Journalist Klaus Jurgens
„Ach so, deshalb magst Du ja die Türken“ – Ein Kommentar

"An Tagen, wenn ich in guter Laune bin (fast immer), versuche ich eine Konversation. Ernsthaft, ich gebe einfach nicht auf, falsche Informationen über Land und Leute geradezurücken. Es klappt manches Mal, aber zur Zeit eher selten." Ein Kommentar.

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Falschinterpretierte Türkei – Reflektionen über meine eigene Generation

Von Klaus Jurgens

Ach, wie einfach ist das doch alles in der Türkei. Ein einladendes Land mit herzlichen Menschen – somit kommt man halt auch schnell ins Gespräch. Und da das Thema Familie hier einen besonderen Stellenwert hat, wird man auch als Ausländer oft nach seinem eigenen Familienstand gefragt; nicht negativ neugierig gemeint, sondern ganz natürlich, genauso wie es unter türkischen Nachbarn und Kollegen gang und gäbe ist.

„Ach so, deine Frau ist von hier, sehr schön“ – so oder ähnlich hört man es meistens, wenn beide Gesprächspartner dann ihre Situation schildern. Häufig schallt mir dann das liebgemeinte Wort „enişte“ entgegen; offiziell übersetzt eher Schwager, oder Ehemann der Schwester; wird aber in der Türkei und von Türken im Ausland auch für jeden benutzt, der Ausländer ist und eine Türkin geheiratet hat.

In so manchem anderen europäischen Land und sollte eine Unterhaltung auf dieselben Themen kommen, also von woher man gerade kommt (bald 14 Jahre Türkei und immer wieder hin und her), und mit wem man zusammenlebt (türkische Ehefrau) und ob man Kinder hat (in der Türkei geboren), erwartet mich im besten Falle Schulterzucken, als verbaler Mittelweg ein „oh echt, wirklich?“ und im schlimmsten Falle ein Blick in Augen gefüllt mit Skepsis, fast schon Mitgefühl, als ob man gerade etwas Furchtbares von sich gegeben hätte.

Oder als weitere Variante dieser zynische, mit einem schäbigen Grinsen versehene‚ „ach so, deshalb magst Du ja die Türken“. Dummheit hoch zehn Kommentar.

An Tagen, wenn ich in guter Laune bin (fast immer), versuche ich eine Konversation. Ernsthaft, ich gebe einfach nicht auf, falsche Informationen über Land und Leute geradezurücken. Es klappt manches Mal, aber zur Zeit eher selten. So groß ist die negative Einstellung vieler Menschen gegenüber der modernen, demokratischen Türkei, die eben nicht mehr eine Marionette zumeist westlicher (militärischer und regionaler Einflussnahme) Interessen ist.

An anderen Tagen und wenn ich zum Beispiel den Fehler begangen habe und mal wieder einige offiziell objektive Tageszeitungen studiert habe, die aufgrund ihrer permanenten Falschmeldungen über die heutige Türkei kaum noch Platz für echte Nachrichten haben, und wenn von daher mein Anti-Türkei-Akzeptanz-Level mal wieder beträchtlich gegen Null tendiert, da höre ich besser weg, oder sage einfach nichts mehr und wechsle schnell das Thema.

Und genau hier möchte ich mit meiner Kritik ansetzen. Bitte glauben Sie mir liebe Leserinnen und Leser, ich komme auch aus der Provinz. Nein, ich meine damit nicht Sie, sondern nur mich selber. Ein kleines Nest, wo das Wort Ausländer nicht weiter reichte als bis zur einzigen Pizzeria in der Gemeinde. Und der Wirt wurde eigentlich nicht als Ausländer angesehen, da wir doch alle den Traum hatten, und viele verwirklichten ihn auch, in Italien Urlaub zu machen. Also Italiener und solange sie eine Pizzeria oder Eisdiele betrieben, waren bestens integriert. Gab ja auch nur einen plus Ehefrau und Kinder so um die 10 000 Einwohner.

Aber irgendwann packte man seine Koffer und entdeckte dank Interrail Europa. Und danach war eben alles ganz anders. Da man erfahren hatte, dass man selber eigentlich überall ein Fremder oder Ausländer ist, betrachtete man seine eigenen ausländischen Mitmenschen zurück zu Hause auf einmal viel freundlicher, da man selber eben auch sehr freundlich aufgenommen worden war, ob in Sizilien oder in Stockholm.

Über die Jahre waren bei uns zu Hause der Spanier und der Türke und der Jugoslawe und viele weitere stolze Nationalitäten hinzugekommen. Also wie gesagt: Ihr Autor stammt aus relativ kleinen Verhältnissen, hat es aber mittels unzähliger Auslandsreisen fertiggebracht, die Wörter Respekt und Toleranz zu lernen und zu schätzen.

Ein gewisses Maß an Offenheit, Interesse am Anderen, am Zusammenleben verschiedener Kulturen und Ideen. Zugegeben, je mehr man unterwegs ist, umso einfacher. Aber auch diejenigen unter uns, die nicht so viele Gelegenheiten hatten, über „das Andere“ und die große weite Welt persönlich zu erfahren, sind vor allem heute ja nicht mehr von genau dieser weiten Welt abgeschnitten wie wir damals im Zeitalter ohne WWW. Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen… eigentlich sollte multikulturelles Zusammenleben heute doch genauso einfach sein wie das ABC!

Was genau ist dann mein Kritikpunkt? Nicht, dass manche Menschen weniger umherkommen, natürlich nicht. Reisen kostet ja erst einmal Geld und das ist überall knapp. Nein, mein Kritikpunkt bezieht sich auf die Informationsquellen, die ich im letzten Abschnitt ansprach: TV, Radio, Medien – wenn Sie permanent nur Schlechtes über ein Land hören, dann glauben Sie das doch eventuell auch irgendwann einmal?

Wenn man keinen Vergleichswert hat? Wenn Lobbygruppen in Ihrem Lande Negativpropaganda betreiben? Wenn einzelne Politiker als Hassobjekte auserkoren werden? Wenn selbst Politiker mit türkischen Wurzeln ihre prinzipielle Heimat als Feindbild erklären, weil sie wohl von dubiosen Quellen finanziell dafür entlohnt werden?

Aber die Medien agieren nicht im luftleeren Raum. Solange unsere Politik es nicht fertigbringt, das multikulturelle Leben auch vorzuleben, in all seinen tollen Facetten und Farben, dann werden auch unsere Mainstream-Medien sich kaum die Mühe machen, etwas Positives darüber zu schreiben oder ein TV-Special zu produzieren mit Fakten anstelle von Fake-News. Ein Teufelskreis – derzeitige populistische Bewegungen nutzen ihn nur zu gerne für ihre eigenen oftmals abwegigen Ziele aus.

Als einzelner Rufer gegen den Wind kann man wenig ausrichten. Aber ich glaube fest daran, dass meine Generation dazugelernt hat; erst mittels Interrail und jetzt per Internet. Nur, dass sie entweder zu schüchtern oder zu fehlgeleitet ist, um es auch zu sagen. Wenn wir als Mitbürgerinnen und Mitbürger aufstehen und uns für eine Welt von Toleranz, Respekt und Miteinander einsetzen, können wir die ewigen Schlechtmacher der modernen Türkei ganz leicht in ihre Schranken weisen.

Dazu gehört Mut und Courage, aber die haben wir doch, oder etwa nicht? Wir sind doch die Post-1968-Generation, die es eigentlich gelernt haben sollte, sich für Demokratie und Internationalität einzusetzen, die zum Beispiel gegen Putschversuche eindeutig Stellung bezieht. Die selbstredend den Terror überall auf das Schärfste verurteilt und Staaten, die davon betroffen sind, Solidarität anbietet?

„Was, ihr kommt aus der Türkei?“

Na klar; a) genau so, als ob man aus Argentinien oder Augsburg stammt; und b) von der türkischen Gastfreundschaft und Herzlichkeit und eben auch Normalität gegenüber internationalen Mitbürgerinnen und Mitbürgern können sich so manche europäische Gesellschaften noch ein (Politik-)Stück abschneiden.

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– Kommentar –
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„Da wäre erstens das fehlende Verständnis für den Juli 2016 – Putschversuch; ich bitte um vollste Unterstützung für die Bemühungen in der Türkei die kriminellen Putschisten zur Verantwortung zu ziehen und das muss auch Hilfestellung bei der Suche nach flüchtigen Putschisten die sich ins Ausland abgesetzt haben beinhalten.“ Ein Kommentar.

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