherung – sie stellen eine simple, wichtige Ergänzung zu digitalen Alternativen dar.

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Wissenschaft
Leben ohne Zeit: Michel Siffre und die innere Uhr

Paris – Im Jahr 1962 lebte der französische Höhlenforscher Michel Siffre zwei Monate lang in völliger Isolation in einer unterirdischen Höhle, ohne Zugang zu Uhr, Kalender oder Sonne. Er stellte fest, dass sich mehrere Menschen, darunter auch er selbst, ohne zeitliche Hinweise auf einen 48-Stunden- statt auf einen 24-Stunden-Zyklus einstellten. Siffre war Geologe, aber was er ursprünglich als Expedition zur Erforschung des Gletschers geplant hatte, wurde als etwas ganz anderes berühmt: die erste Studie über die menschliche Reaktion auf ein Leben ohne Zeitangaben. Siffre war der erste, der zeigte, dass unser Körper seine eigene Uhr haben könnte. Seitdem hat sich die Chronobiologie zu einem äußerst wichtigen Forschungsgebiet entwickelt. Er schlief und aß nur, wenn sein Körper es ihm sagte. Sein Ziel war es, herauszufinden, wie sich ein Leben „jenseits der Zeit“ auf die natürlichen Rhythmen des menschlichen Lebens auswirken würde. 1972 kehrte er in die Unterwelt zurück und verbrachte sechs Monate in einer Höhle in Südtexas. Seine Einrichtung war spärlich: Ein auf einer hölzernen Plattform errichtetes Zelt war mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl sowie mit verschiedenen Geräten für wissenschaftliche Experimente ausgestattet. Die Kammer war außerdem mit tiefgekühlten Lebensmitteln und etwa 3.000 Liter Wasser ausgestattet. Er ließ die Forscher wissen, wenn er bereit war zu schlafen, und das Licht wurde ausgeschaltet. Er führte ein Tagebuch, in dem er seine eigenen Tage und Nächte festhielt, aber seine Berechnungen waren nicht genau. Zum Beispiel war sein Tag 63 in Wirklichkeit der Tag 77, oberirdisch. An seiner Brust und seinem Kopf befestigte Elektroden maßen verschiedene Vitaldaten, und er verbrachte seine Zeit damit, ein langes Protokoll von Tests an sich selbst durchzuführen. Die Zeit, wie er sie erlebte, hatte sich „teleskopiert“, sagte er.  Und was sich für ihn wie ein Monat anfühlte, waren auf der Oberfläche in Wirklichkeit zwei.
„Ich stellte ein Team am Eingang der Höhle auf. Ich beschloss, sie zu rufen, sobald ich aufwachte, während ich aß und kurz bevor ich einschlief. Mein Team durfte mich nicht rufen, sodass ich keine Ahnung hatte, wie spät es draußen war“, sagte er.
„Nach ein oder zwei Tagen erinnert man sich nicht mehr daran, was man einen oder zwei Tage zuvor getan hat“, sagte er 2008 dem Kunst- und Kulturmagazin Cabinet. „Die einzigen Dinge, die sich ändern, sind, wann man aufwacht und wann man zu Bett geht. Ansonsten ist es völlig schwarz. Es ist wie ein einziger langer Tag.“ Am Ende des ersten Monats lebte er in einem 26-Stunden-Zyklus, auch wenn er das damals noch nicht wusste. Er blieb einfach so lange wach, wie er wollte, und nannte es „Nacht“, wenn er sich müde fühlte. Am 37. Tag, der für ihn der 30. Tag war, erlebte er eine seltsame Unterbrechung der Routine und eine Verschiebung der Muster: Er durchlebte einen übermäßig langen Tag und schlief dann 15 Stunden lang. Danach schwankten seine Tage stark, von 26 Stunden bis hin zu 40 oder 50 Stunden. Ohne Licht und Uhren begann sich sein Zeitgefühl zu verzerren. Stunden fühlten sich wie Minuten an, Tage verschmolzen miteinander. Siffres geistiger Zustand verschlechterte sich schnell: Er halluzinierte von Schatten und Stimmen. Er wurde paranoid – er war überzeugt, dass noch jemand anderes in der Höhle war. Irgendwann machte ihm die Einsamkeit zu schaffen, er riss die Sensoren ab und hätte die Mission beinahe abgebrochen. Er hatte sich vorgenommen, Musik zu hören und zu lesen, um die einsamen Stunden zu überbrücken. Leider führte die feuchte Umgebung in der Höhle dazu, dass seine Stereoanlage nicht richtig funktionierte und der allgegenwärtige Schimmel seine Bücher angriff. In seinem Tagebuch hielt er auch seine Gedanken und Gefühle fest. Nach anfänglicher Begeisterung wurde Siffre durch die totale Isolation deprimiert. Siffre beschrieb die Erfahrung später als „ein langsames Abgleiten in den Wahnsinn“. Er sprach mit Insekten, um Gesellschaft zu haben. Er fand Trost in seiner eigenen Stimme. Am 77. Tag konnten seine Hände „keine Perlen mehr auffädeln“, und sein Geist konnte „kaum noch Gedanken aneinanderreihen“.  Er zog einen Selbstmord in Erwägung, entschied sich aber dagegen, weil seine Eltern dann auf teuren Rechnungen sitzen geblieben wären.
Am 160. Tag sah er eine Maus. Weil er sich nach Gesellschaft sehnte, plante er, sie zu fangen, doch er tötete sie aus Versehen. „Die Verzweiflung überwältigt mich“, schrieb er.“
Das Experiment endete am 10. August nach vollen sechs Monaten, wie geplant. Er blieb noch einen weiteren Monat unter der Erde, zusammen mit seinen Kollegen, die hinabstiegen, um Tests durchzuführen. Am Ende war seine Sehkraft so geschwächt, dass er ständig schielte. Als er schließlich am 5. September aus der Höhle kam, fand er sich als veränderter Mensch wieder.
 

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Le Pen-Urteil
Türkei wirft Frankreich Doppelmoral vor

Ankara – Die Türkei hat Frankreich scharf kritisiert und vorgeworfen, bei der gerichtlichen Behandlung der rechtsextremen Politikerin Marine Le Pen mit zweierlei Maß zu messen. Le Pen wurde wegen Veruntreuung verurteilt und am 31. März 2025 für fünf Jahre von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Ankara nutzte die Gelegenheit, um auf die ihrer Meinung nach bestehende Heuchelei im politischen und rechtlichen System Frankreichs hinzuweisen. Ömer Çelik, Sprecher der regierenden AKP, verurteilte das Urteil in einem Interview mit dem Nachrichtensender A Haber am Montag und nannte es „ein klares Zeichen von Doppelmoral“. Çelik verwies auf die jüngste Kritik Frankreichs an der Türkei wegen der Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters wegen Korruptionsvorwürfen, die der französische Präsident Emmanuel Macron als „systematische Verfolgung von Oppositionellen“ und als Angriff auf die Demokratie bezeichnet hatte. „Frankreich ist schnell dabei, andere über demokratische Prinzipien zu belehren, aber wenn es um seinen eigenen Hinterhof geht, bringt es eine wichtige politische Figur wie Le Pen mit einem sofortigen Verbot zum Schweigen“, argumentierte Çelik.
„Korruptionsermittlungen innerhalb der EU werden mit Ernsthaftigkeit behandelt, aber Frankreich erwartet Nachsicht für seine eigenen, während es Nicht-EU-Länder verurteilt.“
„Dies (die Anschuldigungen gegen Le Pen) ist wichtig, weil ihre Partei in den letzten Jahren immer stärker wurde und Le Pen Macrons größter Rivale war. Aber durch die Korruptionsermittlungen erhielt sie ein Politikverbot. Es gab in der Vergangenheit mehrere ähnliche Beispiele in der französischen Politik“, sagte Çelik und nannte Beispiele für frühere Politiker, die vor Gericht gestellt wurden, darunter Nicolas Sarkozy.
Le Pen-Urteil
Le Pen wurde am Montag von einem Pariser Gericht wegen Veruntreuung zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt – zwei Jahre auf Bewährung und zwei unter Hausarrest -, ein Urteil, das die politische Landschaft Frankreichs erschüttert hat. Das Urteil, das auch eine Geldstrafe von 100.000 Euro und ein fünfjähriges Verbot der Ausübung öffentlicher Ämter vorsieht, macht Le Pens Hoffnungen auf eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2027 zunichte.

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Yücel: „Der gesunde Menschenverstand würde sich daher zuerst fragen: was hätte Erdoğan bei diesem Chaos davon, gegen einen İmamoğlu vorzugehen? Wohlgemerkt: gegen den schwächeren der beiden möglichen CHP-Kandidaten?“

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Israel-Krise
Israel nennt Erdogan „antisemitischer Diktator“

Jerusalem – Israels Außenminister Gideon Sa’ar hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als „antisemitischen Diktator“ bezeichnet und reagierte damit auf Erdoğans  Äußerungen, in denen er die Zerstörung Israels forderte. Der scharfe Schlagabtausch, der sich am Wochenende entwickelte, markiert einen neuen Tiefpunkt in den ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei, zwei Nationen mit einer wechselhaften Geschichte. Die Kontroverse brach am Sonntag aus, als Erdoğan in einer Moschee in Istanbul erklärte:
„Wir sehen, was in Palästina geschieht. Möge Allah in seinem heiligen Namen das zionistische Israel zerstören.“
Die Äußerungen des türkischen Staatsoberhauptes, die im Zusammenhang mit den anhaltenden regionalen Spannungen wegen des Gazastreifens gemacht wurden, lösten eine sofortige und scharfe Rüge von Sa’ar aus. In einem Beitrag auf X schrieb der israelische Außenminister:
„Der Diktator Erdoğan hat sein antisemitisches Gesicht gezeigt. Er ist sowohl für die Region als auch für sein eigenes Volk gefährlich, wie die letzten Tage gezeigt haben.“
In seiner Erklärung forderte Sa’ar die NATO-Mitgliedsstaaten auf, Erdoğan als Bedrohung zu erkennen. Er verwies auf die Rolle der Türkei in der Allianz und forderte:
„Hoffen wir, dass die NATO-Mitglieder verstehen, wie gefährlich er ist, bevor es zu spät ist.“
Türkischer Vizepräsident verurteilt Sa’ar-Äußerungen 
Der türkische Vizepräsident Cevdet Yilmaz hat die Äußerungen  Sa’ars scharf kritisiert. „Das Unbehagen und die Respektlosigkeit gegenüber unserem Präsidenten haben ihre Wurzeln in der Angst, dass die Wahrheit klar ausgesprochen wird“, schrieb Yilmaz auf X. Er betonte, dass die türkische Zivilisation nie antisemitisch gewesen sei, und forderte diejenigen, die nach Antisemitismus suchen, auf, „in die europäische Geschichte zu schauen“. „Die Ablehnung der Besatzung, des Völkermords und der ethnischen Säuberung durch die Regierung Netanjahu ist kein Antisemitismus“, sagte Yilmaz. „Im Gegenteil, die wahre Ursache für den weltweit zunehmenden Antisemitismus ist die unmenschliche Aggression der israelischen Regierung.“ Er schloss mit dem Hinweis auf das Engagement der Türkei für eine Zwei-Staaten-Lösung, die auf Gerechtigkeit und menschlichen Werten beruht. Auch Erdoğan-Sprecher fahrettin Altun kritisierte die jüngsten Äußerungen des israelischen Außenministers und sagte: „Sie haben keine Scham, nachdem sie unsägliche Terrorakte und Völkermord an unzähligen unschuldigen Zivilisten begangen haben.“ Altun forderte Sa’ar auf, „seine verachtenswerte ‚hasbara‘ besser für sich zu behalten“ und fügte hinzu, dass Ankara keine Angst verspüre und „niemals davor zurückschrecken werde, Lügnern wie ihm die Stirn zu bieten“.
„Zionistische Terrororganisation“
Erdoğan bezeichnete Israel bereits in seinen frühren Reden wegen seiner Angriffe auf den Gazastreifen und den Libanon als „zionistische Terrororganisation“ und wiederholte seine Kritik an den westlichen Mächten, insbesondere den Vereinigten Staaten, wegen der Unterstützung Israels. In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im vergangenen Jahr zog Erdogan Parallelen zwischen dem Vorgehen Israels in Gaza und im Libanon und dem Dritten Reich der Nazis. „So wie Hitler vor 70 Jahren durch eine Allianz der Menschlichkeit gestoppt wurde, müssen Netanjahu und sein Mördernetzwerk durch eine Allianz der Menschlichkeit gestoppt werden“, sagte der türkische Präsident. „Die Befugnis der UN-Generalversammlung, die Anwendung von Gewalt zu empfehlen, sollte in Betracht gezogen werden.“

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Der Oberrabbiner der Türkei, Ishak Haleva, hat dem allgemeinen Tenor der deutschen Medienlandschaft, wonach die türkische Regierung juden- oder christenfeindlich sei, widersprochen.

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Umfrage
Allzeithoch: AfD jetzt fast genau so stark wie CDU

Berlin – Im aktuellen Trendbarometer von RTL und ntv setzt sich der negative Umfrage-Trend für CDU und CSU fort. Die AfD liegt mit 24 Prozent (+1) nur noch knapp dahinter und erreicht ein neues Allzeithoch. 28,5 Prozent der Wähler stimmten bei der Bundestagswahl im Februar noch für die Union. Gut 3,5 Prozentpunkte hat die Union allerdings in den wenigen Wochen schon wieder eingebüßt und liegt bei der derzeitigen Trendbarometer-Umfrage nur noch bei 25 Prozent, berichtet RTL.
Laut der Forsa-Umfrage bleibt die Lage bei den anderen Parteien unverändert. Die SPD hält sich im Vergleich zur Vorwoche bei 15 Prozent, die Grünen bei 12 Prozent und die Linke bei 10 Prozent. Auch bei der FDP und dem BSW gibt es mit jeweils 4 Prozent keine Veränderung.
Der Anteil der Unentschlossenen und Nichtwähler beträgt 20 Prozent – ein Wert, der leicht über dem der letzten Bundestagswahl liegt, als er bei 17,9 Prozent lag.
CDU-Chef und Kanzlerkandidat Friedrich Merz verliert derweil an Vertrauen. Nur noch 28 Prozent der Befragten halten ihn für vertrauenswürdig, während 70 Prozent anderer Meinung sind.
Anfang Dezember 2024 waren die Zahlen noch positiver: Damals sprachen ihm 36 Prozent Vertrauen zu, 60 Prozent nicht. Regional zeigt sich ein Unterschied: Im Westen finden 30 Prozent Merz vertrauenswürdig, im Osten sind es lediglich 16 Prozent.
Hintergrund des knappen Rennens könnten die anhaltenden Debatten um Themen wie Migration und wirtschaftliche Unsicherheiten sein, die die AfD in den vergangenen Monaten für sich zu nutzen wusste. Die Union hingegen scheint trotz ihrer Führung in den Umfragen an Zustimmung zu verlieren – ein Trend, der sich bereits in früheren Erhebungen abzeichnete. So lag der Vorsprung der CDU/CSU im März laut Forsa noch bei drei Prozentpunkten (26 % zu 23 %).
Die weiteren Parteien im Bundestag zeigen gemischte Entwicklungen: Die SPD liegt bei 15 Prozent (plus ein Prozentpunkt), die Grünen bleiben stabil bei 12 Prozent, und die Linke verliert einen Prozentpunkt auf 10 Prozent. FDP und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) erreichen mit 4 bzw. 3 Prozent weiterhin nicht die Fünf-Prozent-Hürde.