Judenfeindlichkeit
Thomas: „Antisemitismus wurde nicht importiert, er war immer da“

Gastkommentar von Michael Thomas: Warum der Begriff des importierten Antisemitismus falsch ist und wie Politik und Geschichte das Phänomen verzerren.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Das Phänomen des Judenhasses wird in moderner Zeit meist verzerrt dargestellt und politisch besetzt. Hierbei folgen viele Regierungen und Organisationen der Definition „IHRA“ („International Holocaust Remembrance Alliance“), mit der Judenhass beschrieben werden soll.

Internationale Kritiker werfen dieser Definition vor, direkt und indirekt Kritik am Staat Israel als angeblich „antisemitisch“ diffamieren zu wollen. Im Gegensatz zur „IHRA“ verweist die „JDA“ („Jerusalem Declaration of Antisemitism“), deren Definition zu großen Teilen von Juden stammt, sehr viel direkter auf die tatsächlich und ausgeprägt vorhandenen Ausdrucksformen von Judenhass.

Aber hier liegt bereits der Versuch seitens der Politik vor, die jüdische Religion samt ihrer Anhänger ultimativ und unauflösbar mit dem Staat Israel zu verbinden, als Einheit mit der Wechselwirkung zu verstehen, dass Israel identisch mit „dem Judentum“ sei und umgekehrt alle Juden auf den Staat Israel verpflichtet seien.
Dass dies einerseits unmöglich und andererseits völlig unzulässig ist, erkennen wir im Folgenden.

Historische Mythen und das Muster der Verfolgung

Denn wer sich mit der jüdischen Geschichte und speziell mit deren Verlauf in Europa befasst, kommt um die Feststellung nicht herum, dass es seit nun mindestens tausend Jahren immer wieder, manchmal nur im Abstand weniger Generationen, zu blutigen Verfolgungs- und Vernichtungsjagden gegen Juden kam. Eine vielsagende Zeittafel ist hier verlinkt (1.).

Ohne auf jede einzelne Verfolgung einzugehen, sind doch immer wiederkehrende Muster als Motiv dafür erkennbar; im Wesentlichen findet sich der Kernpunkt der Vorwürfe gegen Juden in der Exegese der Katholischen Kirche, nach welcher Juden den Erlöser Jesus Christus gekreuzigt, also umgebracht haben. Desweiteren legte man ihnen Brunnenvergiftung und die Tötung von Christenkindern zur Last, da sie deren Blut angeblich für dunkle Rituale benötigen würden.

Dieses Vorwurfsmuster muss klar verstanden und analysiert werden, da es ausschließlich nur mit mythischen und magischen Bildern in der Spiritualität arbeitet, für die die Anklagenden selbstverständlich nie Beweise beibringen konnten, sondern sich lediglich auf den Bildungsmangel, die tiefe Religiosität und die Angst vor Magie des Volkes verließen – und verlassen konnten.

Während der Jahre, manchmal Generationen zwischen den Verfolgungen relativierten sich die Vorwürfe und es fand ein mehr oder weniger unauffälliges Leben zwischen Juden und Nichtjuden statt. Was jedoch jeweils übrig und Teil der Überzeugung der Menschen blieb, war die Idee, dass Juden „irgendwie anders“ sind.

Die Geschichte zeigt es klar und deutlich: es war gerade der Adel, Fürsten und Könige, die dieses generelle Verdachtsmoment benutzten. Schrittweise erlegte man Juden spezielle Kleidungs- und Verhaltensvorschriften auf, damit sie sofort als „anders“ erkennbar waren.

Diverse Berufe wurden ihnen verboten, weshalb sie sich unter anderem auf Geldgeschäfte zu reduzieren hatten, was wiederum später zu einem weiteren, neuen Teil des Vorwurfsmusters wurde, Juden seien angeblich „gierige Wucherer“. Quer durch die Jahrhunderte ist zu beobachten, dass sich gerade der Adel des Aberglaubens der Bevölkerung gezielt bediente, um sich am Eigentum der jüdischen Gemeinschaften zu bereichern.

Die Treppe des Hasses: Von Mittelalter bis Holocaust

Die Kreuzzüge im 11. Jahrhundert beispielsweise griffen diese Mythen und Legenden, die Nichtjuden um sie gerankt hatten, für ihre Zwecke auf. Sowohl im Vorfeld, als auch während dieser Kriege in und um Jerusalem fanden diverse Judenverfolgungen statt. Kernpunkt des Hasses war hier vor allem das Bild des „Mörders des Erlösers“. (2.)

Hier muss völlig klar gesehen werden, dass all diese Idee über die vorgebliche Verwerflichkeit, Grausamkeit und Verschlagenheit von Juden grundsätzlich völlig substanzlose Vorwürfe darstellten und gleichzeitig das Wissen um den kulturell enorm wichtigen Beitrag der jüdischen Gesellschaft in ihrer jeweiligen Heimat unterdrückt und vergessen gemacht wurden.

Denn tatsächlich hat die jüdische Scholastik im Verlauf von Jahrhunderten zahllose geistes- und naturwissenschaftliche Errungenschaften erarbeitet und mit ihrer Heimat geteilt. Mit Heinrich Heine, Albert Einstein und Lise Meitner sind nur wenige von vielen genannt, die nicht nur für Deutschland, sondern für die Menschheit Zeichen gesetzt haben.

Und trotzdem ermöglichte es sowohl der bereits genannte Bildungsmangel, als auch eine große Arglosigkeit, Obrigkeitshörigkeit und die Dominanz der Kirche, die Menschen immer wieder aufs Neue soweit aufzustacheln, dass ganze, jüdische Gemeinden samt ihrer Menschen in Flammen aufgingen. Um die Tragweite zu verdeutlichen, muss noch einmal klar gesagt werden, dass es nicht ausschließlich nur den berühmten Holocaust im 20. Jahrhundert, sondern Dutzende zuvor in ganz Europa gegeben hat. 

Die Verdachtsmomente, der Vorwurfssammlungen, die gegen Juden erhoben wurden, vergrößerten, vertieften und verbreiterten sich dabei jedesmal um immer weitere Beiträge. Es hieß bald, sie seien unrein, bösartig, verschlagen, gierig, gemein und ausschließlich nur auf den Verderb allen nichtjüdischen Lebens bedacht. Dabei weiß die gesamte Geschichte nicht um einen einzigen Fall, in welchem Juden sich mit Gewalt gegen ihre Verfolgung zur Wehr gesetzt hätten.

Einen traurigen Gipfel stellte wohl die Verfolgung von Nürnberg im Jahre 1349 dar. Da jüdische Familien im Stadtzentrum, das großzügig saniert werden sollte, einige Häuser und Liegenschaften besaßen, trieb man sie kurzerhand zusammen, prügelte sie zur Stadt hinaus und schlachtete sie dort ab, um an ihre Eigentümer zu gelangen. (3.)

Wer sich im Wissen um die Geschichte vergegenwärtigt, dass tatsächlich von einer „Treppe“ gesprochen werden kann, da sich die Verdachtsmomente und Vorwürfe von Mal zu Mal erhöhten und vermehrten, muss erkennen, dass auch der Holocaust des Dritten Reiches letztlich nur einen Teil dieser Treppe darstellt.

Nicht nur Deutschland, sondern auch alle von ihm unterworfenen Länder ließen ihrem jeweils eigenen Judenhass unter deutscher Herrschaft freie Hand. Die Nazis konnten sich auf Zehntausende von Kollaborateuren verlassen, die nur zu gern Juden in ihrer Heimat enttarnten und zur nächstbesten Vernichtung oder SS-Kommandantur schleppten. Insgesamt zeigte sich überdeutlich, dass Antisemitismus in ganz Europa breit vertreten – und tatsächlich keine deutsche Erfindung war.

Antisemitismus als deutsches Kontinuum

An dieser Stelle benenne ich mich selbst als Zeitzeuge. Knapp sechzehn Jahre nach der Kapitulation geboren, wuchs ich als Kind in einem provinziellen Ort auf, in welchem noch lange hinter vorgehaltener Hand Ressentiments gegen Juden gepflegt und kommuniziert wurden. Da steckte man auf dem Marktplatz noch die Köpfe zusammen, zeigte verstohlen auf jemanden, der vorüberlief und flüsterte abfällig, geradezu empört: „Das ist ein Jude.“. Das habe ich selbst erlebt.

Die Alten lehren nicht nur die Jungen, sie vergiften sie auch. Antisemitische Vorstellungen haben sich im Nachkriegsdeutschland, den Erfahrungen aus der Geschichte folgend, breitflächig gehalten. Wenn Juden auch nur höchst selten offener Hass entgegenschlug, wurden sie noch immer als „etwas anderes“ wahrgenommen – wenn auch nun meist hinter verschlossenen Türen und vorgehaltener Hand.

Somit erkläre ich als Zeitzeuge die Erzählung vom angeblich „importierten Antisemitismus“ zur Lüge. Er wurde nicht importiert, er war immer da.

Das nächste Problem des Antisemitismus, so wie wir ihn heute nach den Erklärungen der Politik definieren sollen, liegt einerseits im Staat Israel, als auch in den Juden selbst. Denn Israel, dessen Bevölkerung zu 25 Prozent gar nicht aus Juden besteht und das somit tatsächlich kein „jüdischer Staat“ ist, verfügt auch nicht über eine Verfassung, die das Land ausschließlich nur jüdischem Glaubensinhalt unterwirft.

Im Wesentlichen ist Israel somit im Grunde ein nahezu säkularer Staat, der in die international verbindliche UN-Charta und somit in alle Völker- und Menschenrechte eingebunden ist. Diese sehen allerdings keine religiöse oder ethnische Differenzierung vor. Das Behauptungsmuster, Israel als „jüdischer Staat“ sei ausschließlich nur als Versammlung von Opfern des Holocaust zu betrachten und zu behandeln, greift nicht nur viel zu kurz, sondern ist vollständig obsolet.

Das moderne Israel muss also staatspolitisch von der Verfolgung im Dritten Reich abgetrennt betrachtet und behandelt werden; es kann aus dieser Geschichte weder Sonderrechte, noch anderweitige, besondere Behandlung einfordern.

Die Verwechslung von Staat und Religion

Hier kommt die „deutsche Staatsräson“ ins Spiel. Was hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede in der Knesset im Jahr 2008 tatsächlich gesagt?

„Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Sie hat dabei die Existenz Israels als modernem Staat vollständig mit der Judenverfolgung verbunden und schwört dem Staat Israel, der ja weit mehr und etwas anderes ist als „nur“ eine Ansammlung von Verfolgungsopfern, ewige Treue geschworen. Sie hat diesen Schutz nicht etwa auf (überlebende) Juden konzentriert, sondern den deutschen Schutz auf Israel gerichtet.

Damit definierte sie Israel nicht als modernen Staat, sondern gegen jede Realität ausschließlich nur als Wohnstatt von Verfolgungsopfern, die gewissermaßen „neben“ allen internationalen Gesetzen existiert und besondere Rechte in Anspruch nehmen kann.

Alles, was dieser verrenkten Sichtweise zuwiderläuft, wurde von nun an als „antisemitisch“ gebrandmarkt; Kritik am modernen Staat existiert danach nicht, sondern richtet sich grundsätzlich immer nur gegen Juden, beziehungsweise gegen die jüdische Religion.

Im Einklang mit der unverbrüchlichen wie kritiklosen Solidarität durch die USA konnte somit ein extremistisch zionistisches Gebilde in Israel weiter heranwachsen, was durchaus rassistische und imperialistische Vorstellungen hegt.

Die gedankliche Gegenprüfung zeigt, was ich meine: wenn Israel als Staat gleichzusetzen wäre mit dem jüdischen Glauben, so würde daraus zwangsläufig zu folgern sein, dass die extrem grausamen Hinrichtungen und Folterungen, die Israel unternimmt, Teil und Forderung der jüdischen Religion wären. Dass dem natürlich nicht so ist, muss nicht ausführlich belegt werden.

Das Merkelsche Definitions- und Denkmuster hat allerdings in Deutschland weiten Raum gegriffen und wirkt. Es wirkt bis hinein in brutale Übergriffe der Polizei, die israelkritische Demonstrationen als angeblich „antisemitisch“ zusammenprügeln.
Es wirkt allerdings auch bis in die Überzeugungsmuster derer hinein, die diese Definition glauben und unterstellen, dass die Grausamkeiten Israels breitflächig den Juden zu unterstellen seien.

Die Darstellung dessen, was heute der Spitzenpolitik zufolge angeblich Antisemitismus sein soll, zerschellt gerade vor der dramatisch anwachsenden Opposition innerhalb der jüdischen Gemeinschaften selbst, die sich gegen das richtet, was Israel im Namen des jüdischen Glaubens anrichtet. Das setzt gerade die mit Israel „befreundeten“ Nationen deutlich unter Druck.

Während es in Deutschland derzeit noch gelingt, diese Stimmen irrationalerweise ebenfalls als „antisemitisch“ zu brandmarken, wobei ausgerechnet sogenannte „Antisemitismusbeauftragte“ aktiv Schützenhilfe leisten, führt dies in den USA zu einem sich deutlich vertiefenden Riss und lautstarker, wirksamer Kritik am offiziellen Regierungskurs.

Differenzierung statt neuer Stigmatisierung

Entgegen des transportierten Narrativs, das Juden insgesamt als vorgeblich homogene, gleichgeschaltete und gleich empfindende Masse darstellt, ist diese jedoch deutlich differenziert und unterschiedlich.

Dies gilt sowohl für die praktische Ausgestaltung religiösen Lebens, als auch für generelle, spirituelle Auslegung.
Tatsächlich gibt es sowohl orthodoxe, ultraorthodoxe, konservative und liberale Gemeinschaften, die jeweils ihre ganz eigenen Standpunkte zur Existenz Israels allgemein, zur Rekonstruktion des Tempels in Jerusalem und zu Vorstellungen des Zionismus hegen. (3.)

Am besten ist dies in der Diskussion innerhalb des Judentums gerade in der „Tempelfrage“ erkennbar; hier reicht das Spektrum der Auffassungen von der ultimativen Forderung nach einem Neubau bis hin zum strikten Verbot, das Gelände überhaupt betreten zu dürfen. (4.)

Der Vorteil deutscher Regierungspropaganda liegt offensichtlich darin, dass Deutsche nur wenig internationale Medien frequentieren, die seit vielen Jahren bereits ein differenziertes und kritisches Bild liefern. Die extrem einseitig, manipulativ und verfälschende Berichterstattung durch deutsche Medien im Sinne Israels wird allgemein seit langer Zeit beklagt.

Zurückkommend auf den Sinn dieses Artikels bleibt nüchtern festzuhalten, dass sich gerade in Deutschland heute ein neu entstehender, in guten Teilen durch Israel und deutsche Politiker selbst provozierter Judenhass mit dem altbekannt mächtigen vereinigt, der kulturell seit Jahrhunderten verfestigt und immer weiter gesteigert worden ist. Selbst die verzerrende Glorifizierung jüdischen Lebens wirkt am Ende antisemitisch.

Vor Jahren sah ich einen Reisebericht über die Ostsee. Darin wies der Moderator auf einen Souveniershop an der Küste und betonte völlig unnötigerweise, dass der Inhaber Jude sei. Ob der „Davistern“, den wir heute Juden in Deutschland an die Kleidung heften, nur imaginär und pinkfarben ist, spielt keine Rolle – weil er Juden wieder einmal als etwas „Besonderes“ stigmatisiert und ihnen wieder einmal keine Chance dazu gibt, als Isaak neben einem Manfred oder Karl ungesehen als normaler Mitbürger in der Menge untergehen zu dürfen.

Auch das betrachte ich persönlich als antisemitisch.

1. https://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Judenverfolgungen_zur_Zeit_des_Ersten_Kreuzzugs
3. https://juedisches.bayern.de/leichte-sprache/juedisches-leben-staerken/juedische-gemeinden-in-bayern/nuernberg
4. https://www.gra.ch/bildung/glossar/reformjudentum/
5. https://schlossdebatte.de/die-judische-rekonstruktionsdebatte-um-den-3-tempel/


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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