Saudi Arabien
Mord an Jamal Khashoggi noch immer nicht aufgeklärt

London – Auch fünf Jahre nach der Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi wurden keine Ermittlungen durchgeführt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert eine internationale, unabhängige und unparteiische Untersuchung, um die Verantwortlichen für ihr Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Am 2. Oktober 2023, dem fünften Jahrestag der Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi im Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul, erklärt Agnès Callamard, die internationale Generalsekretärin von Amnesty International:
«Fünf Jahre nach der brutalen Ermordung von Jamal Khashoggi, die die ganze Welt erschütterte, ist der Weg zur Gerechtigkeit für diese Tat immer noch völlig blockiert. Stattdessen setzen die saudischen Behörden ihr unerbittliches Vorgehen gegen Menschen, die ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen, ungestraft fort.»
Amnesty International fordert weiterhin eine internationale, unabhängige und unparteiische Untersuchung der Ermordung Khashoggis, um alle an dem Verbrechen Beteiligten zu identifizieren, unabhängig von ihrem Rang oder Status, und um sicherzustellen, dass diejenigen, die der Verantwortung für diese Tat verdächtigt werden, in fairen Verfahren vor Gericht gestellt werden. «Khashoggis Verschwindenlassen, seine Folterung und aussergerichtliche Hinrichtung sind Verbrechen nach dem Völkerrecht, die dringend untersucht werden müssen  und von jedem Staat auf der Grundlage der universellen Gerichtsbarkeit strafrechtlich verfolgt werden können», so Callamard weiter.
«Es ist erschreckend, dass die internationale Gemeinschaft, anstatt auf Gerechtigkeit für die Ermordung des Journalisten zu drängen, weiterhin bei jeder Gelegenheit den roten Teppich für die saudische Führung ausrollt und diplomatische und wirtschaftliche Interessen über die Menschenrechte stellt.»

Hintergrund

Die Behörden in Saudi-Arabien stellten den Fall Jamal Khashoggi 2019 ein, nachdem acht Personen in einem nicht-öffentlichen Verfahren schuldig gesprochen worden waren, dem es an Glaubwürdigkeit und Transparenz mangelte. In einem UN-Bericht, den die damalige Sonderberichterstatterin für aussergerichtliche, summarische oder willkürliche Hinrichtungen, Agnes Callamard, im Juni 2019 veröffentlichte, kam sie zu dem Schluss, dass Jamal Khashoggi das Opfer einer «vorsätzlichen aussergerichtlichen Tötung war, für die der Staat Saudi-Arabien verantwortlich ist.» Seit der Ermordung Khashoggis haben die saudi-arabischen Behörden unter der Führung von Kronprinz Mohammed bin Salman ihre abschreckende Repressionskampagne in nie dagewesenem Umfang und Ausmass weiter intensiviert. Am 9. Juli vergangenen Jahres verurteilten die Behörden einen pensionierten Lehrer zum Tode, nachdem er auf der Social-Media-Plattform X (vormals Twitter) Kritik an der Regierungspolitik geübt hatte.

„Eskalierendes Vorgehen gegen die Meinungsfreiheit“

Muhammad al-Ghamdi, ein 54-jähriger pensionierter saudischer Lehrer, wurde verurteilt, „nachdem er in fünf Tweets Korruption und Menschenrechtsverletzungen kritisiert hatte“, twitterte sein Bruder Saeed bin Nasser al-Ghamdi nach der Verurteilung. Laut Human Rights Watch wurde Muhammad al-Ghamdi im 2022 verhaftet und erhielt kaum Zugang zu einem Anwalt, bevor er im Juli „nach Artikel 30 des saudi-arabischen Anti-Terror-Gesetzes wegen ‚Beschreibung des Königs oder des Kronprinzen in einer Weise, die die Religion oder die Gerechtigkeit untergräbt‘, nach Artikel 34 wegen ‚Unterstützung einer terroristischen Ideologie‘, nach Artikel 43 wegen ‚Kommunikation mit einer terroristischen Vereinigung‘ und nach Artikel 44 wegen Veröffentlichung falscher Nachrichten ‚in der Absicht, ein terroristisches Verbrechen auszuführen'“ verurteilt wurde. Das Todesurteil kommt inmitten eines „eskalierenden Vorgehens“ gegen die Meinungsfreiheit in dem Land, sagte Lina Alhathloul, Schwester des freigelassenen saudischen politischen Gefangenen Loujain al-Hathloul, gegenüber CNN. „Sie senden eine klare und unheilvolle Botschaft: Niemand ist sicher, und selbst ein Tweet kann dich umbringen“, sagte sie. Al-Ghamdis Bruder Saeed, ein bekannter saudischer Islamgelehrter und Regierungskritiker, der im Vereinigten Königreich im selbstgewählten Exil lebt, sagte, er glaube, dass die Härte des Urteils auch ihn bestrafen solle. „Die saudischen Behörden haben mich mehrmals gebeten, nach Saudi-Arabien zurückzukehren, aber ich habe mich geweigert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Todesurteil gegen meinen Bruder eine Vergeltungsmaßnahme für meine Aktivitäten ist. Andernfalls wäre seine Anklage nicht mit einer so harten Strafe belegt worden“, sagte er

F-16-Deal
Biden fordert raschen F-16-Verkauf an die Türkei

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Washington – US-Präsident Joe Biden informierte am Mittwoch in einem Schreiben an die Vorsitzenden der wichtigsten Ausschüsse des Repräsentantenhauses über seine Absicht, das formale Notifizierungsverfahren für den verlängerten Verkauf von Lockheed Martin F-16-Kampfjets an die Türkei einzuleiten, sobald Ankara den NATO-Beitrittsprozess Schwedens abgeschlossen hat. In dem Schreiben an die führenden republikanischen und demokratischen Mitglieder der Ausschüsse für auswärtige Beziehungen des Senats und für auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses forderte Biden den Kongress auf, den Verkauf „ohne Verzögerung“ zu genehmigen, so ein US-Beamter. Zuvor hatte das Weiße Haus am Mittwoch einen Brief an die Mitglieder des Kongresses geschickt, in dem es auf die Genehmigung des Verkaufs von F-16-Flugzeugen und Modernisierungspaketen im Wert von 20 Milliarden Dollar an die Türkei drängte, sagten vier mit dem Brief vertraute Quellen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Die Ankündigung steht zudem im Einklang mit der jüngsten Annäherung zwischen der Türkei und Griechenland, beide NATO-Mitglieder, die sich auf Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Beziehungen geeinigt haben. Das türkische Parlament hatte am Dienstag den Antrag Schwedens auf NATO-Mitgliedschaft ratifiziert und damit nach 20 Monaten Verzögerung eine letzte Hürde für die Erweiterung des westlichen Militärbündnisses aus dem Weg geschafft. „Präsident Biden und Außenminister Blinken haben sehr deutlich gemacht, dass wir die Modernisierung der türkischen F-16-Flotte unterstützen, die wir als eine Schlüsselinvestition in die Interoperabilität der NATO betrachten. Aber darüber hinaus … Ich werde vorgeschlagene Verkäufe oder Transfers von Verteidigungsgütern erst dann bestätigen oder ihnen zuvorkommen, wenn sie dem Kongress offiziell mitgeteilt werden“, sagte der stellvertretende Sprecher des Außenministeriums, Vedant Patel, auf einer Pressekonferenz und bezog sich dabei auf Außenminister Antony Blinken.

Türkisches E-Auto
Deutschlands erster TOGG-Besitzer steht fest

Erlangen – Der offizielle Verkaufsstart für das erste türkische E-Auto TOGG war in Deutschland für Ende des Jahres geplant. Ein Erlanger Fan des Autos hielt es jedoch nicht solange aus und holte ein Fahrzeug eigenhändig aus der Türkei ab. „Ich habe die notwendigen Verfahren für die Verkehrszulassung erfüllt. Die Innenausstattung des Autos ist großartig. Es ist ein sehr schönes, großes und geräumiges Auto. Diejenigen, die den TOGG sehen, bewundern ihn“, so Ali Köksal gegenüber türkischen Medien. Sein Vater habe das Fahrzeug nach Kauf dann über die Balkanroute nach Deutschland gefahren. Bis Erlangen sind das über 2.000 km. Der Betreiber eines Pizzarestaurants erklärte, er habe den TOGG nach Ankunft zum deutschen TÜV gebracht und dessen Zulassung erhalten: „Sie sagten, ich hätte den ersten TOGG mit einem deutschen Kennzeichen.“

Türkisches E-Auto

Die Türkei hatte ihr Projekt im Jahr 2018 gestartet und begann im vergangenen Oktober mit der Massenproduktion. Hinter dem Elektroauto-Start-Up steht ein mächtiges Konsortium türkischer Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen, das aus der Anadolu Grubu Holding A.Ş., BMC Otomotiv Sanayi ve Ticaret A.Ş., Turkcell İletişim Hizmetleri A.Ş., Zorlu Holding A.Ş. und der Union der Kammern und Warenbörsen der Türkei TOGG wird in zwei Ausstattungsvarianten und zwei Batterieoptionen erhältlich sein. Mit 160 kW/218 PS und 350 Nm Drehmoment wird der T10X RWD (Heckantrieb) eine Reichweite von 314 bzw. 523 Kilometern haben. Das Fahrwerk verfügt laut Auto Motor und Sport rundum über Einzelradaufhängung mit MacPherson-Federbeinen vorn und Multilink-Achse hinten. Die innenbelüfteten Scheibenbremsen, sieben Airbags sowie ein stabiles, verwindungssteifes Chassis haben beim EuroNCAP-Crashtest für eine Fünf-Sterne-Wertung gesorgt.

Malatya-Beben
Erneutes Erdbeben erschüttert die Türkei

Malatya – Die Türkei kommt nicht zur Ruhe. Ein weiteres Erdbeben mit der Stärke 5,5 hat am Donnerstag die Provinz Malatya in der Osttürkei erschüttert. Nach Angaben des Europäischen Seismologischen Zentrums ereignete sich das Beben in der Nähe des Zentrums des Bezirks Yeşilyurt in Malatya. Die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD gab die Stärke des Bebens jedoch mit 5,2 an und bestimmte das Epizentrum in der Stadt Battalgazi. Das Erdbeben ereignete sich um 16.04 Uhr türkischer Zeit in einer Tiefe von etwa 13-14 Kilometern. Ein in der Region lebender Reporter der Nachrichtenagentur DHA sagte, das Beben habe etwa 30 Sekunden gedauert. Laut dem Erdbeben-Experten Prof. Dr. Şükrü Ersoy handele es sich hierbei noch immer um Nachbeben der tödlichen Megabeben vergangenen Jahres, bei denen über 50.000 Menschen ums Leben kamen. „Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, die Nachbeben dauern an. Das Nachbeben der Stärke 5,2 wird in 1-2 Tagen abklingen. Nachbeben [der Megabeben vergangenen Jahres] können noch 1-2 Jahre andauern. Daher verwenden wir die Definition, dass ein Erdbeben kein Moment, sondern ein Prozess ist. Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende. Dies ist nicht das erste Erdbeben. In den vergangenen Tagen und Monaten gab es Erdbeben der Stärke 5 und mehr“, so Ersoy gegenüber CNN Türk. Im Februar vergangenen Jahres verwüsteten zwei Erdbeben der Stärken 7,8 und 7,5 den Südosten der Türkei sowie einen Teil Nordsyriens. Mehr als 50.000 Menschen kamen dabei ums Leben.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor einem Mega-Erdbeben, das die türkische Millionenmetropole Istanbul treffen könnte. Das Erdbeben am 17. August 1999 in Gölcük, das auch in Istanbul zu spüren war, hatte damals fast 18.000 Menschen das Leben gekostet. Das Beben, dessen Epizentrum damals etwa 90 KM von der Istanbuler Altstadt entfernt lag, hatte eine Stärke von 7,6. Ein ähnliches Erdbeben mit einem Epizentrum direkt in Istanbul würde die Millionenmetropole sehr schwer treffen. Derzeit leben in der Stadt mehr als 15 Millionen Menschen.

Ein japanischer Erdbebenexperte erklärte bereits im Dezember 2022, also knapp zwei Monate vor den Erdbeben im Südosten des Landes, dass er mit einem schweren Erdbeben insbesondere in der Marmara-Region rechne und erklärt, dass auch die ostanatolischen und ägäischen Verwerfungslinien zu brechen begonnen haben.

Der Experte wies darauf hin, dass man vorbereitet sein müsse, um das Erdbeben mit möglichst geringen Schäden zu überstehen. Obwohl 20 Prozent der Erdbeben in der Welt in Japan auftreten, habe man die Schäden durch das Erdbeben dank der dortigen Ausbildung und Vorbereitung minimiert.

„In Japan gab es sehr schwere Erdbeben. Dort sind die Menschen gut vorbereitet“, so der Wissenschaftler. In der Türkei seien 60 Prozent der Gebäude nicht erbebensicher, dies sei ein großes Problem, welches die Behörden lösen müssten, um mögliche Schäden durch ein Erdbeben zu minimieren“, erklärte Moriwaki.

Treffen in Ankara
Türkei und Iran unterzeichnen 30-Milliarden-Dollar Abkommen

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Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat beim heutigen Treffen in Ankara mit seinem iranischen Amtskollegen Ebrahim Raisi die weitere Stärkung der bilateralen Beziehungen angekündigt. Raisi gab vor seiner Reise bekannt, dass der Iran und die Türkei sich zum Ziel gesetzt haben, ihren jährlichen bilateralen Handel auf 30 Mrd. USD zu steigern. Der iranische Staatschef zeigte sich zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen, und verwies auf die Kapazitäten beider Länder. Er betonte, dass sein Besuch die Zusammenarbeit zwischen dem Iran und der Türkei auf vielen Ebenen stärken werde. In Begleitung einer hochrangigen politischen und wirtschaftlichen Delegation ist dies der erste Besuch Raisis in der Türkei. Im Anschluss an das 8. Treffen des hochrangigen türkisch-iranischen Kooperationsrates im Präsidentenkomplex unterzeichneten die beiden Länder 10 Kooperationsabkommen. Die Abkommen betreffen die Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Freihandel, Medien und Kommunikation, Verkehr und Infrastruktur, Wissenschaft und Technologie, Kultur und Tourismus sowie die Polizeiakademie. Raisis erster Staatsbesuch in der Türkei findet inmitten erhöhter regionaler Spannungen vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Israel und Gaza statt, wobei Teheran und Ankara sich auf die Seite Palästinas gestellt haben. „Iran und die Türkei haben eine gemeinsame Position bei der Unterstützung des palästinensischen Volkes und des Widerstands des unterdrückten, mächtigen palästinensischen Volkes“, sagte Raisi, bevor er das Flugzeug nach Ankara bestieg. „Wir stimmen mit Präsident Erdogan in Bezug auf die palästinensische Sache und die Rechte des palästinensischen Volkes überein“, sagte er später während einer Rede in Ankara, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtet. Die Unterstützung und Haltung der Türkei „gegen die Unterdrückung in der Palästinenserfrage“ sei „lobenswert“, so Raisi weiter.

Gaza-Krieg
Israels Gaza-Angriff: Über 11.000 getötete Kinder

Gaza – In den ersten 108 Tagen sind bei Angriffen der israelischen Armee im Gazastreifen 11.000 Kinder und 7.500 Frauen getötet worden, teilte das Medienbüro der Regierung im Gazastreifen am Montag mit, berichtet die Nachrichtenagentur Anadolu. Im Gazastreifen seien 7.000 Menschen, 70 Prozent davon Frauen und Kinder, noch immer in Trümmern oder würden aufgrund israelischer Angriffe vermisst, hieß es unter Berufung auf eine Reihe neuer Zahlen, die das Ausmaß der Verluste und der Zerstörung im Gazastreifen zu verdeutlichen versuchen. Seit dem 7. Oktober letzten Jahres, als Israels unerbittliche Gaza-Kampagne nach einem grenzüberschreitenden Angriff der palästinensischen Gruppe Hamas begann, wurden mehr als 25.900 Leichen in Krankenhäusern eingeliefert, während 63.000 Menschen verletzt wurden. Auf israelischer Seite habe es nach dem Angriff der Hamas  rund 1.200 Opfer gegeben. Laut der Tageszeitung Haaretz, seien viele der Opfer in Israel jedoch bei Angriffen der israelischen Armee getötet worden. Etwa 70.000 Häuser in Gaza wurden bei israelischen Angriffen vollständig zerstört, 290.000 Häuser wurden unbewohnbar gemacht.

Zum Thema

– Gazakrieg – Gaza: Mehr als 1.000 Kindern wurden Beine amputiert

Nach Angaben der Kinderrechtsorganisation Safe the Children haben in Gaza seit Ausbruch des Konflikts vor drei Monaten im Durchschnitt mehr als 10 Kinder pro Tag ein oder beide Beine verloren.

Gaza: Mehr als 1.000 Kindern wurden Beine amputiert
 

Pflege
Bis 2049 mindestens 280 000 extra Pflegekräfte benötigt

Wiesbaden – Infolge der Alterung der Gesellschaft werden in Deutschland bis zum Jahr 2049 voraussichtlich zwischen 280 000 und 690 000 Pflegekräfte fehlen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis einer neuen Vorausberechnung zum Pflegekräftearbeitsmarkt (Pflegekräftevorausberechnung) mitteilt, wird der Bedarf an erwerbstätigen Pflegekräften ausgehend von 1,62 Millionen im Vor-Corona-Jahr 2019 voraussichtlich um ein Drittel (+33 %) auf 2,15 Millionen im Jahr 2049 steigen. Zwei Varianten zur Entwicklung des Angebots an Pflegekräften Zur Entwicklung der Zahl an Pflegekräften wurden zwei Varianten mit unterschiedlichem Fokus auf demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen vorausberechnet. Die sogenannte „Trend-Variante“ berücksichtigt neben der demografischen Entwicklung auch die positiven Trends am Pflegearbeitsmarkt aus den 2010er Jahren. Sie verdeutlicht somit die Potenziale, die sich für das Angebot an Pflegekräften bei einer Fortsetzung dieser Entwicklung in den Pflegeberufen ergeben. Danach steigt die Zahl der erwerbstätigen Pflegekräfte bis 2034 auf 1,74 Millionen (+7 % gegenüber 2019) und anschließend bis 2049 auf 1,87 Millionen (+15 %). Nach dieser günstigsten Variante der Vorausberechnung läge die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte bereits im Jahr 2034 um 90 000 unter dem erwarteten Bedarf. Bis 2049 würde sich diese Lücke weiter auf voraussichtlich 280 000 Pflegekräfte vergrößern, sodass knapp ein Fünftel (+17 %) mehr Pflegekräfte benötigt würden, als 2019 in diesen Berufen arbeiteten. Die sogenannte „Status quo-Variante“ zeigt dagegen ausschließlich die Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die künftige Zahl an Pflegekräften. Sie berücksichtigt folglich keine Trends der Vergangenheit auf dem Pflegearbeitsmarkt. Nach dieser Variante würde die Zahl der Pflegekräfte von 1,62 Millionen im Jahr 2019 bis 2034 auf 1,48 Millionen (-9 % gegenüber 2019) und dann bis 2049 auf 1,46 Millionen (-10 %) sinken. Haupttreiber dieser Entwicklung ist das verstärkte Erreichen des Renteneintrittsalters der Babyboomer-Generation in den nächsten zehn Jahren, wodurch dem Arbeitsmarkt alleine aus Altersgründen benötigte Pflegekräfte fehlen werden. Nach dieser ungünstigsten Variante der Vorausberechnung würden im Jahr 2034 rechnerisch 350 000 Pflegekräfte fehlen. Bis zum Jahr 2049 würde sich diese Lücke sogar auf 690 000 fehlende Pflegekräfte ausweiten, was gut zwei Fünfteln (43 %) der im Jahr 2019 in Pflegeberufen tätigen Personen entspricht. Methodische Hinweise: Die Pflegekräftevorausberechnung 2024 kombiniert Annahmen über die zukünftige Bevölkerungsentwicklung und zur Entwicklung der Erwerbstätigenquote in den Pflegeberufen. Dazu werden Ergebnisse der 15. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung mit Daten des Mikrozensus sowie der Pflegestatistik und der Krankenhausstatistik verbunden. Für die Betrachtung der beruflichen Pflege beziehungsweise der Pflegebranche berücksichtigt die Vorausberechnung stationäre und ambulante Einrichtungen. Die Abgrenzung erfolgt über die im Mikrozensus abgebildeten Wirtschaftszweige. Diese erfassen Krankenhäuser (einschließlich Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen), Pflege-, Alten- und Behindertenheime sowie (ambulante) Pflege- und Betreuungsdienste (Originalbezeichnung des Wirtschaftszweigs: Soziale Betreuung älterer Menschen und Behinderter). Vier Berufsgruppen sind maßgeblich für die Pflegetätigkeit: Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflegehilfe, Altenpflege sowie Altenpflegehilfe. Während es sich bei der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Altenpflege um dreijährige Ausbildungen handelt, können die Hilfsberufe in der Regel innerhalb eines Jahres erlernt werden. Die Vorausberechnung erfasst die Beschäftigten, die in diesen Berufen tätig sind, unabhängig davon, ob sie eine entsprechende spezifische Ausbildung in den Pflegeberufen absolviert haben oder nicht. Vorausberechnungen sind keine Prognosen. Sie liefern „Wenn-Dann-Aussagen“ und zeigen, wie sich die Eckwerte und Strukturen unter bestimmten Annahmen verändern würden. Der Verlauf der maßgeblichen Einflussgrößen ist mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt immer schwerer abschätzbar. Somit hat insbesondere die langfristige Rechnung bis 2049 Modellcharakter. Weitere Unsicherheiten bestehen durch die Komplexität des Modells. Beide berechneten Varianten zur künftigen Zahl der Pflegekräfte basieren auf der Annahme einer moderaten Bevölkerungsentwicklung (Variante 2 der 15. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung). Der künftige Bedarf an Pflegekräften bestimmt sich maßgeblich durch die Entwicklung der Zahl der stationär und ambulant versorgten Pflegebedürftigen sowie der Krankenhausfälle und wurde auf Basis dieser steigenden Zahlen geschätzt. Dazu wurde eine nach Einrichtungen gewichtete Berechnung vorgenommen, die die Zahl des Pflegepersonals aus dem Jahr 2019 auf Basis der vorausberechneten Entwicklung an Pflegebedürftigen und Krankenhausfällen hochrechnet. Diese Vorausberechnung des Bedarfs an Pflegekräften setzt konstante Verhältnisse in der Pflege und bei den Arbeitsbedingungen voraus. Mögliche Veränderungen in den Rahmenbedingungen, die eine geänderte Pflegekräfte-Patienten-Relation zur Folge hätten oder andere mögliche Einflussfaktoren berücksichtigt die Berechnung an dieser Stelle nicht. Für die Engpassbetrachtung wurden Angebots- und Nachfrageseite in einem zweiten Schritt miteinander ins Verhältnis gesetzt. Das aktuellste Jahr (aktueller Rand) der für die Berechnung verwendeten Daten ist grundsätzlich das Jahr 2019. Dieses wurde aufgrund der Corona-Pandemie in den Folgejahren und deren Einfluss auf das Gesundheitswesen und die betroffenen Statistiken gewählt. Weiterhin erschwert eine methodische Umstellung des Mikrozensus ab dem Jahr 2020 die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren. Für die Vorausberechnung sind jedoch Zeitreihen maßgeblich, die keine methodisch bedingten Brüche aufweisen. Um diese vorübergehenden Einflüsse für die langfristige Perspektive auszuschließen wird das Jahr 2019 als aktueller Rand verwendet.

NATO-Beitritt Schwedens
Türkei: Parlament stimmt für Schwedens NATO-Beitritt

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Ankara – Am Dienstagabend hat das türkische Parlament in Ankara der Nato-Mitgliedschaft Schwedens zugestimmt. Zuletzt hatte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg gesagt, er sei sehr zuversichtlich, dass Schweden im Juli beim Bündnisgipfel als 32. Mitglied mit am Tisch sitzen werde. Ungarn ist nun das letzte Land, das noch seine Zustimmung zum Beitritt Schwedens zum Bündnis geben muss. Bereits im Oktober 2023 unterzeichnete Präsident Recep Tayyip Erdoğan das schwedische NATO-Beitrittsprotokoll und legte es dem Parlament vor. Finnland und Schweden – beides nordische Länder in der Nähe von oder an der Grenze zu Russland – beantragten die NATO-Mitgliedschaft kurz nachdem Russland im Februar 2022 seinen Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Die Türkei genehmigte die Mitgliedschaft Finnlands in der Allianz im März 2023, erklärte jedoch, dass sie darauf warte, dass Schweden sich an ein trilaterales Memorandum vom Juni 2022 halte, um Ankaras Sicherheitsbedenken Rechnung zu tragen. Die beiden skandinavischen Länder waren bereits enge Partner der NATO, aber durch ihren Beitritt würden sie die Unterstützung von 30 Mitgliedsländern erhalten, falls sie von ihrem Feind Russland oder einem anderen Land angegriffen würden. Nur die Türkei und Ungarn weigerten sich, für einen Beitritt zu stimmen. Der NATO-Verbündete Türkei hob im Juni 2023 sein Veto gegen den Antrag Finnlands und Schwedens auf Beitritt zum Militäbündnis auf. Vorausgegangen waren wochenlange angespannte Verhandlungen, in denen Ankara die beiden nordischen Länder beschuldigte, Kämpfer der Terrororganisation PKK zu beherbergen. Erdoğan hatte die Zustimmung zusätzlich mit der Lieferung moderner Kampfjets aus den USA verknüpft.  

Kultur
Kabarettist Wolfgang Neuss: „Türkische Verwandte“

von Çağıl Çayır – Historiker

Wolfgang Neuss war einer der berühmtesten und berüchtigtsten deutschen Kabarettisten des 20. Jahrhunderts. Dabei war er seiner Zeit weit voraus und wirft heute noch so manches Licht auf die Zukunft.

Er spielte unter anderem in dem Film-Meisterwerk „Wir Wunderkinder“ mit, produzierte eigene Filme, Platten und Kassetten, trat im Fernsehen auf und setzte sich für die Wiedervereinigung sowie zuletzt für die Legalisierung von Cannabis ein.

Neuss war einer der frühesten und eigenartigsten Aufklärer der Nachkriegszeit. Der ehemalige Bürgermeister von Berlin und deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker bewunderte den Kabarettisten für seinen mutigen Lebensstil und dankte ihm für ein einmaliges Programmerlebnis.

Weizsäcker traf Neuss in der TV-Talkshow „Leute“ im Cafe Kranzler in Berlin 1983. Neuss nannte Weizsäcker dort herzlich „Ritschie“ und spielte ihm die ein oder andere politische Frage zu. Zum Beispiel sprach Neuss die „Hausbesetzer“ in Berlin förmlich heilig und kritisierte dagegen die teure Renovierung des Schloss Bellevue. „Man sollte zuerst den Erdbebenopfern in der Türkei helfen.“

Wolfgang Neuss wurde am 3. Dezember 1923 in Breslau geboren und starb am 5. Mai 1989 in West-Berlin, noch vor der Wiedervereinigung. Er setzte sich Zeitlebens für die Aufklärung der Deutschen ein. Anlässlich der aktuellen Debatten über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, ist es angebracht an ein Gedicht von Wolfgang Neuss zu dem Thema zu erinnern.

Was die Berliner immer vergessen

Was die Berliner immer vergessen, abgesehen davon, daß sie völlig vergessen, dass es nicht die Türken sind, die uns hier aufsuchen, ansuchen, heimsuchen, die hier aufgenommen werden wollen, sondern, dass es unsere Verwandten von früher sind, die wir selber mal waren!

Wir sind da mal hingezogen, ich mach noch darauf aufmerksam, Ernst Reuter ist selbst in die Türkei gezogen, ja?, als – irgendwas, als CIA-Agent, im Krieg konnte man ja nur als CIA-Agent, — so war der in der Türkei — und der alleine hat schon das ganze Volk nach sich gezogen hier, ja?

Man darf doch nicht vergessen: dass wir da zwar Fremde sehen, und dass das auch das schöne Spiel der Erde ist, dass es immer Fremde sind, die da kommen, aber: wir sind es doch selbst.

Wir sind es doch selbst, die vor sechshundert Jahren da mal hingezogen sind, oder vor achthundert Jahren. – Ganz klar! Warum hilft uns die Wissenschaft bei diesem Ausländer- problem nicht, frage doch mal provokativ natürlich, warum:

Die können längst belegen, die Leute, dass es wir selber sind, also dass wir zu denen ein ganz anderes Verhältnis entwickeln könnten als zu Tante Emma im Osten oder zu Onkel Paul in Zehlendorf, dass wir erfreut sein könnten, »Guten Tag, Emil, wir werden schon zurechtkommen hier in der Stadt, aber dass ihr wieder da seid! « – so müsste doch erstmal die Parole lauten: »Dass ihr wieder da seid! ! Das hätten wir ja nie gedacht, dass wir uns nochmal wiedersehen! «

(Wolfgang Neuss, Was Die Berliner Immer Vergessen, in: Verstehste? Üben, Üben, Üben! 60 Minuten Rauschmodulation, Kassette, 1983)

https://youtu.be/7leia9OnVa8

Geschichtswissenschaft
Schamanismus: Gemeinsamkeiten von Germanen und Turkvölkern

von Çağıl Çayır – Historiker

Nicht nur die erst in späterer Zeit schriftlich überlieferte Nordische Mythologie weist direkte Bezüge und Parallelen zu dem sibirischen, vor allem türkischen und mongolischen Schamanismus auf, sondern belegen auch die frühesten archäologischen Zeugnisse aus Europa und Asien ihre uralten Gemeinsamkeiten.

Die vergleichbaren Funde reichen dabei bis zu den sogenannten Venusfigurinen aus der Zeit von vor 12.000 bis 40.000 Jahren zurück. Die Funde erstrecken sich über den gigantischen Landkreis von Sibirien bis nach Spanien. Ihre weite Verbreitung wird als Beweis für Kulturkontakte und gemeinsame Glaubensvorstellungen erkannt.

Doch auch aus der Zeit von vor 9.000 bis 7.000 Jahren finden sich erstaunliche Zeugnisse, die die Völker und Kulturen von Ost und West miteinander verbinden. Eine der größten Gemeinsamkeiten ist dabei der sogenannte Elch- oder Hirschkult. Zahlreiche Funde, vor allem aus Europa und Nordasien, zeigen Parallelen auf.

Das ewige Erbe der Schamanen von Ost und West

Beispielsweise wurden unter anderem in Bedburg-Königshoven in Nordrhein-Westfalen zwei über 9.000 Jahre alte Hirschgeweihmasken gefunden, die mit sibirischen Schamanen-Masken verglichen werden. Vergleichbare Funde aus Europa finden sich unter anderem in Ost- und Norddeutschland, Dänemark und England. Die ukrainische Archäologin Nataliia Mykhailova beschäftigt sich seit einigen Jahren eingehend mit dem Thema.

Über 9.000 Jahre alte Hirschgeweihmaske aus Bedburg-Königshoven, (Foto: M.Wild/Wikimedia/CC-BY 3.0)

2019 ist in Dänemark ein Artikel erschienen, der der Frage nachging, woran die Dänen vor der Nordischen Mythologie glaubten. Der dänische Steinzeitforscher Mikkel Sørensen machte dabei unter anderem auf einen Schamanen-Trommelschlägel aufmerksam, der in einem 7.000-jährigen Schamanen-Grab aus Vedbæk in Dänemark gefunden wurde. Ähnliche Funde sind aus Sibirien bekannt.

Sibirischer Schamane aus dem 17. Jahrhundert, (Bild: N.Witsen/CC BY 3.0/Wikimedia)

Schließlich gibt es noch viele weitere Parallelen zwischen den Kulturen, die über die Jahrhunderte und Jahrtausende bis in die Gegenwart und Zukunft reichen. Angefangen bei den Bestattungsriten und Denkmälern bis hin zu den Märchen und Sagen in Asien und Europa.

Es gilt also die Kulturen nicht getrennt voneinander, sondern gemeinsam und ganzheitlich zu betrachten, um ihre Entstehung und Entwicklung zu verstehen. Interessant ist dabei, dass der in Urzeiten weitverbreitete Schamanismus heute noch in Sibirien und der Mongolei, aber auch in Nord- und Südamerika, ferner auch in Afrika und Australien weiterlebt. Der Schamanismus ist aktuell sogar wieder weltweit zum Trend avanciert.

Die uralten und beeindruckenden Parallelen in den vier Weltrichtungen erinnern uns heute an die uralten Gemeinsamkeiten der Völker und Kulturen. Entgegen ihrer geschichtspolitischen Spaltung in der Moderne. Erst jetzt können wir uns solchen Zeugnissen unvoreingenommen widmen. Zumindest so lange nicht wieder politische Konflikte und Kriege die Geschichtsforschung einschränken und verzerren.

Um so wichtiger ist es die aktuelle Forschungsfreiheit und Technik unserer Zeit zu nutzen und den gemeinsamen Zeichen der Vergangenheit zu folgen. Die Schamanen von Ost und West haben uns hierfür ein ewiges Erbe hinterlassen.


Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.

Zum Thema

– Geschichtswissenschaft – Geschichte: War Germanen-Gott Odin ein Türke?

Im Jahr 2020 entdeckte ein Sondengänger in Vindelev, einem Dorf in Mitteljütland in Dänemark, einen spektakulären Goldschatz aus der Mitte des 5. Jahrhunderts

Geschichte: War Germanen-Gott Odin ein Türke?