"Isolierte Persönlichkeiten"
Friedensforscher: „Der IS sucht gezielt nach psychisch geschwächten Persönlichkeiten“
Berlin (ots) – Der Pädagoge und Friedensforscher Hans-Peter Waldrich warnt in einem Gastbeitrag für die in Berlin erscheinende Tageszeitung „neues deutschland“ davor, die Ursachen der Ereignisse in Würzburg und Ansbach allein im Islamismus und im Bürgerkrieg in Syrien zu sehen.
„Wir müssen nicht unbedingt das Chaos in Nahen Osten als Erklärungsgrund für die gegenwärtigen Gewaltwellen bemühen, es reicht, die Zustände innerhalb Europas selbst in Augenschein zu nehmen“, so der Autor zahlreicher Studien und Publikationen zum Thema Amoklauf und Jugendgewalt.
Die Tat von Ali David S., der vor einer Woche in München neun Menschen und sich selbst tötete, passe in das Muster von sogenannten Schulamokläufen; der Täter sei eine „zutiefst verunsicherte, sozial isolierte Persönlichkeit“, der sich an „idealisierten ‚Helden‘ des Massentötens, in diesem Falle an dem narzisstischen Psychopathen Anders Behring Breivik, orientiert habe.
Der Münchner Amoklauf habe mit den Anschlägen der jüngsten Zeit in Frankreich, Belgien und jetzt auch in Deutschland eines gemeinsam, so Waldrich weiter: Die Täter seien junge Männer, die sich von den „westlichen Werten“ verabschiedet hätten, von deren Segnungen sie bislang nur die negativen Seiten erlebt hätten.
„Wo junge Menschen einfach keinen Einstieg ins Leben finden, sich weder nützlich machen können noch erfahren, dass sie geschätzt und anerkannt werden, da bieten sich Ersatzlösungen an. In Ermangelung eines Besseren greifen einige aus ihrer Mitte daher auf negative Konzepte zurück und auf negative Idole: Adolf Hitler und der Nationalsozialismus kommen in Frage oder – weil sie zugleich soziale Einbindung verspricht – eine pervertierte Form des Islam im Dienste Allahs. Psychologisch gesehen geht es dabei keineswegs um die austauschbaren Inhalte. Es geht um psychische Kompensation und zwar der erlebten Prekarisierung.“
Für den IS seien diese jungen Männer eine leichte Beute; die Terror-Organisation suche in den Kriegsgebieten wie auch in Europa gezielt nach solchen psychisch geschwächten Persönlichkeiten.
Mehr zum Thema:
Amoklauf in München
Hitler-Verehrer: Deutsch-Iraner Ali Sonboly hasste Türken und Araber
München (nex) – Ermittlungsergebnisse der Sicherheitsbehörden zu dem Amoklauf von München am Freitagnachmittag, bei dem ein 18-Jähriger neun Menschen und am Ende sich selbst erschossen hat, bestätigen immer mehr die Vermutung, dass der mutmaßliche Täter einen rechtsextremistischen Hintergrund hatte.
Das Datum des Amoklaufs war offenbar bewusst auf den 22. Juli gelegt worden. An diesem Tag hatte vor fünf Jahren der norwegische Islamkritiker Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Ferieninsel Utoya insgesamt 77 Menschen getötet. Der mutmaßliche Münchner Amokläufer David Ali S. hatte zudem die gleiche Waffe wie Breivik benutzt und soll zudem ein „Manifest“ verfasst haben, das sich noch bei der Polizei unter Verschluss befinde.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass der Deutsch-Iraner von Adolf Hitler geschwärmt hätte und Stolz dahingehend geäußert habe, dass sein Geburtsdatum, der 20. April, auf jenen Tag fiel, an dem auch der ehemalige deutsche Diktator geboren wurde. Darüber hinaus soll David Ali S. einen extremen Hass auf Türken und Araber empfunden und sich in doppelter Hinsicht als „Arier“ gefühlt haben, weil er sowohl Deutscher als auch Iraner war. Ob David Ali S. an jenem Tag bewusst hauptsächlich Jugendliche aus der Einwanderercommunity getötet hat, wird von den Ermittlungsbehörden noch untersucht.
Der „Arier“-Mythos, der vor allem unter säkularisierten Angehörigen der persischen Mehrheit in dem nahöstlichen Vielvölkerstaat sowie unter iranischen Einwanderern in Europa bisweilen geläufig ist, war in der Zeit des Schah-Regimes ein wichtiges Element des persischen Nationalismus. Die im Laufe des 19. Jahrhunderts auch in Europa popularisierte Vorstellung von der „arischen Herrenrasse“, die sich von Indien aus über Persien auf den Weg nach den Europa machte, diente dem Schah zum einen zur Rechtfertigung seiner unterwürfigen Politik gegenüber dem Westen, zum anderen der Unterdrückung nichtpersischer Volksgruppen im Iran, insbesondere von arabischen Sunniten und aserischen Türken.
Vereitelter Putschversuch
Türkischer Oppositionsführer: „Die Suspendierung pro-putschistischer Soldaten ist normal“
Izmir (nex) – Der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei hat am heutigen Donnerstag seine Unterstützung für die Suspendierung von FETÖ-Mitgliedern in der türkischen Armee vonseiten der Regierung ausgesprochen.
„Die Verfassungsordnung ändern und eine gewählte Regierung durch einen Putsch stürzen zu wollen, sind nach unseren Gesetzen Verbrechen“, erklärte Kemal Kilicdaroglu, der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei), dem Nachrichtensender CNN Turk. „Aus diesem Grund ist ihre Anwesenheit [der pro-putschistischen Soldaten] bei den Streitkräften nicht richtig, ihre Suspendierung ist normal“, betonte Kilicdaroglu.
Seit dem vereitelten Militärputsch vom 15. Juli wurden insgesamt 149 Generäle und Admiräle von den Boden-, Luft- und Seestreitkräften ausgeschlossen. Des Weiteren wurden 1.000 Offiziere entlassen. Doch Kilicdaroglu wies auch darauf hin, dass die Säuberung vorsichtig durchgeführt werden müsse, damit keine unschuldigen Soldaten von der Armee entfernt würden.
Die Türkei rief infolge des vereitelten Putschversuchs mit fast 250 Toten und mehr als 2.000 Verletzten den Ausnahmezustand aus. Etwa 13.000 Angehörige des Militärs, der Polizei und Justiz sowie Beamte wurden seitdem festgenommen und Zehntausende des Dienstes enthoben.
Die Regierung hat erklärt, dass der blutige Putschversuch von Anhängern des in den USA lebenden umstrittenen Predigers Fethullah Gülen durchgeführt worden sei. Gülen wird auch beschuldigt, mit der Gründung eines Parallelstaats und mithilfe seiner Unterstützer, die die Institutionen des türkischen Staates – insbesondere Militär, Polizei und Justiz – infiltriert hätten, seit Jahren einen Kampf zum Sturz der Regierung zu führen.
Vereitelter Putschversuch
Türkei: Menschen setzen nach Putschversuch Mahnwachen für Demokratie fort
Izmir (nex) – Die Plätze und Straßen im ganzen Land sind nach wie vor überfüllt, da die Menschen auch fast zwei Wochen nach dem von der gülenistischen Junta durchgeführten, jedoch vom Volk vereitelten Putschversuch ihren Einsatz für die Demokratie fortsetzen.
Seit die politischen Führer der Türkei in der Nacht des Putschversuchs am 15. Juli das Volk dazu aufgerufen haben, für die Demokratie auf die Straße zu gehen, füllen große Menschenmengen die Straßen und Plätze und halten Mahnwachen für die Demokratie. In jeder Stadt und jedem Dorf kommen Menschen mit türkischen Fahnen in den Händen zusammen und halten bis in die frühen Morgenstunden Wache. Viele schlafen in Zelten oder auf Bänken und machen sich von hier aus auf den Weg zur Arbeit – ein beispielloses Ereignis in der neueren Geschichte der Türkei.
Zunächst hatten Präsident Erdogan und Ministerpräsident Binali Yildirim zu den Demonstrationen aufgerufen. Beide hatten an die Menschen appelliert, „die Straßen für sich zu beanspruchen“, als in der Nacht des 15. Juli die Nachricht eines Putschversuchs der gülenistischen Junta bekannt wurde und die putschistischen Soldaten Hunderte Zivilisten und Sicherheitskräfte töteten.
Seit mittlerweile fast zwei Wochen verbringen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und jeder politischen Couleur die Nächte gemeinsam auf Mahnwachen, an denen manchmal auch Politiker und Prominente teilnehmen. Patriotische Lieder ertönen aus den Lautsprechern und Janitscharenkapellen, die osmanischen Militärkapellen, sind auf fast jeder Demonstration dabei, bei denen der Putschversuch als ein Generalangriff auf das ganze Land verurteilt wird. Lokale Behörden stellen den Mahnwachenteilnehmern kostenloses Essen, Wasser und Grundhygieneartikel zur Verfügung, die Istanbuler Distriktverwaltungen bieten sogar kostenlose Beförderung an.
Die Mahnwachen sollen die Einheit der Nation gegen Putsche demonstrieren – und tatsächlich haben die regierende Partei und die Oppositionsparteien am vergangenen Sonntag in einer seltenen Eintracht ihre Kräfte vereint, um sich gemeinsam gegen den Putschversuch zu erheben, und haben eine parteiübergreifende Mahnwache für Demokratie auf dem Taksim-Platz in Istanbul gehalten.
#AbdulkerimWillLeben
Gelsenkirchen: Türkische Community will Leben des kleinen Abdulkerim retten
Gelsenkirchen (nex) – Der kleine Abdulkerim Kaymak ist noch nicht einmal ein Jahr alt, und schon hängt sein Leben an einem seidenen Faden. Bisher machten Arztbesuche einen wesentlichen Teil seines Säuglingsalters aus, und er verbrachte bald mehr Zeit in Krankenhäusern als zu Hause bei seinen Eltern. Grund dafür ist eine Pulmonalklappenartesie, eine Krankheit, bei der eine Schlagader fehlt, die die Lungen mit sauerstoffreichem Blut versorgt. Abdulkerims linker Lungenflügel arbeitet nicht. Nur sein rechter Lungenflügel wird durch ein MAPCA (Kurzschlussverbindung) noch mit Blut versorgt. Die einzige Chance, das Überleben des kleinen Abdulkerim zu sichern und ihn wieder gesund werden zu lassen, ist ein operativer Eingriff.
In Deutschland ist die für Abdulkerim erforderliche Behandlung bis dato noch nicht möglich. Sie müsste daher bei Prof. Dr. Afksendiyos Kalangos durchgeführt werden, einem in Griechenland tätigen Privatarzt. Von der deutschen Krankenkasse werden die Kosten dafür jedoch nur in dem Umfang übernommen, wie sie auch bei einer Behandlung in der Bundesrepublik entstanden wären – alles, was darüber hinausgeht, müssen die Eltern selbst tragen. Die Kosten für die Behandlung und Operation belaufen sich auf 120 000 Euro. Für die Kaymaks ist dies nicht zu stemmen, da der Familienvater jüngst sogar seinen Arbeitsplatz aufgeben musste. Aus diesem Grund lehnen Banken auch Kreditanfragen ab. Türkische Organisationen und Einzelakteure haben nun unter dem Twitter-Hashtag #AbdulkerimWillLeben dazu aufgerufen, dem Kleinen und seiner Familie zu helfen.
Die Organisatoren der Hashtag-Kampagne bitten um Spenden auf folgendes Konto:
Hakan und Funda Kaymak
IBAN : DE3642 0500 0101 2201 9881
BIC : WELADED1GEK
Verwendungszweck: Abdul Kerim
Hakan und Funda Kaymak
#AbdulkerimWillLeben
EU-Beitritt Türkei
Grünen-Politiker Kretschmann fordert Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei
Düsseldorf (ots) – Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gefordert. „Die Verhandlungen sollten wir auf Eis legen, es darf kein neues Kapitel bei den Verhandlungen eröffnet werden“, sagte Kretschmann der „Rheinischen Post“.
„Wer die Todesstrafe einführen will, kann nicht Mitglied der EU werden“, sagte der Grünen-Politiker. Die Entwicklung in der Türkei sei „außerordentlich besorgniserregend“. Die Welt erlebe einen „zivilen Putschversuch durch Erdogan, der den Rechtsstaat aushebelt“, sagte Kretschmann.
„Wenn man sieht, wie Erdogan Zigtausende Richter, Staatsanwälte und Lehrer einfach auf die Straße setzt, hat das mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun“, erklärte Kretschmann. „Es ist jetzt Aufgabe der Bundesregierung, Erdogan ganz klar zu signalisieren, dass wir das in keiner Weise akzeptieren.“
Bund und Länder müssten „mit allen Mitteln verhindern, dass der innertürkische Konflikt zwischen Erdogan-Unterstützern und Erdogan-Gegnern auf deutschen Straßen ausgetragen wird“. Deshalb müssten intensive Gespräche mit den türkischen Verbänden geführt werden.
„Wir können auch in keiner Weise akzeptieren, dass Erdogan-Anhänger Landsleute unter Druck setzen“, sagte Kretschmann. „Wir erwarten von allen Türken, auch den Erdogan-Anhängern, die hier leben, dass sie sich an die verfassungsmäßige Ordnung halten“, so der Grünen-Politiker.
Mehr zum Thema:
Türkei: Wie Frauen den Putschversuch gegen Erdogan vereitelten
Resolutionsentwurf
Ägyptischer Abgeordneter ruft Parlament zur Anerkennung des „Völkermords an den Armeniern“ auf
Kairo (nex) – Der parteilose Abgeordnete Mostafa Bakri hat mit einem Antrag das Parlament und die Regierung dazu aufgerufen, den Tod von 1,5 Millionen Armeniern im Jahre 1915 im Osmanischen Reich als einen Genozid anzuerkennen.
Bakri erklärte, er und weitere 336 Abgeordnete hätten das Parlament aufgefordert, einen entsprechenden Resolutionsentwurf zu genehmigen.
„Das Parlament muss darüber eine Sondersitzung abhalten, denn es handelte sich um eine Massenvernichtung, die von allen Parlamenten der Welt verurteilt werden sollte“, betonte Bakri.
„Neue historische Erkenntnisse beweisen, dass die osmanischen Türken in den Jahren 1915 bis 1922 1,5 Millionen Armenier abgeschlachtet haben“, so Bakri weiter. „Meinem Vorschlag ging die Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch den Deutschen Bundestag im vergangenen Monat voraus, und es werden voraussichtlich noch viele Länder dem Beispiel folgen.“
Bakri schloss mit den Worten: „Während die Osmanen das Massaker im Jahr 1915 begangen haben, ist heute das Erdogan-Regime dabei, ein Verbrechen gegen seine politischen Gegner und Minderheiten, die nach Unabhängigkeit verlangen, zu begehen.“
Ein weiterer Parlamentarier, Emad Mahrous, hatte zuvor am vergangenen Sonntag die Regierung dazu aufgefordert, „dem türkischen Oppositionellen“ Fethullah Gülen politisches Asyl zu gewähren.
Die türkische Regierung hat erklärt, dass der Putschversuch vom 15. Juli von Anhängern des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen organisiert worden sei. Gülen wird vorgeworfen, durch die Gründung eines Parallelstaates seit Jahren für den Sturz der Regierung mithilfe seiner Unterstützer zu kämpfen, die den türkischen Staat vor allem in den Bereichen Militär, Polizei und Justiz infiltriert hätten.
Die Türkei erkennt die Tragödie hinter den Todesfällen hunderttausender Menschen an, die von 1915 an im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ostanatolien während des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren hatten. Allerdings verwahrt sich die Türkei gegen die Beurteilung der Ereignisse als „Völkermord“ und spricht von einer beiderseitigen Tragödie.
Ankara hat wiederholt die Bildung einer gemeinsamen internationalen Historikerkommission angeregt, um die Ereignisse vom Grunde her aufzuarbeiten und historisch zu bewerten. Die Regierung des Osmanischen Reiches hatte 1915 die Deportation armenischer Bevölkerungsteile aus der Region beschlossen, nachdem sich armenische Terrormilizen und Teile der Bevölkerung mit der russischen Armee verbündet hatten, die im Osten an der Kaukasusfront in osmanische Gebiete vorrückte.
Auch interessant:
Ägypten: Seit Machtergreifung Sisis Folter und Verschleppungen weit verbeitet
Demo in Köln
CDU-Sicherheitsexperte spricht sich für Verbot der Großdemo von „Erdogan-Anhängern“ aus
Düsseldorf (ots) – Der Sicherheitsexperte der NRW-CDU, Gregor Golland, hat sich dafür ausgesprochen, die für Sonntag geplante Großdemo von Erdogan-Anhängern in Köln „nach rechtlicher Möglichkeit“ zu verbieten.
„Ich finde es unerträglich, dass innertürkische Konflikte in Deutschland auf offener Straße ausgetragen werden“, sagte Golland der Rheinischen Post. Er fügte hinzu: „Wir müssen uns in Deutschland nicht alles gefallen lassen.“
Nach den bisherigen Erfahrungen etwa bei den Hogesa-Ausschreitungen dürfe die Demo keinesfalls in der Kölner Innenstadt stattfinden.
Falls ein Verbot nicht möglich sein sollte, müsste sie in einem Randbereich – etwa auf die Rheinwiesen – verlegt werden, so Golland.
"Einseitige Berichterstattung"
Kommentar: Deutsche in der Türkei kritisiert Erdogan-Bashing der Medien
Ein Kommentar von Marina Bütün
Es ist, wenn Deutsche über türkische Politik sprechen, meistens wie im bayerischen Komödienstadel oder bei Karl Valentin – und gleichzeitig kaum noch auszuhalten. Hallo Deutschland! Habt ihr uns Deutsche in der Türkei schon wie Stiefkinder verstoßen, nur weil wir uns von der deutschen Mainstreampresse hier in der Türkei nicht foppen oder manipulieren lassen? Oder was treibt alle Deutschen, die nicht in der Türkei leben, dazu, UNS, die wir vor Ort leben, ständig auch nur die kleinste Ahnung von dem abzusprechen, wie die Türkei wirklich ist? Sogar aus Uruguay bekomme ich von Deutschen die Türkei fachmännisch erklärt, und ich bin vor Ort und mir wird einfach nicht zugehört, weil ich ja angeblich gar nicht weiß, was los ist. Man kann das nur von außen richtig einschätzen, wurde mir gesagt. Alles klar. Unsere eigenen Landsleute in der Türkei, die diesen ganzen Schwachsinn aus der Presse glauben, fürchten sich vor uns, weil wir das Spiel mit dem Bashing gegen die Türkei nicht mitspielen wollen. Henriette, eine Deutsche, die seit 20 Jahren (also VOR der Regierung Erdoğans) mit ihrem deutschen Mann und 3 deutschen Kindern in der Türkei lebt und selbständig war und die ich sehr schätze, wurde gestern von einem Landsmann auf Facebook beschimpft und als Obernazi bezeichnet, weil sie sagte, dass sie das Leben hier in der Türkei mit der momentanen Regierung gut findet und nichts Gegenteiliges oder Negatives berichten kann. Ich bekam in einem Forum heute diese Antwort: Zitat: „Aber sonst geht es Ihnen gut? Ich sage es jetzt mal ganz brutal: Leute wie Sie haben in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts dafür gesorgt, dass Deutschland 12 Jahre Terrorherrschaft der Nazis erleiden musste. Leute wie Sie, die ums Verrecken die Augen nicht öffnen wollten und das sehen wollten, was tatsächlich geschieht. Leute wie Sie, für die die Propaganda des Herrn Goebbels die absolute Wahrheit wiedergab, und welche die kritischen Stimmen aus dem Ausland, sofern man die überhaupt noch mitbekam, als dummes Geschwätz von Ahnungslosen abgetan haben.“ Zitat Ende Das ist dann immer die Nazikeule, die gegen mich geschwungen wird. An einer realistischen Erklärung, wie wir hier in der Türkei den Putsch erlebt haben und warum die Entlassungen von Staatsdienern derzeit gerechtfertigt sind, ist kein Mensch interessiert. Man steht als Verteidiger der Türkei allein auf weiter Flur. Ich bin total entsetzt. Als ob das nicht schon reicht, befinden sich seit Monaten deutsche Ehegatten von türkischen Oppositionsanhängern der CHP am Rande der völligen Hysterie, die noch nicht mal hier in der Türkei leben und sich aus Izmir von der Familie die Propagandakiste XXL de luxe mit Schleife drumherum schicken lassen… Die scheinen gerade alle völlig durchzudrehen… Ich lasse normalerweise jeden Kommentar auf meinen Seiten stehen, aber wenn er nur noch wie aus dem Irrenhaus klingt, dann klickt bei mir der Löschknopf. Aber wen wundert das, wenn man morgens am 25. Juli noch nicht mal seinen Kaffee runtergeschluckt hat und zuerst schockiert liest von einem Bombenanschlag eines Syrers im bayerischen Ansbach. Deutschland hat auf einmal Anschläge in Serie? Die dritte bayerische Stadt in einer Woche: erst Würzburg, dann München und jetzt das. So etwas lässt mich als Bayer nicht kalt, ich habe meine Familie dort, Kinder und Eltern. Nur unterscheiden sie sich alle ganz gravierend von den Anschlägen in Frankreich, Belgien und der Türkei. Als Beobachter seit den Anfängen der Anschläge in der Türkei finde ich das sehr komisch. Auch mein deutscher Freundeskreis in der Türkei beobachtet seit den Anfängen aller Anschläge weltweit, wie die Berichterstattung funktioniert und die Texte für das jeweilige Land von derselben Presse verfasst werden. Vor allem fragen wir uns alle langsam und immer wieder: Haben denn syrische oder generell muslimische Attentäter immer einen Pass dabei, wenn sie sich in die Luft sprengen? Und warum verbrennt der nie mit? So schnell kann doch kein DNA-Labor sein wie die Nachricht schon wieder in der gedruckten Presse ist. Aber man hat noch keine Zeit, nachzudenken, und auch der zweite Schluck Kaffee bleibt mir im Hals stecken: Es erscheint als der absolute Super-GAU im hinterletzten deutschen Fernsehsender RTL die Meldung, die mir soeben von einer Deutschen in der Türkei übermittelt wurde, weil ich seit Monaten meine 59 Sender einfach abgeschaltet habe: „Zahlreiche Erdoğan-KRITIKER wurden verhaftet und werden jetzt im Gefängnis gefoltert“ und ihre spontane Frage dazu: Kann man eigentlich keine Sammelklage machen gegen Springer-Verlag? Als Bayer sage ich da nur noch: Ja, habt‘s es denn no alle beinand? (Seid ihr noch Herr Eurer Sinne?) Liebe Frau Merkel und Herr Seehofer, gebt ihr den Verantwortlichen von RTL und Co. und den Bürgern, die in den sozialen Netzwerken ihre Anti-Türkei Parolen herumplärren, etwas ins Leitungswasser in Deutschland? Und was bitte gebt ihr ihnen?! Das Zeug muss gut sein, weil die Leute nur noch durchgehend eine auf Repeat gestellte, negative Türkeiplatte abspielen und immer wieder das Gleiche von sich geben, wenn es auch noch so abstrus erscheint. Bürger, die so viel Input bekommen, die hat man im Land gut im Griff, weil sie den Blick auf die deutschen Machenschaften im Land völlig verlieren und von den Politikern und der Presse einfach nur noch gaga gemacht werden. Natürlich sitzen Menschen, die den Präsidenten eines Landes ermorden und die Regierung stürzen wollten, wenn sie verhaftet werden, beim Geheimdienst zur Vernehmung, natürlich werden solche Verräter in keinem Land bei einer solchen Einvernahme mit Kaffee und Sachertorte bewirtet und man spendiert ihnen auch kein Eis, das ist ja sicherlich jedem klar, der noch Verstand hat. Aber wenn ich mal so betrachte, wie fies der deutsche Geheimdienst die Ägypter geschult hat, dann herzlichen Glückwunsch. Wann lesen oder hören wir denn von dort einmal ein paar reißerische Folterstories? Ach ja, geht ja nicht, weil dann wüsste man ja, dass der deutsche Geheimdienst auch die üblichen Techniken anwendet. Aber schön, dass der Geheimdienst von Herrn Gabriels Lieblingspräsidenten von Deutschland den letzten Schliff bekommt. Das wollte ich gerne noch loswerden… Was ist da los, dass diese Deutschen in Facebook völlig hemmungslos Geschichten erzählen, die nicht so stimmen, und unbedingt wollen, dass es in der Türkei schlechter ist als in Deutschland, dass sie völlig aufgelöst Amok laufen und uns, ihre eigenen Landsleute, Lügner, Spinner und gehirngewaschen nennen? Was noch die mildesten und harmlosesten Ausdrücke sind. Ich habe hier Screenshots aufgehoben, in denen mich (vorzugsweise aus dem Osten/Sachsen) Landsleute als „Ausländerschlampe“ betitelt haben, nur weil mein Mann Türke ist. Ich wurde abwertend als „Schätzchen“‘ von einem Deutschen in Diskussionen in Facebook tituliert, der vom Alter her mein Sohn sein könnte und der mit Sicherheit nicht so viele Jahre in der Türkei gelebt hat wie ich. Dazu kann ich leider nur sagen, bei solchen Menschen habe ich manchmal das Gefühl, dass sie nur schwätzen, ohne nachzudenken und ein gehöriges Geltungsbedürfnis haben, weil ihnen vielleicht zu Hause keiner mehr zuhört. Ich denke schon, dass die Menschen in meinem gesamten sozialen Umfeld, sowohl das türkische als auch das deutsche Umfeld hier, noch dazu in einer Provinz, in der es mehr Oppositionelle als Regierungswähler gibt, so ziemlich alle das gleiche Leben leben, die Bauern hier genau wie die Städter, was die Freiheiten betrifft. Und ich sage hier jetzt einmal ganz offen: Ich habe nie in Deutschland so frei gelebt wie jetzt in den letzten fast 13 Jahren in der Türkei. Und ich war nicht nur an der schönen Küste, wo die meisten Deutschen wohnen, ich kenne Istanbul, ich kenne Ankara und ich bin kein typischer Resident, sondern wir haben hier eine Firma, wir zahlen Steuern und wir liegen nicht wie Langzeiturlauber in der Sonne herum, die einmal kurz ihre Ferienwohnung besuchen gehen und mir dann erzählen, wie furchtbar es doch im Moment in der Türkei ist und wohin das alles noch führen soll. Ich hatte nie Angst und ich hatte nie Probleme mit den Einheimischen, unter denen ich hier lebe. Ich gehöre dazu. Ich bin integriert und ich würde mich schämen, wenn ich über die Türkei so einen gequirlten Mist wie manche hier erzählen würde, wenn ich doch genau weiß, es stimmt nicht und jeder, der hier lebt, weiß das auch. Warum diese Deutschen das tun – ich kann’s mir nicht erklären. Ist es der Wunsch, dass man endlich die schlimme Zeit in Deutschland vergessen machen kann, indem man mit dem Finger auf die Türkei zeigt und denkt, Gott sei Dank, jetzt sind andere an der Reihe, denen man einen bösen Diktator unterjubeln kann? Vielleicht sind wir dann nicht mehr die bösen Deutschen und die Türken sind jetzt die schlimmen Finger? Was bewegt einen Deutschen dazu, ständig Dinge zu behaupten, die er gar nicht weiß, oder wenn er sie genau wie ich weiß, abstreitet? Wir können beispielsweise (wenn wir wollen und die Sprache beherrschen) alle deutschen, türkischen oder andere ausländischen Fernsehsender UNZENSIERT über Satellit schauen, ich habe allein 59 deutsche Sender hier. Wenn der Türke das will, kann er sich das auch einstellen lassen. Wir müssen nicht, wie in der Ex-DDR, die Antenne für das Westfernsehen im Schrank verstecken, weil der Nachbar uns vielleicht verpetzen könnte. Nein, wir leben hier völlig frei und wenn ein Deutscher in der Türkei das Gegenteil behauptet, dann lügt er euch an, während er in seinem Palmengarten im eigenen Pool (oder in Miete) sein Bierchen schlürft und sich um nichts anderes Sorgen macht, als sich mit seinen Klagen über die schlimme Türkei einen Nobelpreis für Mitteilungsbedürfnis zu holen, weil die Bier- und Rakıpreise wieder mal gestiegen sind und man sich sein heiliges Wasser nicht mehr literweise kaufen kann… Es wird hier ganz wenige Sozialfälle geben, die aus Deutschland kommen und jahrzehntelang ohne Arbeit und ohne Essen in einer Blechbaracke hausen müssen, weil jeder Ausländer für den permanenten Aufenthalt auch nachweisen muss, dass er sich selbst versorgen kann. Natürlich habe ich Fälle erlebt, von Deutschen und Österreichern, die am Schluss illegal hier waren, jahrzehntelang, kein Geld mehr hatten, um die Papiere, den Pass oder die Aufenthaltsgenehmigung zu bezahlen. Aber das sind traurige Einzelfälle, der Rest lebt hier wie ein König mit Haus oder Wohnung und Pool, und mit demselben Einkommen ist er in Deutschland fast ein Bettler und zahlt in der Heimat für 40 Quadratmeter 750 Euro und kommt mit dem Einkommen oder der Rente nicht mehr aus. Bitte fragen Sie doch immer sofort nach, WIE gerade diejenigen Deutschen in der Türkei leben, die Sie gar so vollheulen und jammern und gegen die Regierung schimpfen. Lassen Sie sich Fotos von „meine Villa, mein Meerblick, mein Auto, mein Pool und meine kleine eigene Hotelpension oder mein Golfschläger“ zeigen. Und dann fragen Sie sich einmal, warum es gerade solchen Deutschen hier so schlecht gehen soll? Die meisten von ihnen haben hier oft schon Jahre vorher unter der gleichen Regierung gelebt und jetzt auf einmal ist alles schlecht? Was für ein Blödsinn. Vor allem, wenn man gerade nach dem versuchten Putsch sieht, wie alle im freudigen Ausnahmezustand und froh darüber sind, dass so wenige Touristen die ersten Reihen der Strandliegen mit Handtüchern belegt haben und man sich ausbreiten kann. Ich kenne die Türkei auch noch von der Zeit 12 Jahre vor Erdoğan, als die Deutschen schon wie eine Bratwurst mit ihrer D-Mark wedelten, in den Luxushotels auf den Liegen am Meer brutzelten und sich die Cocktails einschenkten, sich Unmengen Goldschmuck und Teppiche kauften und nach Deutschland mitnahmen und anderswo in der Türkei im Sommer Mitte der 90-er der Müll in Istanbul meterhoch auf den Straßen stank: DAS weiß keiner und auch viele, die hier lebten, sogar in Istanbul, streiten das heute vehement ab, wenn sie felsenfest behaupten, dass damals alles besser war als heute. Als ich in Kuşadası bei meiner Schwiegermutter nach der Mülltonne suchte, hieß es, wir haben keine Müllabfuhr, wir vergraben das in einem Loch an der Straße… Als 1991 mein damals 12 Jahre alter Schwager einen Blinddarmdurchbruch hatte, wegen der falschen Versicherung fast vor dem Krankenhaus gestorben wäre und schon halluzinierte, musste mein Mann im Auftrag der Notaufnahme erst einmal in der Apotheke die Medikamente, Infusionen und alles sonstige Zubehör für die Operation aus eigener Tasche bezahlen, und meine Schwiegermutter brachte das eigene Bettzeug ins Krankenhaus, weil keines gestellt wurde (Provinz Aydın, Kuşadası). Danach hat man meinen Schwager erst aufgenommen. Als 1998 die staatliche Krankenkasse vom heutigen Oppositionsführer der CHP, Herrn Kılıçdaroğlu, in die Pleite getrieben wurde und die Türken morgens schon um sechs Uhr vor der Apotheke Schlange standen und nach zwei Stunden in der Apotheke keine Medizin mehr da war, hatten türkische Rentner damals 300 TL (ca. 100 Euro heute) Rente, heute sind es 1300 TL, ich könnte diese Dinge noch unendlich fortsetzen. Bis Erdoğan kam, war die Türkei ein Chaos, die Steuern wurden nicht bezahlt, das Telefon draußen irgendwo an der Straße an der Nachbarleitung angeklemmt, damit man sich die Kosten sparte, die verplombte Stromuhr wegen Schulden einfach wieder geöffnet oder die Tür einfach nicht aufgemacht, wenn der Stromableser kam. Die Beamten waren alle bestechlich. In allen Behörden brauchte man etwas, reichte einfach einen Geldschein, den man in einer Akte versteckt übergab oder wenn man keinen Führerschein hatte und in eine Polizeikontrolle kam, legte man 100 Lira in die Papiere, und danach durfte man ohne Führerschein wieder weiterfahren. Ganz offiziell. Wenn Sie mir das nicht glauben, dann fragen Sie meinen Trauzeugen, der mich 1990 so von Flughafen Istanbul bis zum Hotel mit einer Geschäftslimousine gefahren hat. Ich habe geheiratet, als noch Militär in den Büros der Behörden saß. Mit finsteren Mienen und Uniform. Auch der Bürgermeister war nie unglücklich, wenn man ihm Geld da ließ. Kapierte man nicht, was er wollte, hatte er einfach zu tun. Mein Mann musste für eine Unterschrift beim Bürgermeister bezahlen, für ein Papier zur Hochzeit, das wir dringend brauchten. Der Grund für die Verweigerung der Unterschrift: Er habe jetzt keine Zeit, weil er die Gardinen im Büro aussuchen müsse. Mein Mann fragte, was denn die Gardinen kosten, er würde sie dem Büro spendieren. Nachdem er 270 Lira hingelegt hatte, bekamen wir die Unterschrift. Ein Bekannter, damals Student, wurde wegen einer angeblich nicht bezahlten Telefonrechnung, die sieben Jahre alt war, so lange in Zwangshaft genommen, bis die Familie den Beleg über die ordnungsgemäße Bezahlung wirklich noch finden und nach drei Tagen faxen konnte. Er stand deswegen drei Tage mit 100 Mann in einer 20-Mann-Zelle, ohne Toilette, ohne Essen, ohne Wasser (das man für Wucherpreise bei den Beamten bestellen konnte), bis sie ihn dort endlich befreien konnten. Und dann lese ich permanent von den Oppositionsanhängern, ob deutsch oder türkisch: Erdoğan muss weg, früher war alles besser! Leute, ich war „früher“ auch schon da, mein Mann war noch früher hier in der Türkei, zum Militärputsch in den 70ern. Mir haben die Zustände von 1990 bis 2002 schon gereicht, und ich fand es schrecklich, und es waren Zustände, die nicht mehr tragbar waren. Was bitteschön war denn besser, fragte ich mich. Denn die armen Leute hatten nichts, die Reichen alles. Schon damals regierte auch in der Türkei das Geld, die Schere war riesig zwischen Arm und Reich. Wer damals das nötige „Kleingeld“ hatte, gerade die reichen Unternehmer oder Akademiker, konnte alles mit Schmiergeld erledigen, was er wollte. Der kleine Mann mit 300 Lira Einkommen (1990 verdiente ein Lehrer 350 TL) konnte das nicht. Deshalb gibt es unter den Gegnern der heutigen Regierung auch sehr viele gutbetuchte Unternehmer oder Prominente, die zwar vor Geld stinken und sich in der Türkei alles leisten können, aber am meisten schimpfen oder sich gar über den jetzt missglückten Militärputsch nicht freuen, sondern traurig sind. Dass dann aber alle, auch ihre Wunschparteiführer am Galgen gebaumelt hätten, gleich neben den Regierenden, dafür fehlt ihnen meines Erachtens der Horizont. Oder es ist Alzheimer. Anders kann man sich so einen Gedächtnisschwund nicht erklären, da die meisten fanatischen Regierungsgegner die Akademiker im Land und somit intelligent sind oder zumindest sein sollten. DAMALS hatte ich Angst, heute nicht. Heute sitze ich im Migrationsbüro, die Polizei ist in Zivil und wir trinken Tee, es geht nicht autoritär zu, sondern eher familiär. Ich saß auch schon während einer Verkehrskontrolle in Ortaca eine halbe Stunde mit dem Polizisten an der Straße, er hat mir die Hälfte seiner Pizza angeboten und eine Fanta, damit ich als Ausländer nicht die lange Wartezeit in der Hitze im Auto verbringen muss, bis per Funk die Daten abgefragt wurden, und er hat sich nett mit mir unterhalten. Aber es haben sich die Zeiten natürlich schon für die Türken gravierend geändert, und wer eine Demokratie im Land hat, der hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Und genau DAS ist der Punkt, den ich für ganz wichtig halte, wieso viele einfach schimpfen. Der Türke kannte von den Regierungen vorher noch keine richtige Demokratie, die gab es vorher nie wirklich. Es gab zwar ein Parlament wie jetzt auch, Abgeordnete verschiedener Parteien wie jetzt auch, die mit Mehrheit abstimmten, genauso wie heute unter der Regierung, aber jedes Jahr wechselte die Regierung, manchmal sogar früher und das, seit es die Republik Türkei gibt – bis Erdoğan kam, der vom Volk genauso demokratisch gewählt wurde, wie alle anderen vor ihm auch, und das schon 2002. Die meisten Türken im Land haben aber nicht gelernt, dass man in der Demokratie nicht nur Rechte, sondern auch Bürgerpflichten hat, und nicht nur fordern kann. Die Pflichten hassen sie, und da wird schon mal gleich eine Diktatur daraus gemacht. Und auch alle Deutschen, die sich damals dem gemütlichen Schlendrian angepasst hatten, waren nichts anderes gewöhnt, als dass man einfach die Steuer hinterzieht oder Rechnungen bis zum Sankt Nimmerleinstag aufschiebt. Seit Erdoğan da ist, wird eben wie in Europa die Steuer bezahlt, eingefordert oder man wird gepfändet, es wird keine Strom- und Wasseruhr mehr im Haus eingebaut, sondern zugänglich draußen an der Gartenmauer, damit man auch ungehindert ablesen und eine Rechnung stellen kann, es gibt Strafen, wenn man im Verkehr ohne Führerschein erwischt oder geblitzt wird. Heute ist Schmiergeld und der Schein in den Papieren eine Straftat. Die Gesetze wurden in der Türkei von Erdoğan der EU immer mehr angeglichen aufgrund der Forderung der EU, also müsste doch ganz Deutschland samt der Presse genau wissen, dass wir hier die gewünschten Veränderungen veranlasst haben. Wir haben sogar einen TÜV, der vom TÜV Süd München ausgebildet wurde. Es wird nie in der deutschen Presse so etwas erwähnt, weil man den Europäer lieber glauben lässt, dass Präsident Erdoğan alles im Alleingang entscheidet. Ich glaube, selbst Cem Özdemir glaubt das, sonst würde er nicht so dumme Reden schwingen. DAS ist etwas, womit der Türke, aber auch der gutsituierte Deutsche, der damals schon in der Türkei war und der früher alles mit Schmiergeldern erledigt hat, nicht zurechtkommt. Auch der kleine Mann muss jetzt lernen, dass die gemütliche Bezahlung der Rechnungen nicht mehr funktioniert. Deshalb sagt man dann gleich schnell, alles wird diktiert. Etwas, was für uns Deutsche normalerweise völlig selbstverständlich ist, bedeutet für den Türken, der früher alles einfach mal mit ein paar Bestechungsscheinen erledigt hat, heute Diktatur. Ich hoffe, dass diese ausführlichen Erklärungen jetzt auch jedem die Augen öffnen, wieso diese Negativpropaganda sich so hält, denn ein Türke, der davon überzeugt ist, dass er keine Pflichten in der Demokratie hat, der wird immer schlecht reden und hat er eine deutsche Ehefrau, die nichts von dieser Zeit weiß und die Sprache nicht kann, wird natürlich mit solchen Informationen gefüttert und verbreitet es weiter nach Deutschland. Auch die Kinder werden bereits dementsprechend geimpft und wissen es nicht besser – wie auch? Als ich vor meiner Heirat 1990 meinen Mann in Kuşadası besuchte, hatten wir einen 100 km langen Weg vom Flughafen nach Hause. Wir konnten aber unverheiratet in keinem Hotel übernachten, weil mein Mann sonst verhaftet und ich abgeschoben worden wäre. Bis 1994 war das so. Sein Freund, der bei der Jandarma im Dorf war, hat ihm sofort abgeraten, es zu versuchen, in einem Hotel abzusteigen, wir sollten lieber morgens um vier Uhr zurückfahren. Jedes seriöse Hotel wollte die Heiratsurkunde sehen, wenn man eincheckte. Wer vor der Ehe in einer Pension ohne Heiratsurkunde erwischt wurde und vielleicht einer davon noch verheiratet war, wurde verhaftet. Für einen Türken hieß das 3 Jahre Gefängnis, für einen Ausländer die Abschiebung mit Einreisesperre. Ich wollte gerne wissen, ob deutsche Frauen, die heute unverheiratet mit einem türkischen Mann zusammenleben, das so schön fänden, wenn sie immer nach der guten alten Türkei rufen. Alle diese Zustände wurden ab 2002 durch die Regierung Erdoğans nach und nach abgeschafft, die nicht so gut situierte Bevölkerung liebt ihn, weil er der kleinen Oma eine Krankenversicherung, mehr Rente und ein ruhiges Leben ermöglicht hat. Der kleine Arbeiter fragt nicht, warum Erdoğan viel Geld hat oder Dinge tut, die der Opposition ein Dorn im Auge sind, weil es ihm besser geht als vor Erdoğan. Die kleinen Leute leben heute gut und haben weniger Sorgen als früher. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem und ein Rentensystem und dank der EU, die immer mehr forderte, damit die Türkei das Visa bekommt, hat die Regierung weitere 72 Änderungen für die EU vorgenommen, es wurde bis auf drei geforderte Kriterien alles der EU angepasst. Und wer nun logisch denken kann, der wird sich fragen: Warum erzählt dann die deutsche Presse und erzählen auch manche Deutschen oder Türken, die in der Türkei leben, so viele Unwahrheiten? Das ist liegt klar auf der Hand, wenn man sieht, wie es früher war. Die Reichen, die früher alles mit ihrem Geld regeln konnten, haben es heute schwerer und wollen die alten Zeiten ohne Erdoğan zurück und die, die immer davon erzählen, sie wären Minderheiten und würden unterdrückt, die sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, was Unterdrückung wirklich bedeutet. Hier wird niemand unterdrückt, auch die Kurden nicht. Ich finde es von meinen Landsleuten, und da stehe ich nicht alleine, einfach dumm, Dinge zu behaupten, die man mit Beweisen widerlegen kann und alle Frauen, die wie ich hier leben und einen gesunden Menschenverstand haben, sehen das genauso. So sah Istanbul Ende der 90er Jahre aus: ein Zeitungsbericht aus dieser Zeit, in der angeblich alles besser war.
Erdogans geheime Waffe im Netz: Die “Ak Trolls”
Syrienkrieg
Bombenanschlag in Syrien: Mindestens 44 Tote
Izmir (nex) – Wie die staatliche Nachrichtenagentur Syriens und kurdische Medien berichten, wurden bei einem doppelten Bombenanschlag am heutigen Mittwoch in der mehrheitlich von Kurden bewohnten nordsyrischen Stadt 44 Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt.
Medienberichten zufolge explodierte ein mit großen Mengen Sprengstoff beladener Lkw in Kamischli. Nur ein paar Minuten später explodierte ein mit Sprengsätzen beladenes Motorrad im selben Gebiet. Die Detonationen richteten großen Schaden an. Rettungskräfte versuchen, Menschen unter den Trümmern zu bergen.
Die Stadt in der Nähe der türkischen Grenze wird hauptsächlich von der Partei der demokratischen Union (PYD) kontrolliert, doch Sicherheitskräfte des syrischen Regimes sind ebenfalls präsent und kontrollieren den Flughafen.
Aufnahmen des syrischen Fernsehens zeigen, wie Menschen dem über der Stadt hochsteigenden grauen Rauchpilz zu entkommen und wieder andere zwischen kaputten und ausgebrannten Autos wegzulaufen versuchen.
„Die meisten Gebäude hier wurden wegen der Stärke der Explosion schwer beschädigt“, so ein Einwohner. Die Detonationen hätten mehrere Gebäude zum Einsturz gebracht, viele Menschen seien nun unter den Trümmern begraben.
Die IS-Terrormiliz hat sich in einem Statement, die durch die eigene Agentur Amaq veröffentlicht wurde, zu den Anschlägen bekannt. Sie hätten einem kurdischen Bürokomplex in Kamischli gegolten. Die Terrorgruppe hat in der Vergangenheit mehrere Bombenanschläge auf Kurdengebiete in Syrien verübt.
Die von der PYD dominierten Demokratischen Kräfte Syriens sind die Hauptgegner des IS in Nordsyrien, die in den vergangenen zwei Jahren große Gebiete von den Terroristen zurückerobern konnten. Der heutige Anschlag war die Antwort auf eine Offensive der kurdischen, von den USA unterstützten Kräfte, die die ebenfalls nordsyrische unter IS-Kontrolle stehende Stadt Manbidsch erobert hatten.


Friedensforscher: „Der IS sucht gezielt nach psychisch geschwächten Persönlichkeiten“" title="
Kommentar: Deutsche in der Türkei kritisiert Erdogan-Bashing der Medien" title="