Gastkommentar
Epstein-Files und der gescheiterte Putschversuch

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Seit Jahren prägen Sexualverbrechen und Skandale das Bild von Jeffrey Epstein. Doch kürzlich veröffentlichte Dokumente des US-Repräsentantenhauses werfen eine weitaus unangenehmere Frage auf: Warum taucht ein verurteilter Straftäter immer wieder als Knotenpunkt in hochsensiblen politischen und juristischen Machtnetzwerken auf?

Die Spuren führen mitten in eine geopolitische Krise zwischen den USA und der Türkei. E-Mail-Korrespondenzen belegen, dass Epstein in die Krisenkommunikation und Rechtsstrategie rund um das Gülen-Netzwerk und den Putschversuch von 2016 eingebunden war – ein Bereich, der weit über die bisherige öffentliche Diskussion hinausgeht. Es ist an der Zeit, den Blick von der Schlafzimmertür weg auf die Schnittstellen von Information, Einfluss und Macht zu richten.

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Es gibt in den Epstein-Files einen interessanten E-Mail-Verlauf, der im Netz in einer Kopie des Gmail-Kontos von Jeffry Epstein ebenfalls einzusehen ist und dessen Verlauf für mein Dafürhalten eine andere Dimension aufzeigt. Dieser Artikel behandelt die Verquickung Epsteins in das Geflecht der Gülen-Sekte, die Deutungshoheit und die Machenschaften innerhalb und außerhalb der USA bis in höchste politische wie mediale Kreise. Es wird etwas langatmig, aber interessant: Im August 2016, also nur wenige Wochen nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, leitete der einflussreiche Washingtoner Staranwalt Reid Weingarten – Eric Holders engster Verbündeter und eine feste Größe in Fällen mit Verbindungen zum US-Justizministerium und der CIA – im Geheimen die US-amerikanische Rechts- und PR-Strategie zur Verteidigung von Fethullah Gülen. Holder selbst war ehemals US-Justizminister unter US-Präsident Barack Obama. Unerklärlicherweise leitete Weingarten diese vertraulichen internen Informationen auch an Jeffrey Epstein weiter und weihte ihn damit in einen der heikelsten geopolitischen Konflikte Washingtons.

Strukturen des Gülen-Netzwerks und Prinz Andrew

Im selben Netzwerk zahlte der ehemalige Goldman-Banker Selman Türk – der in Großbritannien wegen Betrugs an einer türkischen Frau mit Verbindungen zur Gülen-Bewegung angeklagt wurde – später mehr als eine Million US-Dollar an Prinz Andrew, lebte mietfrei in einer Wohnung des Kronbesitzes und erwarb ein Grundstück neben Gülens Anwesen in Pennsylvania. Der Zusammenhang besteht darin, dass Nebahat Evyap İşbilen, die Ehefrau des ehemaligen AKP-Abgeordneten İlhan İşbilen, der in der Türkei im Gülen-Mammutprozess ebenfalls inhaftiert wurde, wenige Monate nach dem gescheiterten Putschversuch versuchte, von einer Hausbank eine Millionensumme abzuheben und außer Landes zu schaffen. Die türkische Finanzaufsichtsbehörde schritt aufgrund der Bankmeldung und aufgrund des Geldwäschegesetzes ein und ließ das Bankkonto einfrieren. Jetzt sprang Selman Türk in die Presche, der Neffe von Cemal Türk, einem hochkarätigen Gülen-Mitglied und Verwandter von Adil Öksüz sowie Führungsperson des Gülen-Netzwerks für Großbritannien. Der Fall zeigt, dass einzelne innerhalb des Gülen-Zirkels dazu übergingen, Vermögen außer Landes zu schaffen, dabei auch davor nicht zurückschreckten, ihre eigenen Mitglieder betrügerisch auszunehmen. Das war und ist seither ein Grund dafür, dass manche Größen der Gülen-Sekte sich öffentlich missgünstig dazu äußerten oder scharfe Kritik übten, darunter Ebuseleme Gülen, der Neffe von Fethullah Gülen.

Adil Öksüz in Neukölln

Türkische Medien brachten Selman Türk zudem mit dem Gülen-nahen Oligarchen Akin İpek und den mit dem Putschversuch in Verbindung stehenden Flüchtigen hochkarätigen Gülen-Mitglied Adil Öksüz in Verbindung. Letzterer wurde ja von der Bundesregierung in Berlin als „politischer Verfolgter“ aufgenommen und in Berlin untergebracht – dumm nur, dass der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi (AA) es trotzdem gelang, Öksüz Aufenthaltsort ausfindig zu machen und bis nach Berlin-Neukölln zurückzuverfolgen. Es versteht sich von selbst, dass solche brisanten Informationen von der AA selbst nicht recherchiert worden sein können, sondern von türkischen Sicherheitskreisen zugesteckt wurden, weshalb man ihn bis in sein vom LKA gesicherten Wohnsitz in Berlin verfolgen konnte. Öksüz konnte aber kurz vor Eintreffen eines Medienteams der AA vom LKA Berlin in Sicherheit gebracht werden, worüber aber nur eine einzige Berliner Tageszeitung ausführlich berichtete und die Verquickung bis in höchste Berliner Kreise offenbarte, jedoch wieder im Nirwana des Netzes verschwand. Hatte man etwa die deutschen Medien zum Stillschweigen verdonnert? Wie weit reichen die Verflechtungen noch?

Republikaner vs. Demokraten

Diese und weitere Konfliktstränge überlagern jedoch ein anderes Minenfeld, in deren Folge ein erbitterter interner Streit innerhalb der US-Geheimdienste zu Tage gefördert wird: War Gülen ein langjähriger, schützenswerter CIA-Agent, der in den USA weiterhin Schutz erhalten oder als eine Belastung für Erdoğan ausgeliefert werden sollte? Die Fraktion um die Machtachse in den USA unter der Partei Michael T. Flynn, James Woolsey und Rudy Giuliani, die darauf drängte, eine Auslieferung zu erwägen, während die traditionelle Partei um Weingarten, das US-Außenministerium und die CIA dagegen Widerstand leisteten. Epstein befand sich mittendrin – verbunden mit Prinz Andrew, in Weingartens Strategie-E-Mails, sprach wie ein Insider über die Jamal Khashoggi-Tonbänder (mit dem Tonband überführte die Türkei Saudi-Arabien des Mordes an Khashoggi) und operierte in israelischen, Golf- und US-amerikanischen Geheimdienstnetzwerken. Dies deutet darauf hin, dass er weniger als unkontrollierter Finanzier agierte, vielmehr als Knotenpunkt in einem größeren, den meisten verborgenen geheimdienstlich-politischen Netzwerken involviert war.

Epstein-Files und Gmail-E-Mails

Im Detail: Es gab einen E-Mail-Verlauf von Reid Weingarten vom  5. August 2016, an dem eine große Gruppe von Anwälten, PR-Spezialisten und Vertretern der Gülen-Sekte beteiligt waren, die im Auftrag von Fethullah Gülen, dem in Pennsylvania lebenden türkischen Geistlichen, involviert waren. Der türkische Staatspräsident Erdoğan behauptete ja stets, Fethullah Gülen habe den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei orchestriert. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil Reid Weingarten hierzu innerstaatliche hochsensible und vertrauliche E-Mail-Korrespondenzen an Jeffrey Epstein weiterleitete. Das war im Grunde eine juristische Krisenmanagementmaßnahme mit PR-Begleitung, um nach dem Putschversuch entsprechende Gegenmaßnahmen aus Washington heraus zu orchestrieren. Es ist außerdem wichtig zu wissen, wer Reid Weingarten ist. Er gilt als einer der einflussreichsten und bestvernetzten Anwälte und gehört zum inneren Kreis derjenigen, die die politisch brisantesten Fälle des Landes bearbeiten. Er ist ein langjähriger enger Freund von Eric Holder und tritt häufig in Fällen auf, die Ermittlungen des US-Justizministeriums, der US-Börsenaufsicht SEC, des FBI, der CIA und des US-Kongresses betreffen.

Das Ringen um Fethullah Gülen

Der Kontext ist folgender: Reid Weingarten, der auch Epsteins Rechtsberater war, leitete unmittelbar nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016, als Präsident Erdoğan Gülens Auslieferung forderte, eine hochkarätige juristische- und PR-Krisenmanagement-Operation für Fethullah Gülen. Sein Team koordinierte die Reaktion der US-Medien, prüfte jede öffentliche Stellungnahme, steuerte die Veröffentlichung von Audioaufnahmen, überwachte die weltweite Berichterstattung und entwickelte Botschaften, um den türkischen Anschuldigungen, Gülen habe den Putsch inszeniert, entgegenzuwirken. In einer der betreffenden E-Mails ging es u.a. um die optimale Veröffentlichung der von Fethullah Gülen aufgezeichneten Fragerunde zum Putsch. Sie arbeiteten eng mit Gülen-nahen US-Organisationen, PR-Strategen, ehemaligen Mitarbeitern des US-Justizministeriums und Kommunikationsspezialisten zusammen, um Gülens Rechtsposition zu sichern, die öffentliche Meinung in den USA zu beeinflussen und politischen Druck, der eine Auslieferung erzwingen könnte, abzuwehren. Die gesamte Operation fungierte als umfassende Verteidigungs- und Narrativzentrale, die juristische Strategie, Medienkontrolle und politischen Einfluss in Washington miteinander verband. Es handelte sich im Wesentlichen um eine Schattenoperation des US-Außenministeriums. Im übrigem war diese Strategie auch in den europäischen Medien sowie Nachrichtendiensten zu beobachten, vor allem im brisanten Fall Adil Öksüz. Die Tatsache, dass Weingarten diese heiklen und brisanten Informationen an Epstein weiterleitete, ist bemerkenswert, da sie darauf hindeute, dass er inoffiziell ebenfalls in dieser heiklen Angelegenheit involviert war. Das ist aus mehreren Gründen bedeutsam.

Konkrete Vorwürfe zu Prinz Andrew und Selman Türk

Der Kontext hierzu: Drei Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch überwies der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Selman Türk hohe Summen auf Prinz Andrews Privatkonto. Türk war vor einem britischen Gericht angeklagt worden, weil die 76-jährige Nebahat Evyap İşbilen aus der Türkei Klage anstrengte, die 30 bis 40 Millionen Pfund zurück zu bekommen, die offensichtlich betrügerisch von Selman Türk veruntreut wurden – eben von jener Frau, die ja schon einmal versucht hatte, größere Geldbeträge aus der Türkei zu schaffen. Türk beteuerte jedoch, sie habe gewusst, wofür das Geld verwendet werden sollte. Selman Türk überwies daraufhin einen Teil des Geldes an Prinz Andrew. Laut dem britischen Telegraph lebte Türk in einer Wohnung des Crown Estate in St. James’s, nur wenige Gehminuten vom Buckingham Palace entfernt, ohne dass Mietzahlungen nachweisbar waren. Kurz nachdem Türk 2019 den Palace-Preis von Prinzen Andrew entgegen genommen hatte, überwies er Andrew rund eine Million Dollar. Die britische Presse zeigte erstaunlicherweise wenig Interesse daran, wofür genau Prinz Andrew das Geld erhalten haben soll.

Die Black-Box der Gülen-Sekte Adil Öksüz

Türks Einfluss wird noch merkwürdiger, wenn man das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachtet. Im Juli 2019 erwarb er ein Anwesen in Nazareth, Pennsylvania – quasi einen Katzensprung von Saylorsburg entfernt, wo Fethullah Gülen bis zu seinem Ableben unter US-Schutz lebte. Das allein beweist zwar noch nichts, passt aber merkwürdigerweise zu türkischen Berichten, die Türk als engen Vertrauten des Gülen-nahen Oligarchen Akin İpek (einem mutmaßlichen Hauptfinanzier der Sekte) und sogar als Verwandten von Adil Öksüz darstellen, den Ankara als einen der Hauptverantwortlichen des Putschversuchs von 2016 und Black-Box bezeichnet. Zwei Monate vor dem gescheiterten Putsch gründete Selman Türk die „İpek Education Property Development Ltd.“, die offenbar mit der İpek-Universität in Verbindung steht. Wir haben es also mit einem Gülen-nahen Geschäftsmann zu tun, der in London wegen Betrugs angeklagt ist und große, ungeklärte Summen an ein in Ungnade gefallenes Mitglied des britischen Königshauses überweist, das bereits eng mit Jeffrey Epstein verstrickt zu sein scheint.

BND-Präsident Bruno Kahl: keine Belege für diese Anschuldigung

Auf der anderen Seite die Gülen-Achse, in der sich die US-amerikanische Justiz- und Geheimdienstwelt wiederfindet. Fethullah Gülen, der im Exil lebende Prediger, dessen Sekte weltweit Hunderte von Schulen betreibt und von der Erdoğan-Regierung als FETÖ eingestuft wird, lebte in Pennsylvania unter dem Schutz des US-amerikanischen Systems. Es wird seither berichtet, dass die Gülen-Sekte enge Verbindungen zur CIA unterhielt und weiterhin unterhält – um u.a. in China Querelen zu betreiben. Mehmet Eymür, der ehemalige Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des türkisches Nachrichtendienstes MIT, behauptete, dass die Schlüsselfigur des Putschversuchs vom 15. Juli, der flüchtige Adil Öksüz ist, der Verbindungen nicht nur zur CIA, sondern auch zum deutschen Nachrichtendienst BND hatte. Ausgerechnet der Chef dieser deutschen Institution sah aber in der Gülen-Sekte sprichwörtlich einen Kleingärtnerverein.

Classified Woman: The Sibel Edmonds Story

Der ehemalige CIA-Offizier Graham Fuller verfasste einen vielbeachteten Brief, in dem er Gülens Aufenthaltsgenehmigung in den USA unterstützte und argumentierte, dass von ihm keine Sicherheitsbedrohung für die USA ausgehe. Sibel Edmonds, die türkisch-amerikanische FBI-Übersetzerin und Whistleblowerin, behauptet seit längerem, dass Elemente der von der CIA finanzierten Operationen über das Gülen-Netzwerk nach Zentralasien, Russland und China gesteuert werden und dieses Netzwerk Teil eines umfassenderen kriminell-geheimdienstlichen Systems ist, das sie in ihrem Buch „Classified Woman“ beschreibt. In ihren geheimen Übersetzungen entdeckte Edmonds, dass ein kriminelles Netzwerk bis in die höchsten Ebenen der US-Regierung, einschließlich des Pentagons und des FBI, vorgedrungen war und diese illegal mit Waffen, Drogen und anderen Gütern versorgte. Ungeachtet der persönlichen Meinung zu Edmonds verleihen die extremen Maßnahmen der US-Regierung, sie zum Schweigen zu bringen, ihren Anschuldigungen ein beträchtliches Gewicht.

Und immer wieder Weingartner

Nach dem Putschversuch von 2016 geriet Fethullah Gülen aufgrund der aus der Türkei geübten heftigen Kritik in den USA ins Zentrum der politischen Debatte. Erdoğan forderte seine Auslieferung, weshalb der damalige US-Präsident Donald Trump in einen Konflikt mit seinen eigenen Geheimdiensten geriet. Der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, der kurzzeitig Trumps republikanisches Wahlkampfteam beriet, soll türkischen Geschäftsleuten sogar eine 10-Millionen-Dollar-Operation angeboten haben, um Gülen zu diskreditieren. Rudy Giuliani soll Trump gedrängt haben, Gülens Auslieferung in Erwägung zu ziehen. Gleichzeitig wurde Gülen in Washington von Reid Weingarten verteidigt, einem der einflussreichsten Anwälte der Demokraten, der sich Gülens Fall annahm und das türkische Auslieferungsersuchen als politische Verfolgung darstellte. Wie aus jüngsten Veröffentlichungen des US-Repräsentantenhauses hervorgeht, leitete Weingarten parallel dazu sensible gülen-bezogene Kommunikation an Jeffrey Epstein weiter und behandelte ihn als jemanden, der Einblick in diesen geopolitischen Rechtsstreit benötigte. Die naheliegende Frage ist: Warum? All dies untermauert die wachsende Indizienlage, dass Epstein nicht nur aus reiner Neugier um diese Informationen bat, sondern tatsächlich für einen Teil der Geheimdienste arbeitete.

Trump ist eine Belastung

Ergänzend sei erwähnt, dass im Weingarten-E-Mail-Verlauf auch der Name Remzi Güvenç Kulen fällt. Dabei handelt es sich um einen in den USA ansässigen Gülen-Geschäftsmann, der eng mit demselben Kreis verbunden ist, den Akin İpek finanziert hat und mit dem Selman Türk über Strukturen der Ipek-Universität (via „Ipek Education Property Development Ltd“) in Verbindung steht. Im November 2018 schickte Epstein Weingarten einen Artikel der Huffington Post, in dem es um die Trump-Regierung und ihre Bemühungen ging, den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen aus dem Land zu schaffen. Epstein schrieb an Weingarten hierzu: „Ja, erstens fragt niemand, wie die Türken an diese Aufnahme gekommen sind? Zweitens – Steve [Bannon] sagt, die Republikaner wollen Trump auch loswerden. Er ist jetzt eine Belastung.“

„Apple Watch“-Kontroverse

Mit der „Aufnahme“, auf die sich Epstein bezieht, meinte er die Weiterleitung von Tonaufnahmen des Mordes an Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul durch den türkischen Nachrichtendienst MIT. Diese waren zunächst lange Zeit nur der US-Administration bekannt, da die Türkei sie bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit hielt. Diese Veröffentlichungen destabilisierten die Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien und brachten sowohl die CIA als auch die Trump-Regierung in Verlegenheit. Epsteins Frage „fragt niemand, wie die Türken an diese Aufnahme gekommen sind?“ deutet darauf hin, dass er bereits vor jeglichen Medienberichten wusste, wie schockiert die US-Geheimdienste über die Fähigkeit des MIT waren, Gespräche im Inneren des Konsulats abzufangen. All dies geht aus dem E-Mail-Verkehr hervor – lange bevor die Welt erfuhr, wie die Türkei an diese Informationen gelangte. Ein weiteres Detail aus den Mails lautet im O-Ton: „Hat er Ihnen eine Apple Watch geschenkt, damit Sie Ihre zukünftigen Gespräche aufzeichnen können?“ Die Konstellation um Selman Türk, Prinz Andrew, Jeffrey Epstein, Reid Weingarten und das Gülen-Netzwerk deutet auf einen bedeutenden internen Machtkampf innerhalb der US-Geheimdienste Mitte der 2010er-Jahre hin. Die Gülen-Frage offenbarte einen eklatanten Konfliktpunkt: Eine Fraktion der CIA und des US-Außenministeriums betrachtete Fethullah Gülen und die Koza-İpek-Diaspora als langjährige US-Assets, während die Flynn-Woolsey-Fraktion der Trump-Ära Ankaras Forderung unterstützte, Gülen zu diskreditieren oder aus den USA zu entfernen. Diese beiden Lager bekämpften sich im gesamten Übergangsteam von Trump, im FBI, im Justizministerium und in außenpolitischen Institutionen, während Reid Weingarten die Rechtsverteidigung des Gülen-Netzwerks leitete. Dass Epstein Zugang zu diesem Krisenstab hatte, ist höchst ungewöhnlich und deutet darauf hin, dass er an einer Schnittstelle von Machtnetzwerken agierte, die der Öffentlichkeit bis heute verborgen bleiben.

Zusammenfassung

Zusammengefasst: Selman Türks Finanzwelt – eng verknüpft mit Akin İpek und der Gülen-Bewegung – führt überraschenderweise direkt zu Prinz Andrew. Die Million Dollar, die Türk Andrew im November 2019 zukommen ließ, trafen genau zu dem Zeitpunkt ein, als der Druck auf Fethullah Gülen im Auslieferungsverfahren seinen Höhepunkt erreichte und die US-Geheimdienstfraktionen in dieser Frage offen aneinandergerieten. Andrew selbst war eng mit der britischen, nachrichtendienstnahen Diplomatie, oligarchischen Netzwerken und Epstein verbunden. Die Tatsache, dass Epstein gleichzeitig mit Personen aus dem US-Geheimdienstumfeld, israelischen Agenten, Akteuren aus der Golfregion und Gülens Anwaltsteam kommunizierte, belegt, dass er eine Schlüsselfigur mit Einblick in beide Seiten dieses Konflikts war. Keine einzelne E-Mail beweist für sich genommen eine verdeckte Operation – doch die sich überschneidenden Netzwerke, der Zeitpunkt und die geopolitischen Implikationen legen nahe, dass die Geldflüsse zwischen Türk und Andrew sowie Epsteins Position nicht als isolierte Ereignisse, sondern im Kontext eines Machtkampfes innerhalb der US-Geheimdienste betrachtet werden müssen. Dies wirft auch die Frage auf, welche Rolle Prinz Andrew tatsächlich spielte, und rückt sein Verhältnis zu Epstein in ein neues Licht: Die Zahlungen von Selman Türk an den Prinzen erfolgten nämlich erst drei Monate nach Epsteins Tod. Wir haben einen ehemaligen Goldman-Banker mit mutmaßlichen Verbindungen zu Gülen und dem Putschversuch, der Geld an Prinz Andrew transferiert; wir haben Gülen, der von Teilen des US-Apparats sowie der deutschen Bundesregierung geschützt und von anderen ins Visier genommen wird; und wir haben Epstein mitten in diesem Netzwerk – eng mit Andrew verbunden und von Weingarten in Gülens hochrangige Rechtsstrategie eingebunden, während Figuren wie der ehemalige CIA-Chef Woolsey auf der Gegenseite agieren. In diesem Kontext stellt sich nicht nur die Frage, warum Prinz Andrew von Selman Türk bezahlt wurde, sondern auch, warum ein Mann wie Epstein überhaupt permanent am Rande dieser mit Gülen und den Geheimdiensten verbundenen Netzwerke auftauchte. Es ist unschwer zu erkennen, welch einflussreiche Position Epstein innehatte, da er über derart sensible Informationen verfügte.

Sex and the Island

Seit Jahren hören wir dieselbe Epstein-Geschichte: Sexualverbrechen, Missbrauch, Skandale, moralische Verkommenheit. All das scheint wahr zu sein – aber es ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Nach der Durchsicht kürzlich veröffentlichter Dokumente des Untersuchungsausschusses des US-Repräsentantenhauses und Epstein-bezogener E-Mail-Korrespondenzen fällt etwas auf, das meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung findet. In diesen E-Mails taucht Epstein nicht in Schlafzimmern oder auf Privatinseln auf. Er bewegt sich im Umfeld von Anwaltskanzleien, PR-Strategen, Journalisten und im Krisenmanagement. Wir sehen: Hochrangige Anwälte in Washington koordinieren die Medienberichterstattung; sie kontrollieren die Verbreitung von Audio- und Video-Statements und entscheiden gezielt darüber, wie und wann Journalisten Zugang zu Material erhalten. Epstein wird dabei in hochsensible politische und juristische Gespräche eingebunden. Das ist kein Boulevardmaterial – das ist Krisenkommunikation auf staatlicher Ebene. Was die Sache noch brisanter macht: Einige dieser Kommunikationen stehen in direktem Zusammenhang mit der Türkei und den Folgen des Putschversuchs vom 15. Juli 2016. Die E-Mails belegen, dass US-amerikanische Rechts- und PR-Teams die Medienstrategie für Fethullah Gülen koordinierten und schützten – jenen Geistlichen, den die türkische Regierung beschuldigt, den Putsch orchestriert zu haben, und dessen Auslieferung Ankara vehement forderte. Es geht um die Berichterstattung von Reuters, sorgfältig geplante Veröffentlichungen und eine umfassende Kampagne zur Verteidigung des Narrativs in Washington, die nur wenige Wochen nach dem Putschversuch stattfand.

Jeffrey Epstein mittendrin

Und aus unerfindlichen Gründen taucht Jeffrey Epstein stets in genau diesem Kommunikationsnetzwerk auf. Ich behaupte nicht, dass Epstein ein Geheimagent war. Ich behaupte auch nicht, dass es eine einzige große Verschwörung gab. Meine Frage ist einfacher: Warum taucht ein verurteilter Sexualstraftäter immer wieder am Rande wichtiger politischer, juristischer und medialer Machtnetzwerke auf – einschließlich einer hochbrisanten geopolitischen Krise zwischen den USA und der Türkei? Warum wird er in E-Mails von Top-Anwaltskanzleien, hochkarätigen einstigen US-Führungspersönlichkeiten und zu internationalen Krisenherden in Kopie gesetzt? Und warum endet die öffentliche Diskussion fast ausschließlich an der Schlafzimmertür? Vielleicht war Epstein nicht nur ein moralischer Skandal. Vielleicht war er ein Knotenpunkt, den jemand dort positioniert hatte, wo sich Information, Einfluss und Macht überschnitten. Wenn das auch nur teilweise stimmt, dann hat uns die alleinige Fokussierung auf die – zugegebenermaßen entsetzlichen – Verbrechen womöglich davon abgehalten, weitaus unangenehmere Fragen zu stellen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Gastkommentar
Warum der Nationalstaat nicht verschwindet: Die Grenzen der Globalisierung

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik Im Zentrum der Nationalismusdebatten standen lange Zeit zwei grundlegende Annahmen. Die erste davon besagt, dass Nationen historisch nur dann politische Unabhängigkeit und dauerhafte Existenz erlangen können, wenn sie eine bestimmte ökonomische und demographische Schwelle überschreiten. In dem von Marx und Hobsbawm geprägten Ansatz wird die Nation als eine Einheit definiert, die über eine der modernen kapitalistischen Ökonomie entsprechende Bevölkerungsgröße, ein hinreichendes Territorium und einen funktionsfähigen Binnenmarkt verfügt. Politische Unabhängigkeit galt nur dann als sinnvoll, wenn sie mit wirtschaftlicher Selbstgenügsamkeit einherging; kleinere Nationen, die diese Kriterien nicht erfüllten, wurden entweder als Hindernisse der kapitalistischen Entwicklung oder als marginale Elemente des historischen Prozesses betrachtet. Dieses Verständnis erschien insbesondere für den Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts, der auf Schwerindustrie, große Reservoirs ungelernter Arbeitskräfte und großskalige Produktionseinheiten angewiesen war, als schlüssig. Die Nation wurde in diesem Zusammenhang als ein weit gefasster territorialer Markt gedacht, der den Umlauf von Kapital, Arbeit und Waren ermöglichte und historische Legitimität in dem Maße erlangte, in dem sie eine zentrale Rolle in der internationalen Arbeitsteilung spielte. Nationalismus wurde aus dieser Perspektive als ein Phänomen verstanden, das den Fortschritt des Kapitalismus begleitete oder gar als dessen strukturelle Spiegelung erschien; politische Unabhängigkeit wurde als eine vorübergehende Phase der Integration in das globale Wirtschaftssystem interpretiert.

Wandel der ökonomischen Souveränität

Dieser Ansatz weist jedoch einen erheblichen Reduktionismus auf, da er die historischen Transformationen des Kapitalismus unzureichend berücksichtigt. Seit dem letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts beruht der fortgeschrittene oder postindustrielle Kapitalismus weniger auf Schwerindustrie und massenhafter ungelernter Arbeit als vielmehr auf Dienstleistungssektoren, hochspezialisierter Arbeit und entwickelten Informationstechnologien. Flexible Spezialisierung, netzwerkbasierte Produktionsformen und wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse haben die klassische Verbindung zwischen ökonomischer Größe und politischer Souveränität erheblich geschwächt. In diesem neuen Kontext hat wirtschaftliche Leistungsfähigkeit weitgehend ihre Bedeutung als absolute Selbstgenügsamkeit verloren; vielmehr ist deutlich geworden, dass kleinräumige politische Einheiten durch die Einbindung in globale Netzwerke ein hohes Wohlstandsniveau erreichen können. Von Island bis Singapur, von der Schweiz bis Taiwan haben zahlreiche kleine Staaten trotz begrenzter Bevölkerungszahlen und natürlicher Ressourcen ihre politische Unabhängigkeit bewahrt und diese sogar in einen Vorteil zur Erweiterung ihres wirtschaftlichen Handlungsspielraums verwandelt. Diese Beispiele zeigen, dass Größe und Maßstab in der heutigen Welt ihre zentrale Bedeutung innerhalb der moralischen Ökonomie verloren haben, während politische Autonomie sowohl für kleine Nationen als auch für ethnische Gemeinschaften weiterhin einen grundlegenden Wert darstellt. Diese Entwicklung macht zugleich deutlich, dass Hobsbawms Analyse des Nationalismus nur eine historisch begrenzte Gültigkeit besitzt. Die auf den Erfahrungen des neunzehnten Jahrhunderts beruhenden ökonomisch-reduktionistischen Annahmen neigen dazu, die inneren Dynamiken von Kulturen und politischen Einheiten zu vernachlässigen.

Kultur und Politik als eigenständige Kräfte

Die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts haben hingegen gezeigt, dass teleologische Ansätze, wonach kulturelle Einheiten sich zwangsläufig bestimmten ökonomischen oder politischen Entwicklungsstufen anpassen müssten, wenig überzeugend sind. Während wirtschaftliche Organisationen in Bezug auf Maßstab, Technologie und Tätigkeitsfelder wachsen, sind politische und kulturelle Einheiten nicht gezwungen, sich in gleicher Richtung und im gleichen Tempo zu transformieren. Kultur und Politik verfügen über eigene Prozesse und Rhythmen, die sich nicht vollständig mit der ökonomischen Sphäre decken. Die Ausbreitung der Massenmedien und technologische Entwicklungen haben paradoxerweise sowohl die ökonomische Zentralisierung beschleunigt als auch die soziale Dichte kleinräumiger kultureller Netzwerke und ethnischer Gemeinschaften erhöht. Aus diesem Grund lässt sich kein direkter und notwendiger Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Aufstieg ethnischer Nationalismen herstellen.

Die Rolle der Religion und kollektive Unsterblichkeit

Eine weitere wichtige Dimension der Nationalismusdebatte betrifft die Rolle der Religion in der modernen Welt. Die Rückkehr der Religion oder religiöser Symbole ausschließlich als Reaktion auf Angst, Wut oder den Zerfall traditioneller Werte zu interpretieren, verkennt die Komplexität der globalen Realität. Religiöse Mythen und Symbole bieten aufgrund ihrer langfristigen gemeinschaftsbildenden Kapazität sowohl Individuen als auch Eliten in Zeiten raschen Wandels und der durch die Moderne erzeugten Unsicherheiten mächtige Sinnressourcen. Religion fungiert nicht nur durch das Versprechen individueller Erlösung, sondern auch durch die Vorstellung kollektiver Unsterblichkeit. Diese Vorstellung verbindet sich über Mythen der Erwähltheit mit einer diesseitigen Erwartung von Erlösung, die die historische Kontinuität einer Gemeinschaft über zukünftige Generationen hinweg absichert. Der moderne Nationalismus hat es verstanden, dieses religiöse Erbe mit ethno-historischen Erinnerungen und der Idee eines historischen Vaterlandes zu verknüpfen und ihm so eine politische Dimension zu verleihen. Auf diese Weise sind das Versprechen individueller Unsterblichkeit und das Ideal kollektiver, diesseitiger Kontinuität ineinander übergegangen.

Der Staat als Instrument des nationalen Willens

Nationalismus wird häufig als eine politische Bewegung definiert, die Nation und Staat miteinander zu identifizieren versucht. Nach dieser Auffassung würde der Nationalismus ohne ein staatliches Ziel auf ein bloß folkloristisches Interesse reduziert bleiben. Auch wenn diese These einen gewissen Wahrheitsgehalt besitzt, greift es zu kurz, das Wesen des Nationalismus allein auf das Ziel der Staatsgründung zu reduzieren. Das zentrale Anliegen des Nationalismus besteht vielmehr darin, den Staat dem Willen der Nation unterzuordnen und die politische Macht als Ausdruck der Interessen und Werte einer kulturell definierten Gemeinschaft zu gestalten. In diesem Sinne vertritt der Nationalismus die Vorstellung, dass die höchste Loyalität des Individuums der Nation gelten sollte; diese Loyalität muss jedoch nicht zwangsläufig die Form eines vollständig souveränen Staates annehmen. Wie die Beispiele Schottlands oder Kataloniens zeigen, können auch föderale oder besondere politische Statusformen mit nationalistischen Forderungen vereinbar sein. Der Staat ist aus dieser Perspektive weniger ein Zweck als vielmehr ein Mittel: eines der wirksamsten Instrumente, um der Nation eine Stimme zu verleihen und ihren Willen umzusetzen, jedoch nicht das einzige.

Die Beständigkeit des Nationalstaats in einer globalisierten Welt

Gleichwohl zeigt die historische Erfahrung, dass der Nationalstaat die verbreitetste und effektivste Form zur Verwirklichung der Ziele des Nationalismus darstellt. Der Nationalstaat bezieht seine Kraft und Kontinuität aus einem ethno-historischen Kern sowie aus einem Geflecht gemeinsamer Mythen, Erinnerungen und Symbole. Der kulturelle Rahmen, den seine Bürger im öffentlichen Raum teilen, ist trotz innerer Vielfalt hinreichend umfassend und verbreitet. Diese kulturelle Gemeinsamkeit stärkt sowohl den inneren Zusammenhalt als auch die äußere Abgrenzbarkeit. Selbst in mehrsprachigen und multiethnischen Beispielen wie der Schweiz oder den Vereinigten Staaten besteht die nationale Identität fort, indem sie sich um eine gemeinsame öffentliche Kultur und eine dominante historische Erzählung organisiert. Dieses wechselseitige Verhältnis von Staat und Nation ist einer der Hauptgründe dafür, dass der Nationalstaat auch in der modernen Welt der zentrale politische Akteur geblieben ist. Großräumige Integrationsprojekte wie die Europäische Union sind ebenfalls in diesem Rahmen zu betrachten. Sie können einerseits als ambitionierte Versuche gesehen werden, die Nation zu ersetzen, andererseits als neue und noch nicht ausgereifte Formen politischer Gemeinschaft. Historisch betrachtet haben menschliche Gemeinschaften stets in einem Zyklus von Vereinigung und Auflösung existiert. Der Aufstieg und Zerfall großer Imperien sowie Phasen feudaler Zersplitterung und erneuter Zentralisierung sind Ausdruck dieses Musters. Moderne Gesellschaften haben diesen Zyklus nicht aufgehoben, sondern ihn durch kulturelle Politisierung und massenhafte Mobilisierung vielmehr komplexer gestaltet. Globale Interdependenz beseitigt kulturelle Unterschiede nicht, sondern macht sie sichtbarer und fördert damit die erneute Politisierung ethnischer und kultureller Identitäten. Abschließend lässt sich festhalten, dass das destruktive und gewaltträchtige Potenzial des Nationalismus nicht zu leugnen ist, Nation und Nationalismus jedoch weiterhin einen konkurrenzlosen soziokulturellen Rahmen in der modernen Weltordnung bieten. Nationale Identität stellt für viele Menschen ein starkes Bedeutungsfeld dar, das Bedürfnisse nach kultureller Erfüllung, Sicherheit, Verwurzelung und Solidarität befriedigt. Die ethno-historischen Grundlagen der Nationen machen sie zu weitreichenden und widerstandsfähigen Gemeinschaften und bewahren sie davor, bloße vorübergehende politische Projekte zu sein. Daher ist es wenig realistisch anzunehmen, dass der Nationalismus in naher Zukunft verschwinden oder die Nation überwunden werden wird. Die globale Kultur scheint nicht über die notwendige Bedeutungstiefe zu verfügen, um die kollektiven Glaubens- und Unsterblichkeitsversprechen zu ersetzen, die Religion oder ethnischer Nationalismus bieten. Unter den sich rasch wandelnden Bedingungen der modernen Welt liegt der eigentliche Grund für die fortdauernde Existenz von Nationen und Nationalstaaten nicht allein in ökonomischem oder politischem Nutzen, sondern in ihrer Fähigkeit, gegenüber Tod und Vergessen ein kollektives Versprechen irdischer Unsterblichkeit zu formulieren.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.
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„Steadfast Dart 26“
Logistische Meisterleistung: Türkische Großbrigade erreicht Deutschland für „Steadfast Dart 26“

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Hannover – Im Rahmen des NATO-Großmanövers „Steadfast Dart 26“ demonstriert die Türkei beeindruckende Verlegungskapazitäten. Mit dem Drohnenträger TCG Anadolu und einer massiven Luftbrücke verlegt Ankara über 2.000 Soldaten und schweres Gerät direkt an die deutsche Nordseeküste und nach Niedersachsen. Der Aufmarsch markiert einen Meilenstein innerhalb des Bündnisses: Die Türkei stellt mit rund 2.200 Einsatzkräften das größte Kontingent für das aktuelle Manöver in Deutschland. Was Militärexperten besonders aufhorchen lässt, ist die logistische Autonomie, mit der Ankara diese Operation durchführt.

Die Türkei als aufstrebende Militärmacht

Diese Operation ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrelangen, konsequenten Modernisierungsstrategie der türkischen Streitkräfte. Ankara hat sich in den letzten zehn Jahren von einem reinen Importeur westlicher Waffensysteme zu einer global agierenden Militärmacht entwickelt. Besonders die heimische Verteidigungsindustrie (SSB) spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Mit Projekten wie dem Flaggschiff TCG Anadolu, das als weltweit erster Drohnenträger konzipiert wurde, und der Entwicklung eigener Panzerfahrzeuge wie dem BMC Vuran, demonstriert das Land technologische Unabhängigkeit. Diese „nationale Technologiedurchsetzung“ ermöglicht es der Türkei heute, komplexe Brigaden ohne logistische Hilfe von Partnern über tausende Kilometer zu verlegen – eine Fähigkeit, die innerhalb der NATO sonst fast nur den USA zugeschrieben wird.

Ankunft in Wunstorf und Emden

Trotz winterlicher Witterungsbedingungen landeten zunächst zwei Airbus A400M-Transportmaschinen der türkischen Luftwaffe auf dem Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover. An Bord befanden sich die ersten 300 Soldaten einer mechanisierten Brigade. Zeitgleich legte das amphibische Angriffsschiff TCG Anadolu im Hafen von Emden an. In einer präzisen Entladeoperation wurden dutzende gepanzerte Fahrzeuge vom Typ BMC Vuran sowie mobile Gefechtsstände gelöscht. Diese wurden anschließend in einem imposanten Konvoi durch Niedersachsen in die Lüneburger Heide transportiert, einem der größten Übungsgelände der Bundeswehr.

Hintergrund: Was ist „Steadfast Dart 26“?

Die Übung „Steadfast Dart 26“ ist ein zentraler Bestandteil der NATO-Abschreckungsstrategie für das Jahr 2026. Sie ist darauf ausgelegt, die schnelle Verlegung von Verbänden an die Nord- und Ostflanke des Bündnisgebiets zu trainieren. Beginn: Die aktive Phase des Manövers startete in der zweiten Februarwoche 2026. Teilnehmer: Neben der Türkei als Hauptakteur nehmen insgesamt 12 NATO-Staaten teil, darunter Deutschland, Polen, die USA und Großbritannien. Ziel: Im Fokus steht die „Interoperabilität“ – also das reibungslose Zusammenspiel verschiedener nationaler Armeen unter einem gemeinsamen Kommando. Geübt wird die Verteidigung kritischer Infrastruktur sowie großflächige Landoperationen unter winterlichen Bedingungen. Mit der massiven Präsenz in Norddeutschland unterstreicht Ankara nicht nur seine Verpflichtungen gegenüber der Allianz, sondern sendet auch ein klares Signal der Stärke und Eigenständigkeit an die internationalen Partner.

Syrien
Syrien nach Assad: Neue Machthaber, alte Konflikte

Ein Gastkommentar von Kemal Bölge Am 8. Dezember 2024 wurde der langjährige Machthaber Syriens, Baschar al-Assad, gestürzt. Der Diktator floh mit seiner Familie nach Russland, womit die seit 1971 andauernde Herrschaft der Familie Assad endete. Den islamistischen Rebellen um Ahmed al-Shaara gelang es in kurzer Zeit, die großen Städte und schließlich die Hauptstadt Damaskus zu erobern.

Die terroristische Vergangenheit von Ahmed al-Shaara

Seit 2017 war al-Shaara Anführer des Milizbündnisses Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS), das von der EU und anderen Staaten wegen seiner dschihadistischen Vergangenheit und seiner Verbindungen zur Terrororganisation Al-Qaida als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Im März 2025 kam es in den Küstenregionen zu massenhaften Gewaltverbrechen gegen Zivilisten, vornehmlich gegen die Minderheit der Alawiten, wie die UN-Syrien-Untersuchungskommission in einem Bericht feststellte. Nach der Eroberung von Damaskus fragten sich viele Beobachter, wann die neue Übergangsregierung die seit Jahren von der SDF beziehungsweise der YPG/PKK kontrollierten Gebiete in Ostsyrien zurückerobern würde, um die territoriale Integrität Syriens wiederherzustellen. Die YPG/PKK wurde über Jahre hinweg in einer medialen Inszenierung von den USA als „Bündnispartner gegen den IS“ hofiert und bis an die Zähne bewaffnet. Andere westliche Verbündete wollten dem in nichts nachstehen und sahen in der SDF eine „Freiheitsbewegung“, die gegen das Böse – gemeint ist hier die Terrororganisation IS – kämpfte. Wie aus CIA-Unterlagen zur „Operation Timber Sycamore“ hervorgeht, unterstützten die USA den bewaffneten Widerstand gegen Assad auch durch Waffenlieferungen, von denen teilweise radikale Gruppierungen profitierten. Hätte Russland 2015 in Syrien nicht militärisch interveniert, wäre das Schicksal Assads vermutlich längst besiegelt gewesen. Die Vereinigten Staaten und andere westliche Verbündete sahen über Jahre hinweg zu, wie die SDF ethnische Säuberungen durchführte und Araber, Turkmenen sowie oppositionelle Kurden aus ihren angestammten Gebieten vertrieb. Die Vereinten Nationen und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wiesen wiederholt auf die Verschleppung von Kindern und Jugendlichen durch die SDF hin, stießen in Washington und Brüssel jedoch auf taube Ohren. Der Kampf der SDF gegen den IS wird von Kritikern als politisch inszeniert betrachtet, da verschiedene bewaffnete Gruppen von externen Akteuren als Stellvertreter in geopolitischen Konflikten eingesetzt wurden. Wäre es Washington tatsächlich in erster Linie um den Kampf gegen den IS gegangen, hätte es sich stärker an dem Anti-Terror-Einsatz der türkischen Armee im August 2016 beteiligt, bei dem schätzungsweise fast 4.000 IS-Terroristen in Nordsyrien getötet wurden. Demografisch betrachtet war die Besetzung von fast einem Drittel Syriens durch die SDF von Anfang an problematisch, da die syrischen Kurden lediglich etwa 8 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Mit rund 80 Prozent stellen die Araber die größte Bevölkerungsgruppe dar, daneben leben in Syrien auch Armenier, Tscherkessen, Turkmenen und Assyrer. Ohne die militärische Unterstützung der USA konnte die SDF der syrischen Armee langfristig nicht standhalten. Ein wichtiger Faktor für den Verlust der besetzten Gebiete unter dem SDF-Anführer Mazlum Abdi war der Widerstand arabischer Stämme, die sich gegen die Herrschaft der YPG/PKK stellten. Es bleibt abzuwarten, ob die Übergangsregierung unter Ahmed al-Shaara Syrien in eine friedliche und stabile Zukunft führen kann oder ob das Land weiterhin von Instabilität geprägt sein wird.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.
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Iran-Krise
Kiesewetter (CDU): Halte Militärschlag im Iran für notwendig

Berlin – Roderich Kiesewetter (CDU), Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, hält einen Militärschlag der USA im Iran für notwendig. Im Interview mit dem Fernsehsender phoenix sagte Kiesewetter: „Es wird sicherlich, wenn es dazu kommt, noch einige Zeit dauern, um eben diplomatisch in der Umgebung das Feld zu bereiten, für diesen Militärschlag, den ich für notwendig halte.“ Gegenwärtig fänden in der Golfregion sehr viele diplomatische Anstrengungen statt, um den arabischen Staaten die Sorge einer Ausweitung des Krieges zu nehmen. Dies müsse diplomatisch erst geklärt werden, „um nicht ein Pulverfass zum Brennen zu bringen“, so Kiesewetter. Die derzeitigen Gespräche zwischen den USA und dem Iran seien für Trump, aber vor allen Dingen für das iranischen Regime ein Zeitgewinn, so der CDU-Politiker. Die europäischen Staaten hätten wenig Einfluss auf US-Präsident Donald Trump „und wir müssen hier sehr stark aufpassen, dass unsere Interessen wahrgenommen werden.“ Dafür könne man beispielsweise Diplomaten ausweisen, den Handel weiter einschränken „und natürlich auch weiter mit Sanktionen arbeiten.“ Weiterhin könne man „der iranischen Opposition ein Gesicht geben, zum Beispiel den Sohn des Schah zur Münchner Sicherheitskonferenz einladen“, so Kiesewetter bei phoenix.  
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Chomsky-Stellungnahme
Epstein-Akten: Chomskys Frau äußert sich zu Vorwürfen

Von Polat Karaburan Die erneute Veröffentlichung von Dokumenten im Zusammenhang mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Debatten ausgelöst. Auch der US-amerikanische Linguist und politische Intellektuelle Noam Chomsky geriet dabei ins Zentrum öffentlicher Kritik, nachdem sein Name in den Akten auftauchte. Kritiker verweisen auf dokumentierte Kontakte Chomskys zu Epstein, darunter Treffen, schriftliche Kommunikation, mediale Ratschläge sowie finanzielle Transaktionen, die aus den Akten hervorgehen. Chomsky selbst kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern: Nach einem schweren Schlaganfall im Juni 2023 ist der heute 97-Jährige dauerhaft pflegebedürftig und nicht mehr kommunikationsfähig. Nun hat sich erstmals seine Ehefrau Valéria Chomsky mit einer ausführlichen Stellungnahme an die Öffentlichkeit gewandt.

Valéria Chomsky veröffentlicht Stellungnahme

In ihrer Erklärung macht Valéria Chomsky deutlich, dass ihr Mann seit dem Schlaganfall rund um die Uhr medizinisch betreut werde und vollständig außerstande sei, sich öffentlich zu äußern. Sie selbst habe in den vergangenen Monaten ausschließlich seine Pflege und Behandlung organisiert und keinerlei Unterstützung durch PR-Berater oder Medienanwälte gehabt. Erst jetzt sei es ihr möglich gewesen, zu den Fragen rund um die Kontakte mit Jeffrey Epstein Stellung zu nehmen. Sie betont, dass sie und ihr Mann das Bedürfnis verspürten, die offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Noam Chomsky habe sein Leben lang darauf bestanden, dass Intellektuelle die Pflicht hätten, Wahrheit zu sagen und Lügen offenzulegen – auch dann, wenn diese Wahrheit für sie selbst unbequem sei. Zugleich beschreibt sie eine persönliche Schwäche ihres Mannes: Chomsky neige dazu, Menschen grundsätzlich in guter Absicht zu begegnen. Dieses Vertrauen habe in diesem Fall zu „schwerem Fehlurteil“ geführt, für das sie rückblickend Verantwortung übernehme. Nach Angaben seiner Frau lernten sie Epstein 2015 im Rahmen einer beruflichen Veranstaltung kennen. Zu diesem Zeitpunkt sei Epsteins Verurteilung aus dem Jahr 2008 in Florida nur einem sehr kleinen Kreis bekannt gewesen; sie selbst wie auch ihr Mann hätten davon keine Kenntnis gehabt. Erst die Berichterstattung des *Miami Herald* im November 2018 habe die Dimension der Vorwürfe öffentlich gemacht. Epstein habe sich ihnen gegenüber als Förderer der Wissenschaft und als Finanzexperte präsentiert. Auf dieser Grundlage sei ein beruflicher Austausch entstanden – ohne dass sie ahnten, dass es sich, wie Valéria Chomsky schreibt, um ein „trojanisches Pferd“ gehandelt habe. Epstein habe versucht, ihren Mann durch Geschenke und Einladungen in fachliche Diskussionen stärker an sich zu binden. Treffen hätten im Zusammenhang mit akademischen Veranstaltungen stattgefunden, darunter Mittagessen auf Epsteins Ranch, Abendessen in seinem Stadthaus in Manhattan sowie Aufenthalte in einer New Yorker Wohnung, die Epstein bei beruflichen Aufenthalten zur Verfügung gestellt habe. Zudem habe es einen Besuch in Epsteins Pariser Apartment gegeben. Auf seine Privatinsel seien sie nie gereist, und sie hätten keinerlei Kenntnis von den dort begangenen Verbrechen gehabt. Bei keinem der Treffen seien Minderjährige anwesend gewesen, und sie hätten keinerlei strafbares oder unangemessenes Verhalten beobachtet. Im akademischen Kontext habe Epstein Gespräche zwischen Chomsky und Persönlichkeiten organisiert, deren Perspektiven für dessen Arbeit von Interesse gewesen seien. In diesem Rahmen sei auch ein Empfehlungsschreiben entstanden. Besonders umstritten ist eine E-Mail, in der Chomsky Epstein Ratschläge zum Umgang mit kritischer Presse gegeben hatte. Seine Frau erklärt dazu, Epstein habe sich ihrem Mann gegenüber als Opfer ungerechter medialer Verfolgung dargestellt. Chomsky habe aus eigener Erfahrung mit politischer Medienkritik geantwortet – in dem Glauben, es handele sich um einen Fall verzerrter Berichterstattung. Rückblickend sei klar, dass Epstein diese Erzählung gezielt konstruiert habe, offenbar in der Absicht, durch die Nähe zu einer angesehenen Persönlichkeit sein Image aufzupolieren. Valéria Chomsky weist zudem den Vorwurf zurück, ihr Mann habe sich gegen die Frauenbewegung gestellt. Noam Chomsky habe sich stets für Gleichberechtigung und Frauenrechte eingesetzt. Epstein habe jedoch Chomskys öffentliche Kritik an sogenannten „Cancel-Culture“-Phänomenen instrumentalisiert, um sich selbst als Opfer darzustellen. Erst nach Epsteins zweiter Verhaftung im Juli 2019 sei ihnen das volle Ausmaß der Vorwürfe – heute bestätigte schwere Verbrechen gegen Frauen und Kinder – bewusst geworden. Dass sie Epsteins Hintergrund nicht gründlicher geprüft hätten, bezeichnet Valéria Chomsky als schweren Fehler. Dafür entschuldigt sie sich ausdrücklich im Namen von ihnen beiden. Ihr Mann habe diese Einschätzung vor seinem Schlaganfall mit ihr geteilt. Auch auf finanzielle Vorwürfe geht sie detailliert ein. Ein Scheck über 20.000 US-Dollar sei eine Vergütung für eine von Chomsky ausgearbeitete linguistische Aufgabenstellung gewesen, die Epstein als regelmäßig vergebenen Preis etablieren wollte. Darüber hinaus genannte Transfers in Höhe von rund 270.000 US-Dollar seien kein Geld Epsteins gewesen, sondern ausschließlich Chomskys eigene Mittel. Epstein habe in dieser Angelegenheit lediglich technische Hilfe geleistet, nachdem Unstimmigkeiten in Chomskys Altersvorsorge aufgetreten seien. Epstein habe dabei als eine Art Finanzberater fungiert und keinen Zugriff auf Konten oder Investitionen gehabt. Gemeinsame Anlagen oder finanzielle Partnerschaften habe es nie gegeben. In ihrer Erklärung betont Valéria Chomsky mehrfach, dass sie und ihr Mann die Schwere von Epsteins Verbrechen uneingeschränkt anerkennen. Nichts in ihrer Stellungnahme solle das Leid der Opfer relativieren. Im Gegenteil: Sie versichert den Betroffenen ihre uneingeschränkte Solidarität und beschreibt es als zutiefst verstörend, rückblickend erkannt zu haben, mit einer Person in Kontakt gestanden zu haben, die ein verborgenes Leben voller „krimineller, unmenschlicher und perverser Taten“ geführt habe. Noam Chomsky gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Als Begründer der modernen generativen Linguistik revolutionierte er die Sprachwissenschaft, zugleich wurde er durch seine scharfe Kritik an US-Außenpolitik, Medienmacht und staatlicher Propaganda weltweit bekannt. Über Jahrzehnte hinweg engagierte er sich gegen Kriege, für Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und die Rechte marginalisierter Gruppen. Gerade dieses Lebenswerk steht nun für viele Beobachter in einem Spannungsverhältnis zu den bekannt gewordenen Kontakten mit Jeffrey Epstein. Wie bereits in früheren Analysen zu den Epstein-Akten dargelegt, zeigt der Fall erneut, wie schnell Namen, Begegnungen und Dokumente zu öffentlichen Zuschreibungen führen können – oft ohne klare begriffliche Trennung zwischen belegten Straftaten, moralischer Kritik und bloßer Nähe. Die Stellungnahme von Valéria Chomsky ist ein Versuch, diese Trennlinien sichtbar zu machen, während die öffentliche Debatte weiter andauert.
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Bei den derzeit kursierenden sogenannten „Epstein Files“ handelt es sich nicht um eine neue Ermittlungsakte, sondern um eine Zusammenstellung bereits existierender Unterlagen aus unterschiedlichen straf- und zivilrechtlichen Verfahren.

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Business
Planet Hollywood“-Effekt: Salt Baes Imperium schrumpft weltweit

Istanbul – Es war eines der prägendsten Bilder der sozialen Medien: Ein Mann in weißem T-Shirt und dunkler Sonnenbrille, der mit einer theatralischen Geste Salz über seinen Unterarm auf ein Steak rieseln lässt. Nusret Gökçe, besser bekannt als „Salt Bae“, wurde über Nacht zum globalen Phänomen. Doch im Februar 2026 zeigt sich, dass viraler Ruhm allein kein dauerhaftes Fundament für ein Gastronomie-Imperium bietet. Während die vergoldeten Steaks einst als Statussymbol galten, scheint die Marke „Nusr-Et“ nun einer harten wirtschaftlichen Realität gegenüberzustehen, die an die großen Abstürze der 90er-Jahre erinnert.

Kahlschlag in den USA: Das Ende einer aggressiven Expansion

Nach einem jahrelangen, fast schon manischen Expurskurs in den Vereinigten Staaten ist die aktuelle Bilanz ernüchternd. Wie das Fachmagazin „Restaurant Dive“ sowie die „International Business Times“ in ihren jüngsten Analysen berichten, hat Nusr-Et den Großteil seiner prestigeträchtigen US-Standorte mittlerweile stillschweigend aufgegeben. Von den einstmals sieben Flaggschiff-Restaurants in den Metropolen Nordamerikas sind heute lediglich zwei übrig geblieben: New York Midtown und Miami. Besonders die Schließung des Standorts im New Yorker Meatpacking District sowie das Aus in Beverly Hills im Juni 2025 markierten einen Wendepunkt. Laut Berichten des britischen „Mirror“ spiegelt sich dieser Rückzug auch in den tiefroten Zahlen der Holding wider. Allein für das letzte Geschäftsjahr mussten Verluste in Höhe von rund 5,4 Millionen Pfund ausgewiesen werden. Experten werten dies als klares Zeichen dafür, dass das Konzept in den USA – einem Markt, der extrem sensibel auf das Preis-Leistungs-Verhältnis reagiert – seinen Zenit überschritten hat.

Die „Planet Hollywood“-Falle: Wenn der Star fehlt

Branchenkenner ziehen heute vermehrt Parallelen zum Schicksal von Planet Hollywood. In den 90er-Jahren stürmten Menschen weltweit die Filialen in der Hoffnung, einen Hauch von Hollywood-Glanz zu erhaschen oder gar Stars wie Arnold Schwarzenegger persönlich zu treffen. Doch sobald der Neuheitswert verflogen war und die Gäste feststellten, dass sie für überteuertes Standardessen bezahlten, ohne die versprochenen Promis jemals zu Gesicht zu bekommen, kollabierte das Modell. Nusret Gökçe scheint in genau diese Falle getappt zu sein. Die Gäste waren bereit, astronomische Summen zu zahlen – der „Evening Standard“ berichtete von Rechnungen über 1.450 Pfund für ein vergoldetes Tomahawk-Steak –, solange der Meister selbst am Tisch erschien. Doch da Gökçe unmöglich in Dutzenden Restaurants weltweit gleichzeitig sein kann, blieb für viele Kunden am Ende nur ein Erlebnis übrig, das kulinarische Kritiker wie Jimi Famurewa als „vibe-los“ und „überteuert“ abstempelten. Ohne die physische Präsenz des „Salt Bae“ blieb oft nur ein durchschnittliches Steakhaus zu Spitzenpreisen zurück.

Juristisches Tauziehen und der Schwenk nach Ibiza

Zusätzlich zum wirtschaftlichen Gegenwind musste Gökçe im Dezember 2025 eine bittere juristische Schlappe hinnehmen. Er hatte versucht, das Wort „SALT“ als exklusive Marke in Großbritannien schützen zu lassen, um Konkurrenten die Nutzung zu untersagen. Wie die Plattform „Ekonomim“ unter Berufung auf das britische Markenamt (IPO) berichtet, wurde dieser Antrag jedoch mit einer deutlichen Begründung abgewiesen. Das Amt stellte fest, dass „Salt Bae“ zwar eine populäre Person beschreibe, das Wort „Salz“ jedoch ein allgemeines Gut bleibe und nicht monopolisiert werden könne. Trotz dieser Rückschläge denkt der türkische Gastronom nicht an den Ruhestand. Er verlagert seinen Fokus nun weg von den schwierigen Märkten in London und den USA hin zur Mittelmeerregion. Auf Ibiza investiert er derzeit rund 100 Millionen Euro in ein gigantisches Projekt aus Luxus-Apartments und Restaurants. Ob dieser Schwenk in Richtung Immobilien und Tourismus-Entwicklung die Marke retten kann, wird sich im Sommer 2026 zeigen, wenn die erste Klappe auf der Baleareninsel fällt.

Wer ist Nusret Gökçe? Der Weg vom Tellerwäscher zum Weltruhm

Hinter der Kunstfigur „Salt Bae“ steckt eine beeindruckende, aber auch ambivalente Aufstiegsgeschichte. Geboren 1983 in Erzurum als Sohn eines Bergarbeiters, musste Nusret die Schule bereits in der sechsten Klasse verlassen, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Er begann eine Lehre als Metzger im Istanbuler Stadtteil Kadıköy, wo er oft bis zu 18 Stunden täglich arbeitete. Sein Hunger nach Erfolg trieb ihn in jungen Jahren nach Argentinien und in die USA, wo er unbezahlt in verschiedenen Küchen arbeitete, um die Geheimnisse der Fleischzubereitung zu erlernen. Zurück in der Türkei eröffnete er 2010 mit Unterstützung des Investors Ferit Şahenk sein erstes „Nusr-Et“-Restaurant. Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich im Januar 2017 durch das virale Video „Ottoman Steak“, das ihn weltberühmt machte. Seither balanciert Gökçe zwischen der Rolle des passionierten Metzgers und der eines globalen Entertainers – ein Spagat, der im Jahr 2026 schwieriger denn je zu sein scheint.
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Mit 54,5 Millionen Followern hat er mittlerweile, noch vor seinem Kontrahenten Salt Bae (53,6 Mio.), Platz 1 der Instagram-Stars der Türkei erreicht.

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Eurofighter-Deal
Dank Merz: Türkei erhält erste Kampfjets noch im Februar 2026

Ankara – Die Modernisierung der türkischen Luftwaffe nimmt in diesen Tagen eine historische Wendung. Während der Vertrag über 20 werksneue Maschinen bereits im Oktober 2025 unterzeichnet wurde, verdichten sich nun die Anzeichen für einen „Blitzstart“: Noch im Februar 2026 soll die türkische Luftwaffe (Türk Hava Kuvvetleri) ihre ersten Eurofighter Typhoon aus Beständen von Katar übernehmen. Damit schließt Ankara eine kritische Fähigkeitslücke schneller als von vielen Experten erwartet.

Der aktuelle Durchbruch: Aerodynamik-Update für türkische Raketen

Ganz aktuell wurde am 6. Februar 2026 ein Vertrag zwischen dem Eurofighter-Konsortium und der NATO-Agentur NETMA unterzeichnet, der für die Türkei von entscheidender Bedeutung ist. Das sogenannte Aerodynamic Modification Kit (AMK) soll die Integration neuer Waffensysteme und externer Lasten massiv beschleunigen. Für die Türkei bedeutet dies: Die Integration ihrer im Inland entwickelten Luft-Luft-Raketen der Gökhan- und Bozdoğan-Serie wird technisch wesentlich einfacher und schneller umsetzbar. Ankara setzt damit seine Strategie fort, ausländische High-Tech-Plattformen mit souveräner, heimischer Bewaffnung zu kombinieren. Drei-Säulen-Modell: Katar, Oman und Großbritannien Die Beschaffung der insgesamt 44 geplanten Eurofighter erfolgt über ein komplexes Drei-Säulen-Modell, das eine sofortige Einsatzbereitschaft sicherstellt: Die „Soforthilfe“ aus Katar (Februar 2026): Die ersten 12 Maschinen der Tranche 3A kommen aus katarischen Beständen. Türkische Piloten befinden sich bereits zur Einweisung in Doha. Diese Jets dienen als „Quick Fix“, um die Überlegenheit im Luftraum der Ägäis und des östlichen Mittelmeers zu wahren.

Gebrauchtkäufe aus Oman: Weitere 12 modernisierte Jets sollen ab 2028 aus dem Oman folgen.

Werksneue Jets aus Großbritannien (ab 2030): Den Kern der Flotte bilden 20 fabrikneue Eurofighter der neuesten Generation, für die im Oktober 2025 der 11-Milliarden-Dollar-Vertrag unterzeichnet wurde. „Ein Sieg für die NATO“ Großbritannien und die Türkei betonen die sicherheitspolitische Notwendigkeit und die wirtschaftlichen Vorteile des Deals. Keir Starmer, britischer Premierminister:
„Dieses wegweisende Abkommen ist ein Gewinn für die britischen Arbeiter, ein Gewinn für unsere Verteidigungsindustrie und ein Gewinn für die Sicherheit der NATO. An beiden Enden Europas sind das Vereinigte Königreich und die Türkei von entscheidender Bedeutung, um die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.“
Der türkische Verteidigungsminister Yaşar Güler betonte, dass die Türkei als NATO-Mitglied ein Recht auf modernste Ausrüstung habe: „Wir haben immer betont, dass wir als NATO-Mitglied das Recht auf modernste Ausrüstung haben. Der Eurofighter wird unsere Schlagkraft massiv erhöhen, während wir gleichzeitig mit Hochdruck an unserem nationalen Projekt KAAN arbeiten. Wir lassen uns in unserer Verteidigungsstrategie von niemandem einschränken.“

Der deutsche Kurswechsel unter Kanzler Merz

Dass dieser Deal überhaupt möglich wurde, liegt maßgeblich an der veränderten politischen Wetterlage in Berlin. Nachdem die Bundesregierung den Export jahrelang blockiert hatte, gab Kanzler Friedrich Merz (CDU) im Sommer 2025 endgültig grünes Licht. Merz begründete dies mit der Rolle der Türkei als „unverzichtbarer Anker der NATO-Südflanke“. Trotz Kritik von Menschenrechtsorganisationen und Spannungen im Fall des inhaftierten Oppositionspolitikers Ekrem İmamoğlu priorisierte Berlin die strategische Partnerschaft. Großbritannien, das den Export von Beginn an vorangetrieben hatte, sieht in dem Deal zudem die Sicherung von über 20.000 Arbeitsplätzen.
Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Oktober 2025 in Ankara (Foto: tccb)

Strategische Brücke zum KAAN

Der Eurofighter fungiert für die Türkei als technologische und militärische Brücke. Er soll die Zeit überbrücken, bis der im Inland entwickelte Stealth-Jet der 5. Generation, der TF-X KAAN, um das Jahr 2030 seine volle Einsatzbereitschaft erreicht. Mit der Kombination aus dem Eurofighter, der modernisierten F-16-Flotte und der Integration der Meteor-Langstreckenrakete verschiebt Ankara das militärische Gleichgewicht in der Region bereits heute massiv zu seinen Gunsten.

Technischer Vergleich: Warum der Eurofighter für die Türkei ein „Gamechanger“ ist

Der Eurofighter Typhoon bietet Fähigkeiten, die über die modernste F-16 („Viper“-Standard) hinausgehen, insbesondere im Bereich der Luftüberlegenheit und der Radartechnologie.

Die strategische Kombination

Für die türkische Luftwaffe ergibt sich durch den parallelen Betrieb beider Systeme ein massiver taktischer Vorteil: Während die modernisierten F-16-Viper-Modelle als „Arbeitstiere“ für Bodenangriffe und Standardpatrouillen dienen, übernimmt der Eurofighter die Rolle des „Himmelswächters“. Mit der überlegenen Reichweite der Meteor-Raketen und dem hochmodernen AESA-Radar kann der Eurofighter Ziele bekämpfen, noch bevor diese den Jet auf ihrem eigenen Schirm wahrnehmen.

Reaktionen aus Griechenland: „Sorge um das Gleichgewicht“

In Athen wird der Deal mit Argusaugen beobachtet. Die Sorge ist groß, dass die technologische Überlegenheit, die Griechenland durch den Kauf der französischen Rafale-Jets und der angekündigten F-35 gewonnen hatte, durch die türkischen Eurofighter neutralisiert wird. Evangelos Georgousis, pensionierter Luftwaffengeneral und Honorarkommandeur:
„Die Integration der Meteor-Langstreckenrakete in die türkische Luftwaffe ist ein besorgniserregender Faktor. Wir haben bisher den Vorteil gehabt, Ziele aus größerer Entfernung bekämpfen zu können. Wenn die Türkei nun dieselbe Technologie erhält, verändert das die taktische Realität über der Ägäis fundamental.“
„Athen muss nun diplomatisch alle Hebel in Bewegung setzen, um zumindest die Lieferung der modernsten Waffenpakete innerhalb des Eurofighter-Deals zu verzögern. Der Himmel über der Ägäis darf nicht zum Schauplatz eines Wettrüstens werden, bei dem wir unseren technologischen Vorsprung verlieren“, so ein Kommentar in der griechischen Zeitung EFSYN

Auch Vertreter aus Israel zeigten sich besorgt

Israel beobachtet die Annäherung zwischen der Türkei und den europäischen Rüstungsproduzenten (UK/Deutschland) mit strategischem Misstrauen, besonders vor dem Hintergrund der Spannungen im Gazastreifen. „Ein sicherheitspolitisches Kopfzerbrechen“ Ein hochrangiger israelischer Beamter (gegenüber der Jerusalem Post): „Dies ist kein Gamechanger, der unsere Luftüberlegenheit sofort beendet, aber es ist ein erhebliches ‚Kopfzerbrechen‘. Es ist ein klares Signal, dass die Türkei ihren Rüstungsaufbau beschleunigt, um die militärische Parität in der Region zu erzwingen.“ Yair Lapid, israelischer Oppositionsführer: „Dass Deutschland und Großbritannien nun die Türkei mit diesen mächtigen Jets ausrüsten, ist gefährlich. Die Türkei verfügt bereits über die größte Flotte im Nahen Osten und strebt nun auch nach der Vorherrschaft in der Luft. Dass unsere Regierung hier nicht interveniert hat, ist ein diplomatisches Versagen.“

Promis
UK-Rapper Central Cee konvertiert zum Islam

London – Der britische Rapper Central Cee hat öffentlich erklärt, zum Islam konvertiert zu sein. Der international erfolgreiche Musiker gab dies in einem Live-Format bekannt, in dem er nach übereinstimmenden Berichten das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, sprach. Die Erklärung sorgte in der internationalen Musikszene und unter seinen Fans für breite Aufmerksamkeit. Central Cees Konversion reiht sich in eine Serie öffentlicher Glaubenswechsel prominenter Persönlichkeiten ein, die in den vergangenen Jahren verstärkt wahrgenommen wurden. Immer wieder äußern Musiker, Sportler oder andere bekannte Figuren öffentlich, dass sie sich dem Islam zugewandt haben. Beobachter sprechen dabei weniger von einem Trend im engeren Sinne als von einer zunehmenden Sichtbarkeit persönlicher religiöser Entscheidungen.

Central Cee: Einer der bekanntesten Rapper Großbritanniens

Central Cee, mit bürgerlichem Namen Oakley Neil Caesar-Su, zählt seit mehreren Jahren zu den prägendsten Stimmen der britischen Drill- und Rap-Szene. Mit Songs wie „Day in the Life“, „Loading“ oder „Doja“ erreichte er internationale Charts und eine große Anhängerschaft über Großbritannien hinaus. Seine nun öffentlich gemachte Konversion wurde von ihm selbst als persönliche Entscheidung dargestellt. Über konkrete Beweggründe äußerte sich der Künstler bislang nicht ausführlich. Auch mögliche Auswirkungen auf seine musikalische Ausrichtung oder seine öffentliche Rolle ließ er offen. Nach bisherigem Kenntnisstand handelt es sich um eine private Glaubensentscheidung, die ohne politische oder kommerzielle Einordnung kommuniziert wurde.

Prominente Konversionen zum Islam: Ein wiederkehrendes Phänomen

Die Erklärung des britischen Rappers steht nicht isoliert. In den vergangenen Jahren haben mehrere international bekannte Persönlichkeiten öffentlich über ihre Konversion zum Islam gesprochen. Dazu zählt etwa der US-Rapper Lil Jon, der seinen Übertritt 2024 bekannt machte, ebenso wie die irische Sängerin Sinéad O’Connor, die bereits 2018 zum Islam konvertierte und später den Namen Shuhada’ Davitt annahm. Auch im Sport sorgten ähnliche Entscheidungen für Aufmerksamkeit. Der ehemalige niederländische Fußballnationalspieler Clarence Seedorf sprach öffentlich über seinen Übertritt zum Islam. In den USA wiederum erklärte die MMA-Kämpferin Amber Leibrock, dass sie den Islam angenommen habe. Die Beispiele stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und zeigen, dass religiöse Konversionen prominenter Persönlichkeiten kein auf einzelne Szenen beschränktes Phänomen sind.

Persönliche Glaubensentscheidungen im öffentlichen Raum

Religionssoziologen weisen darauf hin, dass prominente Konversionen häufig besondere Aufmerksamkeit erfahren, weil sie persönliche Entscheidungen sichtbar machen, die bei nicht-öffentlichen Personen kaum wahrgenommen würden. Öffentliche Figuren würden dabei jedoch nicht zwangsläufig eine Vorbildrolle einnehmen wollen, sondern in erster Linie ihre individuelle spirituelle Entwicklung beschreiben. Zugleich betonen Experten, dass religiöse Konversionen grundsätzlich private Entscheidungen bleiben – unabhängig vom öffentlichen Interesse, das sie auslösen.

Historischer Kontext: Keine neue Entwicklung

Konversionen prominenter Persönlichkeiten zum Islam haben auch historisch eine lange Tradition. Bereits in den 1960er-Jahren sorgte der legendäre Boxer Muhammad Ali mit seinem Übertritt für weltweite Aufmerksamkeit. Der Musiker Cat Stevens, der später den Namen Yusuf Islam annahm, sprach in zahlreichen Interviews darüber, dass seine Konversion aus einer intensiven Sinn- und Wahrheitssuche hervorgegangen sei und für ihn einen Wendepunkt im Leben darstellte. Die aktuelle Erklärung von Central Cee fügt sich damit in eine längere Geschichte öffentlicher Glaubenswechsel ein, die immer wieder Debatten, Neugier und gesellschaftliche Diskussionen auslösen – ohne dabei zwangsläufig politische oder kulturelle Schlussfolgerungen zu erzwingen.
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– USA – Los Angeles: US-Rapper Lil Jon zum Islam konvertiert

Der US-amerikanische Rapper und Produzent Lil Jon akzeptierte vor dem Freitagsgebet in der König Fahd Moschee in Los Angeles  den Islam.

Los Angeles: US-Rapper Lil Jon zum Islam konvertiert

USA
Konversionen hinter Gittern: Islam dominiert religiöse Wechsel in US-Gefängnissen

Der Islam gehört weltweit zu den am schnellsten wachsenden Religionen – sowohl absolut als auch prozentual. Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur in der allgemeinen Gesellschaft, sondern auch in einem besonderen sozialen Raum: dem US-amerikanischen Strafvollzug. In Gefängnissen der Vereinigten Staaten nimmt der Islam seit Jahrzehnten eine wachsende Rolle ein, insbesondere im Zusammenhang mit religiösen Konversionen während der Haftzeit. Forschende betrachten Haftanstalten seit Langem als Orte verdichteter gesellschaftlicher Prozesse. Fragen nach Identität, Sinn, Schuld und Neuanfang treten hier oft stärker und unmittelbarer zutage als außerhalb der Gefängnismauern. Religiöse Entwicklungen lassen sich in diesem Umfeld daher besonders klar beobachten – nicht als isolierte Phänomene, sondern als Spiegel größerer sozialer Dynamiken.

Verbreitung des Islam im US-Strafvollzug

Nach Angaben des U.S. Bureau of Prisons sowie auf Grundlage mehrerer religionssoziologischer Studien zählt der Islam heute zu den größten Glaubensgemeinschaften innerhalb amerikanischer Haftanstalten. Schätzungen auf Grundlage von Umfragen unter Gefängnisseelsorgern und Teilstudien deuten darauf hin, dass etwa rund neun Prozent der Insassen in US-Gefängnissen muslimisch sind, was im Vergleich zu etwa einem Prozent in der Gesamtbevölkerung eine deutliche Überrepräsentation darstellt. Dabei zählen religiöse Konversionen zum Islam zu den häufigsten Übertritten im Strafvollzug, auch wenn keine einheitlichen nationalen Daten darüber vorliegen. Ein Teil dieser Gefangenen war bereits vor der Inhaftierung muslimischen Glaubens. Ein erheblicher Anteil konvertierte jedoch erst während der Haftzeit. Exakte Zahlen zu Konversionen werden von staatlichen Stellen nicht systematisch erhoben. Dennoch gilt unter Fachleuten als weitgehend unstrittig, dass der Islam im Strafvollzug prozentual stärker wächst als andere Religionsgemeinschaften. Diese Einschätzung stützt sich auf langfristige Beobachtungen aus der Gefängnisseelsorge sowie auf unabhängige sozialwissenschaftliche Untersuchungen.

Historische Ursprünge: Islam in den USA und die Rolle der Nation of Islam

Die Geschichte des Islam in den Vereinigten Staaten reicht weiter zurück, als häufig angenommen wird. Historiker gehen davon aus, dass ein Teil der aus Westafrika verschleppten Sklaven muslimischen Glaubens war. Schätzungen zufolge könnten im 18. und frühen 19. Jahrhundert bis zu 10 bis 15 Prozent der versklavten Afrikaner Muslime gewesen sein. Ihre religiöse Praxis wurde jedoch systematisch unterdrückt, sodass der Islam über Generationen hinweg kaum sichtbar blieb und weitgehend aus dem kollektiven Bewusstsein verschwand. Im 20. Jahrhundert trat der Islam in den USA erneut in Erscheinung, insbesondere vor dem Hintergrund sozialer Spannungen und rassistischer Diskriminierung. Ab den 1930er- und 1940er-Jahren gewann die Nation of Islam (NOI) vor allem unter afroamerikanischen Gefangenen an Bedeutung. Die Bewegung verband religiöse Elemente mit strenger Disziplin, Selbstermächtigung und einer grundsätzlichen Kritik an strukturellem Rassismus – Aspekte, die im Gefängniskontext auf besondere Resonanz stießen. Eine zentrale historische Figur in diesem Zusammenhang ist Malcolm X, der während seiner Haftzeit in den 1940er-Jahren der Nation of Islam beitrat. Seine spätere öffentliche Rolle machte ihn zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten, die den Islam – zunächst in der spezifischen Ausprägung der NOI – aus dem Gefängniskontext heraus in die gesellschaftliche Debatte der USA trugen. Religionshistoriker betrachten ihn weniger als Ausnahmefall, sondern als symbolisch wirkmächtiges Beispiel für Haftanstalten als Orte religiöser und identitärer Neuorientierung. Eine wichtige Rolle für die öffentliche Wahrnehmung des Islams in den Vereinigten Staaten spielte auch der Boxer Muhammad Ali. Der frühere Cassius Marcellus Clay trat 1964 dem Islam bei und wurde zunächst Mitglied der Nation of Islam, bevor er später zum sunnitischen Mainstream-Islam fand. Alis Konversion fiel in eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche in den USA und machte den Islam erstmals für ein breites amerikanisches Publikum sichtbar. Durch seine internationale Bekanntheit, seine Weigerung, am Vietnamkrieg teilzunehmen, und seine offene religiöse Selbstverortung wurde Ali zu einer Symbolfigur, die Religion, politische Haltung und persönliche Identität miteinander verband. Religionssoziologen sehen in seiner Biografie einen wichtigen Faktor dafür, dass der Islam – insbesondere unter Afroamerikanern – nicht mehr ausschließlich als Randphänomen wahrgenommen wurde, sondern als legitimer Bestandteil der religiösen Landschaft der USA.
Muhammad Ali (l.) mit dem Bürgerrechtler Malcolm X, New York 1963. (Screenshot/Youtube)

Übergang zum sunnitischen Mainstream-Islam

Theologisch unterscheidet sich die Nation of Islam deutlich vom klassischen sunnitischen Islam. Ab den 1970er-Jahren setzte daher ein schrittweiser Wandel ein. Viele frühere Anhänger der NOI – auch innerhalb der Gefängnisse – wandten sich zunehmend dem **sunnitischen Mainstream-Islam zu. Dieser Übergang wurde durch verstärkte Bildungsangebote, internationale muslimische Organisationen und die institutionelle Anerkennung sunnitischer Seelsorgeprogramme begünstigt. Heute ist der überwiegende Teil muslimischer Gefangener in den USA dem sunnitischen Islam zuzuordnen. Die Nation of Islam bleibt historisch bedeutsam, prägt jedoch nicht mehr die religiöse Praxis der Mehrheit.

Gründe für religiöse Konversionen während der Haft

Religiöse Konversionen im Gefängnis lassen sich nur selten auf einen einzelnen Auslöser zurückführen. Forschung und Praxis zeigen vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Haft bedeutet für viele Inhaftierte einen radikalen Einschnitt, der bisherige Lebensentwürfe infrage stellt und die Suche nach neuen Ordnungen begünstigt. Zu den häufig genannten Motiven zählen:
  • die Suche nach Sinn und persönlicher Neuorientierung
  • der Wunsch nach spiritueller Stabilität in einer belastenden Umgebung
  • klare religiöse Regeln und strukturierte Tagesabläufe
  • Gemeinschaft und soziale Einbindung
  • der Zugang zu kontinuierlicher Seelsorge
Religionssoziologen weisen darauf hin, dass der Islam im Gefängniskontext häufig als eine Religion wahrgenommen wird, die Orientierung, Verbindlichkeit und persönliche Verantwortung betont – Eigenschaften, die in einer von Unsicherheit geprägten Umgebung an Bedeutung gewinnen.

Vergleich mit anderen Religionsgemeinschaften

Das Christentum stellt weiterhin die größte Religionsgruppe in US-Gefängnissen dar, gilt jedoch als weitgehend stabil und kaum wachsend. Andere Religionsgemeinschaften wie das Judentum oder der Buddhismus weisen ebenfalls konstante, jedoch zahlenmäßig deutlich kleinere Anhängerschaften auf. Im Vergleich dazu wird der Islam in mehreren Studien als jene Religion beschrieben, die prozentual die höchste Zahl an Konversionen im Strafvollzug verzeichnet. Fachleute betonen, dass dieser Zuwachs weniger auf aktive Missionierung zurückzuführen sei, sondern auf strukturelle Bedingungen und soziale Dynamiken innerhalb der Haftanstalten.

Institutionelle Verankerung im Strafvollzug

In vielen US-Gefängnissen ist der Islam institutionell fest etabliert. Dazu zählen staatlich anerkannte muslimische Seelsorger, regelmäßige Gemeinschaftsgebete, religiöse Unterweisung sowie Regelungen zu Halal-Verpflegung und zum Fastenmonat Ramadan. Diese Angebote entstehen im Rahmen der verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit und gelten als Ausdruck religiöser Gleichbehandlung. Gefängnisseelsorger berichten, dass islamische Programme zu den am stärksten nachgefragten religiösen Angeboten zählen. Religionswissenschaftler sehen darin einen stabilisierenden Faktor, der religiöse Praxis während der Haft ermöglicht, ohne Konversionen zwangsläufig zu fördern.

Konversion, Stabilität und Rückfallquoten

Zunehmend untersucht wird auch der Zusammenhang zwischen religiöser Stabilität und Rückfallquoten. Mehrere Studien gehen davon aus, dass religiös gefestigte ehemalige Häftlinge – unabhängig von ihrer jeweiligen Religion – tendenziell geringere Rückfallquoten aufweisen. Religion wird dabei nicht als Ursache, sondern als Rahmen verstanden, der Selbstdisziplin, soziale Bindungen und langfristige Orientierung fördern kann. Für muslimische Konvertiten legen einzelne Untersuchungen nahe, dass eine fortgesetzte religiöse Praxis nach der Entlassung mit stabileren Lebensverhältnissen einhergehen kann. Fachleute betonen jedoch, dass solche Effekte stark von individuellen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren abhängen und nicht verallgemeinert werden sollten.

Grenzen der Datenlage

Trotz umfangreicher Forschung bleibt die statistische Erfassung religiöser Konversionen im US-Strafvollzug begrenzt. Einheitliche nationale Daten existieren nicht, da Religionszugehörigkeit freiwillig angegeben wird und Konversionen nicht zentral registriert werden. Datenschutz, Religionsfreiheit und das föderale System der Vereinigten Staaten setzen hier klare Grenzen. Dennoch erlaubt die Gesamtschau der verfügbaren Studien eine vorsichtige, aber belastbare Feststellung: Der Islam zählt zu den prozentual am schnellsten wachsenden Religionen im US-Gefängnissystem und nimmt dort eine dauerhaft institutionalisierte Rolle ein.

Einordnung in einen größeren Zusammenhang

Religionsforscher betrachten Gefängnisse als soziale Mikroräume, in denen gesellschaftliche Entwicklungen in verdichteter Form sichtbar werden. Die zunehmende Bedeutung des Islam im US-Strafvollzug steht daher nicht isoliert, sondern fügt sich in globale demografische Trends ein, die den Islam als eine der dynamischsten Religionsgemeinschaften der Welt beschreiben. Innerhalb des Strafvollzugs zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich – nicht als kurzfristiges Phänomen, sondern als langfristige Entwicklung an der Schnittstelle von Religion, Gesellschaft und individueller Neuorientierung.