NSU-Zeugensterben
Neunter Todesfall im NSU-Komplex: Das große Sterben geht weiter

Das Zeugensterben im Zusammenhang mit der NSU-Terrorzelle geht weiter. Ein weiterer vermeintlicher Selbstmord wird aus Karlsruhe gemeldet. Es handelt sich dabei um den Ex-Verlobten einer bereits 2015 verstorbenen Zeugin, deren vorheriger Freund im September 2013 in einem Auto verbrannte, bevor er zum Mord an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter aussagen sollte.

Teilen

Stuttgart (nex) – Die Serie an nicht natürlichen und/oder verdächtigen Todesfällen im Umfeld der Ermittlungen zur NSU-Terrorzelle reißt nicht ab. So soll sich nach Berichten mehrerer Medienportale bereits am 8. Februar dieses Jahres der ehemalige Verlobte der im März 2015 nach einem Motocross-Unfall gestorbenen Melisa M., Sascha W. (31), das Leben genommen und auf elektronischem Wege eine Abschiedsnachricht versendet haben.

Die im Alter von 20 Jahren offiziellen Angaben zufolge an einer Lungenembolie verstorbene M. schien auch zu Lebzeiten noch eine fatale Wirkung auf ihre männlichen Bekanntschaften gemacht zu haben. Bevor sie sich mit Sascha W. verlobte, war sie mit dem Aussteiger aus der Nazi-Szene, Florian H., liiert, der im September 2013 vor dem LKA in Stuttgart in einer sehr brisanten Angelegenheit aussagen sollte:

Er wäre demnach in der Lage gewesen, Hinweise auf möglicherweise weitere Täter zu geben, die in den Mord an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter am 26. April 2007 in Heilbronn verwickelt gewesen sein sollen. Die Bluttat wird dem NSU-Terrortrio angelastet, allerdings legen bisherige Ermittlungsergebnisse den Schluss nahe, dass außer den 2011 unter dubiosen Umständen verstorbenen mutmaßlichen Haupttätern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie der in München angeklagten Beate Zschäpe noch weitere Personen an dieser beteiligt gewesen sein könnten.

Zur Aussage Florian H.s kam es nicht, er starb kurz vor dem Termin, nur wenige hundert Meter vom LKA entfernt, in einem brennenden Auto auf dem Cannstatter Wasen, in dem er sich zuvor aus Liebeskummer das Leben genommen haben soll. Die im November 2011 aufgeflogene Terrorzelle des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) wird für die Ermordung acht türkischer und eines griechischen Einwanderers zwischen 2000 und 2006, die Ermordung einer Polizeibeamtin im April 2007 und weitere Verbrechen wie Sprengstoffanschläge und Banküberfälle verantwortlich gemacht.

Seit der Entdeckung der Gruppe wurden nicht nur eine Reihe von Vorwürfen gegenüber Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit mutmaßlichen Vertuschungen von Verbindungen zwischen staatlichen Einrichtungen und dem NSU-Umfeld laut, auch ist bislang eine nicht unerhebliche Zahl an möglichen Zeugen unter teils zweifelhaften Umständen verstorben. Bereits bezüglich des vermeintlichen Doppelselbstmordes der Hauptverdächtigen Böhnhardt und Mundlos im Wohnmobil in Eisenach am 4. November 2011 gibt es offene Fragen.

Schon in den Jahren 2001 und 2002, als gegen die untergetauchten mutmaßlichen Mitglieder des NSU-Trios wegen anderer Straftaten ermittelt wurde, soll es drei Todesfälle unter Ermittlern des Thüringer Landeskriminalamtes gegeben haben. Einer davon soll mit Telefonüberwachungen befasst gewesen sein und sich in seinem Keller erhängt haben, ein weiterer, Mitglied der Sonderkommission Rechtsextremismus, soll sich auf einer Toilette seiner Dienststelle erschossen haben, wobei sich sein Abschiedsbrief Enthüllungsjournalisten zufolge unter Verschluss befinde. Darüber hinaus soll es noch zu einem weiteren „plötzlichen Todesfall“ im LKA gekommen sein, der einen 58-jährigen Ermittler ereilt hatte, der ebenfalls im Bereich des Rechtsextremismus tätig gewesen sein soll.

Am 7. April 2014 starb der 18 Jahre lang für das BfV tätige, 39-jährige V-Mann angeblich an einem Zuckerschock infolge einer nicht entdeckten Diabeteserkrankung. Dabei soll der im Laufe des Aprils 2014 vom Notarzt ausgestellte Totenschein von der Polizei umgeschrieben und ein neuer, rückdatierter Beerdigungsschein ausgestellt worden sein. Der ursprünglich auf den Namen Dellig ausgestellte Totenschein und weitere Dokumente wurden nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau vernichtet. Der Oberstaatsanwalt verweigerte gegenüber dem Innenausschuss des Bundestages die Herausgabe des toxikologischen Gutachtens aus den Ermittlungsakten. „Corelli“ soll bereits 2005 über das Kürzel „NSU“ und dessen Bedeutung Kenntnis gehabt haben.

 

Mehr zum Thema:
NSU-Prozessakten auf Bürgersteig in Köln aufgetaucht
Ausstellung: “Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen”

 

Auch interessant

Lang ersehnter Traum wird endlich wahr: DITİB Hacı-Bayram-Moschee in Herten feierlich eröffnet

Herten - Im nordrhein-westfälischen Herten wurde die DITİB Hacı-Bayram-Moschee mit einer feierlichen Zeremonie offiziell eröffnet. Zahlreiche Gäste aus Politik, Religionsgemeinschaften und der Zivilgesellschaft nahmen...

Algerien gedenkt: Als Frankreich 45.000 Menschen massakrierte

Algier – Während Europa am 8. Mai den 81. Jahrestag des Kriegsendes feierte, begingen Algerier einen anderen Jahrestag — einen der blutigsten Tage der...

Griechische Besetzung Westanatoliens (1919–1922): Krieg, Flucht und Zerstörung

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge Am 15. Mai 1919 landeten unter dem Schutz alliierter Kriegsschiffe etwa 12.000 Soldaten der griechischen Okkupationsarmee im Hafen von Izmir....

Bericht: Israel setzt bei Vergewaltigungen Hunde ein

New York - Nicholas Kristof, zweifacher Pulitzer-Preisträger und Kolumnist der New York Times, hat am 11. Mai einen Bericht veröffentlicht, der unter dem Titel...

Aliyev: EU-Beobachter in Armenien spielen falsche Helden

Baku - Erst gestern hatte der armenische Premierminister Nikol Paschinjan für Aufsehen gesorgt: Bergkarabach, jahrzehntelang Kriegsschauplatz zwischen Armenien und Aserbaidschan und Ursache tiefer Feindschaft,...

Headlines

Sánchez zum ESC-Boykott: „Auf der richtigen Seite der Geschichte“

Madrid – „Este año no estaremos en Eurovisión" — dieses Jahr werden wir nicht bei Eurovision dabei sein. Mit...

Israel verklagt New York Times wegen Vergewaltigungs-Bericht

New York/Jerusalem – Drei Tage nach Erscheinen eines erschütternden Berichts über systematische sexuelle Gewalt gegen palästinensische Gefangene in israelischen...

US-Gericht hebt Sanktionen gegen UN-Expertin Albanese auf

Washington/Genf - Francesca Albanese gehört zu den schärfsten internationalen Kritikerinnen Israels. Die italienische Rechtswissenschaftlerin und UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen...

Israels Armee droht zu kollabieren: Generalstab fordert sofort Soldaten

Jerusalem – Es sind ungewöhnlich offene Worte für einen amtierenden Generalstabschef. Generalleutnant Eyal Zamir erschien am 10. Mai vor...

Meinung

Sánchez zum ESC-Boykott: „Auf der richtigen Seite der Geschichte“

Madrid – „Este año no estaremos en Eurovisión" — dieses Jahr werden wir nicht bei Eurovision dabei sein. Mit diesen Worten auf X hat...

Israel verklagt New York Times wegen Vergewaltigungs-Bericht

New York/Jerusalem – Drei Tage nach Erscheinen eines erschütternden Berichts über systematische sexuelle Gewalt gegen palästinensische Gefangene in israelischen Hafteinrichtungen — darunter der dokumentierte...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...