Kinder in „äußerst bedauernswertem Zustand“
Dr. Zenz stellte fest, dass sich die Situation für Uiguren und andere Angehörige muslimischer oder Turkminderheiten seit dem Frühjahr 2017 verschlechtert hat. Damals wurde Chen Quanguo KPCh-Sekretär für das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang (UAGX) – und deshalb konzentrieren sich die Pläne der USA für gezielte Sanktionen nach dem sogenannten „Magnitsky Act“ auf ihn.
Systematischer Plan zur Entführung und Indoktrination von Kindern
Doch hier geht es um mehr als um Misshandlung. Dr. Zenz zeichnet ein Bild eines vorsätzlichen ideologischen Projekts, das darauf hinzielt, nicht nur die Gegenwart Xinjiangs durch die Lager zu kontrollieren, sondern auch die Zukunft der Region durch die Indoktrination der Kinder. Um dieses Ziel zu erreichen, wird auch in hohem Maße Technologie eingesetzt. „Insbesondere“, so stellt Zenz fest, „setzt der Staat auf zentralisierte, internatsähnliche Hochsicherheitseinrichtungen – unabhängig davon, ob er nun die Vormundschaft für diese Kinder besitzt oder nicht. Mit einem Budget von mehreren Milliarden Dollar, strengen Zeitvorgaben und ausgeklügelten digitalen Datenbanksystemen kann die Regierung in Xinjiang eine noch nie dagewesene Kampagne zur Assimilierung und Indoktrination von Kindern in einem abgeschotteten Umfeld durchführen, indem sie diese von ihren Eltern trennt.“ Wie Bitter Winter es täglich dokumentiert, ist die Religion der Staatsfeind Nr. 1. Doch Dr. Zenz ist es zu verdanken, dass wir nun erkannt haben, dass direkt danach die Familie kommt. Vor allem deswegen, weil die Familie der Ort ist, an dem religiöse Werte und kulturelle Identität weitergegeben werden. Mittlerweile kann die Trennung der Kinder von ihren Eltern und anderen Verwandten „[…] unterschiedliche Formen und unterschiedliches Ausmaß annehmen. Dazu gehören Ganztagsbetreuung an Werktagen bzw. während ganzer Arbeitswochen sowie längerfristige Vollzeittrennung. Wenn man bedenkt, welche Bedrohung es darstellt, dass die Kinder in Xinjiangs Bildungssystem dazu gebracht werden, ihre Eltern zu denunzieren, kann man davon ausgehen, dass der elterliche Einfluss im Allgemeinen und die Weitergabe von Kultur und Religion zwischen den Generationen im Besonderen drastisch eingeschränkt werden. Sehr wahrscheinlich wird in manchen Fällen der elterliche Einfluss fast vollständig ausgeschaltet.“ Braucht es noch weitere Beweise dafür, dass es sich bei Rotchina um einen totalitären Staat handelt? Eines der zahlreichen konkreten Beispiele in Dr. Zenz‘ Bericht ermöglicht eine vollständige Vorstellung dessen, was im UAGX tatsächlich geschieht – er schreibt: „Ab Ende Februar 2017 begann Xinjiang damit, 4387 ‚bilinguale‘ (d.h. vornehmlich chinesischsprachige) Vorschulen zu errichten, die geplant 562 900 neue Schüler aufnehmen sollten. Diese Kampagne konzentrierte sich auf den ländlichen Süden, in dem die meisten Uiguren leben. Das Projekt wurde mit großer Dringlichkeit vorangetrieben. Zahlreiche Nachrichtenberichte bestätigten, dass die Bauarbeiten in Höchstgeschwindigkeit vorgenommen wurden. Dabei wurde ein chinesischer Ausdruck verwendet, der sich darauf bezieht, mit einer Peitsche ‚ein Pferd zur Höchstgeschwindigkeit anzutreiben‘ (快马加鞭). Es hieß, die Koordination zwischen den für die schnelle und effiziente Errichtung der Schulen zuständigen Regierungsabteilungen sei in ‚militärischer Befehlsmanier‘ (军令状) erfolgt. Die Errichtung der Vorschulen sollte rechtzeitig vor dem Beginn des neuen Schuljahrs im September abgeschlossen sein. Der Regierungsbezirk Hotan forderte die Fertigstellung der Vorschulen jedoch bereits vor dem 25. Juli. Dieser massive und beschleunigte Ausbau wurde durch Staatsbankkredite von insgesamt acht Milliarden RMB nur für die südliche Minderheitenregion finanziert. Allein im Regierungsbezirk Kashgar beliefen sich die Subventionen der Zentralregierung für den Bau von Vorschulen auf 767,6 Millionen RMB.“ Acht Milliarden RMB sind fast 1,1 Milliarden Euro, die in die Entführung und Indoktrination von Kindern investiert wurden, um den Fortbestand des Unterdrückungsstaats zu sichern.Das „Xinjiang-Experiment“ und unser aller Zukunft
Die von Dr. Zenz in seinem Schlusswort benannte „koordinierte Staatskampagne zur Förderung unterschiedlicher Formen der Generationentrennung“ hat bereits ein besorgniserregendes Zwischenziel erreicht. Tatsächlich, so erklärt der deutsche Wissenschaftler, „kann die Regierung von Xinjiang seit Mai 2019 im wahrsten Sinne des Wortes die ‚Elternschaft‘ von mindestens zehntausenden – wenn nicht sogar hunderttausenden oder mehr – Kindern übernehmen“. Selbst wenn der Staat Eltern wieder aus den Lagern entlässt, „[…] können Kinder weiterhin zumindest während der Arbeitswoche in Vollzeitbetreuung oder Internaten untergebracht werden, was bedeutet, dass der Staat mehr Einfluss auf die nächste Generation ausüben kann, als die Eltern […]. Mit der Ausweitung der ausgeklügelten Betreuungs- und Internatseinrichtungen, können die Schüler ganze Arbeitswochen und möglicherweise auch länger von ihren Eltern getrennt werden. Das ist mit Sicherheit kein Zufall, sondern ein bewusster Teil des ‚Wurzelbrechens‘ und der Transformation der Turkminderheiten durch zwangsweisen gesellschaftlichen Umbau.“ Dr. Zenz‘ Forschungsarbeit wurde ausführlich in der italienischen Tageszeitung La Stampa erörtert und von der BBC für einen eigenen Bericht über das Thema verwendet. Dr. Zenz hat keinen Zweifel daran, dass diese „Entwicklung eines langfristigen gesellschaftlichen Kontrollmechanismus […] ein deutlicher Hinweis darauf“ ist, „dass das langfristige Ziel [der KPCh] darin besteht, in Xinjiang einen gezielten, kulturellen Genozid durchzuführen, durch den die Herzen und die Köpfe der nächsten Generation durch die Ideologie der Kommunistischen Partei geändert und auf diese hin ausgerichtet werden“. Hier sind wir also wieder einmal bei dem schrecklichen, verbotenen G-Wort angelangt. Jedes Mal, wenn China für das zur Verantwortung gezogen wird, was es seinen Bürgern antut, geht es letztendlich um Genozid: Sei es die grauenvolle Praxis der Organernte oder die Vergewaltigung der Xinjianger Jugend. Wie lange wird die Welt diese schrecklichen Zustände, die von Wissenschaftlern, Akademikern, NGOs und internationalen Organisationen dokumentiert wurden, noch dulden? Wenn der Rest der Welt weiterhin davor zurückscheut, den Regierenden in China die Stirn zu bieten, wird Peking die im „Xinjiang-Experiment“ verfolgte Politik landesweit anwenden und vielleicht sogar entlang der neuen Seidenstraße exportieren. Das UAGX ist nur der Anfang, denn […] China nutzt Xinjiang als Versuchslabor für fortgeschrittene Überwachungstechnologien und prädiktive Kontrollmaßnahmen. Wenn der Staat die Generationentrennung als erfolgreiche Maßnahme zur Unterdrückung der Weitergabe der religiösen und kulturellen Identität betrachtet, dann kann es sein, dass er diesen Ansatz möglicherweise auch in anderen Teilen Chinas anwendet. Die Zwangsmaßnahmen zum gesellschaftlichen Umbau, die aktuell in Xinjiang erprobt werden, könnten sich zu einem Modell für andere chinesische Regionen entwickeln – oder sogar für andere autoritäre Staaten der BRI“, d.h. der Ein Gürtel, eine Straße-Initiative, durch die Peking große Teile der Welt kauft oder erobert. „Was wir in Xinjiang sehen“, erklärt Dr. Zenz Bitter Winter, indem er seine Forschungsergebnisse zusammenfasste und verdeutlichte, „ist ein gezielter, kultureller Genozid, der mit noch nie dagewesenem technologischen Know-how, riesigen Finanzressourcen, detaillierter Planung und im militärischen Stil durchgeführt wird“. Die Zukunft der Kinder von Xinjiang ist die Zukunft unserer Kinder: Das sollte die Welt besser heute als morgen verstehen. (Bitter Winter)
Marco Respinti ist ein italienischer Berufsjournalist, Essayist, Übersetzer und Lektor. Er schrieb und schreibt Beiträge für mehrere Print- und Online-Journale und -Magazine in und außerhalb Italiens. Eines seiner Bücher, das 2008 veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Menschenrechten in China. Er ist leitendes Mitglied des Russell Kirk Center for Cultural Renewal einer unparteiischen, US-amerikanischen Non Profit-Bildungsorganisation mit Sitz in Mecosta (Michigan) und sowohl Gründungs- als auch Vorstandsmitglied des Center for European Renewal, einer unparteiischen, europaweiten Non Profit-Bildungsorganisation mit Sitz in Den Haag (Niederlande). Er ist Verantwortlicher Leiter von The Journal of CESNUR und Bitter Winter.






