Gastkommentar
Çelik: Wer entscheidet, ob ein Staat Atomwaffen besitzen darf?

Die jüngsten israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen sind nicht bloß eine Eskalation im Nahostkonflikt, sondern Ausdruck einer Weltordnung

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

In einer Zeit wachsender globaler Spannungen wird immer deutlicher: Die Welt hat ihren moralischen Kompass verloren. Die jüngsten israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen sind nicht bloß eine Eskalation im Nahostkonflikt, sondern Ausdruck einer Weltordnung, in der moralische Urteile zunehmend durch Machtinteressen ersetzt werden.

Wer entscheidet, ob ein Staat Atomwaffen besitzen darf? Wer definiert, was Terrorismus ist? Und warum gelten dieselben Maßstäbe nicht für alle? Die Antworten auf diese Fragen offenbaren eine bittere Wahrheit: Es gibt keinen objektiven Schiedsrichter mehr, nur noch geopolitische Zweckmäßigkeit, strategische Narrative und selektive Moral.

Israel rechtfertigt seine Angriffe mit der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm, während der Iran auf sein Recht zur Selbstverteidigung pocht – unter Verweis auf das Schicksal anderer Staaten, die ohne nukleare Abschreckung dem westlichen Interventionismus zum Opfer fielen. Beide Seiten agieren nicht im luftleeren Raum, sondern in einem System, das von historischen Machtverhältnissen geprägt ist.

Es ist der Westen – insbesondere die USA und ihre Verbündeten –, der entscheidet, wer Waffen haben darf, wer als Demokratie gilt, und wer sanktioniert oder bombardiert wird. Das Völkerrecht dient dabei weniger als normatives Fundament denn als flexibel interpretierbares Instrument, das dem geopolitischen Kalkül untergeordnet ist.

Diese Dynamik ist kein Einzelfall, sondern Teil eines globalen Machtpuzzles, in dem Begriffe wie „Legitimität“, „Terrorismus“ oder „Freiheit“ stets relational verstanden werden – abhängig davon, wer spricht, wer betroffen ist und welche Interessen auf dem Spiel stehen.

Bewegungen wie die Hisbollah gelten im westlichen Diskurs als terroristisch, während andere Akteure, die ebenfalls Gewalt gegen Zivilisten anwenden, in Schutz genommen oder gar unterstützt werden. Der Terrorismusbegriff ist zu einem politischen Stempel geworden, der nicht mehr Sicherheit garantiert, sondern Misstrauen sät – und letztlich die Glaubwürdigkeit internationaler Institutionen untergräbt.

Der Nahe Osten wird in diesem Spiel zur Projektionsfläche globaler Machtkämpfe. Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran ist nicht nur ein Kampf zweier Nationalstaaten, sondern ein Stellvertreterkrieg, in dem regionale und internationale Interessen verschmelzen.

Der Iran, vielfach isoliert, sanktioniert und durch verdeckte Operationen geschwächt, sieht sich in einem permanenten Belagerungszustand – und instrumentalisiert zugleich selbst Milizen und Konflikte in Syrien, Irak oder Jemen, um seinen regionalen Einfluss zu wahren.

Israel wiederum agiert mit dem Rückenwind westlicher Rückendeckung und nutzt das Sicherheitsnarrativ als Legitimation für präventive Gewalt. Beide Staaten sind gleichzeitig Täter und Produkt eines Systems, das instabil bleiben muss, um für globale Akteure lenkbar zu bleiben.

Doch nicht nur der Nahe Osten steht im Brennpunkt dieser zersplitterten Ordnung. Auch die Türkei verkörpert exemplarisch die Widersprüche einer Welt, in der Außen- und Innenpolitik untrennbar miteinander verwoben sind. Jahrzehntelang war die Türkei strategischer Partner des Westens – NATO-Mitglied, Grenzwächter, Brücke zwischen Orient und Okzident.

Doch dieser geopolitische Nutzen ging einher mit einer tiefgreifenden inneren Zerreißprobe: Der kurdische Konflikt, die Armenierfrage, die Flüchtlingspolitik – all das sind Felder, auf denen externe Akteure gezielt Einfluss genommen haben.

Westliche Staaten haben gleichzeitig auf Menschenrechte gepocht und autoritäre Strukturen gestützt, wenn es ihren Interessen diente. Während Politiker sich öffentlich distanzieren, laufen im Hintergrund diplomatische und sicherheitspolitische Kooperationen weiter – pragmatisch, strategisch, scheinheilig.

Besonders perfide zeigt sich die globale Strategie der Einflussnahme in der modernen Flüchtlingspolitik. Was früher durch Förderung ethnischer oder religiöser Minderheiten betrieben wurde, wird heute durch die Steuerung von Migrationsbewegungen ersetzt. Flüchtlinge werden zu geopolitischen Spielfiguren: in ihren Herkunftsländern als Druckmittel, in Aufnahmeländern als gesellschaftlicher Sprengstoff.

Das humanitäre Engagement des Westens dient dabei oft als Fassade für machtpolitische Kalküle. Instabile Regionen erzeugen Flucht, Flucht erzeugt Verunsicherung, und diese Verunsicherung wird wiederum genutzt, um innenpolitische Agenden zu rechtfertigen – vom Ausbau staatlicher Kontrollmechanismen bis zur ideologischen Mobilisierung gegen „die Anderen“.

Auch Europa ist Teil dieses Spiels – aber nicht als souveräner Akteur, sondern als zögerlicher Spieler, der zwischen den Fronten steht. Trotz wirtschaftlicher Stärke und politischer Integration bleibt der Kontinent abhängig von amerikanischer Sicherheit, russischer Energie und chinesischen Märkten.

Die Angst vor einer eigenständigen geopolitischen Rolle sitzt tief – getrieben von der Sorge vor ökonomischen Verwerfungen, politischer Instabilität oder militärischer Ohnmacht. Europas Identitätskrise ist dabei mehr als ein inneres Problem: Sie schwächt seine Handlungsfähigkeit in einer Welt, die zunehmend von klaren Interessen, nicht von universellen Werten bestimmt wird.

Diese multipolare Welt – so oft beschworen – ist keine Ordnung im klassischen Sinn. Sie ist ein offenes Spielfeld, in dem jede Macht ihre Regeln selbst definiert. Russland stellt sich als Gegengewicht zum Westen dar, während es selbst imperiale Politik betreibt. China baut mit seinen „Belt and Road“-Projekten ein globales Netz ökonomischer Abhängigkeiten auf.

Die USA wiederum versuchen, über alte Allianzen neue Ordnungen zu stabilisieren, und greifen dabei auf bewährte Instrumente wie Sanktionen, Regimewechsel und „Demokratieexport“ zurück.

Doch alle diese Akteure verbindet eines: Sie nutzen moralische Narrative, um strategische Interessen zu verschleiern – und erzeugen so eine Welt, in der Vertrauen rar geworden ist.

Denn Vertrauen ist längst kein politisches Kapital mehr. An seine Stelle ist Misstrauen getreten – zwischen Staaten, zwischen Gesellschaften, zwischen Regierungen und ihren Bevölkerungen. Die politische Psychologie unserer Zeit ist geprägt von Prävention statt Dialog, von Kontrolle statt Kooperation, von Eskalation statt Verständigung. Staaten rüsten auf, nicht um Kriege zu führen, sondern um in Ruhe gelassen zu werden. Diplomatie wird ersetzt durch Sanktionen, Narrative durch Schlagworte, Völker durch Zynismus.

Am Ende bleibt eine Weltordnung ohne verlässliche Prinzipien – eine Ordnung, in der Macht über Recht steht, Interessen über Ideale, und in der der Großteil der Menschheit zum Spielball wird. Die Flüchtlinge, die Minderheiten, die oppositionellen Bewegungen, die zwischengeschalteten Staaten – sie alle werden Teil eines Spiels, dessen Ausgang längst nicht mehr in ihren Händen liegt.

Was fehlt, ist nicht die nächste Konferenz, der nächste Vertrag oder das nächste Versprechen. Was fehlt, ist ein neues Verständnis von politischer Verantwortung – jenseits hegemonialer Selbstinszenierung, jenseits strategischer Doppelmoral, jenseits des zynischen Spiels mit Hoffnung.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


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