Corona-Pandemie
Fischer und Gabriel: EU könnte auseinanderbrechen

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Berlin – Die früheren Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD) haben in einem dramatischen Appell vor einem Auseinanderbrechen Europas durch die Coronakrise gewarnt und die Bundesregierung zu einer Art Marshall-Plan für Spanien und Italien aufgerufen. „Europa braucht jetzt zweierlei: gemeinsame Hilfen in der Krise und ein gemeinsames Wiederaufbauprogramm nach der Krise“, schreiben Fischer und Gabriel in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ und den „Tagesspiegel“ (Montags-Ausgaben). „Italien und Spanien werden es Europa und vor allem uns Deutschen hundert Jahre lang nicht vergessen, wenn wir sie (…) jetzt im Stich lassen. Und genau das tun wir gerade“, kritisieren die beiden früheren Spitzenpolitiker. Das Corona-Virus habe das Potential, die ohnehin in Europa existierenden Risse so massiv zu vertiefen, „dass die Union daran auseinanderbrechen könnte“. Die EU drohe bei dieser größten Bewährungsprobe seit ihrer Entstehung dramatisch zu versagen. „Stattdessen erleben wir, dass Mächte wie Russland und China öffentlichkeitswirksam Hilfe liefern, um genau dieses Defizit Europas zu betonen. Dass hier humanitäre und politische Ziele mindestens gleichzeitig verfolgt werden, liegt auf der Hand.“ Europa drohe zum Nullsummenspiel zu werden, bei dem Nationalstaaten glauben, dass immer einer verlieren muss, wenn ein anderer etwas bekommt. In Italien hatten Politiker parteiübergreifend die EU und Deutschland kritisiert. Videos und Fotos, auf denen EU-Flaggen abmontiert, zerrissen oder sogar verbrannt werden, nehmen in den sozialen Medien deutlich zu. Zehntausendfach geklickt ist ein Video des landesweit bekannten Komikers und Schauspielers Tullio Solenghi. Die Deutschen, wettert Solenghi, seien für zwei Weltkriege und den millionenfachen Tod von Juden verantwortlich: „Die Deutschen haben heute immer noch ihre gnadenlose Arroganz. Heute in wirtschaftlicher Hinsicht. Sie halten sich noch immer für eine Herrenrasse. Gott sei Dank bin ich Italiener. Ja, wir sollen Faulenzer, auch Mafiosi sein, sagen die Deutschen. Aber wir sind empathisch, wir sind menschlich. Daher danke, dass wir Italiener sind und nicht Deutsche.“ Deutschland hatte die unter anderem von Italien, Spanien und Frankreich geforderten sogenannten Corona-Bonds abgelehnt. Die Corona-Bonds sollen den betroffenen Staaten wirtschaftlich helfen. Hoch verschuldete Staaten könnten auf diesem Weg zu erheblich günstigeren Konditionen frisches Geld von Investoren erhalten. Denn die Bonität der Gemeinschaftsanleihen wäre deutlich besser, wenn zum Beispiel wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland mithaften, berichtet die Tageszeitung Münchner Merkur.

Corona-Pandemie
Corona-Maßnahmen in Afrika: „Wer zu Hause bleibt, verhungert!“

Johannesburg – In den Armenvierteln Afrikas drohen die Maßnahmen gegen das Coronavirus zur tödlichen Falle zu werden. Nach Angaben der Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer sind vor allem die Ausgangssperren, die zum Teil mit massiver Gewalt umgesetzt werden, lebensbedrohlich für den ärmsten Teil der Bevölkerung. Allein in den Ländern südlich der Sahara leben 413 Millionen Menschen in extremer Armut – mehr als die Hälfte aller Armen weltweit. „Die allermeisten leben von der Hand in den Mund. Wenn sie nicht verhungern wollen, müssen sie rausgehen, um Geld zu verdienen. Ihnen bleibt nur die Wahl: am Corona-Virus oder am Hunger zu sterben“, sagt Salimane Issifou, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Benin. Zwar würden die meisten Regierungen versuchen, die Armen zu unterstützen, aber das seien Tropfen auf den heißen Stein. In Nigeria zum Beispiel will die Regierung einer Million notleidenden Menschen mit finanziellen Zuschüssen helfen und insgesamt 70.000 Tonnen Getreide verteilen. „Aber in einem Land mit 200 Millionen Einwohnern ist das völlig unzureichend. Wirtschaftliche Not und Hunger werden massiv ansteigen. Das wird auch zur Folge haben, dass Familien zerbrechen und Kinder alleine zurückbleiben“, sagt Ezeigwe Chinweuba, der Sprecher der SOS-Kinderdörfer in Nigeria. Ähnlich katastrophale Folgen könnten die Ausgangsperren in Südafrika haben: Die Regierung plane, Bedürftige zu unterstützen, indem sie Straßenverkäufern erlaube, ihre Geschäfte wiederaufzunehmen. „Aber den zahllosen Menschen, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, ist damit nicht geholfen. Für sie gibt es keine Chance“, sagt Patrick Kulati, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Südafrika. Gleichzeitig steige auf dem Kontinent die Sorge, dass sich das Virus deutlich stärker ausbreiten könnte als anderswo – und Millionen Menschen das Leben kosten könnte. Denn neben den Ausgangssperren, sei auch die Umsetzung der anderen Maßnahmen völlig unrealistisch: Händewaschen und Hygiene Allein in Afrika südlich der Sahara haben 565 Millionen Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, 330 Millionen kein sauberes Wasser. Walter Odhiambo, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Kenia, sagt: „Die Leute in den Slums sind sich einig: „Wenn ich mich zwischen Brot oder Seife entscheiden muss, nehme ich sicher das Brot!“ Kontaktverbote Soziale Isolierung sei nicht möglich, wenn die Menschen in überfüllten Slums leben, wie zum Beispiel in Kibala in Kenia, wo 500.000 Menschen wohnen, oder in den Townships von Südafrika. „Überall hier ist es eng und voll. Große Familien teilen sich ein Zimmer. Die Menschen sind frustriert und aufgewühlt, weil sie sich nicht schützen können“, sagt Patrick Kulati, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Südafrika. Um eine humanitäre Katastrophe noch abwenden zu können, appellieren die SOS-Kinderdörfer an die internationale Solidarität: „Nur, wenn wir alle gemeinsam Afrika finanziell und materiell unterstützen, können wir das Schlimmste verhindern! Und nur dann werden wir das Virus dauerhaft besiegen!“

Psychologie
Corona-Krise: Menschen spüren mehr Dankbarkeit

Dortmund – Die Corona-Krise hat Deutschland fest im Griff, die Lage ist ernst. Manche Menschen erkranken schwer durch das Virus, die Zahl der Todesfälle steigt. Personen in helfenden Berufen, aber auch Mitarbeiter im Supermarkt und anderswo arbeiten bis über die Belastungsgrenze. Viele Unternehmen und Selbstständige machen sich Sorgen um ihre Existenz. Alle Menschen müssen lernen, mit den Herausforderungen dieser Zeit, wie den Ausgangsbeschränkungen, zu leben. Eine Blitzumfrage unter mehr als 1.200 Personen, die Prof. Dr. Nico Rose von der International School of Management (ISM) in Dortmund durchgeführt hat, bestätigt dieses Bild. Sie legt aber auch nahe, dass viele Menschen im Angesicht der Herausforderungen eine Art psychisches Wachstum erfahren. „Aktuell machen sich die Menschen deutlich mehr Sorgen als vor der Krise, sie sind weniger fröhlich und gelassen“, erklärt Rose. „Das ist allerdings nur einBlickwinkel auf die Wirklichkeit. Die Menschen bemerken, dass sie mit großen Problemen fertig werden, investieren mehr Energie in enge Beziehungen und gewinnen mehr Klarheit zur Frage, was wirklich wichtig ist im Leben.“ Die Ergebnisse der Umfrage deuten außerdem darauf hin, dass Menschen mehr Mitgefühl entwickeln und hilfsbereiter werden – ein Eindruck, der sich auch durch die enorme Welle an Solidarität in der Bevölkerung und der Wirtschaft bestätigen lässt. „Manche Menschen mögen es als zynisch empfinden, im Angesicht von so viel Leid auch nur über positive Konsequenzen nachzudenken“, fügt der Wirtschaftspsychologe hinzu. „Andererseits ist das eine der großartigen Seiten der menschlichen Existenz: Wir können in und an Krisen wachsen. Unter den richtigen Umständen bringen sie das Beste in uns hervor – und auch das Beste zwischen den Menschen und in der Gesellschaft an sich.“ Das Phänomen ist übrigens eher die Regel als die Ausnahme: Etwa 70 Prozent der Personen in der Studie beobachten bei sich mindestens ein paar Anzeichen von Wachstum, lediglich bei 30 Prozent ist das aktuell nicht der Fall. What went well? Dankbarkeit als Schlüssel Frauen berichten von deutlich mehr psychischem Wachstum, obwohl sie im Mittel aktuell auch mehr negative und weniger positive Emotionen empfinden. Es gibt allerdings eine gravierende Ausnahme: Sie geben zu Protokoll, dass sie seit dem Beginn der Krise deutlich mehr Dankbarkeit spüren. Für Männer trifft dies auch zu, aber nicht im gleichen Maße. Das Empfinden von mehr Dankbarkeit wiederum ist mit weitem Abstand jener Faktor, der das Erleben von Wachstum und resilientem Verhalten am besten vorhersagt. „Wir wissen schon länger, dass Dankbarkeit ein wichtiger Schlüssel zur Überwindung von Krisen ist“, erläutert Nico Rose. „Manche Menschen schaffen es, immer wieder ganz bewusst den Blick auf das zu richten, was ‚trotzdem gut‘ ist: die stärkenden Beziehungen im Leben, die Unterstützung, die man erhält, die kleinen und großen Herausforderungen, die man – trotz allem – kontinuierlich meistert.“ Ein solcher Blickwinkel lässt sich übrigens kultivieren. Entsprechende Konzepte sind Teil von manchen Spielarten der Psychotherapie, beispielsweise zur Behandlung von Depressionen. Das Erleben von psychischem Wachstum in der Corona-Krise hängt auch mit weiteren Faktoren zusammen, unter anderem einigen demographischen Aspekten: Menschen mit einem tendenziell höheren Einkommen und einer längeren Bildungshistorie berichten im Mittel von etwas mehr Anzeichen des Wachstums. Statistisch betrachtet steht der Einfluss dieser Faktoren jedoch deutlich hinter dem Kultivieren von Dankbarkeit zurück. Der psychologische Hintergrund: Wohlbefinden ist mehrdimensional Die meisten Menschen stellen sich psychologisches Wohlbefinden als einfaches Kontinuum vor, sprich: Manchmal geht es uns richtig gut, manchmal schlecht, an vielen Tagen normal gut. Die Daten der vorliegenden Studie und auch früherer Arbeiten deuten allerdings darauf hin, dass das tatsächliche Erleben vielschichtiger ist. „Man kann sich die Anwesenheit von psychischem Unwohlsein und psychischem Wohlbefinden besser als verwandte, aber unabhängige Dimensionen vorstellen – wie in einem Koordinatensystem. Menschen können folglich psychologische Einschränkungen erfahren (Stress, negative Gefühle etc.) und gleichzeitig positive Entwicklungen verspüren (mehr Dankbarkeit, ein Mehr an Klarheit usw.)“, so der Psychologe „Diesem Wachstum in und nach Krisenzeiten wird außerhalb der Forschung meist zu wenig Beachtung geschenkt.“ Hinweise zur Interpretation der Studie Die Ergebnisse der Studie sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Da die Umfrage über Netzwerke wie Twitter, XING, LinkedIn & Co. erfolgt ist, hat sie trotz der großen Stichprobe nur einen Ausschnitt der Bevölkerung erreicht. Sie ist somit nicht repräsentativ, sondern bildet den tendenziell gut ausgebildeten und monetär stabilen Teil der deutschen Bevölkerung ab. „Menschen mit unterdurchschnittlichen finanziellen Mitteln hatten unter Umständen nicht im gleichen Maß die technischen Möglichkeiten oder die Energie, die Fragen zu beantworten. Ob jene Personen auch positive Entwicklungen erfahren haben, konnte hier kaum erfasst werden“, sagt Nico Rose. „Vor diesem Hintergrund gilt es, derzeit in besonderem Maße solidarisch mit jenen Menschen zu sein, die – finanziell betrachtet – eher ‚am Rand der Gesellschaft‘ stehen.“

EU-Politik
Mützenich droht Ungarn wegen Notgesetzen mit Kürzung der EU-Mittel

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sieht in den Corona-Notgesetzen der ungarischen Regierung einen Verstoß gegen rechtsstaatliche Grundsätze und hat deswegen dem Land eine Kürzung der EU-Mittel angedroht. „Bei der Erstellung des Mehrjährigen Finanzrahmens für die EU, der in diesem Jahr beschlossen werden muss, werden wir darauf achten, dass die EU-Mittel nicht unabhängig von Rechtsstaatsdefiziten gezahlt werden“, sagte Mützenich der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Freitag). Das am Donnerstag verkündete Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Aufnahme von Flüchtlingen im Jahr 2015 sei „auch eine deutliche Warnung insbesondere an Ungarn, demokratische und rechtsstaatliche Grundsätze einzuhalten“, sagte Mützenich. „Die Notmaßnahmen, die Ungarn in dieser Woche wegen der Corona-Krise ergriffen hat und dem Ministerpräsidenten Victor Orban eine absolut unverhältnismäßige Machtfülle verschaffen, entsprechen diesen Grundsätzen nicht.“ Das Land verstoße damit gegen die Prinzipien der Europäischen Verträge. „Gerade in Krisenzeiten kann und muss sich Demokratie beweisen“, sagte Mützenich. Er rechnet nach dem Urteil mit Sanktionen gegen Ungarn, Polen und Tschechien. „Noch haben die drei Länder nicht mit Strafzahlungen zu rechnen. Aber sie wissen jetzt: Vereinbarungen in der EU – und seien es Mehrheitsentscheidungen – gelten“, sagte Mützenich. Die Weigerung sich daran zu halten, könne empfindliche finanzielle Nachteile bedeuten. „Ich gehe davon aus, dass die EU-Kommission nun entsprechende Sanktionen beantragen wird“, so der SPD-Fraktionschef.

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– Corona-Pandemie – Corona-Krise: Italien, Spanien und NATO danken Türkei für Hilfe

Zur Bekämpfung des Coronavirus hat die Türkei in die von der Pandemie hart getroffenen Länder Italien und Spanien Hilfscontainer geschickt. Die Außenminister Italiens und Spaniens haben der Türkei am Mittwoch dafür gedankt.

Corona-Krise: Italien, Spanien und NATO danken Türkei für Hilfe

Corona-Pandemie
Corona-Krise: Italien, Spanien und NATO danken Türkei für Hilfe

Rom – Zur Bekämpfung des Coronavirus hat die Türkei in die von der Pandemie hart getroffenen Länder Italien und Spanien Hilfscontainer geschickt. Das Verteidigungsministerium in Ankara teilte mit, ein Transportflugzeug habe Masken, Brillen, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel an Bord. Die Außenminister Italiens und Spaniens haben der Türkei am Mittwoch dafür gedankt. „Die heutige Hilfe ist für uns sehr wichtig. Wir danken Präsident [Recep Tayyip] Erdogan, Außenminister [Mevlut] Cavusoglu und dem gesamten türkischen Volk für ihre Solidarität, sagte der italienische Außenminister Luigi Di Maio. Auch Spaniens Außenministerin Arancha Gonzalez Laya dankte der Türkei in einem Beitrag auf Twitter für die Hilfe. Cavusoglu antwortete separat auf Nachrichten seiner Amtskollegen und betonte, dass sich Freunde in schwierigen Zeiten gegenseitig unterstützen. „Mit Liebe aus der Türkei für die Menschen in Spanien und Italien“, war auf den Kisten mit den Hilfsgütern zu lesen. Auf einigen Kisten auch die Worte des Sufi-Mystikers Mevlana Jalaluddin Rumi aus dem 13. Jahrhundert:
„Es gibt Hoffnung nach der Verzweiflung und viele Sonnen nach der Dunkelheit.“
Der Türkei-Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Nacho Sanchez Amor, schrieb:
„Vielen Dank an die türkische Regierung und das türkische Volk für Ihre einfühlsame Lieferung von Gesundheitsmaterial nach Spanien. Ich hoffe, Ihr Land leidet nicht unter der Grausamkeit von # COVID19 und erlebt dasselbe Ausmaß wie Spanien. Wir werden Ihre Solidarität niemals vergessen. teşekkür ederim,“
Auch NATO-Generalsekretär Stoltenberg lobte die Türkei auf Twitter. Er sei stolz zu sehen, wie sich Alliierte gegenseitig unterstützten. „#NATO Solidarität in Aktion: Die Türkei schickt heute ein Frachtflugzeug mit medizinischen Hilfsgütern nach Italien und Spanien, um unseren gemeinsamen Kampf gegen #COVID19 zu unterstützen“, sagte Stoltenberg auf Twitter.
(Screenshot/Twitter)
     

Corona-Pandemie
Corona-Krise: Aktuell mehr als 1 Million Infizierte weltweit

Berlin – Wie die amerikanische Johns-Hopkins-Universität am Mittwoch mitteilte, haben sich mittlerweile weltweit mehr als eine Million Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Demnach sind weltweit bislang 51.400 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Virus gestorben. 208.949 Menschen hätten die Infektion auskuriert. In Deutschland starben laut den jüngsten Zahlen des deutschen Robert-Koch-Instituts 1.097 Menschen, mindestens 84.600 Menschen hätten sich infiziert. In den Vereinigten Staaten wurden mit 236.339 Fällen die meisten Infektionen registriert. 5.648 sind dort bisher an den Folgen gestorben. Italien hat mit 13.915 Toten die meisten Opfer zu beklagen. In Spanien ist die Lage ähnlich. Hier infizierten sich bereits 110.238 Menschen, 10.096 starben.      

ARD-DeutschlandTrend
Umfrage: Zufriedenheit mit der Bundesregierung so hoch wie noch nie

Die Deutschen waren mit ihrer Bundesregierung noch nie so zufrieden wie im Moment. 63 Prozent sind mit der Arbeit der Koalition aus SPD und Union sehr zufrieden bzw. zufrieden. Das sind 28 Prozentpunkte mehr als noch im Vormonat. Während im März die Befragten mehrheitlich weniger bzw. gar nicht zufrieden mit dem Kabinett waren (65 Prozent), sind es aktuell 36 Prozent (-29 Prozentpunkte).

Das hat eine Umfrage von infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend in dieser Woche ergeben. Auch die Zufriedenheit mit dem aktuellen Krisenmanagement der Bundesregierung bezüglich des Corona-Ausbruchs ist mit 72 Prozent weiterhin hoch. 22 Prozent sind sehr zufrieden (+4 im Vgl. zur Vorwoche), 50 Prozent zufrieden (-7). 19 Prozent der Bundesbürger sind mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung weniger zufrieden (+1), 8 Prozent gar nicht zufrieden (+3). Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, würden 34 Prozent der Befragten ihre Stimme der Union geben. Das sind 7 Prozentpunkte mehr als noch vor einem Monat.

CDU und CSU konnten zuletzt im März 2018 diesen Wert erzielen. Die SPD käme unverändert auf 16 Prozent. Die AfD landet bei 10 Prozent (-2). Das ist der niedrigste Wert der Partei seit August 2017, als sie – damals noch nicht im Bundestag – auf 8 Prozent bei der Sonntagsfrage kam. Die FDP verliert einen Prozentpunkt und landet bei 5 Prozent, der niedrigste Wert der Freien Demokraten seit Januar 2017. Die Linke würden 7 Prozent der Befragten wählen (-2).

Die Grünen landen in der Sonntagsfrage bei 22 Prozent (-1) und wären damit wie zuletzt zweitstärkste Kraft. Für die Sonntagsfrage des ARD-DeutschlandTrends hat das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap von Montag bis Mittwoch dieser Woche 1.502 Wahlberechtigte bundesweit befragt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kann aktuell den höchsten Zufriedenheitswert mit ihrer Arbeit in dieser Legislaturperiode verzeichnen – 64 Prozent der Befragten sind mit ihrer Arbeit momentan sehr zufrieden bzw. zufrieden (+11 im Vgl. zum Vormonat). 34 Prozent sind mit ihrer Arbeit weniger bzw. gar nicht zufrieden. Mit der Arbeit von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sind derzeit 63 Prozent der Befragten sehr zufrieden bzw. zufrieden (+17 Punkte im Vgl. zum Vormonat) und 22 Prozent weniger bzw. gar nicht zufrieden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) legt im Vergleich zum März um 9 Prozentpunkte zu und kommt auf einen Zufriedenheitswert von 60 Prozent. 29 Prozent sind mit seiner Arbeit weniger bzw. gar nicht zufrieden.

Mit der Arbeit des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) sind derzeit 58 Prozent der Deutschen sehr zufrieden bzw. zufrieden. Das sind 16 Prozentpunkte mehr als im August 2019, als sein Wert zuletzt abgefragt wurde. 26 Prozent sind mit seiner Arbeit weniger bzw. gar nicht zufrieden. Auch mit der Arbeit von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sind 51 Prozent der Deutschen sehr zufrieden bzw. zufrieden. Das sind 13 Prozentpunkte mehr als im Januar. Innenminister Horst Seehofer (CSU) verbessert sich im Vergleich zum Vormonat um 4 Prozentpunkte und landet bei 47 Prozent Zufriedenheit. Mit der Arbeit von FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzendem Christian Lindner sind aktuell 31 Prozent (+3 im Vgl. zum Vormonat) der Bürger sehr zufrieden bzw. zufrieden, 52 Prozent sind weniger bzw. gar nicht zufrieden.

Grünenparteichefin Annalena Baerbock kommt auf 26 Prozent Zufriedenheit mit ihrer Arbeit (-3 im Vgl. zu Februar). 49 Prozent der Befragten kennen sie nicht oder können sie nicht beurteilen. Mit der Arbeit von Noch-CDU-Parteichefin und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sind 22 Prozent der Bürger sehr zufrieden bzw. zufrieden (+3 im Vgl. zum Vormonat); 67 Prozent sind mit ihrer Arbeit weniger bzw. gar nicht zufrieden.

Mit der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland sind 15 Prozent der Bürger sehr zufrieden bzw. zufrieden (+-0 im Vgl. zu Februar). SPD-Parteichef Norbert Walter-Borjans erreicht 12 Prozent Zufriedenheit (-2 im Vgl. zu Februar im Vgl. zu Februar); mehr als die Hälfte der Deutschen (59 Prozent) kennen ihn nicht oder können ihn nicht beurteilen. Mit der Arbeit von Bernd Riexinger (Die Linke) sind 9 Prozent der Befragten sehr zufrieden bzw. zufrieden. 73 Prozent kennen den Partei-Chef der Linke nicht oder können ihn nicht beurteilen.

Auf die Frage, ob die Verhältnisse in Deutschland eher Anlass zur Zuversicht oder eher Anlass zur Beunruhigung geben, gaben 44 Prozent der Deutschen an, dass bei ihnen die Zuversicht überwiege. Bei 51 Prozent ist es die Beunruhigung – das sind 9 Prozentpunkte weniger als Januar.

Corona-Pandemie
Deutschland: Über 2300 Ärzte und Krankenpfleger mit Coronavirus infiziert

Die zunehmende Ausbreitung der Corona-Pandemie erfasst auch immer mehr Ärzte und Krankenpfleger in Deutschland: Nach Informationen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ haben sich inzwischen mehr als 2300 Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in Deutschland mit dem Virus infiziert. Das teilte das Robert Koch Institut (RKI) auf Anfrage mit und verwies gleichzeitig darauf, dass die tatsächliche Zahl vermutlich höher liege. In Nordrhein-Westfalen, so teilte das Landesgesundheitsministerium mit, seien mit dem Stand von Mittwoch, 1. April, zudem 322 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ambulanten und vollstationären Pflegeeinrichtungen mit dem Covid19-Virus infiziert gewesen. Bei diesen Einrichtungen handelt es sich zum allergrößten Teil um Altenpflegeheime. 1485 Mitarbeiter befänden sich zudem in Quarantäne. In Baden-Württemberg wurden nach Angaben des Landesgesundheitsamts mit Stand vom Mittwoch, 1. April, 566 Infektionen bei medizinischem Personal registriert – und damit nahezu eine Verdopplung der Fälle im Vergleich zur Vorwoche. In Bremen sind bisher 18 Beschäftigte im medizinischen Bereich positiv getestet worden. Allein im Landkreis Zwickau in Sachsen sind nach Angaben des dortigen Gesundheitsamts 60 Ärzte und Pflegekräfte mit dem Virus infiziert. Besonders betroffen ist Bayern: In dem Bundesland waren nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung am Donnerstag 244 Arztpraxen infolge der Corona-Krise geschlossen. Die Zahlen beruhen auf einer Umfrage von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ unter knapp 400 Gesundheitsämtern sowie Landesregierungen und Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Bundesregierung sowie zahlreiche Landesregierungen gaben bei der Befragung an, selbst nicht über Zahlen zur Infektionsrate beim medizinischen Personal zu verfügen. Viele Gesundheitsämter hatten zurückgemeldet, solche Zahlen auch nicht zu erfassen. Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, kritisierte die Praxis und sprach von „Versäumnissen im Meldesystem“. Teils würden die Zahlen zum medizinischen Personal gar nicht erfasst, teils würden Meldungen noch per Fax versandt. Es sei „traurig und nicht nachvollziehbar, dass Länder wie Italien und Spanien diese Zahlen haben, wir aber nicht.“ Johna forderte gegenüber NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“, dass medizinisches Personal – nach Berufsgruppen getrennt, also Pfleger, Ärzte – auch bundesweit zentral erfasst werden. Das, so Johna, würde wichtige Hinweise über die Entwicklungen in den Krankenhäusern geben und sei von Bedeutung,

Köln
Corona-Krise: Kardinal Woelki nennt Flüchtlingslager „Schande für Europa“

Köln – Angesichts der Lage in den europäischen Flüchtlingslagern, insbesondere auf der griechischen Insel Lesbos, fordert der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, das sofortige Handeln der Europäer und notfalls auch einen deutschen Alleingang. „Lager wie das auf Lesbos müssen aufgelöst werden. Es müssen Orte gefunden werden, an denen die Menschen menschenwürdig leben können“, sagte Woelki dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Mittwoch-Ausgabe). Der Kardinal warnte angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus vor einem Massensterben. „Es ist doch absehbar: Wenn die Menschen in den Lagern vom Coronavirus betroffen werden, werden sie hinweggerafft, weil keine Schutzmaßnahmen vorhanden sind und keine Möglichkeit besteht, die entsprechenden Schutzmaßnahmen einzuhalten.“ Die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln sind heillos überfüllt. So leben auf Lesbos 20.000 Menschen auf einem Gelände, das für 3000 Menschen vorgesehen war. Helfer beklagen die unzureichenden hygienischen Verhältnisse. Erstmals wurde am Dienstag im Lager von Ritsona bei einer aus Afrika stammenden Frau eine Infektion mit dem Coronavirus festgestellt. Der Erzbischof erklärte, Europa trage eine große Verantwortung und dürfe sich „nicht durch unterlassene Hilfe am Leid, vielleicht sogar am Tod so vieler Menschen mitschuldig machen“. Die Zustände in den Flüchtlingslagern nannte Woelki „eine Schande für Europa“. Er plädierte dafür, in einem ersten Schritt – wie von der EU bereits erwogen – „zumindest die Kinder und unbegleiteten Jugendlichen herauszuholen. Aber auch die anderen dürfen nicht vergessen werden. Die Europäer sollten zusammenstehen und zeigen, dass sie diese Menschen in Not nicht allein lassen.“ Auch wenn Deutschland das Problem nicht allein lösen könne, solle es „mit gutem Beispiel vorangehen“, so der Erzbischof weiter. Er habe den Eindruck, „dass unser Land leider manchmal dazu beiträgt, dass andere EU-Mitglieder wie Italien oder Spanien sich allein gelassen fühlen, weil sie auch aus Deutschland nicht genug Solidarität und Unterstützung erfahren“. Deutschland müsse jetzt „selbst die Initiative ergreifen, das sehe ich auf jeden Fall so. Alles, was die Not lindern hilft, ist jetzt gefordert und geboten.“

NEX24 Interview
Französischer Historiker: „Die Verbrechen der armenischen Milizen sind in Vergessenheit geraten“

Interview mit dem französischen Autor Yves Bénard Anlässlich des Gedenktages des Völkermordes an den Türken, an das alljährlich zum 31. März weltweit erinnert wird, wurde folgendes Interview mit dem französischen Gelehrten und Historiker Yves Bénard geführt. In seinem viel zitierten Werk Geschichte verdrehtDie Wahrheit über das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich, geht Bénard im Besonderen auf die Massaker ein, die durch armenische Milizen vor und während des Ersten Weltkrieges an der türkischen Bevölkerung verübt wurden. NEX24: Die deutsche Ausgabe des Buches hat nach seiner Veröffentlichung viel Zuspruch und Anerkennung aus der deutschsprachigen Leserschaft erhalten. Können Sie uns erklären wie Sie auf dieses Thema mit den Armeniern gekommen sind? Bénard: An einem Winterabend saß ich mit türkischen Freunden in einer Kneipe, wo wir uns gewöhnlich einmal die Woche treffen, um Karten zu spielen. Die Nachrichten liefen im Fernseher. Als erste Schlagzeile verkündete der Journalist, dass Präsident Chirac und sein erster Minister Lionel Jospin am 29.1.2001 ein Dekret verabschiedet haben, in dem stand, dass Frankreich den Völkermord an den Armeniern anerkannte. Die Ankündigung ließ meine Freunde verstummen. Nach einer langen Zeit des Schweigens fingen sie an zu erzählen. Ich hörte zu, ohne mich an den Gesprächen zu beteiligen. Sie kamen aus einer kleinen Stadt namens Bayburt, in der Osttürkei. 1915 nahmen Armenier die jungen und alten türkischen Bewohner der Stadt gefangen und sperrten sie in drei Scheunen auf dem Stadthügel unterhalb der Festung ein. Sie stecken die erste, dann die zweite an. Zum Glück für die dritte Scheune kam die türkische Armee rechtzeitig und vertrieb die Mörder. Die türkischen Soldaten befreiten die Gefangenen. Aber leider wurden Hunderte bei lebendigem Leib verbrannt. Wie alle Franzosen war ich überzeugt, dass gegen die Armenier ein Völkermord begangen worden war, und dass sie in diesem Konflikt nur Opfer gewesen waren und auf gar keinen Fall Täter. Ich kannte meine Freunde seit langem und konnte nicht an deren Worten zweifeln. So fasste ich meinen Entschluss und begann über die türkisch-armenischen Ereignisse von 1915 zu recherchieren. NEX24: Herr Bénard. Gerade Frankreich erweist sich dieser Tage als besonders „heißes Pflaster“, wenn es darum geht die Völkermord-These an den Armeniern zu entkräften. Ich denke da an die starke und sehr einflussreiche armenische Gemeinde und an die Deklaration des 24. Aprils zum Jahrestag des sog. Armenischen Völkermords in Frankreich. Mit welchen Hindernissen bzw. Schwierigkeiten müssen unabhängige Historiker in Frankreich rechnen, wenn sie, wie Sie, sich diesem heiklen Thema widmen und eine Publikation herausbringen wollen? Bénard: Die armenische Diaspora in Frankreich ist nicht sehr groß, aber sehr aktiv. Sie bekommt viel Unterstützung sowohl von der Nationalversammlung und dem Senat als auch von den Medien. 2006 haben die Linken Abgeordneten eine Gesetzesvorlage eingebracht, die die Verneinung oder Banalisierung des Völkermordes an den Armeniern bestrafte. Die Widerspenstigen, wie ich, riskierten, dass man sie für ein Jahr ins Gefängnis steckte und eine Geldstrafe von 4.500 Euro erhielt. Neuerdings schaffte es die armenische Diaspora, dass der 24. April als Gedenkfeiertag des Völkermordes an den Armeniern 1915 in Frankreich durch Emmanuel Macron anerkannt wurde. In Frankreich sind die Chancen gleich null einen Verlag zu finden, der ein Buch über die türkisch-armenische Tragödie veröffentlicht, wenn dieses Buch nicht konform mit der Position des Erziehungsministeriums und dem exekutiven Ausschuss ist.
“Wie alle Franzosen war ich überzeugt, dass gegen die Armenier ein Völkermord begangen worden war, und dass sie in diesem Konflikt nur Opfer gewesen waren und auf gar keinen Fall Täter.”
Ich habe 70 Verlagshäuser in Frankreich, Belgien, Luxemburg und in der Schweiz kontaktiert, ohne Erfolg. Und dann geschah ein Wunder. Ein Verlag aus Paris zeigte sich plötzlich einverstanden, das Buch zu veröffentlichen. Nach anderthalb Jahren ist das Buch endlich verfügbar. Es gibt viele Bestellungen. Der Verlag und Autor freuen sich darüber. Leider waren diese Glücksgefühle von kurzer Dauer. Eine Woche später hat der Verlag solche Angst bekommen, dass die Veröffentlichung meines Buches sofort gestoppt wurde. Es wurden allerlei Drohungen gegen den Verlag ausgesprochen. NEX24: Nun hat sich bekanntlich der US-amerikanische Senat jüngst einer ganzen Reihe von anderen Länderparlamenten angeschlossen und die Ereignisse von 1915 als Völkermord klassifiziert. Die ursprünglich rein historische Kontroverse wird nun zunehmend auf dem politischen Parkett diskutiert als in Hörsälen. Gibt es einen Bedarf an einem politischen Diskurs? Falls ja wie kann dieser sein? Was könnten die Armenier politisch fordern, was die Türken? Bénard: 21 Länder haben das Massaker der Armenier aus dem Osmanischen Reich von 1915 als Völkermord anerkannt. In all diesen Ländern ist der Einfluss der armenischen Diaspora ausnahmslos sehr groß. Unter diesen 21 Ländern befinden sich Uruguay und Paraguay und es gibt wenige Gründe zu denken, dass die Einwohner dieser beiden Länder sich für die Probleme der Armenier wirklich interessieren. Die armenische Diaspora erhofft sich erheblichen Profit zu generieren sowohl territorialer als auch finanzieller Art. Hierfür ist es nötig, dass die ganze Welt den Völkermord anerkennt. Die in Jerewan an der Macht befindliche Daschnak-Partei hat aber nichts davon bekommen und hat es auch nicht mal versucht. Die Diaspora wird ungeduldig. Und so griffen sehr politisch engagierte junge Armenier aus dem Libanon zur Gewalt, denn sie waren überzeugt, dass der Dialog zu nichts führen und Gewalt effizienter sein würde. Sie formierten eine terroristische Organisation namens ASALA (Die Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens), deren Programm einer Kriegserklärung an die Türkei glich. 20 Jahre lang griff die ASALA türkische Bürger und türkische Güter fast überall auf der Welt an. NEX24: Die Terroranschläge der ASALA trafen bekanntlich nur unschuldige Zivilisten, die zum Zeitpunkt der Zwangsumsiedlung der Armenier nicht einmal geboren worden waren. Also ist das Motiv der Vergeltung nicht sehr überzeugend. Wozu dann diese Gewalt? Bénard: Zahlreiche Diplomaten, Botschafter, Berater, Chauffeure und Sekretäre wurden von den Terroristen der ASALA umgebracht. Ihre Hoffnungen wurden übertroffen, denn die Medien berichteten viel mehr über den Völkermord an den Armeniern als über die Opfer durch die armenischen Terroristen. Nur das Bombenattentat vom 15. Juli 1983 auf dem Pariser Flughafen Orly wurde ein Attentat zu viel. Es geschah in der Halle des Terminals Süd des Flughafens durch einen syrischen Zweig der ASALA. Die Bombe explodierte am Check-in-Schalter der Fluggesellschaft Turkish Airlines und verursachte acht Tote und 56 Verletzte. Die französisch-armenische Diaspora empörte sich und zum ersten Mal unterstütze sie die Terroristen nicht. Diejenigen, die nicht von der Polizei verhaftet wurden, schlossen sich der Terroristenorganisation PKK an. Mit dem Orly-Attentat beendete die ASALA ihre Terroraktionen. Vor der ASALA war die türkisch-armenische Tragödie nur ein polemisches Thema über historische Ereignisse, worüber man wenig sprach. Aber plötzlich wurde sie zum Zankapfel, denn die Türkei hatte dem armenischen Präsidenten eine offizielle Anfrage unterbreitet, damit sich türkische und armenische Experten treffen.
“Das Einzige woran sie [die Armenier] interessiert sind, ist die Anerkennung des sogenannten Völkermordes, damit sie hohe Reparationszahlungen bekommen sowie die Zurückgewinnung der vermeintlichen armenischen Territorien.”
NEX24: Was könnten die Armenier politisch fordern, was die Türken? So konnten sie ein offizielles Statement abgeben, das ein für alle Mal klären würde, ob es sich um einen Völkermord gehandelt hat oder nicht. Und auf der anderen Seite, die westliche Welt, die von der Türkei verlangt, dass sie einen Völkermord anerkennt, welche von einer Großzahl sehr kompetenter und ehrlicher Historiker angefochten wird, da die Millionen türkischer Zivilisten, die durch die armenischen Milizen der Daschnaken und der Hintschaken getötet worden sind, stillschweigend vergessen werden.
“Alle Massaker, alle Verbrechen, alle Vergewaltigungen, die von den Armeniern begangen wurden, sind vollkommen in Vergessenheit geraten.”
Die Armenier erinnern fortwährend die Weltöffentlichkeit an diese Tragödie, in der, ihrer Meinung nach, alle Armenier unschuldige Opfer und die Türken blutige Henker waren. Mehr als ein Jahrhundert nach dieser Tragödie vermitteln die Armenier ihren Kindern einen tiefen Hass den Türken gegenüber und lehren sie ihre Version der Geschichte, wobei sie ohne Grund durch die Türken massakriert worden seien. Die Armenier und die armenische Diaspora wünschen sich keine Annäherung mit der Türkei. Das Einzige woran sie interessiert sind, ist die Anerkennung des sogenannten Völkermordes, damit sie hohe Reparationszahlungen bekommen sowie die Zurückgewinnung der vermeintlichen armenischen Territorien. Meiner Meinung nach ist ein türkisch-armenischer Dialog momentan verfrüht. NEX24: In Ihrem Buch gehen Sie auch auf Massaker an Türken ein, die durch armenische Milizen begangen wurden. Das ist stark konträr zur Vorgehensweise vieler Lobby-Historiker und auch des sogenannten Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr Universität, die sich in peinliches Schweigen hüllen, wenn es um die Verbrechen armenischer Milizen an der muslimischen Bevölkerung geht. Reduziert aus dieser Sichtweise der Westen die Geschehnisse nicht zu stark auf eine schwarz-weiß Malerei? Also anders ausgedrückt, waren Armenier wirklich nur Opfer und die Kurden und Türken die Täter? Bénard: Ich erzähle in meinem Buch Geschichte verdreht von den Massakern, die von den armenischen Milizen der Daschnaken und Hintschaken begangen worden sind. Die fast 1 Million (oder vielleicht mehr) Opfer waren alte Leute, Frauen und Kinder, denn alle dienstfähigen Männer kämpften an verschiedenen Fronten. Die Türkei wurde von allen Seiten attackiert. In den Dörfern blieben nur die wehrlosen Frauen, Kinder und die alten Leute. Auf genau diesen Augenblick hatten die Armenier gewartet, um die restliche Bevölkerung zu töten und die Städte und Dörfer in Brand zu setzen. Alle Massaker, alle Verbrechen, alle Vergewaltigungen, die von den Armeniern begangen wurden, sind vollkommen in Vergessenheit geraten. Sie werden nicht in der offiziellen türkisch-armenischen Geschichte von 1915 erwähnt. Es bleiben nur die von den Türken begangenen Verbrechen übrig, die sehr übertrieben dargestellt werden, manchmal auch nur erfunden. Mehr als ein Jahrhundert später bleiben die Armenier in der kollektiven Erinnerung trotz aller ihrer Verbrechen als die unschuldigen Opfer und die Türken und Kurden als die ewigen Schuldigen haften. NEX24: Die Türkei hat ja vorgeschlagen eine internationale Historikerkommission zu diesem Thema einzuberufen. Warum geht die armenische Diaspora und Armenien darauf nicht ein? Bénard: Am 10. April 2005 hat Präsident Erdoğan, damals noch erster Minister, dem Präsidenten der armenischen Republik einen Brief geschrieben. In diesem schlägt er ihm offiziell vor, eine Gruppe von Historikern aus den beiden Ländern zu bilden, damit sie gemeinsam die Ereignisse von 1915 aufarbeiten, nicht nur auf der Basis der nationalen Archive der Türkei oder der von Armenien, sondern auch die Archive von den betroffenen Drittländern. Am Ende sollen die Schlussfolgerungen diese Analyse der internationalen öffentlichen Meinung vorgestellt werden. Es ist schwer zu glauben, dass so ein Vorschlag aus einem Land kommen könnte, dass sich schuldig weiß. Auf die gleiche Art und Weise ist es unverständlich, dass die Armenier, die ihre Unschuld durch die Welt posaunen, diesen Vorschlag ablehnten. Warum haben die Armenier nicht darauf zurückgegriffen? Warum haben sie das nicht vor Jahrzehnten gemacht? Was haben Sie zu befürchten? Alle diese grundsätzlichen Fragen werden ohne Antwort bleiben so lange Experten, Historiker und Juristen nicht zu Wort kommen können. Ein Land des Völkermordes zu bezichtigen, um seine eigenen inneren Konflikte zu lösen, ist eine extrem schwere Anklage, die ernst genommen werden sollte und die Irrtümer ausschließen muss. Die einzige Abhilfe zu diesem bedeutungsvollen Problem kann nur, wie Recep Tayyip Erdoğan, Präsident der Türkei, vorgeschlagen hatte, gelöst werden. Nur durch die Intervention von Historikern, Juristen und Experten, aber dies wurde von den Armenien abgelehnt. Dieser Vorschlag sollte noch mal gemacht werden, aber Europa sollte als Zeuge dabei sein, sodass Armenien es unmöglich ablehnen könnte. NEX24: Monsieur Bénard wir bedanken uns für das erkenntnisreiche Interview und hoffen auf eine angemessene Anerkennung der muslimischen Opfer und auf eine ausgewogenere Betrachtung der Ereignisse um das Jahr 1915. Das Interview führten Ferhat Avşar und Kemal Bölge.  Das Buch aus der Feder des französischen Historiker Yves Bénard “Geschichte verdreht – Die Wahrheit über das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich“ ist erhältlich über folgende Links: Amazon Manzara Online Shop

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– NEX24-Interview – Protest gegen Armenien-Resolution: Nach 21 Jahren aus CDU ausgetreten

Der Siegener Politikwissenschaftler und Leiter des Forschungszentrums Südosteuropa und Kaukasus, Dr. Christian Johannes Henrich, hat bereits in seiner Doktorarbeit die westliche Einseitigkeit in der Bewertung der Ereignisse von 1915 in Ostanatolien kritisiert. Er ist 2015 aus Protest gegen die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages nach 21 Jahren aus der CDU ausgetreten.

Protest gegen Armenien-Resolution: Nach 21 Jahren aus CDU ausgetreten