„Einst war Griechenland Teil des Osmanischen Reichs, wurde aber im 19. Jahrhundert unabhängig. Vor 100 Jahren (1919-1922) kam es zum Krieg zwischen beiden Ländern und der Vertreibung der Griechen von der türkischen Westküste. Die jahrzehntelangen Spannungen führten zu einem Wettrüsten zwischen den Staaten, die auch zur immensen Verschuldung Griechenlands beitrug. 1974 besetzten türkische Truppen Zypern, nachdem Athen einen Putsch auf der Insel unterstützt hatte, der die Vereinigung der Insel mit Griechenland anstrebte. Die Folge war die bis heute fortbestehende Teilung.“Ich kann nicht beurteilen, wer bei der n-tv Redaktion für das Ressort Geschichte/Politik zuständig ist, aber hier werden unterschiedliche Sachverhalte falsch wiedergegeben. Griechenland war vor seiner Gründung Teil des Osmanischen Reiches. Das ist aber auch das einzige, was an dem Text richtig ist. Hier ein kurzer historischer Abriss: Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs aufseiten der Mittelmächte musste die osmanisch-türkische Regierung am 30. Oktober 1918 die Waffenstillstandsvereinbarung von Moudros unterzeichnen. Die Unterschrift unter die Vereinbarung bedeutete für das Land das Ende des Ersten Weltkriegs und gleichzeitig die Kapitulation. Die griechische Armee führte von 1919-1922 einen Angriffskrieg gegen das Osmanische Reich bzw. was davon noch übriggeblieben war durch. Am 15. Mai 1919 begann mit der Landung der griechischen Armee in Izmir die Invasion Westanatoliens. Die Besetzung Anatoliens kam nicht von ungefähr, denn zwei Tage vorher, am 13. Mai 1919, trafen sich in Izmir unter dem Vorsitz des britischen Admirals Calthorpe die Kommandeure der Flotten Frankreichs, der USA, Italiens und Griechenlands zu einer Sitzung. Darin wurden die Einzelheiten der Vorgehensweise besprochen. Bei der Zusammenkunft wurde vereinbart die beabsichtigte Besetzung Anatoliens durch die griechische Armee der Regierung in Istanbul bis zuletzt nicht mitzuteilen, obwohl in der griechischen und italienischen Presse jener Zeit sehr viele Berichte kursierten. Nach der Ankunft in Izmir und dem Vordringen nach Westanatolien beging die griechische Armee Kriegsverbrechen an der türkischen Zivilbevölkerung. Ein Beispiel für ein grausames Massaker an der Zivilbevölkerung und Massenvergewaltigung von Frauen wurde am Bahnhof Balatcık in Aydın verübt. Eine einfahrende Eisenbahn wurde von den Invasoren gestoppt und alle 130 Reisenden gezwungen auszusteigen. Vor den Augen der Ehemänner wurden alle Frauen systematisch vergewaltigt und anschließend ermordet. Die eroberten Städte und kleineren Ortschaften in Westanatolien wurden von der griechischen Armee in Schutt und Asche gelegt, die muslimischen Einwohner, Männer, Frauen, Kinder und Alte, brutal ermordet und die Leichen anschließend in Schächte geworfen. In einem Telegramm vom 12. Juli 1919 berichtet der Gouverneur von Denizli, Faik Bey, hätten die Griechen in Aydın und Nazilli über 2.000 Moslems und 300-400 Christen getötet. Ich könnte noch viele Beispiele für begangene Verbrechen der griechischen Armee an der muslimischen Zivilbevölkerung in Anatolien aufführen, aber mir geht es hier um den Artikel auf n-tv, indem historische Ereignisse falsch wiedergegeben werden. Die Befreiungsbewegung unter General Mustafa Kemal Pascha (späterer Atatürk) organisierte mit der türkischen Bevölkerung mit enormem Einsatz, Disziplin und einem starken Willen den Widerstand gegen die Besatzer. Die griechische Armee wurde in Westanatolien in zwei entscheidenden Schlachten von der türkischen Armee militärisch besiegt. Als am 9. September 1922 die türkische Armee in Izmir einrückte, bot sich den Soldaten ein erschreckendes Bild über der einstigen blühenden Metropole: Bei ihrem Rückzug hatte die griechische Invasionsarmee die Stadt in Brand gelegt. Auch die übrigen Landesteile, die von den Briten, Franzosen, Italienern und armenischen Milizen besetzt wurden, konnten von der türkischen Armee befreit werden. Ich habe die Geschehnisse um die Besetzung Anatoliens in kurzen Worten wiedergegeben, aber die eigentliche Frage wäre was Großbritannien, Frankreich und deren Verbündete mit dem damaligen Osmanischen Reich bezweckt haben. Die Antwort auf diese Frage findet sich im Vertrag von Sèvres (1920), dass die endgültige Zerschlagung der türkischen Siedlungsgebiete vorsah. Mit anderen Worten, der türkischen Bevölkerung sollte jegliche Existenzgrundlage im anatolischen Kernland entzogen werden und unter anderem aus diesem Grund wurde es von der Befreiungsbewegung unter Mustafa Kemal Atatürk und seinen Kameraden abgelehnt. Ein zweiter Punkt ist das Thema der Vertreibung der Griechen aus Anatolien. Ich möchte nicht behaupten, dass keine Griechen die Türkei verlassen mussten, das wäre in diesem Zusammenhang nicht richtig, denn ein Teil der griechischen Bevölkerung hatte in Anatolien gelebt. Von Relevanz ist das zwischen der Türkei und Griechenland 1923 ratifizierte Abkommen zum Bevölkerungsaustausch. Die Rede ist oft von der griechischen Bevölkerung, die Anatolien verlassen musste, aber die 800.000 Türken, die ihrer alten Heimat in Griechenland den Rücken kehren mussten, werden nur am Rande erwähnt. Wenn es einer Erwähnung wert ist, dann spricht man in der Regel von Moslems und nicht von Türken. Das liegt an der Haltung Griechenlands, die offiziell von einer homogenen Bevölkerungsstruktur ausgeht, in dem nur „Griechen“ leben. Exemplarisch sei hier auf die türkische Minderheit in Westthrakien hingewiesen, die, wenn überhaupt, als „griechische Moslems“ angesehen werden. Ein weiterer Kritikpunkt an dem Beitrag von n-tv ist die Behauptung einer türkischen Besetzung von Zypern. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass Griechenland 1974 einen Putsch auf Zypern unterstützt hatte, der die Vereinigung der Insel mit Griechenland vorsah, aber unerwähnt bleibt der rechtliche Status der Türkei als Garantiemacht neben Griechenland und Großbritannien. Die Zürcher und Londoner Verträge von 1959 gaben der Türkei das Recht im Falle einer Rechtsverletzung, der Putschversuch war ein solcher Fall, zu intervenieren. Dass die Zypernfrage bisher nicht gelöst werden konnte, liegt an der Komplexität der Problematik, an dem sich schon viele Regierungen und Diplomaten die Zähne ausgebissen haben. Der rechtlich umstrittene EU-Beitritt des griechischen Teils von Zypern war nicht der erhoffte Katalysator zur Konfliktlösung. Die Ablehnung des „Annan-Plans“ durch die zyperngriechische Bevölkerung zementierte die De-Facto Situation von zwei Staaten, auch wenn die zyperngriechische Administration an ihrem Alleinvertretungsanspruch festhalten sollte.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
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In der westtürkischen Millionenmetropole Izmir hatten sich am Mittwoch Unbekannte in das Lautsprechersystem von Moscheen gehackt. Aus den Boxen von 30 Gebetshäusern tönte statt des Gebetsaufrufs, das Widerstandslied „Bella Ciao“ der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg.
Das bestätigte auch der Chef der Religionsbehörde Diyanet in Izmir, der Mufti Recep Sükrü Balkan, am Freitag. Es sei sehr traurig, dass dies im heiligen Fastenmonat Ramadan und kurz vor den hohen Eid-Feiertagen geschehen sei, so Balkan.
Die Staatsanwaltschaft in Izmir hat am vergangenen Donnerstag Ermittlungen aufgenommen. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu lautet der Vorwurf zu der Hacker-Aktion „Verunglimpfung religiöser Werte“. Die Ermittlungen richteten sich demnach auch gegen Menschen, die Videos von der Aktion mit positiven Kommentaren geteilt hätten.
Auch er ist in Deutschland geboren, genauer gesagt in Hamburg. Der Migrationsexperte trat bereits als Herausgeber der Sammelbände „Dünya Siyasetinde Latin Amerika“ (2017) [„Lateinamerika in der Weltpolitik“] sowie „Dünya Siyasetinde Afrika“ (2018) [„Afrika in der Weltpolitik“] in Erscheinung. Ermağan ist ähnlich wie Bağcı oftmals als Gast in Talkrunden oder Nachrichtensendungen des türkischen Fernsehens zu sehen. Publizieren ist seine Leidenschaft.
Deutschland ist uns eine Heimat geworden
Die zentrale Bedeutung Deutschlands als viertgrößte Handelsnation der Welt entstehe aus türkischer Perspektive primär über die Existenz der Türken und Deutschtürken, dort lebten. „Deutschland ist für mindestens drei Millionen Menschen von uns eine Heimat geworden. Wir sind gegenwärtig verwandt mit diesem Land“, so die Herausgeber. Auch deshalb sind sie daran interessiert, die in der Türkei herrschenden Wissenslücken über „dieses verwandte Land“ zu füllen.
Nachschlagwerk für Unternehmer, Politiker, Imame, Künstler und Wissenschaftler
Die wissenschaftliche Publikation dient darüber hinaus als Nachschlagwerk. Im ersten Band der Publikation nehmen die Wissenschaftler in unterschiedlichen Aufsätzen die Gesichte Deutschlands und ihre Außenpolitik in den Fokus. Band zwei widmet sich einer größeren Auswahl an Themen. Hier werden unter anderem die Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft, Regierungs- und Verwaltungssystem, Medien, Literatur, Kunst, Bildung, Sport usw. erforscht.
Für das Herausgeberteam bilden nicht nur Studenten und Lehrkräfte aus den Fachbereichen Politik- und Geschichtswissenschaften, internationale Beziehungen, Wirtschaft, Kunst oder Dergleichen eine wichtige Zielgruppe. Sie weisen auch darauf hin, dass die beiden Fachbücher über Deutschland wichtige Informationsquellen für aktive Politiker, Beamte im diplomatischen Dienst, Berater, Beschäftigte im Tourismussektor, Religionsbedienstete und Imame, Multiplikatoren sowie Mitglieder von zivilgesellschaftlichen Organisationen darstellen. Zur weiteren Zielgruppe zählen außerdem Geschäftsleute, Unternehmer und Medienvertreter. Aber auch an die übrige, breitere türkischsprachige Öffentlichkeit, die auf der Suche nach fundierten Berichten und Analysen über Deutschland ist, richten sich die beiden Sammelbände.
Breit gefächerte Themenauswahl
Die Studien sind so mannigfaltig wie ihre Autoren. Folgende Themen werden in den Publikationen untersucht: „Deutschland in der Weltpolitik“ (Prof. Dr. İbrahim Canbolat), „Die Geschichte Deutschlands 1: Von den Anfängen bis 1871“ (Dr. Max Florian Hertsch), „Die Geschichte Deutschlands 2: 1871 bis 1945“ (Begüm Kardeş), „Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland während der Phase des Kalten Krieges“ (Dr. Murat Önsoy/Zeynep Elif Koç),
„Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Kalten Krieg“ (Dr. Ahmet Bülbül), „Die Beziehungen Deutschlands mit der Europäischen Union“ (Dr. Yusuf Çınar/Serdar Çukur), „Die deutsch-französischen Beziehungen“ (Cafer Tayyar Karadağ), „Vom Bündnis zur Rivalität: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen“ (Dr. Helin Sarı Ertem/Çağla Vural), „Die deutsch-russischen Beziehungen“ (Prof. Dr. İrfan Kaya Ülger), „Die deutsch-chinesischen Beziehungen“ (Dr. Özlem Zerrin Keyvan), „Die deutsch-israelischen Beziehungen“ (Dr. Ahmet Bülbül), „Die deutsch-türkischen Beziehungen“ (Dr. İsmail Ermağan/Prof. Dr. Burak Gümüş), „Die deutsch-iranischen Beziehungen“ (Dr. Ahmet Bülbül),
„Deutschlands Zentralasienpolitik“ (Prof. Dr. Saynur Derman), „Die Außenpolitik Deutschlands im Mittleren Osten und ihre stille Diplomatie“ (Dr. Yusuf Sayın), „Die Balkanpolitik Deutschlands in Geschichte und Gegenwart“ (Dr. Dilşad Türkmenoğlu Köse), „Von seichten Gewässern in die Tiefe: Deutschlands Afrikapolitik“ (Dr. Volkan İpek). Nachdem sich der erste Band größtenteils mit außenpolitischen und historischen Fragestellungen auseinandersetzt, werden im zweiten Band überwiegend ökonomische, gesellschaftliche, innenpolitische und administrative Fragen wie diese diskutiert: „Das politische System Deutschlands: Verwaltung und Verfassung“ (Prof. Dr. Rıza Arslan), „Wirtschaft in Deutschland“ (Faruk Kurtulmuş),
„Landwirtschaft in Deutschland: Was die strukturelle Transformation gebracht hat“ (Dr. Fatma Nil Döner), „Tourismus in Deutschland“ (Dr. Mehmet Han Ergüven/Aysel Yılmaz), „Kommunale Verwaltungen in Deutschland und die Reform der öffentlichen Verwaltung“ (Dr. Uğur Sadioğlu), „Gesellschaft in Deutschland“ (Dr. Caner Tekin), „Medien in Deutschland: Eine Analyse der Printmedien, visuelle- und Onlinemedien sowie eine Kritik an dem Mediensystem“ (Yasin Baş), „Das Phänomen der Religion in Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ (Dr. Yusuf Yıldız), „Das Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland“ (Dr. Bahri Aydın),
„Deutsche Literatur“ (Dr. Mutlu Er), „Musik in Deutschland“ (Prof. Dr. Nesrin Kalyoncu), „Kino in Deutschland zwischen Markt und Politik“ (Prof. Dr. Burak Gümüş/Dr. İsmail Ermağan), „Der Sport und ihre Anwendungen in Deutschland“ (Dr. Ahmet Tarık Ergüven), „Deutscher Nationalismus von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart“ (Dr. Sevil Özçalık Dumanoğulları), „Die deutschen Stiftungen in der Welt“ (Dr. Asena Boztaş), „Die Migrationspolitik Deutschlands“ (Duygu Balkan/Dr. İsmail Ermağan/Prof. Dr. Burak Gümüş), „Die Diasporapolitik Deutschlands“ (Feyza Yıldırım Sungur), „Die Außenpolitik Deutschlands während des Kalten Krieges“ (Prof. Dr. Mehmet Öcal), „Die Bundeswehr und ihre historische Entwicklung“ (Dr. Mehmet Çanlı/Dr. Abdullah Cüneyt Küsemez). Nach dieser informationsreichen Auswahl an Themen hat der Leser am Ende seiner Lektüre zumindest einen umfangreichen Überblick über Deutschland.
Ein Geschenk für die türkisch-deutschen Beziehungen
Die beiden Bände „Deutschland in der Weltpolitik I + II“ mit so unterschiedlichen Wissenschaftlern und Experten aus diversen Disziplinen markieren einen Meilenstein für das Verständnis Deutschlands in der Türkei und für alle türkischsprechenden Menschen auf der ganzen Welt. Damit stellen die Sammelbände, sie es in dieser Form noch nicht gab, einen herausragenden Beitrag für die türkisch-deutschen Beziehungen dar.
Von der Asymmetrie auf eine gemeinsame Augenhöhe?
In den türkisch-deutschen Beziehungen, die seit langen Jahrzehnten von einer teils strukturellen, teils konjunkturellen Asymmetrie geprägt sind und sich erst seit einigen Jahren, vor allem nach den Gezi-Protesten und dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016, auf eine gemeinsame Augenhöhe bewegen, wurde so eine hervorragende Veröffentlichung lange vermisst. Mit „Deutschland in der Weltpolitik I+II“ ist der Anfang getan.
Für das bessere Verständnis beider befreundeter Staaten ist zu hoffen, dass die Zahl der Studien und Veröffentlichungen über Deutschland in der Türkei weiter zunimmt. Denn im Moment gilt die Türkei in Deutschland als sehr gut erforscht. Es gibt mehrere Institute, Fakultäten, Denkfabriken und andere teils staatliche, teils private Zusammenschlüsse, die die Türkeiforschung als Schwerpunkt haben. Hier besteht die erwähnte Asymmetrie noch fort. Jetzt liegt es an der Türkei, Institute und Think Tanks zu etablieren, Stiftungen ins Leben zu rufen, die sich explizit mit Deutschland beschäftigen. Die staatlichen Akteure, vor allem das Wissenschafts- und Forschungsministerium aber auch das türkische Außenministerium müssen hier Verantwortung übernehmen. Viel zu lange wurde diese Aufgabe teilweise vernachlässigt behandelt. Sie müssen jetzt solche Einrichtungen und Forschungsstellen fordern und fördern.