Studie
Fachkräftemangel: 2030 sind 816.000 Stellen im öffentlichen Dienst unbesetzt

PwC-Prognose: Öffentlicher Dienst von Fachkräftemangel mehr als andere Branchen betroffen. Vor allem fehlen Lehrer, Verwaltungsexperten, Ingenieure, IT-Spezialisten und Mitarbeiter in Gesundheitsberufen. Öffentlicher Sektor lässt viele Chancen ungenutzt, um als Arbeitgeber zu werben.

Teilen

Düsseldorf (ots) – PwC-Prognose: Öffentlicher Dienst von Fachkräftemangel mehr als andere Branchen betroffen. Vor allem fehlen Lehrer, Verwaltungsexperten, Ingenieure, IT-Spezialisten und Mitarbeiter in Gesundheitsberufen. Öffentlicher Sektor lässt viele Chancen ungenutzt, um als Arbeitgeber zu werben. Studie empfiehlt, das Gehaltsgefüge in Mangelberufen langfristig anzupassen und schlägt für Schulen ein neues Personalentwicklungskonzept vor.

Der Fachkräftemangel wird den öffentlichen Dienst in besonderem Maß treffen: Im Jahr 2030 werden in Deutschland 194.000 Lehrkräfte sowie 276.000 Verwaltungsfachleute und Büroangestellte fehlen. Das zeigt die Studie „Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst“, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) auf der Basis von Daten des Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR erstellt hat. Laut dieser Prognose sind im Jahr 2030 insgesamt 816.000 Stellen unbesetzt Und das in einem Umfeld, in dem die Aufgaben und damit die Anforderungen an die Mitarbeiter immer komplexer werden.

Damit ist der öffentliche Dienst der Sektor mit dem größten absoluten Mangel: Neben Lehrkräften und Verwaltungsangestellten sind vor allem Ingenieure, Spezialisten der Informations- und Telekommunikationstechnik (ITK) sowie Mitarbeiter im Pflege- und Gesundheitsbereich rar. „Die Zeit drängt: Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, muss die öffentliche Hand schon heute deutliche Maßnahmen einleiten und sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren“, sagt Alfred Höhn, Partner und Leiter des Bereichs Öffentlicher Sektor. „Der Staat muss Geld investieren, um Gehaltsstrukturen anzupassen, Digitalisierungsprojekte voranzutreiben und aktiv für seine Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst zu werben.“

Babyboomer läuten drastischen Generationswechsel ein

Die Generation der Babyboomer, die bis 2030 in den Ruhestand geht, sorgt im öffentlichen Dienst für einen Generationswechsel, der weit über die übliche Fluktuation hinausgeht. Das stellt vor allem die neuen Bundesländer sowie den ländlichen Raum mit einer ungünstigen Altersstruktur vor erhebliche Probleme. Auch Berlin und das Saarland werden es besonders schwer haben, ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu decken. Um den nötigen Wissenstransfer im Zuge des Generationswechsels zu gewährleisten, empfiehlt die Studie Maßnahmen wie altersgemischte Teams, die vorgezogene Einstellung junger Mitarbeiter sowie Senior-Expertenpools und flexible Ruhestandsregelungen, um das Potential älterer Mitarbeiter zu nutzen.

Wertschätzende Vertrauenskultur statt Kontrolle

Eine große Bedeutung schreibt die Studie einem motivierenden und gut ausgestatteten Arbeitsumfeld zu. Denn die Fehltage im öffentlichen Dienst sind überdurchschnittlich hoch – vor allem infolge psychischer Belastungen: Die Bundesverwaltung verzeichnete 2014 eine Abwesenheitsquote von 15,5 Fehltagen, bei den AOK-Versicherten betrug sie dagegen nur 13 Fehltage. Die Wahrscheinlichkeit, aufgrund psychischer Ursachen arbeitsunfähig zu werden, ist im öffentlichen Dienst um zwei Drittel erhöht.

„In Verwaltungen herrscht oft ein Klima, das von Misstrauen und Kontrolle geprägt ist und Mitarbeitern nur wenig Raum für Eigeninitiative lässt“, so Höhn. „Es muss zur Chefsache werden, eine wertschätzende Vertrauenskultur zu etablieren, die Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung und Gestaltungsspielräume zugesteht.“ Die Stärkung von Teamarbeit, die Etablierung einer Fehlerkultur oder die gezielte Nutzung von Zielvereinbarungen und systematischer Feedbacks sind Beispiele für Maßnahmen, die helfen können das Verwaltungsklima zu verbessern.

Mehr Spielräume für Mitarbeiter, mehr Service für Bürger

Grundsätzlich sieht die Studie in der Digitalisierung und in Outsourcing-Ansätzen zwar wichtige Instrumente, die Arbeit im öffentlichen Dienst effizienter zu gestalten, sie warnt aber davor mit derartigen Projekten erst zu beginnen, wenn der Personalmangel bereits zur eingeschränkten Handlungsfähigkeit geführt hat.:

„Aus der Not geborene Digitalisierungsprojekte scheitern häufig, da sie selbst sehr viele Ressourcen beanspruchen, überstürztes Outsourcing kann teuer werden. Jedes Projekt muss rechtzeitig antizipiert werden und dabei genau geprüft werden, inwieweit es dauerhaft mit Arbeits- und Kostenentlastungen einhergeht oder neue Dienstleistungsangebote eröffnet“, so Höhn. Optimierungseffekte sollten dann als Voraussetzung dienen, um Mitarbeitern Spielräume für eigenständige Aufgaben zu schaffen und Bürgern mehr Service zu bieten.

Gezielt um Menschen mit Migrationshintergrund werben

Um langfristig neue Fachkräfte zu gewinnen, muss die öffentliche Hand für junge Menschen attraktiver werden und aktiv für sich werben, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Der Anteil von Praktikanten ist im Verhältnis zu allen Beschäftigen nur halb so hoch wie in der Privatwirtschaft. Damit lernen vergleichsweise wenige Schüler und Studenten den öffentlichen Dienst als potentiellen Arbeitgeber kennen.

Auch der Anteil an Mitarbeitern mit Migrationshintergrund ist in keinem Bereich so niedrig wie im öffentlichen Sektor (Öffentliche Verwaltung: 4,9 Prozent, produzierendes Gewerbe: 10,8 Prozent, Handel, Gastgewerbe, Verkehr: 10,5 Prozent). „Eine Imagekampagne für den gesamten öffentlichen Dienst nach Vorbild des Handwerks, zentrale Stellenpools, E-Recruiting nach Vorbild der Bundeswehr sowie professionelle Praktikantenprogramme sind geeignete Instrumente, um auf den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber aufmerksam zu machen“, sagt Höhn.

Öffentlicher Dienst hat als Arbeitgeber ein Imageproblem

Zu den eindeutigen Stärken des öffentlichen Sektors als Arbeitgeber zählt die Studie die Gemeinwohl-Orientierung und gesellschaftliche Relevanz der Arbeit sowie die familienfreundlichen und sicheren Arbeitsplätze. Ein entscheidendes Manko sind allerdings die fehlenden persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Gerade junge Menschen und leistungsstarke Studenten nennen diesen Punkt als Grund, in die freie Wirtschaft zu gehen. Es fehlen behördenübergreifende Personalentwicklungsmodelle und Jobbörsen, die Aufstiegswege sind oft eng mit einer bestimmten Qualifizierung verbunden und es gibt nur wenige Möglichkeiten des Quereinstiegs.

Doch allen Vorbehalten gegenüber starren Strukturen zum Trotz sieht die Studie bei den klassischen Verwaltungslaufbahnen des öffentlichen Dienstes durchaus Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten. „Hier existiert offensichtlich vor allem ein Imageproblem, das über ein gezieltes Jobmarketing sicherlich zu verbessern wäre“, so Alfred Höhn.

„Denn alle Stärken und Schwächen zusammengenommen fällt das Außenbild des öffentlichen Dienstes negativer aus als er es verdient.“ Selbst für den Lehrerberuf, der als klassisches Beispiel für fehlende Entwicklungsmöglichkeiten gilt, gäbe es Alternativen: Die Studie schlägt für Schulen ein Personalentwicklungsmodell vor, das auf Lehrerteams mit entsprechenden Leitungsrollen basiert, deren Mitglieder sich coachen, bei Korrekturen gegenseitig entlasten und gemeinsam Unterrichtsprojekte erarbeiten.

Führungskräfte in der Verwaltung sind vergleichsweise schlecht bezahlt

Bei Führungskräften, ITK-Spezialisten, Ingenieuren und im Bereich von Pflege und Gesundheit wird die öffentliche Hand jedoch nicht umhin kommen das Gehaltsgefüge zu überarbeiten, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Während das Gehaltsniveau des öffentlichen Dienstes bei einfachen und mittleren Tätigkeiten derzeit sogar höher liegt als bei den Beschäftigten insgesamt, sind Spezialisten und Führungskräfte in der Verwaltung im Vergleich zur Privatwirtschaft einkommensmäßig schon heute benachteiligt. Gerade Mangelberufe aus dem ITK-, MINT- und Gesundheitsbereich sollten deswegen angesichts einer alternden und zunehmend digitalen Gesellschaft in der Stellenbewertung systematisch höher eingestuft und bestehende Tarifverträge angepasst werden, lautet eine zentrale Empfehlung der Studie.

„Öffentliche Arbeitgeber, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken wollen, müssen teilweise mit erheblichen finanziellen Mehrbelastungen rechnen“, so Höhn. „Doch Notmaßnahmen, um einen akuten Mangel zu überbrücken, wie Zeitarbeit oder ein überstürztes Outsourcing fallen in aller Regel noch stärker ins Gewicht. Was zählt, ist eine strategische Personalplanung mit einem gut durchdachten, zukunftsträchtigen Mix geeigneter Maßnahmen und Instrumente. Denn mit seinen sicheren, familienfreundlichen und am Gemeinwohl orientierten Arbeitsplätzen besitzt der öffentliche Dienst Stärken, die ihm klare Vorteile gegenüber privatwirtschaftlichen Unternehmen verschaffen können.“

 

Auch interessant

CHP: „Die zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und Partei“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Die zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und Parteien kann exemplarisch an der ältesten Partei der Türkei, der CHP, beobachtet werden. Die...

Urban Farming im 21. Jahrhundert: Wie smarte Botanik die Eigenversorgung revolutioniert

Die Sehnsucht nach einem Stück Natur und einer autarken Lebensweise hat in den vergangenen Jahren zu einer Renaissance des Gartenbaus im städtischen Raum geführt....

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Niederlande: Polizist wirft hochschwangere Syrerin zu Boden — Video löst internationale Empörung aus

Zeist/Utrecht - Ein Video aus den Niederlanden hat weltweit Empörung ausgelöst. Die Aufnahmen zeigen niederländische Polizisten, die eine neun Monate schwangere Syrerin zu Fall...

Türkei wenig begeistert: Kasachstan-Zypern-Abkommen

Astana/Nikosia – Es war ein Besuch mit starken Symbolwirkungen. Zyperns Präsident Nikos Christodoulides reiste am Mittwoch nach Astana, wo ihn sein kasachischer Amtskollege Kassym-Jomart...

Headlines

Israels Tempelberg-Pläne: Zündschnur eines globalen Krieges

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Israel, wie aus einem Berg mit einer Kuh Krieg gemacht werden kann. Gemeint ist hier...

Türkei wenig begeistert: Kasachstan-Zypern-Abkommen

Astana/Nikosia – Es war ein Besuch mit starken Symbolwirkungen. Zyperns Präsident Nikos Christodoulides reiste am Mittwoch nach Astana, wo...

Enthüllung: Israelische Armee betrieb geheime Propagandakanäle — getarnt als unabhängige Faktenprüfer

Tel Aviv/Jerusalem – Israelische Soldaten und Militärkorrespondenten haben gegenüber den Investigativmagazinen +972 Magazine und The Hottest Place in Hell...

Hormuz-Umgehung: Türkei kündigt historische Hedschas-Bahn an

Ankara/Istanbul – Die Hormus-Krise hat Europa an einem empfindlichen Nerv getroffen — und der Türkei eine historische Chance eröffnet....

Meinung

Israels Tempelberg-Pläne: Zündschnur eines globalen Krieges

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Israel, wie aus einem Berg mit einer Kuh Krieg gemacht werden kann. Gemeint ist hier natürlich der berühmte Tempelberg. Da...

Warum analoge Spiele in deutschen Haushalten ein Comeback erleben

Es gibt Abende, an denen das Smartphone auf dem Tisch liegt, der Fernseher aus ist und stattdessen Karten gemischt oder Würfel geworfen werden. Was...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...