Gastkommentar
Gaza: Drohnentod von Mohammed al-Wahidi

Gaza: Israel tötet Mohammed al-Wahidi und spricht von einem Versehen. Susanne Mattner kommentiert die offizielle Begründung des Angriffs.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Keine Sorge – er war gar nicht gemeint

Was für eine Erleichterung. Mohammed al-Wahidi, der Organisator des Public Viewings, bei dem Menschen zwischen Schuttbergen für neunzig Minuten versuchten, sich an etwas zu erinnern, das früher einmal “Normalität” hieß, wurde zwar durch einen israelischen Drohnenangriff getötet – aber immerhin war er laut israelischer Armee gar nicht das Ziel. Na dann. Da kann man den Sarg ja fast wieder abbestellen.

Das ist ungefähr so beruhigend, wie wenn der Pilot nach der Bruchlandung durchsagt:
“Sehr geehrte Fluggäste, wir möchten Sie darüber informieren, dass der Berg eigentlich gar nicht auf unserem Flugplan stand.”

Die Menschen sitzen auf Trümmern und schauen Fußball. Nicht, weil Ruinen die schönste Kulisse sind, sondern weil selbst zwischen Betonstaub und eingestürzten Häusern das Bedürfnis nach einem Hauch von Alltag größer ist als jede Zerstörung. Der Organisator schafft für ein paar Stunden einen Ort, an dem nicht Explosionen, sondern Tore bejubelt werden. Und dann kommt eine Drohne vorbei und beendet die Veranstaltung.

Aber Entwarnung: Nicht absichtlich. 

Vielleicht gibt es demnächst neue Kategorien:

  • Zielperson
  • Versehentlich getroffen
  • Gar nicht gemeint

Das Letzte scheint inzwischen die Premium-Version der Humanität zu sein.
Vielleicht sollten Grabsteine künftig standardisiert werden:
“Hier ruht Mohammed al-Wahidi. Offiziell kein Ziel.”
Oder Todesanzeigen:
“Wir trauern um unseren Vater, Bruder und Freund. Immerhin bestätigt eine Militärpressestelle, dass sein Tod nicht geplant war.”

Wie tröstlich.

Man muss diese Kommunikationsstrategie bewundern. Andere entschuldigen sich für kalten Kaffee oder eine verspätete Lieferung. Hier lautet die Botschaft:
“Der Tote war leider nicht vorgesehen.”

Ach so. Dann ist der Tod vermutlich administrativ ungültig. Vielleicht war das Ganze einfach ein Bedienfehler. Wie beim Navi:
“Sie haben Ihr Ziel verfehlt. Bitte wenden.”

Nur dass Menschen sich leider nicht neu berechnen lassen.
Das Ganze erinnert an einen Chirurgen, der das falsche Bein amputiert und anschließend erklärt:

“Keine Sorge, das kranke Bein war eigentlich schon vorgesehen.”

Oder an einen Busfahrer, der jemanden überfährt und anschließend sagt:
“Sie waren ehrlich gesagt gar nicht die Person, die ich treffen wollte.”
Die Logik bleibt dieselbe: Hauptsache, die Absicht klingt sauber. Das Ergebnis scheint zweitrangig. Man fragt sich inzwischen, ob das eigentliche Ziel manchmal nur noch dazu dient, den Kollateralschaden sprachlich einzurahmen.

Aus
“Ein Mensch wurde getötet.”
wird
“Ein Mensch wurde versehentlich getötet.”
und daraus
“Er war gar nicht das Ziel.”

Der Einschlag bleibt derselbe. Nur die Pressemitteilung federt ihn etwas weicher ab. Vielleicht gibt es bald auch Bonuspunkte: Jeder zehnte unbeabsichtigte Tote erhält eine besonders ausführliche Erklärung. Oder eine Urkunde. „Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden irrtümlich getötet. Die Verantwortlichen bedauern ausdrücklich, dass Sie nicht auf der eigentlichen Liste standen.“

Wie beruhigend. Dann können wir uns ja alle wieder entspannt zurücklehnen. Schließlich scheint inzwischen nicht mehr entscheidend zu sein, dass jemand tot ist – sondern ob anschließend bestätigt wird, dass er eigentlich gar nicht gemeint war.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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