Berlin – Eine neue Studie der Freien Universität Berlin zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Die Berichterstattung über den Nahostkonflikt setzt deutsche Journalisten massiv unter Druck — von außen wie von innen. Die Ergebnisse liefern erstmals belastbare quantitative Daten zu einem Problemfeld, das bislang nur qualitativ untersucht worden war.
Das Forschungsteam um Prof. Dr. Carola Richter, Dr. Jannis Julien Grimm und Nina Moya Schreieder befragte im Mai und Juni 2026 rund 180 Journalisten, die für deutsche Medien über die Nahost-Region berichten. Von fast 600 systematisch ausgewählten Medienschaffenden nahmen knapp 30 Prozent an der anonymen Online-Befragung teil. „Offensichtlich gab es ein großes Bedürfnis bei mit dem Thema befassten Journalist:innen, sich zu äußern“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Carola Richter.
Zwei Drittel: Pressefreiheit hat sich verschlechtert
Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sich die Pressefreiheit in der Nahostberichterstattung seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert habe. Fast drei Viertel nehmen eine gestiegene Bedrohungslage wahr — und 71 Prozent haben eigene Bedrohungserfahrungen gemacht. Das sind keine abstrakten Zahlen: Hinter jedem Prozentpunkt stehen Journalisten, die Shitstorms erlebt haben, berufliche Konsequenzen fürchteten oder konkrete Drohungen erhielten.
35 Prozent berichten von einem Bedürfnis zur Selbstzensur, weitere 19 Prozent antworteten mit „teils/teils“. Besonders betroffen sind freie Journalisten (52 Prozent) und Medienschaffende mit Migrationsgeschichte (47 Prozent) — also genau jene Gruppen, die ohnehin am wenigsten institutionellen Schutz genießen.
Druck kommt auch aus den Redaktionen
Nicht nur externe Anfeindungen spielen eine Rolle. Die Studie beschreibt auch ein „stellenweise toxisches Diskursklima“ innerhalb von Redaktionen — zwischen Kollegen mit unterschiedlicher politischer Linie und durch Hierarchien, die Themenvorschläge blockieren oder Formulierungen monatelang in Aushandlungsprozessen festhalten.
Reporter ohne Grenzen hatte in einem früheren Bericht ebenfalls festgestellt, dass Aussagen palästinensischer Quellen und Menschenrechtsorganisationen grundsätzlich stärker hinterfragt wurden als die des israelischen Militärs.
Als Gründe für Selbstzensur nennen die Befragten Sorge vor öffentlichen Anfeindungen und Missverständnissen — vor allem aber erwartete berufliche Nachteile. „Dieses Fehlen innerer Pressefreiheit halten wir für bedenklich“, so Carola Richter.
Forderung nach Schutz und klaren Strukturen
Die Forscher empfehlen, dass redaktionelle Entscheidungen fachlich begründet und intern nachvollziehbar sein müssen. „Journalist:innen müssen Entscheidungen hinterfragen können, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen. Externe Interventionen sollten intern dokumentiert werden, damit ihre mögliche Wirkung auf redaktionelle Entscheidungen erkennbar bleibt“, betont Dr. Jannis Grimm.
Besonders für freie Journalisten und Medienschaffende mit Migrationsgeschichte fordern die Autoren Zugang zu vertraulichen Anlaufstellen sowie rechtlicher und psychosozialer Unterstützung — Strukturen, die im deutschen Mediensystem bislang kaum existieren.
Die Studie erschien im Oktober 2026 als Arbeitspapier des CeMIL (Center for Media and Information Literacy) der Freien Universität Berlin und kann über die Universitätsbibliothek abgerufen werden.
Ich wurde zuletzt mehrfach gefragt, warum ich nicht mehr bei der Berliner Zeitung bin. Schaut euch die jüngste Wochenendausgabe an: Glorifizierung Israels als Titelstory inklusive eines unkritischen Interviews mit Iddo Netanjahu. Das dürfte als Antwort reichen. https://t.co/8LWQ7UkfGU
— Raphaël Schmeller (@raph_schmeller) October 26, 2026

