Türkei
Griechisch-orthodoxer Patriarch von Jerusalem erinnert Erdoğan an den Pakt

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilus III. war dieser Tage zu Gast beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Ankara. Mit dabei im Gepäck: eine Replik des Paktes von Omar. Am vergangenen Samstag besuchte der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos Giannopoulos, genannt Theophilus III., den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Ankara. Beim Treffen überreichte Theophilus III. dem türkischen Präsidenten Erdoğan eine gerahmte Nachbildung eines Bundes, den Kalifen Omar nach der muslimischen Eroberung Jerusalems im Jahr 638 an die Christen und Juden ausgegeben hatte. Das Geschenk, das Theophilus III. an Erdoğan überreichte, ist in vielerlei Hinsicht interessant. Es ist nicht nur interessant, weil es eine Replik des Schutz- und Toleranzedikts ist, die vom Kalifen Omar aus dem Jahre 638 stammt und mit dem die Rechte der griechisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem sowie der jüdischen Gemeinschaft garantiert wurden. Es ist auch der gewählte Zeitpunkt, mit dem Theophilus III. seine Aufwartung macht – angesichts der Konflikte und Krisen im Nahen Osten, insbesondere in Zusammenhang mit Gaza und der völkerrechtlich geteilten Stadt Jerusalem, in der die griechisch-orthodoxe Kirche gleichermaßen beheimatet ist. Theophilus III. und Erdoğan hoben in ihren Statements insbesondere das christlich-islamische Erbe Jerusalems hervor. Ein mehr oder minder eindeutige Botschaft, die Erdoğan wenige Tage später wortgewaltig zusammen fasste. Eine Reaktion auf die Äußerungen des israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der am 15. September in Bezug auf ihn die israelische Souveränität über Jerusalem mit „unsere ewige Stadt“ bezeichnete:
„Wir hatten die Ehre, dem Heiligen Jerusalem 400 Jahre lang zu dienen. Über Jahrhunderte hinweg haben wir Jerusalem mit Weisheit und Toleranz zu einem Land des Friedens und der Ruhe gemacht. Netanjahu weiß das nicht.“
Was ist aber der Pakt von Omar? Kurz gesagt: Mit der Belagerung von Jerusalem als Teil eines 637 stattfindenden Konflikts um das oströmische Jerusalem, begann eine Armee des syrischen Kalifats (Raschidun-Armee) unter dem Kommando des Abu Ubaidah Jerusalem im November 636 zu belagern. Nach sechs Monaten übergab der christlich-orthodoxe Patriarch Sophronius von Jerusalem die Stadt freiwillig unter der Bedingung, sie nur dem Kalifen persönlich zu übergeben. Im April 637 reiste Kalif Omar nach Jerusalem, um die Unterwerfung der Stadt anzunehmen. Zuvor, im Jahr 613, hatte der jüdische Aufstand gegen das Oströmische Reich in der Eroberung Jerusalems durch das Sassanidenreich im Jahr 614 gegipfelt, worauf die Juden zeitweise einen hohen Grad an Autonomie erhalten hatten. Nach dem Rückzug der Perser war es 630 zum Massaker an den Juden durch die Oströmer gekommen. 15 Jahre jüdischer Autonomie waren beendet gewesen. Nach der muslimischen Eroberung Jerusalems wurde den Juden wieder ein höheres Maß an Selbstbestimmung zugestanden, nur acht Jahre nach dem christlichen Massaker und 500 Jahre nach ihrer Vertreibung aus Judäa durch das Römische Reich. Dies gab auch den Anstoß zum Pakt von Omar von 638, der die Rechte und Pflichten der Christen und Juden unter islamischer Herrschaft beschreibt und ihnen den Status als Dhimmis (Schutzbefohlene) zuweist.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Gastkommentar
Israel könnte Aggressionen auf die Türkei ausweiten

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Nach dem israelischen Luftangriff auf Doha, der Hauptstadt Katars, verstärkt die Türkei ihre militärische Aufrüstung und Kapazitäten. Die türkische Besorgnis über israelische Angriffe auf ihr Territorium hat exponentiell zugenommen. Die türkische Besorgnis rührt nicht nur von Israels völkermörderischem Schlachten im Gazastreifen her, nicht von der Apartheitspolitik sowie Verdrängungsdruck im Westjordanland, auch nicht von den Angriffen auf Katar, Jemen, Libanon sowie Syrien, sondern von der Besorgnis, dass das Land versucht, eine Pufferzone schwacher Länder um sich herum zu schaffen und Stück für Stück einzuverleiben. Diese Besorgnis teilt auch vollumfänglich die türkische Gesellschaft, was man anhand der fruchtlosen Bemühungen eines Arye Sharuz Shalicar, dem offiziellen Sprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), erkennt. Seine frühe Fixierung auf türkischsprachige schmeichelnde „Frontpropaganda“ bei den Türken im In- wie Ausland, endete recht früh – offensichtlich wegen der bereits verfestigten Haltung der türkischen Gesellschaft.
Türkisches Militär zeigt sich besorgt
Der Sprecher des türkischen Verteidigungsministeriums, Konteradmiral Zeki Ektürk, warnte letzte Woche während einer Pressekonferenz die türkische Gemeinschaft, Israel werde „seine rücksichtslosen Angriffe wie in Katar weiter ausweiten und die gesamte Region, einschließlich des eigenen Landes, in eine Katastrophe stürzen“. Ektürk erklärte des Weiteren, „Israel handelt mit alarmierender Rücksichtslosigkeit. Wenn es so weitermacht, gefährdet es nicht nur seine Nachbarn, sondern auch sich selbst.“ Seine Äußerungen erfolgten nach dem israelischen Angriff in Doha. Die Erklärungen aus Ankara erfolgen vor dem Hintergrund einer deutlichen Ausweitung der türkischen Aufrüstung und Militärkapazität. So kündigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan während der militärischen Operation gegen den Iran „Am K’Lavi – Ein Volk wie ein Löwe“, eine Beschleunigung der Entwicklung und Produktion des türkischen Schutzschildes „Stählerne Kuppel“ an, jüngst den Ausbau von Schutzbunkern in allen 81 Provinzhauptstädten. Die Besorgnis der Türkei rührt nicht nur von Israels Vorgehen in Gaza oder Katar her, sondern auch von der Befürchtung, dass Israel versucht, eine Pufferzone schwacher Staaten um sich herum zu errichten und diese Stück für Stück zu besetzen. Dr. Serhat Süha Çubukçuoğlu, Leiter des Türkei-Programms bei TRENDS Research & Advisory, erklärte herzu jüngst:
„Israels Fähigkeit, scheinbar ungestraft Angriffe durchzuführen und dabei oft die territoriale Lufthoheit anderer Länder und damit internationale Normen zu brechen, schafft einen Präzedenzfall, der Ankara zutiefst beunruhigt.“
Çubukçuoğlu fügte hinzu, die Türkei betrachte diese Angriffe als „Teil einer umfassenderen israelischen Strategie, eine fragmentierte Pufferzone schwacher oder kontrollierter Staaten um sich herum zu errichten.“ Auch und vor allem deshalb verschärft sich im syrischen Gebiet die Rivalität zwischen den beiden Ländern. Israel und die Türkei konkurrieren um Einfluss in der Region, insbesondere seit dem Sturz des Regimes von Baschar al-Assad. Ankara liefert seit dem Machtwechsel Waffen und Ausbildung an die neue Interimsregierung in Damaskus, um die nationale Einheit und Souveränität zu sichern, was die Lage weiter anheizt, weil Israel im Süden einen Drusenscheich für sich entdeckt hat, um die Golanhöhen zu besetzen. Letzte Woche wurde berichtet, dass Israel eine Lieferung von Luftabwehrwaffen angegriffen und zerstört habe, die die Türken an Ahmed al-Scharaa, dem Interimspräsidenten übergeben hätten. Es wurde zwar von der Türkei dementiert, aber das Gerücht blieb. Dies führte zu einer weiteren Verschärfung der Lage zwischen den beiden Ländern. Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei, einst von einer starken regionalen Partnerschaft geprägt, verschlechterten sich Ende der 2000er Jahre, verbesserten sich bis 2022 und erreichten nach dem Gaza-Krieg ab dem 7. Oktober 2023 wieder einen beispiellosen Tiefpunkt. Nun scheint es, dass die wachsende Rivalität und die Spannungen in Syrien die Lage weiter verschärfen und die beiden Länder in einen direkten Konflikt ziehen könnten.
Vollkommener Bruch erst im August 2025
Die dramatische Wende in den türkisch-israelischen Beziehungen erfolgte erst Ende August, als Ankara eine vollständige Aussetzung des Handels mit Israel, die Schließung seiner Häfen für israelische Schiffe und Beschränkungen seines Luftraums für israelische Flüge aussprach. Dieser verspätete Schritt spiegelt den wachsenden internen Druck auf die türkische Führung, adäquate dringliche Antworten auf eine komplexe geopolitische Lage, vor allem in den Sicherheitsbedenken in Zusammenhang mit Syrien und der Rolle Israels, zu finden. Die Entscheidung vom August folgte auf eine Dringlichkeitssitzung des türkischen Nationalparlaments hin, die einberufen worden war, um über den israelischen Angriff auf Gaza zu beraten, wo die Zivilbevölkerung seit dem 7. Oktober 2023 unter weitverbreiteter Zerstörung und systematischem Hunger leidet. Zudem wurde das neuerliche Interesse Netanyahus für die Terrororganisation PKK in Syrien erörtert. Die PKK, in Syrien firmiert als YPG bzw. SDF, denkt gar nicht daran, dem Aufruf vom türkischen Koalitionspartner Devlet Bahçeli (MHP) und dem Aufruf des inhaftierten PKK-Terrorfürsten Abdullah Öcalan Folge zu leisten. Öcalan hatte Ende Februar die PKK aufgefordert, die Waffen niederzulegen und sich dem demokratischen System zu fügen. Dabei betonte Öcalan, dass die PKK sich nicht von Imperialismus instrumentalisieren lassen dürfe und Abstand von etwaigen Föderationen oder Unabhängigkeitsbestrebungen nehmen müsse. Die Ankündigung vom August erfolgte zeitgleich mit der Erklärung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, den sogenannten Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 anzuerkennen – ein Schritt, der in Ankara als kalkulierte Provokation mit dem Ziel aufgefasst wurde, die Türkei in Verlegenheit zu bringen. „Ankaras Entscheidung spiegelt eine sorgfältige Abwägung zwischen humanitären Erwägungen und politischen Interessen wider“, erklärte hierzu Furkan Halit Yolcu, ein Experte für internationale Sicherheit am Middle East Institute, gegenüber The New Arab. „Historisch betrachtet hat die Türkei eine starke Position zur Unterstützung humanitärer Anliegen eingenommen, sei es in Palästina oder an geografisch weniger verbundenen Orten, wie etwa der Notlage der uighurischen Muslime in China.“ Yolcu argumentiert jedoch, dass die Entscheidungen Ankaras in diesen Zusammenhängen nicht von seinen umfassenderen geopolitischen Ambitionen getrennt betrachtet werden könnten. Die Türkei betrachte vielmehr „den wachsenden regionalen Einfluss Israels als direkte Bedrohung für die Stabilität des Nahen Ostens und ihre strategischen Interessen in Syrien und im östlichen Mittelmeerraum.“ Yolcu verwies dabei auf die militärischen Aktionen Israels in Syrien, die seit dem Sturz von Baschar al-Assad erfolgten, die Bombardierung des Libanon und die Bemühungen, Westjordanland und den Gazastreifen zu annektieren.
Türkisches Außenministerium protestiert inzwischen lautstark
Bei der Krisensitzung im Nationalparlament hatte der türkische Außenminister Hakan Fidan, die Aussetzung des Handels und die Schließung der Häfen als einen Protest, als einen unverrückbaren Standpunkt gegen Israels „Völkermord“ und „Hungerpolitik“ im Gazastreifen bezeichnet. „Der Völkermord Israels stellt eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte dar“, erklärte Fidan in seiner Rede vor dem Nationalparlament und fügte hinzu, die Verbrechen würden „vor den Augen der Welt und unter eklatanter Missachtung menschlicher Werte und des Völkerrechts“ begangen. In einem Interview mit Al Jazeera während des Sondergipfels der Arabischen Liga und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Doha sagte Fidan am vergangenen Sonntag:
„Es gibt zwei Gründe für die israelische Expansion. Der erste ist der Wunsch, seine Grenzen zu erweitern und einen größeren Staat Israel zu errichten. Der zweite ist, die Länder der Region zu schwächen, sie handlungsunfähig zu machen.“
Wohlüberlegt, gemählich aber deutlich
Das Ergebnis der Verschlechterung der bilateralen Beziehungen zeigt deutlich, wie dosiert und wohlüberlegt die türkische Sanktionspolitik bis zum völligen Bruch verlief. Nach Angaben des türkischen Handelsministeriums ging der bilaterale Handel mit Israel zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 2. Mai 2024 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 32 Prozent zurück. Die türkischen Exporte sanken dabei um 30 Prozent, während die Importe aus Israel um 43,4 Prozent einbrachen. Im Dezember 2024 gab der türkische Handelsminister Ömer Bolat bekannt, dass das Handelsvolumen bereits um mehr als die Hälfte zurückgegangen sei, was darauf schließen lässt, dass der Rückgang eher allmählich als plötzlich erfolgte. Der ehemalige Kabinettsberater Cahit Toz kommentierte diese differenzierte und wohlüberlegte Politik so:
„Vom jährlichen Handelsvolumen von 6 bis 7 Milliarden Dollar profitierte Israel deutlich mehr als die Türkei. Die Importe aus Israel konzentrierten sich auf militärische und technologische Sektoren, während die Türkei nun vor Ort dies in höherer Qualität produziert und so ihre Abhängigkeit von israelischen Waren verringert hat.“
Toz fügte hierzu hinzu, dass Israel stärker von türkischen Produkten abhängig sei, was Befürchtungen hinsichtlich steigender Preise in Israel, insbesondere bei Lebensmitteln, aufkommen lasse. Die vollen Auswirkungen sind noch nicht absehbar, doch erste Indikatoren deuten darauf hin, dass die Türkei auf ihre eigenen Produktionskapazitäten und alternative Märkte setzt, während Israel mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert ist. Der Bruch, der mit der strategischen Entscheidung zu wirtschaftlichen Sanktionen erfolgte, geht weit über das hinaus, was man als Handelsverhalten versteht. Es ist eine völlige Neuausrichtung.
Der 7. Oktober markiert eine Zeitenwende
Die „israelische Katastrophe“ vom 7. Oktober 2023 wird deshalb auch als Wendepunkt in Israels Außenbeziehungen in Erinnerung bleiben. Dieser Tag markierte zugleich den Beginn einer neuen Ära der Türkei im Nahen Osten. Alle geopolitischen Entwicklungen in der Region änderten sich grundlegend und derart rasant, dass sogar das Abraham-Abkommen die Flitterwochen abrupt beendete. Bis vor wenigen Monaten, vor Kriegsbeginn, wehte im Nahen Osten ein Wind des Friedens und der Normalisierung. Dank des Erfolgs und der positiven Dynamik des Abraham-Abkommen gelang es Israel, seine historische Isolation in der Region zu durchbrechen. Alle gemäßigten Länder, die Wohlstand statt Zerstörung und Krieg anstrebten – allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate und hinter den Kulissen auch Saudi-Arabien – unterstützten diese positive Entwicklung. Die Auswirkungen der Aushandlung des Abraham-Abkommens auf die arabische Welt, hatte auch einen positiven Einfluss auf nicht-arabische Akteure. Dank der beispiellosen Machtdemonstration auf dem Negev-Gipfel (einer Konferenz Ende März 2022 mit hochrangigen Vertretern der Vereinigten Arabischen Emirate, Ägyptens, Bahrains und Marokkos, deren gemeinsamer Nenner mit Israel die Opposition gegen den Iran ist), verstand Recep Tayyip Erdoğan, dass das Abraham-Abkommen auch nach Donald Trumps Ausscheiden aus dem Weißen Haus ihre Wirkung weiter entfalten würde. Vor diesem Hintergrund und mit dem Ziel, in die Delegation der Abraham-Abkommen aufgenommen zu werden, entschied sich Ankara für eine versöhnliche Außenpolitik und verinnerlichte die Tatsache, dass es sich mit Israel und den anderen Ländern des Nahen Ostens, mit denen es aneinandergeraten war, arrangieren musste. So normalisierte Erdoğan seine Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Israel und auch zu al-Sisi, der mit einem Putsch an die Macht über Ägypten kam. Neben politischen Erwägungen war es auch der Bedarf der schwächelnden türkischen Wirtschaft an liquiden Mitteln, um den Verfall der türkischen Lira gegenüber dem Dollar zu verlangsamen – ein Bedarf, der Erdoğan zu diesem radikalen Wandel in der türkischen Politik veranlasste. Die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Israel und der Türkei vor dem Krieg kann nicht außerhalb dieses Kontextes interpretiert werden. Mit anderen Worten: Erdoğan wurde nicht zum Zionisten und Netanyahu gelang es nicht, die Beziehungen zur Türkei zu normalisieren – das gelang erst durch das Fortschreiten des Abraham-Abkommens.
Erdoğan hielt den Staat Israel als ein starkes Land
Vor dem 7. Oktober 2023 betrachtete Erdoğan den Staat Israel als ein starkes Land, umgeben von neuen Freundschaften in der arabischen Welt. Dank des inoffiziellen Bündnisses, das Israel während des Zweiten Berg-Karabach-Krieges 2020 mit Aserbaidschan schloss, begann Baku zudem als Brücke für die Beziehungen zu Ankara zu fungieren. Hier fungierte vor allem der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew als Brückenbauer. Während des Krieges im Kaukasus unterstützten sowohl die Türkei als auch Israel Aserbaidschan und beide Länder lieferten Baku Munition und Militärtechnologie für seinen Krieg gegen Armenien, den Verbündeten des Iran im Südkaukasus. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine positive Atmosphäre zwischen Jerusalem und Ankara. Im März 2022 lud Präsident Erdoğan den israelischen Präsidenten Isaac Herzog in seinen Palast in Ankara ein, und die beiden Länder verkündeten den Beginn einer neuen Ära in ihren Beziehungen. Die öffentliche Unterstützung beider Seiten führte zu engeren Beziehungen auf allen Ebenen. So lernten beispielsweise die Geheimdienste beider Länder, nach vielen Jahren wieder zusammenzuarbeiten, um einen versuchten iranischen Terroranschlag auf israelische Touristen auf türkischem Boden zu vereiteln – ein Schritt, der das Ansehen der Türkei in den Augen des israelischen Sicherheitsapparats stärkte. Gleichzeitig verbesserte Israel sein Image in den Augen der Türken dank der großzügigen humanitären Hilfe, die es der Türkei unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar 2023 zukommen ließ.
Der starke Staat entpuppt sich als unsicher und unkontrollierbar
Tatsächlich erschütterte der Angriff der Hamas auf Israel und das Versagen des Schutzmechanismus rund um den Gazastreifen das Bild des „starken Israel“ in Ankara. Nach einem Tag völliger Stille forderte Präsident Erdoğan bereits am nächsten Tag beide Seiten zur Zurückhaltung und Gewaltverzicht auf. Israel reagierte jedoch mit der gesamten militärischen Macht, die bis in die Bodenmanöver hineinreichten. Es versteht sich von selbst, dass es für Erdoğan viel schwieriger wurde, gute Beziehungen zu Israel aufrechtzuerhalten, als die ersten verstörenden Bilder aus Gaza die ganze Welt in den Bann zogen. Neben der ungehemmten Gewalt in Gaza erschwerte auch die türkische Opposition Erdoğan den weiteren Versuch, mit beschwichtigenden Aufrufen, Israel zur Räson zu bringen und damit die Beziehungen aufrecht zu erhalten. Die Opposition vertrat von Beginn des Krieges in Gaza an eine klare Pro-Hamas-Position einzunehmen, während Erdoğan selbst zunächst eine etwas versöhnlichere Haltung gegenüber Israel einnahm. Mit anderen Worten: Bis Erdoğan seine Haltung gegenüber Israel grundlegend änderte, blieb Erdoğan groteskerweise der pro-israelischste Politiker im politischen Spektrum der Türkei. Derart, dass sogar die konservativ-religiösen Kleinstparteien damit punkten konnten. „Als Muslim bin ich beunruhigt über Israels Angriffe auf Moscheen und Kirchen. Sind Sie als Christ nicht beunruhigt über die Angriffe auf Kirchen?“, sagte Erdoğan in Berlin in seiner Antwort zu einem deutschen Reporter im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz, Ende Oktober 2023. Für Erdoğan war Ende Oktober 2023 der letzte israelische Raketenangriff auf das älteste Krankenhaus von Gaza-City, dem al-Ahli-al-Arabi-Krankenhaus, der Höhepunkt und damit ein Grund des strategischen Umdenkens. In diesem Zeitraum berichteten türkische Medien unter Hinzuziehung der zuvor getätigten Angriffe über die „Barbarei“, weshalb die türkische Öffentlichkeit den Geschehnissen nicht gleichgültig gegenüberstand. Alle führenden Fernsehsender beschuldigten Israel, Kriegsverbrechen begangen zu haben. In diesem Kontext, parallel zu den großen Demonstrationen in Ankara und Istanbul, wuchs die Ohnmacht und der Wut auf den Staat Israel. In sozialen Medien waren die Reaktionen noch extremer. Erdoğans schwerer Stand gegenüber der türkischen Gesellschaft Die Wut auf den türkischen Straßen ließ Erdoğan keine andere Wahl, als den eigenen festen Standpunkt zu revidieren. Sein Pragmatismus wich der Solidarität. Mit anderen Worten: Der pragmatische Erdoğan war verschwunden, stattdessen trat ein Erdoğan auf, der tief von einer osmanischen Ideologie geprägt, die Türkei als großer Bruder aller „unterdrückten“ Völker darstellt. Am 25. Oktober nannte Erdoğan in einer Rede vor dem türkischen Nationalparlament die Hamas als „eine Organisation von Freiheitskämpfern, die ihr Land von der Besatzung befreien wollen.“ Das war jedoch nicht das Ende der Fahnenstange. Erdoğan beharrte auf seiner Haltung und verschärfte sie am 28. Oktober 2023 bei einer von ihm organisierten Kundgebung für den palästinensischen Kampf gegen Israel noch weiter. Auch in dieser Rede, ließ Erdoğan nicht locker und bekundete erneut öffentlich seine volle Unterstützung für die Hamas. Das allgemeine Bild des Staates Israel ist im Land zweifelslos am Boden. Infolgedessen sieht man von Istanbul bis Ankara und in verschiedenen anderen Großstädten die Auswirkungen der Ohnmacht und Wut der Bevölkerung; Geschäfte mit Schildern mit der Aufschrift „Israelis ist der Zutritt strengstens verboten“ oder Taxis mit Schildern mit der Aufschrift „Israelische Fahrgäste werden nicht befördert.“ Ein weiteres Phänomen ist die Schändung der israelischen Flagge im öffentlichen Raum, die so gar nicht in die türkische Werte- und Kulturnorm passt. Neben dieser eindeutig antiisraelischen Haltung gibt es auch öffentliche Sympathiebekundungen für den palästinensischen Kampf. Viele Türken haben im öffentlichen Raum PLO-Flaggen und riesige Bilder des Hamas-Sprechers Abu Obaida aufgehängt.
Türkisch-israelische Beziehungen auf Jahrzehnte gestört
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der 7. Oktober 2023 nicht nur die fragile Normalisierung zwischen Israel und der Türkei beendete, sondern auch die in der türkischen Gesellschaft vorherrschende Meinung stärkte, der Zionismus verfolge weiterhin das Ziel, in Palästina und darüber hinaus einen jüdischen Staat mit möglichst viel Land, möglichst vielen Juden und möglichst wenigen Palästinensern und Arabern zu errichten. Der zionistische Anspruch auf Palästina baue demnach auf der Vorstellung auf, dass das historische Recht der Juden auf das Land, dass der Araber überwiege, was das israelische Regierungskabinett des Öfteren selbst vollmundig und öffentlich betont hatte. Die breite Öffentlichkeit in der Türkei versteht vor allem deshalb die israelische Regierung als Übeltäter der Ära nach dem 7. Oktober 2023. Trotz vereinzelter Unterstützungsbekundungen für Israel, sei es in den sozialen Medien oder vereinzelt auf türkischen Straßen, ist das Bild des israelischen Staates noch nie so negativ gewesen, wie gegenwärtig. Daher dürfte es noch schwieriger werden, die Beziehungen wiederherzustellen und sie in den Zustand vor dem 7. Oktober zurückzuführen.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Gastkommentar
US-Israel-Treffen: Wo bleibt Friedrich Merz?

Ein Gastkommentar von Michael Thomas
In einer Zeit, in der Israel weltweit zunehmend isoliert ist, traf die bislang größte Delegation von US-Gesetzgebern aus allen 50 Bundesstaaten in Israel ein.
Premierminister Benjamin Netanjahu und Außenminister Gideon Sa’ar sprachen am Montag bei einer Veranstaltung im Außenministerium mit dem Titel „50 Staaten, ein Israel“ vor der Delegation.
„Willkommen in Jerusalem, der ewigen Hauptstadt Israels“, erklärte Lior Haiat, stellvertretender Direktor für Nordamerika im Außenministerium, bei der Eröffnung der Veranstaltung.
250 US-Abgeordnete
Wenn Trump vor wenigen Tagen erst verblüffend offen und öffentlich zugegeben hatte, dass die US-Regierung ferngesteuert unter vollständig israelischer Kontrolle gewesen ist und nun ein gewisser Rückgang festzustellen sei, gibt es nun Abhilfe. Der Vorgang ist derart skurril und grotesk, dass ich Probleme in der Wortfindung habe: Insgesamt 250 (!) Abgeordnete der US-Regierung befinden sich derzeit bei einem Ereignis in Israel, auf dem sie neu auf ihre Gefolgschaft zu dem Land eingeschworen werden. Es hat den klangvollen Namen: „50 Staaten, ein Israel„. Ich will es mal so sagen: Leucochloridium ist der Name eines Pilzes, dessen Lebensweise auf Menschen gruselig wirkt. Er befällt Schnecken, gräbt sich in ihrem Inneren bis zum Hirn vor und zwingt seinem Wirtstier einen Weg in den eigenen Untergang auf. Die Zeitschrift GEO beschreibt dies so:
“ … Eine Schnecke, deren Fühler riesenhaft angeschwollen sind und bunt pulsieren – ein Anblick wie aus einem Science-Fiction-Schocker. Was so bizarr aussieht, ist der gruselige Trick des Saugwurms Leucochloridium paradoxum, um in seinen Endwirt, einen Vogel, zu gelangen.“
Die USA sind befallen. Sie gehorchen bereits dem Befehl der israelischen Führung, gefälligst Gesetze zu erlassen, die ihre Vormachtstellung im Land festigen und beschützen. Der israelische Außenminister, soweit ist das Immunsystem der USA bereits korrumpiert, kann frech und offensiv in den USA selbst Forderungen oktroyieren, wie dort Gesetze verfasst werden sollen.
Die Fühler der Schnecke USA pulsieren bereits
Für Netanyahu ist es überlebenswichtig, sich seinen Vasallen USA bedingungslos zu unterwerfen. Er zeigte in den letzten Tagen erstmals öffentlich bezüglich der anwachsenden Isolierung Israels auf der Weltbühne Wirkung. Ihm bleibt nur übrig, wie dem Nazi-Deutschland in seinen letzten Tagen damals, seine dahinschmelzende Anhängerschaft mit immer giftigeren, gewaltvolleren, aggressiveren und religiös durchwirkten Märchen und Behauptungen an sich zu binden und die USA zu unterwerfen, um sie benutzen zu können. Die Frage bleibt: warum eigentlich ist der deutsche Bundeskanzler diesem Ereignis in Israel ferngeblieben? Immerhin verfärben sich die Fühler der deutschen Schnecke ja bereits ebenfalls?

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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Deglobalisierung
Zölle und KI zwingen Schwellenländer zur Neu-Ausrichtung

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Von Michael Browne

Angesichts von Deglobalisierung, Zöllen und regionalen Konflikten konzentrieren sich Schwellenländer zunehmend auf inländische Wachstumsmotoren und den intraregionalen Handel. Diese Verlagerung wirft eine wichtige Frage auf:

Können sich Schwellenländer erfolgreich an diese neue Wirtschaftslandschaft anpassen, indem sie die Binnennachfrage, den Handel innerhalb von Schwellenländern („Süd-Süd-Handel“) und technologische Innovationen nutzen, um sich als attraktive Standorte für Wachstum und Investitionen neu zu erfinden?

Eine Welt im Wandel

In der Weltwirtschaft hat sich viel verändert. Globalisierung, „Washington-Konsens“, „Ende der Geschichte“ und lange Lieferketten gehören der Vergangenheit an. Deglobalisierung, Zölle, Populismus, Einwanderungsfeindlichkeit und regionale Konflikte prägen die Gegenwart.

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 beschleunigte sich die Globalisierung, wovon die Schwellenländer, insbesondere China und Indien, profitierten. Die Ausweitung des Handels, des Kapitalflusses, der Dienstleistungen und der Arbeitskräfteströme hat die Schwellenländer von Anfang der 1990er Jahre bis in die jüngste Zeit beflügelt. In China und Indien haben bedeutende innenpolitische Reformen in den 1980er und 1990er Jahren den raschen Aufstieg dieser Länder auf die Weltbühne begünstigt.

Aber wie wird es den Schwellenländern gehen, wenn die Globalisierung ins Stocken gerät? Können sich die Schwellenländer von Warenexporten und Outsourcing von Dienstleistungen – Aktivitäten, die durch die Deglobalisierung gefährdet sind – abwenden?

Wie werden sie mit geringeren ausländischen Investitionen umgehen? Können sie alternative Quellen für Wachstum und Rentabilität finden? Werden ihre Gesellschaften von innen heraus genügend Innovationen hervorbringen? Kurz gesagt: Können Schwellenländer erfolgreich sein, wenn Erfolgsfaktoren zunehmend aus dem eigenen Land stammen müssen?

Seit Jahrzehnten sind Schwellenländer auf Industrieländer angewiesen, um Zugang zu Kapital und Technologie zu erhalten, während sie billige Grundstücke und Arbeitskräfte zur Verfügung stellen.

Ausländische Direktinvestitionen wurden durch bessere Renditen aus kostengünstigerer Produktion in Schwellenländern gefördert, von denen aus Waren und Dienstleistungen in Industrieländer exportiert wurden. Dies führte zum Aufbau langer, kostengünstiger Lieferketten von Ländern wie China in die Vereinigten Staaten, nach Europa und Japan.

Da Zölle, künstliche Intelligenz und andere Handelsbarrieren diese Produktions- und Vertriebsmodelle in Frage stellen, müssen sich die Schwellenländer neu ausrichten. Sie müssen ihren Handel untereinander neu orientieren und sich für ihr künftiges Wachstum auf inländische Wachstumsmotoren stützen.

Neue Wachstumsmodelle: Binnennachfrage und „Süd-Süd“-Handel

Glücklicherweise war das exportorientierte Modell ein Erfolg, das zu steigenden Einkommen und Wohlstand in den Schwellenländern China und Indien geführt und Möglichkeiten für internes Wachstum geschaffen hat.

Die globalen Handelsströme haben sich bereits zu einem verstärkten Handel innerhalb der Schwellenländer verlagert, wodurch die Risiken der früher von den USA dominierten Hub-and-Spoke-Struktur verringert wurden.

Viele Schwellenländer, allen voran China und Indien, haben begonnen, stärkere inländische technologische Kapazitäten, Finanzinstitute und Verbrauchermärkte zu entwickeln, die den Übergang zu einem nachhaltigen Binnenwachstum beschleunigen.

Wir sollten nicht vergessen, dass auch innenpolitische Reformen eine wichtige Rolle spielen, wie wir in Indien unter Premierminister Narendra Modi oder in Argentinien unter Präsident Javier Milei gesehen haben.

Wir gehen davon aus, dass die Binnennachfrage in den verbleibenden Jahren dieses Jahrzehnts (und darüber hinaus) der stärkste Motor der Wirtschaftstätigkeit in vielen Schwellenländern sein wird, insbesondere in China und Indien, wo die Zahl der Haushalte der Mittelschicht mit steigender Kaufkraft zunimmt.

In den Schwellenländern wird sich die Zahl der Haushalte der Mittelschicht von 350 Millionen im Jahr 2024 auf fast 700 Millionen im Jahr 2034 verdoppeln, wobei China fast die Hälfte dieses Wachstums ausmachen wird.

Seit 2010 ist die Zahl der Mittelklassehaushalte in Indien von 31 Millionen auf über 125 Millionen gestiegen, während China nach einer Verdopplung in den letzten 15 Jahren nun die weltweit größte Mittelschicht hat.

Diese Zahlen sind jedoch nur die halbe Wahrheit. Auch das mittlere Familieneinkommen steigt in China und Indien stark an und wird sich voraussichtlich alle 15 Jahre verdoppeln.

Das mittlere Pro-Kopf-Einkommen in China stieg von 2.500 US-Dollar im Jahr 2010 auf über 5.000 US-Dollar im letzten Jahr, und auch in Indien hat sich das mittlere Einkommen seit 2010 verdoppelt.3 Dies ist nun die neue Quelle des Wachstums.

Auch im globalen Handelsverkehr sind Veränderungen im Gange. Vor einem Vierteljahrhundert gingen 80 % der Exporte in entwickelte Volkswirtschaften. Studien der Federal Reserve und der Weltbank zufolge ist dieser Anteil inzwischen auf 60 % gesunken, während 40 % der weltweiten Exporte nun zwischen Schwellenländern abgewickelt werden. Infolgedessen sind US-Zölle und andere neue Importbarrieren heute weniger schädlich als noch vor 25 Jahren.

Der zunehmende Handel innerhalb der Schwellenländer hat zu mehr „Süd-Süd“-Dialog und -Zusammenarbeit geführt. Chinas „Belt and Road“-Initiative, Indiens „Act East“-Politik und die BRICS-Foren sind nur einige der bekanntesten Beispiele für die zunehmende Zusammenarbeit zwischen Schwellenländern.

Schwellenländer erzielen auch technologische Fortschritte in Bereichen wie Mobile Banking (M-Pesa in Kenia), Telekommunikation (z. B. weit verbreitete Mobilfunkdienste in Grenzwirtschaftsländern) oder biometrische Dienste (Indien).

Hohe Bildungsquoten, insbesondere in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), sind ein gutes Zeichen für eine Welt, in der Rechnen, Ingenieurwesen und Naturwissenschaften den Grundstein für Erfindungen legen.

Zusammenfassung

Schwellenländer stehen in einer Welt, die der Globalisierung überdrüssig ist, vor großen Herausforderungen, und selbst die größten Schwellenländer wie China und Indien können sich niemals vollständig von ihren entwickelten Pendants abkoppeln.

Angesichts des steigenden Wohlstands im Inland, der zunehmenden Diversifizierung der globalen Märkte und der heimischen Innovationsquellen glauben wir jedoch, dass sie sich selbst neu erfinden können, um auch in einer weniger globalisierten Welt attraktive Standorte für Wachstum und Investitionen zu bleiben.


Michael Browne,  Global Investment Strategist beim Franklin Templeton Institute      

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Indonesien hat einen Vertrag über den Kauf von 48 KAAN-Kampfflugzeugen der fünften Generation aus der Türkei im Wert von 10 Mrd. USD unterzeichnet

Milliarden-Deal: Indonesien bestellt 48 türkische KAAN-Kampfjets

Großbritannien
Angela Rayner: Shakespeare-Drama in britischer Labour-Partei

Ein Gastbeitrag von Klaus Jürgens

Schadenfreude 2.0 bei der britischen Opposition, und selbst in der eigenen Partei mehr als nur vereinzeltes Kopfschütteln: wie kann es sein, dass eine Wohnungsbauministerin diskret übersieht das man auch oder gerade als führende Politikerin den korrekten Immobiliensteuersatz entrichten muss?

Im Vereinigten Königreich nennt man das ‚Stamp Duty‘ und die setzt bei einem Kaufpreis von über 125000 Pfund Sterling ein (Eurowechselkurs 1.15) und liegt bei zwei Prozent, ab 250000 Pfund Sterling bei fünf Prozent. Dann ist sie weiter gestaffelt und bei einem Haus oder Wohnungspreis von über 700000 Pfund Sterling liegt der Steuersatz schon bei zehn Prozent.

Rayner zahlte nach ihrem Hauskauf – Wert fast 800000 Pfund Sterling – aber nur knapp unter 30000 Pfund Sterling, die offizielle Regierungskalkulation auf deren Internetseite gibt einen Betrag von 27500 Pfund Sterling an, gerade vom Verfasser dieser Zeilen nachvollzogen.

So weit so gut, aber dies ist nur anwendbar, wenn man lediglich eine Immobilie besitzt nach dem Kauf. Sollte man zwei oder sogar mehr Immobilien besitzen nach diesem Neukauf hätte man 67500 Pfund Sterling entrichten müssen. Frau Rayner gab an dies sei nunmehr ihre einzige Immobilie und zahlte den kleineren Betrag.

Ihr Fehler: sie besaß aber in der Tat einen Teil an einer zweiten Immobilie im Norden Englands; der Eigentümer sei aber eine Art Treuhandfonds im Namen ihres behinderten Kindes, wobei sie einen Anteil von 25 Prozent hatte (ein weiterer Teil gehört ihrem geschiedenen Partner, der Rest dem Treuhandfonds).

Sie verkaufte laut eigener Aussage ihren Anteil um das als Kaution (162500 Pfund Sterling) für das o.a. neue Domizil an der englischen Südküste zu benützen. Doch sie zog noch gar nicht ein, also wo lebte sie seit dem Jahresanfang? Natürlich hat sie als Ministerin eine Bleibe in London (ein sogenanntes ‚grace and favour‘ – Arrangement) wann immer nötig, dies ist aber nicht ihre eigene Immobilie, sondern gehört der britischen Regierung.

Sie und ihr Ex teilen sich das Sorgerecht für ihr (behindertes) Kind – insgesamt hat Rayner drei Kinder – und leben abwechselnd in der ursprünglichen Wohnung. Alles ein cleverer Versuch, um Steuern zu sparen, eine Art Postkasten-Haus-Konstruktion? Oder sprichwörtliches Versehen?

Und das, obwohl ihre Berater eindeutig sagten ihre Annahme weniger zu bezahlen sei wohl unrichtig? Eine Ministerin vergisst doch weder den Hinweis ihrer eigenen Berater oder wollte sie einfach nicht zuhören? Fragen über Fragen aber soweit es die Steuerbehörde sieht, muss sie rund 40000 Pfund Sterling nachzahlen!

Viele weitere Ungereimtheiten stehen im Raum: warum verkaufte sie den Anteil an dem Treuhandfonds so kurze Zeit vor ihrem Neukauf? War dies gedacht, um an der Südküste dann die günstigere Steuerrate zu zahlen da diese steigt, sobald man zwei oder mehr Immobilien besitzt? Aber wie kommt es das die Wohnung im Norden Englands nach wie vor offiziell mit ihr registriert ist?

Könnte es sogar sein das der Neukauf überraschend schnell im Mai dieses Jahres passierte, also einige Monate vor der erwarteten Immobilien-Steuererhöhung seitens ihrer eigenen Regierung?

Und da der Wert der nordenglischen Immobilie unabhängig davon ob er einem Treuhandfonds gehört oder nicht kommerziell berechnet wurde fragen sich manche Oppositionspolitiker, ob diese Bewertung nicht etwas zu hoch ausgefallen sei, damit sie einen höheren Verkaufspreis ergattern könnte?

Der letzte Punkt ist natürlich Politikpolemik, und kann von mir nicht überprüft werden. Generell halten wir ohnehin fest, es gilt die Unschuldsvermutung auch in ihrem Fall – Vorsatz oder Versehen kann von hier aus nicht beantwortet werden.

Fakt ist: sie zahlte den falschen Betrag, verstiess somit gegen den ministeriellen Verhaltenskodex, und ihre Karriere scheint zumindest vorerst auf Eis gelegt worden zu sein. Nicht von Parteifreunden, nicht von der Opposition, sondern von ihr selbst.

Raynor war Hoffnungsträgerin, wurde als zukünftige Premierministerin gehandelt

Sie war durchaus beliebt, und hat mit Sicherheit noch genügend Rückhalt in den eigenen Reihen, um eines Tages vielleicht doch noch an die Macht zurückzukehren.

Aufgewachsen in einer Sozialwohnung im Norden des Landes, schwanger geworden mit 16 Jahren, später zunächst alleinerziehende Mutter, und dann dieser so typische Akzent den man in London weniger hört, mit Sicherheit nicht inmitten der politischen Eliten.

Dann ein Schicksalsschlag, eine lebenslange Behinderung bei einem ihrer Kinder. Sie überkam alle Hürden, kämpfte sich nach vorne und wurde der neue Liebling in der Arbeiterpartei.

Dann vor einem Jahr Bingo: die Labour Partei unter Sir Keir Starmer gewinnt die Wahlen in einem erdrutschartigen Sieg und Rayner wird Ministerin und zugleich Vize-Premierministerin. Und auch noch stellvertretende Parteivorsitzende, ein ‚Powerhouse‘ sozusagen.

Nicht alle mochten sie aber 24/7 und es gab auch Konflikte zwischen ihr und Starmer, aber letztendlich führte am so beliebten Mädchen aus dem hohen Norden kein Weg vorbei. Sie symbolisierte das neue Labour-Bild, aufgeschlossen, weiblich, vormals aus ärmeren Verhältnissen, eine Kämpfernatur – und dann auch noch verantwortlich für den Wohnungsbau, so wichtig in einem Land wo sich die meisten Menschen kaum noch die Miete leisten können.

Und vielleicht ist es genau dieser Punkt, der den Fall von Rayner so kurz nach ihrem kometenhaften Aufstieg einleitete:

Natürlich wäre es unangemessen zu behaupten, dass nur linke Politiker und sobald im Amt und aufgrund ihrer eher mageren vorherigen Einkünfte – falls überhaupt – den Staat, dem sie dienen sollen, als finanziellen Selbstbedienungsladen missverstehen. Es gibt ebenso Fälle, wo Konservative oder Grüne oder Liberale sich hier falsch verhielten.

Aber wenn genau zu dem Zeitpunkt, wo viele Menschen nicht mehr wissen wie man am Monatsende noch eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellen kann sich dann so eben kurz einmal um 40000 Pfund Sterling zu bereichern ist nicht nur geschmacklos – um im Esstisch-Bild zu bleiben – sondern wahrscheinlich sogar eine erhebliche Geldbuße wert.

Man sagt hier in England übersetzt man kann den Jungen zwar aus dem Norden Richtung Süden, will sagen London verpflanzen, aber niemals den Norden aus dem Gedächtnis desselben Jungen entfernen, ‚You can take the boy out of the country but you can’t take the country out of the boy‘.

Zusammengefasst: vielleicht war die ganz große nationale Politik eben doch eine Nummer zu groß für Angela Rayner.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Klaus Jurgens MSc. (LSE)
Media Relations Expert and Communications Strategist
Economyfirst Limited London
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Qatar-Angriff
„Die von Sykes-Picot gezogenen Grenzen sind für Israel bedeutungslos“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Israel hat mit seinem eklatanten völkerrechtswidrigen Angriff auf die Hamas-Führung in Katar gezeigt, dass sie keine Grenzen kennt. Die USA haben gezeigt, dass sie als Verbündeter Israels, trotz allem fest und einzig an der Seite Israels stehen. Bislang war es ja so, dass der aufgeklärte Westen die Gedanken des Nahen Ostens, der Westen verfolge auch nach dem Sykes-Picot-Abkommen die Strategie der „divide et impera“, als Verschwörungstheorie abtat. Diese negativen Gedanken werden seit geraumer Zeit live vor Augen geführt: in Palästina, in Libanon oder jetzt in Syrien. Das hat aber trotz dieser erdrückenden Erkenntnis, eine positive Seite. Der Nahe Osten weiß jetzt, woran sie ist! Ob damit das Abraham-Abkommen von Trump je zustande kommen wird? Wer kann das noch bestimmt behaupten? Welche Golfstaaten oder alle zusammen, werden wieder die Ölkarte gegen den Westen ausspielen? Einer allein könnte Europa ziemlich auf den Keks gehen! Oder wird Katar seine Billionen-Investitionen aus dem Westen langsam abziehen? Denkbar wäre es! Nach dem Israel in der katarischen Hauptstadt Doha die Verhandlungsriege der Hamas per Luftangriff auszuschalten versuchte und damit jede internationale Regel, Norm oder Gesetz eklatant verletzte, gab es aus den USA, oh Wunder, lediglich ein nippisches Achselzucken. In Washington war man sogar der Auffassung, dass der Angriff doch nicht so schwerwiegend war. Entsprechend reserviert zeigte sich die US-Regierung und verurteilte mit keiner Silbe den Luftangriff auf Doha. US-Präsident Donald Trumps Medienberater ließen über drei Ecken über Medien lediglich verlautbaren, dass der Präsident dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu quasi am Kopf gekrault habe. Und Netanyahu soll erwidert haben, dass man sich Hals über Kopf dazu entschlossen habe, die Gelegenheit zu nutzen. Fast schon wie zwei Lausbuben, die sich einen Streich erlaubt haben. Zumindest weis nun der Nahe Osten, mit welcher Sorte Diplomatie man es zu tun hat und dass die „Hirngespinste“, wie es die zivilisierte westliche Sphäre bislang abtat, sich schmerzlich bewahrheitet. Beide, Israel und die USA, haben deutlich gemacht: wir sind die Hausherren und wir werden tun und lassen, wie es uns beliebt. Dazu zählt, die territorialen Grenzen von Ländern als Spielwiese zu betrachten, die territoriale Einheit eines Landes als Schachbrett zu erachten, gegenüber legitimen Regierungen Fratzen zu ziehen, Völkergemeinschaften wie Bauernfiguren zu bewegen. Da wäre z. B. die jüngste Verlautbarung des US-amerikanischen Botschafters von Ankara und US-Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack. In einem Interview erklärte er freimütig, dass Israel tue, was es tun wolle: „Die von Sykes-Picot gezogenen Grenzen sind für Israel bedeutungslos. Israel kann eintreten, wo und wann es will.“ Es gibt eine Reihe von Erklärungen von Barrack, die einigen Nachbarn Israels, vor allem der Türkei überhaupt nicht gefallen. Es kommt inzwischen offen durch, dass man dem Nahen Osten und der Türkei nahelegt, sich mit der Situation anzufreunden und hinzunehmen. Die Region soll quasi stillhalten, wenn sich Israel in ihren Territorien austobt und Lebensraum zu verschaffen versucht. Das ist die Botschaft, die Barrack seit seinem Auftritt in Libanon ausspricht. Wir dürfen uns nicht an die permanente Verletzung der Souveränität und die Angriffe durch Israel gewöhnen. Und das ist die Devise, mit der Netanyahu sein Regierungskabinett und die israelische Gesellschaft bei Laune hält. Deshalb treiben es in Israel einige Akademiker und Politiker auf die Spitze, wenn sie der Türkei mit dem Zaunpfahl drohen oder als nächstes Ziel auserkoren haben. So schreibt ein israelisches Blatt, „Israel erwog, die Hamas-Delegierten in der Türkei anzugreifen, änderte seine Meinung jedoch aus Angst vor den Reaktionen der NATO wegen der NATO-Mitgliedschaft der Türkei!“. Jetzt sei wohl der Zeitpunkt gekommen… Richtig ist wohl, dass die Türkei die Spielwiese abgesperrt hat und Mossad quengelnd nach Hause lief. Es darf den Westen jetzt nicht verwundern, wenn der Nahe Osten ihr Heil wo anders; womöglich in der Türkei? Die Türkei ist gegenwärtig dabei entsprechende Vorkehrungen zu treffen bzw. schon dabei, diese Vorkehrungen zu Ende zu bringen. Weder „Araber“, „Palästinenser“ noch „Türken“, lassen sich in solchen existenziellen Fragen lumpen. Die Konsequenzen wird man früh genug spüren.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Qatar-Angriff
Türkei – Neuer Vermittler zwischen Hamas und Israel?

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Mit dem Luftangriff auf die Hamas-Führungsriege in Katar zeigt Israel einmal mehr, dass es auf Krawall gebürstet ist. Die israelische Politelite verhehlen auch nicht mehr, welches Ziel man als nächstes anvisieren sollte: Türkei Katars Hauptstadt Doha wurde am Dienstagnachmittag von mehreren Explosionen erschüttert. In israelischen Nachrichtentickern wurden danach die israelischen Luftstreitkräfte (IAF) geradezu frenetisch gefeiert. Sie hätten die Hamas-Führung, unter anderem Chalil al-Hajja, dem im Exil lebenden Gaza-Chef und Top-Unterhändler der Hamas, mit gezielten Luft-Boden-Raketen getötet. Stunden später stellt sich heraus, dass lediglich der Sohn eines der Hamas-Unterhändler unter den Opfern ist. Was macht man in dieser Situation? Man kürt das nächste Land zum Abschuss: die Türkei. Wie konnte es dazu kommen? Vor dem Luftangriff auf die Hamas-Führungsriege in Katar hatte US-Präsident Donald Trump, selbsternannter Anwärter für den Friedensnobelpreis, eine „letzte Warnung“ an die Hamas ausgesprochen, den jüngsten von ihm vorgestellten Deal für eine Waffenruhe samt Geiselaustausch anzunehmen; mit dem Hinweis, dass Israel bereits zugestimmt habe. Die Hamas erklärte daraufhin wohlwollend, den Deal in Augenschein zu nehmen; woraufhin die politische Führung in Doha zusammenkam. Just bei diesem Treffen der Hamas-Führungsriege, bombardierte die IAF das Sitzungsgebäude in Doha; man erklärte danach, die USA darüber vorzeitig informiert zu haben. Gerade eben erklärte ein US-Regierungssprecher in Washington, dass Israel sie unmittelbar vor dem Angriff informiert habe und Trump faktisch keine Gelegenheit gehabt hätte, zu intervenieren. Wenn man mal scharf überlegt: Entweder hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen US-amerikanischen Kollegen Trump regelrecht vorgeführt, ihm vor der Weltöffentlichkeit eine schallende Ohrfeige verpasst, indem er ihn als nützlichen Idioten missbraucht hat, um die Hamas-Führung unter dem Vorwand von Waffenruheverhandlungen an einem Ort zusammenzubringen… … oder aber, Trump hat dieses Spiel bewusst mitgespielt. Letzteres kommt eher in Frage. Es gab von Anfang an kein ernst gemeintes Angebot für eine Waffenruhe. Man wollte eher eine Gelegenheit schaffen, um die politische Führung der Hamas auszuschalten. Das ist aber auch nicht wirklich interessant! Selbst wenn Trump unterstellt wird, ein nützlicher Idiot gewesen zu sein, er selbst wird sich so positionieren, dass er das Spiel bewusst mitgespielt habe. So oder so: jedem sollte nun klar sein, dass sich diese israelische Regierung weder um das Leben ihrer Geiseln schert noch ein Interesse am Ende dieses genozidalen Vernichtungskrieges in Gaza und Erweiterung von Lebensraum in Westjordanland hat. Bemerkenswert ist, wie schnell sich die israelische Politelite auf den nächsten „Feind“ fixiert hat. Der Switch von Katar auf die Türkei war geradezu generalstabsmäßig; es wurde von einem Politologen auf X angestoßen, vom Knessetsprecher auf X ausgeschmückt und wird gegenwärtig von der Politelite auf X geradezu frenetisch breitgetreten. Und wieso? Katar hat sich nach dem israelischen Luftangriff aus den Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas ausgeklinkt. Das heißt das Doha der Hamas nicht mehr die Sicherheit garantieren will/kann. Die Hamas hat aber einen weiteren Rückzugsraum: die Türkei. Katar wollte nicht zwischen Israel und der Hamas stehen, ihren Einfluss aber angesichts der israelischen Besatzungspolitik zugunsten der Hamas ausüben. Die katarische Königsfamilie Al Thani ist ein klarer Unterstützer der palästinensischen Sache, genauso und sogar noch stärker als der enge Verbündete, dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Doch sein Land ist klein, von den USA nicht ganz unabhängig. Erdoğan ist aber gemessen an Al Thani eine ganz andere Nummer. Und das wurmt die völkermörderische israelische Politelite gewaltig. Denn, die Türkei drückt Israel nicht nur auf den linken Zeh, sondern gleichzeitig auf den rechten Zeh und bereitet mit Syrien, Somalia und Libyen erhebliche Kopfschmerzen. Zudem juckt es die Türkei nicht wirklich, wenn Drohgebärden aus Washington eintrudeln; denn darin hat sie Erfahrung. Mit der Machtübernahme von Ahmed al-Scharaa in Syrien hat Israel gegenüber dem Iran ein noch größeres Problem am Hals, weil die Türkei ihr am Nacken sitzt. Sollte Israel beschließen, auch dort Hamas-Gruppierungen anzugreifen, syrisches Territorium annektieren, könnte die Türkei nicht nur Informationen und Waffen an Syrien liefern, sondern auch weitere Soldaten entsenden, um die vorhandenen Kontingente aufzustocken. Mit den jüngsten Luftangriffen auf militärische Objekte in Syrien zeigte Israel erneut, dass es die Lage sehr ernst nimmt. So ernst, dass man Washington schon vor längerem um Rat und Tat bettelte, damit die Türkei die Füße stillhält. Bislang hat Ankara nicht auf die Sticheleien und Drohgebärden Washingtons reagiert. Weder hat Ankara bislang die Hamas-Führung in Istanbul aus der Gleichung genommen, noch ist sie gewillt, auf Geheiß Washingtons deren Finanzquellen einzufrieren. Der türkische Außenminister Hakan Fidan, einst Nachrichtendienstchef der MIT, zeigte dies vor einem Monat im Rahmen eines Treffens mit der Hamas-Politführung in Istanbul, was man vom westlichen Zaumpfahl hält: angesichts der ethnischen Säuberungen in Gaza und Westjordanland, rein gar nichts! Und das Ankara in der Frage der eigenen Sicherheit keine Grenzen kennt und grenzüberschreitende Operationen aus dem Stand heraus mobilisieren kann, haben Washington und Moskau sowie deren Koalitionspartner in Syrien mehrmals hautnah miterlebt. Wenn man verstehen will, warum Israel bislang nicht gegen hochrangige Hamas-Mitglieder in Istanbul vorgegangen ist, könnte die Antwort in einem etwa drei Jahre alten Bericht der „Intelligence Online“ liegen. Demnach unterzeichneten der israelische und der türkische Nachrichtendienst 2022 ein Abkommen, das eine Reihe von Klauseln enthält, darunter die israelische Verpflichtung, die für gezielte Attentate zuständige Mossad-Einheit „Bayon“ gegen Palästinenser in der Türkei nicht zu aktivieren und an der kurzen Leine zu halten. Diese Klausel setzte damals Fidan als Chef des MIT energisch durch, nach dem er einige „Bayon“-Zellen hopps gehen ließ. Es wäre keine Überraschung, wenn die Türkei unter dem türkischen Außenminister Hakan Fidan die Vermittlerrolle von Katar übernimmt, nach dem diese schon vom Iran und jetzt von Israel angegriffen worden ist. Angesichts der Rolle Netanyahus in der Haltung zur völkisch-kurdischen Terrororganisation PKK in der Türkei sowie der YPG in Syrien, fällt es einem schwer zu glauben, dass Ankara hier kein deutliches Zeichen setzt.  
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Aufrüstung
Thomas: „Ein Kampfpanzer hat nichts mit Demokratie zu tun“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas So mancher postpubertäre Junge kompensiert eine vermeintliche oder tatsächliche Geringfügigkeit seines Gemächts bekanntlich mit Messern, schnellen Autos, einem Rauschebart, unverschämtem Auftreten oder herausgeschraubten Geräuschdämpfern des Auspuffs seines Motorrades. Ich selbst hatte damals einen steinalten VW-Käfer, auf dem ein Aufkleber mit dem launigen Spruch des Inhalts stand: „Big Lovers Don’t Need Big Cars!“ – und keine Penisvergrößerung nötig. Früher einmal galten Lanze, Axt und Schwert als gefühlte Penisverlängerung. Aber heute ists der zünftige „Leopard“, dessen Name in Anlehnung an den gefürchteten Nazi-Panzer „Tiger“ eine Beule in der Hose unserer heutigen Politik machen soll, obschon er tatsächlich nicht mehr ist, als eine gehörige Portion Watte, die sich Deutschland heimlich in die Unterhose stopft. Denn jeder, der bis heute noch halbwegs klar bei Verstand geblieben ist, weiß selbstverständlich, wie erbärmlich eine derartige Penisprothese ist, wenn man sie kurz vor dem Akt ablegt. Aber knalliges Schießgerümpel hat Konjunktur! Es füllt halt die Taschen der ewig bedürftigen Rüstungshersteller – und macht Träume ballerspielgestählter Jungmänner spritzig, wenn er ein schweres Kanonengerät so über die Prärie und durch Wälder knallen sieht. Natürlich hat ein Kampfpanzer nicht das geringste mit Demokratie oder humanitären Werten zu tun, für die Deutschland ja angeblich steht, aber wen interessiert das schon angesichts einer derartigen Penismaximierung, die stolz der Bundeswehr aus dem offenen Hosenstall ragt, während ihre Soldaten zu allem Überfluss auch noch öffentlich vereidigt werden, wie „Nachdenkseiten“ mit einem Text stirnrunzelnd berichtet. (Link) Diesem Land geht es nach dem recht kurzen Zwischenspiel nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder nicht mehr um Werte, sondern um Penetration. Die Politik soll Märkte erschließen und entdecken, die von ihren erigierten Werkzeugen zur Rohstofflieferung und Einkauf unserer Produkte verpflichtet werden sollen – das wusste schon der hastig vor die Tür gesetzte Bundespräsident Johannes Köhler, der ganz offen und öffentlich darüber sprach. Und den man dafür davonjagte, weil die Bundesregierung ein Feigenblättchen über den Panzer legen möchte, der ihr aus der offenen Hose ragt. Die Zeit ist da! Wir können den Keuschheitsgürtel wieder ablegen und frei erst erigieren – und dann ejakulieren, weil unsere Panzer heute keine langweilige Manövermunition mehr laden, sondern den krassen Scheiß. „Wir müssen wieder kriegstüchtig werden!“, forderte unser „Verteidigungs“-Minister Pistorius und womöglich blickt er auf die erfolgreiche Verwendung der deutschen „Matador“-Panzerfaust in Gaza, als blättere er in einem Erotikmagazin. Uns fällt auf die Problematik der Welt von heute keine Antwort mehr ein, die nicht in Form einer Kugel penetrieren oder explodieren kann. Wenn ich es recht bedenke, bevorzuge ich doch den zweiten Aufkleber, den ich mir damals hämisch grinsend als Kriegsdienstverweigerer neben den ersten auf die Heckklappe meines Käfers klebte. Darauf war ein imposanter Dinosaurier zu sehen. Drunter stand:
„Ausgestorben. Zuviel Panzer, zuwenig Hirn.“
 

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Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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Qatar-Angriff
Thomas: Israel gegen Arabien – Wann geht’s los?

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Soumaja Ghannoushi gilt als gefragte Expertin in Nahostfragen und publiziert regelmäßig in diversen Medien. Was sie jetzt in der „Middle East Eye“ schreibt und darüberhinaus zu erfahren ist, ist dazu angetan, Schlimmes zu befürchten. Schlimmeres als das, was schon seit zwei Jahren die Schlagzeilen dominiert und schlimmer noch als den militärischen Angriff Israels auf Qatar – der eigentlich einer Kriegserklärung gleichkommt. Und mit „Kriegserklärung“ sind wir direkt beim Thema. Denn die hat Israel überdeutlich allen arabischen Staaten mit der Drohung, die im Grunde einer Ankündigung gleichkommt, auch künftig immer dort bomben, töten und zerstören zu wollen, wo man „Hamas-Kämpfer“, oder halt unliebsame Kritiker, die man kurzerhand zu solchen erklärt, entdecken würde. Im Grunde ist die Angewohnheit Israels, zur hingeworfenen Rechtfertigung selbst Babys und Greisen nach ihrer Tötung das Etikett „Hamas!“ auf die Brust zu heften, längst Gegenstand bitterer Witze geworden. Mir kann schon lange niemand seitens irgendeiner Regierung der Welt erzählen, man habe all das, was jetzt an Schäden und großen Problemen vor uns liegt, weder gewusst, noch geahnt. Dazu hat sich die israelische Führung in den letzten Jahren, vor allem aber in den letzten Wochen, viel zu klar und unmissverständlich ausgedrückt. Wenn Israel auch hinsichtlich seiner konkreten Kriegshandlungen reflexhaft eigentlich grundsätzlich lügt, hat es die Welt über seine wahren und langfristigen Ziele nie im Unklaren gelassen. Der Bombenanschlag gegen Qatar lieferte weder neue Erkenntnisse, noch Indizien, sondern setzte hinter das längst Ausgesprochene einfach nur ein Ausrufezeichen. Ghannoushi belegt in der Breite und Tiefe, dass die Botschaft schon lange vorliegt. In aller schmerzhaften Prägnanz schreibt sie:
„Das ultimative Ziel war immer klar: die arabische Macht in Stücke zu zerlegen, damit Israel die Oberhand gewinnen konnte. Schauen Sie sich um: Syrien in Scherben, der Irak zerstückelt, der Jemen zerschmettert, Gaza belagert, der Libanon blutet.“
Und dabei, wenn ich mich wiederholen darf, handelt es sich keineswegs um einen neuen Verdacht, nicht um eine neue Erkenntnis und nicht um einen neuen Trend oder Kurs Israels. Im Gegenteil: was noch nicht einmal Ghannoushi mit in Betracht zieht, ist der völlige Irrsinn, dass Israel vor seinem Angriff auf Qatar zunächst einen in der Türkei ins Auge gefasst und nur darauf verzichtet hatte, weil man annimmt, Trump könne den Angriff auf einen NATO-Staat nicht so gut verkaufen. Die Folge und Antwort eines Angriffs Israels auf die Türkei wäre in jedem Fall ein sehr hart und brutal geführter Krieg mit dramatischen Folgen für den Angreifer gewesen. Die Probleme, die der Angriff auf Qatar für die arabische Welt nun eklatant hochkochen lässt, sind erheblich und überaus bedrohlich. Trotz der Servilität, die sie in den zurückliegenden Jahrzehnten zugunsten einer lukrativen Partnerschaft mit den USA an den Tag gelegt hatten, stehen sie durch die tagesaktuelle, maximale Gewaltandrohung Israels in Verbindung mit der gezeigten Hilfs- und Tatenlosigkeit der USA, entblößt im Regen. Ghannoushi zitiert hierzu Hosni Mubaraks Satz:
„Wer von Amerika gedeckt wird, bleibt nackt.“
Angesichts des „Arabischen Frühlings“, der unter der direkten und indirekten, massiven Einflussnahme des Westens buchstäblich ersoff, besteht für die Regimes am Golf nun die konkrete Gefahr völliger, politischer Destabilisierung. Haben sie bisher ihre Bevölkerungen noch mit maximaler Gewalt an Unruhen und Aufständen gehindert, kann sich der Unmut über ihre Führung gerade in Bezug auf Israel nun an zahllosen Brennpunkten Bahn brechen. Wenn Doha ungestraft angegriffen werden kann, ist die gesamte Region in Gefahr – und wie bereits gesagt, ist das keine pessimistische Fantasie, sondern konkret von Israel so angekündigt. Aber was will Riad unternehmen, wenn dort israelische Raketen einschlagen, weil sich dort angeblich „Hamas-Kämpfer!“ aufhalten sollen? Wie reagiert Kuwait? Bleiben auch sie allein und werden aus kollektiver Angst bloß mit ein paar billigen Worten des Bedauerns und substanzloser Solidarität von der arabischen Gemeinschaft der Staaten abgespeist? Die Arabische Liga muss jetzt zwingend mit der Erkenntnis umgehen, dass ihre Strategie nicht nur am Ende, sondern zur großen Gefahr geworden ist:
„Das Versprechen amerikanischen Schutzes liegt in Trümmern. Jahrzehntelang glaubten die Herrscher am Golf, mit Öl, Stützpunkten und Investitionen Sicherheit kaufen zu können.“
Nicht nur die persönliche Umberechenbarkeit des erratischen US-Präsidenten, sondern auch die wirtschaftlich desaströse Haushaltslage der USA werden ein massives Einschreiten der USA auch in weiterer Zukunft verhindern. Jahzehntelanges Aussitzen der langsam, aber stetig anwachsenden Probleme mit einem ständig aggressiver werdenden Israel erzwingen nun womöglich andere, wesentlich härtere Schritte, ein grundlegendes Umdenken, eine Neuausrichtung und eine neue Solidarität. Die Träume dieses faschistisch-extremistischen Israels gehen nämlich noch erheblich weiter: es träumt davon, Mekka zu „reinigen“, weil Israel ja auch dieser Ort versprochen sein soll. Und an diesem Punkt will ich dem Leser absichtsvoll alle Zügel seiner Vorstellung aus der Hand gleiten sehen und ihn seinen eigenen Ideen überlassen.  

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Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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– Netanjahu-naher Kanal – Israel: TV-Produzent fordert Gaskammern in Gaza

Er sprach sich außerdem für einen „grausamen und harten Tod“ für alle Bewohner des Gazastreifens aus, verwarf die Vorstellung von unschuldigen Zivilisten

Israel: TV-Produzent fordert Gaskammern in Gaza
 

Börse
Investment oder Glücksspiel: Wird an der Börse zu viel gezockt?

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Kaum ein anderer Ort löst gleichzeitig Herzklopfen und Kopfschütteln aus wie die Börse.

Da sitzen Menschen, die jeden Monat diszipliniert Geld in einen Fonds einzahlen und hoffen, dass es in zwanzig Jahren Früchte trägt und daneben stehen Geschichten von Zockern, die in kurzer Zeit mit riskanten Trades alles gewinnen oder alles verlieren.

Schlagzeilen über Meme-Aktien oder Kryptowährungen haben das Bild noch verstärkt. Für die einen ist der Kapitalmarkt eine solide Anlage, für die anderen ein Casino mit schicken Bildschirmen statt Spielkarten.

Die Wahrheit liegt oft irgendwo dazwischen. Mal wirkt der Markt wie ein nüchterner Spiegel wirtschaftlicher Realität, mal wie ein Spielplatz für Adrenalinjunkies. Genau deshalb entzündet sich seit Jahren die Frage, ob an der Börse seriös investiert oder maßlos gezockt wird. Wer sich damit beschäftigt, stößt unweigerlich auf Themen wie Strategie, Psychologie und technische Entwicklungen, die erklären, warum die Meinungen so weit auseinandergehen.

Langfristiges Investment – darum ist die Börse auf Dauer keine Lotterie

Ein Blick auf die großen Indizes macht deutlich, dass es sich auf lange Sicht nicht um reines Glück handelt, sondern um eine Geschichte von Wachstum und Innovation. Der MSCI World, ein globaler Index mit hohem US-Anteil, erzielte über Jahrzehnte hinweg im Schnitt mehr als neun Prozent pro Jahr. Rückschläge gab es viele, doch Anleger mit einem langen Atem mussten in der Vergangenheit keine Verluste akzeptieren. Diese Entwicklung entspringt keiner Magie, sie ist Ausdruck der stetigen Entfaltung wirtschaftlicher Leistungskraft. Zeit ist der entscheidende Faktor. Während ein einzelner Handelstag von Zufall und Emotionen geprägt sein mag, sorgt ein langer Anlagehorizont für die Wirkung des Zinseszinseffekts. Wer breit gestreut in Unternehmen investiert, profitiert von deren Gewinnen und Innovationen. Kurze Schwankungen sind unvermeidbar, doch die übergeordnete Tendenz zeigt Wachstum.

Kurzfristiges Trading und die Nähe zum Glücksspiel

Anders verhält es sich bei jenen, die in rascher Folge kaufen und verkaufen. Daytrading, Hebelprodukte oder Optionsscheine lassen den Puls steigen und die Nerven flattern. Der Handel mit CFDs oder Futures vervielfacht die Chancen, aber auch die Verluste. Ein einziger unbedachter Klick oder ein plötzlicher Kursausschlag kann das gesamte Kapital vernichten. In solchen Momenten wirkt der Vergleich mit Roulette oder Poker durchaus plausibel, denn statt Substanz zählen Timing und Glück. Zum Wohl der eigenen Finanzen wäre für diese Personen Glücksspiel sinnvoller. Sie können sich zuvor eine Grenze setzen, was den Einsatz anbelangt. Nach einem seriösen und sicheren Anbieter müsste man bei Casino Groups suchen, denn dort finden sich neben den wichtigsten Infos auch Rezensionen. Der Vorteil am Glücksspiel ist in dieser Hinsicht, dass schon mit kleinen Beträgen größere Gewinne eingefahren werden können, da alles auf Zufall basiert und nicht auf anderen Faktoren wie beim Aktienhandel.  Die jüngsten Spekulationswellen um Meme-Stocks haben dies eindrucksvoll bewiesen. Innerhalb kürzester Zeit explodierten die Kurse von Firmen, deren Geschäftsmodelle alles andere als solide waren, nur um bald darauf ins Bodenlose zu stürzen. Viele Trader erlebten, wie aus Euphorie und der Angst, etwas zu verpassen, handfeste Verluste wurden. Solche Episoden schaffen Schlagzeilen, weil sie den Glücksspielcharakter des schnellen Tradens greifbar machen.

Psychologie des Marktes – wenn Dopamin das Investment steuert

Der Mensch trifft Entscheidungen selten vollkommen rational, besonders wenn es ums Geld geht. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass spekulatives Trading die gleichen Belohnungszentren im Gehirn aktiviert wie Spielautomaten. Die Aussicht auf einen Gewinn löst Dopamin aus, jenes Hormon, das für Glücksgefühle sorgt und die Lust auf Wiederholung verstärkt. Ein einzelner Erfolg kann daher das Bedürfnis wecken, den Nervenkitzel erneut zu erleben, auch wenn die Chancen sinken. Emotionen übernehmen oft die Regie, während nüchterne Zahlen in den Hintergrund treten. Angst vor Verlusten, Hoffnung auf den großen Coup oder das flaue Gefühl, einen Trend zu verpassen, beeinflussen das Handeln stärker als Excel-Tabellen. Selbst erfahrene Anleger verstoßen gelegentlich gegen ihre eigenen Prinzipien. Die Börse wird dadurch zu einem Schauplatz, an dem Psychologie und Kalkül unaufhörlich miteinander ringen.

Neue Entwicklungen verstärken die Casino-Metapher

Die Digitalisierung hat den Zugang zu den Märkten revolutioniert, denn früher musste ein Bankberater angerufen werden, heute genügt ein Fingerwisch auf dem Smartphone. Apps locken mit einfacher Bedienung, niedrigen Gebühren und sofortiger Orderausführung. Was einerseits für mehr Teilhabe sorgt, senkt zugleich die Hemmschwelle für impulsives Handeln. Wenn ein Depot so intuitiv funktioniert wie ein Musikstreamingdienst, liegt der Reiz des Zockens besonders nahe. Hinzu kommt die Debatte über die Einführung eines Handels rund um die Uhr. Ein solches Modell böte mehr Flexibilität, könnte jedoch den Druck erhöhen, jederzeit auf Kurse reagieren zu müssen. Wer nachts um drei Uhr noch auf Charts starrt, bewegt sich in gefährlicher Nähe zum Spieler, der im Casino seine letzten Chips setzt. Auch Produkte mit seriösem Anstrich bergen Risiken. Themen-ETFs etwa, die Anlegern den Zugang zu Zukunftsbereichen wie künstlicher Intelligenz oder erneuerbaren Energien verschaffen, werden häufig auf den Aktienmarkt gebracht, wenn der Hype bereits seinen Zenit überschritten hat. Untersuchungen zeigen, dass viele dieser Fonds in den ersten Jahren schwächer abschneiden als der breite Markt. Wer den Trend erst spät erkennt, steigt oft in eine abwärtsgerichtete Kurve ein.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und die Frage nach Verantwortung

In der öffentlichen Debatte wird die Börse immer wieder mit Glücksspiel in Verbindung gebracht. Bilder von schreienden Händlern auf dem Parkett oder spektakulären Crashs prägen sich stärker ins Gedächtnis ein als die Geschichten vom ruhigen Vermögensaufbau über Jahrzehnte. Dieses Bild führt dazu, dass viele Menschen den Kapitalmarkt skeptisch sehen und ihn eher mit Roulette assoziieren als mit rationalem Anlegen. Tatsächlich existieren zwei Kulturen nebeneinander. Auf der einen Seite agieren langfristig orientierte Anleger, die Sparpläne nutzen und auf Diversifikation setzen. Auf der anderen Seite befinden sich Trader, die nach schnellen Gewinnen suchen und hohe Risiken eingehen. Beide Gruppen treten auf derselben Bühne auf, folgen aber unterschiedlichen Regeln.

Ein Markt mit zwei Gesichtern

Die Börse ist weder reines Investmentparadies noch ein Ort des permanenten Glücksspiels. Sie vereint beide Elemente, abhängig davon, wie Akteure auftreten. Langfristig orientierte Anleger mit Geduld und breiter Streuung nutzen sie als Werkzeug für Vermögensaufbau und Teilhabe am Wirtschaftswachstum. Kurzfristige Spekulanten, die hohe Hebel einsetzen und auf schnelle Gewinne hoffen, bewegen sich dagegen auf einem Terrain, das dem Glücksspiel stark ähnelt. Es liegt also nicht an der Börse selbst, wie das Spiel ausgeht, sondern an der gewählten Strategie. Die Kunst besteht darin, diesen Unterschied zu erkennen und bewusst zu handeln. Damit lässt sich das Spannungsfeld zwischen rationaler Investition und riskantem Zocken klar einordnen.