Ausland
Griechenland dementiert Medienberichte über türkische Inselbesetzung

Eine Presseente mit historischer Faktenverdrehung Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge – kboelge@web.de In einigen hiesigen Medien waren in den letzten zwei Tagen Meldungen zu lesen, wonach die türkische Armee eine Insel auf dem Grenzfluss Meriç (Griechisch Evros) zwischen der Türkei und Griechenland besetzt habe. Die Nachricht stützte sich auf griechische Medienberichte. Ich hatte dazu selbst recherchiert und konnte zu der Nachricht keinen Bericht von türkischer Seite finden. Am 24.5. hatte der Nachrichtensender n-tv gemeldet, dass die Information über eine angebliche Besetzung griechischen Territoriums nicht korrekt wäre. Der griechische Außenminister Dendias habe entsprechende Berichte dementiert und es sei zu keinem Grenzübertritt gekommen. Der gleiche Sender hatte sich allerdings zuvor auf griechische Medien berufen und veröffentlichte auf seiner Nachrichtenseite die News über eine Inselbesetzung. Nachrichten dieser Art gibt es in den griechischen Medien immer wieder, aber die letzten fünf Sätze der Meldung haben es in sich. Damit sich jedermann eine eigene Meinung dazu bilden kann, habe ich die entsprechende Textpassage hinzugefügt:
„Einst war Griechenland Teil des Osmanischen Reichs, wurde aber im 19. Jahrhundert unabhängig. Vor 100 Jahren (1919-1922) kam es zum Krieg zwischen beiden Ländern und der Vertreibung der Griechen von der türkischen Westküste. Die jahrzehntelangen Spannungen führten zu einem Wettrüsten zwischen den Staaten, die auch zur immensen Verschuldung Griechenlands beitrug. 1974 besetzten türkische Truppen Zypern, nachdem Athen einen Putsch auf der Insel unterstützt hatte, der die Vereinigung der Insel mit Griechenland anstrebte. Die Folge war die bis heute fortbestehende Teilung.“
Ich kann nicht beurteilen, wer bei der n-tv Redaktion für das Ressort Geschichte/Politik zuständig ist, aber hier werden unterschiedliche Sachverhalte falsch wiedergegeben. Griechenland war vor seiner Gründung Teil des Osmanischen Reiches. Das ist aber auch das einzige, was an dem Text richtig ist. Hier ein kurzer historischer Abriss: Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs aufseiten der Mittelmächte musste die osmanisch-türkische Regierung am 30. Oktober 1918 die Waffenstillstandsvereinbarung von Moudros unterzeichnen. Die Unterschrift unter die Vereinbarung bedeutete für das Land das Ende des Ersten Weltkriegs und gleichzeitig die Kapitulation. Die griechische Armee führte von 1919-1922 einen Angriffskrieg gegen das Osmanische Reich bzw. was davon noch übriggeblieben war durch. Am 15. Mai 1919 begann mit der Landung der griechischen Armee in Izmir die Invasion Westanatoliens. Die Besetzung Anatoliens kam nicht von ungefähr, denn zwei Tage vorher, am 13. Mai 1919, trafen sich in Izmir unter dem Vorsitz des britischen Admirals Calthorpe die Kommandeure der Flotten Frankreichs, der USA, Italiens und Griechenlands zu einer Sitzung. Darin wurden die Einzelheiten der Vorgehensweise besprochen. Bei der Zusammenkunft wurde vereinbart die beabsichtigte Besetzung Anatoliens durch die griechische Armee der Regierung in Istanbul bis zuletzt nicht mitzuteilen, obwohl in der griechischen und italienischen Presse jener Zeit sehr viele Berichte kursierten. Nach der Ankunft in Izmir und dem Vordringen nach Westanatolien beging die griechische Armee Kriegsverbrechen an der türkischen Zivilbevölkerung. Ein Beispiel für ein grausames Massaker an der Zivilbevölkerung und Massenvergewaltigung von Frauen wurde am Bahnhof Balatcık in Aydın verübt. Eine einfahrende Eisenbahn wurde von den Invasoren gestoppt und alle 130 Reisenden gezwungen auszusteigen. Vor den Augen der Ehemänner wurden alle Frauen systematisch vergewaltigt und anschließend ermordet. Die eroberten Städte und kleineren Ortschaften in Westanatolien wurden von der griechischen Armee in Schutt und Asche gelegt, die muslimischen Einwohner, Männer, Frauen, Kinder und Alte, brutal ermordet und die Leichen anschließend in Schächte geworfen. In einem Telegramm vom 12. Juli 1919 berichtet der Gouverneur von Denizli, Faik Bey, hätten die Griechen in Aydın und Nazilli über 2.000 Moslems und 300-400 Christen getötet. Ich könnte noch viele Beispiele für begangene Verbrechen der griechischen Armee an der muslimischen Zivilbevölkerung in Anatolien aufführen, aber mir geht es hier um den Artikel auf n-tv, indem historische Ereignisse falsch wiedergegeben werden. Die Befreiungsbewegung unter General Mustafa Kemal Pascha (späterer Atatürk) organisierte mit der türkischen Bevölkerung mit enormem Einsatz, Disziplin und einem starken Willen den Widerstand gegen die Besatzer. Die griechische Armee wurde in Westanatolien in zwei entscheidenden Schlachten von der türkischen Armee militärisch besiegt. Als am 9. September 1922 die türkische Armee in Izmir einrückte, bot sich den Soldaten ein erschreckendes Bild über der einstigen blühenden Metropole: Bei ihrem Rückzug hatte die griechische Invasionsarmee die Stadt in Brand gelegt. Auch die übrigen Landesteile, die von den Briten, Franzosen, Italienern und armenischen Milizen besetzt wurden, konnten von der türkischen Armee befreit werden. Ich habe die Geschehnisse um die Besetzung Anatoliens in kurzen Worten wiedergegeben, aber die eigentliche Frage wäre was Großbritannien, Frankreich und deren Verbündete mit dem damaligen Osmanischen Reich bezweckt haben. Die Antwort auf diese Frage findet sich im Vertrag von Sèvres (1920), dass die endgültige Zerschlagung der türkischen Siedlungsgebiete vorsah. Mit anderen Worten, der türkischen Bevölkerung sollte jegliche Existenzgrundlage im anatolischen Kernland entzogen werden und unter anderem aus diesem Grund wurde es von der Befreiungsbewegung unter Mustafa Kemal Atatürk und seinen Kameraden abgelehnt. Ein zweiter Punkt ist das Thema der Vertreibung der Griechen aus Anatolien. Ich möchte nicht behaupten, dass keine Griechen die Türkei verlassen mussten, das wäre in diesem Zusammenhang nicht richtig, denn ein Teil der griechischen Bevölkerung hatte in Anatolien gelebt. Von Relevanz ist das zwischen der Türkei und Griechenland 1923 ratifizierte Abkommen zum Bevölkerungsaustausch. Die Rede ist oft von der griechischen Bevölkerung, die Anatolien verlassen musste, aber die 800.000 Türken, die ihrer alten Heimat in Griechenland den Rücken kehren mussten, werden nur am Rande erwähnt. Wenn es einer Erwähnung wert ist, dann spricht man in der Regel von Moslems und nicht von Türken. Das liegt an der Haltung Griechenlands, die offiziell von einer homogenen Bevölkerungsstruktur ausgeht, in dem nur „Griechen“ leben. Exemplarisch sei hier auf die türkische Minderheit in Westthrakien hingewiesen, die, wenn überhaupt, als „griechische Moslems“ angesehen werden. Ein weiterer Kritikpunkt an dem Beitrag von n-tv ist die Behauptung einer türkischen Besetzung von Zypern. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass Griechenland 1974 einen Putsch auf Zypern unterstützt hatte, der die Vereinigung der Insel mit Griechenland vorsah, aber unerwähnt bleibt der rechtliche Status der Türkei als Garantiemacht neben Griechenland und Großbritannien. Die Zürcher und Londoner Verträge von 1959 gaben der Türkei das Recht im Falle einer Rechtsverletzung, der Putschversuch war ein solcher Fall, zu intervenieren. Dass die Zypernfrage bisher nicht gelöst werden konnte, liegt an der Komplexität der Problematik, an dem sich schon viele Regierungen und Diplomaten die Zähne ausgebissen haben. Der rechtlich umstrittene EU-Beitritt des griechischen Teils von Zypern war nicht der erhoffte Katalysator zur Konfliktlösung. Die Ablehnung des „Annan-Plans“ durch die zyperngriechische Bevölkerung zementierte die De-Facto Situation von zwei Staaten, auch wenn die zyperngriechische Administration an ihrem Alleinvertretungsanspruch festhalten sollte.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Italien – Griechenland und Türkei gemeinsam beim NATO-Manöver Dynamic Manta 2020

An der Küste Siziliens hat unter operationeller Führung des italienischen Admirals Paolo Fantoni das jährliche NATO-Militärmanöver Dynamic Manta 2020 unter Teilnahme von Schiffen, U-Booten, Flugzeugen und Militärs aus neun Ländern.

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Corona-Krise
Grüne halten weitere Lockerungen in NRW für verfrüht

Die Grünen-Opposition im Düsseldorfer Landtag hält weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen in NRW für verfrüht. „In NRW zeigen immer noch Hotspots wie die in den Flüchtlingsunterkünften, dass die derzeitige Situation weiterhin sehr fragil ist“, sagte Grünen-Fraktionschefin Monika Düker der Düsseldorfer Rheinischen Post (Montag). Die Voraussetzungen für weitergehende Lockerungen seien in NRW noch nicht geschaffen. „Dafür müssen jetzt vor allem die vorhandenen Testkapazitäten für gefährdete Bereiche wie Sammelunterkünfte und Altenheime genutzt werden“, sagte Düker. Die Diskussion um weitere Lockerungen birgt aus Sicht der Grünen-Politikerin ein großes Risiko: „Wenn der Vorstoß in Thüringen den Wettbewerb der Ministerpräsidenten um die schnellsten Lockerungen anheizen würde, wäre das fatal und unverantwortlich.“ NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte am vergangenen Freitag angedeutet, dass die Landesregierung diese Woche über weitere Lockerungen berät.

Rechte
Frauen werden durch Auswahlverfahren im Internet oft systematisch benachteiligt

NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach (CDU) startet eine bundesweite Initiative gegen diskriminierende Computer-Algorithmen. „Gleichstellung darf nicht bei der Google-Suche aufhören“, sagte die Ministerin der Düsseldorfer Rheinischen Post (Montag). Die Bundesländer müssten sich hier auf eine gemeinsame Digitalstrategie einigen: „Digitalisierung heißt nicht Diskriminierung.“ Scharrenbach weiter: „Wir müssen dringend etwas gegen die Benachteiligung von Frauen durch Computer-Algorithmen tun.“. Bei der Kreditvergabe etwa würden Frauen oft per se benachteiligt. Sie müssten höhere Zinsen zahlen, mehr Sicherheiten bieten oder bekämen erst gar keinen Kredit – obwohl sie die gleiche Bonität wie Männer haben. „Die Systeme sind meist intransparent und funktionieren zum Teil so, dass Punkte nach Geschlecht, Alter oder Wohnort vergeben werden“, erläuterte die Ministerin. Das sei weder für Verbraucherinnen noch für Verbraucher durchschaubar: „In der analogen Welt sind wir uns einig, dass dies gegen Menschenrechte verstößt. Warum sollen wir es dann also in der digitalen Welt akzeptieren?“ Die Gleichstellungsminister der Länder sollen daher auf Antrag Nordrhein-Westfalens in ihrer nächsten Konferenz unter anderem beschließen, dass die Bundesregierung, Unternehmen und Behörden verbindliche Verhaltensregeln festlegen, wenn sie Algorithmen etwa bei der Personalauswahl nutzen. Dabei könnten Gütesiegel für vertrauenswürdige Systeme Orientierung bieten. Auch müssten die Bürger besser darüber informiert werden, wie sie im Diskriminierungsfall ihre Rechte durchsetzen könnten. Studien haben gezeigt, dass Frauen bei der Arbeitsplatzsuche, bei der Kreditvergabe und in vielen anderen Bereichen durch Auswahlverfahren im Internet oft systematisch benachteiligt werden. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) kam im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Ende 2019 in 50 Fallbeispielen zu dem Ergebnis, dass nahezu jedes System, das auf Algorithmen beruht, anfällig ist für Diskriminierung.

Corona-Krise
Verbraucherschützer Müller warnt Reisebranche vor Preissteigerungen

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Klaus Müller, hat die deutsche Reisebranche angesichts einer gestiegenen Nachfrage vor drastischen Preiserhöhungen in der Corona-Krise gewarnt. „Hotellerie und Gastronomie haben schwere Zeiten durchgemacht. Bei allem Verständnis dafür, dass sich leere Kassen wieder füllen müssen: Blind an der Preisschraube zu drehen, ist nicht der richtige Weg“, sagte Müller der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Montag). Damit verprelle die Branche ihre Gäste und riskiere einen Vertrauensverlust bei allen Verbrauchern. “ Das ist erst recht der Fall, wenn im Nachgang zusätzliche Aufschläge für Corona-bedingte Hygienemaßnahmen erhoben werden“, so Müller. Preisanstiege und Leistungseinschränkungen müssten vor einer Buchung absolut transparent gemacht werden. „Denn klar ist: Urlaube werden durch Corona nicht so entspannt verlaufen wie gewohnt“, sagte der vzbv-Chef.

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– Sommer 2020 – Türkei lädt „Deutsche Freunde“ zu einem unbeschwerten Urlaub ein

Wie der türkische Außenminister am Freitag mitteilte, werde das beliebte Urlaubsland ab Juni den internationalen Flugverkehr und Tourismus wieder schrittweise öffnen.

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Geschichte
Die erste Aserbaidschanische Republik: Verzweifelter Kampf gegen die Annexion der Rotarmisten

Ein Gastbeitrag von Asif Masimov – Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin Vor 102 Jahren am 28. Mai erklärte Aserbaidschan sich als erste demokratische Republik im ganzen muslimischen Orient unabhängig. Die Demokratische Republik Aserbaidschan, die sich damals in einer angespannten und schwierigen Lage befand, existierte lediglich 23 Monate. Es ist der parlamentarischen Republik in dieser kurzen Phase aber dennoch gelungen, ein modernes politisches System zu gestalten, in dem Minderheiten wesentliche Rechte zugesichert wurden. So wurde u. a. auch Frauen noch lange vor einigen führenden westlichen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder den USA, das Wahlrecht zuerkannt.
Die Öffnung des Parlaments. Baku, der 7. Dezember 1918. Präsidentsbibliothek.
Die Aserbaidschanische Republik gründete in kürzester Zeit eine nationale Armee und brachte eine Währung in Umlauf, indem eine Nationalbank geschaffen wurde. Des Weiteren wurden einige wirtschaftliche Reformen durchgeführt. Binnen zwei Jahren kämpfte Aserbaidschan bereits um die Anerkennung auf der internationalen Bühne. Zu diesem Zweck reiste eine Delegation unter der Leitung des Außenministers Alimardan bay Toptschubaschow zur Pariser Konferenz. Die Unabhängigkeit der Republik Aserbaidschan wurde während der Pariser Friedenskonferenz vom 20. Januar 1920 von den Entente-Staaten nur de facto anerkannt. Für eine vollständige Anerkennung durch die internationale Gemeinde reichte die Zeit jedoch nicht aus, denn bereits am 27. April 1920 überschritten die Rotarmisten die sowjetrussisch-aserbaidschanische Grenze. Desanten der Rotarmisten wurden von der 11. Armee Sowjetrusslands begleitet, die in derselben Nacht die aserbaidschanische Grenze verletzten und die Stadt Chudat besetzten. Das ganze Geschehen ereignete sich in einer durchaus angespannten Situation, da bereits am 26. April 1920 Befürworter der russischen Annexion, die aserbaidschanischen Bolschewiki, in Baku einen Aufstand organisiert hatten. Des Weiteren begannen bereits im März Angriffe durch armenische Streitkräfte auf Aserbaidschaner in Karabach. Das alles lässt die Vermutung nahe, dass diese Unruhen innerhalb Aserbaidschans zunehmend von Moskau koordiniert wurden, damit das ölreiche Aserbaidschan schneller unter sowjetrussische Kontrolle fällt. Es soll an dieser Stelle dennoch kein falsches Bild bzw. die Idee vermittelt werden, dass sich Aserbaidschan anstandslos mit der russischen Annexion zufrieden gab. Nach dem Einmarsch der Rotarmisten fanden in den Regionen einige Aufstände statt, die letztendlich gewaltsam niedergeschlagen wurden. Nach der zügigen Besetzung Bakus konzentrierten sich die Rotarmisten auf die Ausweitung ihrer Macht im westlichen Teil Aserbaidschans. Die russischen Rotarmisten besetzten alsbald Gändschä, die erste Hauptstadt der Aserbaidschanischen Republik, und die Nationalarmee wurde zeitnah in die Rote Armee umgewandelt. Es schien zunächst so, als ob die Besetzung ganz ruhig verlief. In der Nacht vom 25. auf den 26. Mai 1920 fand jedoch ein großer bewaffneter Aufstand der Bevölkerung Gandschäs statt, deren Mitstreiter vermehrt Anhänger der Müsavat-Partei waren. Die Rebellen griffen die Kaserne der Roten Armee an und entwaffneten die Rotarmisten. Dann erklärten sie den Sturz der Sowjetmacht in Gandschä und begannen eine Militäroperation zur Befreiung der Stadt. Interessanterweise schlossen sich dem Aufstand noch die Anhänger der Denikin-Truppen, der georgischen Menschewiki und türkische Offiziere an. Der Aufstand dauerte, je nach Quellen, ungefähr vom 26. Mai bis 01. Juni 1920. Die wichtigsten Figuren des Gändschä-Aufstandes waren Generalmajor Mammad Mirza Kadschar, Generalmajor Dschavad baj Schichlinski, Polkovnik Dschahangir baj Kazımbajov u.v.m. Viele der Rebellen hatten Militärerfahrung im Zarenreich oder in der jungen Aserbaidschanischen Republik. Wie sich später Kazımbajov erinnerte, planten die Führer des Aufstands zunächst einen Überraschungsangriff auf die Rote Armee, um diese so schnell wie möglich zu entwaffnen. Danach wollten sie sich mit weiteren aserbaidschanischen Einheiten in Karabach verbinden, um dann zielgerichtet gegen die armenischen Streitkräfte für eine Befreiung des Landes kämpfen zu können. Am 01. Juni 1920 wurde der Aufstand jedoch brutal niedergeschlagen, landwirtschaftliche Güter zerstört und die Straßen Gändschäs erinnerten, vollkommen überfüllt mit Leichen, an einen Friedhof. Die Hauptursache der Rebellion war einfach auszumachen: die Nicht-Anerkennung der russischen Sowjetmacht. Es wurden aber noch weitere Beweggründe, wie die Willkür und der Missbrauch der Rotarmisten gegenüber der aserbaidschanischen Bevölkerung in Baku und in den anderen Regionen, erwähnt. Darüber hinaus begannen die Rotarmisten Repressalien gegen die aserbaidschanische Intelligenz durchzuführen, die den Kern der Aserbaidschanischen Republik ausmachten. Man sollte dennoch eine Tatsache nicht außer Acht lassen: In Gändschä ereignete sich bereits am Anfang des 19. Jh. ein ähnliches Szenario, als das Zarenreich Stück für Stück die aserbaidschanischen Chanaten eroberte. 1804 stießen die Russen nach dem Einmarsch in Gändschä auf Widerstand der lokalen Bevölkerung unter der Leitung von Cavad Xan. Nach der Eroberung der Stadt seitens der Russen wurde sogar der historische Name Gändschä abgeändert. Bis 1918 hieß die Stadt nun Jelisavetpol zu Ehren der Großfürstin Elisabeth Alexejewna. Mit der Annexion Aserbaidschans seitens Sowjetrusslands begann die Sowjetisierung im gesamten Land. Die etablierte Sowjetmacht existierte bis 1991. Am 18. Oktober 1991 erlangte Aserbaidschan seine Unabhängigkeit wieder. Aserbaidschan begeht dennoch jedes Jahr am 28. Mai den Jahrestag der ersten nationalen Unabhängigkeit. Die heutige Aserbaidschanische Republik erklärte sich als rechtlicher, politischer und geistiger Nachfolger der ersten Aserbaidschanischen Republik, indem wichtige Symbole und Attribute, sowie bedeutende Tage übernommen wurden. Eine wichtige Rolle beim Aufstand spielte Dschahangir baj Kazımbajov, der nach der Emigration in verschiedenen Ländern, u. a. in Deutschland, lebte. Sein Grab befindet sich heute in der Şehitlik-Moschee in Berlin. Fast jedes Jahr organisiert die aserbaidschanische Gemeinde von Berlin eine Gedenkveranstaltung, in welcher die Gräber von Dschahangir baj Kazımbajov und anderen aserbaidschanischen Exil-Aktivisten besucht werden.
Asif Masimov Humboldt Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften Born 1987 in Ismayilli, Azerbaijan. Graduate of Baku State University (Bachelor of Arts in “International Relations”) and Georg-August University of Göttingen (Master of Arts in “Political Science”). Currently a PhD student in History at the Humboldt University of Berlin.

Corona-Pandemie
Türkei: Erdogan-Sprecher Altun verurteilt Falschmeldungen

Ankara – In einem Gastbeitrag in der US-Tageszeitung Washington Post hat der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidialamtes, Fahrettin Altun, die Kritiken an der angeblich zögernden Vorgehensweise des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Zuge der Corona Pandemie scharf verurteilt. „Die türkische Regierung bietet eine kostenlose allgemeine Gesundheitsversorgung und hat frühzeitig Investitionen in ihre Gesundheitsinfrastruktur getätigt, die sich jetzt auszahlen. Unsere Bemühungen bewirken eine Trendwende: Das tägliche Wachstum der neuen Fälle ist in letzter Zeit auf den niedrigsten Stand seit der Bestätigung des ersten Falls Anfang März gesunken, und die täglichen Entlassungen aus dem Krankenhaus übersteigen nun bei weitem die Zahl der neuen Fälle. Doch einige Kritiker kritisieren weiterhin Präsident Recep Tayyip Erdogan wegen seines „Fehlverhaltens“ bei der Bewältigung der Krise. Also, lassen Sie uns die Fakten überprüfen“, schreibt Altun. Die Reformen und Investitionen, die durchgeführt worden seien, machten das Gesundheitswesen für mehr Menschen zugänglich. Die Türkei habe in ihr Gesundheitspersonal investiert und neue Krankenhäuser gebaut. Schon vor der Pandemie habe es Pläne für zehn weitere neue Krankenhäuser in den dichtesten städtischen Zentren der Türkei in Arbeit gegeben, so Altun.
„Infolgedessen haben wir nicht die gleiche Art von überwältigendem Druck auf unser Gesundheitssystem erfahren, der andere Länder behindert hat. Auch in Bezug auf unsere Testrate gehören wir zu den fünf führenden Nationen der Welt. Wir erkennen an, dass das bedeutet, dass unsere Infektionszahlen für eine gewisse Zeit hoch sein werden – denn es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen mehr Tests und mehr positiven Fällen, das ist kein großes Geheimnis – aber es gibt auch keinen verantwortungsvollen Weg, dies ohne Massentests unter Kontrolle zu bringen“.
Um den Schlag für die Unternehmen und Haushalte abzufedern, habe die Regierung die Zahlung der Schulden verschoben und die Steuern gesenkt und stelle allen Unternehmen 36-monatige Festzinskredite mit Zahlungsaufschub zur Verfügung. Darüber hinaus gewähre sie bedürftigen Familien direkte finanzielle Unterstützung.
Nach der Ankündigung eines Unterstützungspakets für Unternehmen in Höhe von 100 Milliarden Lire (14,7 Milliarden Dollar) planen wir auch, dem Staatsfonds die Übernahme von in Not geratenen Privatunternehmen zu erleichtern. Die Kritiker ignorieren diese Tatsachen bequemerweise. Wir bieten auch eine kostenlose allgemeine Gesundheitsversorgung für unsere Bevölkerung an – was die Kritiker oft ignorieren. Dies ist von entscheidender Bedeutung, wenn wir das Virus erfolgreich bekämpfen wollen, und viele Experten stimmen dem zu: Länder ohne dieses Virus sind stark benachteiligt.
Die Türkei sei eines der wenigen Länder der Region, das eine universelle Gesundheitsversorgung anbiete.
Nachdem wir ab 2003 viel Zeit auf die Reform des Systems verwendet haben. Wie das New England Journal of Medicine feststellte, haben wir eine „ehrgeizige Reform des Gesundheitssystems in Angriff genommen, um große Ungleichheiten bei den Gesundheitsergebnissen zu überwinden und alle Bürger vor finanziellen Risiken zu schützen“. Innerhalb von 10 Jahren hatte sie eine universelle Gesundheitsversorgung und bemerkenswerte Verbesserungen der Ergebnisse und der Qualität erreicht“.
Auch sozial distanzierende Maßnahmen würden ernst genommen. Die Türkei habe zügig alle internationalen Flüge gestoppt und Inlandsreisen eingeschränkt. Schulen, Bars und Cafés geschlossen und Massengebete ausgesetzt worden. Um den Ausbruch einzudämmen, gebe es an den Wochenenden Ausgangssperren in größeren Städten. Besondere Aufmerksamkeit habe man gefährdeten älteren Bürgern gewidmet.
Wir waren eines der ersten Länder, das Reisen mit den vom Virus betroffenen Nationen einschränkte und schließlich verbot. Wir begannen sofort direkt auf den Flughäfen mit der Untersuchung der Passagiere auf Symptome, bevor wir später alle Reisen stoppten. Wir diskriminierten die Menschen nicht aufgrund ihres Herkunftslandes und schützten sie gleichzeitig vor der Krankheit. Wir brachten viele syrische Flüchtlinge zurück, die an der Grenze zu Griechenland warteten, um einen Ausbruch unter ihnen zu verhindern. Wir trafen Vorkehrungen in den Flüchtlingslagern und unter den Binnenvertriebenen in Nordsyrien.. Obwohl wir das Coronavirus mit angespannten Mitteln bekämpfen, erkennen wir auch an, dass es eine kollektive Anstrengung sein sollte und kein Land in diesem Kampf allein gelassen werden sollte. Die Türkei hat medizinische Hilfsgüter in viele Länder geschickt, darunter Italien, Spanien, Iran, Kosovo, Bosnien, Serbien, Montenegro und Nord Mazedonien, um nur einige zu nennen.
Besondere Aufmerksamkeit sei gefährdeten älteren Bürgern gewidmet worden.
Zu ihrer eigenen Sicherheit haben wir die Bewegungsfreiheit unserer Bürger im Alter von 65 Jahren und älter eingeschränkt, indem wir dafür sorgten, dass alle ihre Bedürfnisse von den örtlichen Behörden erfüllt wurden. Wir haben unsere Alten und Jungen nicht vergessen. Wir gingen sogar noch weiter, indem wir uns sogar um die Bedürfnisse unserer Straßentiere kümmerten. All dies war geleitet von den klaren Anweisungen unseres Präsidenten Erdogan und der ständigen Betonung eines menschenzentrierten und humanen Ansatzes bei der Bewältigung dieser Herausforderung.
Es sei wichtig, die Reaktion der Türkei auf die COVID-19-Pandemie zu prüfen.
Es kommt darauf an, ob die Türkei in der Lage ist, mit dieser Pandemie richtig umzugehen. Die Türkei ist der Grenzübergang zwischen Europa und Asien, sie grenzt an den Iran – wo die Besorgnis über das Virus nach wie vor groß ist – und in Istanbul befindet sich einer der größten und an den stärksten frequentierten Flughäfen der Welt. Alle Regierungen sollten jetzt und über viele Jahre hinweg bereit sein, ihren Umgang mit der Krise zu überprüfen. Es ist wichtig, darüber nachzudenken, was schiefgelaufen ist und was getan werden kann, um einen solchen Ausbruch in Zukunft zu verhindern.

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– Corona-Pandemie – Türkei-Deutsche bezeichnen Medienberichte als unwahr

Der ehemalige Axel-Springer-Mitarbeiter Holger Vorbeck (73) aus Hamburg schildert in einem Kommentar seine Eindrücke zur deutschen Berichterstattung über die Türkei. Es werde massiv gegen die Türkei Stimmung gemacht. Das meiste davon sei „schlicht die Unwahrheit und frei erfunden“.

Türkei-Deutsche bezeichnen Medienberichte als unwahr

Türkei
Kurdisch-türkischer Sänger Mahsun Kirmizigül verurteilt Moschee-Aktion in Izmir

Istanbul – Der populäre kurdische Sänger Mahsun Kirmizigül hat die in deutschen Medien gefeierte Moschee-Aktion in der Türkei scharf verurteilt. „Auch wenn man alle Drehbuchautoren der Türkei zusammennimmt, käme keiner auf die Idee, in einer Moschee Musik abzuspielen. Die gewählte Stadt, der Künstler, das Stück und der Ort kämen nicht mal dem Teufel in den Sinn. Selbst der Teufel sagte nun: ‚Ich bin ein Engel Gottes. Ich kann nicht so viel Böses tun. Ich fürchte mich vor Allah‘, und verließ dieses Land“ , sagte der Sänger und mehrfach ausgezeichnete Filmproduzent und Regisseur in einem Tweet. In der westtürkischen Millionenmetropole Izmir hatten sich am Mittwoch Unbekannte in das Lautsprechersystem von Moscheen gehackt. Aus den Boxen von 30 Gebetshäusern tönte statt des Gebetsaufrufs, das Widerstandslied „Bella Ciao“ der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Das bestätigte auch der Chef der Religionsbehörde Diyanet in Izmir, der Mufti Recep Sükrü Balkan, am Freitag. Es sei sehr traurig, dass dies im heiligen Fastenmonat Ramadan und kurz vor den hohen Eid-Feiertagen geschehen sei, so Balkan. Die Staatsanwaltschaft in Izmir hat am vergangenen Donnerstag Ermittlungen aufgenommen. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu lautet der Vorwurf zu der Hacker-Aktion  „Verunglimpfung religiöser Werte“. Die Ermittlungen richteten sich demnach auch gegen Menschen, die Videos von der Aktion mit positiven Kommentaren geteilt hätten.

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Corona-Krise
Waigel will CO2-Steuer zur Corona-Krisenbewältigung

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel hat eine europäische CO2-Steuer zur Finanzierung der Corona-Folgen vorgeschlagen. Im Inforadio vom rbb sagte der frühere CSU-Chef am Samstag, auf diesem Weg könnte man ein „Wiederaufbauprogramm mit Klimazielen und Naturschutz verbinden“. Eine CO2-Steuer für ganz Europa sei „sinnvoller als das Handeln und Verhandeln um Brutto- und Nettobeiträge und eventuelle Rabatte“. Ausdrücklich begrüßte Waigel den deutsch-französischen Plan für ein Wiederaufbauprogramm in Höhe von 500 Milliarden Euro. Das sei „kein Ende der Prinzipien“, weil die Finanzierung über den europäischen Haushalt erfolge und nicht über sogenannte Corona-Bonds. Dieser Weg sei „demokratisch verankert“: „Insofern ist die Finanzierung über den Haushalt eine richtige, korrekte und von mir unterstützte.“ Der ehemalige Finanzminister geht davon aus, dass die Bewältigung der Corona-Krise in der EU hohe Kosten verursachen wird: „Und dabei wird natürlich auch Deutschland als Netto-Zahler eine wichtige Rolle spielen.“

Neue Publikation
„Deutschland ist uns eine Heimat geworden“

Von Yasin Baş Neue Publikation: Deutschland in der Weltpolitik I + II veröffentlicht In einer neuen Veröffentlichung steht Deutschland im näheren Focus der türkischen Wissenschaft. In dem über 1000-seitigen Werk beschäftigen sich 40 Wissenschaftler und Fachleute, unter ihnen auch namhafte Professoren und Lehrkräfte aus verschiedenen Universitäten der Türkei mit Deutschland. Der doppelte Sammelband mit dem Titel: „Dünya Siyasetinde Almanya I + II“ [„Deutschland in der Weltpolitik I + II“] ist Anfang des Jahres beim Verlag „Nobel Akademik Yayınları“ [Akademie Verlag Nobel] in Ankara erschienen. In der Publikation werden nahezu alle relevanten Themenbereiche deutscher Geschichte, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft erforscht. Prof. Hüseyin Bağcı, Prof. Burak Gümüş und Dr. İsmail Ermağan, die Herausgeber der Sammelbände, gelten nicht nur in der Türkei als renommierte Wissenschaftler. Vor allem Prof. Hüseyin Bağcı von der Middle East Technical University (METU) in Ankara ist ein international anerkannter Wissenschaftler für Außen- und Sicherheitspolitik. Deutschland spielt in Bağcı’s Vita ebenfalls eine wichtige Rolle. Er studierte in Bonn und kommt heute noch oft für Vorträge oder Tagungen nach Deutschland. Der 60-jährige Professor lehrt internationale Beziehungen und ist seit langen Jahren als Deutschlandexperte bekannt. Zudem gehört Prof. Burak Gümüş zu den Herausgebern. Gümüş ist in Deutschland geboren. Der Soziologe und Politikwissenschaftler hat seine Doktorarbeit an der Universität Konstanz verfasst. Der erst kürzlich habilitierte Wissenschaftler lehrt derzeit an der Verwaltungs- und Wirtschaftsfakultät der Universität Thrakien in Edirne. Der dritte und letzte des dreiköpfigen Herausgeberteams ist der Politologe und Soziologe Dr. İsmail Ermağan. Auch er ist in Deutschland geboren, genauer gesagt in Hamburg. Der Migrationsexperte trat bereits als Herausgeber der Sammelbände „Dünya Siyasetinde Latin Amerika“ (2017) [„Lateinamerika in der Weltpolitik“] sowie „Dünya Siyasetinde Afrika“ (2018) [„Afrika in der Weltpolitik“] in Erscheinung. Ermağan ist ähnlich wie Bağcı oftmals als Gast in Talkrunden oder Nachrichtensendungen des türkischen Fernsehens zu sehen. Publizieren ist seine Leidenschaft. Deutschland ist uns eine Heimat geworden Die zentrale Bedeutung Deutschlands als viertgrößte Handelsnation der Welt entstehe aus türkischer Perspektive primär über die Existenz der Türken und Deutschtürken, dort lebten. „Deutschland ist für mindestens drei Millionen Menschen von uns eine Heimat geworden. Wir sind gegenwärtig verwandt mit diesem Land“, so die Herausgeber. Auch deshalb sind sie daran interessiert, die in der Türkei herrschenden Wissenslücken über „dieses verwandte Land“ zu füllen. Nachschlagwerk für Unternehmer, Politiker, Imame, Künstler und Wissenschaftler Die wissenschaftliche Publikation dient darüber hinaus als Nachschlagwerk. Im ersten Band der Publikation nehmen die Wissenschaftler in unterschiedlichen Aufsätzen die Gesichte Deutschlands und ihre Außenpolitik in den Fokus. Band zwei widmet sich einer größeren Auswahl an Themen. Hier werden unter anderem die Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft, Regierungs- und Verwaltungssystem, Medien, Literatur, Kunst, Bildung, Sport usw. erforscht. Für das Herausgeberteam bilden nicht nur Studenten und Lehrkräfte aus den Fachbereichen Politik- und Geschichtswissenschaften, internationale Beziehungen, Wirtschaft, Kunst oder Dergleichen eine wichtige Zielgruppe. Sie weisen auch darauf hin, dass die beiden Fachbücher über Deutschland wichtige Informationsquellen für aktive Politiker, Beamte im diplomatischen Dienst, Berater, Beschäftigte im Tourismussektor, Religionsbedienstete und Imame, Multiplikatoren sowie Mitglieder von zivilgesellschaftlichen Organisationen darstellen. Zur weiteren Zielgruppe zählen außerdem Geschäftsleute, Unternehmer und Medienvertreter. Aber auch an die übrige, breitere türkischsprachige Öffentlichkeit, die auf der Suche nach fundierten Berichten und Analysen über Deutschland ist, richten sich die beiden Sammelbände. Breit gefächerte Themenauswahl Die Studien sind so mannigfaltig wie ihre Autoren. Folgende Themen werden in den Publikationen untersucht: „Deutschland in der Weltpolitik“ (Prof. Dr. İbrahim Canbolat), „Die Geschichte Deutschlands 1: Von den Anfängen bis 1871“ (Dr. Max Florian Hertsch), „Die Geschichte Deutschlands 2: 1871 bis 1945“ (Begüm Kardeş), „Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland während der Phase des Kalten Krieges“ (Dr. Murat Önsoy/Zeynep Elif Koç), „Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Kalten Krieg“ (Dr. Ahmet Bülbül), „Die Beziehungen Deutschlands mit der Europäischen Union“ (Dr. Yusuf Çınar/Serdar Çukur), „Die deutsch-französischen Beziehungen“ (Cafer Tayyar Karadağ), „Vom Bündnis zur Rivalität: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen“ (Dr. Helin Sarı Ertem/Çağla Vural), „Die deutsch-russischen Beziehungen“ (Prof. Dr. İrfan Kaya Ülger), „Die deutsch-chinesischen Beziehungen“ (Dr. Özlem Zerrin Keyvan), „Die deutsch-israelischen Beziehungen“ (Dr. Ahmet Bülbül), „Die deutsch-türkischen Beziehungen“ (Dr. İsmail Ermağan/Prof. Dr. Burak Gümüş), „Die deutsch-iranischen Beziehungen“ (Dr. Ahmet Bülbül), „Deutschlands Zentralasienpolitik“ (Prof. Dr. Saynur Derman), „Die Außenpolitik Deutschlands im Mittleren Osten und ihre stille Diplomatie“ (Dr. Yusuf Sayın), „Die Balkanpolitik Deutschlands in Geschichte und Gegenwart“ (Dr. Dilşad Türkmenoğlu Köse), „Von seichten Gewässern in die Tiefe: Deutschlands Afrikapolitik“ (Dr. Volkan İpek). Nachdem sich der erste Band größtenteils mit außenpolitischen und historischen Fragestellungen auseinandersetzt, werden im zweiten Band überwiegend ökonomische, gesellschaftliche, innenpolitische und administrative Fragen wie diese diskutiert: „Das politische System Deutschlands: Verwaltung und Verfassung“ (Prof. Dr. Rıza Arslan), „Wirtschaft in Deutschland“ (Faruk Kurtulmuş), „Landwirtschaft in Deutschland: Was die strukturelle Transformation gebracht hat“ (Dr. Fatma Nil Döner), „Tourismus in Deutschland“ (Dr. Mehmet Han Ergüven/Aysel Yılmaz), „Kommunale Verwaltungen in Deutschland und die Reform der öffentlichen Verwaltung“ (Dr. Uğur Sadioğlu), „Gesellschaft in Deutschland“ (Dr. Caner Tekin), „Medien in Deutschland: Eine Analyse der Printmedien, visuelle- und Onlinemedien sowie eine Kritik an dem Mediensystem“ (Yasin Baş), „Das Phänomen der Religion in Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ (Dr. Yusuf Yıldız), „Das Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland“ (Dr. Bahri Aydın), „Deutsche Literatur“ (Dr. Mutlu Er), „Musik in Deutschland“ (Prof. Dr. Nesrin Kalyoncu), „Kino in Deutschland zwischen Markt und Politik“ (Prof. Dr. Burak Gümüş/Dr. İsmail Ermağan), „Der Sport und ihre Anwendungen in Deutschland“ (Dr. Ahmet Tarık Ergüven), „Deutscher Nationalismus von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart“ (Dr. Sevil Özçalık Dumanoğulları), „Die deutschen Stiftungen in der Welt“ (Dr. Asena Boztaş), „Die Migrationspolitik Deutschlands“ (Duygu Balkan/Dr. İsmail Ermağan/Prof. Dr. Burak Gümüş), „Die Diasporapolitik Deutschlands“ (Feyza Yıldırım Sungur), „Die Außenpolitik Deutschlands während des Kalten Krieges“ (Prof. Dr. Mehmet Öcal), „Die Bundeswehr und ihre historische Entwicklung“ (Dr. Mehmet Çanlı/Dr. Abdullah Cüneyt Küsemez). Nach dieser informationsreichen Auswahl an Themen hat der Leser am Ende seiner Lektüre zumindest einen umfangreichen Überblick über Deutschland. Ein Geschenk für die türkisch-deutschen Beziehungen Die beiden Bände „Deutschland in der Weltpolitik I + II“ mit so unterschiedlichen Wissenschaftlern und Experten aus diversen Disziplinen markieren einen Meilenstein für das Verständnis Deutschlands in der Türkei und für alle türkischsprechenden Menschen auf der ganzen Welt. Damit stellen die Sammelbände, sie es in dieser Form noch nicht gab, einen herausragenden Beitrag für die türkisch-deutschen Beziehungen dar. Von der Asymmetrie auf eine gemeinsame Augenhöhe? In den türkisch-deutschen Beziehungen, die seit langen Jahrzehnten von einer teils strukturellen, teils konjunkturellen Asymmetrie geprägt sind und sich erst seit einigen Jahren, vor allem nach den Gezi-Protesten und dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016, auf eine gemeinsame Augenhöhe bewegen, wurde so eine hervorragende Veröffentlichung lange vermisst. Mit „Deutschland in der Weltpolitik I+II“ ist der Anfang getan. Für das bessere Verständnis beider befreundeter Staaten ist zu hoffen, dass die Zahl der Studien und Veröffentlichungen über Deutschland in der Türkei weiter zunimmt. Denn im Moment gilt die Türkei in Deutschland als sehr gut erforscht. Es gibt mehrere Institute, Fakultäten, Denkfabriken und andere teils staatliche, teils private Zusammenschlüsse, die die Türkeiforschung als Schwerpunkt haben. Hier besteht die erwähnte Asymmetrie noch fort. Jetzt liegt es an der Türkei, Institute und Think Tanks zu etablieren, Stiftungen ins Leben zu rufen, die sich explizit mit Deutschland beschäftigen. Die staatlichen Akteure, vor allem das Wissenschafts- und Forschungsministerium aber auch das türkische Außenministerium müssen hier Verantwortung übernehmen. Viel zu lange wurde diese Aufgabe teilweise vernachlässigt behandelt. Sie müssen jetzt solche Einrichtungen und Forschungsstellen fordern und fördern.
Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor, freier Journalist, Übersetzer und Berater. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?”, „nach-richten: Muslime in den Medien” sowie „Muslime in den Medien 2018″.

Sommer 2020
Türkei lädt „Deutsche Freunde“ zu einem unbeschwerten Urlaub ein

Ankara – Wie der türkische Außenminister am Freitag mitteilte, werde das beliebte Urlaubsland ab Juni den internationalen Flugverkehr und Tourismus wieder schrittweise öffnen. Mit einer Besucherzahl von fünf Millionen Gästen ist Deutschland der zweitwichtigste Markt für den türkischen Tourismus. Um deutsche Urlauber bald wieder in der Türkei willkommen heißen zu können, holt Ankara den TÜV zu Hilfe.  Der technische Überwachungsverein werde am Zertifizierungsverfahren für den Corona-Maßnahmenkatalog, den das türkische Tourismusministerium erstellt hat, beteiligt sein. Wie die ARD unter Berufung auf Mitarbeiter des TÜV Süd Istanbul berichtet, gehöre zu den Maßnahmen die Ausrüstung der Hotels mit Schutzkleidung, das Erarbeiten von Hygienevorschriften und Abstandsregeln oder das Sichern von Buffets mit Plexiglasscheiben. Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, habe sich in Ankara für die Vergabe des Auftrags an TÜV Süd eingesetzt. In einem Brief, der auf der Seite des türkischen Außenministeriums veröffentlicht wurde, wendet sich Außenminister Mevlüt Cavusoglu an die deutschen Urlauber.

Mevlüt Cavusoglu:

„Dass die Türkei zu den beliebtesten Reisezielen der deutschen Urlauber zählt, hat uns stets gefreut. Im vergangenen Jahr befanden sich die Deutschen mit fünf Millionen Besuchern an zweiter Stelle der ausländischen Gäste. Dieses Jahr erleben wir schwierige Zeiten. Wir möchten jedoch mit den Maßnahmen, die wir treffen, unsere deutschen Freunde wieder in unserem Land begrüßen. Uns ist bewusst, dass in diesen Zeiten für einen sicheren und unbeschwerten Urlaub alle Bedingungen stimmen müssen. Deshalb strengen wir uns umso mehr an; wir tun mehr, als erforderlich wäre.

Zunächst möchte ich anmerken, dass das Virus COVID-19, das am 11. März zu einer globalen Pandemie erklärt wurde, mittlerweile sowohl in der Türkei als auch in Deutschland unter Kontrolle gebracht worden ist. Das türkische Gesundheitssystem hat sich in dieser schweren Krise behauptet. Die Kapazitäten unserer Krankenhäuser haben mit ihren Intensivbetten und Behandlungsprotokollen die Prüfung erfolgreich bestanden.

Die Türkei wird ab Juni den internationalen Flugverkehr und Tourismus schrittweise wieder öffnen und damit beginnen,Touristen zu empfangen.

Daher möchte ich unseren deutschen Freunden, die ihren Sommerurlaub im Ausland verbringen wollen, sagen, dass sie sicher und unbesorgt in die Türkei reisen können und dass wir sie gerne in Antalya, Bodrum und in Marmaris begrüßen würden.

Für unsere Hotels, Feriendörfer und unseren gesamten Dienstleistungssektor treffen wir die notwendigen Maßnahmen, damit diese unsere deutschen Freunde ab Juni begrüßen können. Der TÜV und ROYALCERT schließen das Zertifizierungsverfahren für sämtliche Hotelanlagen, Reisebusse sowie für die Reisenden und das Dienstleistungspersonal gegen COVID-19 ab. Darüber hinaus werden für unsere Flughäfen und Flüge sämtliche Gesundheitsprotokolle entwickelt, die einzuhalten sind. Die von uns getroffenen Maßnahmen machen die Türkei auch im Tourismus zu einem „sicheren Land“.

Zudem hat unser Minister für Kultur und Tourismus, Mehmet Ersoy, in einem Brief an seinen deutschen Amtskollegen unsere den Gesundheits- und Hygienevorgaben entsprechenden Maßnahmen ausführlich erläutert. Er hat ihm mitgeteilt, dass wir ab Juni den gegenseitigen Flugverkehr mit Deutschland wieder aufnehmen möchten. Selbstverständlich werden die deutschen Touristenströme ausschließlich mit Charterflügen in unser Land anreisen.

Am 19. Mai hatte ich ein äußerst konstruktives Gespräch mit meinem deutschen Amtskollegen Heiko Maas. Dabei haben wir die Wiederaufnahme des Tourismus zwischen unseren Ländern in allen Einzelheiten erörtert.

Die Vorbereitungen zur Eröffnung der Sommersaison laufen, gemeinsam mit unseren Partnern, auch mit der Bundesregierung und den Reiseveranstaltern auf Hochtouren. In der Sommersaison 2020 sind wir bereit, für unsere deutschen Gäste größtmögliche Sicherheit, Gesundheit und Erholung zu bieten. Unsere deutschen Freunde, die die Natur, Kultur, Küche und Kunst unseres Landes lieben, erwarten wir wieder in der Türkei, damit sie diese Schönheiten ausgiebig genießen können.

Freuen Sie sich auf die Türkei und ihren unbeschwerten, entspannenden Urlaub.“