Literaturpreis
Feridun Zaimoglu erhält Berliner Literaturpreis 2016

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Berlin (nex) – Die Stiftung Preußische Seehandlung ehrt den deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoglu mit dem Berliner Literaturpreis. Der Preis ist mit 30 000 Euro dotiert und mit der Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin verbunden. Zaimoglu erhalte den Preis „für sein sprachgewaltiges erzählerisches und dramatisches Werk“, erklärte die Jury. Zaimoglu, 1964 im türkischen Bolu geboren, lebt seit frühester Kindheit in Deutschland. Zentrales Thema seiner Werke sind die Schicksale von Migranten und Einwanderern. Zuletzt erschien die west-östliche Familiensaga „Siebentürmeviertel“. Der Berliner Literaturpreis wird seit 2005 von der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen. Zaimoglu wird den Preis am 17. Februar 2016 vom Regierenden Bürgermeister und Stiftungsvorsitzenden Michael Müller (SPD) entgegennehmen. Bisherige Preisträger waren unter anderem Herta Müller, Durs Grünbein und Sibylle Lewitscharoff.

"Maßnahmen der Notwehr"
Bayern will Flüchtlinge nach Österreich und in andere Bundesländer schicken

München (dts) – Das Bayerische Kabinett wird am Freitag sogenannte „Maßnahmen der Notwehr“ zur Begrenzung der Zuwanderung beschließen. Dazu gehören unter anderem Abschiebungen nach Österreich und die direkte Durchleitung von Flüchtlingen in andere deutsche Bundesländer. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte gegenüber „Bild“ (Freitag): „Da geht es um Integration, Bildung und Ausbildung. Hinzu kommen ausdrücklich auch Maßnahmen der Notwehr zur Begrenzung der Zuwanderung, wie etwa Zurückweisungen an der Grenze zu Österreich und unmittelbare Weiterleitung neu eintreffender Asylbewerber innerhalb Deutschlands.“

Tritt für Deutschland bald der NATO-Bündnisfall in Kraft?
NATO: „Jederzeit bereit, die Türkei gegen Bedrohungen zu verteidigen“

NATO: „Jederzeit bereit, die Türkei gegen Bedrohungen zu verteidigen“
Brüssel (nex) – Die NATO ist bereit, Truppen in die Türkei zu schicken, um ihren Verbündeten gegen Bedrohungen an dessen Südflanke zu verteidigen. Dies erklärte der Generalsekretär der US-geführten Militärallianz, Jens Stoltenberg, am Donnerstag, nachdem Berichten zufolge russische Kampfflugzeuge, die in Syrien Luftschläge im Rahmen ihres Antiterroreinsatzes ausführen sollten, türkischen Luftraum verletzt hätten.
„Die NATO ist bereit und in der Lage, alle Verbündeten, inklusive der Türkei, gegen jedwede Bedrohung zu verteidigen“, erklärte Stoltenberg im Vorfeld eines Treffens der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel Reportern gegenüber. Im Mittelpunkt des Treffens soll die Syrien-Krise stehen.
„Die NATO hat bereits reagiert“, erklärte Stoltenberg. „Wir haben unsere Kapazitäten erweitert, unsere Fähigkeiten, unsere Bereitschaft, Kräfte in den Süden zu verlegen, auch in die Türkei.“ Die russischen Luftschläge und Raketenangriffe seien „Gründe zur Besorgnis“. Stoltenberg erklärte auch, es sei noch keine Entscheidung gefallen hinsichtlich der NATO-Truppenstärke in Afghanistan.
Die NATO verurteilte am Montag die Russische Föderation wegen des mutmaßlichen unerlaubten Eindringens eines russischen Kampfflugzeuges in den türkischen Luftraum entlang der Grenze zu Syrien. NATO-Botschafter bezeichneten Russland gegenüber die Grenzverletzungen als „extrem gefährlich“ und „verantwortungslos“. Russland sprach demgegenüber von einem „Versehen“.
Die Türkei, die innerhalb der NATO über die zweitgrößte Armee verfügt, hatte am Samstag zwei MIG-Jets abgefangen, die dem türkischen Außenminister zufolge im Zuge von Flügen entlang der Grenze nahe der südtürkischen Provinz Hatay in türkischen Luftraum eingedrungen seien. Im Zuge eines zweiten Vorfalls soll am Sonntag ein MiG-29-Kampfjet, wie er sowohl von der russischen als auch von der syrischen Luftwaffe benutzt wird, zwei türkische F-16 ins Radar genommen haben, als diese am Sonntag Patrouillenflüge entlang der Grenze abgehalten hatten.

Ausfuhren gestiegen
Deutschland: Exporte im August um fünf Prozent gestiegen

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Wiesbaden (dts) – Die deutschen Ausfuhren sind im August des laufenden Jahres um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Insgesamt wurden von der Bundesrepublik Waren im Wert von 88 Milliarden Euro exportiert und Waren im Wert von 72,8 Milliarden Euro importiert, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Gegenüber Juli 2015 sanken die Exporte kalender- und saisonbereinigt demnach um 5,2 Prozent und die Importe um 3,1 Prozent. Die Außenhandelsbilanz schloss im August 2015 mit einem Überschuss von 15,3 Milliarden Euro ab. In die Mitgliedstaaten der EU wurden im August 2015 Waren im Wert von 49,4 Milliarden Euro versandt und Waren im Wert von 46,2 Milliarden Euro von dort bezogen. In die Länder der Eurozone wurden Waren im Wert von 30 Milliarden Euro geliefert und Waren im Wert von 31,5 Milliarden Euro aus diesen Ländern bezogen. In die EU-Länder, die nicht der Eurozone angehören, wurden im August 2015 Waren im Wert von 19,3 Milliarden Euro exportiert und Waren im Wert von 14,8 Milliarden Euro von dort importiert. In die Länder außerhalb der Europäischen Union, die sogenannten Drittländer, wurden im August Waren im Wert von 38,7 Milliarden Euro exportiert und Waren im Wert von 26,5 Milliarden Euro aus diesen Ländern importiert, teilten die Statistiker weiter mit.  

Abgas-Skandal
Verband: VW-Skandal belastet bereits Zulieferindustrie

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Berlin (dts) – Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen wirkt sich bereits auf die Zulieferer des Wolfsburger Autobauers aus. „VW und die Zulieferer sind schon deutlich zurückhaltender in ihren Mengenplanungen“, sagte Thomas Reuther, der Präsident des Verbands Deutscher Metallhändler (VDM), der „Welt“. Vertragsmengen würden derzeit geschoben oder teilweise sogar ganz abgesagt. „Derzeit befürchten wir einen Einbruch von zehn Prozent bei den Bestellungen“, sagte Reuther. „Wir stehen am Anfang der Lieferkette und sind daher schon jetzt unmittelbar betroffen.“ Rund 600.000 Tonnen Metalle kauft Volkswagen jedes Jahr, meldet der Verband, insbesondere Aluminium und Kupfer. Damit sind die Niedersachsen der mit Abstand größte Kunde im Metallhandel – und ein Klumpenrisiko. „Ein Drittel der Metallfirmen macht sicher 20 Prozent des Umsatzes direkt oder indirekt mit VW“, sagte Reuther. Also habe die Branche nun große Sorgen, wie es weitergeht. „In den vergangenen Jahren haben wir von der Autoindustrie profitiert, jetzt werden wir voraussichtlich mitleiden.“ Zwar stehe seine Industrie derzeit gut da. „Die Gefahr eines Flächenbrands ist aber gegeben“, warnte Reuther, der deswegen auch Personalmaßnahmen mittel- bis langfristig nicht ausschließt. Andernorts werden die Sorgen ebenfalls größer. „Noch spüren wir von den Turbulenzen nichts, aber das heißt nicht, dass das so bleibt“, sagte ein Manager eines großen Zulieferkonzerns der „Welt“. Man beginne bereits damit, sich für mögliche Absatzrückgänge in Folge der VW-Abgas-Krise zu wappnen. „Das Klima wird rauer. Daher sind wir dabei, die wetterfeste Kleidung aus dem Schrank zu holen“, sagte der Manager. Was ihn und viele andere in der Branche derzeit noch beruhige, sei die Tatsache, dass man „von einem extrem hohen Niveau“ komme. „Es lief einfach glänzend in den vergangenen Jahren. Daher sind die Überstundenkonten voll. Die können wir nun als erstes abbauen.“ Schritt zwei wäre dann, Leiharbeiter zu entlassen. So weit sei es aber noch nicht. Unwahrscheinlich scheint dieses Szenario aber offenbar nicht. Das jedenfalls meinen Branchenexperten. „Es ist mit einer Absatzdelle zu rechnen. Das Ausmaß kann derzeit nicht abgeschätzt werden, doch die Zulieferer müssen sich auf Umsatzrückgänge einstellen“, sagte Stefan Bratzel, Autoexperte von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. „Wenn Volkswagen Probleme hat, löst das einen Dominoeffekt aus, der die Lieferanten trifft.“ Vor allem in den USA werde VW wohl in der kommenden Zeit weniger Autos verkaufen. Folglich würden weniger Fahrzeuge gebaut und weniger Teile gebraucht. „Das ist ein wahrscheinliches Szenario in den USA, aber auch in Europa“, so Bratzel.

Ökonomen
Flüchtlingskrise ist „kleines Konjunkturprogramm“

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Berlin (dts) – Die hohen Flüchtlingszahlen stützen nach Einschätzung führender Ökonomen die deutsche Konjunktur: „Kurzfristig wirkt der starke Flüchtlingszuzug wie ein kleines Konjunkturprogramm“, sagte der Chef des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, der „Rheinischen Post“ (Donnerstagausgabe). „Denn der Staat pumpt jetzt viele Milliarden für die Versorgung der Flüchtlinge in die Wirtschaft“, sagte Hüther. „Diese Ausgaben versickern nicht im Ausland, sondern schaffen im Inland neues Geschäft und neue Arbeitsplätze“, sagte der Chef des arbeitgebernahen Instituts. Auch Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater sagte der Zeitung, wegen der milliardenschweren Mehrausgaben für Flüchtlinge seien „einige wenige Zehntelpunkte zusätzliches Wachstum“ für die Jahre 2015 und 2016 zu erwarten. Ob die Zuwanderung langfristig ein wirtschaftlicher Erfolg werde, hänge davon ab, ob möglichst viele junge Flüchtlinge in Arbeit kämen, sagten die Ökonomen. Der unerwartete Konjunkturimpuls durch die Flüchtlingskrise wirkt den Ökonomen zufolge negativen Effekten aus dem Ausland entgegen. Vor allem das schwächere Wachstum in China und anderen Schwellenländern bremse die exportabhängige deutsche Industrie. Das sehen auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute so, die in Berlin ihr Herbstgutachten vorlegen: Nach ihrer Prognose wächst die deutsche Wirtschaft 2015 und 2016 um jeweils 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Flüchtlingspolitik
Grüne werfen Merkel Tatenlosigkeit in Flüchtlingskrise vor

Berlin (dts) – Die Grünen werfen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Tatenlosigkeit in der Flüchtlingskrise vor. „Angela Merkel präsidiert, statt zu regieren. Ihr `Wir schaffen das` ist eine Abfuhr an die Schwarzmaler und Kritiker in den eigenen Reihen. Doch so richtig dieses Signal ist, so sehr fehlt ein Master-Plan für die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge“, sagte die Grünen-Vorsitzende Simone Peters nach dem TV-Auftritt der Kanzlerin der „Welt“. Konkret müsse es jetzt „um einen bundesweiten Investitionspakt für die Integration gehen, um entbürokratisierte Asylverfahren und ein modernes Einwanderungsrecht“, forderte die Chefin der Grünen im Gespräch mit der Zeitung.

Monatsbericht
Türkische Automobilproduktion erreichte im September ein neues Allzeithoch

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Türkische Automobilproduktion erreichte im September ein neues Allzeithoch
Ankara (nex) – Die türkische Automobilproduktion hat mit 974 000 Fahrzeugen im September ein neues Allzeithoch erreicht. Dies geht aus dem Monatsbericht der Vereinigung der Automobilbauer (OSD) hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.
Diese Zahl – auch die höchste seit Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 – wiegt umso schwerer, als es erst im Mai noch einen groß angelegten Streik im Automobilsektor gegeben hatte. Auf Grund des ungünstigen Verhältnisses zwischen Euro und US-Dollar sind dennoch die Exporte in diesem Bereich um neun Prozent zurückgegangen und lagen bei 15,71 Milliarden US-Dollar.
Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres stieg die gesamte Fahrzeugproduktion zwischen Januar und September um 17 Prozent an, dabei gab es ein Plus von sieben Prozent bei Automobilen. Auch der Fahrzeugmarkt wuchs in dieser Zeit um 39 Prozent und erreichte 693 000 Stück. Insgesamt 501 000 der verkauften Fahrzeuge waren Automobile, dies war ein Plus von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Bei den Nutzfahrzeugen war der Anstieg teilweise noch höher. Den OSD-Daten zufolge zeigten die Teilmärkte der leichten Nutzfahrzeuge (mit einem Plus von 52 Prozent), der inländischen Nutzfahrzeuge (plus 63 Prozent) und der Importnutzfahrzeuge (plus 40 Prozent) ebenfalls ein überdurchschnittliches Wachstum. Diese Kategorien betreffen vor allem Klein- und Mittelbetriebe.
Im Schwerverkehr gab es ein Plus von 12 Prozent, in diesem Bereich wurden 30 197 Fahrzeuge verkauft. Im Laufe der zehn vorangegangenen Jahre wuchs der Automobilmarkt um 45,3 Prozent, jene der leichten Nutzfahrzeuge um 6,8 Prozent, der Markt für LKWs um 16,6 Prozent. Hingegen schrumpfte der Markt für Omnibusse um 15 Prozent und die Inlandsnachfrage bleibt niedrig, was vor allem auf die Entwicklungen im Bereich des Luftverkehrs und auf der Schiene zurückzuführen ist.
Auch im Bereich der Exportwirtschaft bleibt die Autoindustrie weiterhin ein gewichtiger Faktor. Im Zeitraum zwischen Januar und September wurden 707 000 Fahrzeuge exportiert, was gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres ein Plus von acht Prozent ergibt. Bei den Nutzfahrzeugen gab es ein Exportplus von 27 Prozent. In diesem Bereich wurden 278 000 Fahrzeuge abgesetzt. Dennoch machen Importfahrzeuge nach wie vor 75 Prozent des türkischen Marktes aus.

Stockholm
Literatur-Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

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Stockholm (dts) – Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erhält den diesjährigen Literatur-Nobelpreis. Das verkündete die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm. Alexijewitsch erhalte den Nobelpreis demnach „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Das literarische Verfahren von Alexijewitschs Büchern bestehe darin, „durch eine Collage von menschlichen Stimmen unsere Kenntnis einer historischen Epoche zu vertiefen“, hieß es weiter. Zuletzt erschien von Alexijewitsch das Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Der Nobelpreis für Literatur ist mit umgerechnet etwa 850.000 Euro dotiert.

Systematische Entrechtung begann 1918 durch die Briten
Das vergessene Volk des Irak: Die Turkmenen

Die Turkmenen sind mit etwa drei Millionen Angehörigen die drittgrößte Volksgruppe im Irak nach Arabern und Kurden. Sie leben in Regionen, die nahe dem türkischen Kernland liegen und sprechen einen Dialekt des Türkischen, der jenem ähnlich ist, der in Istanbul gesprochen wird.

Kirkuk (eurasia/nex) – Ihre zahlenmäßige Bedeutung konnten die irakischen Turkmenen jedoch nie in politische Bedeutung ummünzen, und während sie bereits durch die Geschichte hindurch stetig Vertreibung, Isolation, Diskriminierung und Gewalt miterlebten, sind sie auch heute in der irakischen Politik unterrepräsentiert und ihre Anliegen werden weithin ignoriert. Mehrfach überfiel die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) turkmenische Dörfer und tötete zahlreiche Einwohner. In anderen Teilen des Iraks werden Turkmenen durch Gruppen entführt, die Lösegeld erpressen wollen. Auch unter Saddam Hussein gehörten die Turkmenen zu den Unterprivilegierten. Tausende von ihnen wurden während der 1980er Jahre im Zentral- und Südirak aus ihren Heimatdörfern vertrieben und enteignet, als eine aggressive Arabisierungspolitik im Land durchgesetzt wurde. Die systematische Entrechtung der und Vorenthaltung politischer Rechte gegenüber den Turkmenen begann aber bereits 1918 mit der Kolonialisierung des Irak durch die Briten“, erklärte Turhan Ketene, der Gründer und Vorsitzende der Irakischen Turkmenenfront (ITF), einst ein Dachverband aller nationalistischen turkmenischen Parteien. Heute wolle man nicht durch eine Anerkennung der Tatsache, dass die Turkmenen 13 Prozent der Bevölkerung, so eigene Angaben, ausmachen, ein weiteres Problemfeld im Land auftun, so Ketene. Torhan Mufti, der Vorsitzende der turkmenischen nationalistischen Hak-Partei, erklärte, die Turkmenen hätten es versäumt, mehr Rechte und Freiheiten einzufordern, ihr konfisziertes Land wiederzubekommen oder sich zur Verfolgung ihrer Anliegen an die internationale Gemeinschaft zu wenden. Die Turkmenen hätten sich zu sehr an die Türkei angehängt und zu wenig eigenständig ihre Interessen auf nationaler und internationaler Ebene zur Geltung gebracht.   Die Turkmenen, die im Laufe der Jahrhunderte insgesamt sechsmal den Irak regiert hatten, bewohnen mehrere Regionen, die weit über das Land verstreut sind, leben jedoch hauptsächlich im Norden. Dort teilen sie sich Territorien mit den Kurden, die ihnen jedoch ebenfalls wichtige politische Rechte vorenthalten. Die irakischen Turkmenen sind Teil des Turkvolkes, dessen Siedlungsgebiete sich zumeist über zentralasiatische Regionen des Iran, Turkmenistans, Afghanistans, Nordpakistans und des nördlichen Kaukasus erstrecken. Sie gehören zumeist entweder dem sunnitischen oder dem schiitischen Islam an. Sie sind in zahlreichen Berufsgruppen, aber kaum in öffentlichen Ämtern vertreten. Nur zwei von 328 Sitzen im irakischen Parlament werden von Turkmenen gehalten. Obwohl die irakische Verfassung von 1925 bereits die Turkmenen als konstitutive Entität des Irak anerkannt hatte, wurde ihnen dieser Rang später abgestritten. Erst im Juli 2012 wurden sie vom Gesetzgeber wieder als drittstärkste ethnische Gruppe des Landes anerkannt. Damals wurde die Turkmenenregion offiziell als Turkmeneli – die Ära der Turkmenen – anerkannt und Kirkuk als deren Hauptstadt festgelegt. Die immensen Ölvorräte der Gegend – Stadtrat Sami Bayatli zufolge etwa 20 Prozent aller irakischen Ölvorkommen und 2,2 Prozent der Weltreserven – haben jedoch rasch auch die Begehrlichkeiten der Kurden geweckt, die seither um die Vorherrschaft in der Stadt kämpfen. Auch Erdgas und Schwefel sollen sich in der Erde befinden, der Boden soll zudem der fruchtbarste des gesamten Irak sein. Der Reichtum der Turkmenenregion hat, so der frühere Technologie- und Wissenschaftsminister Rashad Mendan Omar, auch Kriminelle auf den Plan gerufen. Turkmenen wurden zu bevorzugten Opfern von Entführungen und Erpressungen durch religiöse oder politische Extremisten. Alleine im Jahr 2006 soll die Türkei insgesamt 10 Millionen US-Dollar an Lösegeld für entführte Mitglieder der turkmenischen Community bezahlt haben. Der frühere irakische Menschenrechtsminister Mohammed Mahdi al-Bayati spricht zudem davon, dass allein im letzten Jahr 770 Turkmenen durch den IS ermordet und mindestens 960 verwundet worden seien; 350 Menschen, darunter Frauen und Kinder, würden vermisst. Etwa 590 000 Turkmenen seien auf der Flucht. Die turkmenische Community droht umso mehr unter die Räder zu kommen, als die ethnischen Gruppen, mit denen sie die Regionen teilen, ihnen regelmäßig Mitspracherechte vorenthalten und bereits faktisch die Landkarte neu zeichnen, wobei sich eine faktische Dreiteilung des Landes abzeichnet, der im Norden die Kurden, in der Mitte die Sunniten und im Süden die Schiiten zu den führenden Volksgruppen machen sollte. Dr. Elham Abbas, ein in Großbritannien als Gynäkologe arbeitender turkmenischer Politaktivist, beklagt, dass die Turkmenen sich zu wenig darum bemüht hätten, eine Einheit zu bilden und durch ein entsprechendes Auftreten als solche wahrgenommen zu werden. „Wir dienen immer noch den Interessen anderer und unsere Opfer werden in den Medien regelrecht ignoriert.“ Es sei an der Zeit, zu begreifen, dass es einen systematischen kulturellen Krieg gegen die Turkmenen gebe, der einem Genozid gleichkomme, heißt es vonseiten turkmenischer Aktivisten. Man müsse „hart arbeiten, um unser Erbe, unsere Sprache, unser Land, unsere Geschichte und unsere Zukunft zu bewahren“.