Tel Aviv – Zwei Tage vor der Parlamentswahl in Israel hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine KI-generierte Grafik verbreitet, die einen Atompilz über Tel Aviv zeigt. Dazu teilte er die Warnung des rechten Kommentators Yuval Bloomberg vor einem „zweiten Holocaust“, falls die Wähler einen Regierungschef wählten, der die Aufgabe gegenüber Iran nicht zu Ende bringe.
Oppositionspolitiker Jair Lapid reagierte mit mehreren Beiträgen und sagte im Fernsehen, Netanjahu sei „komplett von den Gleisen abgekommen“.
Netanjahu hatte die Grafik am Sonntag auf X geteilt. Sie zeigt eine Pilzwolke über der Skyline einer Großstadt. In dem Beitrag, den er weiterverbreitete, heißt es, der Staat Israel befinde sich in „realer und greifbarer existenzieller Gefahr“. Wenn die Iraner Atomwaffen erhielten, werde „nichts anderes mehr eine Rolle spielen“. Wer einen Regierungschef wähle, der die Aufgabe gegenüber Iran nicht zu Ende bringen könne, setze sich und seine Familie der „Gefahr eines zweiten Holocaust“ aus. Haaretz fasste den Vorgang so zusammen, Netanjahu warne vor einem „zweiten Holocaust“, falls er verliere.
Die Debatten um die Katar-Affäre und die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe nannte der Autor einen „riesigen Nebelvorhang“, der von dem einen Thema ablenken solle, das alles andere überrage. Bloomberg schrieb außerdem: „Wir haben noch zwei Jahre Trump, um die Aufgabe im Iran zu beenden, und es ist nicht vorherzusehen, was danach kommt.“
Reaktionen aus der Opposition
Der Chef der Partei Jaschar, Gadi Eisenkot, nannte Netanjahu laut Berichten „hysterisch“ und warf ihm Lügen und Angstmache vor. Das Volk werde ihn an der Wahlurne zurückweisen. Der Vorsitzende der Demokraten, Yair Golan, schrieb, der Ministerpräsident habe das Bild einer Atombombe über Tel Aviv veröffentlicht, und forderte, Netanjahu von den sozialen Medien fernzuhalten. Netanjahu wies Vorwürfe zurück, er treibe eine Erneuerung des Krieges gegen Iran voran, um die Wahl zu beeinflussen.
Nach den letzten Umfragen vor der Wahl, die Haaretz zusammenfasst, liegt Eisenkot vor Netanjahu, beide verfehlen demnach eine Mehrheit.
Lapid: „Insgesamt logisch“
Lapid griff Netanjahus Wahlkampf in mehreren Beiträgen auf X an. „Netanjahus Kampagne: Der Staat Israel ist in Vernichtungsgefahr, deshalb habe ich beschlossen, auf die amerikanische Sicherheitsunterstützung zu verzichten, mich Sanktionen zu unterwerfen, die die Wirtschaft zerstören werden, und alle katarischen Agenten in meinem Büro zu belassen. Insgesamt logisch“, schrieb er sarkastisch.
In einem weiteren Beitrag warnte Lapid, Netanjahu habe den Polizeichef nur eingeladen, damit der Staat aufhöre, über ein Interview zu sprechen. Darin habe Netanjahu die Fassung verloren und angekündigt, dass Israel im Falle seiner Wahl auf Sanktionen zusteuere, auf eine Wirtschaft wie die des Iran und Nordkoreas, und auf die Kündigung der Sicherheitsabkommen mit den USA.
Netanjahu habe zudem versprochen, die Hamas in Gaza zu vernichten und die Wirtschaft in Israel wieder aufzubauen, so Lapid. „Und seitdem stützt er die Hamas in Gaza und zerstört die Wirtschaft in Israel.“
Zugespitzt formulierte er Netanjahus Kampagne so: „Wählt mich, und ihr bekommt ein isoliertes, gewalttätiges, gehasstes Land mit einer zerstörten Wirtschaft, Sanktionen, die zu wahnsinnigen Preiserhöhungen führen, und ohne militärisches Bündnis mit den Vereinigten Staaten.“ Dann folgte laut Lapid ein „Bonus“: „Die Haredim werden nicht eingezogen, und Deri erhält Dutzende Milliarden Schekel.“
In einem Interview mit dem Fernsehsender Kanal 12 sagte Lapid: „Netanjahu ist komplett von den Gleisen abgekommen.“
Was Netanjahu zu Sanktionen gesagt haben soll
Lapids Angriffe beziehen sich auf Aussagen Netanjahus, über die am 23. Oktober berichtet wurde. Laut dem Axios-Journalisten Barak Ravid sagte er, Israel müsse sich auf „Bankensanktionen“ und eine „Umgehungswirtschaft“ vorbereiten. Auch die US-Sicherheitshilfe sei „vorbei“. Ynet gab die Aussage so wieder, dass die Hilfe bald enden werde, die Berichte weichen hier also voneinander ab. Die Times of Israel berichtete, er habe von der Vorbereitung auf globale Sanktionen und von Blockchain-Technik zu deren Umgehung gesprochen. Wirtschaftswissenschaftler, die Bank of Israel und Oppositionsführer kritisierten den Plan scharf.
Außerdem soll Polizeichef Daniel Levy Netanjahu und den Minister Itamar Ben-Gvir getroffen haben, ohne dass Opposition oder Wahlkommission dabei waren. Die Generalstaatsanwältin hatte Einwände, die Zentrale Wahlkommission genehmigte das Treffen.
Warnungen vor Angriffen Irans
Netanjahu sagte am Sonntag an einer Arrow-Raketenabwehrbatterie: „Wir haben Geheimdiensthinweise, dass Iran und seine Stellvertreter uns mit Angriffen herausfordern könnten, um die Wahlen zu stören.“ Er fügte hinzu: „Testet uns nicht.“
Verteidigungsminister Israel Katz erklärte am Samstag im Sender Kan, Israel habe vor der Wahl keine Kampagne gegen Iran begonnen und beginne auch keine. Er warf der Opposition vor, mit gegenteiligen Andeutungen unverantwortlich zu handeln. Eisenkot sagte am Donnerstag, es gebe keine direkte, unmittelbare iranische Bedrohung, die vor der Wahl einen Krieg erfordere. Generalstabschef Eyal Zamir soll laut Kanal 13 in einer nicht öffentlichen Sitzung gesagt haben, er sehe keinen operativen Bedarf für einen Schlag gegen Iran vor der Wahl.
Gewählt wird am Dienstag.
Netanyahu warns of ’second Holocaust‘ if he loses, shares image of nuclear blast https://t.co/SiM7qcbV1l
— Haaretz.com (@haaretzcom) October 25, 2026

