Geschichte
Zweiter Weltkrieg: Als Griechen in Syrien Zuflucht fanden

Während griechische Grenzschützer in diesen Tagen Flüchtlinge erschießen und ihre Boote rammen, maskierte "Bürgerwehren" sowie Nationalisten sie jagen und die Polizei Tränengas und Wasserwerfer gegen sie einsetzt, fanden griechische Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg Zuflucht in Syrien.

Teilen

Menschheitstragödie an der griechischen Grenze: Wieso sich Griechenland an seine eigene Geschichte erinnern sollte

In den Nachrichtenkanälen sorgt derzeit eine Aufnahme für besonders viel Empörung: Die griechische Küstenwache geht dabei gewalttätig gegen Menschen vor, die in überfüllten Schlauchbooten Schutz suchen.

Die Grenzschützer geben Schüsse ab, bedrängen die Schlauchboote mit langer, scharfkantiger Ausrüstung. Ein Boot mit 48 Menschen auf dem Weg von der türkischen Küste zur griechischen Insel Lesbos kentert. Dabei stirbt ein Kind. Ein 24-jähriger Mann aus Aleppo wird nach übereinstimmenden Berichten von Grenzbeamten in den Hals geschossen und getötet.

Derweil gehen maskierte „Bürgerwehren“ und Nationalisten mit Gewalt gegen geflüchtete Menschen, NGO-Mitarbeiter und Journalisten vor. Die Lage ist explosiv. Die griechische Polizei setzt Munition, Tränengas und Wasserwerfer ein, um die schutzbedürftigen Menschen von den Grenzen fernzuhalten. Bauern fahren ihre Traktoren vor die Grenzen, um den Flüchtlingen den Weg nach Griechenland zu versperren.

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex gibt bekannt, dass sie schnellstmöglich Grenzpolizisten nach Griechenland schickt. Die Behörde habe auch Pläne für den Einsatz von Schusswaffen, falls es nötig sei.

Die griechische Regierung hatte schon vor diesen tragischen Vorfällen angekündigt, bis auf weiteres keine Asylanträge mehr anzunehmen. Inwieweit sich das militärische Vorgehen der EU-Staaten und das militante Einschreiten von rechtsradikalen Griechen gegen Flüchtlinge, zivilgesellschaftliche Vertreter und Reporter vertragen, steht offen im Raum.

Syrien war ein sicherer Zufluchtsort für griechische Flüchtlinge

Die Flucht von Menschen vor Krieg über das Mittelmeer fand vor über 70 Jahren schon einmal statt. Allerdings ging die Fahrt damals in die andere Richtung.

Und die Flüchtlinge waren seinerzeit Griechen und Menschen aus dem Balkan, die mit Booten oder über Land Richtung Türkei, Aleppo, im heutigen Syrien oder Nordafrika aufbrachen. Griechische Schutzsuchende gelangten mit Fischerbooten zu den Flüchtlingslagern in Syrien, Palästina und Ägypten.

Der Zweite Weltkrieg befand sich im vollen Gange, als deutsche Truppen 1943/44 nach Griechenland einmarschierten und dort mit italienischen sowie bulgarischen Einheiten das Land besetzten. Die griechische Küstenstadt Selanik (Thessaloniki) wurde schon 1941 durch die deutsche Wehrmacht eingenommen.

Diejenigen Griechen, viele von ihnen aus den ägäischen Küstenregionen, die damals nicht mit den Deutschen kooperieren und kollaborieren wollten, wurden grausam und skrupellos unterdrückt. Eine große Anzahl von Menschen wurde getötet. Die Nähe zwischen den griechischen Ägäis-Inseln und dem türkischen Festland kam den Griechen seinerzeit gelegen.

So sahen die Griechen eine Flucht über die Türkei nach Syrien als letzte Hoffnung und machten sich mit Kuttern auf zur türkischen Küstenstadt Çeşme. Von dort aus ging es weiter in die Handelsmetropole İzmir. Im Anschluss wurden die griechischen Flüchtlinge vom Bahnhof İzmir in das Erstaufnahmelager nach Aleppo (Syrien) gefahren.

Dort kamen pro Monat etwa 1000 Menschen an. Berichte von Lagerinsassen, Krankenschwestern und Mitarbeitern der damaligen Hilfsorganisation der Vereinten Nationen UNRRA (Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen) schildern das Leben in dem Lager als durchaus komfortabel.

So ist zum Beispiel davon die Rede, dass dreimal am Tag kostenloses Essen angeboten wurde. Die Geflüchteten konnten außerdem Obst, Kaffee, Tee, Zigaretten und Alkohol kaufen. Sogar ein Taschengeld soll es für die Flüchtlinge gegeben haben.

Es war möglich zu arbeiten, eine Lehre zu beginnen und Geld zu verdienen. Im Gegensatz zu den heutigen, unmenschlichen Vorfällen in Griechenland, verhielt sich die syrische Bevölkerung ausgesprochen gastfreundlich gegenüber den Griechen. Wie die Zeitung „Hier ist Al-Quds (Jerusalem)“ („Hune el Kudüs“) vom 11. Januar 1942 berichtet, hat die Bevölkerung von Aleppo den Flüchtlingen neben Kleidung auch Nahrungsmittel gespendet.

Von Aleppo aus ging es für die Griechen dann weiter nach Palästina und Ägypten. Über 40.000 europäische Flüchtlinge konnten durch diese Schutzmaßnahmen dem Tod entrinnen.

Darüber hinaus hatten 300.000 polnische Flüchtlinge im Iran Schutz vor der deutschen Wehrmacht gefunden.

Griechenland und die Staaten der Europäischen Union sind gut beraten, sich ihrer Vergangenheit zu erinnern, wenn sie heute den syrischen Flüchtlingen und den übrigen Geflüchteten aus dem Nahen- und Mittleren Osten begegnen.

(Screenshot/BBC)

Zum Thema

– The Lost Requiem –
Geschichte: Polnische Flüchtlinge im muslimischen Iran

Während sich heutzutage in kürzester Zeit Tausende Polen mobilisieren lassen, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren, und dieses von AfD-Wählern in Deutschland gefeiert wird, waren im zweiten Weltkrieg Hunderttausende polnische Flüchtlinge im muslimischen Iran herzlich willkommen geheißen worden.

Geschichte: Polnische Flüchtlinge im muslimischen Iran

Auch interessant

Iran droht mit Angriffen auf internationale Internetkabel und KI-Zentren

Teheran - Iran hat mit Angriffen auf wichtige digitale Infrastruktur in der Golfregion gedroht, falls die USA und Israel den Krieg wieder aufnehmen. Mohsen Rezaee,...

Türkei beschließt Trennung von Nationaltrainer Vincenzo Montella

Istanbul - Die Zeit von Vincenzo Montella als Cheftrainer der türkischen Fußball-Nationalmannschaft steht vor dem Ende. Nach enttäuschenden Auftritten bei der Weltmeisterschaft und einer...

Hannover: Brandanschlag auf Moschee

Hannover - Unbekannte Täter haben am frühen Freitagmorgen die türkische und die deutsche Nationalflagge an der ATİB Hacı-Bayram-Moschee in Hannover in Brand gesetzt und...

Izmir-Beben: Oberbürgermeister Cemil Tugay wechselt zur Erdogan-Partei

Izmir – Der Oberbürgermeister von İzmir, Cemil Tugay, ist zur regierenden AKP von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gewechselt. Der Schritt ist politisch besonders brisant:...

Deutschland als Magnet für ausländische Studierende: Zahlen auf Rekordhoch

Berkin - Deutschland bleibt für junge Menschen aus dem Ausland ein begehrtes Studienziel. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, waren im Wintersemester 2025/26...

Headlines

Nobelpreisträgerin Navi Pillay: „Israel begeht einen Völkermord“

Genf– Israel hat im Gazastreifen Völkermord an den Palästinensern begangen, erklärte die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für...

Iran droht mit Angriffen auf internationale Internetkabel und KI-Zentren

Teheran - Iran hat mit Angriffen auf wichtige digitale Infrastruktur in der Golfregion gedroht, falls die USA und Israel den...

Netanjahu fordert Ermittlungen gegen Soldaten aus Gaza-Dokumentarfilm „NAZA“

Tel Aviv - Der preisgekrönte Dokumentarfilm „NAZA“ wirft Fragen zur israelischen Kriegsführung im Gazastreifen auf. Anhand von Aussagen von...

Mamdani: Das Leid begann nicht am 7. Oktober

New York - New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani hat sich zum dritten Jahrestag der Angriffe vom 7. Oktober 2023...

Meinung

Nobelpreisträgerin Navi Pillay: „Israel begeht einen Völkermord“

Genf– Israel hat im Gazastreifen Völkermord an den Palästinensern begangen, erklärte die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschließlich...

Iran droht mit Angriffen auf internationale Internetkabel und KI-Zentren

Teheran - Iran hat mit Angriffen auf wichtige digitale Infrastruktur in der Golfregion gedroht, falls die USA und Israel den Krieg wieder aufnehmen. Mohsen Rezaee,...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...