Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte, 120 Sitze in der Knesset und eine entscheidende Personalfrage: Bleibt Benjamin Netanjahu am Ruder oder übernimmt sein Herausforderer? Wer bekommt den Chefsessel – und wer darf künftig entscheiden, wann und wo die nächsten Bomben auf palästinensische Gebiete, in Syrien, im Libanon oder auch im Iran fallen?
Zunächst gab es allerdings Ärger mit der Gästeliste. Die Wahlkommission wollte die arabischen Parteien Ra’am und die Gemeinsame Liste von der Wahl ausschließen. Das Oberste Gericht machte einen Strich durch die Rechnung. Die Parteien dürfen antreten.
Wie ärgerlich! Da möchte man beim politischen Fußball die gegnerische Mannschaft vorsorglich aus dem Stadion werfen, und dann besteht der Schiedsrichter darauf, dass beide Mannschaften mitspielen dürfen. Wo kommen wir denn hin, wenn plötzlich auch noch die falschen Leute im Parlament sitzen?
Nun muss man damit rechnen, dass arabische Abgeordnete Fragen stellen könnten, die man lieber vermeiden würde. Etwa, ob man tatsächlich immer weiterbomben muss, um irgendwann Sicherheit zu erreichen. Unangenehm, wenn plötzlich jemand darauf besteht, dass auch palästinensisches Leben einen politischen Stellenwert hat.
Und dann wäre da noch die Briefwahl.
Wer als gewöhnlicher israelischer Staatsbürger am Wahltag im Ausland ist, kann grundsätzlich nicht einfach per Briefwahl abstimmen. Ob dauerhaft im Ausland oder gerade im Urlaub: Wer wählen will, muss in der Regel persönlich nach Israel zurückkehren.
Andere Länder verschicken Wahlunterlagen. Hier heißt es offenbar: Deine Stimme zählt – sofern du dir das Flugticket leisten kannst und dein Urlaub lang genug ist.
Demokratie als Fernreise. Vielleicht gibt es beim nächsten Mal Bonusmeilen für besonders engagierte Wähler.
Aber kommen wir zur wirklich spannenden Frage: Wer darf künftig die Bomben abwerfen?
Netanjahu oder sein Herausforderer? Wer bekommt das Kommando und wer darf anschließend der Welt erklären, warum die nächste militärische Eskalation leider alternativlos war?
Und ich bin auch gespannt auf die Wahlsieg-Party-Ästhetik: Werden wir dort Galgen für Palästinenser an den Anzügen von Politikern entdecken? Gibt es womöglich sogar Torten mit Galgenmotiven auf den Partys zur Feier des Wahlergebnisses?
Andere feiern Wahlerfolge mit Champagner und Konfetti.
In dieser politischen Patisserie muss man auch mit einer etwas spezielleren Motivwahl rechnen. Vielleicht gibt es irgendwann sogar eine Torte mit der Aufschrift Frieden. Wobei das vermutlich schon als revolutionäre Neuerung durchgehen würde.
Am meisten freue ich mich allerdings auf die Erklärungen unserer deutsch-israelischen Bubble.
Wie wird man uns diesmal erklären, dass die nächste faschistische Regierung in Israel quasi über Nacht vom Himmel gefallen ist? Einfach so. Plumps. Mit Kabinett und Ministerpräsident. Ganz ohne menschliches Zutun.
So ähnlich wie bei uns die AfD. Die stand ja auch eines Morgens plötzlich vor der Tür. Niemand hat sie gerufen, niemand hat sie gewählt. Ein politisches Naturereignis! Vermutlich eine Art Starkregen mit Rechtsruck.
Netanjahu oder sein Herausforderer? Das ist die spannende Frage dieser Nacht. Wer bekommt den Chefsessel – und wer bekommt die Bomben?
Und wenn die nächste Regierung steht, warten wir einfach auf die nächste Erklärung, warum sie niemand gewollt hat.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.
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