EU im Abseits
Kommentar: Deutschland will türkisch-russische Kooperation über Syrien verhindern

Gastbeitrag von Ali Özkök Hochrangige Entscheidungsträger der deutschen Politik haben angesichts der trilateralen Kooperation der Türkei, Russlands und Irans über Syrien gewarnt. Die Angst ist, dass der Westen seinen Einfluss im Nahen Osten signifikant verliert. Nachdem über Jahre hinweg die Türkei dafür ins Kreuzfeuer genommen wurde, dass sie angeblich zu hart ins Gericht mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ging, kommen aus Berlin seit Tagen ganz andere Töne. „Mit Assad gibt es keinen Frieden.“ Mit diesen Worten ließ sich am Wochenende der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Röttgen (CDU), von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zitieren. Röttgen meint, dass der syrische Präsident „kein wirklich entscheidender Akteur“ in Syrien sei, sondern nur „ein Vehikel für Russland und Iran“. Als die Türkei al-Assad noch stürzen wollte, gab es allerdings kaum Unterstützung aus Berlin. Vielmehr tat man türkische Pläne für eine Sicherheitszone im Stile der laufenden „Euphrat Schutzschild“-Operation als unrealisierbar ab. Auch die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Türkei wurde zum Problem und artete in eine sogenannte „Flüchtlingskrise“ für die EU aus. Kritiker der europäischen Außenpolitik sprechen von einer gezielten Politik, die Türkei in Syrien in die Sackgasse zu locken, um effektiv Einfluss auf die Regierung in Ankara zu nehmen. Die Türkei setzte sich allerdings durch. Vielmehr zeigte sie sich als die flexiblere Kraft und anders als die EU als eine mit Einfluss auf das Geschehen in Syrien. Genau genommen, fürchtet man sich vor dem, was kommt: Eine starke Türkei, die solide Beziehungen mit Russland, eine Veto-Macht bei den Vereinten Nationen, und Iran unterhält, ist in vielerlei positiv für Ankara. Während Russland in der Lage ist Angriffe der USA, Frankreichs und Großbritanniens auf internationaler Ebene abzuwehren, ist Teheran die Kraft, mit der Ankara, seine größten Probleme im Nahen Osten hat. Eine Verständigung zwischen der Türkei und Iran würde die Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ deutlich Antrieb geben und regionale Spannungen zugunsten der Interessen beider Länder regeln. Am Dienstag sagte Russlands Verteidigungsminister Schoigu, dass alle früheren „Versuche, sich mit den USA oder ihre Partner zu einigen“, gescheitert sind. Der Grund ist. „Keiner von ihnen hat wirklichen Einfluss auf die Situation vor Ort“, erklärte der Minister. Europa und der Westen betrachten es als Problem, wenn die Türkei Alternativen in der Rückhand hat. Denn damit macht sich Ankara unabhängig und damit gefährlich für ein Europa, dass seine Nachbarn kontrollieren will. In das selbe Horn blies der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion: „Es wird auf Dauer keine Zukunft mit Assad geben“, erklärte Niels Annen, ehemaliger Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund. Die Organisation ist für ihren harten Kurs gegen alle eurasische Orientierungen bekannt. Im Gespräch mit der Bild-Zeitung gestand Norbert Röttgen am Montag, dass es Europa nicht gelungen ist, „irgendeinen relevanten Einfluss“ vor Ort auszuüben. Deshalb warnten die Außenpolitiker davor, dass Russland und die Türkei eine gesonderte Absprache über Syrien treffen könnten. „Eine der gefährlichsten Entwicklungen ist ein russisch-türkisches Arrangement in Syrien“, sagte Röttgen. Hier drohe „ein weiteres diplomatisches Desaster für den Westen“. Der FAS zufolge scheiterte Washington dabei, die Terroristen in Ost-Aleppo zu überzeugen, einen Waffenstillstand mit der syrischen Armee zu vereinbaren. Dagegen sei der türkischen Regierung dies gelungen. Die Beamten Deutschlands fürchten, dass Deutschland deshalb leer ausgehen könnte in Syrien. Dieser Umstand bewirkt, dass sich die deutschen Politiker stärken an die USA und ihre Syrien-Politik anlehnen. Washington und die Obama-Regierung haben den syrischen Ableger der terroristischen PKK, auch als YPG/PYD bekannt, zu ihrem engsten Verbündeten im arabischen Bürgerkriegsland auserwählt. Auf diese Weise erhofft sich Deutschland, auch einen Hebel auf die Türkei zu haben, die seit 2015 einen vehementen Krieg mit der PKK in Anatolien, Nordirak und seit August dieses Jahr in Nordsyrien führt. Türkei umgeht mit einem Bündnis mit Russland auch diese Gefahr. Annen warnte vor dem Treffen der türkischen Außen- und Verteidigungsminister mit russischen sowie iranischen Amtskollegen am Dienstag vor einem „Deal zwischen Putin und Erdogan“. Moskau könnte die Präsenz der Türkei im Norden Syriens akzeptieren, die sich gegen die Kurden richtet, wenn Ankara im Gegenzug dafür nicht mehr die Assad-Gegner unterstützt. Sollte Trump seinen bisherigen Ankündigungen tatsächlich folgen, in Syrien den Kampf gegen den IS einem Regimechange vorzuziehen, stünde die EU mit ihren Forderungen alleine da. In diesem Fall würde sich die europäische Politik immer mehr von den tatsächlichen Fakten vor Ort entfernen.  

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Sicherheitspolitik
Hofreiter: CSU setzt auf Spaltung und Zwist

Osnabrück (nex) – Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat von der CSU „konstruktive Lösungen “ für die Sicherheits- und Asylpolitik gefordert. Die Zeit der „Muskelspiele“ sei vorbei, sagte Hofreiter der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ mit Blick auf die CSU-Klausur in Seeon. Parteichef Horst Seehofer setze weiter „auf Spaltung und Zwist“. Statt den Schulterschluss mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu suchen, wiederhole Seehofer „fast schon mantrahaft seine abgedroschene populistische Forderung nach einer Obergrenze“. Die eigene Profilierung sei alleiniges Ziel des bayerischen Ministerpräsidenten. Ernsthafte Lösungsansätze bleibe die CSU schuldig, das gelte zum Beispiel für Vorschläge zur besseren Koordinierung der Flüchtlingspolitik in der EU oder zu funktionierenden Rücknahmeabkommen mit den Herkunftsländern von Zufluchtsuchenden.

"Racial Profiling"
NRW-Polizei fahndet gezielt nach Nationalitäten

Düsseldorf (ots) – Das gezielte Vorgehen der Polizei gegen bestimmte Nationalitäten in NRW ist nicht erst seit Silvester gängige Praxis in NRW. Der Rheinischen Post liegt ein vertrauliches Fahndungsblatt „Mobile Täter im Visier (MOTIV)“ vor, dass das Landeskriminalamt für die Streifenpolizisten in NRW verfasst hat. Darin heißt es: „Die Staatsangehörigen der MOTIV-Tatverdächtigen sind vorwiegend rumänisch, deutsch (häufig mit Migrationshintergrund), sowie in steigender Anzahl marokkanisch (…)“. Zu „Nordafrikanischen Tatverdächtigen“ heißt es, sie „begehen insbesondere Raub-, Körperverletzungs- und Taschendiebstahlsdelikte“. Thomas Feltes, Professor für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, bewertet das Papier in der Rheinischen Post als „schlimmste Vulgärkriminologie.“ Derartige Vorgaben würden den Polizeistreifen „suggerieren, dass die Polizeiführung in NRW nicht viel Wert auf Differenzierung legt“.

Ausland
Türkei: Oppositionspartei MHP unterstützt Verfassungsänderung

Ankara (nex) – Der Chef der türkischen Oppositionspartei MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung) gab am heutigen Dienstag bekannt, dass er ein Gesetzesvorhaben zur Verfassungsänderung unterstützen werde. Mit dieser ersten offenen Unterstützung der geplanten Verfassungsänderung rückt die Möglichkeit der Einführung des Präsidialsystems einen Schritt näher. Bahceli, der nach einer Fraktionssitzung seiner Partei in Ankara die Fragen der Journalisten beantwortete, erklärte: „Ich werde bei der Entscheidung über den Verfassungsentwurf mit Ja Stimmen und werde dies auch beim Referendum tun.“ Dennoch bleibt unklar, ob die MHP-Abgeordneten ihrem Vorsitzenden folgen werden. Die Partei erlebte mit der Parlamentswahl im November 2016, in deren Folge sie die kleinste Fraktion in der Großen Nationalversammlung stellt, eine interne Spaltung. Die türkische Regierung hat mitgeteilt, dass sie über die Verfassungsänderungen in einem Referendum abstimmen lassen möchte – selbst wenn die Vorschläge von den Parlamentsabgeordneten ausreichend Unterstützung erhielten. Die beiden anderen Oppositionsparteien CHP (Republikanische Volkspartei) und die HDP (Demokratische Partei der Völker) stellen sich gegen das Präsidialsystem.

Ausland
Türkei: Tschetschene Kuschulow sollte am 01. Januar 2017 an Russland ausgeliefert werden

Sabur Ali Kuschulow ist wieder frei Istanbul (nex) – Gegen den tschetschenischen Rebellen, dessen Asylantrag sich in der Bearbeitungsphase befindet und der sich regelmäßig bei der Istanbuler Einwanderungsbehörde melden musste, war am 28.12.2016 vonseiten des genannten Amtes eine Ausweisungsverfügung erlassen worden. Kuschulow hatte von 1994 an gemeinsam mit wichtigen politischen Führern wie Aslan Maschadow und Schamil Bassajew gegen die russische Besatzung gekämpft. 2015 war er aus gesundheitlichen Gründen in die Türkei gekommen und hatte bei der Generaldirektion der Einwanderungsbehörde um Asyl gebeten. Das Erste Verwaltungsgericht Bursa hatte in seinem Urteil vom 03.02.2016 (Geschäftszeichen 2015/1411; Urteilsnummer 2016/67) die Ausweisungsverfügung mit der Begründung aufgehoben, dass der Antragsteller bei einer Ausweisung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gefoltert oder sogar getötet würde. Nach dieser Gerichtsentscheidung wurde der Asylantrag von Kuschulow zur Prüfung angenommen. Kuschulow, der sich regelmäßig bei der städtischen Behörde für Migration meldete, wurde jedoch am 28.12.2016 nach der Vorsprache in Gewahrsam genommen. Türkischen Medienberichten zufolge war Kuschulow seit dem in Istanbul/Fatih in Polizeigewahrsam und sollte am 01.Januar.2017 abgeschoben werden. Mit dem Einsatz der kaukasischen Diaspora und der türkischen Öffentlichkeit in Form von direkten Beschwerden und Unterschriftenkampagnen konnte nun erreicht werden, dass der tschetschenische Rebell am gestrigen Montag freigelassen wurde. Wie Medien weiterberichten, hätten dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow nahestehende Gruppen dreimal versucht, Kuschulow zu töten. Die Anschläge seien von der Anti-Terror-Einheit der türkischen Polizei verhindert worden. Weiter heißt es in Tschetschenen-nahen türkischen Medien, dass die beiden älteren Kuschulow-Brüder in einem Gefängnis in Russland als Geiseln gehalten würden.

Umwelt
Nitratbericht: Belastung von Grundwasser und Flüssen weiter zu hoch

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Osnabrück (ots) – Die Nitratwerte im deutschen Grundwasser sind nach wie vor vielerorts zu hoch. Das geht laut „Neuer Osnabrücker Zeitung“ aus dem neuen Nitratbericht hervor, den die Bundesregierung an die EU-Kommission übermittelt hat. Demnach wurde an 28 Prozent der berücksichtigten Messstellen der Grenzwert für Nitrat überschritten. Problematisch sei auch der hohe Eintrag von Phosphor, das über die Felder letztlich in Nord- und Ostsee lande und hier Algenwachstum begünstige. 65 Prozent der Messstellen an Seen und Flüssen wiesen zu hohe Werte auf. Verursacher ist aus Sicht des Bundesumweltministeriums die Landwirtschaft, die Nährstoffe in Form von Gülle oder Kunstdünger auf die Felder ausbringt. Ministerin Barbara Hendricks (SPD) sagte der „NOZ“: „Die intensivierte Landwirtschaft kommt uns immer wieder teuer zu stehen.“ Das Übermaß an Nährstoffen gefährdete die Artenvielfalt. Zusätzliche Kosten für die Trinkwasserversorgung seien nicht ausgeschlossen, auch wenn hier bislang keine Beeinträchtigung festzustellen sei. Hendricks: „Es ist also nur im Sinne unseres Gemeinwohls, wenn wir hier stärker als bisher gegensteuern. Das geht nur mit verschärften Düngeregeln.“ Die SPD-Politikerin verwies auf die 2016 fertiggestellte Novelle des Düngerechts, die bislang aber noch nicht in Kraft getreten ist. Der Nitratbericht kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland in den vergangenen Jahren „keine wesentlichen Veränderungen“ erzielt worden seien. „Verbesserung hin zu niedrigeren Nitratgehalten sind bisher nur in sehr geringem Umfang eingetreten“, heißt es laut „NOZ“. Im November hatte die EU-Kommission die Bundesrepublik wegen Verstößen gegen die EU-Nitratrichtlinie und damit verbundenem schlechten Schutz der Gewässerqualität verklagt. Noch im Januar muss die Bundesregierung darauf eine Erwiderung übermitteln. Im Falle einer Verurteilung drohen Deutschland hohe Geldstrafen.

Seidenstraße
Türkei: Neue Eisenbahnstrecke soll Peking mit London verbinden

Ankara (nex) – Die Baku-Tiflis-Kars-Eisenbahnstrecke (BTK) würde nun schon bereits Mitte 2017 in Betrieb genommen, so der türkische Verkehrsminister Ahmet Arslan in einer Rede in Ankara.

„Wir werden das Baku-Tiflis-Kars-Projekt bereits Mitte 2017 fertigstellen und in Betrieb nehmen“, so Arslan.

Die Baku-Tiflis-Kars-Eisenbahnstrecke soll nach Fertigstellung Peking mit London verbinden und wird in Übereinstimmung mit einem internationalen Abkommen zwischen Aserbaidschan, Georgien und Türkei gebaut.

Die Baku-Tiflis-Kars-Eisenbahnstrecke wird Güter aus Asien in nur 15 Tagen nach Europa transportieren. Das Projekt werde die historische Seidenstraße wiederbeleben, so der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan in einer Rede im November.

Das Büro des türkischen Premierministers verlautbarte , dass die Baku-Tiflis-Kars-Eisenbahnlinie nach Bauende „die Reisedauer zwischen Asien und Europa via Eisenbahn auf 15 Tage reduzieren” werde. Die BTK-Strecke werde zu einer Hauptverbindung zwischen Europa und der türkisch geprägten Region Zentralasiens.

„Die BTK-Eisenbahnlinie wird auch zum Export türkischer Produkte beitragen. Mit dieser Linie ist der fehlende Teil vervollständigt. China wird seine Waren über die BTK-Eisenbahnlinie nach Europa und andere Länder transportieren. Nach der Inbetriebnahme dieser Linie werden die Waren Europa nicht in zwei Monaten, sondern in rund zwei Wochen erreichen“, Gouverneur der osttürkischen Provinz Kars, Rahmi Dogan.

Zuvor sagte der türkische Minister für Transport, Schifffahrt und Kommunikation, Ahmet Arslan, gegenüber der Nachrichtenagentur Trend, dass die BTK-Eisenbahnlinie zusammen mit anderen Projekten der Türkei und dem nationalen Logistiksektor jährlich Einnahmen in Milliardenhöhe bescheren werde. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommentierte, mit der neuen Eisenbahnstrecke wiederbelebte die Türkei die historische „Seidenstraße“, mit der Güterstrome von China nach Europa organisiert wurden.

Die BTK-Strecke wird auf Basis eines Abkommens zwischen Georgien, Aserbaidschan und der Türkei gebaut. Schon bald könnte über die neue Eisenbahnstrecke jährlich 17 Millionen Tonnen Fracht transportiert werden, erwarten Experten. Beginnen wollen die Verantwortlichen mit dem Transport von einer Million Passagieren und 6,5 Millionen Tonnen Fracht.

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Umfrage
79 Prozent der Deutschen hält Vorgehen der Kölner Polizei in der Silvesternacht für angemessen

Köln (ots) – Während in der Politik mitunter kontrovers über das Verhalten der Kölner Polizei in der Silvesternacht diskutiert wird, ist die Meinung der Bürger zu diesem Thema sehr eindeutig: 79 Prozent und damit eine große Mehrheit der Deutschen befindet das Vorgehen der Kölner Polizei in der Silvesternacht laut einer Forsa-Befragung als richtig. Die repräsentative Umfrage war von „RTL Aktuell“ in Auftrag gegeben worden. Danach waren nur 13 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Polizei nicht angemessen gehandelt habe. Die Polizei hatte in der Silvesternacht rund tausend junge Männer, vornehmlich aus dem nordafrikanischen Raum, rund um den Kölner Hauptbahnhof abgefangen. Grünen-Chefin Simone Peter stellte die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, „wenn insgesamt knapp 1.000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden“. Quelle: Forsa im Auftrag von „RTL Aktuell“ Erhebungszeitraum: 2. Januar 2017. Datenbasis: 504 Befragte

Sicherheitspolitik
SPD-Minister hält De Maizière-Vorschläge für „puren Aktionismus“

Düsseldorf (nex) – Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat die sicherheitspolitischen Vorschläge von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) scharf kritisiert. „Herr de Maizière spielt vor der CSU-Klausurtagung den schwarzen Sheriff, schießt inhaltlich aber nur mit Platzpatronen“, sagte Pistorius der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ „Seine Vorschläge sind purer Aktionismus.“ Er könne nicht erkennen, warum „Mammutbehörden beim Bund“ mehr Sicherheit bringen würden, betonte Pistorius. „Die föderalen Kompetenzen etwa bei der Polizei und den Sondereinsatzkommandos sind bewährt. Der nächste Schritt wäre eine Bundespolizei wie in Frankreich, das kann die Union nicht ernsthaft wollen“, sagte der SPD-Minister. Zentralistische Strukturen bei der Polizei seien kontraproduktiv, man müsse vielmehr über einen verbesserten Austausch und schnelle Informationswege reden, betonte Pistorius.

"Politische Scheingefechte"
Kommentar: Den „Experten“ misstrauen!

Von Ernst Wolff Wohl kaum jemand sieht der Zukunft zu Jahresbeginn 2017 mit ungetrübtem Optimismus entgegen. Zu recht, denn die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Doch gerade schwierige Großwetterlagen erfordern einen klaren Kopf und präzise Orientierung. Beides aber ist schwer zu erlangen, wenn man ständig dem Trommelfeuer der etablierten Mainstream-Medien ausgesetzt ist. Dort werden Halbwahrheiten mit Unwahrheiten gemischt, tatsächliche Sachverhalte verdreht, Ängste geschürt und Vorurteile bedient. Wer auf diese Weise unter einer Flut von Informationen erstickt, wendet sich deshalb gern „Experten“ zu, die ihm im Labyrinth unserer Gesellschaft den Weg weisen sollen. Eine ganze Heerschar solcher Politik- und Wirtschafts-„Experten“ war in den vergangenen Wochen aktiv, um uns allen die Weltlage zum Jahreswechsel und die Aussichten für 2017 zu erklären. Das Problem: Die vermeintlich fundierten Analysen dieser „Experten“ lenken genauso wie die übliche Berichterstattung von den wahren Schuldigen an den derzeitigen Problemen – Spekulanten, Bankern und den ihnen hörigen Politikern – ab, erzeugen Panik, wo diese vollkommen unangebracht ist, und verharmlosen, wo dringende Aufmerksamkeit geboten wäre. Hier ein Beispiel dafür, wie wir alle durch derartige Analysen fehlinformiert werden und Gefahr laufen, wirkliche Bedrohungen nicht wahrzunehmen oder zu unterschätzen: Der Fall Monte dei Paschi Es gibt kaum einen Wirtschafts- oder Finanz-„Experten“, der sich in den vergangenen Wochen nicht mit der Frage beschäftigt hat, ob die älteste italienische Bank Monte del Paschi di Siena denn nun gerettet werde, ob ihre Rettung durch den italienischen Staat oder die EU erfolgen und ob die EZB grünes Licht dafür geben werde. Dabei wurde immer wieder betont, wie gefährlich ein „Fallenlassen“ des Institutes durch die Verantwortlichen wäre. Jede der gestellten Frage hätte von vornherein uneingeschränkt mit „ja“ beantwortet werden können. Die Monte dei Paschi kann nämlich unter keinen Umständen fallen gelassen werden, weil sie sonst den allseits bekannten Domino-Effekt auslösen und das gesamte globale Finanzsystem gefährden würde. Die italienische Regierung kann also gar nicht anders als ihren Teil dazu beizutragen und EU und EZB können ebenfalls nicht anders als einer Rettung zuzustimmen. Ebenso wie die politischen Scheingefechte zwischen Rom, Brüssel und Berlin haben sämtliche „Experten“-Analysen um die Monte dei Paschi die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Fragen gerichtet, die im Grunde gar keine waren. Damit aber haben sie von einem Problem abgelenkt, das im Hintergrund lauert, immer größere Ausmaße annimmt und für uns alle zu einer ständig zunehmenden Gefahr wird: Die Reaktion der Finanzindustrie auf den unvermeidlichen Zerfall der EU. Bail-out statt Bail-in Nach der Krise von 2008, in der die Banken durch ein Bail-out (also mit Hilfe von Steuergeldern) gerettet wurden, hat die EU die Bail-in-Regelung eingeführt. Sie gilt seit dem 1. Januar 2016 in allen EU-Ländern und besagt, dass im Fall des drohenden Zusammenbruchs einer Bank zunächst Anleger, Aktionäre und Sparer zur Kasse gebeten werden müssen und dass erst danach der Steuerzahler belastet werden darf. Diese Regelung ist bereits 2013 auf Zypern und Ende 2015 bei vier italienischen Banken in der Toskana angewandt worden. Im letzten Fall hat sie, da sehr viele Mittelständler als Anleger betroffen waren, eine Welle des Protestes ausgelöst. Da bei der Monte dei Paschi mehr als 150.000 private Anleger betroffen wären, hat sich die italienische Regierung aus Angst vor Protesten und deren politischen Folgen strikt geweigert, das Bail-in anzuwenden. Zwar hat die EZB (vor allem auf deutschen Druck hin) versucht, die Regierung in Rom umzustimmen – jedoch ohne Erfolg. Das hat dazu geführt, dass Italien nun mit dem Einverständnis der EU und der EZB soeben eingeführtes geltendes Recht außer Kraft setzt, um die Monte dei Paschi mittels eines Bail-outs über Wasser zu halten. Diese – vorübergehend wirksame – Rettungsmaßnahme wird von den „Experten“ derzeit als „Sieg der Vernunft“ gefeiert und dem breiten Publikum als „Lösung der italienischen Probleme“ präsentiert. Das aber ist nicht nur falsch, sondern hindert diejenigen, die es für bare Münze nehmen, daran, Vorkehrungen für eine kommende Krise zu ergreifen, deren Ausmaß gar nicht abzuschätzen ist. Die tatsächliche Alternative heißt: Bankenrettung oder Volksaufstand Tatsächlich weigert sich die vor unseren Augen zerfallende EU, die von ihr selbst geforderte Regelung des Bail-in im Fall der Monte dei Paschi zu erzwingen, weil sie fürchtet, dass die Enteignung von Anteilseignern, Aktionären und Sparern im Extremfall einen Volksaufstand auslösen, zumindest aber zu einem für das Bankensystem höchst gefährlichen Banken-Run führen könnte. Damit aber nimmt die Eurokrise eine völlig neue Qualität an. Noch im vergangenen Jahr hat die EU nämlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine weitere Bankenrettung mit Steuergeldern, also ein Bail-out, zu verhindern. Zu diesem Zweck hat sie 2015 sechs Mitgliedsländer verklagt und gezwungen, die Bail-in-Regelung umgehend zu geltendem Recht zu erklären. Dass sie dieses nun bei der Monte dei Paschi nicht juristisch erzwingt, zeigt, dass die EU derzeit keinen anderen Ausweg mehr sieht, als vor möglichen Protesten zurückzuweichen und auf ein Bail-out zurückzugreifen. Das aber wird für die arbeitenden Menschen in Italien und ganz Europa drastische Folgen haben. Die Regierung in Rom wird mit allen Mitteln versuchen, die für die Bankenrettung ausgegebenen Gelder an anderer Stelle einzusparen, d.h. sie wird Kürzungen im Sozialbereich vornehmen, Steuern erhöhen, den Niedriglohnsektor ausweiten, das Arbeitsrecht weiter aufweichen und möglicherweise den Mindestlohn senken. All diese Maßnahmen werden die ohnehin tiefe soziale Krise im Land weiter verschärfen. Gleichzeitig wird sich die Lage im Bankensektor durch die Rettung der Monte dei Paschi keinesfalls grundlegend verbessern. Die Probleme sind nur aufgeschoben und werden in absehbarer Zeit in noch schärferer Form erneut auftreten. Das bedeutet: Beim Eintritt der nächsten Krise wird das Potenzial für eine soziale Explosion noch größer sein als zurzeit. Der Weg führt letztendlich in den Finanz-Faschismus Für den Rest Europas hat die Rettung der Monte dei Paschi ebenfalls erhebliche Auswirkungen: Die erneute Belastung von Steuerzahlern wird politisch zu weiteren Verwerfungen und zu einer weiteren Zersetzung der EU führen, da die Mehrheit der EU-Bürger derartige Zahlungen – wie die Abstimmung zum Brexit eindrucksvoll gezeigt hat – ablehnt. Zum anderen wird durch die Rettung der Monte dei Paschi ein Präzedenzfall geschaffen, der es so gut wie unmöglich machen wird, irgendwo in Europa noch einmal die Bail-in-Regelung anzuwenden. Das heißt: Es wird bei zukünftigen Bankenproblemen weitere Bail-outs geben – mit der Folge, dass weiteres Geld gedruckt, der Euro noch stärker entwertet und die Blasen an den Anleihen-, Aktien- und Immobilienmärkten noch weiter aufgebläht werden. Da auch die Finanzindustrie weiß, dass am Ende dieses Weges nur noch die Alternative Crash oder Hyperinflation steht, wird sie die Politik und die EZB irgendwann ultimativ dazu auffordern, das Ruder herumzureißen und zu diesem Zweck auf das Bail-in zurückzugreifen. Das aber wird dann nur unter Anwendung von Gewalt gegen die Bürger möglich sein – der Grund, warum Polizei und Militär derzeit überall (unter dem Vorwand der Terrorismus-Bekämpfung) aufgerüstet werden. Sollte aber auch der Einsatz von Polizei und Militär nicht ausreichen, bleibt der Finanzindustrie nur noch eine Möglichkeit: Dann wird sie auf die Abschaffung des letzten Rests an verbleibender Demokratie setzen und die Karte des Faschismus ziehen. (Die Unterstützung Donald Trumps in den US-Wahlen durch die Wall Street ist ein erster Schritt in diese Richtung und nimmt die Entwicklung in Europa vorweg.) Die vermeintlichen „Experten“ erzählen uns von alledem – nichts. Statt uns zu warnen, verschleiern und vernebeln sie eine höchst gefährliche Entwicklung, die sich mit unerbittlicher Konsequenz vor unseren Augen entfaltet, und lenken unsere Aufmerksamkeit auf unbedeutende Nebenschauplätze. Das aber bedeutet: „Experten“ zu vertrauen, heißt, nicht in der Lage zu sein, die tatsächlichen tiefgreifenden Triebkräfte der Veränderung in unserer Gesellschaft zu erkennen und unvorbereitet in eine Zukunft zu gehen, die von verschärfter Austerität, zunehmender Geldentwertung, einer Aufrüstung des staatlichen Gewaltapparates und einer weiteren Einschränkung demokratischer Rechte geprägt sein wird. Ganz zu schweigen von den daraus resultierenden immer heftigeren internationalen Verteilungskämpfen und einer damit einhergehenden kontinuierlich zunehmenden Kriegsgefahr.  
Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches “Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg. Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.