Start Panorama Ausland Chomsky-Stellungnahme Epstein-Akten: Chomskys Frau äußert sich zu Vorwürfen

Chomsky-Stellungnahme
Epstein-Akten: Chomskys Frau äußert sich zu Vorwürfen

Epstein-Akten: Vorwürfe gegen Noam Chomsky. Der bekannte Intellektuelle kann sich nicht äußern – nun nimmt seine Ehefrau Valéria öffentlich Stellung.

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Von Polat Karaburan

Die erneute Veröffentlichung von Dokumenten im Zusammenhang mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Debatten ausgelöst. Auch der US-amerikanische Linguist und politische Intellektuelle Noam Chomsky geriet dabei ins Zentrum öffentlicher Kritik, nachdem sein Name in den Akten auftauchte.

Kritiker verweisen auf dokumentierte Kontakte Chomskys zu Epstein, darunter Treffen, schriftliche Kommunikation, mediale Ratschläge sowie finanzielle Transaktionen, die aus den Akten hervorgehen.

Chomsky selbst kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern: Nach einem schweren Schlaganfall im Juni 2023 ist der heute 97-Jährige dauerhaft pflegebedürftig und nicht mehr kommunikationsfähig. Nun hat sich erstmals seine Ehefrau Valéria Chomsky mit einer ausführlichen Stellungnahme an die Öffentlichkeit gewandt.

Valéria Chomsky veröffentlicht Stellungnahme

In ihrer Erklärung macht Valéria Chomsky deutlich, dass ihr Mann seit dem Schlaganfall rund um die Uhr medizinisch betreut werde und vollständig außerstande sei, sich öffentlich zu äußern. Sie selbst habe in den vergangenen Monaten ausschließlich seine Pflege und Behandlung organisiert und keinerlei Unterstützung durch PR-Berater oder Medienanwälte gehabt. Erst jetzt sei es ihr möglich gewesen, zu den Fragen rund um die Kontakte mit Jeffrey Epstein Stellung zu nehmen.

Sie betont, dass sie und ihr Mann das Bedürfnis verspürten, die offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Noam Chomsky habe sein Leben lang darauf bestanden, dass Intellektuelle die Pflicht hätten, Wahrheit zu sagen und Lügen offenzulegen – auch dann, wenn diese Wahrheit für sie selbst unbequem sei.

Zugleich beschreibt sie eine persönliche Schwäche ihres Mannes: Chomsky neige dazu, Menschen grundsätzlich in guter Absicht zu begegnen. Dieses Vertrauen habe in diesem Fall zu „schwerem Fehlurteil“ geführt, für das sie rückblickend Verantwortung übernehme.

Nach Angaben seiner Frau lernten sie Epstein 2015 im Rahmen einer beruflichen Veranstaltung kennen. Zu diesem Zeitpunkt sei Epsteins Verurteilung aus dem Jahr 2008 in Florida nur einem sehr kleinen Kreis bekannt gewesen; sie selbst wie auch ihr Mann hätten davon keine Kenntnis gehabt.

Erst die Berichterstattung des *Miami Herald* im November 2018 habe die Dimension der Vorwürfe öffentlich gemacht. Epstein habe sich ihnen gegenüber als Förderer der Wissenschaft und als Finanzexperte präsentiert. Auf dieser Grundlage sei ein beruflicher Austausch entstanden – ohne dass sie ahnten, dass es sich, wie Valéria Chomsky schreibt, um ein „trojanisches Pferd“ gehandelt habe.

Epstein habe versucht, ihren Mann durch Geschenke und Einladungen in fachliche Diskussionen stärker an sich zu binden. Treffen hätten im Zusammenhang mit akademischen Veranstaltungen stattgefunden, darunter Mittagessen auf Epsteins Ranch, Abendessen in seinem Stadthaus in Manhattan sowie Aufenthalte in einer New Yorker Wohnung, die Epstein bei beruflichen Aufenthalten zur Verfügung gestellt habe.

Zudem habe es einen Besuch in Epsteins Pariser Apartment gegeben. Auf seine Privatinsel seien sie nie gereist, und sie hätten keinerlei Kenntnis von den dort begangenen Verbrechen gehabt. Bei keinem der Treffen seien Minderjährige anwesend gewesen, und sie hätten keinerlei strafbares oder unangemessenes Verhalten beobachtet.

Im akademischen Kontext habe Epstein Gespräche zwischen Chomsky und Persönlichkeiten organisiert, deren Perspektiven für dessen Arbeit von Interesse gewesen seien. In diesem Rahmen sei auch ein Empfehlungsschreiben entstanden. Besonders umstritten ist eine E-Mail, in der Chomsky Epstein Ratschläge zum Umgang mit kritischer Presse gegeben hatte.

Seine Frau erklärt dazu, Epstein habe sich ihrem Mann gegenüber als Opfer ungerechter medialer Verfolgung dargestellt. Chomsky habe aus eigener Erfahrung mit politischer Medienkritik geantwortet – in dem Glauben, es handele sich um einen Fall verzerrter Berichterstattung. Rückblickend sei klar, dass Epstein diese Erzählung gezielt konstruiert habe, offenbar in der Absicht, durch die Nähe zu einer angesehenen Persönlichkeit sein Image aufzupolieren.

Valéria Chomsky weist zudem den Vorwurf zurück, ihr Mann habe sich gegen die Frauenbewegung gestellt. Noam Chomsky habe sich stets für Gleichberechtigung und Frauenrechte eingesetzt. Epstein habe jedoch Chomskys öffentliche Kritik an sogenannten „Cancel-Culture“-Phänomenen instrumentalisiert, um sich selbst als Opfer darzustellen.

Erst nach Epsteins zweiter Verhaftung im Juli 2019 sei ihnen das volle Ausmaß der Vorwürfe – heute bestätigte schwere Verbrechen gegen Frauen und Kinder – bewusst geworden. Dass sie Epsteins Hintergrund nicht gründlicher geprüft hätten, bezeichnet Valéria Chomsky als schweren Fehler. Dafür entschuldigt sie sich ausdrücklich im Namen von ihnen beiden. Ihr Mann habe diese Einschätzung vor seinem Schlaganfall mit ihr geteilt.

Auch auf finanzielle Vorwürfe geht sie detailliert ein. Ein Scheck über 20.000 US-Dollar sei eine Vergütung für eine von Chomsky ausgearbeitete linguistische Aufgabenstellung gewesen, die Epstein als regelmäßig vergebenen Preis etablieren wollte. Darüber hinaus genannte Transfers in Höhe von rund 270.000 US-Dollar seien kein Geld Epsteins gewesen, sondern ausschließlich Chomskys eigene Mittel.

Epstein habe in dieser Angelegenheit lediglich technische Hilfe geleistet, nachdem Unstimmigkeiten in Chomskys Altersvorsorge aufgetreten seien. Epstein habe dabei als eine Art Finanzberater fungiert und keinen Zugriff auf Konten oder Investitionen gehabt. Gemeinsame Anlagen oder finanzielle Partnerschaften habe es nie gegeben.

In ihrer Erklärung betont Valéria Chomsky mehrfach, dass sie und ihr Mann die Schwere von Epsteins Verbrechen uneingeschränkt anerkennen. Nichts in ihrer Stellungnahme solle das Leid der Opfer relativieren. Im Gegenteil: Sie versichert den Betroffenen ihre uneingeschränkte Solidarität und beschreibt es als zutiefst verstörend, rückblickend erkannt zu haben, mit einer Person in Kontakt gestanden zu haben, die ein verborgenes Leben voller „krimineller, unmenschlicher und perverser Taten“ geführt habe.

Noam Chomsky gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Als Begründer der modernen generativen Linguistik revolutionierte er die Sprachwissenschaft, zugleich wurde er durch seine scharfe Kritik an US-Außenpolitik, Medienmacht und staatlicher Propaganda weltweit bekannt.

Über Jahrzehnte hinweg engagierte er sich gegen Kriege, für Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und die Rechte marginalisierter Gruppen. Gerade dieses Lebenswerk steht nun für viele Beobachter in einem Spannungsverhältnis zu den bekannt gewordenen Kontakten mit Jeffrey Epstein.

Wie bereits in früheren Analysen zu den Epstein-Akten dargelegt, zeigt der Fall erneut, wie schnell Namen, Begegnungen und Dokumente zu öffentlichen Zuschreibungen führen können – oft ohne klare begriffliche Trennung zwischen belegten Straftaten, moralischer Kritik und bloßer Nähe. Die Stellungnahme von Valéria Chomsky ist ein Versuch, diese Trennlinien sichtbar zu machen, während die öffentliche Debatte weiter andauert.

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