Kommentar
Hanau wird in Lager gespalten: „Kurden“ und „Türken“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf zwei Shisha-Bars in Hanau beginnt die politisch-ideologische Trauerbekundung anzulaufen. Damit nimmt es langsam perfide Formen an. Die Opfer dürfen nicht mehr Opfer sein, sie müssen instrumentalisiert werden, so lange es noch geht. Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf zwei Shisha-Bars in Hanau sollten die Angehörigen, sollte die Gesellschaft in Deutschland um die 9 jungen Opfer trauern können. Zudem sollte darüber nachgedacht werden, wie man den Rechtsextremismus eindämmen kann. Stattdessen jagt nun ein Social Media-Betrag den anderen, in denen es unter anderem um die Frage geht, weshalb die Oberhäupter der Politik sowie Medien die Opfer auf „Türken“ reduzieren, weshalb eine „Türkin“ eingeladen wird, aber keine „Kurdin“ oder warum man einem „Erdogan sein Beileid“ ausspricht. Dabei wird ein kapitaler Bock nach dem anderen abgeschossen, pietätlos gegenüber den Angehörigen, rücksichtslos gegenüber den Opfern, geradezu perfide, wenn es besonders jetzt um Einigkeit und Einheit geht und diese Kreise nun einen Keil hineintreiben. Gerade jetzt sollte nicht alles auf die Goldwaage gelegt werden, dass diese Einigkeit und Einheit stört, aber offenbar gibt es nicht nur Spaltpilze innerhalb der AfD, sondern vor allem unter völkischen Ethno-Nationalisten. Um welche Personen und Personenkreise geht es da eigentlich? Nicht so sehr um Türken, wie man schlechthin annehmen würde; bis auf einen gewissen Ercan Karakoyun, der aus der Reihe tanzt und meint, „Kurden und Türken“ würden die Opfer instrumentalisieren. Den Beweis, die Türken würden das instrumentalisieren, bleibt er trotz Aufforderung konkreter zu werden schuldig und sperrt danach jeden, der ihm widerspricht. Offenbar ist der Fluchtinstinkt bei diesen Sektenmitgliedern angeboren:
„Herkunft und Religion der Opfer: Sie spielen keine Rolle! Rassisten haben Menschen(!) ermordet. Alles andere ist Nebensache. Der Versuch von Kurden und Türken, die Opfer für sich zu instrumentalisieren, ist armselig!“
In einem Punkt gebe ich Karakoyun recht. Wenn Menschen zu Opfern von Extremismus werden, muss alles andere nebensächlich werden. Das sieht aber z.B. Cesur Milusoy etwas anders:
„Die kurdische Community ist aktuell sehr über die deutsche Politik und Medien verärgert. Die Opfer von #Hanau werden einfach als „Türken“ bezeichnet und man spricht einem Erdogan sein Beileid aus, der überhaupt nicht die Werte der Opfer und Angehörigen teilt.“
Die Madame legt alles auf die Goldwaage. Sie poltert nicht nur gegen die Medien, die die Opfer nicht nach Ethnie sondern nach Staatsbürgerschaft betrachten, sondern teilt auch mächtig gegen die deutsche Obrigkeit aus, die lediglich die Staatsangehörigkeit berücksichtigt hat. Armselig ist das, wenn man den Worten Karakoyuns folgt. Aber das ist bei weitem nicht so interessant wie der Satz von Martin Glasenapp, der wohl von sich behauptet, besonders intelligent und gerissen zu sein: f
„Nichts gegen die, die er traf. Aber warum hat Horst #Seehofer niemanden vom kurdischen Gesellschaftszentrum in #Hanau eingeladen? Es waren Kurden unter den Opfern. Zählt die kurdische Trauer hier weniger, weil Kurdinnen & Kurden auch in der #Türkei kaum etwas zählen? Bitter.“
Dieser Glasenapp hält sprichwörtlich seine Moralkeule hinter sich versteckt, während er sich vor den Opfern und Angehörigen verneigt und zähneknirschend sowie fluchend gegen die Türkei und Türken murmelt. Ethno-Nationalisten gibt es in Deutschland zur Genüge, wie das nächste Beispiel offenbart:
„Anstatt mal auch jemanden mit kurdischem Background einzuladen, wird K. Gümüsay eingeladen, die bis dato zu islamistisch rassistischen Strukturen schweigt und sich als Antirassistin inszeniert: wie traurig muss dieser Anblick für die kurdisch alevitischen Opfer von #Hanau sein?“
Das sind die Worte der Rapperin Reyhan Şahin, mit Künstlernamen Lady Bitch Ray. Diese besonders verzahnte Trennscheibe zieht ihre fürchterlichen Furchen nicht nur durch die ethnische, sondern auch durch die religiöse Zugehörigkeit der Opfer und als ob das nicht ausreicht, verpasst ein Uniprofessor namens Burak Copur gleich allen Türken einen Maulkorb, damit sie sich zu der schrecklichen Tat erst gar nicht äußern:
„Könnt ihr türkischen Islamofaschisten heute einfach mal ruhig sein? Danke.“
Aber wenn du denkst, dass das nur Einzelfälle sind, dann hast du nicht bedacht, dass das eine Breitenwirkung erzielt und Nachahmer findet. Wenn sogar eine MdB Gökay Akbulut von Identität, Flucht und Unterdrückung faselt, um einen Bogen bis in die Türkei zu spannen, dann hat man die Dimension dieser perfiden Taktik nicht verstanden:
„Unfassbar aufgrund kurdischer İdentität vor Unterdrückung aus der Türkei fliehen, um dann in Deutschland von Rassisten ermordet zu werden. Ferhat Ünvar 22 Jahre RIP #Hanau #Hanau“
Es sind eben nicht nur Einzelfälle, sondern Persönlichkeiten, die in Social Media nicht wenige Follower haben und landauf landab mit solchen Taktiken stolzieren. Da ist ein gebürtiger Deutscher namens Ahmad A. Omeirate, der seiner Hauptbeschäftigung nachgeht und damit gegen die Moscheegemeinden und Islamverbände schießt:
„Moscheen und Islamverbände, die #Hanau jetzt für sich instrumentalisieren & nach „Sicherheitsmaßnahmen“ rufen, verdrängen nur zu gern, dass die Opfer vermehrt alevitische Kurden waren und, die u.a. genau vor solchen Islamisten & türk. Faschisten aus ihrer Heimat fliehen mussten.“
Oder eine Journalistin namens Ronja Othmann, die auf dem Scheitelpunkt der Welle sich anschickt, über eine Teilnehmerin einer Talkshow zu stänkern und dabei mit Zuschreibungen arbeitet, die sie eigentlich selbst kritisiert:
„Unter den Opfern in #hanau waren Kurden. Viele Kurden sind vor antikurdischem Rassismus nach Deutschland geflohen. Wieso wird Kübra Gümüşay eingeladen, die zu dem antikurdischen Rassismus schweigt und kurdische, êzîdische, alevitische Kritiker*innen blockiert?“
(Screenshot/Twitter)
Es sind bei weitem viel mehr Menschen, die sich wie diese Ethno-Nationalisten oder Religionsfanatiker auf Kosten der Opfer Zustimmung erschreiben, oder sollen wir sagen, hinrotzen? Dem Rechtsterroristen Tobias R. war es herzlich egal, ob er kurdische, bosnische, türkische, alevitische, sunnitische oder atheistische „Ausländer“ tötet. Die Opfer hießen Ferhat Ünver, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kalojan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu. Drei der Todesopfer waren Deutsche, zwei Türken, einer war Bulgare, einer Rumäne, einer Bosnier und einer besaß die deutsche und afghanische Staatsangehörigkeit. Selbstverständlich werden dann nicht nur die Konsulate oder Botschafter der Türkei, Bulgarien, Rumänien oder Bosnien-Herzegowina bzw. Afghanistan zur Stelle sein, sondern allen Angehörigen auch ihr Beileid aussprechen, die Angehörigen der Opfer besuchen und sich erkundigen, und sie nehmen dabei auch die Kondolenz der deutschen Obrigkeiten an. Wer sich daran stört, ist ein Korinthenkacker. Wer die Opfer in Ethnie und Religion seziert ist ein Spaltpilz oder Trennscheibe. Wer anderen abspricht, ihr Beileid auszusprechen, ihre Stimme zu sein, der ist ein ideologischer Fanatiker und wer meint, besonders intelligent daherzukommen, der ist in meinen Augen sogar ein Propagandist, ein Aktivist wie aus dem Lehrbuch. All das hat mit Trauer nichts mehr zu tun, mit Anteilnahme schon gar nicht. Man muss sich ja geradezu fremdschämen, sich in einem Land aufzuhalten, in der solche gebildeten Menschen so etwas in die Tastatur hauen können. Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
 

Anschlag in Hanau
Zentralrat der Muslime: „Hanau ist die Spitze des Eisbergs“

Bonn – Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, warnt vor einer Verharmlosung von Rassismus in Deutschland. Terroristische Anschläge wie die in Hanau seien keine Bagatellen, sondern „Gewalt in Sprache, die sich – wenn es nicht einen Ruck gibt in der Gesellschaft – dann auch Bahn bricht als physische Gewalt, mit Waffen oder dem Tod“, sagte Mazyek im phoenix-Interview. „Was in Hanau passiert ist, ist leider die Spitze des Eisbergs nach einer so langen Zeit, aber auch der Untätigkeit und teilweise auch der Verharmlosung“, so Mazyek. Er appellierte, Rassismus offensiv zu bekämpfen. Das sei „die beste Art und Weise, den Extremisten, Nationalisten und Faschisten den Nährboden zu entziehen“. Als konkrete Maßnahme zur Eindämmung von Rassismus forderte Mazyek, eine Enquête-Kommission im Bundestag zu konstituieren, „die klar versucht, antimuslimischen Rassismus in unserem Land zu erfassen“ sowie einen Beauftragten gegen Muslimfeindlichkeit. Gleichzeitig müsse die Zivilgesellschaft gestärkt werden. „Wir brauchen viel mehr Empowerment für Zivilgesellschaften, wir müssen ihr tagtäglich alles geben, damit unsere Demokratie erhalten wird, damit sie stabilisiert wird.“ Viele Muslime seien dort aktiv und „sie müssen fühlen, dass sie Teil der Gesellschaft sind.“ Mazyek appellierte an die Politik, die Schutzmaßnahmen zu erhöhen. „Es kann nicht sein, dass es Moscheen gibt, die schon mehrfach Ausgangspunkt von Anschlägen waren, und die Sicherheitsbehörden sagen: Das ist eine abstrakte Gefahr, wir können keine weiteren Schutzmaßnahmen vornehmen. Das geht nicht.“ Er begrüße daher die Vorschläge von NRW-innenminister Herbert Reul, die 900 Moscheen in Deutschland zum Freitagsgebet zu sichern. Das sei ein wichtiges Zeichen. Letztendlich gehe es nicht um die Stärkung einzelner Minderheiten und Gruppen, sondern „um die Stärkung unserer Demokratie, unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Ein 43-jähriger Deutscher hatte am Mittwoch Abend bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag an mindestens vier verschiedenen Tatorten im hessischen Hanau, zehn Menschen und sich selbst erschossen. Medienberichten zufolge hatten neun der Todesopfer einen Migrationshintergrund und vier der fünf Verletzten ausländische Wurzeln. Laut einer Mitteilung der türkischen Botschaft in Berlin, waren fünf der Todesopfer türkische Staatsangehörige. Wie die „Bild“ berichtet, soll sich unter den Opfern auch eine zweifache Mutter befinden, die zum Tatzeitpunkt schwanger war.

Hanau-Anschlag
CDU: AfD trägt zum Extremismus bei

CDU-Innenpolitiker Middelberg: Verfassungsschutz muss AfD dringend überprüfen Osnabrück – Nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau fordert der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mathias Middelberg, eine Überprüfung der AfD. „Die AfD trägt massiv dazu bei, den Acker zu düngen, auf dem der Extremismus blüht. Der Verfassungsschutz muss dringend prüfen, ob die AfD zu beobachten ist“, sagte Middelberg der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Middelberg verwies darauf, dass diese Frage aber „nicht von der Politik zu entscheiden ist, sondern von den zuständigen Verfassungsschutzämtern, streng nach den gesetzlichen Vorgaben“. Da gehe es nicht nach den Wünschen einzelner Politiker. „Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss geschützt werden, aber auch die Parteien haben nach unserem Grundgesetz Rechte. Nichts wäre unglücklicher, als wenn die AfD mit einer Abwehr gegen Beobachtungsmaßnahmen vor Gericht Erfolg hätte“, sagte Middelberg.

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Hanau: Auch Shisha-Rauchen erhöht das Todesrisiko

Rechtsterrorismus
Hanau: Auch Shisha-Rauchen erhöht das Todesrisiko

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Wer hätte das gedacht, dass die Zuschreibung, Shisha-Rauchen würde das Todesrisiko erhöhen, eine ganz neue Bedeutung erhält. Noch vor Wochen stänkerte man Politik rauf, Medien runter, über gefährliche Horte wie Shisha-Bars. Offenbar veranlasste das einen Tobias, mit einer Waffe gleich zwei Shisha-Bars in Hanau aufzusuchen und die Kohlenmonoxid-Werte in die Höhe schnellen zu lassen. Fazit: 11 Todesopfer. Vielleicht prangern ja wie auf Zigarettenschachteln bald auch EU-Warnhinweise an den Schaufenstern und Eingangstüren der Shisha-Bars? Moscheen, Dönerbuden oder Türkeneinkaufsmeilen sollte man dann auch in Betracht ziehen! Ich sehe mir gerade ein Video von TRT Deutsch, also dem Kanal, der seit kurzem nach dem Kalkül deutscher Politiker und Türkei-Kritiker, Erdogan via Satellit nach Deutschland bringt. Ein junger Mann spricht im Krankenhausbett mit zittriger Stimme über die gezielte Tötung in einer der Shisha-Bars in Hanau. Nach dem Flaum über der Lippe vielleicht gerade mal 14 Jahre alt und derart verstört, dass das Video in deutschen Medien und Kritikern als kitschig und islamistisch bezeichnet werden würde, weil der Junge erzählt, wie man sich während des Gemetzels und ineinandersacken gegenseitig aufgefordert habe die Schahāda zu bekunden. Er hat den bewaffneten Angriff mit einem weiteren Jungen überlebt, aber er wird, ob islamistische Zuschreibung oder nicht, sein Leben lang gezeichnet sein. Ich würde mir jetzt als Migrations- und Integrationskritiker ernsthafte Sorgen darüber machen, denn die Erdogan-Schulen werden diesen und viele andere Jungen in Deutschland umpolen und zu einem unintegrierbaren Nationalislamisten formen. Nach dem Video stoße ich auf weitere Meldungen in den Medien sowie Social Media. Man berichtet, man höre und staune, von einem „fremdenfeindlichen“ Vorfall. Die Opfer waren also „Fremde“. Was der Täter dachte, als er die Magazine geleert hat, transportieren Politiker und Medien feuchtfröhlich weiter. Heiko Maas spricht von einem „Ereignis“, der Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen etwas von „Täter sind immer rechts, Opfer immer links.“ Als ob das „Ereignis“ nicht ausreicht, zieht der andere das auch noch in Zweifel. Niemand weiterer traut sich zu der Zeit, obwohl bereits lange vor der Tat ersichtlich ist und man erahnen kann, wessen Geistes Kind der Täter ist, von Terrorismus oder Terrormassaker zu sprechen. Diese Leute betrifft es ja auch nicht, die müssen das auch nicht ausbaden, die haben auch keine Opfer zu beklagen, sind ja nur Fremde. Die Opfer und die Angehörigen, die müssen das ausbaden, sich ja in die Lage der Politiker und Kritiker versetzen und verstehen, dass sie als Fremde anzukommen haben. Lange vor dem Terrorangriff hatte Tobias trotz deutschem wasserdichten Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Hass verbreitet und angedeutet, was er demnächst beabsichtigt. Offenbar wurde dieses Gesetz auf den Weg gebracht, um Hasskriminalität nach vollendeten Tatsachen noch untersuchen zu können, bevor es im Nirwana landet. Waren die Sicherheitsbehörden auch hier nicht darauf vorbereitet oder hatten nicht die Mittel und Wege, so etwas unterbinden zu können? Etwas hat ja das wasserdichte Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Maas erreicht. Wurden die Bekennerschreiben und Videos erst Monate nach den letzten NSU-Morden publik, sind solche Schreiben und Videos bereits vor den jüngsten Taten zu lesen und zu betrachten. Wenn ich wieder daran zwangserinnert werde, was die Verfassungs- und Sicherheitsorgane des Staates alles zerschreddert haben, um die NSU-Morde schlicht auf drei Täter zu begrenzen, dann überkommt mich das Gefühl, dass die Taten zwar nicht eingerechnet waren, aber auch nicht so richtig verfolgt und verhindert werden sollten. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass das deutsche Experiment mit dem Extremismus erneut missglückt ist und man an der einen oder anderen Stellschraube dreht, damit man den Informanten/Täterkreisen noch genug Leine lässt, aber auch nicht zu sehr aus dem Auge verliert. Was das Ergebnis bereits innerhalb eines Jahres ist? Gleich drei Terrorangriffe, eines in Halle, das andere in Hanau, eines gegen einen CDU-Politiker und ein Terrornetzwerk das hops genommen wird, bevor es mehrere Moscheen angreift. Ein bescheidener Erfolg für die Verfassungs- und Sicherheitskreise, nicht wahr? Und wer übernimmt nun dafür die Verantwortung? Die „IslamkritikerInnen“ und „MigrationskritikerInnen“ sind derzeit zu Gänze abgetaucht. Denen wird man einige Tage im Social Media nicht habhaft werden können und wenn, dann streiten sie ab, irgend etwas damit zu tun zu haben, schließlich seien die Täter ja erwachsen und strafmündig. Und wenn sie wieder auftauchen, dann ganz bestimmt wieder in irgend welchen Talkshows, wo sie weiter munter drauflos reden. Die Kritiker vergessen nur geflissentlich, dass die meisten dieser Täter sich an ihrem Gelaber aufladen, zur Tat schreiten und dann eine Krankmeldung verpasst bekommen und automatisch für unzurechnungsfähig erklärt werden. Die Politiker selbst üben sich derzeit kräftig in Schnappatmung und vergießen Krokodilstränen, was in einigen Tagen oder gar Minuten – Bundesadler Frank-Walter Steinmeier hatte gerademal fünf Minuten Zeit für eine Hanau-Stipvisite – wieder passé ist, denn, Ramadan steht vor der Tür und die Kopftücher sind noch nicht vom Radar verschwunden. Ich kann ja schon die Titelschlagzeilen der Zukunft lesen, die die halbverhungerten und im Dämmerzustand dahinvegetierenden SchülerInnen aufgreifen, oder wie man die Kopftücher nicht nur aus den Amtsstuben, sondern auch aus sämtlichen öffentlichen Räumen wegfegt; bis auf die Putzfrauen, die dürfen dann eine tragen, unter dem gelben Schutzhelm. Die Verantwortung dürfen, wie selbstverständlich, die Menschen mit Migrationshintergrund übernehmen. Wundert man sich noch, wenn in Hanau auf offener Straße Menschen mit Migrationshintergrund von Biodeutschen Passanten anhören müssen, dass das erwartbar war? Da sagt z.Bsp. ein Passant:
„Das war absehbar, dass das passiert, so wie sich Hanau entwickelt hat mit der Immigration und den Muslimen.“
Wohlgemerkt, diese Biodeutschen sind während des angestoßenen Gesprächs in der Annahme, ihren geistigen Dünnschiss mit Biodeutschen, also seinesgleichen und nicht mit Fremden, geteilt zu haben. Sie merken nicht einmal von Angesicht zu Angesicht, dass der andere Gesprächspartner ein Mensch mit Migrationshintergrund ist. Diese Biodeutschen sind so was von unterbelichtet, die merken in ihren Wahnvorstellungen nicht einmal mehr, wer vor ihnen steht. Also sind wieder die Opfer die Verantwortlichen des Massakers. Kennen wir ja bereits durch die Döner-Morde zu Genüge. In wenigen Tagen sind sie wieder allein, man glaubt ihnen nicht, man beschwichtigt oder stuft die Tat als eine Einzeltat eines Gestörten ein, weil man den Täter ja bereits psychologisch krank geschrieben hat. Ich sags mal in aller Deutlichkeit: Das „Nie wieder!“ sollte in „Immer wieder!“ umgeändert werden. Wie zu Stürmer-Zeiten palavern in endlosen Talkshows, Medienberichten oder TV-Dokus, Biodeutsche und bionisierten Deutschen über die Migration, die Muslime oder den Islam und die gesamte politische Landschaft sitzt mit auf demselben Misthaufen, auf dem das UnKraut prächtig gedeiht. Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
 

Kommentar
Anschlag in Hanau: Deutschtürken werden als fremdartige Monster imaginiert

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Wenn ein extremistischer Terrorist in Hanau auf Menschen in Shisha-Bars schießt, fragt er nicht vorher nach ihrer Herkunft, Religion, Glaubensrichtung, politischer Gesinnung oder nach der Staatsangehörigkeit. Das kann der Terrorist nicht. Dieser Terrorist unterscheidet auch nicht zwischen Christen, Atheisten oder Muslimen, Sinti oder Roma, Bosniern, Deutschen oder Türken. Das kann der Terrorist auch nicht. Seine Intention ist, so viele wie möglich und so schnell wie möglich zu töten. Man nennt diesen Täter Terrorist, weil er Terror verbreitet. Man kann diesen Täter als Irren bezeichnen, man kann diesen Täter auch als psychologisch Krank bezeichnen, aber das haben nun mal Terroristen so an sich. Nur irre, psychologisch kaputte Menschen kommen auf die Idee, andere Menschen aufgrund ihrer Andersartigkeit oder politischen Einstellung zu töten. Hanau und die Verrohung: Wie man Opfer auseinanderdividiert Dann gibt es noch ganz andere Irre. Irre, die mit ihrer spitzen Feder die Opfer von Hanau auseinanderdividieren, um daraus politischen, ideologischen und privaten Kapital daraus zu schlagen. Dazu gehören Personen aus dem Kreise der AfD, aber auch anderen Parteien und vor allem Aktivisten sowie gänzlich ideologisierte Menschen. Ein Prachtexemplar heißt Ronya Othmann, eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Dieses Prachtexemplar schickt sich an, die Teilnahme einer Deutschen mit türkischen Migrationshintergrund in einer TV-Talkshow zu kritisieren. Der Vorwurf lautet:
„Unter den Opfern in #hanau waren Kurden. Viele Kurden sind vor antikurdischem Rassismus nach Deutschland geflohen. Wieso wird Kübra Gümüşay eingeladen, die zu dem antikurdischen Rassismus schweigt und kurdische, êzîdische, alevitische Kritiker*innen blockiert?“
(Screenshot/Twitter)
Als ob es nicht reicht, dass die Opfer von einem extremistischen Täter getötet wurden, die Angehörigen in tiefer Trauer sind, zieht Othmann alle Register und poltert, nur wenige Stunden nach dem Terroranschlag, gegen Kübra Gümüşay, die als Gast an einer Talkshow teilnehmen soll. Ihr einziges Vergehen besteht darin, einen türkischen Migrationshintergrund zu besitzen und nicht die Ideologie zu teilen, die Othmann vehement vertritt So dachte der Terrorist von Hanau auch, er arbeitete auch mit Zuschreibungen. Er zog alle Register und tötete einen „Fremden“ nach dem anderen, insgesamt neun, danach die eigene Mutter und sich selbst. Er machte dabei jedenfalls keinen Unterschied zwischen Kurden oder Türken. Aber Ronja Othmann macht das. Ihre Zuschreibungen sollen marginalisieren, sie sind zudem verroht. Hinter der Rhetorik verbirgt sich lediglich Antitürkismus und Propaganda gegen Türken. Die Propaganda entspricht der Linie der völkischen Kurden der PKK: Kübra Gümüşay und Konsorten hätten den türkischen Nationalismus nach Deutschland eingeschleppt und sie würden zum antikurdischen Rassismus schweigen. Nicht umsonst wird diese Zuschreibung gemacht. Das Tatsächlich in Deutschland vorhandene Problem des Rechtsextremismus und insbesondere der Gewalt gegen Migranten wird vollständig auf die Türkei und die Türken projiziert. Türkische Einwanderer oder Deutsche mit türkischen Migrationshintergrund werden angesichts der ihnen zugeschriebenen unüberwindlichen wertekulturellen und ideologischen Unterschiede zu ihresgleichen als schlechthin fremdartige Monster imaginiert. So wird die reale Gefahr für Migranten, terroristische Gewalt zu erleiden, zu einer Bedrohung des deutschen wie „kurdischen Volkes“ umgedeutet. Dazu kapert Ronja Othmann gern einmal auch die Rhetorik des ihr verhassten Rechtsextremismus und dividiert die Opfer auseinander. Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
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Anschlag in Hanau
DIHK-Chef warnt vor negativen Folgen für deutsche Wirtschaft durch Hanau

Düsseldorf – DIHK-Präsident Eric Schweitzer hat den Terroranschlag in Hanau verurteilt und vor negativen Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft gewarnt. „Wir haben uns in Deutschland auch deshalb wirtschaftlich so erfolgreich entwickelt, weil wir eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft sind“, sagte Schweitzer der Düsseldorfer „Rheinischen Post„. „Die deutsche Wirtschaft stemmt sich gegen alles, was Hass und Gewalt schürt“, sagte er. „Weltoffenheit, Toleranz und grenzüberschreitender Austausch zahlen sich nicht nur in der Handelsbilanz aus. Sie sind zentrale Werte unseres auf Zusammenarbeit, Kreativität und Entfaltung angelegten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells“, betonte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). 40 Prozent aller neuen Unternehmen würden von Menschen mit Migrationshintergrund gegründet. „Sie tragen zum Wohlstand des Landes und gesellschaftlichen Zusammenhalt bei“, sagte Schweitzer. Die deutsche Wirtschaft sei zudem dringend auf qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. „Ausländerfeindliche Tendenzen prägen das Bild Deutschlands in aller Welt negativ – und schrecken verständlicherweise gute Fachkräfte ab“, warnte der DIHK-Chef.

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Rechtsterrorismus in Hanau: Unter den Toten war auch eine Schwangere

Ein 43-jähriger Deutscher hatte am Mittwochabend im hessischen Hanau bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag an mindestens vier verschiedenen Tatorten zehn Menschen und sich selbst erschossen.

Rechtsterrorismus in Hanau: Unter den Toten war auch eine Schwangere
   

Extremismus
Kommentar: PKK und AfD gleichen sich

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Die AfD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen sorgt mit einer Art Malbuch für Aufregung. Es zeigt zum Beispiel bewaffnete Menschen mit türkischen Flaggen. Die Partei selbst weist Rassismus-Vorwürfe zurück und spricht von Satire. Eine „besonders ernstzunehmende“ rechtsextremistische Gruppe plante offenbar bundesweit Angriffe auf sechs Moscheen, um „bürgerkriegsähnliche Zustände“ auszulösen und so die Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen. Der Forderung der Türkisch-Islamischen Union DITIB, angesichts der ernsten Bedrohungslage den Schutz der Muslime und Moscheen auszuweiten, wollen die Bundesländer nicht nachkommen. Das ist auch Satire. „Rechtsextreme“ und „Linksextreme“ in Deutschland Satirisch ist auch die gleichlautende Logik der Rechts- wie Linksextremen, mit Massenmorden an Betenden einen grundlegenden Wandel herbeiführen zu können. Hier gibt es frappierende Ähnlichkeiten. Wohlgemerkt, ich spreche von völkischen Kurden wie Deutschen, einerseits den Anhängern und Aktivisten der PKK und andererseits die der „Gruppe S.“ Die PKK ordnet seit Jahren Angriffe auf Moscheen, ihre Schergen in Europa setzten diesen dann auch um; so geschehen z.Bsp. im September 2011. Da versuchten rund 25 Personen eine Moschee der DITIB in Bielefeld zu stürmen, in der sich zu der Zeit Betende aufhielten. Sie kamen jedoch, wie beim Angriff eines Rechtsextremisten auf eine Synagoge in Halle im Februar 2020, nicht weit. Wenn die Logik der Massenmorde an Betenden darin liegt, diese zu Gewalt zu provozieren, könnte das daran liegen, dass nicht die Mehrheit der Betenden, sprich Muslime, Türken, Juden oder Israelis ein Gewaltproblem haben, sondern die Mehrheit dieser völkischen Brut. Der ehemalige Osten hat mit Abstand den niedrigsten Ausländeranteil aller deutschen Bundesländer, aber dennoch ist gerade hier der Extremismus explodiert. In der Türkei hat der Osten die völkisch-kurdische Partei HDP mit einem geringen Wahlanteil gewählt, aber gerade dort explodiert die Gewalt, wenn es nicht nach dem Willen der HDP geht. Fakten interessieren diese Kreise nicht, stattdessen Propaganda wie die der AfD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen, die mit einem Malbuch potentielle Wähler mit ihren Kindern begeistern wollte. Begeisterte Kinder sieht man auch bei PKK-Protestkundgebungen in Europa: hier marschieren die Zöglinge an vorderster Front in Kampfmontur vor dem Protestzug. AfD und PKK gleichen sich Übrigens, was die AfD machen kann; den Schlächter von Syrien, Assad zu besuchen, dass kann die YPG/PKK/SDF besser. Sie haben sich der syrischen Armee angeschlossen, um eine gemeinsame Großoffensive in Aleppo durchzuführen. Wie sich Hass und Rassismus gleichen… Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
   

Anschlag in Hanau
Rechtsterrorismus in Hanau: Unter den Toten war auch eine Schwangere

Hanau – Ein 43-jähriger Deutscher hatte am Mittwoch Abend bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag an mindestens vier verschiedenen Tatorten im hessischen Hanau, zehn Menschen und sich selbst erschossen. Der Generalbundesanwalt ermittelt wegen Terrorverdachts. Wie der Spiegel berichtet, wurde der Vater von der Polizei vorläufig festgenommen. Medienberichten zufolge hatten neun der Todesopfer einen Migrationshintergrund und vier der fünf Verletzten ausländische Wurzeln. Laut einer Mitteilung der türkischen Botschaft in Berlin, waren fünf der Todesopfer türkische Staatsangehörige. Wie die „Bild“ berichtet, soll sich unter den Opfern auch eine zweifache Mutter befinden, die zum Tatzeitpunkt schwanger war. Grünen-Chef Robert Habeck hat nach dem Anschlag ein härteres Durchgreifen gegen Rechtsextremismus und Rassismus gefordert. „Wir dürfen uns nicht an solche Taten gewöhnen“, sagte Habeck am Donnerstag in Berlin. „Und dann muss die konsequente Verfolgung und die Prävention aller solcher Taten des Rechtsextremismus, des Rassismus, unbedingte Priorität allen politischen Handelns sein“, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den Grünen-Politiker. Die Türkei hat den Anschlag als „rassistischen Angriff“ verurteilt und eine schnelle Aufklärung gefordert. „Wir erwarten von den deutschen Behörden maximale Anstrengungen, um den Vorfall aufzuklären“, schrieb der Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, am Donnerstag auf Twitter. Attentäter erschießt auch eigene Mutter Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge gegen 22 Uhr am Heumarkt in der Innenstadt. Wenig später fielen auch im etwa zwei Kilometer entfernten Stadtteil Kesselstadt Schüsse. Anschließend fuhr der mutmaßliche Täter, Tobias R., Ermittlern zufolge in seine Wohnung, wo er seine 72-jährige Mutter und schließlich sich selbst getötet haben soll, berichtet der Spiegel weiter.

Zum Thema

– Rechtsterrorismus – Kommentar: Attentat von Hanau ist der vorläufige Tiefpunkt in Deutschland

Heute ist ein grauenvoller und entsetzlicher Tag für Deutschland. Die menschenverachtenden Taten von Hanau machen uns sprach- und fassungslos.

Kommentar: Attentat von Hanau ist der vorläufige Tiefpunkt in Deutschland
     

Analyse
Kommentar: Türkisch-amerikanische Partnerschaft steht vor einer Belastungsprobe

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Seit mehr als sechs Jahrzehnten pflegen die USA eine wichtige strategische Partnerschaft mit der Türkei als Schlüsselelement der US-Strategie in Eurasien und im Nahen Osten. Diese Partnerschaft wurde des Öfteren belastet, so u.a. in der Zypern-Frage. Heute steht diese Partnerschaft erneut vor einer Belastungsprobe. Diesmal aber in Syrien, in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer. War zu Beginn des Kalten Krieges die Partnerschaft der Türkei mit den USA bis zum Zusammenbruch der UDSSR und des Warschauer Paktes bis auf die Zypern-Intervention von 1974 relativ gut, ist sie seit 2016 sichtlich zerrüttet. War die Partnerschaft ein Garant dafür, den sowjetischen Expansionismus zu kontrollieren, wird diese gegenwärtig nur durch den Nordatlantikvertrag (NATO) zusammen gehalten. Hier soll die Türkei an der Schnittstelle von drei Regionen für die Sicherheit und Interessen der USA und der NATO eine gewichtige Rolle spielen. Diese Rolle will die Türkei nicht mehr uneingeschränkt einnehmen. In den letzten Jahren hat sich diese Partnerschaft angespannt, da die Interessen und Einschätzungen der USA, der Europäer und der Türkei bei verschiedenen Herausforderungen nicht mehr so ​​gut aufeinander abgestimmt sind wie früher. Seither kommt es zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Politik zur Bewältigung vieler dieser Herausforderungen. Die Spannungen in den Beziehungen der Türkei zu den USA, den Europäern und anderen Nachbarn haben diese Belastungen verschärft. Welche Strategie verfolgt die Türkei nun? Offensichtlich dieselbe Strategie, die sie während der Krise mit Syrien in Zusammenhang mit der Terrororganisation PKK und dem ehemaligen syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad (Vater von Baschar al-Assad) bis 1991 verfolgte und mit der Verhaftung von Abdullah Öcalan vorerst endete, wie auch während der Zypern-Krise nach 1964 bis 1974, die mit der türkischen Kontrolle der nördlichen Inselhälfte endete. Es gibt seit der jüngsten Republiksgeschichte zwei maßgebliche Doktrinen, von denen eins der ehemalige türkische Marineoffizier Cem Gürdeniz ausgezeichnet beschrieben hat: „Blaues Land“, auf Türkisch „Mavi Vatan“ und das andere „Mutterland“, auf Türkisch „Ana Vatan.“ Seit der türkischen Republiksgeschichte hat die Sicherheit und die Existenzsicherung des „Mutterlands“ höchste Priorität. Die Terrororganisation PKK genießt sozusagen seit 1983 höchste Aufmerksamkeit. Ihr Bestreben richtet sich laut dieser Lesart der Zersetzung und Aufhebung dieser Ordnung, dem Einhalt geboten werden muss. Es gab in der jüngeren Republiksgeschichte andere Gefahren im „Mutterland“, der man ebenso begegnete und ausschaltete. So u.a. die Aufstände der islamischen Geistlichen, die der Kocgiri, des Scheich Saids, die in Ararat oder in Tunceli. Alle wurden militärisch niedergeschlagen. Dann gilt es noch die Sicherheit im Mittelmeer, am Schwarzen Meer und in der Ägäis zu gewährleisten. Im östlichen Mittelmeer wurde die Sicherheit in Zypern erst mit dem Londoner Garantievertrag von 1959 gewährleistet, als die dann nicht mehr griff, mit der Kontrollübernahme von 1974. In der Ägäis wird die Sicherheit gegenüber Griechenland mit dem Status quo der Eilande gesichert. Bis vor kurzem kam es daher immer wieder zu Vorkommnissen in der Luft oder auf dem Wasser, ohne dass es dabei zu gravierenden Scharmützeln zwischen diesen zwei NATO-Mitgliedern kam. Und zuletzt sorgt bislang am Schwarzen Meer, an den Dardanellen, dem Marmarameer und dem Bosporus der Vertrag von Montreux (auch Meerengen-Abkommen) seit 1936 für Sicherheit. Gegenwärtig sind beide Doktrinen gefragter denn je. Die PKK bedroht die Sicherheit des „Mutterlandes“ massiv und wie noch nie zuvor, auch wenn sich die Bedrohungslage scheinbar ins Nachbarland Syrien verlagert hat. In Nordsyrien ist es einerseits die westlich gelegene Region Idlib, andererseits die östliche Region entlang der türkischen Grenze, die die innere Sicherheit massiv bedrängen. Auf der anderen Seite ist es das „Blaues Land“, die stark in Bedrängnis geraten ist. Mit dem Fund von Gasvorkommen unter dem östlichen Mittelmeer, hat sich Griechenland angeschickt, die Rechte der zypriotischen Türken zu beschneiden und dabei auch den Festlandsockel der Türkei im östlichen Mittelmeer wie auch in der Ägäis infrage zu stellen. Das wird mitunter mit gemeinsamen Militärmanovern von Griechenland, Zypern, USA und etlichen europäischen Staaten machtvoll demonstriert. Welche Doktrin ist aber nach Ansicht der Türkei gefährdeter oder benötigt mehr Aufmerksamkeit? Das ist die entscheidende Frage! Nach wie vor sollte die Doktrin über das „Mutterland“ höchste Priorität genießen. Dazu gehört, dass die Terrororganisation PKK auch in Nordsyrien verfolgt und ausgeschaltet wird. Es führt daran kein Weg vorbei, was offenbar nicht nur in der türkischen Armee Konsens ist, sondern auch von der politischen Führung verfolgt wird. Dann gibt es noch die syrische Region Idlib, die das „Mutterland“ ernsthaft in Gefahr bringen kann. Idlib ist seit dem Sotschi-Abkommen zwischen der Türkei, Russland und Iran seit Ende 2018 eine von der Türkei kontrollierte Pufferzone. Mittlerweile ist es zum Aufmarschgebiet der türkischen Armee geworden, nachdem syrische Regimekräfte zwei Angriffe auf türkische Wachposten gestartet hatten. Die Türkei hat reflexartig diese Angriffe vergolten und auch unmissverständlich deutlich gemacht, jeden weiteren Angriff massiv zurückzuschlagen. Auffallend ist dabei, dass die USA erst jetzt der Türkei in der Idlib-Frage uneingeschränkt und offenbar selbstlos zur Seite stehen. Besser noch, US-Präsident Trump ermahnt den russischen Präsidenten Putin, sich zurückzuhalten, während der US-Syrien-Sonderbeauftrage James Jeffrey sich anschickt, die Türkei darin zu ermuntern, massiv und ohne abzuwarten zurückzuschlagen. Eine Botschaft, die es in sich hat, aber mit Vorsicht zu genießen ist. Wie schon bekannt, hat sich die USA, hat sich Trump in der Frage zu Nordsyrien in den Augen der Türkei nicht gerade vorbildlich und partnerschaftlich verhalten. Was Obama begonnen hat, der PKK in Nordsyrien den Boden zu ebnen, führt Trump konsequent fort, auch wenn die USA sich augenscheinlich aus der Region zurückgezogen haben wollen. Die USA sind nicht nur dafür bekannt, Rebellengruppen oder Diktaturen in der Region zu unterstützen, sondern sie nach erledigter Arbeit auch zu bekämpfen, sofern die nicht mehr dieselben Interessen verfolgen. Das haben die Afghanen, Libyer, Iraker und Iraner mitgemacht und noch viele andere Länder in der Region, wie auch in Lateinamerika oder Nordafrika. Auch die Türkei wurde immer wieder von den USA auf den Kopf gestellt, Putsche waren die Folge. Mit Russland pflegt die Türkei seit dem Zusammenbruch der UDSSR wirtschaftliche Beziehungen. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges ist die Türkei aber auch eine Größe, wenn es um die Interessen der Russen im Mittelmeer geht. Mit der Militärbasis Latakia unterhält Russland einen verlängerten Arm im Mittelmeer, ohne dabei viel Rücksicht auf das Meerengen-Abkommen nehmen zu müssen. Um beiden Doktrinen gerecht zu werden, muss die Türkei mit Russland im Gespräch bleiben und die USA und deren Interessen zurückstellen. Die USA nehmen derzeit den türkischen Aufmarsch in Idlib geradezu frenetisch auf, was die Türkei aufhorchen lassen sollte, zumal zur selben Zeit die USA nach wie vor die PKK in Nordsyrien unterstützt und sogar unverhohlen diplomatische Beziehungen unterhält. In diesem Zusammenhang muss die Türkei mit Russland allein und nicht mit dem syrischen Machthaber Assad weiterhin in Kontakt bleiben sowie eine Lösung in Idlib herausschlagen, jedoch auch energisch bleiben, wenn es um die Pufferzone in Idlib sowie die Frage im östlichen Grenzverlauf geht. Keinesfalls darf die Türkei in Syrien in einen blutigen Religionskrieg hineingezogen werden, den die USA mit Afghanistan gestartet, mit dem Irak fortgesetzt und mit Syrien einen vorläufigen Abschluss erzielen will. Höchste Priorität gilt daher dem „Mutterland“ und danach dem „Blauen Land“, die mittlerweile miteinander verwoben sind, seit dem sich die USA im östlichen Mittelmeer wie in der Ägäis zusammen mit den Europäern auf die Seite Griechenlands und Zyperns geschlagen haben. Hier muss die Türkei mit Russland dahingehend übereinkommen, dass Assad mit der PKK nicht mehr zusammenarbeitet, die Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien von der PKK gesäubert wird. Damit wäre vorerst diese Gefahr gebannt und die nächste Gefahr könnte angegangen werden. Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.
 

Hamburg
Kommentar: CDU-Politiker droht türkischem Journalisten

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Das mit dem gefälschten Universitätsabschluss kommt in höchsten deutschen Staatsämtern vor. Offenbar sind Doktortitel begehrt und ein Statussymbol in der Politik. Ehrlichkeit und Authentizität kommen dabei zu kurz, wie man es am Beispiel des deutschen Politikers kurdischer Abstammung, Ali Ertan Toprak (CDU), feststellen kann. Eine Software treibt seit einigen Jahren Politikern die Schweißperlen auf die Stirn, weil es zuverlässig Fälschungen in akademischen Arbeiten entdeckt. Die Liste deutscher Dissertationen mit Plagiaten wird seither immer länger. Die Aberkennung des Doktorgrades oder eine Rüge der Universität droht, manche verloren dadurch ihr Amt und Würden. Während Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) vor kurzem damit konfrontiert wurde, in mehr als jeder dritten Seite abgeschrieben zu haben, wird dem CDU-Politiker und Kandidat der Bürgerschaftswahl 2020 in Hamburg, Ali Ertan Toprak, vorgeworfen, in quasi mehr als drei Seiten geflunkert zu haben. Ein Journalist aus Hamburg treibt derzeit Toprak die Schweißperlen auf die Stirn. Was war passiert? In mehr als drei Internetseiten, darunter der Kurdischen Gemeinde Deutschland – als führender Repräsentant, im Wikipedia-Eintrag, in sozialen Netzwerkprofilen wie Facebook oder auf der Internetplattform Abgeordnetenwatch wird angegeben, Ali Ertan Toprak habe in Münster Rechtswissenschaften und in Essen Sozialwissenschaften studiert. Der Lebenslauf des Politikers liest sich in etlichen Interneteinträgen genauso. Dieser Eigenzuschreibung von Toprak ging der Journalist der türkischsprachigen Internetzeitung Gazetehamburg, Zafer Özpolat, zur bevorstehenden Bürgerschaftswahl in Hamburg nach. Sein Fazit: Ali Ertan Toprak hat gar keinen Studienabschluss, schon gar keine wissenschaftliche Examensarbeit in Rechtswissenschaften oder in Sozialwissenschaften, weder in Münster, noch in Essen. Außerdem kann Toprak ziemlich abschweifend antworten, aufmüpfig werden und letztendlich Drohungen aussprechen, wenn es die politische Karriere belastet, stellt Özpolat nüchtern fest. Wenn jemand wie der CDU-Politiker, Mitglied des Bundesintegrationsbeirats und ZDF-Fernsehratsmitglied Ali Ertan Toprak öffentlich ständig unterstreicht, Rechtswissenschaften und Sozialwissenschaften studiert zu haben, dann impliziert er damit einen Studienabschluss und gaukelt dem Wahlvolk vor, ein Akademiker zu sein, eine geballte Ladung an akademischen Wissen zu besitzen, was ihn offenbar dazu befähigt, Politiker zu sein. Aber ein Studium ist gar nicht unbedingt Voraussetzung, um Politiker zu werden. Die CDU setzt nicht voraus, ein Studium abgeschlossen zu haben. Rund 20 Prozent der Politiker im Bundestag haben nämlich überhaupt keinen Studienabschluss. Wieso hatte aber Toprak das Bedürfnis, eine migrantische Aufsteiger-Geschichte über Recklinghausen, Münster, Essen bis hin nach Hamburg zu erzählen? Fest steht, dass dies systematische Täuschung ist. Das ist in etwa so wie vorzugeben, die Pilotenausbildung und Kapitänsausbildung besucht zu haben, was einen nicht bemächtigt, sich als Pilot einer A380 oder Kapitän zur See auszugeben. Vor allem geht es gar nicht, einen Journalisten mit Fachanwälten und hohen Schadensersatzansprüchen zu drohen – weil man dazu selbst nicht in der Lage ist. Zudem wirkt es albern, wenn man dem Journalisten unterstellt, von der Hamburger SPD Geld dafür bekommen zu haben. An der Ehrlichkeit und Authentizität muss Ali Ertan Toprak deshalb noch arbeiten, wie so viele andere Politiker, die sich dem Plagiatsvorwurf schuldig gemacht haben. Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.