Im Interview mit NEX24 kritisiert der Forscher Murat Derin das Einreiseverbot Griechenlands gegen ihn, da es gegen die Meinungs- und Reisefreiheit verstoße und an den Universitäten in der Türkei viele griechische Wissenschaftler lehrten und forschten.
Murat Derin wurde 1982 in Ipsala geboren und machte sein Abitur am beruflichen Gymnasium in Keşan. Er arbeitet als Computeranwender an der Trakya-Universität und schloss seinen Master 2018 an der Çanakkale-Universität mit dem Thema „Eine politische Partei in Westthrakien: Die Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden“ ab. Derin promoviert derzeit im Fachbereich Internationale Beziehungen an der Trakya-Universität in Edirne. Von ihm sind zahlreiche Artikel über die Geschichte und Völker des Balkans erschienen. Der Wissenschaftler ist Vorstandsmitglied des Strategischen Forschungszentrums Rumelien Balkan (RUBASAM).
NEX24: Herr Derin, am vergangenen Samstag wurde Ihnen von Beamten am Grenzübergang Kipi die Einreise nach Griechenland verwehrt. Können Sie noch einmal erläutern, was genau passiert ist?Murat Derin: Wegen eines Forschungsaufenthalts kam ich am 9. April 2022 etwa gegen 11 Uhr am Grenzübergang Kipi an, um nach Griechenland einzureisen. Nachdem ich eine Weile warten musste, wurde mir von den diensthabenden Polizeibeamten mitgeteilt, dass gegen mich ein Einreiseverbot vorliegt und ich deshalb nicht in ihr Land einreisen dürfe. Als ich fragte, welches Problem vorliege und was der Grund des Einreiseverbots sei, wurde zuerst ‘Wir wissen es nicht’ und später ‘Du wirst den Grund kennen’ geantwortet.
Ich habe eine amtliche Bescheinigung verlangt. Sie haben ein ‘Formular für zurückgewiesene Reisende’ ausgefüllt. Als ich mir das Formular durchgelesen habe, sah ich ein Häkchen beim Kästchen ‘Nationalen Informationssystem’. Von den diensthabenden Polizeibeamten wurde ich zurückgeschickt. Obwohl keine Straftat oder Ermittlungen vorliegen und bei dieser Sache nichts dergleichen verlautbart wurde, bin ich doch sehr überrascht.
NEX24: Sie sind als Wissenschaftler an der Universität von Edirne tätig und beschäftigen sich mit der Geschichte der Westthrakien-Türken, der Geschichte und Kultur der Balkan-Länder. Was haben Sie gedacht, als Ihnen die Einreise verwehrt wurde?
Ich habe meinen Master über die Balkanforschung und Internationale Beziehungen absolviert. Ich mag es, über die Geschichte des Balkans, die Geografie und seine Kultur zu forschen. Fast sämtliche Balkanländer habe ich Dutzende Male besucht und bin begeistert, wenn ich Feldforschung betreiben kann. Griechenland ist ein nationaler und unabhängiger Staat und es kann im eigenen Ermessen Entscheidungen treffen.
Allerdings ist es keine Lösung, einem Akademiker ein Verbot aufzuerlegen. In der Türkei gibt es viele griechische Akademiker. Sie lehren und forschen an unseren Universitäten. In einem Land, das EU-Mitglied ist und als die Wiege der Demokratie betrachtet wird, sollten derartige Verbote nicht erteilt werden. Dieser Gesichtspunkt verstößt gegen die europäischen Normen. Die Meinungs- und Reisefreiheit einschränken zu wollen gehört sich nicht und sollte der Vergangenheit angehören.
Mit Ausnahme von irrtümlichen Fehlern versuchen Akademiker durch objektive Arbeiten wichtige Publikationen hervorzubringen. Auch mein Ziel besteht nicht darin, Unbehagen zwischen Ländern oder Gesellschaften hervorzurufen. Eine solche Absicht hat es nie gegeben. Jedes Land sollte seine Türen für diejenigen öffnen, die wissenschaftliche Forschung betreiben und wenn dieses Land auch noch ein EU-Mitgliedsland ist, sollte es dem eine größere Bedeutung beimessen.
NEX24: Am 15. März 2022 hatten Baufahrzeuge der Stadtverwaltung von Avdira im Dorf Horozlu einen türkisch-muslimischen Friedhof aus osmanischer Zeit zerstört, um auf dem Gelände eine Sportanlage zu errichten. Nach Protesten hat die Stadt Avdira erklärt, dass die Sportanlage an einem anderen Platz gebaut werden soll. Was können Sie als Historiker über die türkischen Friedhöfe in Westthrakien sagen?
Wie auf dem gesamten Balkan gibt es auch in Griechenland sehr viele türkisch-muslimische Friedhöfe. Einer davon ist der Friedhof aus osmanischer Zeit im Dorf Horozlu. Nachdem in diesem Fall die notwendigen Schritte unternommen wurden, hat man den Fehler wieder korrigiert. Wie der Bürgermeister gegenüber den Medien erklärt hat, soll die Begräbnisstätte in seiner ursprünglichen Form wieder errichtet werden. Friedhöfe sind heilige Stätten. Ich denke, es macht keinen Unterschied, welcher Religion es angehört oder wo es sich auf der Welt befindet, es sollte respektiert werden.
NEX24: Sie haben letztes Jahr ein Buch mit dem Titel „Batı Trakya Türklerinin Gür Sesi Dostluk Eşitlik ve Barış Partisi“ („Die lautstarke Stimme der Westthrakien-Türken – Die Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden“) veröffentlicht. Können Sie zu dieser Publikation etwas sagen?
Die Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden (DEB) wurde 1991 vom verstorbenen Dr. Sadık Ahmet gegründet. Es ist eine zugelassene Partei in Griechenland. Wir haben mit unserer Arbeit in der Region recherchiert, die Gründungsphase, die Parteitage und politische Geschichte näher beleuchtet. Mit Erlaubnis der Nationalbibliothek Griechenlands wurde es mit der Erteilung einer Internationalen Standartbuchnummer (ISBN) gegen Ende 2021 publiziert.
Vielen Dank für das GesprächDas Interview führte Kemal Bölge
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Osnabrück – Der frühere Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, hat die Bundesregierung zu zügigen Panzerlieferungen an Kiew aufgefordert.
„Wenn die Ukraine um Schützenpanzer vom Typ Marder bittet, sollten wir dem so schnell wie möglich nachkommen“, sagte Bartels im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). „Wenn wir Marder abgeben, müssten wir auch ukrainische Soldaten daran ausbilden, hier bei uns oder auch in Polen“, ergänzte der SPD-Sicherheitspolitiker.
„Ich gehe davon aus, dass wir in wenigen Wochen Marder oder auch Panzerhaubitzen an das ukrainische Heer übergeben könnten, vielleicht sogar moderne Luftabwehrsysteme, die man kurzfristig aus Exportaufträgen unserer Industrie abzweigt.“
Der Wehrbeauftragte von 2015 bis 2020 sieht in einer militärischen Stärkung der Ukraine eine Chance, das Blutvergießen zu beenden. Zwar könne Russlands Präsident Wladimir Putin „hinter dem atomaren Schutzwall sein Zerstörungswerk fortsetzen, auch wenn die konventionellen Streitkräfte vor Charkow und Odessa scheitern“, sagte er der „NOZ“. „Aber es könnte dann, bevor die Nuklearoption Realität wird, was nicht einmal die Chinesen gutheißen würden, auch zu einem Waffenstillstand kommen“, so sein Argument. „Deshalb bleibt die Stärkung der ukrainischen Verteidigungskraft das Gebot der Stunde.“
Mit den bisher von Berlin gelieferten leichten Waffen „hält man Putins geplante Großoffensive in der Ostukraine nicht auf“, sagte Bartels weiter. Die Nato werde nicht mit eigenen Truppen auf ukrainischem Boden oder an anderer Stelle gegen Russland eingreifen. „Unterhalb dieser Schwelle aber braucht es jede Unterstützung für Kiew, die möglich ist.“
Das Argument, Deutschland dürfe keine Waffen abgeben, um die eigene Wehrfähigkeit nicht zu schwächen, „zieht nicht“, sagte der SPD-Politiker weiter. „Deutschland muss sich nicht gegen Russland verteidigen, sondern die Ukraine.“ Das Land kämpfe um seine Existenz, „aber auch um die Freiheit als Lebensprinzip für alle Menschen in Europa“.
Deutschland sei durch die Nato-Mitgliedschaft vor einer möglichen Aggression Russlands geschützt. „Die richtet sich aber jetzt gegen die Ukraine. Das heißt: Wo russische Kampfkraft sich verbraucht, kann sie nicht mehr die Nato und unser eigenes Land bedrohen.“ Zumal es bei den Marder-Panzern „zunächst um eine überschaubare Stückzahl aus Bundeswehrbeständen gehen dürfte, die unsere Industrie zügig ersetzen könnte“.
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Frankfurt am Main – Immer mehr Menschen fallen beim Kauf oder Verkauf auf Online-Plattformen auf Betrüger rein. Dabei gibt es nicht das „typische“ Opfer – vielmehr sind hiervon alle Kundengruppen betroffen. Doch es gibt Vorsichtsmaßnahmen, die böse Überraschungen verhindern können.
Alexandra Schiefer, Leiterin Betrugsprävention bei der ING Deutschland, möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Betrug jeden treffen kann: „Auch aufgeklärte, technikaffine Menschen können auf Betrugsmaschen hereinfallen, wenn sie ihre Online-Einkäufe bezahlen oder als Verkäufer Zahlungen erwarten.“
Dabei ist festzuhalten: „Alle Zahlungsmethoden sind grundsätzlich sicher, solange sie mit Umsicht der Kontoinhaberinnen und -inhaber ausgeführt werden. Bei Banken laufen im Hintergrund permanente Schutzmechanismen, um Betrügereien zu verhindern. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es allerdings nicht, die Sicherheitslücke ist meist der Mensch selbst.“
Welche Betrugsmaschen Betrüger besonders häufig verwenden:
Sie tarnen sich als Mitarbeitende seriöser Firmen und suggerieren technischen Support. Das Ziel: durch geschickte Gesprächsführung an sensible Informationen zu gelangen
Sie bauen Fake-Websites, die mittlerweile so realistisch aussehen wie das Original, und so einen Ort zum mutmaßlich seriösen Interagieren mit den Opfern bieten. Sie führen dort vermeintliche Kundensupport-Live-Chats mit echten Personen, bei denen die Opfer verleitet werden, persönliche Daten einzugeben und Transaktionen freizugeben
Fingierte Kleinanzeigen für scheinbar unbedeutende, preisgünstige Gebrauchsgegenständen locken Opfer auf die fingierten Seiten der vermeintlichen Verkäufer oder Käufer
Klassiker sind per Messenger-Dienst oder E-Mail zugesendete Links, die auf die nachgebauten Fake-Websites führen und die Opfer zur Freigabe von Daten verleiten
Zwei Kardinalfehler
Bei den Betrugsfällen lassen sich laut Alexandra Schiefer zwei Kardinalfehler identifizieren: „Zum einen geben Opfer sensible Daten wie Login-Daten, Passwörter und Kreditkartendaten heraus. Sie verlassen dabei meist den geschützten Bereich von Verkaufsplattformen. Darüber hinaus geben die Opfer oft irrtümlich Zahlungstransaktionen zu ihren Lasten frei. Besonders kritisch wird es, wenn fremde Drittgeräte autorisiert werden. Falls es soweit kommt, sind Betrüger unter Umständen in der Lage, die Kontrolle über das komplette Konto zu übernehmen.“
Psychologische Tricks
Warum auch aufgeklärte, technikaffine Menschen auf die Betrugsmaschen hereinfallen, erklärt Alexandra Schiefer mit psychologischen Tricks:
Betrüger nutzen gerne das „Prinzip der kleinen Schritte“, denn Menschen streben danach, beständig und widerspruchsfrei zu handeln. Nach dem Motto: Wer A sagt, will auch B sagen. Hat also jemand zum Beispiel einem Kauf auf einem Kleinanzeigen-Portal zugestimmt, will man keinen Rückzieher machen
Der Trick, sich als Mitarbeiter eines technischen Supports zu tarnen, beruht auf dem „Prinzip der Gegenseitigkeit“. Ich helfe dir, also musst du auch etwas für mich tun, wie beispielsweise Daten preisgeben oder Aktionen freigeben. Auch wird hier das Vertrauen in Menschen im Gegensatz zur Technik ausgenutzt
Ein weiterer psychologischer Trick ist das Verweisen auf Bekanntes und Gelerntes, zum Beispiel Logos von seriösen Unternehmen
Außerdem wird häufig künstlicher Druck aufgebaut, um Opfer zu unbedachten Taten zu bewegen
Banken arbeiten kontinuierlich daran, Betrugsfälle zu verhindern. Die Bandbreite reicht von komplexen Vorgängen im Hintergrund bis hin zu ins Auge springenden einfachen Texten, mit denen Menschen sich auf den ersten Blick vergewissern können, ob sie die eine oder andere Transaktion wirklich ausführen wollen. Zudem spielen Aufklärungskampagnen eine wichtige Rolle.
Weiterführende Informationen und Tipps zum sicheren Online-Banking finden Verbraucherinnen und Verbraucher auf dem Blog „WissensWert“ der ING.
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Berlin – Nach nur vier Monaten verliert die Ampelkoalition ihr erstes Kabinettsmitglied. Nach massiver Kritik an ihrer Urlaubsreise kurz nach der Flutkatastrophe an der Ahr hat Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) nicht mal 24 Stunden nach ihrer Entschuldigung ihren Rücktritt erklärt. In ihrer kurzen Erklärung vom Montagnachmittag dankte Spiegel „allen, die mich solidarisch unterstützt haben“.
Hintergrund ist ihr Umgang mit der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz im Sommer 2021. Spiegel war zuvor heftig in die Kritik geraten, mehrere Oppositionspolitiker hatten ihren Rücktritt gefordert.
Mehrere CDU-Politiker – unter anderem Parteichef Friedrich Merz – forderten seit dem Wochenende die Ablösung von Spiegel. Der Grünen-Politikerin seien „Urlaub und das eigene Image wichtiger als das Schicksal der Menschen an der Ahr gewesen“, so Merz.
In einem Statement aus dem Familienministerium hieß es am Montag:
„Ich habe mich heute aufgrund des politischen Drucks entschieden, das Amt der Bundesfamilienministerin zur Verfügung zu stellen. Ich tue dies, um Schaden vom Amt abzuwenden, das vor großen politischen Herausforderungen steht.“
Bei einem emotionalen Auftritt hatte Spiegel den Urlaub am Sonntagabend als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt, aber keinen Rücktritt angekündigt.
Die Grünen-Politikerin war in die Kritik geraten, weil sie als damalige rheinland-pfälzische Umweltministerin zehn Tage nach der Flut zu einem vierwöchigen Familienurlaub nach Frankreich aufgebrochen war und diesen nur einmal für einen Ortstermin im Ahrtal unterbrochen hatte.
Sie hatte vergangenen Woche außerdem BILD am SONNTAG gegenüber mitgeteilt, aus dem Urlaub an Regierungssitzungen teilgenommen zu haben, musste aber am Sonntagabend eingestehen, dass das nicht stimmte, so die BILD.
„Wir haben größten Respekt vor ihrem Mut und vor ihrer Klarheit“, so Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang in Bezug auf Spiegels emotionales Statement vom Sonntagabend.
„Hinter uns persönlich, hinter uns als Partei liegen schwierige Stunden“, sagte Lang in einem Pressestatement auf der Klausurtagung in Husum zum Rücktritt Spiegels.
Moskau – Russland teilte am Montag mit, es habe am Vortag ein von einem europäischen Land an die Ukraine geliefertes S-300-Luftabwehrsystem in der Nähe der Stadt Dnipro zerstört.
Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Generalmajor Igor Konaschenkow, erklärte, das Militär habe von Schiffen abgefeuerte Raketen des Typs Kalibr eingesetzt, um vier Flugabwehrraketensysteme des Typs S-300 am südlichen Rand der Stadt Dnipropetrowsk zu zerstören.
„Am Sonntag, den 10. April, zerstörten hochpräzise seegestützte Kalibr-Raketen am südlichen Stadtrand von Dnepropetrowsk ein in einem Hangar verstecktes S-300-Luftabwehrsystem, das von einem der europäischen Länder an das Kiewer Regime geliefert worden war“, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, bei einer täglichen Pressekonferenz in Moskau.
Vier S-300-Raketen und bis zu 25 Angehörige der ukrainischen Streitkräfte seien ebenfalls getroffen worden, fügte er hinzu.
Konaschenkow erklärte, die Ukraine habe die Luftabwehrsysteme von einem europäischen Land erhalten. Um welches es sich dabei handelte, teilte er nicht mit.
Die Slowakei hatte in der vergangenen Woche die Übergabe von S-300-Systemen aus sowjetischer Fertigung an die Ukraine bekanntgegeben. Der slowakische Ministerpräsident Eduard Heger bezeichnete Moskaus Bericht als Desinformation. Die Ukraine hatte wiederholt an westliche Staaten appelliert, Luftabwehrwaffen und schweres militärisches Bodengerät zu beschaffen, um den seit sechs Wochen andauernden russischen Militärangriff abwehren zu können. Die slowakische Übergabe ist der erste bekannte Fall, in dem ein Land seit dem Beginn der russischen Invasion am 24. Februar ein Luftabwehrsystem an die Ukraine geliefert hat.
Im März brachten die NATO-Verbündeten Deutschland und die Niederlande drei Batterien des Patriot-Luftverteidigungssystems in die Slowakei. Bratislava erklärte damals, dass das System die S-300 nicht ersetzen, sondern ergänzen würde, und dass es in Erwägung ziehen würde, die S-300 aufzugeben, wenn es einen Ersatz bekäme.
Laut Konaschenkow seien am Sonntag zudem eine Reparaturanlage mit zwei Luftabwehrsystemen Buk-M1 und Osa AKM mit „hochpräzisen luftgestützten Raketen“ in der Nähe der Siedlung Velyka Novosilka in Donezk zerstört worden.
Darüber hinaus seien zwei Munitionsdepots, ein S-300-Radar, neun Panzer, fünf Panzerabwehrkanonen und fünf Mehrfachraketenwerfer zerstört worden, so der Sprecher. Das russische Luftabwehrsystem habe zudem zwei S-25-Kampfjets und vier unbemannte Luftfahrzeuge abgeschossen.
Der Sprecher gab auch einen Gesamtüberblick über das, was Russland als „besondere Militäroperation“ in der Ukraine bezeichnet, und erklärte, dass bisher fast 230 ukrainische Flugzeuge und Hubschrauber, 243 Luftabwehrsysteme sowie „fast 2.100 Panzer und andere gepanzerte Kampffahrzeug“ zerstört worden seien.
Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.
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Berlin – Der deutsche Games-Markt konnte nach dem historischen Wachstumssprung 2020 auch im Folgejahr deutlich zulegen: So wurden 2021 mit Games, Gebühren für Online-Dienste sowie Games-Hardware rund 9,8 Milliarden Euro umgesetzt. Das ist ein Plus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Bereits 2020 konnte der deutsche Games-Markt um 32 Prozent wachsen, was unter anderem an neuen Spielerinnen und Spielern lag, die während der Corona-Pandemie hinzugekommen waren. Das gab heute der game – Verband der deutschen Games-Branche auf Basis von Daten der Marktforschungsunternehmen GfK und data.ai bekannt. Die Nachfrage nach Gaming-Hardware, vor allem nach Spielekonsolen (+23 Prozent) und Zubehör für Spiele-PCs (+22 Prozent), sowie In-Game- und In-App-Käufe (+30 Prozent) waren die größten Wachstumsmotoren.
„Nach dem historischen Wachstumssprung 2020 konnte der deutsche Games-Markt auch 2021 weiter stark zulegen. Das zeigt auch: Diejenigen, die Games während der Lockdowns erstmals für sich entdeckt haben, finden auch langfristig Gefallen daran“, sagt game-Geschäftsführer Felix Falk.
„Besonders erfreulich ist das starke Wachstum bei Gaming-Hardware. Ob Spielekonsolen oder Gaming-PCs: Zum wiederholten Male haben die Spielerinnen und Spieler in Deutschland stark in ihr Equipment investiert, um auch künftig Games in der bestmöglichen Qualität genießen zu können. Dabei konnte die Nachfrage nicht immer bedient werden, es wäre also sogar noch ein größerer Umsatzanstieg möglich gewesen.“
Games, Gaming-Hardware und Gebühren für Online-Dienste: Alle drei Marktsegmente konnten nochmals zulegen
So wuchs der Umsatz mit Computer- und Videospielen um insgesamt 19 Prozent auf rund 5,4 Milliarden Euro. Stärkster Wachstumstreiber hierbei waren abermals die sogenannten In-Game- und In-App-Käufe, die um insgesamt 30 Prozent auf rund 4,2 Milliarden Euro zulegen konnten.
Hintergrund ist der anhaltende Trend zu Free-to-Play-Spielen sowie die insgesamt längere Unterstützung einzelner Titel, die immer wieder mit neuen – kostenfreien wie kostenpflichtigen – Inhalten versorgt werden. Dagegen ist der Umsatz mit dem einmaligen Kauf von Games um 9 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro eingebrochen. Auch der Umsatz mit den monatlichen Abonnement-Gebühren für einzelne Spiele – häufig setzen Online-Rollenspiele auf dieses Modell – ging um 11 Prozent auf 145 Millionen Euro zurück.
Der Umsatz mit Gaming-Hardware ist insgesamt um 18 Prozent auf rund 3,6 Milliarden Euro gestiegen. Besonders stark nachgefragt sind Spielekonsolen: Obwohl manche Modelle im Handel häufig vergriffen waren, stieg der Umsatz dennoch um 23 Prozent auf 808 Millionen Euro. Rund 1 Milliarde Euro wurde mit Spiele-PCs – Desktops und Laptops – umgesetzt. Das ist ein Plus von 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Immer mehr Spielerinnen und Spieler investieren zudem in Zubehör, mit dem sich das Spielerlebnis weiter verbessern lässt. Besonders stark nachgefragt sind Grafikkarten, Tastaturen und Mäuse sowie Monitore und VR-Headsets für den Gaming-Einsatz. Der Umsatz mit Gaming-PC-Zubehör stieg um 22 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro. Um 11 Prozent auf 306 Millionen Euro legte der Umsatz mit Zubehör für Spielekonsolen zu.
Nach dem großen Wachstumssprung von 50 Prozent 2020 ist der Umsatz mit Gaming-Online-Diensten 2021 um weitere 4 Prozent auf 720 Millionen Euro gestiegen. Entscheidend zu diesem Wachstum haben Gaming-Abo-Dienste wie der Xbox Game Pass, EA Play und Ubisoft+ beigetragen, deren Umsatz um 22 Prozent auf 220 Millionen Euro gestiegen ist. Einen Rückgang um 13 Prozent auf 63 Millionen Euro gab es hingegen bei Cloud-Gaming-Diensten.
Einer der Gründe hierfür ist, dass Cloud-Gaming-Funktionen teils kostenfrei in andere Services integriert wurden, so dass kein eigenständiger Umsatz erzielt wird. Auch der Umsatz von Online-Gaming-Diensten ist um 2 Millionen Euro auf 437 Millionen Euro gesunken. Diese werden häufig zu den verschiedenen Spielekonsolen angeboten und umfassen – je nach Angebot – kostenfreie monatliche Spiele, Games-Rabatte, die Möglichkeit Online zu spielen oder auch Cloud-Speicher für Spielstände.
Informationen zu den Marktdaten
Die GfK hat die Definition von Gaming-PCs angepasst. Für eine bessere Vergleichbarkeit der Daten wurde diese neue Definition auch auf die Marktdaten von 2020 angewendet, wodurch die Gaming-Hardware-Werte für 2020 geringer ausfallen als noch die vor einem Jahr kommunizierten.
Die genannten Marktdaten basieren auf Erhebungen des GfK Consumer Panels und data.ai. Die GfK verwendet Erhebungsmethoden zur Erfassung der Daten des deutschen Marktes für digitale Spiele, die weltweit und qualitativ einmalig sind.
Hierzu gehören unter anderem eine für die gesamte deutsche Bevölkerung repräsentative laufende Befragung von 25.000 Konsumenten zu ihren Einkaufs- und Nutzungsgewohnheiten bei digitalen Spielen sowie ein Handelspanel. Die Datenerhebungsmethoden erlauben einen einmaligen Einblick in den deutschen Markt für Computer- und Videospiele.
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München – Die SOS-Kinderdörfer setzen sich mit Nachdruck für die Gleichbehandlung aller Menschen ein, die vor dem Krieg aus der Ukraine flüchten.
Lanna Idriss, Vorständin der Hilfsorganisation, sagt: „Es kann nicht sein, dass wir hier Unterschiede machen und Geflüchtete in die 1. und 2. Klasse einteilen.“ Idriss hat sich selbst ein Bild vor Ort gemacht. „Mit Entsetzen musste ich beobachten, wie sowohl an der deutschen als auch an der polnischen Grenze Jugendliche und junge Erwachsene aufgrund ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung diskriminiert wurden. Das ist untragbar!“, sagt sie.
Die Berichte über Diskriminierungen häuften sich und würden von vielen Seiten bestätigt. So seien etwa Menschen dunkler Hautfarbe an der Ausreise aus der Ukraine gehindert worden oder es sei ihnen die für Ukraine-Geflüchtete kostenlose Bahnfahrt von Polen nach Deutschland verweigert worden.
Seit Ausbruch des Krieges sind nach UN-Schätzungen etwa 210.000 Drittstaaten-Angehörige aus der Ukraine geflohen, darunter auch zahlreiche internationale Studierende. Die Studierenden kommen hauptsächlich aus Indien (23,6 %),Marokko (11,5 %), Turkmenistan (7 %), Aserbaidschan (6%) und Nigeria (5%).
Auch ukrainische Angehörige der Roma würden vielerorts Ressentiments zu spüren bekommen, so sei ihnen zum Teil der Zugang zu Notunterkünften verwehrt worden. Ebenso würden russischsprachige Menschen in vielen Ländern aktuell pauschal verurteilt und angefeindet.
Idriss sagt: „Das muss sofort aufhören! Jeder Mensch in Not muss die Hilfe bekommen, die ihm zusteht, egal, welche Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung oder Herkunft er hat. Rassismus und Diskriminierung haben hier keinen Platz.“ Angesichts des brutalen Krieges sei es wichtiger denn je, sich für ein friedliches Miteinander und für Völkerverständigung einzusetzen.
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Kipi/İpsala – Die griechische Grenzschutzpolizei hat am Samstag (9. April 2022) dem türkischen Akademiker und Autor Murat Derin von der Trakya-Universität in Edirne die Einreise nach Griechenland verweigert.
Dem Doktoranden war beim Betreten des Grenzübergangs Kipi von griechischen Grenzschutzbeamten mitgeteilt worden, dass er „nicht in das Land einreisen“ dürfe. Auf seine Frage nach dem Grund der Ablehnung habe der Beamte „Wir wissen es nicht“ geantwortet. Später hätten die Beamten lapidar den Satz „Du wirst wissen warum“ geäußert.
Daraufhin habe Derin um ein offizielles Dokument gebeten. Die Polizeibeamten hätten ein Formular für abgelehnte Reisende ausgefüllt. Als er sich das Formular durchlas, habe er bemerkt, dass das Kästchen „Nationales Informationssystem“ angekreuzt war. Der Akademiker habe sich gefragt, warum er an der Einreise nach Griechenland gehindert wurde, wenn strafrechtlich weder in Griechenland noch in den anderen EU-Staaten gegen ihn etwas vorliege.
Buch über Menschenrechtler und Politiker Dr. Sadık Ahmet veröffentlicht
Derin hatte 2021 ein Buch („Batı Trakya Türklerinin Gür Sesi Dostluk Eşitlik ve Barış Partisi“, „Die lautstarke Stimme der Westthrakien-Türken – Die Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden“) über den Menschenrechtsaktivisten und Politiker Dr. Sadık Ahmet sowie die von ihm gegründete Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden (DEB) geschrieben, das von der Non-Profit-Organisation „Kultur und Bildung der Minderheit von Westthrakien“ (BAKEŞ) publiziert wurde. Bei einem mysteriösen Verkehrsunfall kam Dr. Sadık Ahmet am 24. Juli 1995 im Dorf Susurköy (Sostis) ums Leben und gilt bis heute als Symbolfigur für die demokratischen Rechte der Türken aus Westthrakien.
Murat Derin wurde 1982 in Ipsala geboren und machte sein Abitur am beruflichen Gymnasium in Keşan. Er arbeitet als Computeranwender an der Trakya-Universität und schloss seinen Master 2018 an der Çanakkale-Universität über die Balkanforschung ab. Derin promoviert derzeit im Fachbereich Internationale Beziehungen an der Trakya-Universität in Edirne. Von ihm sind zahlreiche Artikel über die Geschichte und Völker des Balkans erschienen. Der Wissenschaftler ist Vorstandsmitglied des Strategischen Forschungszentrums Rumelien Balkan (RUBASAM).
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Ankara – Ein starkes Beben erschütterte am Samstag den Osten der Türkei.
Das Beben der Stärke 5,2 erschütterte die Stadt Puturge in der Provinz Malatya um 17:02 Uhr Ortszeit. Laut der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD lag das Epizentrum in einer Tiefe von 6,7 km. Das Kandilli-Observatorium und Erdbebenforschungsinstitut (türkisch Kandilli Rasathanesi) gab eine Tiefe von 5 km an. Nach Angaben der AFAD wurden zunächst keine Verletzten oder ernsthaften Schäden gemeldet.
„Wir haben bisher keine negativen Meldungen erhalten. Unsere Teams setzen ihre Untersuchungen vor Ort fort“, erklärte der Gouverneur von Malatya, Aydin Barus, gegenüber der Nachrichtenagentur Anadolu. Er rief die Bevölkerung jedoch dazu auf, vorerst nicht in die Häuser zurückzukehren.
Laut der AFAD habe es um 18.37 Ortszeit zwei Nachbeben der Stärke 4,1 gegeben.
Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Reinhard Heß
Aserbaidschan entwickelte sich am Ende des 19. Jahrhunderts in der türkisch-islamischen Welt zu einem wichtigen Schauplatz der Modernisierung. Doch die historischen Umstände führten immer wieder zu tragischen Brüchen. Das Leben Yusif Vəzir Çəmənzəminlis (Jussif Wäsir Tschämänsäminli) erlaubt es, diesen Prozess hautnah mitzuverfolgen.
Ein Mann aus Schuscha
Yusif Vəzir Çəmənzəminli kam 1887 in Karabachs Kulturmetropole Schuscha zur Welt. Dort begann seine Schulzeit, die er später in Baku beendete. Die Stadt am Kaspischen Meer war damals bereits zum führenden Kulturzentrum Aserbaidschans aufgestiegen, unter anderem aufgrund des Ölbooms.
Eine Phase des Aufbruchs
Çəmənzəminli kam in einer Zeit nach Baku, die vom Umbruch in die Moderne geprägt war. Das einschneidendste Ereignis dieser Zeit war die erste russische Revolution (1905). Sie bescherte dem Russischen Reich eine beispiellose Phase der Öffnung.
Auch wenn die danach im autokratischen System vorgenommenen politischen Lockerungen bald wieder zurückgenommen wurden und eine Welle der Verfolgung und Unterdrückung einsetzte, wurde weiterhin intensiv an der geistig-intellektuellen Neuorientierung weitergearbeitet, zum Teil im Untergrund. Dies galt insbesondere auch für die nichtslawischen Völker Russlands, zu denen die Aserbaidschaner gehörten. Ihr Land war erst im frühen 19. Jahrhundert von Russland unterworfen worden.
All diese Entwicklungen wirkten sich direkt auf den Lebensweg Çəmənzəminlis aus. Auf der einen Seite schlug er den Weg eines staatstreuen Bürgers ein: Nach Ende der Schulzeit absolvierte er ein Jurastudium an der Universität Kiew, das er 1915 abschloss. Danach war er in der Justizverwaltung des Zarenreichs tätig, unter anderem in Rivne und Saratov. Doch zugleich erfassten ihn die gesellschaftlichen und geistigen Umwälzungen der Zeit.
Parallel zu seiner Juristenlaufbahn entfaltete er sowohl auf literarisch-publizistischem als auch auf politischem Gebiet eine überaus rege Aktivität. Dabei waren beide Bereiche, Politik und Schreiben, meistens stark aufeinander bezogen. So behandelte er in vielen seiner Beiträge Themen wie politische Freiheit oder den Entwicklungsstand des Pressewesens in Russland.
Çəmənzəminlis politisches Engagement während der ersten drei Jahre des Ersten Weltkriegs zeigte sich unter anderem in seiner Rolle als führenden Vertreter der Diaspora-Aserbaidschaner an der Kiewer Universität. Dort organisierte er auch aserbaidschanische Sprachkurse.
Müsavat-Politiker und Staatstheoretiker
Durch die dramatischen Ereignisse des Jahres 1917 wurde Çəmənzəminli noch viel stärker in das politische Geschehen hineingezogen. Um seine Entwicklung in dieser Zeit zu verstehen, muss man wissen, dass die Aserbaidschaner in der Zeit vor der Oktoberrevolution zwei wichtige politischen Organisationen hatten.
Das war zum einen die inhaltlich den Bolschewiki nahestehende Hümmәt-Partei, und zum anderen die Müsavat-Organisation, der sich auch Çəmənzəminli anschloss. Dem Programm nach war Müsavat – der Name bedeutet so viel wie „Gleichheit“ – eine gemäßigte islamische Partei. Um 1911 gegründet, bliebt sie bis zur Februarrevolution (Märzrevolution nach unserem heutigen Kalender) von 1917 illegal und wurde danach als Partei zugelassen. Die Legalisierung von Müsavat verschaffte Çəmənzəminli die Möglichkeit, Leiter von deren Kiewer Außenstelle zu werden. Gleichzeitig gründete er noch 1917 in der ukrainischen Hauptstadt ein sogenanntes „Nationalkomitee“.
Ebenfalls in diesem Jahr erschien in Baku sein Buch „Die Autonomie Aserbaidschans“. Das Werk wird als ein Meilenstein auf dem Weg zur am 28. Mai 1918 ausgerufenen Demokratischen Republik Aserbaidschan (DAR) angesehen, der frühesten Republik der islamischen Welt überhaupt. In seinem Buch vertritt Çəmənzəminli eine gemäßigte Position zwischen Befürwortern einer Reform des zaristischen politischen Systems ohne Autonomieforderungen für muslimische Minderheiten und denjenigen, die eine volle Unabhängigkeit der muslimischen Völker verlangten.
Wenn man in der heutigen Situation auf die teils unabhängigen (wie Aserbaidschaner, Usbeken, Türkmenen, Kasachen, Kirgisen), teils unter – allerdings nur auf den Papier stehender – Autonomie lebenden (etwa Baschkiren und Tataren) und teils auch jeglicher Form der Selbstkontrolle beraubten (etwa die Uiguren) islamischen Turkvölker blickt, ist dem auch heute noch eine gewisse Aktualität nicht abzusprechen.
Vorübergehende Rückkehr nach Aserbaidschan
Während rings umher der russische Bürgerkrieg tobte, verließ Çəmənzəminli Kiew und ging auf die Halbinsel Krim. Das Ziel war, die Nationalbewegung der Krimtataren zu unterstützen, die zwischen den „Roten“ und den „Weißen“ aufgerieben zu werden drohten.
Mitten in seiner neuen Tätigkeit erreichte ihn im Januar 1919 die Ernennung zum Botschafter der Demokratischen Republik Aserbaidschan in Kiew. Das war der Beginn einer sehr unsteten Phase im seinem Leben. Weil sich die ukrainische Metropole bereits seit Anfang 1918 in den Händen der Bolschewiki befand, konnte er der Berufung allerdings nicht folgen. Stattdessen reiste er über Konstantinopel nach Baku. Von dort kehrte er nach nur einem Monat als Botschafter der DAR im Osmanischen Reich wieder nach Konstantinopel zurück.
Die Einschnitt von 1920
Aber auch in seiner neuen Funktion in Konstantinopel konnte sich Çəmənzəminli kaum der Ruhe erfreuen. Er musste miterleben, wie die Bolschewiki im April 1920 die Demokratische Republik Aserbaidschan überfielen und zerstörten. Zwar konnte er danach noch für acht Monate im Namen der aserbaidschanischen Exilregierung auf seinem Posten bleiben. Doch die aserbaidschanische Demokratie und damit auch seine Anstellung waren vorläufig am Ende.
Wie für viele andere Aserbaidschaner führte die Errichtung der sowjetischen Herrschaft auch für Çəmənzəminli zu einem tiefen biographischen Bruch. In den folgenden Jahren verwendete er deutlich weniger Energie auf den politischen und öffentlichkeitswirksamen Bereich und trieb stattdessen seine theoretischen, wissenschaftlichen und literarischen Interessen voran. Das Hauptthema blieb jedoch dasselbe: Aserbaidschans Geschichte und Kultur.
Schwierige Jahre im Exil
Çəmənzəminlis Aufenthalt in Konstantinopel wurde noch zusätzlich dadurch verkompliziert, dass er in ernsten Streit mit verschiedenen Vertretern der aserbaidschanischen Exilgemeinde geriet, namentlich mit einigen früheren Müsavat-Mitgliedern. Er entschied sich schließlich zur Ausreise und siedelte in die Nähe von Paris über.
Dass er dort seinen Lebensunterhalt zeitweise als Arbeiter in einer Automobilfabrik bestreiten musste, zeigt, wie schwierig seine Lebensumstände damals gewesen sein müssen. Auch in dieser Situation setzte er jedoch seine der Geschichte und Kultur Aserbaidschans gewidmeten Tätigkeiten fort.
Ein typisch sowjetisches Leben
Offensichtlich hielt Çəmənzəminli es nicht auf Dauer im Exil aus. Ob Heimweh, die Schwierigkeiten des Exilantenlebens oder andere Gründe für seinen Sinneswandel ausschlaggebend waren, ist unklar. Möglicherweise hatte seine Entscheidung etwas damit zu tun, dass das Land gerade eine etwa drei Jahre währende Phase der sogenannten „Einwurzelung“ (russisch: korenizacija) hinter sich hatte.
Mit diesem Begriff wird der Versuch der sowjetischen Machthaber umschrieben, ihre Herrschaft durch Kooperation mit lokalen Eliten stärker in den nichtrussischen Gesellschaften der Union zu verankern. Vor diesem Hintergrund sahen auch Menschen, die wie Çəmənzəminli in der Vergangenheit das genaue Gegenteil der marxistisch-leninistischen und sowjetischen Glaubenslehre vertreten hatten, für sich eine Chance, im sowjetischen Aserbaidschan einigermaßen über die Runden zu kommen. Fest steht, dass er am 3. April 1926 in die aserbaidschanische Sowjetrepublik zurückkehrte.
In literarischer Hinsicht gehören die folgenden Jahre zu den produktivsten in Çəmənzəminlis Leben. Doch diese relativ unbeschwerte Phase endete wie für Millionen anderer sowjetischer Intellektueller im Jahr 1937. Im Juni wurde er als „Volksfeind“ aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Ein Jahr später, am 9. August 1938, erließ der sowjetische Geheimdienst einen Haftbefehl gegen ihn.
Çəmənzəminli entzog sich der Vollstreckung des Haftbefehls zunächst durch Flucht nach Ürgentsch (Usbekistan). Dort lebte und arbeitete er bis 1940 unerkannt. Doch im Januar 1940 wurde der Haftbefehl vollstreckt und man verbannte ihn in die Provinz Gorkij (heute Nižnyj Novgorod). Dort starb er am 3. Januar 1943.
Çəmənzəminli nach seiner Verhaftung, 1940.
Das Leben Çəmənzəminlis illustriert in archetypischer Weise, wie aserbaidschanische Intellektuelle zunächst im Zarenreich und dann in der Sowjetzeit vorhandene Spielräume nutzten, um politische Ideen und ihre Kultur zu entfalten. Es zeigt aber auch die Grenzen dieser Möglichkeiten angesichts der autokratischen und später totalitaristischen imperialistischen Struktur Russlands auf.
Dr. Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe und seit 2019 Privatdozent an der FU Gießen. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417). Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.
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