Meinung
Kommentar: Mission „Erdogan verhindern!“

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Die türkische Opposition steht vor großen Herausforderungen, um die nächste anstehende Parlaments- und Präsidentschaftswahl im Jahre 2023 für sich zu entscheiden. Die große Herausforderung besteht darin, die Wiederwahl des türkischen Präsidenten Erdogan zu verhindern. Ob das mit einem Oppositionskandidaten gelingt, der mehrmals in Folge Wahlen verloren hat? Welche Chancen kann man den Splitterparteien einräumen, die sich von der CHP, MHP und der AKP heraus gebildet haben? Erdogan und seine größten Widersacher Erdogan hat drei große Gegner: die Pandemie, die Folgen der Pandemie und Materialermüdung. Seit Anfang 2020 versucht Erdogan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die grassierende Pandemie in den Griff zu bekommen. Sinkende Wirtschaftskraft war die Folge, die gegenwärtig aufgehalten zu sein scheint. Die Nachwehen der Krise werden die Türkei aber noch lange beschäftigen, zumal die weltweite Krise auch auf die Türkei zurückfällt. Zudem gehen 18 Jahre Amtsgeschäfte nicht spurlos vorüber, weshalb die Opposition dazu übergegangen ist, das als Metallermüdung beim Namen zu benennen. Inönü und Ecevit sowie die Konjukturbedingungen Die Opposition wirft in diesem Zusammenhang dem türkischen Präsident Erdogan vor, vormals die ehemaligen Ministerpräsidenten Inönü und Ecevit aufgrund ihres Alters zum Rücktritt aufgefordert zu haben. Erdogan müsse, wenn er zu seinen Aussagen von damals stehe, nun selber seinen Rücktritt in Erwägung ziehen. Beide ehemaligen Ministerpräsidenten, die vor allem von der Oppositionspartei CHP vor Anfeindungen von AKP-Anhängern geschützt werden, hatten in ihrer Endphase Krisen von bedeutender Größe zu bewältigen. Gegenwärtig steht Erdogan vor der großen Aufgabe, die gegenwärtigen schweren Konjunkturbedingungen zu meistern, die einst auch Inönü oder Ecevit zu bewältigen hatten. Was damals Erdogan als Oppositioneller den Regierenden vorhielt, halten nun die damaligen Regierenden Erdogan vor. Das wirft in diesem Lichte betrachtet die Frage auf, welche Ziele die Opposition selbst verfolgt. Will sie zu jedem Preis Erdogan vom Thron stürzen, das Land aus der Krise führen oder beides zugleich? Zu welchem Preis? Der Preis, den die Oppositionspartei CHP zu zahlen bereit wäre, verschreckt aber einen großen Teil der eigenen Wählerschaft. Die vormals hinter verschlossenen Türen mit Vertretern der völkisch-kurdischen Partei HDP abgehaltenen Runden um die türkische Verfassung sind noch nicht vergessen. Auch jetzt noch jagt der eine oder andere Politiker der HDP dieselbe Sau immer wieder durchs Dorf; wohl in der Hoffnung, diese Dauerschleife löse eine Gewohnheit und damit Akzeptanz aus. Zudem werden auch die Rezeptoren der türkischen Bevölkerung immer wieder gereizt; wohl in der Hoffnung, diese würden abstumpfen und die eigene wie auch die Position der Oppositionspartei CHP verbessern. Reizüberflutung Mittwochvormittag trat zu bester Zeit die Ehefrau des inhaftierten ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP Selahattin Demirtas, Basak Demirtas, vor die Kameras des türkischen Oppositionssenders Fox TV. Moderator İsmail Küçükkaya leitete die Sendung „Çalar Saat“ wie gewohnt mit einem Porträt des türkischen Republikgründers Atatürk. Hinter dem Bild von Atatürk stand Basak Demirtas, die die Not der Familie Demirtas aufgrund der Inhaftierung des Familienoberhaupts zur Aussprache brachte. Anhand der nachfolgenden Reaktionen kann man die Gereiztheit der Mehrheit der Gesellschaft geradezu messen: Rufe nach Schließung des TV-Senders wurden laut. İsmail Küçükkaya wird als Vaterlandsverräter beschuldigt. Die Regulierungsbehörde für den privaten Rundfunk in der Türkei (RTÜK) hat angekündigt, die Sendung in Augenschein nehmen zu wollen. Was war der Auslöser dieser Gereiztheit? Es trafen heute viele Faktoren zusammentreffen: Am 6. Oktober 2014, also vor 7 Jahren, wurden im Südosten des Landes Unruhen losgetreten, die zur mehr als 50 Todesopfern, Hunderten Verletzten und einem Schaden von über 300 Millionen TL führten sowie bis zum 8. Oktober anhielten. Der Auslöser dieser Unruhen war der Aufruf von Selahattin Demirtas zum Ungehorsam gegen den Staat. Am 7. Oktober 2014 starb der damals 16-jährige Yasin Börü, der an diesem späten Nachmittag zum Opferfest von Haus zu Haus Spenden verteilte und mit einer Brutalität ermordet wurde, die bis heute nachhallt. Sein einziges Vergehen: diesem Aufruf nicht gefolgt zu sein. Erschwerend kommt hinzu, dass der TV-Sender bis heute weder die Eltern von Yasin Börü geladen haben, geschweige denn irgend einen Hinterbliebenen von Terroropfern. Nimmt man all diese Faktoren zusammen, kommt man als Betrachter kaum umhin, dem Auftritt von Basak Demirtas im TV-Sender Fox TV zumindest Pietätlosigkeit vorzuwerfen. Vor allem das Wirken des TV-Senders Fox TV, die mit ihrer Nähe zur Oppositionspartei CHP brilliert, kommt dabei gar nicht gut weg, zumal Atatürks Porträt so deplatziert auf dem Pult steht wie Abdullah Öcalans Porträt in der Fraktionssitzung der CHP an der Wand hängt. Mission um jeden Preis? Die türkische Opposition ist sich sehr wohl bewusst, dass die Abwahl von Erdogan vor allem in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl kaum zu stemmen ist. Erst mit der zweiten Wahlrunde hätte ein von allen Oppositionsparteien aufgestellter Kandidat eine höhere Chance, Erdogan vom Thron zu stürzen. Das liegt vor allem an der Wählerschaft der amtierenden AKP-Partei, deren Zweidrittelmehrheit aus national-konservativen besteht. Nur ein letzter Drittel sind konservativ-islamische Wähler, die auch bis zum bitteren Ende ihr Kreuz unbeirrt auf die AKP setzen würden. Das einzige, was die Mehrheit der AKP-Wähler zum Umdenken bewegen würde, wäre, dass die anhaltende Krise weiter anhält und die eigenen Verhältnisse über die Gebühr hinweg strapaziert. Letztlich bewegt die Menschen noch immer ihr eigener Wohlstand und Sicherheit. Ist diese in Gefahr oder wird immer weiter ausgedünnt, besteht für die Opposition die Hoffnung, diese Wähler an sich zu binden. Kampfansage gegen Erdogan Auf der einen Seite wird wie schon angedeutet derzeit eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben, um die Menschen abzustumpfen. Das Gerede um die ersten Verfassungspunkte, die zuvor von der Opposition ins Gespräch bzw. hinter verschlossenen Türen mit der HDP besprochen wurden, kann die AKP zum Teil dadurch kompensieren, in dem sie dieses Gerede ebenfalls anspricht und damit den nationalen Flügel aller Parteien aufrüttelt. Ein gewagtes Spiel, jedoch wohlkalkuliert und überaus effektiv. Die technologischen Fortschrittserfolge des Landes werden von der Opposition kaum erwähnt oder aufgegriffen, obwohl sie das Land vorantreiben, neue Märkte erschlossen werden. Stattdessen hat die Opposition die Flüchtlinge zum Spielball ihrer Politik auserkoren. Wenn es nach der Opposition geht, würden die 3,5 Millionen Flüchtlinge lieber heute als morgen abgeschoben werden. Ob das politisch und vor internationaler Bühne durchsetzbar ist, steht jedenfalls in Frage. Auch das ständige Aufgreifen der zum Teil heftig umstrittenen Wirtschaftszahlen zielt darauf ab, die Regierung selbst für den Zustand verantwortlich zu machen, obwohl die Krise der Pandemie nicht nur die Türkei fest im Griff hat, sondern Schwellenländer und Industrienationen weltweit. Zuletzt greift die Opposition auch auf die Unterstützung des Westens zurück, was aber ein schmaler Grat ist, auf dem sie sich bewegt. Die Basis der Opposition verstehen sich als Antiimperialisten, die sich von fremden Ländern nicht bevormunden lassen wollen. Dennoch greift man beherzt diese vom Westen ausgestreckte Hand und versteht es als Bereicherung im weitesten Sinne, was die Basis zu der Annahme verleiten könnte, sich zu sehr vereinnahmen zu lassen. Was hat Erdogan im Ärmel, um den Kampf aufzunehmen? Erdogan sitzt an der Spitze des Staatsapparats und kennt das einmal eins der Politik von der Pike auf. Es wäre keine Überraschung, wenn Erdogan über Dritte Kanäle kurz vor den anstehenden Wahlen die eine oder andere Hiobsbotschaft hinausposaunen lässt, in der die Opposition so gar nicht gut wegkommt. Welche Skandale dabei die Oppositionsparteien durchrütteln werden, steht noch im Raum, aber wer am Schalthebel der Macht sitzt, hat auch entsprechende Informationen, die nur darauf warten, der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Auf der anderen Seite hat Erdogan die Möglichkeit, durch Durchimpfen der Bevölkerung, die Folgen der Pandemie auf ein Minimum zu reduzieren. Keinen Einfluss hat Erdogan jedoch auf die weltweit grassierende Krise, die auch die heimische Exportwirtschaft in Mitleidenschaft zieht, vor allem den Tourismus. Gravierender erscheint da die Beziehung zu den USA zu sein, die mit immer neueren Drohgebärden Erdogans Ambitionen zu bremsen versuchen. Ob Washington damit Erfolg haben wird, bleibt fraglich, zumal die einstigen Gönner, das Militär, sich vom Pentagon und Washington völlig abgewendet hat und damit ein Druckmittel von innen heraus ausfällt. Erdogan kann nur versuchen, Washingtons Strafmaßnahmen abzufedern, ohne dabei die Interessen der Türkei aufzugeben. Dafür sorgt im Hintergrund der Koalitionspartner MHP, die die Interna des Landes sicherstellen. Ohne die MHP würde die AKP jedenfalls sang- und klanglos die Wahl verlieren, weshalb die MHP sicherstellt, dass die nationalen Reizthemen ständig wachgehalten werden. PKK und ihr Ende Eines dieser Reizthemen, die schon angesprochen wurde, die auch die völkisch-kurdische Partei HDP betreffen, ist die Terrororganisation PKK. Die MHP versucht beständig, die Terrororganisation PKK nicht nur im eigenen Land auszumerzen, sie ist auch Antreiber der militärischen Operationen im benachbarten Ausland. Mit einer nie erlebten Vehemenz haben die türkischen Sicherheitskräfte den Bewegungsspielraum der PKK und weiterer linksextremer Gruppen im Inland auf ein Minimum reduziert. Seit Jahren setzt man diese strenge Politik auch im Ausland fort und hat sich in den Nachbargrenzen tief ins Nachbarland eingegraben, um jedwede Bewegung der Terrororganisationen im Keim zu ersticken. Man hat nun auch verstanden, dass dieses Pressing, Konzentrationen von Top-Figuren der Terrororganisationen nach sich zieht, die mit gezielten Schlägen ausgeschaltet werden können. Beinahe täglich melden derzeit türkische Medien Erfolge im Kampf gegen Terrororganisationen wie der PKK, DHKP-C oder TIKKO, deren Führungsriege damit beständig ausgedünnt wird. Das hat auch zur Folge, dass die Reihen innerhalb der PKK erste Auflösungserscheinungen zeigen. Immer öfter stellen sich „Kämpfer“ der PKK den türkischen Sicherheitsbehörden oder lassen ihre Waffen fallen und tauchen im Nordirak unter. Dieses Pressing hat auch zur Folge, dass die PKK nach Auswegen sucht, um sich aus diesem Klammergriff zu retten. Immer wieder bringen Führer der PKK nun die Wiederaufnahme der Friedensinitiative zur Aussprache, wobei der in Imrali einsitzende Abdullah Öcalan hierbei als Vermittler zwischen „Kurden“ und dem „Staat“ vorgestellt wird. Auf diese Aussprache hin steigen dann PolitikerInnen der HDP ein, um die Notwendig eines Friedens zwischen „Kurden“ und der „Türkei“ zu unterstreichen. Ob diese Initiative, die von der PKK ausgeht, Erfolg haben wird, steht in den Sternen, solange die türkische Opposition nicht auf diesen letzten Strohhalm greift. Denn, dieses Thema geht im Kern an der Realität vorbei. Es gibt keine „kurdische Frage“ oder ein „kurdisches Problem“, die gelöst werden müsste, so die Überzeugung innerhalb der Gesellschaft. Die letzte Friedensinitiative, die im Häuser- und Straßenkampf endete, hat innerhalb der Bevölkerung einen bleibenden negativen Eindruck hinterlassen, dass mit den „Kurden“ an sich wenig zu tun hat, so die Grundmeinung. Man ist geneigt zu behaupten, die Gesellschaft würde seitdem kalten Joghurt pustend und vorsichtig in den Mund nehmen, so heiß ist das Thema und so frisch das Erlebte. Das erkennt man auch an den jetzigen Reaktionen zur TV-Sendung von Fox TV.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Der Chef der neuen Oppositionspartei DEVA, hat in einem TV-Interview mitgeteilt, aus welchen Parteien der größte Stimmenzuwachs kam.

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Nobelpreis
Chemie-Nobelpreisträger Prof. Benjamin List aus Mülheim von der Entscheidung „völlig überrascht“

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Essen – Den neuen Nobelpreisträger für Chemie, Prof. Benjamin List, hat die Entscheidung des Stockholmer Nobelpreiskomitees „völlig überrascht“. Das sagte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Der Anruf des Nobelpreiskomitees habe ihn am Mittwochmorgen beim Frühstück in einem Amsterdamer Café erreichte. Seine Frau und er hätten das zunächst für einen Witz gehalten, so List. „Ich habe nicht im Traum damit gerechnet, schon gar nicht in meinem Alter“, spielte der 53-Jährige auf das meist fortgeschrittene Alter vieler Nobelpreisträger an. Am Telefon habe er dann aber die Stimme des Komitee-Präsidenten erkannt. „Da wusste ich dann doch: Es ist ernst“, sagte er. Wie der Mülheimer der WAZ weiter berichtete, hatten die Vertreter der Schwedischen Akademie der Wissenschaft zuvor zunächst vergeblich versucht, Lists Forscherkollegen David MacMillan in den USA zu erreichen und baten den Deutschen, ihnen bei der Kontaktaufnahme zu helfen. „Ich habe dann Dave angerufen und ihm gesagt: Dave, wach auf, wir haben den Nobelpreis gewonnen. Doch er wollte es mir nicht glauben.“ Benjamin List ist seit 2005 Direktor der renommierten Mülheimer Forschungsstätte. Der gebürtige Frankfurter und sein US-Kollege MacMillan erhalten den Chemie-Nobelpreis zu gleichen Teilen für die Entdeckung so genannter organischer Katalysatoren. Katalysatoren können chemische Reaktionen steuern und beschleunigen. Sie sind für die Entwicklung neuer Produkte in vielen Lebensbereichen wichtig, besonders in der Arzneimittelforschung. „Mit Hilfe unserer Forschung konnte zum Beispiel ein neues antivirales Medikament für die HIV-Behandlung entwickelt werden, das den Patienten hilft. Ich bin stolz und dankbar, dass ich dazu beitragen konnte“, sagte List der WAZ. NRW-Innovationsminister Pinkwart freut sich über Chemie-Nobelpreisträger aus dem Ruhrgebiet NRW-Innovationsminister Prof. Andreas Pinkwart (FDP) hat am Mittwoch dem neuen Chemie-Nobelpreisträger Prof. Benjamin List gratuliert. „Das ist eine großartige Auszeichnung für exzellente Forschung und Innovationen, die Chemie und Pharma umweltfreundlicher und wirksamer machen können“, sagte Pinkwart der WAZ. So trage die von Benjamin List entwickelte Organokatalyse dazu bei, Moleküle schneller herzustellen, die dazu benötigt werden, um Licht in Solarzellen einzufangen. „Lists herausragendes Wirken am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr strahlt in beispielgebender Weise auf den Forschungs- und Innovationsstandort Nordrhein-Westfalen aus“, so Pinkwart. NRW-Wissenschaftsministerin Pfeiffer-Poensgen: Nobelpreis stärkt die Forschung an der Ruhr NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) hat Prof. Benjamin List zum Chemie-Nobelpreis gratuliert. „Der Preis ist eine großartige Anerkennung seiner herausragenden wissenschaftlichen Arbeit: Benjamin List ist ein Vorreiter in einem neuen Forschungsfeld der Chemie und trägt so zur Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen bei“, sagte Pfeiffer-Poensgen der WAZ. Lists Entdeckung, dass kleine organische Moleküle hervorragende Katalysatoren sein können, eröffne weitreichende Möglichkeiten für die Arzneimittelforschung und eine umweltfreundlichere Chemie. „Die Arbeit von Prof. List und seinem Team am Max-Planck-Institut (MPI) für Kohlenforschung in Mülheim kommt damit nicht nur der Wissenschaft selbst, sondern den Menschen weltweit zu Gute“, so die Ministerin. „Dass der Chemie-Nobelpreis an einen Wissenschaftler geht, der seit mehr als 15 Jahren am MPI in Mülheim arbeitet, unterstreicht die hervorragende Forschung, die dort geleistet wird und stärkt zugleich die Wissenschaftsregion Ruhr.“

Meinung
Kommentar: Eine Facebook-Alternative könnte aus der Türkei kommen

Ein Gastkommentar von Hakan Işık Kundig ist sich die Welt noch nicht ganz über Facebook, wie egoistisch, destruktiv, asozial und undemokratisch die übergroße gewollte Krake Facebook ist. Das gestrige Down führte bei den Junkies der sozialen Netzwerke lediglich einen kalten Entzug von mehreren Stunden, die Whistleblowerin Frances Haugen hingegen sprach heute vor dem US-Kongress über die menschenfeindliche Krake Facebook. Ihre schweren Vorwürfe zeichnen ein ganz anderes Bild der Company Facebook, wir ahnten es bereits, denn wir spürten das bereits länger. Die PR gegen Hassreden, Fakenews und für die Einhaltung der Menschenrechte sind lediglich Marketing. Die Realität ist die gnadenlose Gewinnmaximierung und das Ausbeuten der User. Mit deren unveräußerlichen Werten erwirtschaftet diese Company Gewinne, Zuckerberg spielt währenddessen Dagobert Duck und schwimmt in Milliarden. Was tatsächlich Menschenrechte für ihn bedeuten, glauben nur politische Narren, die Realität gibt eine andere Kunde darüber. Wie schnell dieser Dagobertsche Moneypool kleiner werden kann, zeigen die Verluste gestern an der Börse. Hier ihn zu treffen, ist jedoch eine zeitintensive Sache. Wo er getroffen werden kann, ist sein Pool an Usern, hier wäre ein massiver Verlust lethal. Lethal weil die Welt größer als Facebook ist und allemal als Zuckerberg. Seit die Whistleblowerin Frances Haugen den Fangarmen der Krake Facebook entwischt ist und ein Fangarm abgeschlagen hat, wird diese Krake mit ihrem Handicap weniger Beute finden. Facebook hat ein Monopol aufgebaut, nur durch unsere Ignoranz bleibt Facebook mächtig Ignorant sind hingegen verwegene Companies wie Hepsiburada, Trendyol, BIP, Wise usw. nicht, sie haben sich gegen andere Monopole aufgelehnt und machen Business. Ja sie machen Business im digitalen Netz, auch sie streben nach Gewinnen, aber ihnen fehlt diese Charakterschwäche stetig zu leugnen, dass die Gewinne wichtig sind, sie leugnen nicht, sie sind transparent und müssen dieses Streben nicht durch Scheinbekenntnisse zu Menschenrechten, Fakenews und Hassreden kaschieren. Sie geben keinen Anlass hierzu. Start-ups wie Getir und Gorilla haben klare Konzepte, sie setzen diese Konzepte frischer und schneller um, sie liefern Ware gegen Geld. Das gilt für die oben genannten Companies auch, bis auf BIP. BIP ist ein Messengerdienst ähnlich wie WhatsApp, auch unentgeltlich dennoch unterscheidet sich BIP. BIP gehört Türkcell also einem Telekommunikationsanbieter, ihre Gewinne folgen auch dem ökonomischen Schema Ware gegen Geld. Damit ist BIP transparenter als WhatsApp., der Mutterkonzern Türkcell erwirtschaftet real Umsätze und gewinne. WhatsApp kann mit diesem ökonomischen Muster nicht dienen, sie dient Facebook. Als Randbemerkung ist zu erwähnen, während Facebook down war, ploppte auf BIP die Pushnachricht, wir sind nicht down. Was liefert Facebook? Ist Facebook dieses ökonomische Muster Ware gegen Geld eigen? Nein! Wir liefern uns selbst als User Facebook aus und Facebook macht daraus Geld. Das hier die Welt Facebook dieses Modell weiterhin legitimiert ist das eigentliche Down der demokratischen Werte. Facebook hat sich zu einem Perpetuum mobile mit Zustimmung der sogenannten „freien Welt“ etabliert. Dabei hat sich dieses Schema der facebookschen Geldvermehrung aus Vermehrung von Usern und das Sammeln ihrer Daten zur Gewinnerwirtschaftung nunmehr zu einem selbstständigen und autarken System gewandelt. Die User sind betriebswirtschaftlich mit geringen Investitionen und Aufwänden angeschafft worden, eigentlich hat Facebook für keinen User direkt die Anschaffungskosten bezahlt, selbst für eine Immobilie sind die Anschaffungskosten zu erbringen, bevor die Miete erwirtschaftet werden kann. Nicht bei Facebook, unsere Ignoranz ist das magische Antriebsmittel für das Perpetuum mobile, wir sind die Aktiva um es in der Sprache der Betriebswirtschaft zu formulieren. Wir tragen aktiv und somit ignorant zu dieser Facebookschen Geldvermehrung bei. Was wir aktiv aber wünschten, war ein soziales Netz. Das Verbunden zu sein stand und steht im Vordergrund, ohne dabei auf die linke Seite der Bilanz zu geraten. Das nunmehr seit einiger Zeit auf Facebook politische Contents zunehmen, darf nicht verwundern, Politik ist ein Teil des sozialen Daseins und das schmeckt diesem autarken und selbstständigen System Facebook nicht. Hierzu jedoch hört man auch bei der Whistleblowerin Frances Haugen nichts, stattdessen werden die mexikanischen Auftragskiller erwähnt und die Gewalt. Wir wissen aber wie die Politik seitens Facebook kontrolliert wird und nur die erlaubte Meinungsfreiheit geteilt werden kann. Wir gewöhnliche Nutzer haben durch Sperren dies leidvoll erfahren müssen. Ein prominenter Staatspräsident auch, das haben wir eindrucksvoll vorgelebt bekommen, Wenn nun die Whistleblowerin Frances Haugen die Causa Auftragskiller vor dem US-Kongress darstellt, rückt der weitaus wichtigere Teil des Unbehagens gegen Facebook aus dem Blickfeld. Die Normierung unserer politischer Ideen und Ansichten durch Facebook muss gestoppt werden. In diesem Kontext ist auch erneut Frances Haugen zu zitieren, sie sagte inhaltlich, dass das soziale Netzwerk Facebook sich aus eigenem Antrieb nicht ändern wird und daher besser kontrolliert werden muss. Somit wird die Betriebspolitik und die Interessenpolitik von Facebook deutlicher, eine Kontrolle seitens des Staates oder Staaten respektive Öffentlichkeit verhindert Facebook und ihrer Interessenpolitik entspricht keine Veränderung. Damit steht fest, die User sind eigentlich nicht ignorant, denn sie erahnen und spüren das Facebook mittlerweile eine digitale Diktatur errichtet hat. Die User sind eher ohnmächtig, weil ihren Bedürfnissen nach alternativen – also anderen – sozialen Netzwerken nicht entsprochen wird. Die Ohnmacht der Facebook-User kann nur durch soziale Netzwerke außerhalb der USA beendet werden! Hierzu wären Unternehmer in der Lage, welche nicht aus den Staaten der 5 ständigen Mitglieder der UN stammen. Die USA schaut zu lange passiv dem Treiben bei Facebook tatenlos zu, England unterscheidet sich diesbezüglich nicht. Frankreich hat sich ins abseits gespielt, zugleich ist Frankreichs kulturelles Auftreten auf der Weltbühne stetig elitär und ausgrenzend. Russland fehlt das einigende Element um Massen zu verbinden. Ein chinesisches soziales Netzwerk ist noch gefährlicher als das Facebooksche 1984. Eine sinnvolle Alternative könnte aus der Türkei kommen, deren Unternehmer verstehen es ökonomisch zu Handeln und Verbinden und zugleich agieren diese Unternehmer nicht losgelöst von moralischen Werten. Geopolitisch ist die Türkei eine Brücke, ein Drehkreuz, Hub und eine Membran, vor allem die geopolitische Membranfunktion der Türkei würde sich für ein soziales Netzwerk adaptieren lassen, schädliche, undemokratische und kriminelle Aktivitäten könnten durch eine Membran geregelt werden. Diese Eigenschaften sprechen für ein soziales Netzwerk aus der Türkei. Ebenso gleichwertig zu den geopolitischen Faktoren sprechen die Qualitäten der türkischen digitalen Industrie hierfür auch. Der Drive der türkischen Unternehmer aus der digitalen Szene würde die Gründung ein neuen soziales Netzwerkes gewaltig zum Erfolg verhelfen. Zugleich könnten Kapitalkreise aus dem persischen Golf hinzugezogen werden, welche solch einer Unternehmung das notwendige Spielgeld bereitstellen könnten. Warum ein weiteres soziales Netzwerk auch eine Marktlücke ist, zeigt die fehlende Bereitschaft Washingtons Facebook zu ändern und kontrollieren. Eine Kontrolle und Veränderung heißt auch, die digitale Hegemonie amerikanischer Unternehmen einzuschränken. Schränkt und kontrolliert Washington nicht Facebook ein, so hat Washington längerfristig mit kontraproduktiven Effekten zu rechen, da ohnehin das Heer der unzufriedenen User stetig anwächst. Amerika muss sich der tatsächlichen freien Marktwirtschaft stellen und in Kauf nehmen, dass weitere Marktteilnehmer die Chancen für weitere soziale Netzwerke ausgemacht haben. Wie solch ein soziales Netzwerk aussehen und transparenter gestaltet werden könnte, sollten die türkischen Unternehmer angehen und durch ein frisches und gerechtes Konzept ermöglichen. In diesem Kontext wäre auch aus der Perspektive der User, eine konstruktive Debatte diesbezüglich dringend notwendig und unumgänglich.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Griechenland
Rassistischer Abgeordneter aus griechischer Parlamentsfraktion der Regierungspartei ausgeschlossen

Athen – Der wegen umstrittener Aussagen und eines rassistischen Retweets in die Kritik geratene Abgeordnete der konservativen Nea Dimokratia (Νέα Δημοκρατία), Konstandinos Bogdanos, ist auf Anweisung des griechischen Ministerpräsidenten Mitsotakis aus der Parlamentsfraktion ausgeschlossen worden. Während einer Parlamentssitzung über die griechisch-französische Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen sprach Bogdanos im Plenum von einer „kommunistischen Bedrohung“, was von der anwesenden Kommunistischen Partei (KKE) und Außenminister Dendias kritisiert wurde, der die Äußerungen des Parteikollegen missbilligte. Im Parlament kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Bogdanos und dem Abgeordneten der Kommunistischen Partei, Thanasis Pafilis. Ressentiments gegen Briten, Türken und griechische Kommunisten In Anlehnung an den Anführer der griechisch-zyprischen Terrororganisation EOKA und Vertreter des Enosis-Gedankens (Vereinigung mit Griechenland), Georgios Grivas, hatte Bogdanos erklärt: „Grivas sagte, wir hätten drei Feinde. Briten, Türken und Kommunisten. Unser größtes Kopfzerbrechen waren die Kommunisten.“ Bogdanos wurde von der Regierung, den Oppositionsparteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen dafür kritisiert, weil er in den sozialen Medien die Namen von Flüchtlingskindern geteilt hatte, die in der griechischen Hauptstadt einen Kindergarten besuchen. Kritiker warfen dem Abgeordneten der Regierungspartei Rassismus vor. Jüngst hatte sich der Zentralrat der jüdischen Gemeinde in Griechenland besorgt über die Ernennung des früheren Mitglieds der extrem-nationalistischen LAOS-Partei, Thanos Plevris, zum neuen Gesundheitsminister im Kabinett von Ministerpräsident Mitsotakis geäußert. Plevris werden antisemitische Aussagen im Zusammenhang mit dem NS- Vernichtungslager Auschwitz vorgeworfen. Kemal Bölge/Athen

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Europäische Westthrakien-NGO fordert Wiedereinbürgerung von 60.000 Bürgern der türkischen Minderheit in Griechenland. NGO-Vorsitzender Habiboğlu: „Bürger der türkischen Minderheit, denen die Staatsbürgerschaft zu Unrecht entzogen wurde, müssen wieder eingebürgert werden“.

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Türkei
Türkisches E-Auto TOGG soll bereits 2022 in Serienproduktion gehen

Bursa – Mit der Serienproduktion des türkischen Elektroautos TOGG wird nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Mehmet Gürcan Karakaş gegen Ende 2022 begonnen. Bei einem Festakt zum neuen akademischen Jahr der Uludağ-Universität in Bursa erklärte Karakaş, dass die ersten E-Autos im vierten Quartal 2022 vom Band rollen sollen. Der Vorstandsvorsitzende und ehemalige Bosch-Manager sagte: „In unserer Anlage gibt es nicht nur eine Produktion, das möchte ich unterstreichen. Wir hatten während der Bauphase gesagt, ein Automobil benötigt mehr als nur eine Produktionsstätte. Wir sehen das Design Center als ein Zentrum, in dem unsere Prototypen getestet werden können. Wir betrachten es als einen Ort, an dem wir alle unsere Kompetenzen unter einem Dach bündeln. Man sieht, dass das Dach und die Seitenwände der Lackiererei sich langsam schließen. In den kommenden Tagen wird die technische Ausstattung der Anlage fertiggestellt. Unser Plan hier ist wie folgt: Bis Ende des Jahres wird der Bereich für Fertigungsteile abgeschlossen sein. Nach Abschluss der Ausrüstung bis Mitte nächsten Jahres bleibt nur noch unser Fahrzeug anhand von Stationen und Linien für die Produktion vorzubereiten. Auch hier läuft alles nach Plan. Wir werden gegen Ende nächsten Jahres mit der Massenproduktion beginnen.“ Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es in seinem Unternehmen keinen Bedarf an Uniabsolventen, aber das werde sich in puncto Akademikern und Praktikanten im Laufe der Zeit  ändern, so Karakaş. Türkisches E-Auto Am 27. Dezember 2019 stellte die Türkei ihren ersten einheimischen Automobilprototypen vor, der innerhalb von 18 Monaten von der türkischen Automobil-Joint-Venture-Gruppe (TOGG), einem Konglomerat von Industriegiganten wie der Anadolu-Gruppe, BMC, Kök-Gruppe, Turkcell und Zorlu Holding sowie einer Dachorganisation, der Union der Kammern und Warenbörsen der Türkei, entworfen und hergestellt wurde. TOGG-Fabrik Im Juli 2020 legte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan  den Grundstein für das erste einheimische Autowerk des Landes.

„Wir planen, den [Bau des] Werks in 18 Monaten abzuschließen und unser [erstes] Fahrzeug im letzten Quartal 2022 vom Band laufen zu lassen“, sagte Erdogan bei der Grundsteinlegung in der nordwestlichen Provinz Bursa.

Insgesamt sollen drei verschiedene Modelle entstehen, die fünf unterschiedliche Plattformen umfassen: Sedan (Limousine), Hatchback (Kombilimousine), Station Wagon (Kombi), Sports (Roadster) und Crossover (SUV). Am Freitag wurde neben der SUV-Variante auch eine Limousine vorgestellt. Der elektrische Antriebsstrang soll rund 400 PS leisten und je nach Version Heck- oder Allradantrieb ermöglichen, berichtet Focus.  Kemal Bölge/Bursa  

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Die türkische E-Automarke TOGG, hierzulande auch als „Erdogan-Auto“ bezeichnet, kommt nach Deutschland.

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Bundestagswahlen
Niedrige Wahlbeteiligung von Ärmeren: „Verheerend für die Demokratie“

Berlin – Der Armutsforscher Christoph Butterwegge hat die niedrige Wahlbeteiligung insbesondere von ärmeren Menschen als „verheerend für die Demokratie“ bezeichnet. Das Problem sei nicht, dass sich gut 23 Prozent der Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl der Stimme enthalten haben, sagte der Kölner Politikwissenschaftler „nd.DieWoche“, der Wochenendausgabe des „nd“. Das Problem sei vielmehr, dass sich die Wahlbeteiligung nach Schichten sortiere. Ärmere, Arbeitslose und Prekarisierte wählten seltener, Reichere öfter. „Sinn der parlamentarischen Demokratie ist, dass alle Bevölkerungsschichten repräsentiert sind. Doch genau das ist längst nicht mehr der Fall“, so Butterwegge. Viele Arbeitslose, Arme und sozial Abgehängte hätten das Gefühl, dass sie politisch keine Einflussmöglichkeit haben. „Die Menschen werden sozial ausgegrenzt und verweigern darum den Repräsentanten dieses politischen Systems ihre Zustimmung.“ Butterwegge plädierte dafür, die Belange dieser Menschen stärker zu berücksichtigen, etwa durch eine bessere Grundsicherung und eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns. Dies könne dazu beitragen, dass diese Menschen sich wieder stärker an Wahlen beteiligen. Studien aus den vergangenen Jahren zeigen, dass die Wahlbeteiligung in ärmeren Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit oft deutlich geringer ist als in wohlhabenden Regionen. Erste aktuelle Analysen weisen darauf hin, dass dies auch für die jetzige Bundestagswahl gilt. So hat der Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Universität Münster auf Twitter Daten für Nordrhein-Westfalen veröffentlicht, nach denen eine hohe Arbeitslosenquote in einer Region oft einher geht mit einer geringen Wahlbeteiligung. Insgesamt gab es bei der Bundestagswahl am Sonntag rund 14,3 Millionen Nichtwählerinnen und Nichtwähler.

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Ankara – Die Gespräche für eine Visaliberalisierung für türkische Staatsbürger sollen in diesem Monat fortgesetzt werden, so der stellvertretende türkische Außenminister Faruk Kaymakcı am Mittwoch. Hierfür werde die Türkei in den kommenden zwei Wochen mit Vertretern der EU zusammenkommen. Dem Minister zufolge würde die Visafreiheit zwischen der Türkei und den EU-Ländern mehr als 20 Millionen Bürgern aus der Türkei erlauben, zu touristischen Zwecken in die EU zu reisen und sich in anderen Sektoren wie dem Dienstleistungs-, Geschäfts- und Transportsektor zu engagieren. Auf der Podiumsdiskussion „Deik EU Talks“ erklärte Kaymakcı, dass das Treffen den Startschuss für den hochrangigen Dialogmechanismus zwischen der Türkei und der EU in den Bereichen visumfreies Reisen, innere Angelegenheiten, Migration, Terrorismusbekämpfung und Sicherheit geben wird. Am 16. Dezember 2013 wurde der Dialog über die Visaliberalisierung zwischen der EU und der Türkei im Anschluss an das Rückübernahmeabkommen zwischen der EU und der Türkei eingeleitet. Der Prozess der Visaliberalisierung zielt darauf ab, die Visumspflicht für türkische Staatsbürger abzuschaffen und ihnen die Einreise in die Länder der Schengen-Zone für kurze Aufenthalte zu ermöglichen, insbesondere für bis zu 90 Tage innerhalb eines Zeitraums von 180 Tagen. Um diesen Prozess abzuschließen, haben die türkischen Behörden kontinuierlich versucht, die von der Europäischen Kommission geforderten Bedingungen zu erfüllen, aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Letztes Jahr sagte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu, dass die EU die Visumspflicht für türkische Staatsbürger, die EU-Länder besuchen wollen, abschaffen müsse, wenn sie die Flüchtlings- und Migrantensituation an der türkisch-griechischen Grenze lösen wolle. Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan betont, dass die Visaliberalisierung mit den Ländern der Schengen-Zone zu den obersten Prioritäten des Landes gehöre. Zuvor hatte Çavuşoğlu erklärt, dass die Regierung das 2016 mit der EU beschlossene Migrationsabkommen aussetzen werde, wenn die EU türkischen Bürgern keinen visafreien Zugang zu den Ländern der Schengen-Zone gewähre.

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Erdogan-Putin Treffen
Türkei will Milliarden-Entschädigung für Ausschluss aus Kampfjet-Projekt

Ankara – Die Türkei beabsichtigt, eine Entschädigung für ihren Ausschluss aus dem von den USA geführten Tarnkappen-Kampfflugzeugprogramm zu fordern, möglicherweise bei einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden am Rande eines Treffens der Gruppe der 20 im nächsten Monat, so der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Erdogan, der am Mittwoch auf dem Rückflug von einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Journalisten sprach, sagte auch, dass es kein „Zurück“ von der Vereinbarung mit Russland über den Erwerb der S-400-Raketenabwehrsysteme durch die Türkei geben werde. Diese Vereinbarung führte dazu, dass die Türkei, die Mitglied der NATO ist, aus dem internationalen Programm zur Herstellung von F-35-Kampfjets ausgeschlossen wurde. Erdogan sagte, er hoffe, Biden auf dem G-20-Treffen in Rom zu treffen, um das F-35-Projekt zu besprechen, einschließlich einer Zahlung von 1,4 Milliarden Dollar, die die Türkei vor ihrem Ausschluss aus dem Programm geleistet hatte. Ein weiteres Treffen zwischen der türkischen und der US-amerikanischen Führung könnte auch am Rande einer Klimakonferenz im November in Glasgow, Schottland, stattfinden, sagte Erdogan. „Wir haben 1,4 Milliarden Dollar gezahlt, was wird daraus?“, sagte Erdogan. „Wir haben dieses Geld nicht leicht verdient – und tun es auch jetzt nicht. Entweder werden sie uns unsere Flugzeuge geben oder sie werden uns das Geld geben.“ Auf die Frage nach den Plänen der Türkei, trotz der Androhung weiterer US-Sanktionen weitere S-400-Systeme zu kaufen, antwortete Erdogan: „Der S-400-Prozess geht weiter. Es gibt kein Zurück mehr.“ Über seine Äußerungen berichteten der private türkische Nachrichtensender NTV und andere Medien. Die russische S-400 „Triumf“ (NATO-Bezeichnung: SA-21 Growler) ist das neueste Boden-Luft-Raketensystem mit langer und mittlerer Reichweite Russlands, das 2007 in Dienst gestellt wurde. Es ist für die Zerstörung von Flugzeugen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen ausgelegt und kann auch gegen Bodeneinrichtungen eingesetzt werden. Die S-400 kann Ziele in einer Entfernung von bis zu 400 km und in einer Höhe von bis zu 30 km unter intensivem feindlichem Beschuss und Störfeuer bekämpfen. Die Türkei wurde aus dem F-35-Programm ausgeschlossen und ihre Verteidigungsbeamten wurden mit Sanktionen belegt, nachdem das Land vor zwei Jahren das russische Raketenabwehrsystem S-400 gekauft hatte. Die USA lehnen die Verwendung des russischen Systems durch NATO-Mitglieder strikt ab, da es eine Sicherheitsbedrohung für die F-35 darstelle. Die Türkei betont jedoch, dass die Komponenten des S-400 unabhängig eingesetzt werden könnten, ohne in NATO-Systeme integriert zu werden, und stellten daher kein Risiko dar. Die Türkei besteht darauf, dass sie gezwungen wurde, das russische System zu kaufen, nachdem Washington sich geweigert hatte, ihm das US-Patriot-System zu verkaufen. Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu kritisierte die Position der USA zu dem Geschäft und wies darauf hin, dass Ankara das Raketensystem brauche. „Wenn die Vereinigten Staaten wollen, dass die Türkei Waffen von ihnen kauft, sollten sie diese zu vernünftigen Preisen und mit besseren Bedingungen anbieten“, so Cavusoglu. Die USA sanktionierten die Türkei für den Kauf im Rahmen eines Gesetzes von 2017, das den russischen Einfluss zurückdrängen soll. Es war das erste Mal, dass das als CAATSA bekannte Gesetz zur Bestrafung eines Verbündeten der USA eingesetzt wurde. Bei den Gesprächen Erdogans mit Putin im Schwarzmeerort Sotschi ging es um Schritte zur Vertiefung der Verteidigungszusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland, einschließlich Partnerschaften für Flugzeugtriebwerke, Kampfjets und U-Boote, sagte der türkische Staatschef. Russland könnte sich auch am Bau des zweiten und dritten türkischen Kernkraftwerks sowie einer Weltraumstartplattform beteiligen, sagte er. Erdogan war nach Sotschi gereist, um die Lage in Syrien zu erörtern, wo die Türkei und Russland in dem Konflikt gegnerische Seiten unterstützen. Russland ist der wichtigste Verbündete der syrischen Regierung, während die Türkei Gruppen unterstützt, die für den Sturz des syrischen Präsidenten Bashar Assad gekämpft haben. Russische und türkische Truppen haben jedoch in der nordwestlichen syrischen Provinz Idlib – dem letzten Rückzugsgebiet der Rebellen – und bei der Suche nach einer politischen Lösung im Land zusammengearbeitet. Erdogan sagte, er und Putin seien übereingekommen, weiterhin zusammenzuarbeiten, um die Ruhe in Idlib wiederherzustellen.

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– Raketendeal – Russland und Türkei unterzeichnen bald Abkommen für weitere S-400-Raketensysteme

Russland und die Türkei wollen bald eine neue Vereinbarung über die Lieferung von S-400 treffen. Nach Angaben des Geschäftsführers des staatlichen Waffenexporteurs Rosoboronexport, Alexander Mikheyev, gehen die Konsultationen weiter und befinden sich in der Endphase.

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Webinar
Türkei-EU Beziehungen: Ankara lobt Deutschlands Beitrag

Ankara – Der stellvertretende türkische Außenminister Faruk Kaymakcı lobte den Beitrag Deutschlands zum Ausbau der Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union. Bei einem Webinar über die türkisch-deutschen Beziehungen und die Aussichten für die Zeit nach Merkel wies Kaymakcı auf die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Ländern hin. Der Minister betonte, dass die historischen Beziehungen, die Zusammenarbeit in den Bereichen Handel und Investitionen, das NATO-Bündnis und die große türkische Diaspora, die in Deutschland lebt, bei den besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei eine Rolle spielten. Als wichtigster Pfeiler und größter Nettozahler in den EU-Haushalt habe Deutschland auch eine positive Rolle dabei gespielt, die Streitigkeiten in der Ägäis, auf Zypern und im östlichen Mittelmeer nach der Eskalation im Sommer 2020 wieder zu beruhigen, zitiert die englischsprachige Hurriyet Daily News Kaymakcı. In Bezug auf die Erklärungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dass die Türkei bald das Pariser Abkommen zum Klimawandel ratifizieren werde, stellte er fest, dass Deutschland ein wesentlicher Partner des Landes bei der grünen Transformation sei. Kaymakcı äußerte sich auch zur Aktualisierung des Abkommens über die Zollunion zwischen der Türkei und der Europäischen Union. Visafreiheit für türkische Staatsbürger Der Prozess der Visaliberalisierung der Türkei wird erneut auf den Tisch kommen, denn im nächsten Monat werden sich Behörden in der Türkei und Beamte der Europäischen Union erneut treffen, um diesen Prozess sowie andere vorrangige Themen wie Migration, innere Angelegenheiten und Sicherheit zu besprechen, so Kaymakcı. Ihm zufolge würde die Visafreiheit zwischen der Türkei und den EU-Ländern mehr als 20 Millionen Bürgern aus der Türkei erlauben, zu touristischen Zwecken in europäische Länder zu reisen und sich in anderen Sektoren wie dem Dienstleistungs-, Geschäfts- und Transportsektor zu engagieren. „Wir werden auch prüfen, ob wir eine neue Perspektive für die Migrationsfrage zwischen der Türkei und der EU schaffen können“, erklärte Kaymakcı und betonte, dass die Bereitstellung von Mitteln für Migranten und Flüchtlinge in der Türkei das Problem nicht löse In diesem Zusammenhang sagte Kaymakcı Anfang des Monats: „Die EU-Mitgliedschaft der Türkei ist keine Fiktion, sondern eine strategische Vision und wird der vorteilhafteste Beitritt zur EU sein, wenn der Verhandlungskandidat Türkei die objektiven Beitrittskriterien erfüllt.“ Am 16. Dezember 2013 wurde der Dialog über die Visaliberalisierung zwischen der EU und der Türkei im Anschluss an das Rückübernahmeabkommen zwischen der EU und der Türkei eingeleitet. Der Prozess der Visaliberalisierung zielt darauf ab, die Visumspflicht für türkische Staatsbürger abzuschaffen und ihnen die Einreise in die Länder der Schengen-Zone für kurze Aufenthalte zu ermöglichen, insbesondere für bis zu 90 Tage innerhalb eines Zeitraums von 180 Tagen. Um diesen Prozess abzuschließen, haben die türkischen Behörden kontinuierlich versucht, die von der Europäischen Kommission geforderten Bedingungen zu erfüllen, aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Letztes Jahr sagte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu, dass die EU die Visumspflicht für türkische Staatsbürger, die EU-Länder besuchen wollen, abschaffen müsse, wenn sie die Flüchtlings- und Migrantensituation an der türkisch-griechischen Grenze lösen wolle. Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan betont, dass die Visaliberalisierung mit den Ländern der Schengen-Zone zu den obersten Prioritäten des Landes gehöre. Zuvor hatte Çavuşoğlu erklärt, dass die Regierung das 2016 mit der EU beschlossene Migrationsabkommen aussetzen werde, wenn die EU türkischen Bürgern keinen visafreien Zugang zu den Ländern der Schengen-Zone gewähre.

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– Flüchtlingsabkommen – Kommentar: „Visafreiheit für die Türkei: nicht wieder 55 Jahre später!“

„Alle zukünftigen visafreien Schengen-Besucher werden genau das bleiben: gut bezahlende Besucher die aber genauso gerne wieder in ihr schönes Heimatland Türkei zurückkehren werden. Manche in Europa befürchten Millionen von Türken würden ihre Visa-Zeit illegal ‚erweitern‘ und für immer in Europa bleiben.“ Ein Kommentar.

Kommentar: „Visafreiheit für die Türkei: nicht wieder 55 Jahre später!“

TV-Tipp
Doku: „Mein Nachbar, mein Feind? Juden und Muslime in Israel“

Mainz – Wie leben jüdische und muslimische Israelis seit den heftigen Unruhen im Frühjahr 2021 mit- und nebeneinander in ihrem Land? Dieser Frage geht die 3satKulturdoku „Mein Nachbar, mein Feind? Juden und Muslime in Israel“ am Samstag, 9. Oktober 2021, 19.20 Uhr, nach. Autorin Katrin Sandmann beobachtet zwischen Haifa, Tel Aviv und Jerusalem jüdische und palästinensische Kreative mit israelischer Staatsangehörigkeit bei ihrem Versuch, Antworten auf die schier unlösbaren Probleme des Nahostkonfliktes zu finden. Die Dokumentation ist ab Sendedatum ein Jahr lang in der 3satMediahtek verfügbar. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind „israelische Araber“ oder „palästinensische Israelis“. Sie haben zwar den israelischen Pass, sind aber keine Juden, sondern Muslime, einige auch Christen. Der Druck auf sie ist von vielen Seiten groß – auch in der Kunstszene. Die Schauspielerin und Videokünstlerin Raida Adon ist die erste arabischstämmige Künstlerin, der das renommierte Israel Museum in Jerusalem vom 21. Februar 2020 bis zum 1. November 2021 eine Einzelausstellung widmet. Sie will die Hoffnung auf ein Miteinander nicht aufgeben. Dass sie als arabische Israelin hier ausstellt, wird ihr von einigen Kollegen und Kolleginnen übelgenommen. Doch das ändert nichts an ihrer Entscheidung. Auch der Designer Shady Francis Majlaton kennt derartige Schwierigkeiten. Aber statt sich mit Grabenkämpfen aufzuhalten, will er die unterschiedlichen Einflüsse, die er in sich vereint, zur Inspiration nutzen. Im Design-Museum in Holon bei Tel Aviv ist er gerade als einer von zwei Arabern in einer Ausstellung israelischer Modemacher vertreten. Während die meisten arabischen und jüdischen Israelis sich fremd bleiben und in Parallelwelten leben, beschlossen Dafi und Muzna, es anders zu machen. Die zwei Frauen haben „Sir Lasalam“ gegründet, was grob übersetzt „Friede im Kochtopf“ bedeutet. Mit jüdisch-palästinensischen Abendessen bringen sie Menschen zusammen, die sich sonst nicht treffen. Bisher kannte man in Israel eskalierende Konflikte vor allem in Gaza und der Westbank, die heftigen Unruhen zwischen muslimischer Minderheit und der jüdischen Mehrheit im Land selbst waren im Mai 2021 ein Novum. In Jerusalem, Haifa und Jaffa spielten sich bürgerkriegsähnliche Szenen ab. In Lod gingen Israelis unterschiedlichen Glaubens derart aggressiv aufeinander los, dass der Bürgermeister den Notstand ausrief. Reservisten der Grenzpolizei wurden in Städte geschickt, um die Gewalt einzudämmen.

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– Israel-Konflikt – Juden weltweit solidarisieren sich mit Palästinensern

Während sich deutsche Spitzenpolitiker mehrerer Parteien am Donnerstagabend bei einer Kundgebung am Brandenburger Tor mit Israel solidarisierten und Kritik an der israelischen Regierung in Deutschland mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, verurteilen Juden weltweit die Angriffe der israelischen Armee gegen die Palästinenser.

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