Überfüllte Gefängnisse
Gefängnis-Deal: Belgien plant Häftlings-Transfer in den Kosovo

In belgischen Gefängnissen herrscht der Ausnahmezustand: Die Zellen sind so dramatisch überfüllt, dass aktuell fast 600 Häftlinge auf dem Boden schlafen müssen.

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Brüssel/Kosovo – In belgischen Gefängnissen herrscht der Ausnahmezustand: Die Zellen sind so dramatisch überfüllt, dass aktuell fast 600 Häftlinge auf dem Boden schlafen müssen.

Nun sucht die belgische Regierung händeringend nach einer Lösung im Ausland. Während die Verhandlungen mit dem Kosovo bereits weit fortgeschritten sind, hat sich in dieser Woche ein neuer, mächtiger Konkurrent aufgetan: Estland.

Auf einen Blick:

  • Entscheidungsphase: Belgien verhandelt derzeit parallel mit dem Kosovo und Estland über die Anmietung von Haftplätzen.
  • Notstand: Über 12.000 Häftlinge drängen sich in nur 10.000 Plätzen; der Druck auf die Politik ist so hoch wie nie.
  • Zielgruppe: Vor allem straffällige Migranten ohne gültiges Bleiberecht sollen „ausgelagert“ werden.
  • Der Preis: Neben Millionen-Zahlungen geht es um politische Schützenhilfe auf dem Weg in die EU.

Das „Dänemark-Modell“ als Vorlage

Der Kosovo hat bereits Erfahrung mit solchen Deals: 2022 einigte man sich mit Dänemark auf die Vermietung von 300 Plätzen für rund 200 Millionen Euro über zehn Jahre. Belgien will nun ein ähnliches Abkommen. Die belgische Justizministerin Annelies Verlinden und die Migrationsministerin Anneleen Van Bossuyt haben die Pläne in Pristina bereits konkretisiert.

Besonders im Fokus stehen verurteilte Straftäter ohne legalen Aufenthaltsstatus. Rund ein Drittel der Häftlinge in Belgien hat keine gültigen Papiere. Das Ziel der Regierung ist klar definiert: „Kein Bleiberecht bedeutet künftig keine Haft auf belgischem Boden.“

Das Duell: Kosovo gegen Estland

Noch ist keine endgültige Entscheidung gefallen. In dieser Woche (Stand 04.02.2026) besuchten die belgischen Ministerinnen überraschend auch Estland. Das Baltikum gilt als starker Konkurrent für den Kosovo: Estland hat bereits einen Vertrag mit Schweden unterzeichnet und verfügt über modernste Infrastruktur, die derzeit nur zu 60 Prozent ausgelastet ist.

Für den Kosovo steht viel auf dem Spiel. Die Regierung in Pristina muss nun beweisen, dass sie nicht nur preislich konkurrenzfähig ist, sondern auch die hohen europäischen Standards im Strafvollzug garantieren kann. Der „Zellen-Wettstreit“ zwischen dem Balkan und dem Baltikum ist damit offiziell eröffnet.

Der Preiskampf um die Zellen

Die Entscheidung Belgiens wird maßgeblich durch die Kosten beeinflusst. Während der Kosovo beim Dänemark-Deal mit rund 2.100 Euro pro Häftling und Monat kalkuliert, liegt die Messlatte im Baltikum deutlich höher: Schweden zahlt für seine Plätze in Estland Schätzungen zufolge bis zu 8.500 Euro monatlich pro Kopf. Für das hochverschuldete Belgien ist der Kosovo somit der „Preisbrecher“ auf dem europäischen Markt für Haftkapazitäten.

Doch der günstige Preis sorgt im Kosovo für eine hitzige Debatte. Kritiker und Oppositionelle warnen davor, das Land zur „Müllhalde für kriminelle Ausländer“ zu degradieren. Es wird befürchtet, dass Belgien vor allem Schwerverbrecher und Mitglieder der organisierten Drogenmafia abschiebt, die im Kosovo kaum resozialisiert werden können. „Wir verkaufen unsere nationale Würde für ein paar Millionen Euro und importieren dafür die Sicherheitsprobleme Westeuropas“, so die warnenden Stimmen aus Pristina.

Millionen-Deal gegen EU-Unterstützung?

Für den Kosovo ist das Geschäft nicht nur finanziell lukrativ. In Regierungskreisen in Pristina wird gemunkelt, dass man sich im Gegenzug für die Aufnahme der belgischen Häftlinge politische Schützenhilfe erhofft. Der Kosovo will endlich Fortschritte bei seinem EU-Beitrittsprozess sehen – und Belgien könnte hier als einflussreicher Fürsprecher fungieren.

Doch der Plan hat Tücken:

Menschenrechte:

Kritiker warnen vor einer „Zwei-Klassen-Justiz“ und fordern eine lückenlose Überwachung durch internationale Beobachter.

Logistik: Der Transport und die rechtliche Betreuung der Häftlinge über tausende Kilometer hinweg sind eine logistische Mammutaufgabe.

Diplomatisches Minenfeld: Engere Beziehungen zum Kosovo könnten die Spannungen mit Serbien verschärfen, was auch für belgische Diplomaten eine Herausforderung darstellt.

Ein neuer Trend in Europa?

Die Auslagerung von Strafvollzug in Drittstaaten scheint sich zu einem festen Trend in Europa zu entwickeln. Während Estland bereits Erfahrung mit skandinavischen Häftlingen hat, positioniert sich der Kosovo als pragmatischer Partner für westeuropäische Justizprobleme. Für Kritiker bleibt es ein moralisch fragwürdiges Outsourcing, für die beteiligten Regierungen ist es schlichtweg notwendige Krisenbewältigung.

Ob die Verträge mit dem Kosovo noch in diesem Frühjahr unterzeichnet werden oder ob Estland den Deal wegschnappt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Das Interesse an kosovarischen Gefängnisplätzen war jedenfalls noch nie so groß wie heute.

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