Geschichte
Von Gallipoli bis Köln: Wie türkische Soldaten und Arbeiter die Weltgeschichte prägten

Von der Schlacht des Ersten Weltkriegs bis zum Wirtschaftswunder in Deutschland – die Rolle der Türken im 20. Jahrhundert wird oft unterschätzt.

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Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Von der Schlacht des Ersten Weltkriegs bis zum Wirtschaftswunder in Deutschland – die Rolle der Türken im 20. Jahrhundert wird oft unterschätzt. Dabei trugen sie entscheidend zu Wendepunkten bei, die das globale Kräfteverhältnis veränderten.

Der Erste Weltkrieg: Der entscheidende Kriegseintritt

Als das Osmanische Reich im Herbst 1914 auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat, veränderte sich die Weltgeschichte dramatisch. Der Krieg weitete sich auf neue Fronten aus – Kaukasus, Nahost, Dardanellen.

Besonders an den Meerengen wurde der Kriegseintritt spürbar: Im Frühjahr 1915 versuchten die Alliierten, durch Gallipoli nach Istanbul vorzustoßen. Doch osmanische Soldaten, viele von ihnen einfache anatolische Bauern, hielten stand.

Der Sieg bei Gallipoli war nicht nur militärisch, sondern weltgeschichtlich entscheidend: Er verhinderte einen schnellen Durchbruch der Alliierten, blockierte die Nachschublinien Russlands und trug zur Erschöpfung des Zarenreichs bei – eine Voraussetzung für die Russische Revolution. Ohne den Kriegseintritt und den Widerstand der Türken wäre der Erste Weltkrieg vermutlich kürzer verlaufen – und das 20. Jahrhundert hätte ein anderes Gesicht gehabt.

Zwischen den Kriegen: Migration und Arbeit

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich, die junge Republik Türkei formierte sich. Doch viele Menschen wanderten, besonders in die Zwischenkriegszeit hinein, in europäische Städte aus. Türken arbeiteten in Häfen, Fabriken, Minen – eine unsichtbare, aber reale Kraft, die Europas Industrialisierung mittrug.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Gastarbeiter als Pfeiler des Westens

Der Zweite Weltkrieg endete mit einem geteilten Europa. Im Westen begann das „Wirtschaftswunder“, doch bald fehlten Millionen Hände. Deutschland und andere Staaten warben Gastarbeiter an – zunächst Italiener und Spanier, ab 1961 auch Türken.

Hunderttausende Anatolier kamen nach Köln, Duisburg, Berlin oder München. Sie arbeiteten am Fließband, im Stahlwerk, auf dem Bau – dort, wo Einheimische fehlten. Sie hielten die Fabriken am Laufen, senkten Produktionskosten, ermöglichten Exporterfolge. Damit stärkten sie die ökonomische Basis, auf der der Westen im Kalten Krieg stand.

Indirekt gegen die Sowjetunion

Die Sowjetunion kämpfte zur gleichen Zeit mit ineffizienter Planwirtschaft, Arbeitskräftemangel und sinkender Produktivität. Im Westen hingegen wuchs der Wohlstand, auch dank migrantischer Arbeitskräfte.

Die Präsenz von Millionen Türken in Europa stabilisierte zugleich die Verbindung der Türkei zum westlichen Bündnis. Als NATO-Mitglied war die Türkei Frontstaat gegen die Sowjetunion; ihre Diaspora vertiefte die Bindungen noch. So wirkten türkische Soldaten an der Frontlinie des Kalten Krieges – und türkische Arbeiter an den Werkbänken im Westen – zusammen als unsichtbare Stütze des westlichen Sieges.

Was wäre ohne die Türken gewesen?

Im besten Falle hätte der Westen auch ohne die Türkei und ihre Arbeitskräfte überlebt – aber langsamer, teurer und riskanter.

  • 1914/15: Ohne den Kriegseintritt der Osmanen und ihren Widerstand in Gallipoli hätten die Alliierten den Krieg früher entscheiden können. Russland wäre gestärkt, die Revolution vielleicht verhindert worden – die Nachkriegsordnung eine völlig andere.
  • 1961 ff.: Ohne das Anwerbeabkommen hätten deutsche Betriebe schneller automatisieren müssen, Produktionskosten wären gestiegen, Exporte geschrumpft. Der Wohlstand des Westens wäre schwächer, der Kalte Krieg womöglich länger offen geblieben.
  • Geopolitisch: Eine neutrale oder sowjetnah orientierte Türkei hätte die Südflanke des Warschauer Paktes erheblich gestärkt und die NATO verwundbarer gemacht.
Ein unterschätzter Einfluss

Vom entscheidenden Kriegseintritt 1914 bis zum Anwerbeabkommen von 1961 zeigt sich: Türkische Kraft – militärisch wie ökonomisch – veränderte mehrfach die Weltgeschichte.

Sie trug dazu bei, dass das Osmanische Reich nicht frühzeitig zusammenbrach, dass Deutschland in den 1960er-Jahren boomte und dass der Westen im Kalten Krieg seine Überlegenheit behaupten konnte.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich nicht erzählen, ohne die Spuren der Türken mitzudenken – Soldaten, die Kriege verlängerten, und Arbeiter, die den Frieden sicherten.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.


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