Eine historische Spurensuche im Kaukasus gibt Einblicke in ein fast vergessenes Kapitel der europäischen Migrationsgeschichte: Vor mehr als zwei Jahrhunderten machten sich Hunderte schwäbischer Familien aus dem heutigen Baden-Württemberg auf den Weg nach Osten.
Der Dokumentarfilm „Kontrapunkt“, der kürzlich im Aserbaidschanischen Kulturzentrum in Berlin seine Premiere feierte und über die aserbaidschanische Botschaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser deutschen Siedler von ihren Anfängen bis in die Gegenwart nach.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang im frühen 19. Jahrhundert. Getrieben von drückender Armut, Missernten in Folge der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ und den Belastungen durch Steuerabgaben sowie Rekrutierungen im damaligen Königreich Württemberg suchten viele Menschen nach einem Neuanfang. Hinzu kam ein starker religiöser Antrieb: Als fromme Pietisten und Chiliasten erhofften sich viele Auswanderer im Osten eine Heimat, in der sie ihren Glauben frei und unverfälscht praktizieren konnten. In sogenannten „Ulmer Schachteln“ – einfachen Holzbooten – traten geschätzte 1.400 Familien die beschwerliche Reise über die Donau an.
Ihr Weg führte sie schließlich in den Südkaukasus, in Gebiete des heutigen Aserbaidschan, die zu jener Zeit Teil des Russischen Kaiserreichs waren.
Dort gründeten die Einwanderer ab 1818 eigene Kolonien, darunter Helenendorf (heute Göygöl) und Annenfeld. Trotz der tiefgreifenden kulturellen und religiösen Unterschiede entwickelte sich zwischen den evangelischen Siedlern und der vorwiegend muslimischen Lokalbevölkerung ein pragmatisches und von gegenseitigem Respekt geprägtes Zusammenleben.
Einen entscheidenden Aufschwung erlebten die deutschen Siedlungen durch die Einführung des professionellen Weinbaus. Winzerfamilien wie Vorer und Hummel errichteten moderne Weinbaubetriebe und schufen eine Blütezeit, die den Kolonisten Wohlstand brachte und deren Erzeugnisse internationale Bekanntheit erlangten.
Auch deutsche Industrie-Pioniere hinterließen deutliche Spuren: Die Gebrüder Siemens erwarben im Jahr 1864 ein Kupferbergwerk im Kaukasus und bauten die regionale Infrastruktur maßgeblich mit aus. In Städten wie Baku prägten deutsche Architekten wie Adolf Eichler oder Nikolaus von der Nonne das Stadtbild mit imposanten Bauten, Sakralgebäuden und modernem Städtebau.
Die Dokumentation zeigt jedoch auch, wie dieses Miteinander auf harte Proben gestellt wurde. Während des Ersten Weltkriegs gerieten die ethnischen Deutschen unter den Verdacht des Zarenreichs.
In Aserbaidschan setzten sich jedoch einheimische Würdenträger und einflussreiche Persölichkeiten wie Alakbar Bay Rafibeyli bei den Behörden für ihre deutschen Nachbarn ein, um deren drohende Verfolgung abzuwenden. In der 1918 gegründeten Demokratischen Republik Aserbaidschan erhielt die deutsche Minderheit mit Lorenz Kuhn sogar einen eigenen Sitz im Parlament.
Das Ende dieser Ära bedeutete die Machtergreifung der Bolschewiki und die spätere Herrschaft Josef Stalins. Ab den 1920er-Jahren folgten Enteignungen, Kollektivierungen und politische Repressionen. Die tragische Zäsur bildete schließlich das Jahr 1941, als im Zuge des Zweiten Weltkriegs zehntausende Kaukasungardeutsche per Zwangserlass innerhalb weniger Tage nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden.
Der von AnewZ TV produzierte Film fasst diese tiefen historischen Verflechtungen unter dem musikalischen Begriff des „Kontrapunkts“ zusammen: Er steht als Sinnbild für unterschiedliche Stimmen und Kulturen, die ihre Eigenständigkeit bewahren und dennoch über Generationen hinweg ein gemeinsames Ganzes bildeten.
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