Türkei
Brief aus dem Gefängnis: Journalistin Nazlı Ilıcak vertraute sich Erdoğan an

Die nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhaftete Journalistin Nazlı Ilıcak richtete an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan einen Brief. In diesem Brief, die von türkischen Medien veröffentlicht wurde, verteidigt sich Nazlı Ilıcak bei Erdoğan: "Ich bin weder Putschistin, noch ein FETÖ-Mitglied".

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Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Die nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhaftete Journalistin Nazlı Ilıcak richtete an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan einen Brief. In diesem Brief, die von türkischen Medien veröffentlicht wurde, verteidigt sich Nazlı Ilıcak bei Erdoğan: „Ich bin weder Putschistin, noch ein FETÖ-Mitglied“.

FETÖ steht für „Fethullahistische Terrororganisation“ und wird in der Türkei als eine terroristische Organisation betrachtet und verfolgt. Die türkische Justiz macht die FETÖ nicht nur für den Putschversuch in der Türkei 2016 verantwortlich, sondern auch für die Komplotts gegen die Politik, das Militär sowie massive Bespitzelung und Manipulation der Gesellschaft.

Laut dem Sohn von Nazlı Ilıcak, Mehmet Ali Ilıcak, wurde der fragliche Brief bereits letztes Jahr im September geschrieben und an Erdoğan sowie die Medien geschickt. Ilıcak´s Brief an Erdoğan lautet wie folgt [freie Übersetzung]:

„Vielleicht werden Sie überrascht sein, wenn Sie diesen Brief erhalten. Vielleicht werden Sie es lesen und beiseite werfen, wenn Sie vorher darüber nachgedacht haben. Bitte nicht wegwerfen! Ich schreibe diese Zeilen aufgrund einer alten Freundschaft. Gibt es aus jenen Tagen noch eine kleine Affinität zu mir? Gibt es seit der 2,5 Jahren Haft noch irgend eine Verbindung, die den Schmerz und die Einsamkeit ermessen lassen kann, die ich im Gefängnis erlitten habe? Es ist viel Wasser unter den Brücken geflossen, aber ich glaube, diese Brücke ist nicht eingestürzt. Und wenn, glaube ich daran, dass das reparabel ist.

Sie haben wiederholt auf die „unabhängige“ und „neutrale“ Gerichte hingewiesen. Sie haben daran erinnert, dass „die Richter nach ihrem eigenen Gewissen entscheiden sollten“. Sie sagten sogar, wenn Menschen ihre Hände zum Himmel strecken und Allah um Gerechtigkeit bitten, wird es in der Justiz gewürdigt. Zu dieser Zeit begann ich mich auch zu fragen, ob es Menschen gab, die versuchten, die Justiz aufgrund ihrer eigenen Ambitionen zu beeinflussen – wie in der Ära der FETÖ. Ich bin keine Putschistin oder FETÖ.

Der Grund für die Unterstützung der AKP ist seit Jahren das Unbehagen, das ich bereits von den militärischen Eingriffen in die Politik verspürt habe. Ihren Weg mit [Paragraph] 312 zu beschneiden, ein Verbotsverfahren gegen die AKP zu erwirken oder in Kampagnen gegen İmam-Hatip-Schulen und Kopftücher zu wettern, an diesem Punkt stand ich auf, für Demokratie und was das Gesetz besagt. Haben wir nicht Hand in Hand diesen Kampf geführt? Natürlich haben Sie die größte Last getragen.

Als ich Abgeordnete der Tugend-Partei [Fazilet Partisi] war, habe ich mich immer gegen die militärische Vormundschaft im Parlament ausgesprochen. In der repressivsten Zeit bis zum 28. Februar, kämpfte ich in der Nationalversammlung dagegen. Aber diejenigen, die sich der 4-Sterne-Macht ergeben haben, blieben unbehelligt und ich bin immer noch mit einer Anschuldigung im Gefängnis, die ich nicht verdiene. Es ist sehr schmerzhaft, mit den Soldaten, die die Nationalversammlung bombardiert haben, in die gleiche Ecke gestellt zu werden. Darüber hinaus für meine 40 Jahre im Journalismus, in der ich ständig einen hohen Preis für die Demokratie zahle musste, um dann vor solch einer absurden und verletzenden Unterstellung gegenüber zu stehen!

Als jemand, der ab dem 27. Mai die Verfolgung und Schikanen von Menderes und seinen Freunden hautnah mitverfolgte, kennen Sie meine Haltung zu Putschen, wie auch, dass ich keine FETÖ bin. Wenn überhaupt, habe ich das wahre Gesicht der FETÖ vor dem 15. Juli nicht erkannt. Dies ist eine Schwäche, die sich aus meinem Mitgefühl und meiner Fürsorge für Konservative ergibt. Sie haben es geschafft, sich zu verstecken und sich wie Opfer aufzuführen. Aber Sie haben uns gewarnt; leider habe ich damals nicht auf Ihre Warnungen gehört. Das war mein größter Fehler.

Ich kenne Sie seit der Zeit des Oberbürgermeister-Amtes. Sie kennen mich auch. Ich füge niemandem absichtlich Schaden. Ich werde meinem Land nicht absichtlich schaden. Aber wenn ich durch einige sensible Punkte berührt werde, glaube ich schnell daran. Leider hat es mir meine Sensibilität für konservative Menschen leicht gemacht, falsch zu liegen. Ich war übrigens sehr unfair zu Ihnen. Ich entschuldige mich dafür.

Während viele Journalisten entlassen wurden, werde ich weiterhin festgehalten, als ob ich das Ziel besonderer Feindseligkeit wäre. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich vom Pessimismus und Verzweiflung überwältigt. Dann suche ich Zuflucht bei Allah und suche Kraft und Moral. Und oft denke ich an Sie und Frau Emine. Es scheint, als wüssten Sie genau über meine Situation bescheid und würden in diese Ungerechtigkeit eingreifen. Daher habe ich es als einziges Mittel angesehen, Ihnen meine Beschwerde zu schreiben. Wenn ein Lamm auf dem Berggipfel verloren geht, Prophet Ömer wäre dann gefragt. Da Sie das Oberhaupt dieses Staates sind, möchte ich mich bei Ihnen auslassen. Sie wollen wahrscheinlich nicht, dass ich im Gefängnis meinen letzten Atemzug mache. Ich erzähle Ihnen von meiner Notlage, denn nur Sie können das Gewissen wieder herstellen, das die Gerechtigkeit verloren hat.

Welch Fallen wurden Ihnen gestellt! FETÖ hat nur eine Falle gestellt. Und leider bin ich in diese Falle ebenfalls getappt. Aber ich habe kein Verbrechen begangen. Wenn ich Sie unfair behandelt habe – was ich getan habe -, sollte dies nicht Gegenstand der Justiz sein. Es ist eine Sache zwischen mir und Ihnen.

Sie sind ein Mensch des Glaubens. So bin ich auch. Deshalb weiß ich, dass ich einen Test durchmache. Aber wie lange kann ich dieser Vernachlässigung, diesem Stress widerstehen? Neben finanziellen Unzulänglichkeiten, bin ich auch emotional erschüttert. Ich bin eine Mutter, Oma. Meiner Kinder und Enkelkinder zu beraubt und nicht in der Lage zu sein, sie zu umarmen, ist die härteste Strafe.

Mehmet Ali hatte inzwischen einen weiteren Sohn. Ich konnte die Geburt von Ali Kerim nicht miterleben. Ich habe das Baby erst mit 4 Monaten gesehen. Er sah mich an, als ob er sagen würde „Wer ist das?“ Diese Gefühle sind Ihnen auch nicht fremd. Sie sind ein Vater, Sie sind ein Großvater. Nach jedem Treffen mit den Kindern, wenn ich auf diese Station meines Lebens zurückblicke, verstärkt sich das Gefühl der Einsamkeit und des Mangels. Meine einzige Erwartung ist, die letzten Tage meines Lebens in Frieden mit ihnen zu verbringen. Mutter und Großmutter zu sein. Mehmet Ali und Aslı leben ein Leben in der Hölle. Sie tun mir auch leid.

Die Türkei hat einen großen Bedarf der inneren Ruhe, mit der sie die Spannungen hinter sich bringt. Ich möchte mich am Aufbau dieses Friedens beteiligen. Ich hoffe es wird so. In der Tat, wenn ich herauskomme, wenn wir zusammenkommen können, würde ich sehr gerne mein Gewissen beruhigen und die Angelegenheit persönlich bereinigen. Ich möchte Ihnen dann auch die im Gefängnis aus Olivenkernen gebastelte Gebetskette überreichen. Die Türkei wurde von einem schweren Trauma erschüttert. FETÖ-Rädelsführer flohen; ich wurde dagegen in den Kerker geworfen. Es ist, als wäre ich lebendig in einem Grab begraben. Ich suche Gerechtigkeit in der Justiz. Ich frage mich, ob Sie mich im Namen von Recht und Gesetz hier rausholen könnten.“

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