Geschichtswissenschaft
Historiker: Türken und Deutsche sind alte Verwandte

Entgegen der seit 1453 in Europa verbreiteten Auffassung, dass sich Türken und Deutsche ursprünglich fremd seien, berichtet die älteste Herkunftssage der Deutschen von ihrer gemeinsamen Abstammung mit den Türken aus Troja.

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Ein Gastbeitrag Çağıl Çayır

Entgegen der seit 1453 in Europa verbreiteten Auffassung, dass sich Türken und Deutsche ursprünglich fremd seien, berichtet die älteste Herkunftssage der Deutschen, nämlich die Einwanderungssage der Franken aus dem 7. Jahrhundert, von ihrer gemeinsamen Abstammung mit den Türken aus Troja.

Die fränkische Türkensage

Der Mittelalterhistoriker Bernd Schneidmüller fasst die fränkische Türkensage, die in der sogenannten Fredegar-Chronik in lateinischer Sprache überliefert ist, wie folgt zusammen:

Wie schon die Römer in Vergils Gründungsmythen, der Aeneis, sich ihrer Abkunft versicherten, so leiteten seit dem 7. Jh. auch die Franken ihre Herkunft aus Troja ab und rückten damit an Alter und Würde als Brudervolk neben Römer. Troja verlassend, brachte das Volk angeblich eine lange Wanderzeit hinter sich.

Es teilte sich in zwei Gruppen, in die Franken, die nach ihrem König Francio benannt wurden und nach Europa zogen, und in die Türken, die ihren Namen vom König Torcoth empfingen und am Ufer der Donau zurückblieben – Franken und Türken als Brudervölker aus trojanischer Wurzel.i

Begegnung in Konstantinopel

Woher der Türken-Name zu den Franken kam, ist allerdings noch unklar. Der Frühmittelalterhistoriker Eugen Ewig vermutete, dass die fränkische Sage von den phantastischen Erzählungen der Oströmer über die Türken angeregt sein könnte.ii

Die Oströmer verbündeten sich in den 570er Jahren mit den Türken, die ein riesiges Reich in Zentralasien gründeten, das zeitweise von der Mongolei bis zur Krim reichte. Hierbei pflegten die Oströmer und Türken einen regelmäßigen Gesandtenaustausch.

Dadurch kann der Name der Türken auch zu den Franken gelangt sein, die ebenfalls Beziehungen zum oströmischen Reich pflegten. Dementsprechend leitet Ewig den Namen Torcoth bei den Franken von Turxanthos, Türk Şad, einem General der Göktürken her, der 576 eine Gesandtschaft des oströmischen Kaisers empfing.

Streit wegen Awaren

Allerdings bezichtigte Türk Şad die oströmischen Gesandten der Lüge und Falschheit und lehnte deswegen eine Erneuerung ihres Bündnisses ab. Grund dafür waren die Kontakte der Oströmer mit den Awaren, die vor den Göktürken in den Westen geflohen waren.iii

Dabei werden die Awaren (alttürkisch „Apar“) selbst auch zu den türkischen Stämmen aus Ostasien gezählt. Fast 250 Jahre lang beherrschten sie weite Teile Mittel- und Osteuropas, von Bayern bis Bulgarien. In der Zeit führten die Awaren u. a. auch den Steigbügel in Europa ein.

Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts bezeichnet die Wanderung der Awaren aus dem Gründungsgebiet des göktürkischen Reiches in der heutigen Mongolei und Sibirien nach Europa als größte und schnellste Fernmigrationen der frühen Menschheitsgeschichte.

Erinnerung an die Verwandtschaft der Völker

Infolge der ersten Kreuzzüge ins „Heilige Land“ am Ende des 11. Jahrhunderts trafen die fränkischen Kreuzritter auf die muslimischen Türken und erinnerten sich wieder an ihre Verwandtschaft, was in den darauffolgenden Jahrhunderten zum Allgemeinwissen wurde.

Der Historiker Michael A. Köhler gibt dafür ein interessantes Beispiel, wo die Erinnerung an die Verwandtschaft zwischen den Türken und Franken den Kriegsverlauf entscheidend prägte:

Die Hypothese einer genealogischen Verwandtschaft zwischen Türken und Franken fand im Abendland im Anschluß an den Kreuzzug weite Verbreitung […]. Daß das Bild ritterlicher Ebenbürtigkeit nicht allein ein literarischer Topos, sondern Communis opinio unter den Führern des in Antiochia/Anṭākiya belagerten Kreuzzuges war, beweist, dass Peter der Eremit und sein Dolmetscher Herluin am 27. Juni 1098 als Gesandte der Kreuzfahrerfürsten dem Befehlshaber der türkischen Entsatzarmee, Kırbōġā, antrugen, durch ritterliche Zweikämpfe über den zukünftigen Besitzer der Stadt zu entscheiden. Zuvor hatte der Türke das Angebot zu konvertieren abgelehnt.iv

Der Historiker und Richter Niels Brandt hat ein spannendes Sachbuch über das Türkenbild auf den Kreuzzügen geschrieben, mit dem Titel „Gute Ritter, böse Heiden“ (Vandenhoeck & Ruprecht 2016). Auch die Mittelalterhistorikerin Kristin Skottki hat sich in ihrer Doktorarbeit u. a. den Türkenlobpassagen in den Kreuzzugschroniken gewidmet (Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug: Die Macht der Beschreibung in der mittelalterlichen und modernen Historiographie, Waxmann Verlag 2015).

Türken und Franken sind „cousin german“

Der Philologe Hartmut Kugler schreibt in seinem Aufsatz „Das eigene aus der Fremde“, dass Türken und Franken in der mittelalterlichen Grandes Chroniques de France ausdrücklich „cousin german“ genannt werden:

Was aus moderne Sicht kaum denkbar erscheint, wurde im Mittelalter fest geglaubt. Bereits bei Fredegar ist ein Turcoy oder Turcus als Angehöriger des trojanischen Königshauses genannt. Die „Grandes Chroniques de France“ nennt Turcus und Francio ausdrücklich cousin german. Diese Verwandtschaftsbeziehung wurde als eine zwar zunehmend lästige, aber unbezweifelte bis ins 16. Jahrhundert fortgeschleppt und fiel erst dann einer neu orientierten Herkunftsforschung zum Opfer.v

Wiederentdeckung der Verwandtschaft der Völker

Erst in unserer Zeit werden die alten Verwandtschaftssagen und realhistorischen Beziehungen zwischen den Völkern und Kulturen wissenschaftlich wiederentdeckt.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlich


i Bernd Schneidmüller, Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200-1500, München 2011, S. 18.

ii Eugen Ewig, Trojamythos und fränkische Frühgeschichte, in: Geuenich, Dieter (Hrsg.), Die Franken und die Alemannen bis zur “Schlacht bei Zülpich“ (496/97) (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19), Berlin/New York 1998, S. 1-30, S. 27.

iii Walter Pohl, Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567– 822 n. Chr., 2. Auflage, München 2002, S. 66f.

iv Köhler, M. A. (1991). Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern im Vorderen Orient: Eine Studie über das zwischenstaatliche Zusammenleben vom 12. bis ins 13. Jahrhundert. Berlin & New York: Walter de Gruyter, S. 38.

v Kugler, H. (1995). Das Eigene aus der Fremde: Über Herkunftssagen der Franken, Sachsen und Bayern. In Kugler, H. (Ed.), Interregionalität der deutschen Literatur im europäischen Mittelalter (pp. 175-193). Berlin & New York: Walter de Gruyter, S. 185.


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