„Die Frankfurter Rundschau wies darauf hin, dass sich die Leitungsebene des Bundeskriminalamts 1959 noch zu 56 Prozent aus ehemaligen SS-Mitgliedern und zu 75 Prozent aus früheren Mitgliedern der NSDAP zusammensetzte. Dies alles konnte trotz der viel beachteten Bemühungen der Befreiungsmächte zur Entnazifizierung geschehen – also obwohl jede Anwärterin und jeder Anwärter auf einen Posten im Staatsdienst beweisen musste, dass sie oder er keine nationalsozialistische Vergangenheit hatte und der freiheitlich demokratischen Grundordnung gegenüber nicht feindlich gesinnt war.“Ungereimtheiten und viele offene Fragen Wenn Baş über den NSU redet, spricht er auch von einem „mutmaßlich großen Sumpf“, der ausdrücklich auf Einzelpersonen begrenzt werde. Doch die Einzeltäterthese sei höchst umstritten. Die Vernichtung von Akten, mysteriöse Todesfälle von Zeugen und V-Leuten, unerklärliche Ungereimtheiten, die vor den verschiedenen NSU-Untersuchungsausschüssen zu Tage traten, oder die Mitgliedschaft einzelner Beamter in rassistischen Organisationen wie dem „Ku-Klux-Klan“ oder „Blood and Honour“ sowie weitere Mitgliedschaften von einzelnen Sicherheitsleuten in rechtsextremistischen Organisationen verleiteten Beobachter dazu, Parallelen mit den Aktionen der NATO-Geheimarmee „Gladio” zu ziehen. „Es wurde zwar gegenüber der Öffentlichkeit nie offiziell eingeräumt“, so der Politikwissenschaftler, „gilt aber weithin als wissenschaftlich nachgewiesen, dass im Kalten Krieg rechtsextremistische und antikommunistische Netzwerke innerhalb oder zumindest mit Wissen von Sicherheitsbehörden bzw. deren Duldung aufsehenerregende und teils blutige ‚Aktionen‘ durchführten“. Parallelen mit der NATO-Geheimarmee „Gladio“ Die blutigen Aktionen der „Gladio“ seien damals reihenweise „Linken” oder kommunistischen Gruppierungen zugeordnet und die Urheber sowie Netzwerke im Hintergrund bewusst verschleiert worden, schreibt Baş. „Und was passierte bei den NSU-Morden? Welche Menschen wurden nach den Morden der NSU anfangs verdächtigt?“, fragt der Politikberater. „Meist wurde von ‚rivalisierenden türkischen Gruppen‘ gesprochen. Die Familien der Opfer wurden zu Verdächtigen erklärt und stigmatisiert. Desinformation stand also in beiden Fällen im Vordergrund“, so Baş. Die verbrecherischen Taten seien allerdings nachweislich von rechtsextremistischen Zellen ausgeführt worden. Außerdem sei nachgewiesen, dass die Täter damals in Verbindung mit verschiedenen antikommunistischen, transatlantischen Nachrichtendiensten und der NATO-Geheimarmee „Gladio“ standen. Viele Deutschtürken sind enttäuscht und desillusioniert Auf Anfrage von NEX24 erklärt der Politologe, dass er von der Aufklärungsarbeit in Bezug auf den NSU enttäuscht sei. „Das untergräbt das Vertrauen. Die Menschen, allen voran die türkischstämmigen Menschen in Deutschland, möchten den Behörden gerne vertrauen. Aber das Versagen von Teilen dieser Behörden bei der Aufklärung führt leider nicht zu mehr Vertrauen.“ Wenn manche Untersuchungsausschüsse dann auch noch von „Sabotage“ sprechen, Zeugen und V-Leute plötzlich sterben, Akten verschwinden oder für Jahrzehnte unter Verschluss gehalten werden sollen, machen sich die Einen oder Anderen durchaus Gedanken, ob es hier einen „Tiefen Staat“ gebe. Auf die Frage von NEX24, wie der Politikberater und Autor das Aufklärungsversprechen von der geschäftsführenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewertet, antwortet dieser, seine anfängliche Hoffnung habe sich in eine Desillusion gewandelt.
Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.
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Die Überführung des Leichnams des toten Staatspräsidenten von Istanbul nach Ankara, zunächst per Schiff zum Bahnhof Haydarpaşa und dann per Eisenbahn in die Hauptstadt, glich einem letzten Triumphzug durch sein Heimatland. Sieht man heute die eindrucksvollen Filmaufnahmen verschiedener türkischer und ausländischen Wochenschauen, so gewinnt man den Eindruck, die gesamte Nation habe in einer letzten von tiefem Respekt erfüllten Geste Abschied von dem Toten nehmen wollen.
Bis heute sind seine Worte an die Mütter der während des Ersten Weltkrieges in blutigen Kämpfen um die Dardanellen gefallenen feindlichen Soldaten in der Türkei unvergessen: