Damaskus – Die syrische Führung soll Washingtoner Kreisen zufolge unmissverständlich klar gemacht haben, dass der Wille zur Vermeidung eines erneuten Krieges keineswegs mit mangelnder Entschlossenheit zur Selbstverteidigung gegenüber Israel verwechselt werden dürfe. Hintergrund sind die anhaltenden und sich zuspitzenden israelischen Angriffe sowie Vorstöße auf syrisches Staatsgebiet.
Berichten des in London ansässigen Magazins Al Majalla zufolge erklärten syrische Regierungsvertreter gegenüber dem US-Sondergesandten Tom Barrack, dass Damaskus zwar weiterhin an einer verhandelten politischen Lösung festhält, im Ernstfall jedoch auf eine langwierige Konfrontation eingestellt ist.
Ungenannten Quellen des Magazins zufolge stellten syrische Vertreter zudem die Frage, inwiefern das Vorgehen Israels überhaupt ein echtes Bekenntnis zu einer politischen Einigung oder einem Sicherheitsabkommen erkennen lasse. Das Treffen, in dessen Rahmen dieser Schlagabtausch stattfunden haben soll, ging am 21. Oktober über die Bühne und umfasste Gespräche Barracks mit Präsident Ahmed al-Scharaa und Außenminister Asaad al-Schaibani.
Schweres Erbe und militärisches Ungleichgewicht
Diese Warnung kommt aus einem Staat, dessen Bevölkerung nach jahrzehntelanger, erbarmungsloser Diktatur, Massenmorden, Folter und Vertreibung bereits einen verheerenden Krieg durchlebt hat. Nach dem lang ersehnten Sturz von Machthaber Assad sehnen sich die Syrer verzweifelt nach Frieden, Wiederaufbau und einer echten Perspektive für die Zukunft.
Große Teile Syriens liegen nach wie vor in Trümmern. Die militärische Infrastruktur des Landes wurde unmittelbar nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 durch israelische Luftangriffe weiter massiv zerschlagen. Flugplätze, Luftabwehrsysteme, Waffenlager und Marineeinheiten gerieten ins Visier – Berichten zufolge unter Einsatz von Koordinaten, die von hochrangigen Funktionären des alten Regimes geliefert worden waren, um das Land bewusst wehrlos zurückzulassen.
Israel beanspruchte für sich, 70 bis 80 Prozent der strategischen Militärkapazitäten des Vorgängerregimes vernichtet zu haben, wenngleich diese Angaben nicht unabhängig verifiziert werden konnten. Jede neue bewaffnete Auseinandersetzung ginge folglich mit einem extremen militärischen Ungleichgewicht einher und würde einen ohnehin schwer gezeichneten Staat weiterer Zerstörung aussetzen.
Anhaltende Provokationen und akute Eskalationsgefahr
Trotz permanenter und schwerwiegender Provokationen setzt die Regierung in Damaskus weiter konsequent auf Verhandlungen, um einen neuen verheerenden Flächenbrand abzuwenden. Knapp zwei Jahre nach dem Sturz Assads dringen israelische Besatzungstruppen jedoch fortwährend in syrische Dörfer vor, errichten Checkpoints und verhaften Einwohner. Jüngste Proteste gegen diese Verletzungen der Souveränität machten nur einen Bruchteil des angestauten öffentlichen Zorns deutlich, während das Land gleichzeitig mühsam um seine Erholung ringt.
Wie Al Majalla zudem berichtet, konnte am 20. Oktober eine unmittelbare Eskalation im Süden Syriens nur durch dringende Vermittlungsbemühungen in letzter Sekunde abgewendet werden. Der Bericht bringt die akute Gefahr mit angeblichen Vorbereitungen von Gruppierungen um Scheich Hikmat al-Hijri in Suwayda in Verbindung, die demnach Angriffe auf Regierungspositionen geplant hatten, um eine staatliche Reaktion zu provozieren – die wiederum als willkommener Vorwand für ein offenes israelisches Eingreifen dienen sollte.
Geopolitische Risiken und europäische Dimension
Die Gefahrenmomente reichen weit über eine direkte militärische Konfrontation hinaus. Ein ausgeweiteter Krieg könnte radikalen Banden und anderen externen Akteuren neue Einfallstore öffnen, um die erneute Destabilisierung auszunutzen. Jede Welle neuer Zerstörungen droht zudem eine neue, gigantische Flüchtlings- und Vertreibungswelle auszulösen.
Ein solches Szenario würde unweigerlich auch spürbare politische Erdbeben in Europa auslösen. In einem ohnehin hochgradig angespannten politischen Klima erhielten rechtsextreme Kräfte neue Munition, um anti-islamische Stimmungen und Migrationsängste auszuschlachten. Dies wiederum würde vor allem Wladimir Putin in die Karten spielen, indem die Spaltungen innerhalb der europäischen Gesellschaften vertieft und deren Handlungsfähigkeit gegenüber Aggressionen massiv geschwächt wird.
Die übermittelte Botschaft aus Damaskus markiert demnach unmissverständlich die Grenzen der Geduld und Zurückhaltung. Eine kriegsgeplagte Bevölkerung darf nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder permanent die Verletzung der eigenen Souveränität hinzunehmen oder in den nächsten katastrophalen Konflikt gestürzt zu werden. Die Verhinderung dieses Altszenarios erfordert wirksamen Druck auf Israel, die militärische Eskalation einzustellen und den Syrern jenen Frieden zu gewähren, den sie für den dringend notwendigen Wiederaufbau benötigen.
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