Kommentar
Hanau wird in Lager gespalten: „Kurden“ und „Türken“

Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf zwei Shisha-Bars in Hanau beginnt die politisch-ideologische Trauerbekundung anzulaufen. Damit nimmt es langsam perfide Formen an. Die Opfer dürfen nicht mehr Opfer sein, sie müssen instrumentalisiert werden, so lange es noch geht.

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf zwei Shisha-Bars in Hanau beginnt die politisch-ideologische Trauerbekundung anzulaufen. Damit nimmt es langsam perfide Formen an. Die Opfer dürfen nicht mehr Opfer sein, sie müssen instrumentalisiert werden, so lange es noch geht.

Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf zwei Shisha-Bars in Hanau sollten die Angehörigen, sollte die Gesellschaft in Deutschland um die 9 jungen Opfer trauern können. Zudem sollte darüber nachgedacht werden, wie man den Rechtsextremismus eindämmen kann.

Stattdessen jagt nun ein Social Media-Betrag den anderen, in denen es unter anderem um die Frage geht, weshalb die Oberhäupter der Politik sowie Medien die Opfer auf „Türken“ reduzieren, weshalb eine „Türkin“ eingeladen wird, aber keine „Kurdin“ oder warum man einem „Erdogan sein Beileid“ ausspricht.

Dabei wird ein kapitaler Bock nach dem anderen abgeschossen, pietätlos gegenüber den Angehörigen, rücksichtslos gegenüber den Opfern, geradezu perfide, wenn es besonders jetzt um Einigkeit und Einheit geht und diese Kreise nun einen Keil hineintreiben. Gerade jetzt sollte nicht alles auf die Goldwaage gelegt werden, dass diese Einigkeit und Einheit stört, aber offenbar gibt es nicht nur Spaltpilze innerhalb der AfD, sondern vor allem unter völkischen Ethno-Nationalisten.

Um welche Personen und Personenkreise geht es da eigentlich? Nicht so sehr um Türken, wie man schlechthin annehmen würde; bis auf einen gewissen Ercan Karakoyun, der aus der Reihe tanzt und meint, „Kurden und Türken“ würden die Opfer instrumentalisieren. Den Beweis, die Türken würden das instrumentalisieren, bleibt er trotz Aufforderung konkreter zu werden schuldig und sperrt danach jeden, der ihm widerspricht. Offenbar ist der Fluchtinstinkt bei diesen Sektenmitgliedern angeboren:

„Herkunft und Religion der Opfer: Sie spielen keine Rolle! Rassisten haben Menschen(!) ermordet. Alles andere ist Nebensache. Der Versuch von Kurden und Türken, die Opfer für sich zu instrumentalisieren, ist armselig!“

In einem Punkt gebe ich Karakoyun recht. Wenn Menschen zu Opfern von Extremismus werden, muss alles andere nebensächlich werden. Das sieht aber z.B. Cesur Milusoy etwas anders:

„Die kurdische Community ist aktuell sehr über die deutsche Politik und Medien verärgert. Die Opfer von #Hanau werden einfach als „Türken“ bezeichnet und man spricht einem Erdogan sein Beileid aus, der überhaupt nicht die Werte der Opfer und Angehörigen teilt.“

Die Madame legt alles auf die Goldwaage. Sie poltert nicht nur gegen die Medien, die die Opfer nicht nach Ethnie sondern nach Staatsbürgerschaft betrachten, sondern teilt auch mächtig gegen die deutsche Obrigkeit aus, die lediglich die Staatsangehörigkeit berücksichtigt hat. Armselig ist das, wenn man den Worten Karakoyuns folgt.

Aber das ist bei weitem nicht so interessant wie der Satz von Martin Glasenapp, der wohl von sich behauptet, besonders intelligent und gerissen zu sein: f

„Nichts gegen die, die er traf. Aber warum hat Horst #Seehofer niemanden vom kurdischen Gesellschaftszentrum in #Hanau eingeladen? Es waren Kurden unter den Opfern. Zählt die kurdische Trauer hier weniger, weil Kurdinnen & Kurden auch in der #Türkei kaum etwas zählen? Bitter.“

Dieser Glasenapp hält sprichwörtlich seine Moralkeule hinter sich versteckt, während er sich vor den Opfern und Angehörigen verneigt und zähneknirschend sowie fluchend gegen die Türkei und Türken murmelt. Ethno-Nationalisten gibt es in Deutschland zur Genüge, wie das nächste Beispiel offenbart:

„Anstatt mal auch jemanden mit kurdischem Background einzuladen, wird K. Gümüsay eingeladen, die bis dato zu islamistisch rassistischen Strukturen schweigt und sich als Antirassistin inszeniert: wie traurig muss dieser Anblick für die kurdisch alevitischen Opfer von #Hanau sein?“

Das sind die Worte der Rapperin Reyhan Şahin, mit Künstlernamen Lady Bitch Ray. Diese besonders verzahnte Trennscheibe zieht ihre fürchterlichen Furchen nicht nur durch die ethnische, sondern auch durch die religiöse Zugehörigkeit der Opfer und als ob das nicht ausreicht, verpasst ein Uniprofessor namens Burak Copur gleich allen Türken einen Maulkorb, damit sie sich zu der schrecklichen Tat erst gar nicht äußern:

„Könnt ihr türkischen Islamofaschisten heute einfach mal ruhig sein? Danke.“

Aber wenn du denkst, dass das nur Einzelfälle sind, dann hast du nicht bedacht, dass das eine Breitenwirkung erzielt und Nachahmer findet. Wenn sogar eine MdB Gökay Akbulut von Identität, Flucht und Unterdrückung faselt, um einen Bogen bis in die Türkei zu spannen, dann hat man die Dimension dieser perfiden Taktik nicht verstanden:

„Unfassbar aufgrund kurdischer İdentität vor Unterdrückung aus der Türkei fliehen, um dann in Deutschland von Rassisten ermordet zu werden. Ferhat Ünvar 22 Jahre RIP #Hanau #Hanau“

Es sind eben nicht nur Einzelfälle, sondern Persönlichkeiten, die in Social Media nicht wenige Follower haben und landauf landab mit solchen Taktiken stolzieren. Da ist ein gebürtiger Deutscher namens Ahmad A. Omeirate, der seiner Hauptbeschäftigung nachgeht und damit gegen die Moscheegemeinden und Islamverbände schießt:

„Moscheen und Islamverbände, die #Hanau jetzt für sich instrumentalisieren & nach „Sicherheitsmaßnahmen“ rufen, verdrängen nur zu gern, dass die Opfer vermehrt alevitische Kurden waren und, die u.a. genau vor solchen Islamisten & türk. Faschisten aus ihrer Heimat fliehen mussten.“

Oder eine Journalistin namens Ronja Othmann, die auf dem Scheitelpunkt der Welle sich anschickt, über eine Teilnehmerin einer Talkshow zu stänkern und dabei mit Zuschreibungen arbeitet, die sie eigentlich selbst kritisiert:

„Unter den Opfern in #hanau waren Kurden. Viele Kurden sind vor antikurdischem Rassismus nach Deutschland geflohen. Wieso wird Kübra Gümüşay eingeladen, die zu dem antikurdischen Rassismus schweigt und kurdische, êzîdische, alevitische Kritiker*innen blockiert?“

(Screenshot/Twitter)

Es sind bei weitem viel mehr Menschen, die sich wie diese Ethno-Nationalisten oder Religionsfanatiker auf Kosten der Opfer Zustimmung erschreiben, oder sollen wir sagen, hinrotzen?

Dem Rechtsterroristen Tobias R. war es herzlich egal, ob er kurdische, bosnische, türkische, alevitische, sunnitische oder atheistische „Ausländer“ tötet. Die Opfer hießen Ferhat Ünver, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kalojan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu.

Drei der Todesopfer waren Deutsche, zwei Türken, einer war Bulgare, einer Rumäne, einer Bosnier und einer besaß die deutsche und afghanische Staatsangehörigkeit.

Selbstverständlich werden dann nicht nur die Konsulate oder Botschafter der Türkei, Bulgarien, Rumänien oder Bosnien-Herzegowina bzw. Afghanistan zur Stelle sein, sondern allen Angehörigen auch ihr Beileid aussprechen, die Angehörigen der Opfer besuchen und sich erkundigen, und sie nehmen dabei auch die Kondolenz der deutschen Obrigkeiten an.

Wer sich daran stört, ist ein Korinthenkacker. Wer die Opfer in Ethnie und Religion seziert ist ein Spaltpilz oder Trennscheibe. Wer anderen abspricht, ihr Beileid auszusprechen, ihre Stimme zu sein, der ist ein ideologischer Fanatiker und wer meint, besonders intelligent daherzukommen, der ist in meinen Augen sogar ein Propagandist, ein Aktivist wie aus dem Lehrbuch.

All das hat mit Trauer nichts mehr zu tun, mit Anteilnahme schon gar nicht. Man muss sich ja geradezu fremdschämen, sich in einem Land aufzuhalten, in der solche gebildeten Menschen so etwas in die Tastatur hauen können.

Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


 

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