Ausland
Türkei bestellt EU-Botschafter wegen kontroverser Bemerkung über Türken ein
Ankara (nex) – Hansjörg Haber, der Leiter der Delegation der Europäischen Union in der Türkei, wurde nach seinen kontroversen Bemerkungen über die EU-Bewerbung des Landes ins türkische Außenministerium einbestellt.
Wie Informationsquellen mitteilten, die mit den Medien auf Grund von Restriktionen bezüglich öffentlicher Äußerungen unter der Bedingung der Anonymität sprachen, bestellte das Ministerium Haber am vergangenen Dienstag ein und verurteilte dessen Äußerungen.
Haber ging in der vergangenen Woche während seines Gesprächs mit Journalisten auf die 72 Kriterien ein, die die Türkei zu erfüllen hat, um Visafreiheit für ihre Staatsbürger zu erhalten und merkte an, dass diese seit 2013 hinlänglich bekannt seien.
Dann zitierte der EU-Botschafter ein türkisches Sprichwort, das in etwa „Wie ein Türke starten und wie ein Deutscher beenden“ lautet, was heißen soll, dass man eine Sache mit großem Enthusiasmus anpackt und sie auf eine disziplinierte Art und Weise zu Ende führt. „Aber hier ist es andersherum“, fügte er hinzu.
Am vorvergangenen Mittwoch hatte das EU-Parlament den Prozess der für türkische Staatsangehörige ausgehandelten Visaliberalisierung im Schengen-Raum angehalten. Die Türkei habe es nicht geschafft, die notwendigen Kriterien zu erfüllen, lautete die Begründung.
PKK-Terror
Erdogan: Westen schweigt über PKK-Bombenanschlag im kurdischen Dorf
Ankara (nex) – Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kritisierte am gestrigen Dienstag das Schweigen des Westens über den tödlichen PKK-Anschlag, bei dem am vergangenen Donnerstag 13 Einwohner des Dorfes Dürümlü im Diyarbakirer Distrikt Sur ihr Leben verloren. Erdogan sprach auf der dritten Tagung der Minister für Wasserwirtschaft der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC). Er übte scharfe Kritik an der westlichen Heuchelei, wenn es um Terroranschläge gehe:
„Eine Riesenexplosion fand am Donnerstag statt – irgendwo 20 Kilometer vom Zentrum der Stadt Diyarbakir entfernt. Eine Bombe von zehn bis 15 Tonnen Gewicht ging hoch. Dieses Ereignis sollte auf der ganzen Welt eine heftige Reaktion auslösen. Doch der Westen hüllt sich in Schweigen, obwohl die separatistische Terrororganisation PKK sich zu dem Anschlag bekannt hat.“
Der Präsident wies darauf hin, dass Anschläge in Europa ernster genommen würden als die in der Türkei oder Pakistan. Erdogan erklärte: „Es gab auch zuvor viele Terroranschläge, doch die Welt schwieg immer dazu. Aber findet ein Anschlag in Paris oder Brüssel statt, ist der Aufruhr groß – nichts zu vernehmen ist, wenn ein Terrorakt in Lahore, Ankara oder Diyarbakir verübt wird.“
Erdogan führte weiter aus, dass die Türkei sowohl die PKK als auch den IS (Daesh) weiterhin bekämpfen werde. „Die Türkei wird ihren Kampf nicht nur gegen die PKK und den IS (Daesh), sondern auch gegen viele andere Organisationen fortsetzen“, unterstrich er und fügte hinzu, dass schmutzige Allianzen, die unter dem Vorwand geschmiedet würden, den IS (Daesh) zu bekämpfen, den Weg für größere Probleme in der Zukunft ebneten.
Erdogan ging auch auf die Haltung der Europäischen Union beim Thema der versprochenen finanziellen Hilfe für die Flüchtlinge in der Türkei ein – die EU-Staaten handelten so, als würden sie der Türkei eine Spende zukommen lassen, so Erdogan. „Sie wollen, dass wir für die Flüchtlinge Projekte entwickeln. Wir haben bereits Projekte in 26 Flüchtlingscamps laufen. Wenn der versprochene Betrag hier ankommt, können wir die Situation unserer Gäste weiter verbessern“, erklärte er.
Die EU hatte als Teil einer Vereinbarung mit dem Ziel, die Situation der in der Türkei Schutz gefundenen Flüchtlinge zu verbessern, einen zusätzlichen Betrag in Höhe von drei Milliarden Euro zur Unterstützung Ankaras zugesagt. Die zuständigen türkischen Behörden haben bereits mehrmals explizit darauf hingewiesen, dass das Geld ausschließlich für die Flüchtlinge verwendet würde.
Viren-Alarm
Kundenkonten in Gefahr: IT-Spezialisten warnen vor Späh-Software in Bankautomaten
Moskau (nex) – Die Virensoftware-Spezialisten von den Kaspersky Labs warnen vor einer Schadsoftware, die Bankkunden am Geldautomaten ausspäht. Weltweit sollen bereits zehntausende Geldautomaten infiziert sein und auch in Deutschland kann keine Entwarnung gegeben werden.
Die Software soll es Kriminellen ermöglichen, sich in Geldautomaten zu hacken und diese zu nutzen, um mittels eines Trojaner-Programms namens „Skimmer“ auf den Geldbestand des Automaten zuzugreifen.
Meist begnügen sich die Kriminellen jedoch, so heißt es aus den Kaspersky Labs, damit, die Daten einzusammeln, diese aufzubewahren und Jahre später mithilfe kopierter Magnetstreifen von Kundenkarten und aufgezeichneter PIN-Nummern zuzuschlagen. Da ein erheblicher Teil der Geldautomaten immer noch mit dem veralteten und von Sicherheitslücken durchsetzten Betriebssystem Windows XP betrieben wird, sei es für die Kriminellen sehr einfach, in die Automaten einzudringen.
Der Bankomaten-Schädling ist erstmals 2009 aufgetaucht und wurde seither weiterentwickelt. Mittlerweile soll es ihn in mindestens 49 Varianten geben, die jüngste davon stammt von Anfang Mai 2016.
Kaspersky will in Kürze eine Liste möglicher Anzeichen für eine Infektion veröffentlichen, damit die Banken ihre Geldautomaten überprüfen könnten. Im Unterschied zu meist schnell entdeckten Skimmern, die am Kartenschlitz eines Geldautomaten angebracht werden, bleiben jene in der Computersoftware oft lange unentdeckt.
Mai 1944
Völkermord an Krimtataren: Nach Ukraine verurteilt auch Türkei damalige Verbrechen
Ankara (nex) – Der Sprecher des türkischen Außenministeriums teilte in einem Statement am gestrigen Dienstag mit, dass die Türkei die Deportation der Krimtataren und die ethnische Säuberung von vor 72 Jahren, für die das damalige Sowjetregime verantwortlich gewesen sei, als einen Schandfleck in der Geschichte betrachte.
In der schriftlichen Mitteilung erklärte Tanju Bilgic, dass die Türkei die ethnische Säuberung der Krimtataren am 17. und 18. Mai 1944 scharf verurteilt habe. Am 18. Mai 1944 ließ Josef Stalin Zehntausende Krimtataren nach Zentralasien deportieren. Sie wurden vom Sowjetregime der Kollaboration mit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht beschuldigt.
Etwa 180 000 Menschen wurden in verschiedene Regionen auf sowjetischem Territorium, vor allem nach Sibirien und Usbekistan, deportiert. Es wird davon ausgegangen, dass die Hälfte der Vertriebenen, die monatelang unter katastrophalen Bedingungen leben mussten, durch Hunger oder Krankheit starben.
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„Am Jahrestag der Deportation verurteilt die Türkei die ethnische Säuberung, die als ein Schandfleck in die Geschichte eingegangen ist“, erklärte Bilgic. Die Türkei werde den Krimtataren in ihrem demokratischen, friedlichen und fairen Kampf immer zur Seite stehen, so der Sprecher weiter. „Die Türkei wird niemals die Gräueltaten vergessen, die die Auslöschung einer ganzen Nation zum Ziel hatten“, betonte er. Das dreißig Jahre währende Exil dauerte bis zum Jahr 1987 an. Damals erlaubte die sowjetische Regierung 2 300 Krimtataren, in ihre Heimat zurückzukehren. Weitere 19 300 Menschen durften ihnen im Jahr 1988 folgen. Russland annektierte im März 2014 die Halbinsel. Seitdem erleidet die tatarische Minderheit in der Region Unterdrückung einschließlich willkürlicher Festnahmen und Verhaftungen.
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Reisen
Turkish Airlines: Zahl der Fluggäste steigt 2016 um 1,5 Millionen
Istanbul (nex) – Die Zahl der Fluggäste der Turkish Airlines stieg im Zeitraum von Januar bis April 2016 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr um 8,6 Prozent.
Nach Angaben von Turkish Airlines stieg die Zahl ihrer Fluggäste in den ersten vier Monaten dieses Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr um 8,6 Prozent an.
Die türkische Fluggesellschaft teilte in einem Statement am gestrigen Montag mit, dass im Zeitraum von Januar bis April 2016 die Zahl ihrer Fluggäste 19,3 Millionen betrug. Im vergangenen Jahr waren es im gleichen Zeitraum 17,8 Millionen Fluggäste.
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Weiter heißt es in der Mitteilung, dass die Zahl der Fluggäste bei den Inlandsflügen um 10,8 Prozent stieg, während bei den internationalen Flügen sieben Prozent mehr Flüge zu verzeichnen sind. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Landungen von Passagierflugzeugen der Turkish Airlines um 8,9 Prozent, also auf 146 424. Im vergangenen Jahr betrug die Zahl der Landungen im gleichen Zeitraum 134 455. Die Zahl der Großraumflugzeuge ist von 62 auf 79 Exemplare gestiegen, die der Schmalrumpfflugzeuge von 202 auf 224 und die der Frachtflugzeuge von 10 auf 11 Exemplare.
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Kurden gegen PKK
Studie in der Türkei: HDP-Wähler lehnen PKK-Terror ab
Elazig (nex) – Auch die Wähler der PKK-nahen „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP) in den südöstlichen Provinzen der Türkei lehnen mit großer Mehrheit die terroristische Strategie der PKK in diesen Territorien ab, die das Ausheben von Gräben, das Errichten von Barrikaden und Versuche, so genannte „Selbstverwaltungszonen“ auszurufen, umfasst.
Zwei Akademiker, Zahir Kızmaz von der Fırat Universität in Elazig und Nimet Tegin von der Universität Siirt, haben im Rahmen einer Studie 649 Teilnehmer aus acht unterschiedlichen Provinzen des türkischen Südens und Südostens persönlich interviewt und sie dabei über die Schwerpunktsetzung auf „Autonomie“ vonseiten der PKK, terroristische Aktivitäten und deren Einfluss auf die Kurden vor Ort befragt.
Der Studie zufolge lehnen 80 Prozent der Menschen, die bei den Wahlen am 1. November für die HDP gestimmt hatten – was auf 82 Prozent der Befragten zutraf – die von der PKK praktizierte Strategie der urbanen Kriegsführung in den südosttürkischen Provinzen ab. 74 Prozent zeigten sich kritisch gegenüber der Ausrufung von „Autonomien“ in bislang 13 unterschiedlichen Teilen der Region.
Nur 22 Prozent der Befragten erklärten, sie würden ein weiteres Mal die HDP wählen, sollte es in absehbarer Zeit vorgezogene Wahlen geben. Die Frage, ob die Taktik der PKK Frieden in der Region schaffen werde, beantworteten 83 Prozent der Teilnehmer mit Nein. 81 Prozent hingegen meinten, die Kurden würden durch die Aktivitäten der terroristischen Organisation nur Schaden erleiden.
Im April hatte das stark regierungskritische Umfrageinstitut Gezici Research ermittelt, dass die HDP, wären am nächsten Sonntag Wahlen, nur noch 7,3 Prozent der Stimmen erwarten könnte – zu wenig, um den Wiedereinzug ins Parlament zu schaffen.
Einer Umfrage des Objective Research Center (ORC) lehnen 78,9 Prozent der kurdischen Bevölkerung in der Türkei das von der HDP und der PKK verfochtene Konzept der „Selbstverwaltung“ oder ein dezentrales System ab, das türkischen Kurden regionale Autonomie ermöglichen würde.
Nicht weniger als 70,8 Prozent der kurdischen Bevölkerung geht davon aus, dass es direkte politische Verbindungen zwischen der HDP und der terroristischen PKK gibt. 61 Prozent widersprachen der Einschätzung, die HDP sei die einzige legitime Vertreterin der kurdischen Bevölkerung in der Türkei.
Extremisten töten Familienvater
Istanbul: Erdogan-Gegner erschießen Taxi-Fahrer
Istanbul (nex) – Im Istanbuler Stadtteil Sultangazi wurde am späten Dienstagabend ein Taxifahrer von mutmaßlichen politischen Extremisten ermordet, nachdem er sich geweigert hatte, Teilnehmer einer unerlaubten Demonstration vor der Polizei in Sicherheit zu bringen.
Der Vorfall ereignete sich gegen 23:30 Uhr in der Gazi-Straße im Istanbuler Stadtteil Sultangazi. Nach Augenzeugenberichten stoppte eine Gruppe maskierter Männer, die zuvor eine unerlaubte Erdogan-kritische Demo abgehalten hatte, einen vorbeifahrenden städtischen Bus.
Nachdem sie die Insassen aus dem Bus gezwungen hatten, setzten sie diesen mit Molotowcocktails in Brand. Als die von Bürgern verständigte Polizei am Tatort eintraf, verstreuten die Extremisten sich in die Seitenstraßen.
Einige der vor der Polizei flüchtenden Demonstranten versuchten, ein vorbeifahrendes Taxi zu stoppen. Als der Fahrer Seref C. die vorgehaltene Waffe bemerkte, versuchte er, zu fliehen und wurde dabei von Schüssen getroffen. Der an Arm und Bauch getroffene Taxifahrer wurde sofort in das nahegelegene Özel Basari Hastahanesi eingeliefert, wo er am frühen Morgen sein Leben verlor. Die Polizei fahndet nun nach den Mördern des verheirateten Vaters von zwei Kindern.
Wien
Lawrow erhält Einladung auf Lebenszeit nach Antalya
Wien (nex) – „Ich bin bereit zurückzutreten, wenn Sie irgendeinen Beweis dafür haben, dass die Türkei dem IS hilft“, sagte Cavusoglu zum russischen Außenminister Lawrow auf dem Treffen in Wien.
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow gegenüber, dass er bereit sei zurückzutreten, wenn Moskau irgendeinen Beweis dafür habe, dass die Türkei den IS (Daesh) unterstütze.
Cavusoglu, der sich zu einem Treffen der Internationalen Unterstützungsgruppe für Syrien (ISSG) am gestrigen Dienstag in der österreichischen Hauptstadt aufhielt, erklärte Lawrow gegenüber, dass er mit der Behauptung, die Türkei drücke bei der Terrororganisation IS (Daesh) ein Auge zu, nicht einverstanden sei. Dies teilten bei dem Schlagabtausch Anwesende mit, die jedoch anonym bleiben wollen.
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„Sie sind ein seriöser Diplomat, und Sie sind einer der erfahrensten Diplomaten unter uns. Sie sollten solch unseriösen Behauptungen keinen Glauben schenken“, forderte Cavusoglu Lawrow während des Treffens auf, das in einen anderen Raum mit weiteren Diplomaten live übertragen wurde. „Ich bin bereit zurückzutreten, wenn Sie irgendeinen Beweis dafür haben, dass die Türkei dem IS (Daesh) hilft. Aber sollten Sie das nicht können, lade ich Sie nach Antalya [Cavusoglus Heimatstadt] als Gast für den Rest Ihres Lebens ein“, fügte er hinzu. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte ebenfalls die Behauptung, die Türkei unterstütze die Terrororganisation IS (Daesh), scharf verurteilt. Die Darstellung der Türkei als ein Land, das den IS (Daesh) unterstützt, ist – entschuldigen Sie bitte, wenn das hart klingt – verabscheuungswürdig.“ Moskau unterstellt Ankara mit großer Regelmäßigkeit, den IS (Daesh) zu unterstützen, konkret in Form von Ölkäufen von der Terrorgruppe. Insgesamt 24 Vertreter aus 20 Ländern und vier internationalen Organisationen nahmen an dem Meeting in Wien teil, um nach einer Lösung für den bereits fünf Jahre dauernden Bürgerkrieg in Syrien zu suchen.
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Umstrittenes Pflanzenschutzmittel
Glyphosat: Umwelttoxikologin aus Halle sieht keine Gesundheitsgefahr
Halle (ots) – Die Umwelttoxikologin Heidi Foth von der Uniklinik in Halle hält eine Zulassungs-Verlängerung für das umstrittene Pflanzenschutzmittel für vertretbar.
„Eine Gefahr für die Gesundheit des Menschen besteht nicht, weil die Mengen, die uns über die Nahrung und die Umwelt erreichen, zu gering sind“, sagte die Wissenschaftlerin der Mitteldeutschen Zeitung. „Ich sehe keine stichhaltigen Gründe, die Zulassung als Wirkstoff zu verweigern“, sagte Foth, die auch Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen ist.
Die Europäische Union entscheidet diese Woche über eine Verlängerung der Zulassung, die Ende Juni ausläuft. Für Kritiker steht Glyphosat im Verdacht, krebserregend zu sein. Mit Blick auf die Umwelt sieht jedoch auch Foth das Pflanzenschutzmittel kritisch. „Glyphosat wurde im Grundwasser gefunden und ist wesentlicher Mitverursacher für den Verlust an Biodiversität, also Artenvielfalt, in der Agrarlandschaft.“
Feature
Historikerin: Die Türkei ist von russischen Propagandalügen und Destabilisierungsstrategien betroffen
Von Irma Kreiten
Jenseits der faktischen Richtigstellung besonders effektvoller Kreml-Lügen und einer bruchstückhaften Beschäftigung mit einzelnen Akteuren und deren Netzwerken lassen eine tiefgreifendere Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und politischen Vorbedingungen für die Angreifbarkeit durch russische Propaganda weiterhin auf sich warten.
So wird zwar viel von einer „hybriden“ Kriegsführung (auch: „innerer Zersetzung“) gesprochen, dann aber doch meist wieder in Rückgriff auf eine alte Schwarz-Weiß-Optik gedacht. Der Kampf gegen das Erstarken totalitärer Strukturen wird in der öffentlichen Darstellung verengt auf die Konfrontation eines „demokratischen Europa“ mit den Machtambitionen des Kreml.
Der Umstand, daß neben der Ukraine auch andere Nicht-EU-Länder wie die Türkei in erheblichem Ausmaß von russischen Propagandalügen und Destabilisierungsstrategien betroffen sind, findet bislang nicht ausreichend Berücksichtigung. Daß Rußland beim aktuellen Frontalangriff auf ein internationales System, das auf Demokratie, Menschenrechte und Völkerrecht baut, zwar mit gutem Recht als Hauptakteur bezeichnet werden kann, aber bei weitem nicht die einzige Störquelle darstellt, bleibt auf gleiche Weise unterbelichtet.
Insbesondere wird nicht angemessen herausgearbeitet, daß sich u.a. der Iran, Assad-Syrien und die PKK (sogar auch Nordkorea und Venezuela) ähnlich gearteter Desinformations- und Destabilisierungsstrategien bedienen und daß diese politischen Kräfte ihre Propaganda-Inhalte auch mit denen des Kreml abtimmen.
Komplementär dazu wird verdrängt, welch große Rolle gerade westeuropäische und insbesondere deutsche Akteure beim Erstarken des Putinismus gespielt haben und wie diese mit dem Kreml und den herrschenden Kreisen „befreundeter“ Staaten vernetzt sind. Über die eigenen Demokratiefeinde, Lobbyisten im Bereich der Wirtschaft, Querfront*-Apologeten in den Medien und zivilgesellschaftliche „nützliche Idioten“ erfolgt der Angriff auf unser internationales System auch aus dem westeuropäischen Innern heraus.
In diesem Artikel wird es um eine deutsch-russische Partnerschaft bei der Aushöhlung unseres internationalen Wertesystems und die damit verbundene Ignoranz gegenüber den „anderen“ Opfern des Putinismus gehen. Und darum, wie tief sich antidemokratische Lobbynetzwerke in die deutsche „demokratische Mitte“ bereits eingegraben haben und wie groß die dadurch entstandenen Abhängigkeiten sind.
Letzteres kann wohl kaum etwas besser verdeutlichen als der Umstand, daß nun ausgerechnet die Personen und politischen Netzwerke, die zuvor selbst kritische Stimmen ignoriert und unterdrückt, teils sogar russische Propagandaerzählungen verbreitet und von diesem Verhalten profitiert haben, nun auch noch mit Aufklärungsarbeit beauftragt werden.
Am 6. Mai 2015 hat die Grünen-nahe Boell-Stiftung in Brüssel eine Veranstaltung unter dem Titel „Experiences in Europe in the Hybrid Conflict. The manipulation of reality and what we can do about it” („Europäische Erfahrungen im hybriden Konflikt. Die Manipulation von Realität und was wir dagegen tun können“) durchgeführt. Die Veranstaltung erhob den Anspruch, sich auf allgemein-abstrakter Ebene der Herausforderung russischer Einflußnahmen zu stellen und mögliche Strategien im Umgang damit zu entwicklen. Teilnehmende waren Rebecca Harms (MdEP, Die Grünen), Mark Weinmeister (Staatssekretär für Europaangelegenheiten), Annette Riedel (EU-Korrespondentin des Deutschlandradio) und Peter Pomerantsev, ein exzellenter Analyst russischer Propagandastrategien.
Geladen war allerdings auch Anne Gellinek, die zwar der deutschen demokratischen Öffentlichkeit nach wie vor als tadellose Journalistin gilt, aber hinsichtlich der „Manipulation von Realität“ zugunsten von Kreml-Interessen alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist. Anne Gellinek war von 2008-2014 Leiterin des ZDF-Studios in Moskau und hat in dieser Position mehrere Reportagen zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi produziert. In keinem ihrer Beiträge haben die Tscherkessen als Ureinwohner der Region auch nur namentliche Erwähnung gefunden. Insbesondere in Anne Gellineks längerer Reportage
„Durch den wilden Kaukasus“ wurde eine durch zahlreiche Quellen belegte blutige Kolonialgeschichte systematisch durch russische und (post-)sowjetische Geschichtsmythen ersetzt:
Als „Urbevölkerung“ wurden beispielsweise die russischen Kosaken ausgegeben und anstatt an die Tscherkessen als Völkermordopfer zu erinnern, begleitete das ZDF-Team eine Feier zum Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“. Die Hochebene von Kbaade wurde ausschließlich als „Krasnaja Poljana“ bezeichnet, ihre symbolische Bedeutung als Kulminationspunkt des russischen Vernichtungskrieges gegen die Tscherkessen blieb im Dunkeln. Die heutige Lage ethnischer Minderheiten in der Region wurde insgesamt nicht thematisiert.
Auch daß die turkstämmigen Balkaren, die zwar im Film gezeigt, aber ebenfalls nicht namentlich erwähnt werden, von Stalin deportiert worden waren, wurde verschwiegen. Somit konnten die Folgen der stalinschen Deportationen und der sowjetischen Zwangsmodernisierung als urige ländliche Rückständigkeit und Ausdruck eines Entwickungsdefizits ausgegeben werden, das aus den Traditionen der Dorfbevölkerung selbst erwächst.
Das stillschweigende Hinweggehen über historische Verbrechen und über deren Langzeitfolgen, die Auslöschung der Erinnerung an die Opfer (etwa über die Tilgung alter Ortsnamen), die Übernahme der Geschichtsmythen der Täter und Besatzer sowie das Leugnen der historischen Existenz der jeweiligen Opfergruppe inklusive des hartnäckigen Ignorierens ihrer heutigen Nachkommen werden allerdings von Genozidforschern als Fortführung bzw. letztes Stadium eines Völkermordes angesehen.
Anne Gellinek ist studierte Osteuropa-Historikerin, intellektuelle Unbedarftheit und fehlendes fachliches Wissen darf man somit als Ursachen eines derartigen journalistischen Versagens nicht voraussetzen. Anzunehmen ist vielmehr, daß Anne Gellinek sich in einem Interessenskonflikt befand und vor diesem Hintergrund eine strategische Entscheidung zu Lasten von Völkermordopfern getroffen hat.
Die ZDF-Korrespondentin war nämlich neben ihren „kritischen“ Reportagen auch als ZDF-Komentatorin der Olympiade vorgesehen gewesen – eine durchaus prestigeträchtige Rolle. Die Übertragungsrechte für die Spiele hatte das ZDF erstmals direkt vom Internationalen Olympischen Komitee erworben und dafür schätzungsweise einen Betrag in dreistelliger Millionenhöhe hingeblättert. Im Umfeld der Olympischen Spiele in Sotschi wurden mehrfach ausländische Journalisten behindert. Im Oktober/November 2013 wurde der norwegische Reporter Øystein Bogen, der offenbar vom russischen Geheimdienst FSB auf eine Schwarze Liste gesetzt worden war, zusammen mit seinem Kameramann mittels ständiger Kontrollen schikaniert, schließlich sogar inhaftiert und verhört.
Øystein Bogen war im Unterschied zu Gellinek in einer Video-Reportage tatsächlich auch auf die Tscherkessen eingegangen. Den niederländischen Journalisten Rob Hornstra und Arnold van Bruggen wurde im Herbst 2013 die Einreise nach Rußland verweigert, nachdem bei einem vorherigen Aufenthalt eine Deportation bereits angedroht worden war. Beide hatten sich im Rahmen ihres „The Sochi Project“ seit 2007 ausführlich mit der Geschichte der Region und den Tscherkessen beschäftigt.
Ein MDR-Filmteam, das zumindest auf folkloristisch-touristische Weise die Tscherkessen zeigte, wurde zwar ebenfalls behindert (nicht unbedingt im Zusammenhang mit seinen Recherchethemen stehend), konnte seine Dreharbeiten aber immerhin erfolgreich abschließen. Anne Gellinek samt Team hätte sich mit einer Berichterstattung über Tscherkessen und Balkaren eventuell Belästigungen durch russische Behörden ausgesetzt und maximal wohl einen Landesverweis riskiert. Ihre Mitwirkung an dem Prestigeprojekt „Sotschi 2014“ scheint sie jedoch fest im Auge gehabt zu haben.
Ihr Ziel bei der Olympia-Kommentierung war es erklärtermaßen, auch den „Spaß an diesem internationalen Fest des Sports in Russland erlebbar“ zu machen, d.h. sie stand den Spielen dann letztendlich doch positiv gegenüber. Eventuell dachte sie sogar zu diesem Zeitpunkt noch daran (der Pressebericht bleibt hier undeutlich) ein Exklusivinterview mit Putin zu führen. Zumindest die mit der Kommentatorenrolle einhergehende Profilierung war ihr wohl einiges wert gewesen und man kann spekulieren, daß sie diese nicht aufs Spiel setzen wollte. Jedoch behauptete sie ausdrücklich, sie sei bei den Dreharbeiten zu „Durch den wilden Kaukasus“ keinem Druck ausgesetzt und nicht behindert worden, auch wenn sie sich jeden Schritt hätte genehmigen lassen müssen.
Nun ist es nicht so, daß in Putin-Rußland keinerlei Form von kritischem Journalismus mehr möglich wäre. Laut „Welt“-Korrespondentin Julia Smirnova variiert der Grad der Pressefreiheit von Region zu Region und hängt „von der jeweiligen politischen Situation, den kommunalen Behörden und dem Mut der Journalisten vor Ort“ ab. Über Korruptionsfälle etwa darf eher berichtet werden als über andere Themen.
Heikle Angelegenheiten können von russischen Medienanstalten dann aufgegriffen werden, wenn sie bereits internationale Resonanz erfahren haben. In Bezug auf die Sotschi-Berichterstattung hatten sich russische Behörden allerdings besonders repressiv gezeigt. Wenn staatsnahe russische Medien bisweilen dann doch kritisch berichteten, so vollzog sich diese Kritik doch in streng begrenztem Rahmen und bedurfte vorheriger Erlaubnis. Ethnische Spannungen und die blutige Kolonialgeschichte der Region gehörten ganz offensichtlich nicht zu den geduldeten Themen.
Umso mehr ist für Anne Gellinek eine Vermeidungshaltung anzunehmen. Gellineks Reportagen suggerierten zwar einen kritischen Rundumblick, konzentrierten sich aber auf Korruption, Umweltschutz, Repression der LGBT-Bewegung, Behördenwillkür, Arbeitnehmerrechte und erboste Anwohner. Hier scheint sich die ZDF-Korrespondentin für ihre „Olympiakritik“ in etwa den Rahmen gesteckt zu haben, der aus Sicht russischer Behörden gerade noch so eben zulässig oder in dieser Form bereits von Anderen ausgehandelt worden war.
Sie hat sich jedenfalls aus einem breiteren Themenspektrum diejenigen „kritischen“ Themen herausgepickt, die im Vergleich zu anderen als weniger heikel erscheinen. Eine Beschäftigung mit Tscherkessen und Balkaren hätte dagegen geheißen, bewußt anzuecken und einen zermürbenden Kampf um Deutungshoheiten führen zu müssen. Die Aufgabe ausländischer Journalisten wäre es gemäß sachkundiger Empfehlungen allerdings gewesen, die lokalen Beschränkungen journalistischer Arbeit nicht hinzunehmen, vielmehr Tabus offensiv anzugehen und damit auch einheimischen Kollegen ein Stück weit den Weg zu öffnen. In ihrem Ignorieren der ethnischen Minderheiten der Region hat Gellinek aber gerade diejenigen, die besonders unter dem russischen Repressionsdruck zu leiden hatten, ein weiteres Mal benachteiligt.
Eine Selbstzensur aus opportunistischen Beweggründen steht in starkem Kontrast zu Anne Gellineks Selbstinszenierung. Sie präsentiert sich als besonders unerschrockene Journalistin, die unheimlich „taff nachfragen“ kann. Sie beklagt sogar, daß es unter den gegebenen politischen Umständen in Rußland für sie schwierig geworden sei, noch in ausreichendem Maße kritische Interviewpartner für ihre Filme zu finden. Ein Angebot an das ZDF, Kontakte zu Tscherkessen herzustellen wie zu Personen, die sich mit der Situation der Tscherkessen befassen, wurde allerdings stillschweigend abgelehnt. Indem Gellinek bewußte Auslassungen und vorhandene Beschränkungen nicht einmal benennt, wird ihre selektive Kritik zu Augenwischerei. Ihr nur scheinbar schonungsloser Blick „hinter die Kulissen“ baut gleichzeitig neue Kulissen auf. Die Illusion von Vielfalt bzw. begrenzte und kanalisierbare Kritik liegen in gewissem Sinne sogar im Interesse des Kreml. Vorgeschobene Kritik, in Russland auch „Hofkritik“ genannt, wird von ihm manchmal als Ventil eingesetzt, um eine Opposition, die ihm wirklich gefährlich werden könnte, niederzuhalten.
Nun sollte man nicht behaupten, daß das, was Anne Gellinek berichtet hat, den russischen Autoritäten in keinem Falle wehgetan hat. Trotzdem kommt hier der Eindruck eines Kuhhandels auf, mittels dessen der russischen Seite ein Berühren ihrer wundesten Punkte erspart blieb. In Anlehnung an ein philosophisches Begrifffspaar könnte man sagen, daß Anne Gellinek vorwiegend „bekannte Unbekannte“ behandelt und Abstand genommen hat von den „unbekannten Unbekannten“, also von jenen Problemthemen, von denen ein westeuropäisches Publikum aufgrund erfolgreicher russischer Repressionsmaßnahmen meist nicht einmal wußte und in Bezug auf die es demzufolge auch nicht kritisch nachfragen kann.
Daß das nach außen getragene Bild schonungsloser Aufklärung über die Schattenseiten von Sotschi 2014 verfangen hat, entnimmt man etwa einem Medienkommentar in Die ZEIT: Dieser moniert die weitgehend unkritische Olmypia-Berichterstattung von ARD und ZDF, lobt aber ausdrücklich Anne Gellineks „Durch den wilden Kaukasus“ als „tiefgründige Reportage“. Auch Betreiber kremlnaher „Alternativplattformen“ halten die ZDF-Korrespondentin für eine Vertreterin entschieden russland- und iranfeindlicher Sichtweisen und greifen sie deswegen wütend an. Indem die Boell-Stiftung mit Anne Gellinek eine Vertreterin russischen Geschichtsrevisionismus als „Expertin“ für russische Desinformationspolitik einlädt, weist sie ihr eine Aufgabe zu, die diese umfänglich gar nicht erfüllen kann – jedenfalls nicht, wenn sie ihre eigene Beteiligung nicht offenlegt. Auf diesem Wege werden Angepaßte gefördert, d.h. diejenigen Funktionsträger, die auf entsprechende äußere Anreize regieren und damit manipulierbar sind.
Die Botschaft, die die Organisatoren der Konferenz in der Sache vermitteln, ist die, daß die Leugnung ethnischer Säuberungen und genozidaler Gewalt nicht ins Gewicht fällt: Nach wie vor muß niemand mit realen Konsequenzen rechnen, wenn es sich bei den Betroffenen um Balkaren oder Tscherkessen und damit um Opfergruppen ohne nennenswerte Lobby handelt.
Wenn sich hingegen die öffentliche Aufmerksamkeit auf armenische Angelegenheiten und darüber vermittelt europäische Interessen richtet, fordern Grüne und Andere vehement, es dürfe keinen „devoten Umgang“ mit der Türkei geben und man solle sich von Erdoğan nicht „erpressen“ lassen. In Bezug auf die vorwiegend muslimischen Nordkaukasier wird vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Kreml nicht nur als gesellschafts- und politiktauglich zugelassen, sondern indirekt sogar mit dem Status des „kritischen“ Experten belohnt.
Den Machthabern in Rußland dürfte diese Form halbherziger, dafür aber stark polarisierender „Rußlandkritik“ letztendlich entgegenkommen. Die deutsche Öffentlichkeit insgesamt scheint bislang kein nennenswertes Problem mit dem Umstand zu haben, daß Personen und Personenkreise mit der Abwehr russischer Propaganda befaßt sind, die Aufklärungsarbeit zuvor behindert hatten. So fühlt man sich nach wie vor nicht einmal bemüßigt, fehlerhafte, geschichtsklitternde Darstellungen öffentlich-rechtlicher
Sender richtigzustellen und auf die generelle Einhaltung beruflicher Standards zu dringen, statt sich an der kurzfristigen „Nützlichkeit“ prominenter Meinungsmacher zu orientieren. Einem massiven Propagandaansturm Rußlands und verbündeter Mächte dürfte auf diesem Wege, d.h. ohne selbstkritische Analyse der eigenen Verflechtungen und Vereinnahmungen, kaum zu begegnen sein. Das Resumée besagter Boell-Konferenz fiel denn auch so banal wie selbstbetrügerisch aus: Die EU solle sich nicht auf das Niveau des Kreml herabbegeben und den russischen Informationskrieg nicht mit eigener Propaganda beantworten. Anne Gellinek selbst muß auf dieser Konferenz die feste Überzeugung vertreten haben, daß es möglich sei, Lüge und Wahrheit voneinander zu unterscheiden und daß es der Beruf eines Journalisten sei, die Fakten zu überprüfen.
* „Querfront“ meint den Zusammenschluß linksautoritärer und rechter/rechtsextremer Kräfte zu einer antifreiheitlichen Allianz.
* „Querfront“ meint den Zusammenschluß linksautoritärer und rechter/rechtsextremer Kräfte zu einer antifreiheitlichen Allianz.

