Gastbeitrag
DHKP-C-Anhänger nennen deutsche Polizei „Mörder“

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Europa unterstützt Exilorganisationen und geflüchtete Aktivisten, um sie später wieder einzufangen und den Prozess zu machen oder in der Versenkung landen zu lassen. Wie kann man diese ambivalente Haltung erklären? Da spielen außenpolitische Entscheidungen eine große Rolle, die darüber entscheiden, wann das Damoklesschwert niederfällt. Das Glück, dass die Geflüchteten oder Aufgenommenen genießen und auch zum Ausdruck bringen, hält nicht lange an. So geschehen jüngst bei den Exilanten Ihsan Cibelik und zwei weiteren mutmaßlichen Mitgliedern der in der Türkei beheimateten marxistisch-leninistischen Untergrundorganisation DHKP-C. Am vergangenen Mittwoch wurde der im deutschen Exil lebende Cibelik vor seiner Wohnung in Bochum aufgrund eines Haftbefehls der Bundesanwaltschaft unter Terrorismusanschuldigung festgenommen. Die Bundesanwaltschaft beschuldigt Cibelik seit 2015 als „Regionalverantwortlicher“ der DHKP-C in Süddeutschland für Finanzen, Mitgliederschulungen sowie die Durchführung von „Propagandaaktivitäten“, aber auch für die Beschaffung gefälschter Ausweispapiere und konspirativer Wohnungen zuständig gewesen zu sein. Bei der ebenfalls in Untersuchungshaft genommenen Özgül E. soll es sich laut GBA um die „Deutschlandverantwortliche“ der DHKP-C handeln. Ihr wird unter anderem die Organisation eines Grup-Yorum-Konzertes im Juni 2014 in Oberhausen vorgeworfen. Serkan K. soll als verantwortlicher Kader der DHKP-C in Hamburg, Bremen und Berlin tätig gewesen sein. Jetzt mobilisieren Anhänger der DHKP-C sowie weitere linksextremistische Gruppierungen unter Verweis auf den „Mörder Deutschland“ oder „imperialistische Macht“, sprich Deutschland, um Cibelik und seinen beiden GenossenInnen beizustehen. Dieselbe Musikband namens Grup-Yorum wurde in Deutschland vor allem wegen der Verhaftungen und anschließenden Hungerstreiks in der Türkei bekannt. Etliche Politiker der SPD, Grünen und Linken-Partei solidarisierten sich mit den Hungerstreiks und warfen der Türkei politisch motivierte Verhaftungen vor. Nun steht Deutschland am Pranger. „Mörder“ und „Imperialisten“ hallt es in sozialen Netzwerken, von der Grup Yorum selbst oder ihren Anhängern in Deutschland wie auch weltweit. Von den einstigen Solidaritätsbekundungen manch eines deutschen Politikers ist nicht viel übrig geblieben. Derzeit herrscht hier Funkstille.
(Screenshot/Facebook)
Pikant dabei und was man eigentlich immer nur in Richtung Türkei vernimmt: Dass die Haftbefehle gerade zum jetzigen Zeitpunkt vollstreckt werden, könnte mit außenpolitischen Erwägungen zusammenhängen, so der Grundtenor bei den Anhängern dieser Gruppierungen. Ist also die deutsche Justiz doch nicht unabhängig? EU-Medien: Auf einem Auge blind Zahlreiche Exilorganisationen, Medienschaffende und Exilanten führen einen regelrechten Kampf gegen die PKK, YPG, SDF, PYD bzw. alle Dreibuchstaben-Ableger der völkisch-kurdischen PKK, die sich in Europa als Wortführer der Jesiden, Asyrer oder anderer Minderheiten und Religionsgemeinschaften im Irak und Syrien ausgeben. Diese Exilorganisationen, Medienschaffende und Exilanten sind selbst Wortführer der Jesiden, Assyrer oder anderer Minderheiten und Religionsgemeinschaften im Irak und Syrien, zumindest eine Opposition. Doch ihre Stimme zählt nichts. Ihre Sorgen und Nöte überwiegen die der PKK offensichtlich nicht. Dabei machen sie sehr wohl auf sich aufmerksam, wollen angehört werden, über soziale Netzwerke, eigene TV-Kanäle oder Vereine und Organisationen. Aber aus irgendeinem Grund scheint man in Europa kein Interesse an ihnen zu haben. Wie kommt das? Das liegt unter anderem an der europäischen Medienlandschaft, die auf einem Auge blind zu sein scheint. Denn, gerade Wortführer der PKK kommen sehr wohl in den Medien sehr oft vor, die der Opposition jedoch nur im geringen Maße. Nur wenige Medien, darunter die TRT Deutsch oder auch hier, die NEX24, berichten immer wieder darüber, welche Sorgen und Nöte diese Menschen haben. So beschwert sich die Assyrer-Vereinigung in Schweden seit langem über die Vereinnahmung der Situation in Syrien und im Irak durch die Linke-Partei. In einer aufsehen erregenden Streitschrift erklärte die Sprecherin der Assyrer-Vereinigung bereits 2019, dass der Nordosten Syriens, der von der syrischen YPG sowie der PKK übernommen worden sei, von Mord, Unterdrückung, Ausbeutung von Kindersoldaten und ethnischen Säuberungen geprägt sei. Kara Hermez, die Sprecherin der christlichen Assyrer-Vereinigung, ist aber nicht die Einzige. Laut jüngsten Berichten der „Assyria TV“, mit Sitz in Schweden, hat man schon seit Jahren vor der Gefahr der PKK gewarnt. Europa habe aber bislang nicht reagiert, so Dirkan Ego, Leiter der „Assyria TV“. Ego kann offenbar nur noch in TRT Deutsch seine Meinung frei äußern und so ein Publikum erreichen, während die Wortführer der PKK die gesamte europäische Polit- und Medienlandschaft prägen. Die europäische Polit- und Medienlandschaft scheint aber nicht nur die Minderheiten und Opposition in Nordsyrien oder Nordirak nicht beachten zu wollen, sondern auch die Menschenrechtsorganisationen wie Human Right Watch oder Amnesty International. Mehrere Organisationen warnen schon seit Jahren vor dem Unterdrückungsapparat der PKK, YPG, SDF oder PYD, die die Opposition ständig unterdrücke, Morde, ethnische Säuberungen durchführe und Kindersoldaten einsetze. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Menschenrechtsorganisationen von der europäischen Polit- und Medienlandschaft sehr wohl verfolgt werden, vor allem in Zusammenhang mit Türkei-Berichten, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass hier selektiert wird: in Berichte die die eigene Position stärken und Berichte die die eigene Position gegenüber der Türkei schwächen. Dann muss man aber auch ein Schlussstrich ziehen und davon ausgehen, dass die europäische Union kein Interesse an Minderheiten oder Religionsgemeinschaften im Irak oder Syrien oder deren Wohlergehen und politische Partizipation hat.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar. Kontakt: yuecelnabi@hotmail.de

Zum Thema

Assyrisch-christlicher Journalist: Westliche Medien lassen keine kritischen Fragen über PKK oder YPG zu

Assyrische Christen und Aramäer sind frustriert über die Berichterstattung westlicher Medien zur Terrororganisation PKK und ihrem syrischen Ableger YPG. Die Berichte entsprächen nicht der Realität und wer Fragen stelle oder Einwände habe, werde in Europa nicht erhört.

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Terrorismus
„Kampf gegen türkischen Staat“: Mutmaßliche DHKP-C-Mitglieder festgenommen

Karlsruhe – Auf Bestreben der Bundesanwaltschaft sind drei mutmaßliche Mitglieder der marxistisch-leninistischen Terrororganisation DHKP-C in Untersuchungshaft gekommen. Wie die Behörde am Donnerstag bekannt gab, handelt es sich bei den Festgenommenen um zwei türkische und einen deutschen Staatsangehörigen. Özgül E. wurde demnach am 16. Mai 2022 in Heidelberg, Serkan K. am 17. Mai 2022 in Hamburg und Ihsan C. am 18. Mai 2022 in Bochum festgenommen. Sie sollen in verschiedenen Funktionen und Regionen in Deutschland für die in der Türkei gegründete Terrororganisation gearbeitet haben. Hierzu die Bundesanwaltschaft:
Die DHKP-C hat es sich zum Ziel gesetzt, den türkischen Staat mittels eines „bewaffneten Kampfes“ zu beseitigen und durch ein marxistisch-leninistisches Regime unter ihrer Kontrolle zu ersetzen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 bis in die jüngste Vergangenheit hat die Gruppierung in der Türkei zahlreiche Tötungsdelikte begangen sowie eine Vielzahl von Brand- und Sprengstoffanschlägen verübt. Dabei hat sie wiederholt auch Selbstmordattentäter eingesetzt.
Die Gruppe verfüge in Europa über eine Auslandsorganisation, die sie als „Rückfront“ unter anderem zur „Finanzierung ihrer terroristischen Aktivitäten, zur Rekrutierung und Ausbildung von Kämpfern, zur Beschaffung von Waffen und sonstiger militärischer Ausrüstung sowie als sicheren Rückzugsraum für ihre Mitglieder nutzt“, so die Mitteilung. Özgül E. war demnach spätestens seit Januar 2003 in der DHKP-C aktiv.
Bis April 2004 hatte sie eine leitende Position im zentralen Pressebüro der Vereinigung im Amsterdam inne. Dort sorgte sie mittels Anweisungen an weitere Mitarbeiter für die Weiterleitung organisationsinterner Mitteilungen und Berichte. Weiter nahm sie Gelder, die für das Pressebüro oder andere Bereiche der Vereinigung bestimmt waren, entgegen und war in die Übermittlung von gefälschten Ausweisdokumenten eingebunden.
Im Juni 2014 habe Özgül E. federführend ein Konzert in Deutschland, an dem Aktivisten und Funktionäre der DHKP-C teilnahmen und dessen Erlöse ebenfalls der Organisation zuflossen organisiert. Zwischen Dezember 2015 bis mindestens Februar 2016 habe die Beschuldigte im Raum Istanbul verschiedene Aufgaben für die DHKP- übernommen.
Hierzu gehörten Schulungsmaßnahmen für Vereinigungsmitglieder, die Durchführung von Propagandaaktionen sowie die Erstellung von Pressekolumnen und von Programmen zur Ausbildung von Guerillakriegern. Spätestens ab Januar 2017 war die Beschuldigte als „Deutschlandverantwortliche“ in der Bundesrepublik eingesetzt.
Laut der Bundesanwaltschaft koordinierte und überwachte sie in dieser Funktion insbesondere die Beschaffung von Finanzmitteln (etwa über Spendensammlungen oder den Verkauf des wöchentlich erscheinenden Parteiblatts) und die Organisation von Veranstaltungen für die Vereinigung. Auch von Deutschland aus habe Özgül E. bei der Beschaffung gefälschter Ausweispapiere geholfen. Sie habe sich zudem an der Erschließung von Schleusungsmöglichkeiten für verdeckt agierende Vereinigungsmitglieder beteiligt. Noch bis Februar 2022 habe sie an verschiedenen Propagandaveranstaltungen mit Bezügen zur DHKP-C im Bundesgebiet teilgenommen. Der zweite Verdächtigte, Serkan K., sei zwischen Sommer 2014 und Dezember 2018 in Deutschland für die DHKP-C aktiv gewesen. Demnach war er zuerst Mitglied eines Jugendkomitees der Vereinigung. Ab Sommer 2015 habe er als „Gebietsverantwortlicher“ im Raum Hamburg und zeitweise als „Regionsverantwortlicher“ für die DHKP-C-Region „Nord“, bestehend aus den Gebieten Hamburg, Bremen und Berlin, agiert. Der Beschuldigte habe in den beiden letztgenannten Funktionen mit den ihm jeweils nachgeordneten Kadern und Aktivisten in engem Kontakt gestanden und ihnen Anweisungen gegeben. Regionsverantwortlicher der DHKP-C für die Region „Süd“ Ihsan C. habe spätestens seit September 2015 als „Regionsverantwortlicher“ der DHKP-C für die Region „Süd“, bestehend aus den Gebieten Frankfurt/Darmstadt, Saarbrücken, Stuttgart, Ulm, München, Augsburg und Nürnberg fungiert. Ihsan C. sei unter anderem in „die Beschaffung gefälschter Ausweispapiere für verdeckt agierende Vereinigungsmitglieder und die Suche nach konspirativen („sauberen“) Wohnungen in seiner Region involviert“ gewesen. Türkei fordert Auslieferung mutmaßlicher DHKP-C-Mitglieder Die türkische Regierung hat in ihren Forderungen an Schweden für einen NATO-Beitritt auch die Auslieferung mutmaßlicher DHKP-C-Mitglieder genannt. Die DHKP-C, zu Deutsch Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front, ist eine verbotene ultralinke Gruppierung, die in Großbritannien, in der EU und den USA als eine Terrororganisation eingestuft ist. Sie war an einer Vielzahl von Anschlägen in der Türkei beteiligt, so auch an dem Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in Ankara im Februar 2013, der einen türkischen Wachmann das Leben kostete. Die Terrorgruppe sei auch für den Mord am Staatsanwalt Mehmet Selim Kiraz in einem Gerichtsgebäude in Istanbul im März 2015 verantwortlich.    

NATO-Krise
Türkischer Botschafter fordert Auslieferung schwedischer Politikerin

von Nabi Yücel Den Botschafter der Türkei in Schweden würde es erfreuen, wenn er den Auslieferungsantrag für die Reichstagsabgeordnete Amineh Kakabaveh an das schwedische Außenministerium übergeben könne. Der NATO-Antrag der Finnen und Schweden hängt weiterhin in der Luft. Das NATO-Mitglied Türkei hatte zuerst Bedenken über den Beitritt der beiden skandinavischen Länder geäußert. Seit Samstag ist klar, dass die Türkei Forderungen gegenüber Finnland und Schweden aufgestellt hat, die es zu erfüllen gelte. Türkischer Botschafter würde Antrag mit Freude übergeben Wie ernst das von Ankara oder seinen Vertretern im Ausland aufgefasst wird, konnte man bereits am Freitag erahnen. Da erklärte der türkische Botschafter von Schweden, Hakkı Emre Yunt, dass er es begrüßen würde, den Auslieferungsantrag der Türkei für die Reichstagsabgeordnete Amineh Kakabaveh gerne persönlich dem schwedischen Außenministerium überreichen zu können. Kakabaveh ist derzeit die parteilose – noch gilt sie als Vertreterin der Linken Partei – kurdischstämmige Reichstagsabgeordnete Schwedens. Ein Deal von Amineh Kakabaveh mit der designierten sozialdemokratischen Regierung im Spätherbst 2021 ist dabei ein gewisses Problem von vielen, mit denen Ankara nicht einverstanden ist. Kakabahev hatte durchgesetzt, dass die schwedische Regierung unter der Premierministerin Magdalena Andersson der völkisch-kurdischen Partei PYD in Syrien Hilfen in Millionenhöhe in Aussicht stellt und politische Kontakte knüpft. Noch im Januar 2022 traf sich dann die schwedische Außenministerin Ann Linde mit Vertretern und Vertreterinnen der PYD, deren bewaffneten Arm YPG sowie ehemaligen Kadermitgliedern der PKK. Die PYD selbst wurde auf Beschluss der Terrororganisation PKK 2003 gegründet. Der türkische Botschafter in Stockholm, Yunt, erklärte des Weiteren, dass die Türkei von der schwedischen Regierung fordere, ihre Verbindungen zur PKK abbricht. Laut diversen schwedischen Medienberichten ging der türkische Botschafter in seinen Anschuldigungen zu Verbindungen der schwedischen Regierung mit der völkisch-kurdischen PKK sehr weit. In einem Bericht der schwedischen Mediengruppe TT erklärte Yunt, dass die PKK Verbindungen zu bestimmten Mitgliedern des Reichstags habe, die ständig gegen die Türkei arbeiten würden. Sie würden die schwedische Regierung unter Druck setzen, eine negative Haltung gegenüber der Türkei einnehmen und Terrororganisationen finanziell wie politisch unterstützen, erklärte Emre Yunt weiter. Die Zusammenarbeit zwischen Amineh Kakabaveh sowie der sozialdemokratischen Regierung Schwedens nannte Yunt als „undemokratisch“, weil diese Regierung erpresst worden sei. Damit Ankara einlenken könne, müsse die schwedische Regierung konkrete Maßnahmen umsetzen. Laut Yunt habe Ankara die Auslieferung von rund 30 Personen gefordert. Dabei handelt es sich laut Botschafter Yunt um Anhänger der PKK und der Gülen-Bewegung. Manche von ihnen seien nach Angaben des Botschafters schwedische Staatsbürger, die Vielzahl aber habe entweder einen Asylstatus oder einen Aufenthaltserlaubnis. Hakki Emre Yunt wirft mehreren schwedischen Abgeordneten Verbindungen zur PKK vor, ohne konkrete Namen zu nennen. Er weist grob darauf hin, dass die Linkspartei beispielsweise im Reichstag so auftrete, als würde sie hauptsächlich die PKK vertreten. Auf die Frage, ob er es mit Kakabaveh ernst meine, erklärte Yunt im Nachhinein, er wäre froh darüber, aber es gebe derzeit keinen Auslieferungsantrag der Türkei. Ihr Name stehe auch nicht in einer Liste. Schwedischer Diplomat a.D.: Die Lage ist festgefahren Letzte Woche erklärte Yunt noch, Schweden brauche sich erst gar nicht darum bemühen, der NATO beizutreten. Für Michael Sahlin, einem ehemaligem schwedischen Botschafter in der Türkei, zeigen die Äußerungen von Yunt, dass die Lage ziemlich festgefahren ist. Sahlin, der unter anderem für das internationale Friedensforschungsinstitut Sipri in der Türkei tätig ist, erklärte, er sei überrascht, dass der Botschafter so weit gehe, einen Abgeordneten namentlich zu erwähnen, den er ausgeliefert wissen will.
„Ich denke, dass dies die Lage noch schwieriger macht, sich vorzustellen, dass die schwedische Regierung in einigen wichtigen Fragen Ankara entgegenkommt. Es wird unmöglich sein, wenn ein Botschafter solche zusätzlichen Anforderung stelle, wie es Yunt getan hat. Dann treten wirklich hohe Hürden auf, die man nicht mehr nehmen kann.“
Sahlin erklärte des Weiteren, dass das Bewusstsein für den Konflikt, in der Türkei größer geworden ist als er gedacht hätte. Der Druck in den türkischen Medien auf die Politik habe zugenommen und das zeige, dass die Gesellschaft noch mehr fordere, als nur das, was derzeit bekannt sei. Es wäre im schwedischen Interesse, die Wogen zu glätten, um die Menschen in der Türkei zu erreichen und die Spirale nicht weiter anzutreiben. Die Lösung für die Zukunft sei unter anderem „kreative Diplomatie“, glaubt Sahlin. Schwedisches Außenministerium nicht erreichbar In Schweden hat der Deal zwischen Amineh Kakabaveh und den Sozialdemokraten erste Konsequenzen. Die schwedische Außenministerin Ann Linde ist offensichtlich wegen der Forderungen der Türkei vorläufig kaltgestellt worden. Schwedische Medien, die um einen Kommentar gebeten haben oder ein Interview führen wollen, werden verweigert oder abgewiesen. Auch das Außenministerium will sich nicht weiter dazu äußern. Linde war in der Vergangenheit mehrmals vom türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu aufgrund der Haltung Schwedens gegenüber der PKK kritisiert worden. Offensichtlich hat die schwedische Regierung Ann Linde aufgrund der momentanen Lage aus dem Schussfeld genommen. Seit Tagen führt die Premierministerin Andersson die Gespräche mit Ankara direkt. USA: Wir kennen uns nicht Die USA zeigen sich trotz des gordischen Knotens zuversichtlich, dass die Türkei den Beitrittsantrag Schwedens und Finnlands zur NATO letztendlich akzeptieren wird. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price, weist jedoch darauf hin, dass es keine amerikanische Angelegenheit sei, die es zu lösen gelte. Die USA könnten Druck auf Ankara ausüben, aber laut dem Sprecher des US-Außenministeriums, handele es sich nicht um eine bilaterale Angelegenheit zwischen Washington und Ankara. Das Problem müssten die Länder untereinander klären, so Price.

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– NATO-Krise – „Schwedische Regierung spielte in die Hände von Erdogan“

Yücel: „Die schwedische sozialdemokratische Regierung hat mit parteipolitischen Spielen die derzeitige Lage des Landes selbst zu verantworten.“

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Türkei
Ankara: US-Botschafter ins Außenministerium einbestellt

Ankara – Der US-Botschafter in Ankara, Jeffry L. Flake, wurde am Sonntag ins Außenministerium einbestellt. Medienberichten zufolge war der Grund eine zuvor von der US-Botschaft herausgegebene Warnung. Die Botschaft hatte in einer Warnung auf ihrer Website amerikanische Bürger aufgefordert, sich vor einer „Großdemonstration“ in Istanbul am Samstagabend in Acht zu nehmen und bezog sich dabei auf eine Versammlung der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP). In der Warnung der Botschaft hieß es, es bestehe „eine hohe Wahrscheinlichkeit“, dass die türkische Polizei ähnliche Maßnahmen wie in der Vergangenheit ergreifen werde, „einschließlich Wasserwerfer, Tränengas und nicht-tödliche Geschosse“. „Vermeiden Sie Demonstrationen und Proteste, da diese unvorhersehbar sind und manchmal gewalttätig werden können“, hieß es in der Warnung, die eine Reihe von Maßnahmen auflistete, die US-Bürger zu ihrer Sicherheit ergreifen können. Das türkische Außenministerium habe unterstrichen, dass die Warnung den falschen Eindruck erwecke, dass die Türkei unter einem ernsten Problem leide, und dies sei „nicht akzeptierbar“. Das Treffen am Samstag sei „ohne Zwischenfälle“ verlaufen. Die türkische Seite habe zudem ihre Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass derartige Warnungen in Zukunft auf der Grundlage von Fakten getroffen werden, unabhängig davon, ob es sich um Reiseempfehlungen oder Warnungen vor Demonstrationen handelt. In einer Retourkutsche veröffentlichte die türkische Polizei eine fast wortgleiche Warnung der US-Botschaft in der sie türkische Bürger vor Reisen in die USA warnt. In der Mitteilung wurde auf die Gefahren „von Veranstaltungen mit breiter Beteiligung“ hingewiesen. „Obwohl die Polizei in den Vereinigten Staaten bei Protesten mit breiter Beteiligung Maßnahmen ergreift, ist zu bedenken, dass (die Polizei) scharfe Kugeln, Elektroschockwaffen und Tränengas eingesetzt hat. Solche Organisationen sind schwer zu kontrollieren und können in Gewalt eskalieren“, heißt es in der Warnung. Sie rief die türkischen Bürger auf, Menschenansammlungen zu meiden, keine „Aufmerksamkeit zu erregen“ und sich von den Orten der Proteste fernzuhalten. In einer Erklärung des Außenministeriums wurde dieselbe Warnung wiederholt und die Türken in den Vereinigten Staaten aufgefordert, sich zurückhaltend zu verhalten und den Medien auf aktuelle Informationen zu folgen. Es war unklar, auf welche Proteste sich die türkischen Behörden bezogen, aber in den Vereinigten Staaten gab es immer wieder Proteste, die gewalttätig wurden, vor allem wegen rassistischer Ungerechtigkeit.

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– Cavusoglu in Washington – Türkei möchte Beziehungen zu den USA verbessern

Die Türkei möchte die Probleme mit den USA lösen, sagte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu am Dienstag.

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Gesundheit
Fasten mit Diabetes: Einstieg in ein gesünderes Leben

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Fasten ist viel mehr als nicht essen. Beim Nahrungsverzicht findet so etwas wie ein Großputz in den Zellen statt – ein Recyclingprogramm kommt in Schwung, das Zellmüll beseitigt. Gerade auch Menschen mit Diabetes können vom Fasten profitieren. „Nichts bewirkt einen so schnellen Zugewinn an Gesundheit wie Fasten“, sagt Professor Peter Schwarz, Diabetologe von der Universität Dresden, im Apothekenmagazin „Diabetes Ratgeber. Leberfett durch Fasten deutlich verringern Wissenschaftler haben bereits viele positive Gesundheitseffekte des Fastens nachgewiesen, etwa bei Migräne, Multipler Sklerose, chronischen Schmerzen und Entzündungen wie Rheuma, Bluthochdruck und schwerer Erschöpfung – und nicht zuletzt bei Diabetes Typ 2. Im Fokus steht dabei vor allem das Leberfett. „Es trägt entscheidend zur Entwicklung von Diabetes Typ 2 bei“, erklärt Diabetologe Schwarz. Doch wie rückt man dem Leberfett zu Leibe? Studien belegen, dass es sich durch Fasten deutlich verringern lässt, ebenso wie das schädliche Bauchfett zwischen den anderen Organen. Experten sprechen zudem von einer Art Stoffwechselreset. Krankhafte Veränderungen werden ein Stück weit rückgängig gemacht, etwa beim Zuckerstoffwechsel. Wer zudem gesund isst und sich regelmäßig bewegt, kann seinen Diabetes oft ohne Kontrolle bringen oder die Dosis zumindest verringern. Unter ärztlicher Aufsicht sicher fasten Während der zeitweilige Nahrungsverzicht bei Diabetes Typ 2 inzwischen als etablierte Therapie gelten kann, wurde Menschen mit Diabetes Typ 1 meist davon abgeraten. Zu groß war die Angst vor gefährlichen Stoffwechselentgleisungen, zu denen es bei Fehlern in der Diabetes-Therapie kommen kann. Doch inzwischen hat eine Studie der Universität Witten/Herdecke gezeigt, dass auch „Typ-1er“ unter ärztlicher Aufsicht sicher fasten können.

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– Medizin – „Türkische Therapie“: Wie die Pockenimpfung aus dem osmanischen Harem nach Europa kam

Als Lady Mary Wortley Montagu, die Frau des englischen Botschafters am osmanischen Hof in Konstantinopel, 1717 beobachtet, wie Haremsfrauen ihre Kinder absichtlich mit Pocken infizieren, glaubt sie erst an eine barbarische Praxis.

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Verkehr
ADAC: Fahrrad-Pannenhilfe ab Juni

München – Der ADAC e.V. will weitere attraktive Angebote machen und so auch neue Mitglieder gewinnen. Auf der Hauptversammlung des Vereins in Wiesbaden fand der strategische Kurs eine überwältigende Mehrheit. Konkret wird der ADAC zukünftig Dienstleistungen auch in den Bereichen Gesundheit und Heim anbieten, die teilweise – wie etwa der ADAC Schlüsseldienst – bereits erfolgreich in Pilotprojekten erprobt wurden. Mit 21,23 Millionen Mitgliedern ist der ADAC bereits Europas größter Verein, der auch im vergangenen Jahr wachsen konnte. Die neuen Leistungen sollen die Attraktivität einer Mitgliedschaft weiter erhöhen: „Das Bedürfnis nach Hilfe, Rat und Schutz endet nicht im Bereich der Mobilität, wir können mehr leisten und unseren Mitgliedern weitere Angebote machen“, sagte ADAC Präsident Christian Reinicke vor den 220 Delegierten in Wiesbaden. Ein erstes neues Angebot kündigte der ADAC Präsident bereits an: Ab Juni dieses Jahres wird es die bewährte ADAC Pannenhilfe bundesweit auch für Fahrradfahrer geben. Alle Mitglieder können die Pannenhilfe für ihr Rad kostenfrei in Anspruch nehmen. Reinicke unterstrich auch die Symbolkraft dieser Mitgliederleistung: „Der ADAC sagt Ja zum Mobilitätswandel, und er begleitet seine Mitglieder dabei.“ Die ADAC Hauptversammlung stand unter dem Motto „Mobilität. Nachhaltigkeit. Innovation.“ Ausgehend vom Kernbereich der Mobilität will sich der Verein weiterentwickeln und bei Angeboten und Unternehmensführung das Zielbild der Nachhaltigkeit erfüllen. Die ADAC Hauptversammlung entschied satzungsgemäß auch über die Feststellung des Jahresabschlusses sowie den Wirtschaftsplan für das laufende Jahr. Der Verein konnte 2021 ein Jahresergebnis von 137 Millionen Euro erzielen. Hintergrund für die positive Bilanz des Vereins sind sinkende Ausgaben unter anderem aufgrund der Pandemie sowie das im Jahr 2017 aufgelegte Effizienzprogramm. Aufgrund des positiven Jahresergebnisses kann der ADAC neue innovative Angebote für Mitglieder machen, ohne die Beiträge zu erhöhen – etwa die Fahrrad-Pannenhilfe sowie weitere Leistungen bei der Medical App. Zusätzlich kann der ADAC in das Testzentrum Mobilität in Penzing sowie in die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie investieren und die ADAC Luftrettung unterstützen.

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– TOGG Deutschland – Türkisches E-Auto: TOGG eröffnet Deutschlandzentrale

Die türkische E-Automarke TOGG, hierzulande auch als „Erdogan-Auto“ bezeichnet, hat in Deutschland ihre erste Auslandszentrale eröffnet.

Türkisches E-Auto: TOGG eröffnet Deutschlandzentrale
 

EuroLeague-Finale
Basketball: Anadolu Efes Istanbul erneut Europameister

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Belgrad – In der Turkish Airlines EuroLeague, dem Championsleague des Basketball, trat Titelverteidiger Anadolu Efes erneut an, um seinen Titel zu verteidigen. Anadolu Efes wurde durch einen 58:57-Sieg gegen Real Madrid am Samstag in der Stark Arena in Belgrad, Serbien, im letzten Spiel des Turkish Airlines EuroLeague Final Four zum zweiten Mal in Folge Meister. Die Schützlinge von Ergin Ataman, die Olympiacos durch einen Dreier von Vasilije Micic in letzter Sekunde besiegten, trafen im Final-Four-Finale auf Real Madrid, das das Match gegen Barcelona für sich entscheiden konnte. Anadolu Efes besiegte den spanischen Giganten in einem atemberaubenden Spiel mit 58:57 und erreichte damit zum zweiten Mal in Folge die Meisterschaft. Ataman ist somit der 2. Trainer der zweimal hintereinander die Euroleague gewonnen hat. Im vergangenen Jahr besiegte Anadolu Efes Barcelona, ein weiterer Basketball-Gigant. Das Spiel war der dritte EuroLeague-Sieg für die Türkei, da Fenerbahce Beko den Titel 2016/17 gewann.

Türkei-Wahlen
Türkei: Ali Babacan könnte für Präsidentschaft kandidieren

Ankara – Der türkische Politiker Ali Babacan, Vorsitzender der  Oppositionspartei DEVA (Demokratie und Fortschritt), erklärte, er sei bereit, für das Präsidentenamt zu kandidieren, falls sich sechs Oppositionsparteien nicht auf einen alternativen Kandidaten einigen können. Die sechs Parteien, einschließlich der DEVA, hätten keine Namen besprochen, sondern nur die Qualifikationen, die ein Kandidat haben sollte, sagte Babacan in einem Fernsehinterview mit dem Nachrichtensender Habertürk am Donnerstag. Die sechs Oppositionsparteien, von denen die Republikanische Volkspartei (CHP) die größte ist, haben ein Bündnis auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien gebildet, das sich auf die Abschaffung des präsidentiellen Regierungssystems in der Türkei konzentriert. Der gemeinsame Kandidat könnte einer der sechs Parteivorsitzenden sein, aber auch eine andere Person, sagte Babacan.

Der einstige Weggefährte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, trat im Juli 2019 aus der regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) aus und gründete im März 2020 eine neue Partei. Er kritisiert die Regierung besonders in Wirtschaftsfragen. Er war einst für die türkische Wirtschaft verantwortlich.

Ihm schreibt man den Verdienst zu, den Wirtschaftsboom des Landes in den 2000er-Jahren ausgelöst zu haben. Auch der deutsch-türkische Abgeordnete Mustafa Yeneroglu, der wie zahlreiche andere 2019 aus der AKP ausgetreten war, gehörte zu den Mitgründern der neuen Partei. Insgesamt gab es 90 Gründungsmitglieder. Babacan war 2001 Mitgründer der AKP und arbeitete jahrelang eng mit Präsident Erdogan zusammen. Er war zudem Chefunterhändler für die EU-Beitrittsgespräche und wurde 2007 Außenminister und Stellvertreter des damaligen Ministerpräsidenten Erdogan. „Die Priorität ist es, zu umarmen und nicht zu polarisieren“, so Babacan gegenüber Habertürk. „Am Sechs-Parteien-Tisch ist nie ein Name in den Vordergrund getreten. Im Gegenteil, es gab den Vorschlag, noch nicht über Namen zu sprechen“, sagte Babacan. Der CHP-Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu hat sich bereit erklärt, für das Präsidentenamt zu kandidieren, sollte er von seinen Verbündeten gewählt werden. Kılıçdaroğlu sagte, dass ein Präsidentschaftskandidat Erfahrung im Staatswesen haben sollte, und schloss damit offenbar die Kandidatur der CHP-Bürgermeister von Ankara und Istanbul aus. Meinungsumfragen zeigen, dass einer der beiden Bürgermeister unter den führenden Anwärtern auf das Amt die besten Chancen hätte, Erdoğan zu besiegen.

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– Türkei – Wahlen: Kilicdaroglu rechnet mit Sieg der CHP

Oppositionspolitiker Kemal Kilicdaroglu sagte in einem TV-Interview, dass sie bei den kommenden Wahlen gewinnen und die „derzeitige Regierung stürzen“ werden.

Wahlen: Kilicdaroglu rechnet mit Sieg der CHP

NATO-Krise
„Schwedische Regierung spielte in die Hände von Erdogan“

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Die Türkei erhöht den Druck auf Schweden, die in die NATO aufgenommen werden will. Die schwedische sozialdemokratische Regierung hat mit parteipolitischen Spielen die derzeitige Lage des Landes aber selbst zu verantworten. Kurz vor Weihnachten 2020 überrollten die Oppositionsparteien des schwedischen Reichstags die Regierung mit einer Forderung. Die schwedische Regierung unter der Regie der Sozialdemokraten wurde aufgefordert, eine NATO-Aufnahme-Option einzuplanen. Darüber war die damalige und jetzige Außenministerin Ann Linde nicht entzückt und fuhr den Reichstag harsch an. Über die Sicherheitspolitik des Landes entscheide die Regierung, nicht der Reichstag, erklärte sie genervt. Mehr als ein Jahr später ist der Grundsatz der Außenministerin im sozialdemokratischen Kabinett plötzlich nicht mehr so ​​wichtig. (Quelle) Hatte die Opposition etwa den richtigen Riecher, während die Sozialdemokraten Realpolitik verfolgten? Nach dem Rücktritt des ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Löfven im November 2021 musste sich Magdalena Andersson von der Sozialistischen Arbeiterpartei die Unterstützung des Reichstags sichern, um Ministerpräsidentin zu werden. Sie brauchte noch eine Stimme. Dabei half ihr ein Deal mit der kurdischstämmigen Amineh Kakabaveh von den schwedischen Linken. Als Gegenleistung für ihre einzige Stimme bei der Ministerpräsidentenwahl versprachen die Sozialdemokraten der parteilosen aber noch als Linke-Reichstagsabgeordnete geltenden Kakabahev unter anderem, die sogenannte kurdische Selbstverwaltung in Syrien zu unterstützen, die Zusammenarbeit mit der völkisch-kurdischen PYD – die 1993 von der Terrororganisation in Syrien gegründet wurde – zu vertiefen und die Selbstverwaltung finanziell zu unterstützen. Dieser Kuhhandel geriet schnell ins Visier der schwedischen Opposition, die das einerseits als verfassungswidrig einstuften, andererseits daran monierten, dass eine einzelne Reichstagsabgeordnete die Außen- und Sicherheitspolitik Schwedens zeichne und die designierte Regierung damit erpresse. Außenpolitik sollte zudem gut durchdacht sein, vorzugsweise in der EU verwurzelt sein und den Interessen Schwedens dienen, so die Opposition. Aber hier hatte stattdessen Amineh Kakabaveh viel mehr Gewicht, dass die in die Krise geratene Regierung benötigte, um erneut regieren zu können. Dafür nahm die Regierung einen Deal von Amineh Kakabaveh an, die sich mit ihrer Linken-Partei im Krach befindet, jedoch nicht von der Partei ausgeschlossen werden kann, so lange sie Abgeordnete im schwedischen Reichstag ist. Als dieser Deal von Amineh Kakabaveh von der sozialdemokratischen Regierung angenommen wurde, weil man diese einzelne Stimme benötigte, gab es jedoch weder eine konkrete Kriegsgefahr in der Ukraine, noch hatte Europa irgendwelche Anzeichen dafür. Nun ist aber der Krieg am Rande Europas nicht nur ausgebrochen, sondern droht auch auf die umliegenden Länder überzugreifen. Die Gefahr, dass dies auch auf Schweden übergreifen könnte, dessen war man sich offensichtlich nicht bewusst oder hatte es schlichtweg unterschätzt. Dieser außen- und sicherheitspolitische Alleingang rächt sich jetzt, weil die Türkei die NATO-Anträge Schwedens und Finnlands blockiert, solange beide Regierungen keine konkreten Schritte unternehmen, die Ankara zufriedenstellen. Ankara fordert u.a., dass Schweden sein Waffenembargo gegen das Land aufhebt und mehrere gesuchte türkische Staatsbürger ausliefert. Aber die Hauptforderung ist brisanter und trifft den Deal zwischen Kakabahev sowie die schwedische Regierung direkt: Schweden soll ihre Kontakte zur YPG, zur PYD und zur SDF sofort abbrechen, die die Türkei als Ableger der terroristischen PKK betrachtet. Schweden muss nun entscheiden, wozu sie in der Lage ist, aus diesem Forderungskatalog zumindest einer Vielzahl nachzukommen, um Ankara zum Einlenken zu bewegen. Machbar wäre das, denn die schwedischen Regierungen haben bislang eine seltsam gespaltene Haltung gegenüber der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien sowie deren Aktivitäten und Mitglieder bzw. Anhänger offengelegt. Einerseits ist der schwedische Staat zufrieden damit, dass die sogenannte völkisch-kurdische Selbstverwaltung bzw. deren bewaffneten Arme den sogenannten Islamischen Staat zurückschlagen konnten – mithilfe der Anti-IS-Koalition der USA, dass die Selbstverwaltung sehr viele schwedische IS-Anhänger inhaftiert hat und dort verköstigt. Damit wäre zumindest die innere Sicherheit Schwedens gewährleistet. Andererseits verweigert das Land aber regelmäßig Aktivisten der PKK aus Syrien oder der Türkei (samt ihren Ablegern), die schwedische Staatsbürger zu erlangen; mit der Begründung, dass diese Organisationen in Nordsyrien systematisch Verbrechen begehen oder darin verwickelt sind. Auch die Gerichte des Landes sind der Ansicht, vor allem Migrationsgerichte, dass die YPG/PYD/SDF tatsächlich enge Verbindungen zur PKK hat. Der schwedische NATO-Antrag hängt jetzt in der Luft. Möglicherweise ist das Veto Ankaras eine Möglichkeit, auch Druck auf die USA oder gar den Niederlanden, Frankreich oder Deutschland auszuüben – die ebenfalls die YPG/PYD/SDF unterstützen. Dann könnten neueste US-amerikanische Kampfjets oder ein Fototermin mit Joe Biden den verflixten Knoten lösen. Diese Ansicht teilen in den langen Fluren von Beştepe in Ankara aber sehr wenige. Es geht hierbei um viel mehr, als nur eine Handvoll unausgereifter F-35 Kampfjets, ausgedienten Patriot-Raketen oder aufgemotzten F-16 Kampfjets. Es geht um den Ruf eines Präsidenten im eigenen Land, der das Los vor sich her trägt, die Welt bestehe aus mehr als fünf Ländern – in Anspielung auf den UN-Sicherheitsrat und deren inkonsequente, von Eigeninteressen geprägten Handeln. Es liegt nun an der schwedischen Regierung selbst, ob die Beibehaltung des verhängten Waffenembargos gegen die Türkei die eigenen Interessen konterkarieren. Zudem muss Schweden die Beziehungen zur YPG/PYD/SDF auf den Prüfstand stellen und abwägen, ob diese wichtiger sind als die Verteidigungsgarantien, die die NATO zu bieten hat. Der im Herbst 2021 getroffene Kuhhandel der schwedischen Regierung von Ministerpräsidentin Magdalena Andersson mit der Reichstagsabgeordneten Amineh Kakabaveh zeigt, dass der Regierung realpolitische Erwägungen nicht fremd sind. Aber diesmal muss das Interesse Schwedens – nicht das der Sozialdemokraten oder einer Kakabaveh – die Entscheidung treffen, will sie die Privilegien der NATO genießen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Schweden wirft Türkei „Desinformation“ vor

Stockholm – Die schwedische Außenministerin hat der Türkei Desinformation vorgeworfen. Die Türkei beschuldigt Schweden, die PKK Terrororganisation zu unterstützen. In einem Tweet wies die schwedische Außenministerin Ann Linde am Freitag die türkischen Vorwürfe zurück, ihr Land unterstütze den Terrorismus. „Aufgrund der weit verbreiteten Desinformation über Schweden und die PKK möchten wir daran erinnern, dass die schwedische Regierung unter Olof Palme bereits 1984 als erste nach der Türkei die PKK als terroristische Organisation aufgelistet hat“, schrieb Linde und merkte an, dass die EU 2002 „nachgezogen“ habe. Schwedens Position, so die Ministerin, „bleibt unverändert“. Die PKK – die von der Türkei, den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union als terroristische Organisation eingestuft wird – betreibe in Europa Geldbeschaffung und Rekrutierung, und ihre Präsenz sei insbesondere in Schweden „stark, offen und anerkannt“, so Ankara. „Was getan werden muss, ist klar: Sie müssen aufhören, PKK-Vertretungen, Aktivitäten, Organisationen, Einzelpersonen und andere Arten der Präsenz in diesen Ländern zuzulassen“, sagte Erdogan-Sprecher Ibrahim Kalin in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Erdogan kritisierte Stockholm auch wegen deren Waffensanktionen gegen die Türkei. Schweden hat Waffenverkäufe an die Türkei seit 2019 wegen Ankaras Militäroperation im benachbarten Syrien eingefroren.

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