Gastkommentar
Remigration und Geschichte: Warum der Satz „Das betrifft mich nicht“ brandgefährlich ist

Aras Karasun warnt: Schon 1933 glaubten viele Juden, nicht gemeint zu sein. Wie die Illusion „Das betrifft mich nicht“ damals wie heute die Freiheit bedroht.

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Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Es klingt erst mal total beruhigend, wenn etwas mich, dich, uns oder euch angeblich nicht betrifft. Man hörte und hört diesen ausgelutschten Satz dauernd in politischen und bei allen populistischen Debatten, sogar früher vor dem Aufstieg der AfD, aber genau so oft im eigenen, angeblich aufgeklärten Freundeskreis. „Aras, das betrifft uns doch gar nicht“, meinte neulich ein guter migrantischer Kumpel zu mir. Wir sind in dritter Generation schließlich keine Ausländer mehr.

Gerade von Freunden mit Migrationshintergrund äussern sich, wenn es um Hasspropaganda der AfD, Remigration oder den Ruf nach Abschiebungen geht: „Uns betrifft das doch nicht, sondern immer nur die anderen, die Kriminellen, die Vergewaltiger, die Bösen.“

Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Viele sind einfach viel zu fest davon überzeugt, dass es sie niemals persönlich treffen wird. „Sollen die harten Regeln ruhig die treffen, die es verdient haben.“?

Von der Kategorie zur Verfolgung

Die deutsche Geschichte von 1933 bis 1945 zeigt das besonders deutlich. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern schlichte Geschichte. Staatliche Befugnisse und menschenrechtliche Grenzüberschreitungen betreffen am Ende immer eine ganze Gesellschaft. Die Entrechtung und Verfolgung der Gegner im Nationalsozialismus fing nicht am ersten Tag mit den Deportationen an.

Sie fing ganz banal an, mit Akten, Formularen, Propaganda, Stempeln und dem Einteilen von Menschen in Gruppen. Mit den Nürnberger Gesetzen wurde Rassenideologie zu Papierkram. Auf einmal war nicht mehr wichtig, was jemand konkret getan hatte.

Entscheidend war nur noch, in welche Kategorie das Regime ihn gesteckt hatte. Aus einer Kategorie wurden Sonderregeln, aus Sonderregeln wurden Verfolgung und Enteignung und am Ende die systematische Vernichtung.
Auch in der Sowjetunion zählte nicht das persönliche Verhalten, sondern die Gruppe. Wer als „Kulak“ oder „Volksfeind“ abgestempelt wurde, hatte verloren.

Der historische Irrglaube an Sicherheit

Aber wer war vor der Machtergreifung 1933 gemeint? Nehmen wir eine fränkische Stadt in Bayern wie Fürth mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil. Laut den Aufzeichnungen glaubten vor 1933 viele Juden in Fürth, dem „fränkischen Jerusalem“, zunächst, nicht gemeint zu sein. Die jüdische Bevölkerung hatte die Stadt schließlich über Jahrhunderte mitgeprägt, etwa durch Krankenhäuser, Armenversorgung, das Waisenhaus, das Berolzheimerianum mit Bibliothek und zusätzlichen Bildungsangeboten, das Nathanstift und später die Krautheimer Krippe.

Viele dieser Einrichtungen kamen der gesamten Stadtgesellschaft zugute. Das schuf über Jahrhunderte eine natürliche Illusion von Heimat, Zugehörigkeit und vor allem Zusammengehörigkeit. Gerade deshalb konnten sich viele assimilierte und größtenteils säkulare Juden der Stadt vermutlich vieles vorstellen, nur nicht, dass ausgerechnet sie selbst gemeint sein könnten.

Auch bei den sogenannten Ariernachweisen dachten zunächst viele Deutsche, sie seien „nicht betroffen“ und es seien „andere gemeint“. Als die Kriterien immer weiter verschärft und schließlich bei unliebsamen Bürgern über mehrere Generationen zurückverfolgt wurden, wurde aus dem vermeintlichen Problem der anderen plötzlich das eigene Problem.

Psychologische Schutzmechanismen in der Gegenwart

Diesen psychologischen Schutzmechanismus, „nicht gemeint“ zu sein, beobachte ich gerade auch bei den aktuellen AfD-Verstehern. Sie hören sehr genau, was gesagt wird, wollen aber nicht akzeptieren, dass es auch sie selbst treffen könnte. Also wird relativiert und so lange heruminterpretiert, bis aus einer klaren Aussage plötzlich etwas ganz Harmloses geworden ist, das angeblich „nicht so gemeint“ war.

Die Geschichte wiederholt sich zwar nie in exakt derselben Form. Aber wiederholt glaubt man, solange man sich selbst nicht zu den „anderen“ zählt, könne man unmöglich gemeint sein. Bis irgendwann jemand festlegt, wer die „anderen“ sind, und plötzlich stellt man fest, dass die eigene Definition von Zugehörigkeit dehnbar ist und überhaupt keine Rolle spielt.

„Das betrifft mich ja nicht“ ist kein Argument. Es ist der psychologische Schutzreflex von Menschen, die unbedingt glauben wollen, dass die Warnung immer nur dem Nachbarn gilt. Wer Jude war, bestimmten damals nicht die Juden. Und heute bei der „Remigration der Migranten“ bestimmt nicht der Migrant selbst, wer mit „Remigration“ gemeint ist.

Wenn das System die Gesellschaft erfasst

Denn dieses „Ich habe ja nichts zu befürchten, mich betrifft das nicht“ konnte man sogar in der DDR beobachten, wie tief so eine Kontrolle in die Gesellschaft eingreift. Selbst diejenigen, die das System mitgetragen haben, konnten nicht verhindern, dass sie mitverfolgt wurden. Genau da lag die Falle. Ein Überwachungssystem mit harten rassistischen oder politisch motivierten Maßnahmen verändert eine ganze Gesellschaft, nicht nur die angeblich Betroffenen.

Die Leute passen sich automatisch an. Man überlegt sich dreimal, was man laut sagt und wen man trifft. Die meiste Arbeit macht das System gar nicht selbst. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, erledigen die Menschen den Rest von allein und wetteifern darum, wer wen wann ans Messer liefert. Der Bürger sieht am Anfang die betroffene Gruppe, das Regime das Werkzeug. An dieser Stelle wird der Satz „Das betrifft mich ja nicht“ immer relativer.

Das langsame Bröckeln der Freiheit

Freiheit wird fast nie mit einem Schlag abgeschafft. Sie bröckelt ganz langsam durch viele kleine Regeln, die im ersten Moment immer vernünftig wirken.
„Keine Sorge, wir gehören ja nicht dazu.“ Genau das haben Menschen in der Geschichte nämlich nachweislich immer wieder geglaubt, bis die eigene, angeblich privilegierte Gruppe auch auf der Liste stand.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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